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Title: Auf dem Wege zur Arbeitsschule
Description: Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 140, 21. Juni 1905, Feuilleton-Beilage. Gezeichnet: O. R.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1905-06-21%20Auf%20dem%20Wege%20zur%20Arbeitsschule
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# Auf dem Wege zur Arbeitsschule.

Am ersten Schultage stehen die meisten Kinder an der Grenzscheide zweier Welten, des Hauses und der Schule. Dort Freiheit, Ungebundenheit, Bewegung, heiteres Spiel, — hier Zwang, Unterordnung, Disziplin, ernste Arbeit. Dazwischen eine Kluft, über die keine Brücke führt.

Einsichtige Pädagogen haben seit langem erkannt, daß dies ein für die geistige Entwicklung des Kindes verhängnisvoller Zustand ist. Darum fordern sie ein Uebergangsstadium. In den Schulen der Vereinigten Staaten wird dies gebildet durch den obligatorischen Besuch eines Kindergartens für die Dauer eines Jahres bei Beginn der Schulpflicht. An der Lersnerschule in Frankfurt a. M. hat man den Anfang des Lese- und Schreibunterrichts auf ein halbes Jahr zurückgestellt. Die methodische Abteilung des *Leipziger Lehrervereins* hat nach eingehender Besprechung und Beratung der Frage die Forderung aufgestellt, daß „ein ausgedehnter Vorbereitungsunterricht, der bis zu den großen Ferien dauern muß, den Uebergang aus der Spielzeit in der Familie zur systematischen Arbeit in der Schule“ bilde. Das Entgegenkommen der Schulbehörde hat es ermöglicht, durch Einführung eines sechswöchigen Vorbereitungskurses für Schulneulinge auch in Leipziger Volksschulen den praktischen Versuch einer Ueberbrückung des Gegensatzes zwischen Haus und Schule zu machen. Ob und inwieweit der Versuch im ersten Jahre des Bestehens dieser Neuerung zu befriedigenden Ergebnissen geführt hat, darüber liegen Aeußerungen und Urteile der hierbei in Frage kommenden Elementarlehrer noch nicht vor. Wohl aber ist aus der Feder eines der eifrigsten Befürworter der Neuerung eine kleine Broschüre erschienen[^1], die sich über das Wesen und die Aufgabe des Vorbereitungskursus ausführlich verbreitet, indem darin dargelegt wird, wie sich der Verfasser die Anlage und Ausgestaltung des Kursus denkt und wie er selbst in seiner Eigenschaft als Elementarlehrer ihn ausgestaltet hat. Die Ausführungen erscheinen auch für Eltern interessant und wichtig genug, um diese, soweit der Umfang eines Artikels dies gestattet, damit bekannt zu machen.

Nitschke läßt zunächst die Frage ganz unerörtert, ob — was nach unserer Auffassung keineswegs der Fall ist — die von der Schulbehörde bewilligten sechs Wochen für den bezeichneten Zweck genügen, vielmehr begibt er sich vom Boden der gegebenen Tatsache aus direkt hinein in seine praktische Erziehungsarbeit. Was hat der Lehrer im Vorbereitungskursus zuerst zu tun? Darauf antwortet er: Die Verschiedenartigkeit der Schüler nach Charakter, Sitten und Gewohnheiten zwingt den Lehrer, vor allem erst — bei größter Schonung der Individualität — eine gewisse Uniformität zu schaffen, keinen Kasernendrill, sondern eine gewisse Einheit im gemeinsamen Tun, ohne die ein Massenunterricht nicht durchführbar ist. Als geeignetstes Mittel zu dieser Uniformierung erscheinen ihm *turnerische Uebungen und Spiele*. Durch sie „sollen die Kinder auf sich achten und sich zusammennehmen lernen; sollen sich gewöhnen an Gehorsam und Aufmerksamkeit, an Besonnenheit und Schlagfertigkeit. Ihre Schüchternheit und Aengstlichkeit soll sich in Entschlossenheit und Ausdauer, ihr Mangel an Selbstvertrauen in Kraft umsetzen. Sie sollen geübt werden in den Tugenden, ohne die ein Zusammenleben von Menschen nicht möglich ist, in der Verträglichkeit, Geselligkeit und Unterordnung unter das Ganze. Ferner soll an Stelle der bei ihnen häufig zu beobachtenden Unbeholfenheit ein freierer Gebrauch der Glieder treten, sollen die Lungen gekräftigt, die Kinder zu guter, straffer Körperhaltung angeleitet werden.“ Schließlich bieten die turnerischen Uebungen wie auch die Spiele, die am zweckmäßigsten an das Ende jeder Stunde zu legen sind, vorzügliche Gelegenheit zum Studium der einzelnen Schülerindividualitäten.

Doch damit nicht genug. Nitschke will auch mit den Kindern *wandern*, um Anschauungsmaterial für spätere Unterredungen zu sammeln. Die besonders mit Hilfe der Hartmannschen Fragebogen von der modernen Kinderpsychologie vorgenommene Analyse des kindlichen Gedankenkreises hat ergeben, daß die Schulneulinge auffallend arm sind an bewußten Vorstellungen, deren die Schularbeit als Anknüpfungspunkte dringend benötigt. Da gilt es nun, im Vorbereitungskurs durch Lehr- und Spaziergänge solche Vorstellungen zu gewinnen. „Wir schauen uns gemeinsam das Schulzimmer an, wandern durch das Schulhaus auf den Schulhof hinaus, beobachten die Entwicklung der Bäume und Sträucher in demselben, betrachten die neuerblühenden Blumen und ihre Gäste, lassen die Kinder auf einer Ecke des Schulgartens vielleicht selbst etwas pflanzen und säen und freuen uns mit ihnen an der allmählichen Entwicklung ihrer Pfleglinge. Ist die Schule günstig gelegen und sind die Kinder genügend an Zucht und Ordnung gewöhnt, so kann man sich auch einmal hinaus auf die Straße, hinein in den Wald, durch Wiese und Feld wagen.“ Nach dem Spaziergange soll das gewonnene Anschauungsmaterial kurz besprochen und das wichtigste davon vielleicht zu einer kleinen Erzählung zusammengefaßt werden.

Auch sonst soll die Lust der Kinder zum *Fabulieren* gepflegt werden. Nitschke erzählt den Kleinen Märchen und andere Geschichten und läßt diese, um die Sprechlust zu wecken, wiedererzählen, zunächst im Hausdeutsch, ohne das Kind zu korrigieren und ohne viel Gewicht auf die sprachliche Form zu legen. Das beste Erziehungsmittel für die erste sprachliche Bildung des Schulneulings soll das gute Vorbild des Lehrers sein. Je lautreiner, richtiger und schöner er spricht, desto sicherer werden auch die Kinder sich bemühen, dies zu tun.

Als eine Fortsetzung der Spieltätigkeit des Kindes im vorschulpflichtigen Alter tritt im Vorbereitungskursus auch das *Stäbchenlegen, Zeichnen und Formen* auf. Mit der Berücksichtigung dieser Fröbelarbeiten als Vorstufen für den eigentlichen Unterricht nähert sich die Schule dem Kindergarten, in dem die genannten Tätigkeiten heimisch sind. Sie schließen unmittelbar an das freie Spiel des Kindes an und bilden, indem sie den Schaffenstrieb des Kindes für die Zwecke der Erziehung nutzbar machen, die natürlichste, der Kindesnatur am zweckmäßigsten angepaßte Ueberleitung vom Haus zur Schule.

Wenn man sich vergegenwärtigt, wie die heute im allgemeinen übliche Methode des Elementarunterrichts — wie des Schulunterrichts überhaupt — die Eigenart der kindlichen Natur nicht im geringsten berücksichtigt, wie sie den Tätigkeitstrieb systematisch erstickt, dem Drange nach Bewegung lähmende Fesseln anlegt und das ganze Gewicht der Schularbeit auf die Ausbildung und Abrichtung des Intellekts verwendet wissen will, und wenn man dann zum Vergleich hierzu wahrnimmt, wie in dem Vorbereitungskurs dem Schaffenstriebe der Kinder wenigstens in etwas Rechnung getragen wird, wie die Schüler angeleitet werden zum Erleben, zur Selbsttätigkeit, zum Erwerben von Kenntnissen und Fertigkeiten auf eigene Faust, zum selbständigen Gebrauch ihrer Fähigkeiten und Kräfte, so muß man gestehen, daß die erwähnte Neuerung unzweifelhaft einen *Fortschritt* im Unterrichtsbetrieb unserer Volksschulen darstellt. Wir sind nun keineswegs so optimistisch, zu glauben, daß mit diesem Kursus eine große Umwälzung auf dem Gebiete der Schulmethodik herbeigeführt, eine wesentliche Erleichterung und fruchtbarere Gestaltung des Unterrichts erzielt werden könnte. Schon die Kürze seiner Dauer sorgt dafür, daß die den Fortschritt bedingenden Verbesserungen sich über schüchterne Ansätze und Versuche hinaus nicht zu entwickeln vermögen, gar nicht zu reden von der geistmörderischen Methode, die sofort nach Beendigung des Vorbereitungskursus in ihre Rechte tritt und alles mühsam Gewonnene wieder verwüstet. Doch nichtsdestoweniger markiert die Leipziger Neuerung die Richtung, in der sich die Reform, oder sagen wir besser die Revolutionierung der Methodik unseres offiziellen Erziehungswesens früher oder später vollziehen wird. Sie schließt, kurz gesagt, das Prinzip in sich, das die Zukunft der Schule beherrschen wird, nämlich das *Prinzip der Erziehung durch die Arbeit*. In diesem Sinne darf man den Vorbereitungskurs als einen — wenn auch noch so kleinen — *Schritt auf dem Wege zur Arbeitsschule* bezeichnen.

Nitschke gibt in seinem Schriftchen noch Fingerzeige dafür, wie einigen Unterrichtsgegenständen in der Kleinkinderschule noch besonders die Wege geebnet werden können und — nach seiner Meinung — müssen. So behandelt er nacheinander die Vorübungen und den Vorkursus für das Sprechen und Lesen, sodann die Schreib- und Rechenvorübungen. Diese seine Ausführungen sind nur für Pädagogen bestimmt, von denen allerdings mancher damit etwas ganz neues erfahren dürfte. Hoffentlich wirkt das Vorgehen der Leipziger Lehrerschaft — namentlich auch das Nitschkesche Schriftchen — auf die pädagogischen Kreise und die Schulbehörden anderer Städte so anregend und anspornend, daß der Vorbereitungskursus für Schulneulinge — als eine wenn auch nur geringe Linderung der Schulqual — bald zu einer allgemeinen und ständigen Einrichtung unserer Volksschulen wird.

O. R.

[^1]: Der Vorbereitungskurs. Ein Beitrag zur Methodik des ersten Unterrichts in der Elementarklasse. Von Max Nitschke, Lehrer in Leipzig. Leipzig, Verlag von Alfred Hahn. Preis 50 Pfg.

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*Fuente:* «Auf dem Wege zur Arbeitsschule», *Leipziger Volkszeitung*, 12. Jg., Nr. 140, 21. Juni 1905, Feuilleton-Beilage (sin paginar), firmado «O. R.». Transcripción hecha desde la imagen del número digitalizado por la SLUB Dresden (digital.slub-dresden.de/id394414608-19050621, imagen 7), en Fraktur; el OCR propio (tesseract) no se usó. La nota con asterisco del original se da como `[^1]`. Se omite el lema de Hermann Lingg que encabeza el folletín. Las cursivas reproducen el espaciado del original.
