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Title: Kirche, Schule und Proletariat. I-II
Description: Vorwärts. Berliner Volksblatt, 21. Jg., Nr. 182, 5. August 1904, S. 1, und Nr. 184, 7. August 1904, S. 1. Ohne Verfasserangabe.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1904-08-05%20Kirche%2C%20Schule%20und%20Proletariat
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## I

<!-- Entrega 1: Vorwärts. Berliner Volksblatt, Nr. 182, Freitag, 5. August 1904, S. 1 -->

<!-- S. 1 -->

# Kirche, Schule und Proletariat.

I.

Immer wieder begegnet man — auch in der Parteipresse — der falschen Auffassung, es hätte die Kirche sich wenigstens um die Anfänge der Volksschule irgend ein Verdienst erworben. Diese Auffassung steht mit den historischen Thatsachen in Widerspruch.

Die Volksschule ist weder von der alleinherrschenden katholischen Kirche des Mittelalters noch von der Reformation ins Leben gerufen worden; sie ist vielmehr im bewußten Gegensatz zur Kirche und im harten jahrhundertlangen Kampfe mit ihr als ein Produkt der wirtschaftlichen Entwicklung in den mittelalterlichen Städten entstanden. Die höheren Schulen sind allerdings geistlichen Ursprunges. Auf ihnen wurden die Männer des geistlichen und weltlichen Regiments im Mittelalter, also Kleriker und Junker, später auch die Patriziersöhne in den Städten, ausgebildet. Für das „Volk“ gab es keinerlei Bildungsanstalten, so lange es als unterschiedslose hörige Masse auf dem Lande oder in der Stadt für einen gnädigen Herrn scharwerkte. Erst als in den Städten der bis dahin frondende Handwerker sich freimachte, als das bürgerliche Handwerk entstand, als der Einzelne ökonomisch selbständig wurde, entstanden die ersten „Schreibschulen“. Die Bewohner einer Straße thaten sich zusammen und ließen in der Wohnung eines von ihnen durch einen Vaganten die Kinder im Schreiben unterweisen. Schreiben war die Hauptsache, dieser „Kunst“ bedurfte der Handwerksmeister für seinen Beruf. Lesen kam, zumal die Buchdruckerkunst noch nicht erfunden war, erst in zweiter Reihe in Betracht. Auch Rechnen wurde getrieben.

Die Kirche hat von Anfang an auf das schärfste gegen diese Schulen gewettert. Hier vollzog sich eine Neuerung, an der sie gar nicht beteiligt war, bei der sie nicht einmal um Rat gefragt wurde. Ueber ihr geliebtes Latein gingen diese Schulen kaltlächelnd hinweg — was sollte der Handwerker mit diesem Ballast! — und stolz nannten sie sich im Gegensatz zu den kirchlichen Lateinschulen „dudesche“ (deutsche) Schulen. Religionsunterricht kannte man in diesen Schulen überhaupt nicht. Um den Nachstellungen der tobenden Kleriker zu entgehen, verkrochen sich die deutschen Schreibschulen oft genug in Winkel, daher der Name „Winkelschule“ oder Klippschule.

Als die Reformation einsetzte, gab es in fast sämtlichen deutschen Städten ein reich ausgebildetes Volksschulwesen. Daß es nicht erfolglos thätig war, erweist — um nur ein Beispiel anzuführen — ein Blick auf den städtischen Meistergesang, der bei aller silbenstecherischen Pedanterie oder richtiger gerade deswegen doch eine gute Schulung der Handwerker und ihrer Gesellen und Lehrlinge in der deutschen Sprache voraussetzt.

Die Reformation hat nicht einmal, wie eine fromme Geschichtslüge behauptet, das Volksschulwesen gefördert, sondern sie hat im Gegenteil seine Entwicklung schwer geschädigt. Die Reformation stellte die Kirche in den Dienst der Territorialherrlichkeit. Da man ihr leider auch die Schulen überließ, so wurde die Volksschule gleichfalls diesem erlauchten Zwecke geopfert. Allerdings nur indirekt beziehungsweise erst in zweiter Linie. Die Kirche schöpfte der Volksschule zunächst den Rahm ab und den Rest überließ sie gnädigst dem Landesherrn. Die Kinder wurden zu frommen Christen und zu treuen Untertanen erzogen. Gab es bis zur Reformation überhaupt keinen Religionsunterricht in der Volksschule, dafür aber um so besseren Schreibunterricht, so wurde durch die Schulvisitationen der Reformatoren gerade der Religionsunterricht als die Hauptthätigkeit der Volksschule in ihren Lehrplan eingeführt, und statt Schreiben wurde Lesen neben der Religion der wichtigste Unterrichtsgegenstand — damit die Kinder möglichst bald die verdeutschte und durch den Druck vielverbreitete Bibel, ferner den Katechismus und das Gesangbuch studieren konnten!

Auf dieser „Basis“ hat die deutsche Volksschule von der Reformation bis zum neunzehnten Jahrhundert fort vegetiert. Einen Selbstzweck gestand man ihr nicht zu. Sie wurde für gut genug erachtet, der Kirche Hausknechtsdienste zu leisten und den Fürsten Landeskinder und Soldaten zu erziehen.

Die ökonomische Entwicklung jener Epoche stand diesem Verfall der Volksschule völlig interesselos gegenüber. In der Blütezeit der rein mechanischen manuellen Teilarbeit brauchten die Fabrikanten keine gebildeten Arbeiter. Das selbständige Kleinhandwerk aber war selbst so verkommen, daß ihm die Verkommenheit der Volksschule gar nicht zum Bewußtsein kam. Die Kirche hatte also in diesen ganzen langen Jahrhunderten niemand zu fürchten, der ihr die angemaßte Herrschaft über die Volksschule streitig zu machen Mut oder Neigung gehabt hätte. Sie hat diese Zeit dazu benutzt, die Schule so fest an sich zu ketten, daß noch bis zur Stunde selbst die liberalen Lehrer von bänglichem Herzklopfen befallen worden, wenn sie einmal unvermittelt vor den Gedanken geführt werden, die Schule müsse *völlig* von der Kirche getrennt werden, also auch durch Beseitigung des Religionsunterrichtes.

Erst mit der modernen Großindustrie, mit den durch die Maschine bewirkten technischen Fortschritten in der wirtschaftlichen Entwicklung gewann die Bourgeoisie Interesse an der Volksschule. Die moderne kapitalistische Produktion kann keine völlig ungebildeten Arbeiter gebrauchen. Ein gewisses Mindestmaß an Wissen muß sie von ihren Ausbeutungsobjekten fordern. Da unter der alleinigen Oberhoheit der Kirche die Volksschulen dermaßen verlottert waren, daß sie dieses Mindestmaß nicht einmal mehr hergaben, war die Bourgeoisie in ihrem höchsteignen Interesse genötigt, ihrerseits Einfluß auf die Schulen zu gewinnen. Es wurden Fabrikschulen, Sonntagsschulen, Industrieschulen errichtet, die Städte kümmerten sich wieder mehr um ihr Volksschulwesen und die theoretischen Vorkämpfer der bürgerlichen Klasse, die stets aus Mücken Elefanten zu machen verstanden haben, verkündeten in schmetternden Fanfarenstößen die große selbstlose Schulfreundlichkeit der Bourgeoisie.

## II

<!-- Entrega 2: Vorwärts. Berliner Volksblatt, Nr. 184, Sonntag, 7. August 1904, S. 1 -->

<!-- S. 1 -->

Kirche, Schule und Proletariat.

II.[^1]

Aber allzu lange dauerte diese Schwärmerei der Bourgeoisie für Trennung der Schule von der Kirche, für allgemeine Volksschule und ähnliche schöne Dinge nicht an. Genau so verräterisch wie sie sich nach der Märzrevolution in Bezug auf die übrigen freiheitlichen Forderungen benahm, wie sie sich zum Zwecke ungestörteren wirtschaftlichen Raubbaues mit den absolutistischen und feudal-klerikalen Resten der ehemaligen herrschenden Klassen verband, genau so verlogen und zweideutig benahm sie sich der Volksschule gegenüber. Dem Volke gegenüber kokettiert der Nationalliberalismus bis heute noch immer gern mit seiner Schulfreundlichkeit, in Wirklichkeit verhalten sich die nationalliberalen Fabrikanten auch dem kleinsten Fortschritt im gegenwärtigen Schulwesen gegenüber ebenso unerbittlich ablehnend, wie die freikonservativen Schlotbarone oder die konservativen Junker oder die Frommen vom Centrum. Besser als die Volksschulen heute sind, brauchen sie für kapitalistische Zwecke nicht zu sein. In dieser Anschauung begegnen sich heutzutage die Kapitalisten aller Konfessionen und aller Parteischattierungen. Und die Konsequenz dieser Anschauung ist der Stillstand, ja der offensichtliche Rückschritt unsres Volksschulwesens seit mehr als dreißig Jahren. Daß trotzdem die erhebliche wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in diesem Zeitraum möglich war, ist ein Beweis dafür, daß die ohne Rücksicht auf das leibliche und geistige Wohl der breiten Masse vollführte Jagd nach dem kapitalistischen Profit keineswegs ein gediegenes Volksschulwesen zur Voraussetzung hat.

Keine Partei, die die kapitalistische Basis der heutigen Gesellschaft unangetastet lassen will, meint es ernst mit ihrer Fürsorge für die Volksschule. Das konservative Junkertum duldet die Volksschule nur widerwillig; wenn es nach seinen Wünschen ginge, könnte die Volksschule lieber heute wie morgen wieder abgeschafft werden. Das großkapitalistische Fabrikantentum bedarf der Volksschule zur Ausbildung der von ihm benötigten Ausbeutungsobjekte. Doch darf diese Ausbildung eine gewisse Grenze nicht überschreiten, wenn sie nicht wieder unprofitabel werden soll. Da die heutige Volksschule längst diese Grenze erreicht hat, besteht die gesetzgeberische Thätigkeit der Großbourgeoisie in Bezug auf die Volksschule im Bremsen. Die Kleinbourgeoisie bedarf auch nicht mehr wie einst der Volksschule. Für ihre Kinder sind die Bürger-, Mittel-, Realschulen und sonstige Zwischenanstalten eingerichtet worden. Bleiben nur *die Arbeiter*, die ein unmittelbares, lebendiges Interesse an der Volksschule haben. Alle wirklichen Fortschritte, die heutzutage hier und da im Volksschulwesen erzielt werden, sind deshalb auch ausschließlich direkt oder indirekt auf die Thätigkeit der klassenbewußten Arbeiterschaft in Reich, Staat und Gemeinde zurückzuführen.

Warum, so könnte man fragen, regen sich denn da die bürgerlichen Parteien, insbesondere die Liberalen, gegenwärtig wegen des Schulkompromisses so auf? Warum hat noch vor zwölf Jahren der Liberalismus wegen der Volksschule eine so lebhafte Bewegung entfesseln können? Nicht die Volksschule an sich war und ist dabei die Triebfeder, sondern die Volksschule wurde damals und wird heute gern als Mittel zum Zweck benutzt. Die Volksschule dient den großkapitalistischen „Kulturkämpfern“ als populärster Sturmbock gegen das Centrum. Man hüllt sich in den Mantel der Volksfreundlichkeit, man kämpft scheinbar für die Schule des Volkes, für ihre Befreiung von geistlicher Unterdrückung. In Wirklichkeit aber geht der Kampf nicht *für* die Volksschule, sondern *gegen* das Centrum. Vor zwölf Jahren waren die Kulturkampferinnerungen noch frischer bei den Nationalliberalen als heutzutage. Deshalb trat damals auch die Landtagsfraktion geschlossen in den lärmenden Kampf um die Volksschule ein. Inzwischen sind die kulturkämpferischen Neigungen des Liberalismus abgeblaßt, die scharfmacherischen Tendenzen haben sie in den Hintergrund gedrängt. Es war deshalb nur ein Ausfluß bewußter oder unbewußter Ehrlichkeit, wenn die nationalliberale Landtagsfraktion durch ihre Zustimmung zum Schulkompromiß erklärte: warum so viel Lärm um einen Eierkuchen! Was ist uns die Volksschule! Was ist uns Hekuba! Das „Volk“ fangen wir durch unsre scheinbare Schulfreundlichkeit doch nicht mehr ein, das hat das Dreimillionentum vom vorigen Jahre erneut bewiesen. Und zudem: dem Volke muß die Religion erhalten bleiben, ganz gleich, ob offen durch die Konfessionsschule oder von hinten herum durch die doch fast nirgends vorhandene Simultanschule.

Die Arbeiterschaft kann dem bürgerlichen Froschmäusekrieg um die Volksschule mit kühler Gelassenheit zuschauen. Zwar geht es um die Schule, die von den Kindern des Proletariats besucht wird, und insoweit ist die Arbeiterklasse äußerst daran interessiert, ob diese Schule noch leistungsfähiger gemacht werden soll als sie es jetzt schon ist. Aber die klassenbewußte Arbeiterschaft hat keinerlei direkten Einfluß auf die maßgebenden Instanzen, die sich in Preußen um die Volksschule streiten. Durch das erbärmliche Dreiklassen-Wahlsystem wird sie aus dem preußischen Abgeordnetenhause fern gehalten. Sie muß deshalb abwarten, was die bürgerlichen Feinde der Volksschule für die weitere Verschlechterung der Schule des Volkes für gut befinden. Sollte das Ziel der Volksschulbildung abermals zurückgeschraubt werden, so wird die Arbeiterschaft sich mit der beruhigenden Thatsache zu trösten wissen, daß die Volksschule nur *einen* der vielen erzieherischen und unterrichtlichen Faktoren für die heranwachsenden Menschen darstellt. Wer die Schule hat, hat damit immerhin noch längst nicht die Zukunft. Andrerseits wird aber jede von den bürgerlichen Feinden der Volksschule zu Ungunsten der vorwärtsstrebenden Arbeiterklasse bewirkte Rückwärtsrevidierung der Bildungsziele in zunehmendem Maße die revolutionäre Energie des Proletariats verstärken, bis es Kraft genug gewonnen hat, um mit dem heutigen Bildungselend gründlich aufzuräumen.

Und nun noch ein Wort zur Stellung der Arbeiterschaft gegenüber der Kirche in Bezug auf die Schule. Im feudalen Mittelalter war die Kirche allmächtig, und sie herrschte auch unumschränkt in der Schule. Die in den Städten des Mittelalters begonnene Emanzipation des Staates und der Schule von der Kirche hat zu dem heutigen Kompromiß zwischen Staat und Kirche bezüglich ihrer Herrschaft über die Schule geführt. In der socialistischen Zukunft wird die Kirche weder herrschen, noch wird mit ihr auch nur die Herrschaft geteilt werden; sie wird Privatsache des Einzelnen werden. In der öffentlichen Schule der Zukunft ist deshalb für Kirche und Religionsunterricht kein Platz.

Dieser principielle Bruch mit der Kirche ist im Rahmen der heutigen Gesellschaftsorganisation nicht möglich. Dafür hat sich die Kirche zu fest an alle Erscheinungsformen des bürgerlichen Staates anzuklammern verstanden, so daß sie mit ihnen verwachsen erscheint. Die Befreiung des Staates und der Schule von der Kirche geht Hand in Hand mit der ökonomischen Befreiung des Proletariats von der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn bis dahin der traute Bund zwischen Kirche und Bourgeoisie aus Furcht vor der beiden vom Proletariat drohenden Gefahr noch inniger als bisher werden sollte, auch in Bezug auf die Volksschule, so muß sich das Proletariat damit abfinden: „Die Tyrannen reichen sich die Hände.“ Eine etwaige gemeinsame Aktion des Proletariats mit den linksstehenden bürgerlichen Parteien gegen die weitere Verkirchlichung der Volksschule scheitert an der Unzuverlässigkeit des bürgerlichen Liberalismus. Die Linksfreisinnigen und die Jung-Nationalliberalen können diese Unzuverlässigkeit nicht erheblich vermindern. *Die Befreiung der Arbeiter auch auf dem Gebiete der Schule kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein.* Die Kräftigung der Socialdemokratie auf allen Gebieten ist die einzig verläßliche und Erfolg versprechende Gegenaktion der Arbeiterschaft gegen die augenblicklichen und gegen alle zukünftigen schulfeindlichen Umtriebe des Bürgertums. —

[^1]: Siehe Nr. 182 des „Vorwärts“.

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*Fuente:* transcripción a partir de los números completos del *Vorwärts. Berliner Volksblatt* digitalizados por la Friedrich-Ebert-Stiftung (Historische Presse der deutschen Sozialdemokratie): entrega I, Nr. 182, 5. August 1904, S. 1 (FES titleinfo 48786; bibliografía OR1904-30); entrega II, Nr. 184, 7. August 1904, S. 1 (titleinfo 48808; OR1904-32). Artículo sin firma; la bibliografía de Stecklina (2002) lo atribuye a Rühle por reimpresión, pero considera dudosa la autoría. Transcrito desde la imagen (recortes a 300 ppp); el OCR de la FES solo sirvió de apoyo. ſ transcrita como s; el espaciado, en cursiva. Se conservan la ortografía del diario (Thatsache, thätig, socialistisch, Centrum), la errata «befallen worden» (por *werden*, entrega I) y la nota de la redacción a la entrega II (aquí `[^1]`).
