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Title: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt
Description: Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen, 15. Jg., Nr. 14, 12. Juli 1905, S. 81.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1905-07-12%20Wie%20Gertrud%20ihre%20Kinder%20lehrt
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<!-- S. 81 -->

# Wie Gertrud ihre Kinder lehrt.

Von Otto Rühle.

Wozu schicken wir unsere Kinder in die Schule? Daß sie etwas *lernen* sollen. Nicht allein dies; sie sollen auch *erzogen* werden. Lehren und Erziehen sind zweierlei, oder besser: das erste ist in dem zweiten mit enthalten. Der Lehrer wendet sich an den Geist des Kindes, seine Arbeit bezweckt dessen Schulung, Pflege und Bildung. Der Erzieher hat es mit dem ganzen Menschen zu tun, nicht bloß mit dem Verstand, sondern auch mit dem Gemüt, dem Willen und vor allen Dingen auch dem Körper. Die Arbeit des Erziehers ist umfassender und schwieriger als die des Lehrers. Unsere Schulen sind heute leider mehr Lehr- oder Lernschulen als Erziehungsschulen. Neben der Religion steht die wissenschaftliche Ausbildung im Arbeitsplan des Schulunterrichtes obenan; man sollte mehr dazu übergehen, in der *wahren Menschenbildung* die Hauptaufgabe der Schule zu erblicken.

Weil die Schule nun mehr *lehrt* als *erzieht*, bleibt das wichtige Geschäft der Kindererziehung großenteils den Eltern überlassen. Besonders der *Frau*. Sie ist die eigentliche Erzieherin der Kinder. Zufolge ihrer Eigenschaft als Mutter der Kleinen übt sie einen tiefgehenden Einfluß auf den sittlichen, geistigen und körperlichen Zustand der Kinder aus. Der Vater kann an der Erziehung wenig oder gar keinen Anteil nehmen, weil die beruflichen und wirtschaftlichen Verhältnisse ihn meist zwingen, fast den ganzen Tag außerhalb des Hauses zu sein. Allerdings gibt es heute im arbeitenden Volke auch Hunderttausende Mütter, welche in erster Linie von dem Erwerbsleben in Anspruch genommen werden und sich nur nebenbei ihren Kindern zu widmen vermögen. Aber immerhin üben sogar sie im allgemeinen einen größeren Einfluß als der Vater auf die Entwicklung des Kindes aus. In schier übermenschlicher Anstrengung ihrer Kräfte suchen sie ihrer Doppelaufgabe gerecht zu werden, indem sie für die Pflege der Kinder jede Minute verwenden, welche die Erwerbsfron frei läßt. So steht das Kind in dem Alter, in dem es für alle Eindrücke am empfänglichsten ist, vor allem unter dem Einfluß der Mutter. In dieser Zeit können die entwicklungsfähigen Keime in ihm durch eine vernünftige und sorgfältige Pflege unendlich gefördert werden. Freilich besteht auch die Gefahr, daß das Kind, wenn diese Pflege fehlt, arm gemacht wird, vielleicht so arm, daß es für sein ganzes Leben arm an Geist und Gemüt bleibt. Deshalb erfordert die Erfüllung der mütterlichen Erziehungspflichten nicht allein Liebe, an der das Mutterherz ja immer reich genug ist, sondern auch Takt und vor allem Bildung. *Wer erziehen will, muß selbst erzogen sein.* Und wenn die Aufgabe und der Zweck der Erziehung in der Entwicklung des Menschen zu einer harmonischen Persönlichkeit bestehen, so ist es selbstverständlich, daß der Erzieher selbst harmonisch gebildet, nach allen Seiten seines Wesens erzogen sein muß. Hierin bleibt leider bei unseren Frauen häufig noch manches zu wünschen übrig, weil sie als armer Leute Kinder meist eine nur mangelhafte Erziehung genossen haben. Um so ernsthafter aber ist bei ihnen der Wunsch und Wille vorhanden, wenigstens die Kinder in der Erziehung vorwärts zu bringen. Eine gute Erziehung, eine gute Schulbildung ist ja meist das *einzige Erbteil*, das Arbeitereltern ihren Kindern mit auf den Lebensweg geben können.

Um den Hausfrauen zu zeigen, welche Pflichten ihrer als Erzieherinnen der Kinder warten und wie diese Pflichten am besten erfüllt werden, hat vor mehr als hundert Jahren *Pestalozzi* ein Buch geschrieben: „*Wie Gertrud ihre Kinder lehrt*, ein Versuch, den Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten.“ Über dieses Buch wollen wir uns ein wenig unterhalten.

Pestalozzi, der bedeutendste und einflußreichste unter allen deutschen Pädagogen, hatte bei seinen mehrfachen Versuchen sich einen Lebensberuf und damit ein sicheres Einkommen zu verschaffen, elend Schiffbruch erlitten. Schließlich war er unter die Schriftsteller gegangen und hatte einen Roman geschrieben, der ihn sozusagen in *einer* Nacht zum berühmten Manne machte. Das Werk führt den Titel: „*Lienhard und Gertrud*“ und behandelt in der Form einer Dorfgeschichte den Gedanken, daß nur durch eine tiefeingreifende Verbesserung der Erziehung den sittlichen und sozialen Mißständen und Gebrechen abgeholfen werden könne. Die Hauptpersonen des Werkes waren der Maurer Lienhard und sein Weib Gertrud. Pestalozzi, der der Sache der Erziehung mit glühender Begeisterung ergeben war, fand nun auch bald Gelegenheit, praktisch als Lehrer der Jugend und des Volkes tätig zu sein und seine Anschauungen über Bildung und Erziehung in die *Tat* umzusetzen. Unter widrigen Verhältnissen und wechselvollen Schicksalen wirkte er in den schweizerischen Orten Stanz und Burgdorf mit einem Erfolg, der ihn selber in Erstaunen setzte. In Burgdorf verfaßte er auch das Buch: „*Wie Gertrud ihre Kinder lehrt*“, um in ihm seine Unterrichtsmethode, die sich in den von ihm geleiteten Unterrichtsanstalten so vorzüglich bewährt hatte, auseinanderzusetzen.

Gertrud, deren Gestalt er aus seinem Hauptwerk „Lienhard und Gertrud“ herübergenommen hat, ist ihm die personifizierte *Mutterliebe*. Diese Mutterliebe muß nach seiner Meinung *das wahre Fundament aller menschlichen Bildung* sein. Und diesen Muttersinn in allen Erziehern und Lehrern zu wecken, ist die im Titel des Buches ausgesprochene Tendenz.

Manche Ausleger Pestalozzischer Schriften haben aus dem Untertitel des Buches: „Ein Versuch, den Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten“, den Schluß gezogen, daß es spezielle Anweisungen zum Unterrichterteilen geben wolle oder eine ins einzelne gehende erzählende Darstellung jener mütterlichen Unterweisung bilden solle, in der Pestalozzi das Fundament aller Bildung verehrte. Dies ist aber nicht der Fall; nur die Weckung des Vater- und Muttersinnes war sein Wesen und seine Mission. „Wenn auch Vater und Mutter dem Kinde mangeln, so darf ihm doch der *Vater- und Muttersinn* in der Erziehung nicht mangeln; mit ihm mangelt dem armen verwaisten Geschöpf trotz aller Schulen, die ihm offen stehen, und trotz aller Brot- und Kleiderhilfe das erste Fundament seiner Bildung zur Menschlichkeit: das Gefühl der Liebe, des Dankes, des Vertrauens.“ Es ist ein Werk, sagt Professor Rein, das in keiner Weise dem Zusatz seines Titels entspricht, ein Werk, in dem sich zudem die ganze Schwierigkeit für Pestalozzi enthüllt, eine klare und bindende Auseinandersetzung zu geben; aber ein Werk, welches, indem es einerseits von Pestalozzis mühevollem Ringen zeugt, die Grundlinien einer naturgemäßen Unterrichtslehre zu ziehen, andererseits einen zermalmenden, ingrimmigen Kampf gegen die fundamentlose Bildung seiner Zeit führt. Auf diesen beiden Punkten beruht der durchschlagende Erfolg, der Eindruck, den es auf die Zeitgenossen machte!

Das Buch zerfällt in *fünfzehn Abschnitte*, die in Form von Briefen an Pestalozzis Freund Geßner gehalten sind. Der erste Brief berichtet von Pestalozzis innerem Drange, die Quelle des Volkselendes — die er irrigerweise in der mangelhaften Erziehung gefunden zu haben glaubte — zu verstopfen, und über die Versuche, die er dazu schon gemacht; auch enthält der Brief wichtige Aufschlüsse über des Verfassers Erlebnisse auf dem Neuhof, in Stanz und Burgdorf. Der zweite und dritte Brief bilden Fortsetzungen hiervon; im vierten spricht er von der traurigen Beschaffenheit des Volksunterrichtes, von den Schulübeln, „die Europas größere Menschenmasse entmannen“ und die er nicht überkleistern, sondern in der Wurzel heilen wolle. Dazu will er die „mechanische Form des Unterrichtes den ewigen Gesetzen unterwerfen, nach welchen der menschliche Geist sich von sinnlichen Anschauungen zu deutlichen Begriffen erhebt, oder die mechanischen Gesetze des Unterrichtes den ewigen Gesetzen der menschlichen Natur unterordnen“. Damit spricht er *das eigentliche Thema der Schrift* aus. In den weiteren Briefen stellt er nun für die Mutter den *Hauptgrundsatz* auf, daß sie vom ersten Augenblick an, wo sie das Kind auf den Schoß nimmt, *es durch die Anschauung unterrichten* und ihm durch dieselbe alle wesentlichen Vorkommnisse vor die Sinne bringen soll, um ihren Eindruck unvergeßlich zu machen. Auch verbreitet er sich über das Chorsprechen und über die Einführung des Taktes dabei, über die Mittel zur Veranschaulichung beim Buchstabieren und elementaren Rechnen; namentlich spricht er sich über die Einteilung der Lehrgegenstände aus, indem er die sinnliche Anschauung irrigerweise auf die drei Hauptpunkte: *Zahl, Form und Wort* zurückführt. An die Zahl will er die Arithmetik, Geographie, Geschichte und Naturlehre, an die Form die Geometrie, das Zeichnen, Lesen und Schreiben und an das Wort die Sprachlehre und den Gesangunterricht anschließen.

In dieser Ableitung der Unterrichtsfächer liegen die *Mängel des Buches*. Pestalozzi wurde sich später darüber selbst klar, indem er in der Ausgabe von 1820 die Worte schrieb: „Diese ganze Darstellung ist als ein noch sehr dunkles Haschen nach Bildungsmitteln, über deren Natur ich bei fernem noch nicht im klaren war, anzusehen.“ Auch die Elementarbücher, die Pestalozzi im Anschluß an das Buch „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ herausgab, „auf daß jede Familie ihren Bildungsberuf mittels derselben in ihrem Kreise sollte ausfüllen können“, waren verfehlt; besonders das „*Buch der Mütter*, oder Anleitung für Mütter, ihre Kinder bemerken und reden zu lehren“, von dem allerdings der Pestalozziforscher Seyffarth behauptet, daß es von einem Gehilfen Pestalozzis abgefaßt worden sei.

Was bei der Lektüre des Buches „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ außerordentlich erfrischend und wohltuend berührt, ist die Schärfe, mit der Pestalozzi gegen den Schlendrian der bisherigen Unterrichtsweise zu Felde zieht. „Der Troß unserer öffentlichen Schulen gibt uns nicht nur nichts“, ruft er einmal aus, „er löscht im Gegenteil noch das in uns aus, was die Menschheit auch ohne Schulen allenthalben hat und was jeder Wilde in einem Grade besitzt, von dem wir uns keine Vorstellung machen. Ein Mensch, der mit Mönchskunst zu einem Wortnarren gebildet wird, ist für die Wahrheit unempfänglicher als ein Wilder. Ich bin daher zu der Überzeugung gekommen, der öffentliche und allgemeine europäische Schulwagen müsse nicht bloß besser angezogen, er müsse vielmehr umgekehrt und auf eine ganz neue Straße gebracht werden.“ Und an einer anderen Stelle erklärt er: „Ich will den Schulunterricht sowohl der abgelebten Ordnung alter verstotterter Schulmeisterknechte, als einer für den gemeinsamen Volksunterricht sie nicht einmal ersetzenden neueren Schwäche entreißen und ihn an die unerschütterte Kraft der Natur selber und an das Licht, das Gott in den Herzen der Väter und Mütter entzündet und ewig belebt, an das Interesse der Eltern, daß ihre Kinder angenehm werden vor Gott und Menschen, anknüpfen.“

Man wird hingerissen, schreibt der Pestalozziforscher Morf, von der Fülle seiner inneren Intuitionen, ich möchte sagen Offenbarungen, zu deren Träger er (Pestalozzi) von der Vorsehung berufen war. … Das Buch ist und bleibt ein Eckstein für den Volksunterricht; aber die Schätze, die es birgt, sind noch lange nicht praktisch verwertet, und man kann die, welche es mit der Erziehung und dem Unterricht zu tun haben, nicht genug immer wieder auf dasselbe hinweisen.

„Kannst du Pestalozzis ‚Wie Gertrud ihre Kinder lehrt‘ bekommen, *so lies es ja!*“ schrieb der Philosoph Fichte an seine Frau, als er das Erziehungssystem „dieses Mannes“ studiert hatte. — *Könnt ihr Pestalozzis Buch bekommen*, rufe ich den Genossinnen zu, denen die Kindererziehung eine ernste und wichtige Sache ist, so lest es ja. Die Stunden, die ihr ihm opfert, werden sich an euren Kindern bezahlt machen.

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*Fuente:* Otto Rühle, «Wie Gertrud ihre Kinder lehrt», *Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen*, 15. Jg., Nr. 14, 12. Juli 1905, pág. 81. Texto establecido desde la imagen del número completo de la Friedrich-Ebert-Stiftung (Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie, collections.fes.de/historische-presse/periodical/titleinfo/240925); el OCR de la FES, que mezcla las columnas, solo sirvió de apoyo. «bei fernem» (en la cita de Pestalozzi de 1820) como en el impreso. Las cursivas reproducen el espaciado del original. El comentario `S. n` del código marca la página impresa.
