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Title: Der kindliche Gedankenkreis
Description: Unterhaltungsblatt des Vorwärts, Nr. 234, 1. Dezember 1905, S. 934-935. Gezeichnet: O. R.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1905-12-01%20Der%20kindliche%20Gedankenkreis
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<!-- S. 934 -->

# Der kindliche Gedankenkreis.

Der Pädagoge verlangt vom Kinde beim Eintritt in die Schule, daß es *unterrichtsfähig* sei. Darunter versteht er den Grad physischer, besonders aber intellektueller Entwickelung, der den Schulneuling befähigt, dem Unterricht zu folgen und den aufgenommenen Lehrstoff geistig zu verarbeiten. Hierzu ist neben gesunden und geübten Sinnes- und Bewegungsorganen vor allem eine *Summe relativ richtiger Vorstellungen und Begriffe* erforderlich, denn alles Lernen ist ein Apperzeptionsprozeß, d. h. ein physisch-psychischer Vorgang, der darin besteht, daß sich an vorhandene Vorstellungen in bestimmter Gesetzmäßigkeit neue Vorstellungen angliedern. Ist die Zahl der vorhandenen, also vor dem Schulbeginn erworbenen Vorstellungen des Kindes groß, so sind für viele der in der Folgezeit neu hinzutretenden Vorstellungen Anknüpfungspunkte gegeben, infolgedessen kann in zahlreichen Fällen die Apperzeption vor sich gehen, der Vorstellungskreis des Kindes erweitert sich rasch, das Kind macht geistig schnelle Fortschritte. Dies um so mehr, je klarer die vorhandenen Vorstellungen sind und je sicherer sie im Vorstellungsschatze des Kindes haften. Die Apperzeption ist für die menschliche Psyche, was die Assimilation für den Leib ist. Dieser erhält in Speise und Trank die erforderlichen Nährstoffe zugeführt; mit seinen Verdauungskräften bildet er diese in aufnahmefähige Formen um und scheidet alles nicht Aufnahmefähige als fremdes Element wieder aus — genau so erwirbt der Geist mit Hülfe der Sinnesorgane seine Nährstoffe; wie Zelle an Zelle so reiht im allmählichen geistigen Wachstum sich Vorstellung an Vorstellung, nur was innerlich verwandt ist, vermag sich dauernd zu erhalten, isolierte Vorstellungen gehen mit der Zeit unrettbar wieder verloren. „Ohne Assimilation keine Ernährung, kein Gedeihen des Leibes — ohne Apperzeption kein geistiger Reichtum, kein wirkliches Leben der Seele.“

Naturgemäß ist der Vorstellungskreis seinem Umfange wie seiner Zusammensetzung nach bei jedem Kinde anders geartet. Kein Kind gleicht völlig einem anderen, weder körperlich noch geistig, wie es in der ganzen Natur überhaupt nicht zwei Dinge gibt, die einander in allen Stücken gleich wären. Durch diese als *Individualität* bezeichneten besonderen Leibes- und Geisteseigentümlichkeiten erfährt der Gedankenkreis eine verschiedene Ausgestaltung. Dazu kommt als weiterer beeinflussender Faktor die Umgebung, in der das Kind aufwächst, also die Oertlichkeit, das gesellschaftliche Milieu, die soziale Stellung der Eltern, die große, oft unkontrollierbare Menge der geheimen Miterzieher usw. Das Kind der Großstadt hat bei seinem Eintritt in die Schule einen anderen Vorstellungsschatz aufzuweisen als ein Kind vom Lande, das Kind eines Kaufmanns einen anderen als das eines Arbeiters, das Kind gebildeter, gesitteter Eltern einen anderen als das ungebildeter, sittenloser, verbrecherischer Eltern usw. Doch nicht bloß die Art, auch die Qualität der Vorstellungen unterscheidet sich nach diesen Gesichtspunkten. Die Stadt mit ihren mannigfaltigen wechselnden Eindrücken macht das Kind zwar mit vielen Gegenständen bekannt, aber infolge des raschen Wechsels der Eindrücke vermag die Aufmerksamkeit nicht längere Zeit bei dem Einzelnen zu verweilen; die Vorstellungen werden nur sehr mangelhafte, unvollkommen ausgebildete sein. Das Dorfkind, in dessen Sinneskreis die Erscheinungen der Außenwelt nicht einem so häufigen Wechsel unterworfen sind, tritt zwar mit weniger, dafür aber meistens vollkommeneren Vorstellungen in die Schule. (Janke.) Hier wie dort gibt es natürlich tausend und abertausend Variationen, so daß die kindlichen Gedankenkreise nach Umfang und Inhalt eine Mannigfaltigkeit aufweisen, die ins Unendliche geht.

Dem Pädagogen, der, um seinen Unterricht fruchtbar zu gestalten, die Individualitäten der Schüler sorgfältig studieren und erforschen muß, erwächst den Sechsjährigen gegenüber als erste und wichtigste Verpflichtung die: eine genaue, eingehende *Analyse der kindlichen Gedankenkreise* vorzunehmen. Der Lehrer soll dem Arzte gleichen, der vor der Behandlung seine Patienten gewissermaßen untersucht, um nach der Diagnose seine Behandlung einzurichten. Aus den Ergebnissen der Analyse lassen sich Grundlagen für die Weiterentwickelung des Kindes, lassen sich Fingerzeige und Gesichtspunkte für die Auswahl und psychologische Durcharbeitung der Stoffe für das erste, bis zu einem gewissen Grade auch für das zweite Schuljahr gewinnen.

Seit ein paar Jahrzehnten sind in pädagogischen Kreisen vielfache und umfassende Untersuchungen des kindlichen Gedankenkreises vorgenommen worden. Bahnbrechend wirkten besonders die Bemühungen des Schuldirektors Dr. *Hartmann* in Annaberg im Erzgebirge, der in den Jahren 1880 bis 1884 den Vorstellungsschatz von 1312 sechsjährigen Kindern einer genauen Untersuchung und Analyse unterzog. Sein Vorgehen regte in weiten Kreisen zur Nacheiferung an, so daß bald aus Plauen i. V., Weimar, Hamburg und zahlreichen anderen Orten Deutschlands, ja sogar Englands und Amerikas Berichte über ähnliche Experimente und deren Ergebnisse vorlagen.

Dr. Hartmann stellte an die Kinder hundert Fragen, die sich auf das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich der Stadt Annaberg, auf Naturereignisse, Zeiteinteilung, die heimatliche Landschaft, auf Verkehrsmittel, Raum-, Zahl- und Farbevorstellungen, Religiöses und Soziales bezogen und zum Schluß, unter sonstigem, zu wissen verlangten, wieviel Kinder Märchen erzählen, Verschen aufsagen, einen Satz nachsprechen oder einen Ton nachsingen konnten, wieviel auf dem Kirchturm und auf dem Tanzsaal gewesen waren usw. Die Ergebnisse dieser Erhebung waren *über alle Erwartungen schlecht*. Von den Kindern hatten gesehen: einen im Freien laufenden Hasen nur 16 Proz., ein Eichhörnchen auf dem Baume 13 Proz., eine weidende Schafherde 33 Proz., einen Star vor dem Kasten 12 Proz., eine schwimmende Gans 40 Proz., eine Henne mit ihren Küchlein 28 Proz., den Kuckucksruf hatten gehört 12 Proz., den Gesang der Lerche im Freien 12 Proz., einen im Freien hüpfenden Frosch hatten 24 Proz. gesehen, einen Bienenstand 9 Proz., einen Schmetterling auf der Blume 49 Proz., eine kriechende Schnecke 31 Proz., ein Aehrenfeld 22 Proz., ein Kartoffelfeld 54 Proz., einen Teich 70 Proz., eine Wiese 36 Proz., ein Tal 9 Proz., einen Fluß 33 Proz., eine Sandgrube 7 Proz., ein Bergwerk 6 Proz., einen Steinbruch 17 Proz.; es kannten ein Dreieck 10 Proz., ein Viereck 15 Proz., einen Kreis 43 Proz., einen <!-- S. 935 -->Würfel 39 Proz., eine Kugel 80 Proz., die Wochentage 11 Proz., die Jahreszeiten 8 Proz. Den Zahlenraum von 1 bis 10 beherrschten 66 Proz., etwas von Gott wußten 59 Proz., von Jesu 16 Proz., von biblischen Geschichten 2 Proz.; Gebete und Lieder kannten 23 Proz., den Gottesdienst 32 Proz., die Taufe 26 Proz., die Hochzeit 23 Proz.; die Zeit abzulesen verstanden nur 3 Proz. Nur verhältnismäßig wenige der vorhandenen Vorstellungen waren für die Schularbeit als Anknüpfungspunkte zu gebrauchen; die Mädchen erwiesen sich durchgängig reicher an verwendbaren Vorstellungen als die Knaben.

Die Hartmannschen Untersuchungen sind, wie schon bemerkt, in zahlreichen Orten und Ländern mit örtlich gebotenen Abänderungen wiederholt worden; die Ergebnisse waren da oder dort dürftiger oder günstiger, im wesentlichen aber *überall dieselben*. Ganz umfangreiche und sorgfältige Erhebungen wurden 1903 in *Rothenditmold* (Kassel) von Henck und Traudt angestellt. Unter Benutzung der Annaberger Fragebogen, die lokal abgeändert oder ergänzt waren, gelangte man zu Ergebnissen, die im allgemeinen etwas günstiger sind als die Annaberger und im einzelnen sich zu diesen und den Ergebnissen von Weimar etwa wie folgt stellen: In der Gruppe Mineralogie wurden erzielt in Rothenditmold 10 Proz., in Annaberg 10 Proz., in Weimar 2 Proz., in Zeiteinteilung R. 14 Proz., A. 7 Proz., W. 11 Proz.; in Religiöses R. 34 Proz., A. 26 Proz., W. 46 Proz.; in Raum-, Zahl- und Farbevorstellungen R. 51 Proz., A. 42 Proz., W. 46 Proz.; in Soziales R. 52 Proz., A. 44 Proz., W. 48 Proz.; in Naturereignisse R. 56 Proz., A. 38 Proz., W. 46 Proz.; in Vorstellungen vom heimatlichen Ort R. 58 Proz., A. 38 Proz., W. 46 Proz.; in Sonstiges R. 64 Proz., A. 33 Proz., W. 50 Proz.; in Tierreich R. 75 Proz., A. 23 Proz., W. 30 Proz.; in Pflanzenreich R. 82 Proz., A. 20 Proz., W. 38 Proz. und in Verkehrsmittel R. 86 Proz., A. 42 Proz., W. 31 Proz. Insgesamt ergaben sich in Rothenditmold bei 7448 Untersuchungen 4196 brauchbare Vorstellungen (56 Proz.), ein Ergebnis, das, obwohl es günstiger ist als viele anderen, doch keineswegs als gut bezeichnet werden kann.

Besonders interessant sind die Ergebnisse der Erhebungen in *Boston*, indem sie einen Vergleich zwischen dem Gedankenreichtum der Stadt- und Landkinder anstellen. Hall, der Leiter dieser Untersuchungen, glaubt behaupten zu dürfen, daß die Stadtkinder durchweg auf einem niedrigeren geistigen Niveau stehen als die Landkinder. Man muß jedoch dabei in Betracht ziehen, daß diese Frage nicht so ohne weiteres, am allerwenigsten aus den Ergebnissen einer Analyse, gelöst werden kann, weil es an einem für beide Gruppen gleich verbindlichen Fragenmaterial stets fehlen wird und man ohne dieses sich von dem Boden des exakten Experiments auf das Gebiet nicht genau kontrollierbaren Abschätzens begibt, womit das Grundprinzip der Experimentalpsychologie aufgegeben wird. Mehr Beachtung, besonders für die Praxis, verdient die andere Mitteilung, daß Stadtkinder durch einen wenn auch nur kurz bemessenen Landaufenthalt ganz bedeutend an Vorstellungsreichtum gewinnen.

Allen Untersuchungen gemeinsam ist das Ergebnis, daß sich in den Gedankenkreisen der Kinder eine gewisse Anzahl *konstanter Vorstellungen* zeigt. Eine Menge von Vorstellungen ist bei fast allen Kindern vorhanden, eine Anzahl anderer fehlt bei fast allen. Diese konstanten Erscheinungen für jeden Ort oder für jedes engere oder weitere Gebiet, in dem die Lebensverhältnisse gleich sind, zu ermitteln, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Pädagogik, denn die bei allen Kindern anzutreffenden Vorstellungen haben die *naturgemäße Grundlage für die Anfänge des Schulunterrichts* zu bilden. Nicht minder wichtig aber ist die zweite Aufgabe, die *noch fehlenden Vorstellungen den Kindern so rasch als möglich zu verschaffen*. Geschieht dies nicht, so operiert der Lehrer im Unterricht nur mit Worten, die Erziehung erschöpft sich im Vor- und Nachsprechen, Auswendiglernen und Aufsagen, die Schule wird zur Papageienschule, die sehr gute Dressurerfolge haben kann, aber niemals imstande ist, Menschen zu bilden. Am sichersten und bequemsten verhilft man den Kindern zu lebendigen Vorstellungen durch weitestgehende Berücksichtigung der Naturanschauung. Unser Schulunterricht spielt sich viel zu viel in Zimmern und Lehrsälen ab, die *Kinder gehören mehr ins Freie*, müssen bekannter werden mit der Natur, und zwar nicht durch Bilder, Präparate, ausgestopfte Tiere und dergleichen, sondern durch *persönliche Anschauung*, durch eigenes Erleben, durch *Wanderungen in der Umgebung der Städte*. Je weiter die Kinder bisher davon entfernt blieben, je weniger sie bisher dazu Gelegenheit hatten, um so rascher und gründlicher muß dies nachgeholt werden, um so öfter ist die Natur aufzusuchen. Gewiß sind dabei, besonders in der Großstadt, mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, aber sie müssen eben überwunden werden, wenn es das Interesse und das Wohl der Jugend erheischt. Der Unterricht im Freien muß mehr und mehr den Unterricht in Schulräumen, die gerade für die gesündesten, tüchtigsten und hoffnungsvollsten unserer Kinder Schulkerker sind, ablösen; die Entwickelung der Unterrichtsmethode strebt unverkennbar dem — wenn auch vorläufig noch fernen — Ziele zu: *die Erziehung mehr und mehr ins Freie zu verlegen*. Die Türen der Schulen müssen geöffnet werden, damit unsere Jugend hinausströmen kann, um von der Natur und vom Leben für das Leben unterrichtet und erzogen zu werden. —

O. R.

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*Fuente:* «Der kindliche Gedankenkreis», *Unterhaltungsblatt des Vorwärts*, Nr. 234, 1. Dezember 1905, págs. 934-935, firmado «O. R.». Texto establecido a partir del OCR del número completo de la Friedrich-Ebert-Stiftung (Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie, collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/308536), corregido con la imagen del facsímil (Fraktur), con la que se comprobaron todas las cifras. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
