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Title: Der erste Mai in der Kulturgeschichte
Description: Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend, 11. Jg., Nr. 101, 30. April 1904, Beilage, S. 5-6.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1904-04-30%20Der%20erste%20Mai%20in%20der%20Kulturgeschichte
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# Der erste Mai in der Kulturgeschichte.

Von Otto Rühle.

<!-- S. 5 (Beilage) -->

Es liegt ein eigenartiger Zauber in der Nacht vom letzten April zum ersten Mai. Wie ein sagenheimliches Flüstern und Raunen geht es durch die weichen Lüfte der Walpurgisnacht. Das ist die Nacht, in der die *Hexen* auf Besen, Ofengabeln, Spinnrocken oder Ziegenböcken nach dem Brocken ziehen. „Die Hexen nach dem Brocken zieh'n,“ heißt es in Goethes Faust, „die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün, dort sammelt sich der große Hauf, Herr Urian sitzt obenauf.“ Aus diesen Zeilen spricht ein Stück deutscher Volkspoesie, eine Welt mittelalterlichen Wunder- und Aberglaubens spiegelt sich in ihnen wieder. Noch heute lebt im Volke die Sage von den *Hexenfahrten*, und in Thüringen, in der Harzgegend und in anderen Landstrichen pflegt der Landmann am Abend vor dem ersten Mai die Thüren seiner Ställe zu bekreuzen, damit das Vieh nicht behext oder gar zu den nächtlichen Ritten durch die Lüfte von den Hexen benutzt werde. Auch an der Thür zum Schlafzimmer bringt man mit Kreide oder Ofenruß noch heute das Zeichen des Kreuzes an, um vor dem Teufel, den Goethe nach dem Volksmunde des Mittelalters „Herr Urian“ nennt, und seinen Unholdinnen sicher zu sein. Als einen Berg, „der hoch und abschüssig sei, eine mit dichten Bäumen bekränzte Ebene auf seinem Scheitel trage, in deren Mitte ein schwarzer Stumpf stehe,“ haben nach den amtlichen Hexenakten des 17. Jahrhunderts die unglücklichen, als Hexen verbrannten Weiber wie unter den Wirkungen einer geheimen Suggestion übereinstimmend den Ort ihrer Zusammenkünfte mit dem Teufel geschildert. Dieser geheimnisvolle Berg ist der Brocken, der romantischste aller deutschen Berge, der auch Blocksberg genannt wird nach dem Namen Melbogsberg, d. i. Teufelsberg, den er bei den alten Slaven führte.

Weitaus ängstlicher und besorgter als heute, im Zeitalter der Aufklärung, war im Mittelalter der deutsche Landmann darauf bedacht, in der ersten Mainacht Haus und Hof, Vieh und Frucht vor dem schlimmen Walten der Hexen zu schirmen. Sie konnten den Hagel heraufbeschwören und die Felder verwüsten, sie brachten das Alpdrücken über die Kinder, machten das Vieh in den Ställen und auf der Weide krank, verwandelten die Milch der Kühe in Blut, besudelten die Wäsche, die die Magd im Freien hatte liegen lassen, und fügten den Menschen auf alle erdenkliche Weise Böses zu. Das war eine gefährliche Nacht, die den Maimond heraufführte! Der Mecklenburger schnitt einen Kreuzdornstock und bohrte ein Stück davon in die Schwelle und ins Butterfaß, dann glaubte er vor den Umtrieben der Hexen bewahrt zu sein. Im Altenburgischen, in Dithmarschen und im Egerlande zündete man Feuer an, um die schlimmen Gäste zu verscheuchen. Anderwärts wurden geweihte Glocken geläutet, Thore und Thüren mit Kreuze versehen, Weihwasser aufs Feld gesprengt, Salzhäufchen aufgeschichtet, Besen übers Kreuz vor die Schwelle gelegt, Druidenfüße vor die Thüre gestellt u. a. m. Wehe, wer die nächtlichen Hexenfahrten sah, ohne durch ein Paar gegeneinander gestellter ererbter Eggen oder durch einen Knoten in Kreuzform oder dergleichen geschützt zu sein — die auf der nächtlichen Fahrt begriffenen Buhlerinnen des Teufels spielten ihm übel mit!

Walpurgisnacht heißt die Nacht zum ersten Mai nach der altgermanischen Liebes- und Ehegöttin *Walburg*, die später von den christlichen Mönchen „satanisiert“, d. h. als Göttin der Wollust und Unsittlichkeit, als Maibraut und Teufels Großmutter bezeichnet wurde. Nach dem Volksglauben des Mittelalters führte sie alljährlich in der fruchtbaren Mainacht, die einst der Göttin der Fruchtbarkeit geweiht war, weil sich in ihr der Schoß der Erde zu neuer Fruchtbarkeit öffnet, in vettelhafter Unzüchtigkeit die schamlosen Hexenreigen auf dem Blocksberge an. Die Walpurgisnacht war des „Maien Hochgeziet“, das große Frühlingsgeburtsfest. In diesen Tagen fand auch nach altgermanischem Volksglauben die eheliche Verbindung des Göttervaters Wodan mit der lieblichen Frigga statt, und die ersten zwölf Maitage, als die Zeit seiner Vermählung, wurden nicht minder heilig gehalten als die grimmen Tage der Wintersonnenwende, jene „Zwölfnächte“, in die seine stürmische Brautwerbung fiel. Unter den mächtigen Kronen der im neuen Grün prangenden Eichen und Buchen, in den heiligen Hainen, brachte man dem Göttervater Dankopfer dar und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß nun die öde und frostige Zeit des Winters vorüber war.

Nach anderer Auffassung soll die Walpurgisnacht ihren Namen haben von *Walpurga*, der Tochter des Königs Richard von England und der Schwester des heiligen Willibald oder Wunibald. Diese Walpurga soll gegen das Jahr 748 nach Deutschland gekommen und nach kurzem Aufenthalte in dem Kloster Bischoffsheim Aebtissin in dem von ihrem Bruder gestifteten Kloster Heidenheim im jetzigen Königreiche Württemberg geworden sein. Nach ihrem Tode wurde sie vom Papste in Rom kanonisiert, d. h. in die Zahl der Heiligen aufgenommen, und da sie sich während ihres Lebens besonders durch Barmherzigkeit gegen Notleidende ausgezeichnet hatte, von dem abergläubischen Volke als Beschützerin gegen allerlei Bezauberung verehrt. Das in manchen Orten am Harz heute noch übliche Anbrennen und *Herumtragen von Strohwischen* an langen Stangen zur Verscheuchung der nach dem Brocken ziehenden Hexen soll auf sie zurückzuführen sein. Richtiger aber ist wohl, das Anzünden von Feuer in der Walpurgisnacht, in welcher Form dies immer geschehen mag, als ein Ueberbleibsel des altgermanischen schon erwähnten Frühlingsopferfestes zu betrachten.

Dieses Frühlingsfest fiel zusammen mit den „*Mailagern*“ oder „*Maifeldern*“, den Gerichtssitzungen der alten Germanen. Auf die Verhandlungen des Maifeldes ist ohne Zweifel die Sitte zurückzuführen, einen „*Maikönig*“ oder „*Maigrafen*“ zu wählen. Sie wies in den verschiedenen Gegenden mancherlei Abwechslungen auf. In Dänemark und Schleswig wurde am Walpurgisabend auf den Dörfern ein Gadeilt oder Gassenfeuer angezündet, über das dann die Burschen hinwegsprangen. Wer von ihnen den besten Sprung that, wurde mit Kränzen geschmückt, als Maigraf ausgerufen und im fröhlichen Zuge nach dem Dorfanger gebracht, wo die Jugend Lieder sang und die Mädchen einen Kranz um den Maigrafen bildeten. Dieser wählte sich aus der Runde seine Maigräfin, Gadinde oder Majinde geheißen, und tanzte mit ihr den ersten Tanz um den mit Bändern und Kränzen geschmückten Maibaum. Dabei muß es oft ziemlich toll hergegangen sein. So rief man z. B. in Aurich bei dem Reigen: „Maiboom, holl die faste!“ Und mancher Mucker versteckte der Tochter das Kleid, um sie von der gefährlichen Maibelustigung abzuhalten. Der mittelalterliche Lyriker Neidhart von Reuenthal giebt uns recht drastische Schilderungen der häuslichen Konflikte, die sich ob solch einer mütterlichen Vorsorglichkeit zuweilen entsponnen haben mögen.

Die Sitte, einen *Maibaum* aufzupflanzen, ist zurückzuführen auf den Malbaum der heidnischen Vorfahren. Dieser Malbaum stand auf dem Malplatze oder der Malstätte, eben jenem Orte, an dem man sich zum Kult, Gericht, Markt oder Gelage, dem sogenannten „Mailager“, versammelte, wenn man die Winterwohnungen verließ und zu den neuen Weideplätzen für den Sommer aufbrach. Am Rhein hat man den Maibaum an verschiedenen Orten heute noch, gewöhnlich ist es eine Linde, die mit gefärbten Eiern behangen und mit bunten Bändern und Blumen verziert ist und um die sich das junge Volk im lustigen Reigen dreht. An der Mosel verwendet man eine Tanne als Maibaum, um den Burschen und Dirnen am ersten Maitage tanzen. Die Maitanne bleibt das ganze Jahr hindurch stehen und wird am nächsten ersten Mai durch eine neue ersetzt. An manchen anderen Orten ist aus dem einstigen Maibaum eine Kletterstange geworden, von der die bunten Geschenke heruntergeholt werden müssen. Auf der schwäbischen Alp pflanzen die Bauern ebensoviel Tannen, als sie Pferde besitzen, und ebensoviel Birken, als sie Rinder im Stalle haben. Der Ort, an dem dieses Einpflanzen erfolgt, ist in jedem Gutshofe die Düngerstätte. Am Niederrhein ist das Aufrichten des Maibaumes übergegangen in das „Maienstecken“. In der Nacht zum ersten Mai stecken die jungen Burschen ihrer Auserwählten grüne Maien mit allerlei farbigem Bänderschmuck und passenden Sprüchen an die Thür, um ihr dadurch von neuem Liebe und Gunst zu bezeigen. Auch unsere Pfingstsitte, mit Birkenreisern unsere Zimmer auszuschmücken, ist von diesen Maibräuchen herzuleiten, denn Mai und Pfingsten gehören von rechtswegen zu einander.

Vor allem war der erste Mai seit alter Zeit für das *Liebesleben* von ganz besonderer Wichtigkeit. Die Verlobung unter dem Maibaum trug eine Art offiziellen Charakter und war sehr beliebt. In Wittenweilers „Ring“, einer Anstandslehre des 15. Jahrhunderts, wurde in einem Reigen im Mai ein Mädchen nach dem anderen einem Burschen nach dem anderen als Verlobte zugesprochen. Wir haben hier vielleicht Reste der alten gentilen Geschlechtsordnungen vor uns. Besonders auffallend ist hier der verbreitete Brauch des *Mailehens*, der sich am Rheine sogar noch bis heute erhalten haben soll. Der Mailehen bestand darin, daß am Ostermontag oder am Vorabend des ersten Mai unter den versammelten Burschen des Dorfes die Jungfrauen versteigert wurden. Diese durften dann das Jahr hindurch nur mit ihren Ersteigerern tanzen. Der Erlös wurde an manchen Orten für die Tanzmusik und die Bewirtung der „Maifrauen“, das ist der ersteigerten Mädchen, verwendet, zu St. Goar am Rhein aber, wo der Gebrauch des Mailehens bis in das 18. Jahrhundert hinein bestehen blieb, floß das Geld in die Stadtkasse. Dort fand auch die Versteigerung im Rathause statt. Es scheint dies auf eine Buße für die Verletzung der alten Männergemeinschaft zurückzugehen, also mit dem „Bettzins“ verwandt zu sein, den die Bauerstochter dem Grundherrn zum Loskauf von der Pflicht der ersten Nacht zu leisten hatte.

Das beliebteste und schönste Volksfest im Mai war während des ganzen Mittelalters das sog. *Maikönigsfest*, das in einem Kampfe des Winterriesen mit dem holden Frühlingsknaben und in der Ueberwindung des ersteren durch den letzteren seinen Höhepunkt fand. Alte Handschriften enthalten von ihm ausführliche Schilderungen. Gewöhnlich fand das Fest auf einer Waldwiese statt, wohin man sich am ersten Mai in langem Zuge begab. Voran schritten Fiedler und Pfeifer und Knaben mit hohen Stangen, an denen grüne Kränze schwankten und bunte Wimpel flatterten. Die Frauen hatten auf dem Haupte Blumenkränze und das Haar war mit farbiger Seide durchflochten; der Mädchen höchste Zier zu dem weißen Festgewande war an der Halsschnur ein Handspiegel und an der Seite ein goldgesticktes Täschlein. Die Männer aber, so sie nicht zur Burg gehörten, spielten an diesem Tage gern den Ritter und hatten sich mit unmäßig langen und breiten Schwertern umgürtet. Die Burgherrschaft nahm auf einem unter schattigen Bäumen errichteten Throne Platz, zu beiden Seiten, auf Rasenbänken, die übrigen Bewohner der Burg, und lautlos harrte die Menge des Hauptereignisses des Tages. Da schallt aus der Ferne gewaltiges Lärmen und Rufen, und plötzlich bricht aus dem Walde der Winterkönig mit seinem Gefolge hervor, mit lang herabhängendem schneeweißem Bart, eingemummt in Pelzwerk, auf dem Haupte eine Krone aus künstlichen Eiszapfen; hinter ihm mit lautem Hallo der lichte Maienkönig mit seinem Gefolge. Und nun beginnen beide vor dem Thron erst heftigen Streitgesang, dann harten Kampf bis der Winter besiegt zu Boden liegt und der Sieger sein Siegeszeichen aufstellen läßt, den Maibaum mit flatternden Bändern und Blumengewinden. Die Schwerter rasseln, am Wamse läuten die Schellen, immer lustiger spielen die Spielleute und in ausgelassenen Sprüngen dreht sich alles um den Maibaum. Hatte sich die erste Freude gelegt, so begann der langsame Tanz, das Ringelreien, zu dem alle die Hände reichten und im Kreise den Maienkönig mit seiner Maienkönigin umgaben. Gewöhnlich waren diese Beiden Liebesleute, die nun von Priesters Hand zusammengegeben wurden.

Der hier geschilderte zweifellos aus altheidnischer Zeit herrührende Brauch ist in manchen Orten sogar von der Kirche übernommen worden. So schreiten im Rutten bei Tongern zwei Kirchendiener in Epheugrün, hinten mit einer Schelle behängt, am ersten Mai hinter der Statue des heiligen Evermar, dem jetzt das Fest gilt, einher und üben in dieser Tracht sogar den Gottesdienst am Altare aus!

In unsere Zeit haben sich von den Maifesten vergangener Jahrhunderte nur wenige geringe Ueberreste gerettet. Teils haben sich die Feste nach und nach überlebt, teils sind die Grenzen, in denen sie sich bewegten, von den Behörden immer mehr <!-- S. 6 (Beilage) --> eingeschränkt worden, so daß die Feste schließlich ganz verschwanden.

Erst in der *Maifeier der Sozialdemokratie* ist dem Volke wieder ein Fest gegeben worden, das einst berufen sein wird, alle Kreise und Stände des Volkes als glückliche und zufriedene Menschen im Genusse reinster Freude zu vereinigen, ein Volksfest, von dem man mit den Worten Geibels wird sagen können: „Es ist ein großer Maientag der ganzen Welt beschieden!“

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*Fuente:* Otto Rühle, «Der erste Mai in der Kulturgeschichte», *Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend*, 11. Jg., Nr. 101, 30. April 1904, Beilage, págs. 5-6 (OR1904-17). Transcripción hecha desde las imágenes de las páginas digitalizadas por la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (Deutsches Zeitungsportal, DDB EMTL6ZYD5Z5YG5QOBLYNCZZ5MGOYDHGE; imágenes pic.sub.uni-hamburg.de PPN175315653X_19040430, 00000005 y 00000006), en Fraktur, con el OCR ALTO del proveedor como apoyo. El final del artículo (dos párrafos breves) está en la pág. 6, que se descargó para esta edición. El poema «Völkermai» de Clara Müller, que encabeza la pág. 5, no es de Rühle y se omite. Se conservan las grafías del impreso. Las cursivas reproducen el espaciado del original.
