---
Title: Kinderpsychologie und Menschheitsgeschichte
Description: Leipziger Volkszeitung, 12. Jg., Nr. 78, 4. April 1905, Feuilleton-Beilage. Gezeichnet: O. R.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1905-04-04%20Kinderpsychologie%20und%20Menschheitsgeschichte
---


# Kinderpsychologie und Menschheitsgeschichte.

Von dem auf religiöse Vorstellungen zurückgehenden metaphysischen Standpunkte, daß die mannigfachen Erscheinungen und Aeußerungen des menschlichen Innenlebens zu betrachten seien als Betätigungsformen vorhandener seelischer Grundkräfte, als Folgewirkungen gewisser Akte eines psychischen Seelenvermögens, ist die wissenschaftliche Psychologie seit etwa hundert Jahren abgekommen. Es hat sich nach und nach das Erfahrungsprinzip Geltung verschafft, die Psychologie ist mit den Naturwissenschaften, der Anatomie und Physiologie in immer engere und innigere Verbindung getreten, bis schließlich Wundt — unter Benützung der von Fechner, Lotze, Weber, Helmholtz u. a. geleisteten Vorarbeiten — die *physiologische Psychologie* geschaffen hat, die sich aufbaut auf der Erkenntnis, daß das Geistige, Psychische, in irgend einer Hinsicht als Parallelerscheinung gewisser physiologischer Vorgänge aufzufassen sei, und daß zwischen beiden Gebieten wechselseitige Beziehungen bestehen. Von hier aus war es ein verhältnismäßig nur kleiner Schritt, daß auch die physiologische Entwicklungslehre Einfluß gewann auf die Psychologie. Es bildete sich ein besonderer Zweig der Psychologie heraus, die *genetische Psychologie* (auch Entwicklungspsychologie genannt), die sich eng an die Völkerpsychologie anlehnt und im Grunde nichts andres darstellt als die Uebertragung des bekannten, von Häckel entdeckten und formulierten biogenetischen Gesetzes (daß die Entwicklung des Individuums in all ihren Phasen eine Wiederholung der historischen Entwicklung des Stammes ist) aus dem Physiologischen ins Psychologische, aus der Naturwissenschaft in die Wissenschaft von dem sogenannten Seelenleben, eine Uebertragung, die selbstverständlich nicht als ein äußerlicher, roher, mechanischer Vorgang aufgefaßt werden darf. Einen der geistvollsten Beiträge zur Entwicklung der genetischen Psychologie hat Darwin geliefert in seiner Schrift: Ueber den Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren (1872). Abgesehen von einigen strittigen Punkten steht die Wissenschaft noch heute auf dem Standpunkte der Analogie zwischen der physischen und psychischen Entwicklung des Einzelwesens und der Rasse. Lazarus, Steinthal, Wundt u. a. haben besonders die Entwicklung der Sprache benützt, um über die geistige Höherbildung des menschlichen Geschlechts in vorgeschichtlicher Zeit Aufschluß zu erhalten. Von andern Psychologen ist die seelische Entwicklung des Kindes zu diesem Zwecke herangezogen worden. Die *Kinderpsychologie*, deren bedeutendste Repräsentanten in Frankreich Bernard Perez und Gabriel Compayré, in England James Sully, in Amerika Stanley Hall, Mark Baldwin und Harlow Russel, in Deutschland Preyer und Lindner sind, hat denn auch, indem sie nicht bloß die kindliche Sprachentwicklung, sondern die ganze psychische Persönlichkeit des Kindes zum Gegenstand ihrer Betrachtung machte, ergeben, daß der Entwicklungsgang des Kindes „in vielen Punkten parallel verläuft zu jenen Zeiten der Kulturgeschichte, die man als Prähistorie bezeichnet; nicht minder weist er Merkmale auf, die auch den Kulturen der heute noch auf niedrigen Entwicklungsstufen stehenden Naturvölker eigentümlich sind. Die Kinderforschung ist infolgedessen imstande, für eine vergleichende Kulturgeschichte der verschiedenen Rassen und damit für eine allgemeine Menschheitsgeschichte sehr wertvolle Materialien und Fingerzeige zu liefern.“

An diesen Gedanken knüpft nun ein Aufruf an, den der Leipziger Professor Dr. *Lamprecht* in der pädagogischen Presse veröffentlicht hat und der dem Zwecke dient, „ein möglichst reichhaltiges und wissenschaftlich brauchbares Material zur geistigen Entwicklung des Kindes zusammenzubringen.“ Es ist zunächst in Aussicht genommen, an solche Einzelstudien heranzutreten, denen bei der praktischen Ausführung möglichst wenig Hindernisse im Wege stehen; von diesem Gesichtspunkte aus empfiehlt es sich, von den *Kinderzeichnungen* auszugehen, und diese sollen nicht nur in Deutschland, sondern auch in andern Ländern und Erdteilen gesammelt werden, um die Kinder verschiedener Rassen in ihrer geistigen Entwicklung genau kennen zu lernen. Dabei ist es erwünscht, von möglichst vielen Kindern jeden Alters *freie, selbständige Zeichnungen* zu erhalten, d. h. solche, die das Kind völlig aus eigenem Antriebe, ohne irgendwelche Anregung oder Aufforderung und Unterstützung seitens der Eltern, Lehrer oder anderer erwachsener Personen anfertigt. Sie entstehen meist unmittelbar aus der spielenden Tätigkeit des Kindes heraus und sind ein natürliches Produkt seines Darstellungstriebes. An zweiter Stelle kommen solche Zeichnungen möglichst vieler Kinder in Betracht, welche infolge *bestimmter Aufforderung oder Anregung* durch Eltern, Lehrer oder andre erwachsene Personen entstanden sind. Insbesondere handelt es sich hier um diejenigen Zeichnungen, die unter der persönlichen Kontrolle des an der Sammlung beteiligten Lehrers angefertigt werden. Ferner sind möglichst zahlreiche Zeichnungen eines und desselben Kindes erwünscht. Es ist außerordentlich wichtig, von einem bestimmten Gesichtspunkte aus den geistigen Werdeprozeß eines einzelnen Kindes durch längere Jahre hin verfolgen zu können. Die Zeichnungen leisten hierbei die wertvollsten Dienste; wenn möglich, müssen sie verschiedenen Lebensjahren angehören, am besten der Zeit von den ersten bis zu den letzten Jahren der Kindheit, so daß sich in jedem Einzelfalle die individuelle Entwicklung genau feststellen läßt. Schließlich sind auch *Zeichnungen von Erwachsenen* sehr willkommen. Hierbei handelt es sich jedoch um solche Personen, die das Zeichnen nicht berufsmäßig ausüben. Ausgeschlossen sind mithin Zeichnungen von Künstlern, Kunstzeichnern, Zeichenlehrern u. a. In dieser Gruppe soll die Entwicklung vom Kinde bis in die Höhezeit des gereiften Individuums fortgeführt werden; sehr willkommen sind insbesondere auch die Zeichnungen von erwachsenen Angehörigen solcher Völkerschaften, die auf niedriger Kulturstufe stehen. Die Darstellung darf sowohl unmittelbar nach dem gezeichneten Gegenstande selbst oder aus dem Gedächtnisse gefertigt sein.

Für die Beschaffung des Materials sind mehrere Jahre in Aussicht genommen, so daß genügend Zeit zu Sammlungen und dergleichen übrig bleibt. Unkosten und Ausgaben für Porto werden vergütet, auch erfolgt auf Wunsch Rücksendung übermittelter Zeichnungen nach Anfertigung von Kopien. Die Namen der Einsender werden diskret behandelt und nicht veröffentlicht. Die Adresse ist: Professor Dr. Lamprecht, Leipzig, Schillerstraße 7, I. Im Hinblick auf den wichtigen wissenschaftlichen Zweck, der durch die Sammlung verfolgt wird, und auf den großen Dienst, der durch diese Aktion unter Umständen der wissenschaftlichen Forschung geleistet werden kann, ist zu wünschen, daß der Aufruf in pädagogischen Kreisen wie auch sonst im Volke dem Interesse begegnet und das Entgegenkommen findet, das er in Anspruch nehmen darf und ganz gewiß verdient.

O. R.

---

*Fuente:* «Kinderpsychologie und Menschheitsgeschichte», *Leipziger Volkszeitung*, 12. Jg., Nr. 78, 4. April 1905, Feuilleton-Beilage (sin paginar), firmado «O. R.». Transcripción hecha desde la imagen del número digitalizado por la SLUB Dresden (digital.slub-dresden.de/id394414608-19050404, imagen 11), en Fraktur; el artículo ocupa la primera columna y la mitad superior de la segunda. Pese a la baja resolución de la imagen, el texto es legible en su totalidad. Se conservan las grafías del impreso («Häckel», «Harlow Russel», «sowohl … oder»). Las cursivas reproducen el espaciado del original.
