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Title: Zahnpflege in der Schule
Description: Hamburger Echo, 19. Jg., Nr. 230, 1. Oktober 1905, Zweite Beilage.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1905-10-01%20Zahnpflege%20in%20der%20Schule
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# Zahnpflege in der Schule.

Von Otto Rühle.

<!-- S. 9 (2. Beilage) -->

In der Pädagogik von heute gewinnt allmählich an Bedeutung und Einfluß eine Bewegung, die sich dadurch vorteilhaft auszeichnet, daß sie eine weit über das von der offiziellen Schulerziehung bisher gewohnte Maß hinausgehende Achtung vor dem Kinde als *Menschwesen* hat. Früher war der Schule das Kind nur Seele, heute ist es ihr in der Hauptsache Gedächtnis, in Zukunft soll es ihr *Mensch* sein. Der geistabstumpfenden Vorbereitung für das Himmelreich und der öden Gedächtnisdrillerei soll die große und schöne Kunst der Menschenbildung folgen; die Gesamtheit aller Anlagen, Kräfte Eigenschaften und Fähigkeiten soll von der Schule ihre Bildung, Erziehung und Kultur empfangen. Erste Voraussetzung hierfür ist ein tiefer Respekt vor dem Kinde. Der Erzieher darf in dem Kinde nicht bloß die irdisch-vergängliche „Leibeshülle“ für die „göttliche“ Seele erblicken, darf es nicht bloß als Träger eines memorierenden Gehirns und begreifenden Verstandes betrachten und behandeln, sondern er muß unausgesetzt dessen eingedenk sein, daß das Kind lebendiges Fleisch und Blut ist, daß ihm Gefühl und Temperament, Charakter, Selbstbewußtsein, Tatenlust und Lebensdrang innewohnen, daß es als *ganzer Mensch*, als menschliches Vollwesen der fördernden Hand des Erziehers bedarf. Von diesem Standpunkte aus verlangt die Entwicklung der Kindesnatur zunächst — was ihr heute so gut wie gänzlich fehlt — die *Erziehung des Leibes*, deren erste Voraussetzung eine planmäßige Gesundheitspflege ist.

Mag der unmittelbare praktische Wert der Anstellung von Schulärzten für die Verbesserung und Pflege des Gesundheitszustandes unserer Volksschuljugend infolge der zahlreichen und erheblichen Mängel, die dieser Einrichtung heute im großen ganzen noch anhaften, vielfach noch zweifelhaft und streitig sein — *das eine* gute hat die Institution bisher unbestreitbar gehabt, daß sie *Klarheit geschaffen* hat über den *allgemeinen Stand der gesundheitlichen Beschaffenheit der Jugend*. Man weiß heute, daß kaum die Hälfte aller Schulkinder als gesund bezeichnet werden kann, daß ein hoher Prozentsatz nach mehr als einer Richtung hin ärztlicher Behandlung bedarf, daß eine beträchtliche Anzahl teils überhaupt noch nicht in die Schule, teils in Hülfsklassen oder Sonderanstalten gehört. Neben den Schulärzten haben besonders Augen-, Ohren- und Zahnärzte beachtenswertes Material für die Beurteilung des Gesundheitszustandes der Schuljugend geliefert.

Auf der im Sommer d. J. in Leipzig veranstalteten Ausstellung von Lehrmitteln für Menschenkunde und Gesundheitspflege fanden u. a. die statistischen Tabellen und Bildertafeln zur Veranschaulichung der *Beschaffenheit von Kindergebissen* viel Beachtung. Laien, die sich mit der Frage der Zahnverderbnis oder Zahnpflege bei Schulkindern noch wenig oder gar nicht beschäftigt hatten, waren erstaunt, an bildlichen Darstellungen und ziffernmäßigen Nachweisen zu sehen, in welch ungeheuerem Maße die sachgemäße Pflege und Erhaltung der Zähne in den breiten Schichten der Bevölkerung vernachlässigt wird. Den mit der Materie Vertrauten vermochten indes die Tafeln, Bilder und Statistiken nichts neues zu bieten, sie wissen, daß es um *die gesundheitliche Beschaffenheit der Gebisse unserer Schulkinder über alle Begriffe traurig bestellt ist*.

In *Straßburg* i. E. hat vor etlichen Jahren Prof Dr. Jessen bei der Stadtverwaltung eine gründliche zahnärztliche Untersuchung der Schulkinder durchgesetzt. Dabei stellte sich heraus, daß von 10 661 Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren nur 165 ein gesundes Gebiß hatten. Die Gesamtzahl der Zähne, die hätten vorhanden sein müssen, betrug 252 552, in Wirklichkeit aber waren nur 170 042 (67,3 pZt.) vorhanden, wovon nur 121 566 (48,1 pZt.) gesund waren. Eine andere Untersuchung ergab, daß bei 2000 Mädchen 31,9 pZt., bei 2000 Knaben 30,5 pZt., also etwa ein Drittel aller Zähne, krank waren. Ein völlig gesundes Gebiß hatten nur 42 Mädchen (2,1 pZt.) und 62 Knaben (3,1 pZt.). In einem anderen Jahre waren von allen Zähnen, die vorhanden sein sollten, zwei Drittel krank oder nicht vorhanden und von den vorhandenen war wiederum mehr als die Hälfte krank. In *Dresden* wurden von der zahnhygienischen Zentralstelle 47 000 Schulkinder untersucht, auf jedes Kind kamen im Durchschnitt 7½ kranke Zähne, d. h. jeder dritte Zahn war krank. In *Hagen* i. W. stellten zwei Zahnärzte fest, daß von 5000 Schulkindern nur 254 (5 pZt.) ein gesundes Gebiß hatten; alle übrigen zählten zusammen 30 000 erkrankte Zähne, das sind durchschnittlich 6 bis 7 bei jedem Kinde. Weiter betrug die Prozentzahl der Kinder mit erkranktem Gebiß in Aschaffenburg 99 pZt. (der erkrankten Zähne 33 pZt.), Berlin 99 pZt. (31 pZt.), Freiburg 99 pZt. (35 pZt.), Halle 94 pZt. (22 pZt.), Hamburg 98 pZt., Hannover 93 pZt. (27 pZt.), Rudolstadt 93 pZt. (28 pZt.), Schleswig-Holstein (19 Städte) 92 pZt., Straßburg (1903) 97,5 pZt. (31 pZt.), Augsburg 90,4 pZt. Alles in allem haben die schul- und zahnärztlichen Untersuchungen ergeben, daß 78 bis 99 pZt. aller Schulkinder kranke Zähne haben. Nicht bloß in Deutschland, auch im Auslande. Darüber liegen folgende Nachweise vor: in Amerika hatten 92 pZt. aller untersuchten Kinder ein krankes Gebiß, und zwar waren 30 pZt. aller Zähne krank, in Dänemark 92 pZt. (21 pZt.), in England 77 bis 95 pZt., in Italien 92 pZt., in Norwegen 91 pZt. (14 pZt.), in Oesterreich 99 pZt., in Rußland 82 pZt., in Schweden 86 bis 100 pZt. (16 bis 36 pZt.), in der Schweiz 90 bis 100 pZt. (14 bis 35 pZt.), in Ungarn 65 bis 87 pZt. (15 pZt.). Diese Zahlen geben ungefähr ein Bild von dem überaus schlechten Zustande der Zähne bei den Schulkindern in dem größten Teile der zivilisierten Welt.

Was sind nun die Ursachen dieser ungeheuren Verbreitung der Zahnkrankheiten, dieser fast unglaublichen Zerstörung des menschlichen Gebisses? In seinem Buche über die Zahnpflege in der Schule (Straßburg bei Ludolf Beust) antwortet Prof. Dr. Jessen hierauf: *Unzweckmäßige Ernährung und mangelhafte Zahnpflege* tragen bei dem Einzelindividuum die Schuld. Doch auch die *Einflüsse der Rasse, des Bodens, der Zivilisation, der verfeinerten Lebensweise* und *Verweichlichung* des Menschengeschlechts machen sich in verderblicher Weise geltend. Die Folgen können nicht ausbleiben. Weil das Gebiß nicht ordentlich gebraucht wird, sind die Kiefer zu klein geworden. Die Zähne haben keinen Raum und erkranken in der eng stehenden Zahnreihe leicht und früh. Schmalgesichter haben viel schlechtere Zähne als Breitgesichter, deren große Kiefer den Zahnreihen genügend Raum bieten. Die *Vererbung* spielt auch hier Generationen hindurch eine große Rolle. *Kalkmangel* in der Nahrung und im Wasser übt auf die Zahnverhältnisse der ganzen Bevölkerung einzelner Gegenden den verderblichsten Einfluß aus. Nachgewiesen ist weiter, daß normal *gestillte Kinder* durchgängig bessere Zähne haben als künstlich genährte. So hat Dr. Roese in Dresden („Deutsche Monatsschr. für Zahnheilkunde“, 1905, Heft 3) nach einer Untersuchung von 157 361 Schulkindern konstatiert, daß die geistige Leistungsfähigkeit der Kinder in der Schule um so höher ist, daß Gewicht und Körpergröße um so bedeutender sind, je länger sie gestillt worden sind, und daß genau im gleichen Maße, wie die Stillungsdauer zunimmt, die Zahnverderbnis geringer ist. Die meisten unserer Kinder werden nun künstlich genährt, in den Bourgeoisfamilien, weil das Stillen den Müttern unbequem ist und ihnen „die Figur verdirbt“, in den Proletarierfamilien, weil die im Arbeitsjoch steckenden Mütter keine Zeit dazu haben oder weil sie infolge ihrer schlechten Lebensverhältnisse so degeneriert sind, daß sie das Kind überhaupt nicht zu stillen vermögen. Eine Folge dieses Zustandes ist die große Zahnverderbnis des Nachwuchses. Auch unser Volksnahrungsmittel, das *Brot*, ist zu fein und zu weich, als daß es die Zähne kräftigen könnte. So wirken zahlreiche Ursachen an der Zerstörung des kindlichen Gebisses, das dann in der Regel der Karies verfällt, jener durch kleine Spaltpilze hervorgerufenen Zahnkrankheit, die unter den Zähnen unserer Schulkinder, wie oben nachgewiesen, so furchtbare Verheerungen anrichtet. Viele *Schulkrankheiten*, wie Kopfweh, Schwindel, Appetitlosigkeit, Blutarmut, Nervosität u. a. haben nach Dr. Bertens Behauptung oft ihren letzten Grund in der Erkrankung der Zähne. Auch bilden kariöse Zähne, wie Dr. Petruschky auf dem internationalen Kongreß für Schulhygiene in Nürnberg ausführte, im Kindesalter eine *Haupteintrittspforte für den Tuberkelbazillus*. Es entstehen hierbei die sogenannten skrofulösen Halslymphdrüsen, die bei 90 *pZt. der Berliner, 85 pZt. der Danziger Gemeindeschulkinder* vorgefunden worden sind. Die aus großer Zahnverderbnis für den Gesundheitszustand des einzelnen wie für die Volksgesundheit hervorgehenden Gefahren erheischen somit die nachdrücklichste Beachtung.

Was kann die Schule tun, um diese Schäden zu bekämpfen?

Mancherlei: zunächst *Belehrung* über die Zahnpflege durch die Lehrer, sodann Untersuchung und Behandlung durch *Zahnärzte*; am zweckmäßigsten ist die Einrichtung städtischer *Schulzahnkliniken*, in denen die Volksschüler auf Kosten der Gemeinde vollkommen unentgeltlich rationelle zahnärztliche Behandlung finden.

Die Belehrung wird am besten erfolgen können, wenn den Lehrern im Lehr- und Stundenplan ein besonderes Fach *Gesundheitspflege* eingeräumt wird, wozu sich allerdings die Schulverwaltungen heute nur schwer entschließen wollen. Die *Untersuchung und Behandlung* der Kinder ist Sache des Schul- bezw. Schulzahnarztes. Der Schularzt soll nicht bloß ein Dekorationsstück in der Schule sein, er soll vielmehr durch ausreichende Honorierung in die Lage versetzt werden, sein Amt wirklich nach allen Seiten hin gewissenhaft zu erfüllen. Bei dem erfahrungsgemäß sehr schlechten Gesundheitszustande unserer Schulkinder sind die Anforderungen, die an ihn gestellt werden, außerordentlich hohe, so daß, wenn den Zähnen der Kinder eine besondere Pflege zu teil werden soll, sich neben dem Schularzt noch ein *Zahnarzt* nötig macht. Manche Städte haben die zahnärztliche Behandlung von Schulkindern bereits eingeführt, erst kürzlich meldete die „Med. Reform“ die von *Mülhausen* im Elsaß, dessen Gemeinderat sich auf dem Gebiete der Schulhygiene durch große Rührigkeit auszeichnet; in *Darmstadt* und *Altona* werden von zahnärztlichen Vereinigungen arme Kinder unentgeltlich untersucht und behandelt; in *Straßburg* ist vor drei Jahren sogar eine *städtische Schulzahnklinik* — die erste in Deutschland — errichtet worden.

Die intensive Arbeit, die der mehrfach erwähnte Prof. Dr. Jessen in Straßburg jahrelang der Förderung der Zahnpflege unter der dortigen Schuljugend gewidmet hatte, war mit der Zeit auf so fruchtbaren Boden gefallen, daß sich an schulfreien Tagen oft 50 bis 60 Kinder in seiner Privatklinik einfanden, um sich zahnärztlich behandeln zu lassen. So gesteigerten Anforderungen gerecht zu werden, fehlte es an Zeit, Raum und Arbeitskräften, daher wurde auf städtische Kosten ein Assistent angestellt, sowie ein Umbau der zahnärztlichen Universitätsklinik vorgenommen, wodurch der städtische Etat um zirka M 2500 belastet wurde, ungerechnet früher schon ausgeworfene M 700 pro Jahr für zahnärztliche Untersuchungen. Sofort nach ihrer Eröffnung 1902 entwickelte die Klinik eine rege und segensreiche Tätigkeit. Es wurden bis 1. August 1903 insgesamt 5343 Kinder unetrsucht und 2666 behandelt; davon 699 mit Füllungen (Plomben) und 2912 mit Extraktionen (Zahnausziehungen). Im zweiten Jahre (1. Oktober 1903 bis 30. September 1904) stieg die Zahl der untersuchten Kinder auf 6900, wovon 4967 behandelt wurden, und zwar mit 4822 Füllungen und 6520 Extraktionen. Während die Zahl der letzteren nur 2¼mal so groß war als im Vorjahre, betrug die Zahl von Füllungen das siebenfache, was beweist, daß das Hauptgewicht der Tätigkeit dieses Instituts auf die konservative Behandlung gelegt wurde, daß es also nicht galt, kranke Zähne unter allen Umständen zu beseitigen, sondern sie im Gegenteil nach Vornahme entsprechender Reparaturen möglichst zu erhalten.

Nachdem 1904 ein zweiter Assistent und ein Diener angestellt worden waren, erstreckte die Klinik ihre Wirksamkeit auch auf die *Kleinkinderschulen*, in denen sie bei 646 Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren nur 91 gesunde Gebisse, wohl aber 2949 kranke Zähne, darunter 778 mit eiternden Wurzeln vorfand. 17 Kinder hatten schon 30 kariös bleibende Zähne, die erst ein halbes Jahr im Munde sich befanden. Bei 3 Kindern waren sämtliche 20 Zähne krank und 27 hatten je 10 bis 15 kranke Zähne. 15 Kinder waren mit eiternden Schwellungen und 4 mit Fisteln behaftet. 13 Kinder waren bereits behandelt und hatten 31 Füllungen. Der Umfang der Wirksamkeit der Straßburger Klinik im gegenwärtigen Stadium ihrer Entwicklung wird am deutlichsten dadurch illustriert, daß allmonatlich 600 Füllungen vorgenommen werden. Dabei bleibt ihre Leistungsfähigkeit noch hinter den Erfordernissen zurück, so daß der Neubau einer Klinik geplant ist.

Die Organisation der Zahnpflege in den Schulen Straßburgs ist mustergültig, die Einrichtung der Schulzahnklinik eine *vorbildliche Errungenschaft* auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege, die ernsteste Beachtung verdient und anderen Stadtverwaltungen nicht dringend genug zum Studium empfohlen werden kann. „Eine behördlich organisierte, auch den Unbemittelten zugängliche Zahnpflege für das Volk ist notwendig und zunächst auf dem Wege der städtischen Schulzahnkliniken mit unentgeltlicher Behandlung durchführbar“; zum Zwecke des weiteren Ausbaues dieser volkshygienischen Einrichtungen wäre der Anschluß der öffentlichen Zahnpflege an die sozialen Versicherungseinrichtungen anzustreben.


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*Fuente:* Otto Rühle, «Zahnpflege in der Schule», *Hamburger Echo*, 19. Jg., Nr. 230, 1. Oktober 1905, Zweite Beilage, S. 9 (OR1905-34). Transcripción desde la imagen de la página digitalizada por la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (Deutsches Zeitungsportal / pic.sub.uni-hamburg.de), en Fraktur, con el OCR ALTO del proveedor como apoyo; el artículo ocupa las dos primeras columnas y la mayor parte de la tercera. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Se conservan las grafías del impreso («Menschwesen», «Kräfte Eigenschaften», «Prof Dr.», «unetrsucht»); la cifra de Augsburgo («90,4 pZt.») está dañada en la imagen.
