---
Title: Ein neuer Weg zur Volksbildung. (Ein Vorschlag.) I-II
Description: Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend, 11. Jg., Nr. 72, 25. März 1904, S. 1, und Nr. 73, 26. März 1904, S. 1. Ohne Verfasserangabe.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1904-03-25%20Ein%20neuer%20Weg%20zur%20Volksbildung
---


## I

<!-- Entrega 1: Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend, Nr. 72, 25. März 1904, S. 1 (Leitartikel, Spalten 1-3) -->

<!-- S. 1 -->

# Ein neuer Weg zur Volksbildung.

(Ein Vorschlag.)

I

Der heutige Staat und die heutige Gesellschaft, die wir bekämpfen, sind *Feinde der Bildung*; so lange sie bestehen, werden sie verhindern, daß das Wissen Gemeingut wird. Wer da will, daß das *Wissen allen gleichmäßig* zu teil werde, muß daher auf die *Umgestaltung des Staats und der Gesellschaft* hinwirken. Der Tempel der Wissenschaft ist dem Volke verschlossen, die Zugänge zur Bildung sind durch eine chinesische Mauer abgesperrt. Der Schlüssel des Tempels muß erobert, die Mauer muß niedergerissen werden. Das Mittel ist die *politische, die soziale Agitation*.

Diese Worte rief vor mehr als zwanzig Jahren Wilhelm Liebknecht in seinem bekannten Vortrage *„Wissen ist Macht“* den Mitgliedern des Dresdner Bildungsvereins zu. Sie fanden ein Echo in der gesamten deutschen Arbeiterschaft und sind noch heute in derselben mit der vollen Werbekraft ihrer um nichts verringerten Giltigkeit lebendig. Sie werden auch giltig sein und Wahrheit bleiben, solange nicht eine sozialistische Gesellschaft zugleich mit der Beseitigung aller wirtschaftlichen Knechtschaft, Not und Ausbeutung eine *völlige Erneuerung des menschlichen Geisteslebens* herbeigeführt, Wissen und Bildung zu einem *Allgemeingut* aller Kreise des Volkes gemacht hat. Bis dahin freilich ist es noch eine lange Zeit. Die Sozialdemokratie vermag die von der Entwicklung zu durchlaufenden Zeiträume nicht zu überspringen, aber ihre Arbeit ist in erster Linie darauf gerichtet, den natürlichen Verlauf der Dinge nach Möglichkeit zu beschleunigen. Durch thatkräftigen und unablässigen Gebrauch des von Liebknecht — und vor und nach ihm von anderen — empfohlenen Mittels der politischen und sozialen Agitation arbeitet sie unausgesetzt an der Verkürzung des Zeitraumes, innerhalb dessen die *Volksbildung zur vollen Thatsache* heranreifen soll. In der politischen, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Schulung der Massen leistet sie eine der wichtigsten Vorarbeiten für die kühne und weitausgreifende Entfaltung des geistigen Lebens der Zukunft. Und in der Summe all ihrer kulturellen Errungenschaften schafft sie die materielle Grundlage, auf der ein neues Zeitalter, nicht allein der politischen und ökonomischen Interessenharmonie, sondern vor allem auch des Ausgleichs aller heute bestehenden Bildungsgegensätze erstehen soll.

Diese Arbeitsleistung ist ungeheuer wertvoll und wichtig. Trotzdem hilft sie über die *große Spanne zwischen dem Heute und dem Künftig* nicht hinweg. Was sollen wir dazu thun? Sollen wir mit dem krassen Bildungsmangel im Volke, den gähnenden Lücken im allgemeinen Wissen, dem ungestillten Durst nach Aufklärung, dem tiefen Verlangen nach geistiger Erziehung und all den unerfüllten Forderungen nach Ausgestaltung und Vervollkommnung unseres Volksbildungswesens *unthätig warten*, bis eine spätere Epoche uns die erhofften ideellen Gaben und Güter in den Schoß wirft? Oder besser gesagt, damit diese Frage nicht mißverstanden werde: Sollen wir uns mit der politischen und sozialen Agitation, also der *indirekten* Arbeit für die Verwirklichung des Bildungsideals begnügen, ohne zu einer *direkten Inangriffnahme* der Angelegenheit überzugehen?

Nun — die Sozialdemokratie ist niemals eine Partei nur der Ideen, der Utopien und der Vertröstung auf das Zukünftige gewesen, nie hat sie über den Forderungen der näheren und ferneren Zukunft *die Aufgaben des Tages unerfüllt, die Pflichten gegenüber der Gegenwart unbeachtet gelassen*. Ihre ganze bisherige politische Wirksamkeit legt davon Zeugnis ab. Neben schärfster sachlicher Kritik hat sie jederzeit eine Fülle von Initiative bekundet, mit dem Bestreben, Altes und Verfehltes, gemeinschädliche Einrichtungen und kulturwidrige Traditionen zu beseitigen, ist immer der ehrliche und eifrige Wille, Besseres zu schaffen, durch Anregungen, Vorschläge und Anträge positive Arbeit zu leisten, Hand in Hand gegangen. Die Sozialdemokratie ist unter allen Parteien die *positivste* in des Wortes eminentestem Sinne; wo es ihr nicht gelungen ist, Positives zu schaffen, trägt *nicht sie* die Schuld, sondern die mächtigere bürgerliche Mehrheit der Parlamente, die ihre Forderungen verlacht, ihre Anträge abgelehnt, ihrem Schaffenseifer die Bethätigungsmöglichkeit versagt hat, wo sie nur konnte.

Auch für das Gebiet des *Bildungswesens* läßt sich der Nachweis für das Behauptete führen. Obwohl die sozialdemokratische Partei — das sei nochmals ausdrücklich betont — *volle* Realisierung ihres Bildungsideals nur von der auf den Trümmern und Scherben des Klassenstaates aufgebauten neuen sozialistischen Gesellschaft erwartet, versucht sie gleichwohl *schon im Rahmen der heutigen Gesellschaftsordnung* der Lösung dieser ihrer Aufgaben nach Möglichkeit nahe zu kommen. Gerade *dieser* ihrer Aufgaben ganz besonders, nicht zum letzten deshalb, weil die Sozialdemokratie den *Kampf um die Zukunft umso erfolgreicher wird führen können*, je intelligenter und wohlerzogener das Heer ihrer Kämpfer ist und in je größerer Anzahl diese heute schon in der Lage sind, kraft ihrer besseren Bildung sich erträglichere Lebensverhältnisse zu verschaffen. Aus diesem Grunde ist denn auch die sozialistische Bewegung, wie Gen. Katzenstein im Juli-Heft (1903) der „Soz. Monatshefte“ sehr richtig auseinandergesetzt hat, von Anfang an nicht nur als fortschrittlichste Partei für volle geistige Freiheit, für jede Verbesserung des Schul- und Bildungswesens von Staatswegen eingetreten, sie hat auch von Anfang an, nach dem Maße ihrer Kräfte und soweit die drängende Arbeit des Tages es gestattete, *selbst eifrig und planmäßig der Förderung der Bildungsbestrebungen*, dem Unterricht der Arbeiter, der wissenschaftlichen Erziehung der Genossen *sich gewidmet*.

Auf der anderen Seite hat das unausgesetzte Verlangen der Arbeiterschaft nach Belehrung und Bildung, das namentlich in *Parteitagsanträgen* zum Ausdruck gekommen ist, beständig neuen Anstoß zu *Veranstaltungen und Unternehmungen* gegeben, mit denen dem Zwecke der Volksbildung gedient werden sollte.

Der Erfolg der sozialdemokratischen Bildungsarbeit ist denn auch ein ganz gewaltiger gewesen und hat erst in allerjüngster Zeit von einer Seite, die über jeden Verdacht heimlichen Sympathisierens mit dem Umsturz erhaben sein dürfte, ungewollte Anerkennung gefunden: der Kriegsminister v. Einem mußte sich im Reichstage zu dem Zugeständnisse verstehen, daß die Sozialdemokratie die *Intelligenz* des Volkes und im besonderen der *Arbeiterschaft* repräsentiere.

Trotzdem ist in unseren Reihen an *Bildungsarbeit noch außerordentlich viel zu thun übrig*, und es ist eine gewiß dankenswerte Aufgabe, auf Mittel zu sinnen, wie solche Bildungsarbeit rationell und erfolgreich geleistet werden könne.

Die seither am meisten geübte Praxis, durch *Einzelvorträge* wissenschaftliche Stoffe zu vermitteln, hat sich als unzureichend erwiesen. Das Dargebotene entbehrt naturgemäß immer des Zusammenhanges, hängt für den Einzelnen sozusagen in der Luft und verfällt fast ohne Ausnahme dem Schicksal, bis auf wenige Reste bald wieder vergessen zu werden. Gänzlich ungeeignet sind Einzelvorträge für die Uebermittelung *grundlegender* wissenschaftlicher Stoffe. Jeder Vortrag, der eine wissenschaftliche Frage behandelt, setzt die Elemente nicht allein des jeweilig behandelten Wissensgebietes, sondern der Wissenschaft überhaupt bei den Zuhörern voraus. Würde er dies nicht thun, sondern in jedem einzelnen Falle mit dem ABC beginnen, so würde er wohl ausnahmelos für einen Teil der Zuhörer — und keineswegs den kleineren — alles Interesse verlieren und ermüden anstatt anzuregen, langweilen anstatt zu belehren. *Gerade aber die Elemente, die Anfangsgründe sind es zumeist, die den Arbeitern fehlen.* Infolge der elenden Beschaffenheit unseres Volksschulunterrichts ist ein erheblicher Prozentsatz der Arbeiterbevölkerung niemals zur Beherrschung des Wissenstoffes gelangt, den die Schule vermitteln soll. *Nun fehlt es ihnen, sobald sie sich geistig beschäftigen wollen, am Allernötigsten.* Der Mangel macht es ihnen nicht allein unmöglich, wissenschaftlichen Erörterungen tieferes Verständnis entgegenzubringen, er hindert sie auch, auf *eigene Faust* und mit *eigener Kraft* in die einzelnen Gebiete der Wissenschaft einzudringen. In der Regel mangelt es den Arbeitern am nötigsten an der Fertigkeit im *richtigen mündlichen wie schriftlichen Gebrauch der deutschen Sprache*.

Man wird nun einwenden: Sprachlehre, Rechtschreibung, Stil usw. gehören in den *Volksschulunterricht*, nicht aber in den Arbeitskreis *bildungsbeflissener Erwachsener*, man habe keine Veranlassung, der Schule die Arbeit abzunehmen und dergleichen mehr. Darauf ist zu antworten: Gewiß ist der Unterricht in deutscher Sprache und die Anleitung zu deren richtigem Gebrauche eine der Aufgaben, die dem Volksschulunterricht zufallen. Aber jeder Tag zeigt doch an zahllosen Beispielen, daß *die Schule diese ihre Aufgabe nicht erfüllt*. Sollen wir uns damit zufrieden geben? Oder sollen wir es dabei bewenden lassen, an den mangelhaften Schulverhältnissen nur Kritik zu üben? Und sollen wir weiter ruhig warten, bis ein sozialistisches Zeitalter den erwünschten befriedigenden Schulunterricht und damit auch eine bessere sprachliche Bildung der Massen bringt? Das kann im Ernst niemand wollen. Im Gegenteil, wir müssen uns sagen: wenn die Schule ihre Pflicht vernachlässigt hat, *so ist es jetzt unsere Pflicht*, das Versäumte nachzuholen, nicht um der Schule willen, die dadurch an Arbeit und Mühe spart, nein, *um der arbeitenden Bevölkerung willen, die unter dieser unverantwortlichen Vernachlässigung auf alle mögliche Weise zu leiden hat*.

Es ist eine Verkennung des Charakters der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen und eine sehr oberflächliche Erfassung ihrer Aufgaben und Ziele, wenn man meint, sie hätten *nur* den Zweck, politische Aufklärung zu verbreiten, öffentliche Wahlen vorzubereiten und bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu erringen. Ihr wahres Wesen erschöpft sich darin nicht. Vielmehr sollen sie — und das ist von ihnen selber längst gefühlt, anerkannt und auch bethätigt — *den ganzen Menschen, die ganze Persönlichkeit des Arbeiters zum Gegenstand der Schulung und Erziehung machen*; sie sollen sich nach Kräften bemühen, ihren Angehörigen zur Erlangung größerer intellektueller Reife, tieferer Verinnerlichung des Gemütslebens und reinerer Auffassung von ethischen Grundsätzen und Ideen behülflich zu sein. Sie sollen alles das zu vermitteln streben, was der Begriff *Bildung* schlechthin in sich schließt.

Dieser Forderung *völlig* gerecht zu werden, ist bei dem heutigen Standpunkte der Entwicklung unserer Arbeiterbewegung *noch unmöglich*. *Aber der Anfang soll und muß wenigstens gemacht werden.* Und da beginne man, um etwas wirklich Gründliches und Tüchtiges erzielen zu können, mit den Elementen. Das heißt mit anderen Worten: ehe man dem Proletarier mit wissenschaftlichen Dingen kommt und ihm verlockende Aussichten auf weitere Fernen des Wissens und der Bildung erschließt, lehre man ihn *zunächst richtig schreiben und sprechen, verhelfe man ihm zu der Fähigkeit, von seiner Muttersprache den richtigen Gebrauch zu machen*.

## II

<!-- Entrega 2: Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend, Nr. 73, 26. März 1904, S. 1 (Leitartikel, Spalten 1-3) -->

<!-- S. 1 -->

Ein neuer Weg zur Volksbildung.

(Ein Vorschlag.)

II

Das *Ziel* wäre also gegeben.

Es fragt sich nun, auf welchem *Wege* man zu dem Ziele gelangt.

*Einzelvorträge* sind von vornherein ausgeschlossen; die schon angeführten Gründe machen sie als Mittel zur sprachlichen Schulung der Massen absolut ungeeignet. Auch mit *Vortrags-Serien, Vortrags-Kursen* usw. ist der Sache nicht gedient, denn man lernt die Sprache nicht beherrschen, indem man Vorträge darüber hört, sondern vielmehr dadurch, daß man in ihr und über sie *systematisch unterrichtet wird und sie praktisch übt*.

Aus diesem Grunde können nur *Unterrichtskurse* das Instrument sein, das Erfolge verspricht. Seit Jahren hat sich in Parteikreisen immer mehr die Ueberzeugung Geltung verschafft, daß eine ernsthaftere und gründlichere Einführung in irgend welche Wissensgebiete nur durch Unterrichtskurse möglich ist. Liebknecht machte damit den Anfang, und seitdem hat man, wo sich immer die Möglichkeit zur Abhaltung von Unterrichtskursen bot, solche eingerichtet und damit die allerbesten Erfahrungen gemacht.

Freilich, darin liegt des Pudels Kern: *wo sich die Möglichkeit zur Abhaltung von Unterrichtskursen bot*. Es muß leider konstatiert werden, daß diese Möglichkeit bisher nur *in ganz wenigen Fällen* vorhanden gewesen ist. Unserer Bewegung fehlt es an Kräften, die Neigung und Talent genug haben, um solche Kurse veranstalten und leiten zu können. Wissenschaftliche Bildung allein reicht dazu nicht aus, vielmehr ist auch die Fähigkeit und das Geschick erforderlich, durch methodische Unterrichtserteilung und schulgemäße Lehrweise den betreffenden Wissensstoff dem Verständnis der Lernenden zu übermitteln. Bei Geschichte, Volkswirtschaftslehre, Naturwissenschaft mögen diese Erfordernisse vielleicht nicht so zwingender Natur sein, da sich in diesen Wissenszweigen vieles in Vortragsform darbieten läßt. Der *Unterricht in deutscher Sprache* indes ist ohne eine *pädagogisch geschulte und im Unterrichten gewandte Lehrkraft* gar nicht denkbar. Wo aber stehen unserer Bewegung solche Kräfte zur Verfügung? — Nirgends. Daher auch die bedauerliche Thatsache, daß die so überaus wichtige und von Tausenden von Arbeitern sehnlichst erwünschte Schulung und Ausbildung in der deutschen Sprache noch immer keine Stätte in der organisierten Arbeiterschaft hat finden können.

Wäre die *allgemeine Einrichtung von Unterrichtskursen* für deutsche Sprache möglich, der Uebelstand wäre bald beseitigt. Die Thatsachen lehren aber, daß die Einrichtung *nicht* möglich ist — *was könnte da als Ersatz geboten werden?*

Man hat an *Unterrichtsbriefe* gedacht, eine Einrichtung, die im allgemeinen ja viel Anklang gefunden hat. An Unterrichtsbriefen zur Erlernung der deutschen Sprache ist kein Mangel. Aber es giebt weder Lehrbücher noch Lehrbriefe, die direkt für Arbeiter geschrieben und für diese im besonderen Maße geeignet wären. Das hat darin seinen Grund, daß der Abfassung solcher Briefe ungeheure Schwierigkeiten entgegenstehen. Da es intelligente und weniger intelligente Arbeiter, solche mit recht guter und andere mit sehr schlechter Schulbildung giebt, werden Unterrichtsbriefe für den einen immer zu schwer, für den andern zu leicht sein, auf den einen ermüdend, den andern entmutigend wirken. Und wie für die methodische Bearbeitung, fehlt auch für die stoffliche Begrenzung des Inhalts der Briefe die sichere Basis. Könnte man das in der Schule behandelte Pensum oder eine wenn auch geringere, so doch genau bestimmte Menge sprachlicher Kenntnisse als vorhandene Grundlage voraussetzen, dann wäre das Weiterbauen nicht allzu schwierig. So aber ist bei tausend einzelnen Lernenden die Vorbildung, die vorauszusetzende Wissensbasis tausendfach verschieden — wie gesagt: die Schwierigkeiten sind außerordentlich groß. Und wären die Lehrbriefe noch so anregend, geschickt und verständlich geschrieben, sie würden niemals alle Lernenden, auch nicht die Mehrheit unter ihnen, befriedigen und bei ihnen ihren Zweck erfüllen. Dabei hätten Unterrichtsbriefe noch den gewaltigen Nachteil, daß sie die praktischen Uebungsarbeiten der Lernenden unkorrigiert lassen. Ein Deutschunterricht ohne *Korrektur* ist aber von vornherein verfehlt. Selbst wenn man vom zweiten Unterrichtsbriefe an jedesmal die Lösung des vorangegangenen Briefes zu veröffentlichen beabsichtigte, würde man den Lernenden nicht davor bewahren, Irriges und Halbverstandenes mit zu lernen, ganz abgesehen davon, daß die Unterrichtsbriefe dadurch an Umfang beträchtlich zunehmen würden. Je mehr Hefte aber, desto größer ist die Abschreckung von vornherein und desto schneller ist später die Geduld zu Ende.

*Wenn etwas durch Unterrichtsbriefe erreicht werden soll, so muß damit eine Korrektur der angefertigten Uebungsarbeiten und eine fortgesetzte Anregung, Leitung und Förderung verbunden sein.* Könnte dies ermöglicht werden, so wäre damit ein *vollwertiger Ersatz für die praktischen Unterrichtskurse* geschaffen, ein Ersatz, der sogar noch durch den Umstand, daß die Lernenden nicht zu bestimmter Zeit und an bestimmten Orten sich versammeln müßten, mancherlei Vorteile vor den Unterrichtskursen haben würde.

Damit sind wir am *Kernpunkt der Sache angelangt*. *Es läßt sich ein solcher Ersatz schaffen, es giebt einen Weg, der so vorteilhaft und sicher wie kaum ein zweiter zur sprachlichen Schulung der Arbeiterschaft zu führen vermag.*

Ich mache folgenden *Vorschlag*:

Es wäre eine gemeinverständliche und leichtfaßliche *deutsche Sprachlehre* in Verbindung mit Rechtschreibungs- und Stillehre zu schreiben, die sowohl durch klare und knappe Fassung des darzubietenden Lehrstoffs als auch durch reiches Beispielsmaterial, namentlich aber durch Pflege der Selbstthätigkeit des Lernenden an der Hand zahlreicher praktischer Uebungsaufgaben ein gutes Verständnis der deutschen Sprache anzubahnen und im weiteren die Grundlage für deren richtigen Gebrauch zu gewähren vermögen würde. Das Werk wäre so anzulegen und in Druck und Ausstattung so herzustellen, daß es in etwa 20 *Monatslieferungen* erscheinen könnte und daß jede dieser Lieferungen bei 32 Seiten Textumfang nicht mehr als 20 Pfg. kosten würde. Den Schluß jedes größeren Abschnittes im Lehrgange hätte eine resümierende *Zusammenfassung* zu bilden, dergestalt, daß der Lernende eine Reihe auf den vorher behandelten Lehrstoff bezüglicher Fragen zu beantworten und dito Uebungsaufgaben anzufertigen hätte. Diese Aufgaben wären so zu wählen, daß sich aus ihren Lösungen genau erkennen ließe, ob der Lernende die Sache begriffen hat. Nicht alle, sondern nur *diese* Uebungsaufgaben wären in ein besonderes *Heft* einzutragen, das nach beendeter Durcharbeitung je einer Lieferung an eine *Zentralstelle zur Korrektur einzusenden* wäre. Nach erfolgter Durchsicht würde es mit entsprechenden Korrekturvermerken zugleich mit der *nächsten Lieferung* und dem dazu gehörigen weiteren Uebungshefte zurückgeschickt. Dafür hätte der Lernende jedesmal den *Betrag von 50 Pfg.* zu entrichten (20 Pfg. die Lieferung, 10 Pfg. das Uebungsheft und 20 Pfg. Porto), und zwar im voraus, was am besten bei Einsendung des Heftes zur Korrektur durch Beilegen von Briefmarken erfolgen könnte. Eine Bezahlung für die *Korrektur wäre nicht zu leisten*; der unschätzbare Vorteil der sehr mühevollen und schwierigen, für die erfolgreiche Durcharbeitung der Lehrbriefe aber unerläßlich notwendigen Korrigierarbeit käme dem Lernenden völlig *umsonst* zu Gute.

Wie wäre das möglich? *Wer sollte die Korrekturen besorgen?* Durch wen sollte überhaupt die ganze Zentrale geleitet, verwaltet und aus welchen Mitteln soll sie erhalten werden?

Nun — Voraussetzung zur Verwirklichung des ganzen Projektes wäre das *Zustandekommen einer Vereinigung, gebildet aus politischen, gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen oder sonstwelchen Korporationen*. Jede dieser Organisationsgruppen könnte durch *Zahlung von 10 Mk. für jedes volle und angefangene Hundert ihrer Mitglieder* die Mitgliedschaft zu dieser Vereinigung (nennen wir sie Bildungsverein „Arbeiterschule“) für alle ihre Mitglieder auf ein Jahr erwerben. Einzelmitgliedschaften gäbe es nicht. Wollte z. B. ein Harburger Genosse, organisierter Metallarbeiter, Mitglied der Vereinigung werden, so könnte dies nur dadurch geschehen, daß vom Sozialdemokratischen Verein für Harburg und Umgegend oder von der Harburger Zahlstelle des Metallarbeiter-Verbandes die Erwerbung der Mitgliedschaft für alle ihre Mitglieder erfolgte, d. h., daß der Sozialdemokratische Verein für Harburg 120 Mk. (für 1200 Mitglieder) oder die Zahlstelle des Metallarbeiterverbandes 50 Mk. (für ca. 500 Mitglieder) als jährlichen Mitgliederbeitrag überweisen würde. Für diesen Betrag erhielten *alle* Mitglieder der betreffenden Körperschaft für die Dauer *eines ganzen Jahres das Recht*, von den Einrichtungen des Bildungsvereins „Arbeiterschule“ Gebrauch zu machen. Jedes Mitglied könnte nicht nur die Lehrbriefe und Uebungshefte beziehen, sondern wäre auch *befugt, seine Uebungshefte zur unentgeltlichen Korrektur an die Zentralstelle einzusenden*.

Es wird ohne weiteres einleuchten, daß durch diese Art genossenschaftlicher Vereinigung zu genossenschaftlichem Wirken eine Einrichtung geschaffen würde, deren Wert und Segen für die Arbeiterschaft unberechenbar wäre. Doch über dem Ideellen sei das Materielle nicht vergessen. Wie würde es um die materielle Grundlage dieses Unternehmens aussehen? Ein Apparat wie der geschilderte erfordert nicht allein Fleiß, Eifer, Geduld, Ueberlegung und eine unermüdliche, völlig in der Sache aufgehende Arbeitskraft, sondern auch vor allen Dingen *Geld*. Wie steht es damit?

Genaue Berechnungen lassen sich bei einem solchen Projekt selbstredend im voraus nicht aufstellen, aber vielleicht dient nachstehende Berechnung mit angenommenen Zahlen dazu, etwaige Zweifel und Bedenken zu zerstreuen.

Nehmen wir an, im ersten Jahre käme die Vereinigung auf 100000 Mitglieder, was bei dem allgemein vorhandenen Bildungsbedürfnis und der ebenso allgemeinen Bereitwilligkeit der Arbeiterorganisationen, ihren Mitgliedern Bildungsgelegenheit zu verschaffen, nicht zu hoch gerechnet sein dürfte. 100000 Mitglieder × 10 Pfg. ergiebt 10000 Mk. *Einnahme*. Nehmen wir weiter an, daß im ersten Jahre im Durchschnitt etwa 5 % aller Mitglieder den ganzen Lehrgang (12 Hefte pro Jahr) durcharbeiten würden, so ergäbe sich aus dem Absatz von 12 × 5000 Lehr- und Uebungsheften ein buchhändlerischer *Gewinn* von mindestens 7500 Mk. im Jahre.

Demgegenüber wären an *Ausgaben* zu bestreiten: 6000 Mk. für den Druck von 12 × 5000 Lehrheften, 1200 Mk. Honorar für Bearbeitung der im ersten Jahre erforderlichen zwölf Lehrhefte, 1800 Mk. für einen Expedienten, 1800 Mark für einen Korrektor, 4800 Mk. für vier weibliche Hülfskräfte zum Korrigieren der Hefte (vielleicht Lehrerinnen), 400 Mk. für Kontor, Licht, Heizung ꝛc., ergiebt insgesamt eine Ausgabe von 16000 Mk., die einer Einnahme von 17500 Mark gegenübersteht. Unberechnet sind dabei Porti, Reisen, Agitation ꝛc., immerhin wäre die Bilanz als *günstig* zu bezeichnen.

In den nächsten Jahren würden sich die *Ausgaben noch wesentlich niedriger* gestalten durch die Verbilligung der Druckkosten bei größeren Auflagen und den Wegfall des Autorenhonorars. Die Mehrerträge an Buchhändlergewinn aus den Lehr- und Uebungsheften bei wachsender Beteiligung an den Kursen würden allerdings aufgewogen werden durch die Kosten für Mehreinstellung von Korrektorinnen, wohl aber ließe sich eine Einnahmequelle noch dadurch erschließen, daß mit dem Unternehmen eine Art Volksbuchhandlung verbunden würde, die den Versand einschlägiger Litteratur an Teilnehmer der Kurse mit übernehme. Auch nach anderer Richtung hin ließe sich noch dies oder jenes einrichten, um dem Unternehmen eine sichere Basis zu schaffen.

Sollten sich nennenswerte *Ueberschüsse* erzielen lassen, so würden diese — da es sich nicht um ein kapitalistisches, sondern um ein nur im Interesse der Arbeiterschaft begründetes Unternehmen handelt — *zur Verbilligung der Lehrbriefe* verwandt werden, um diese den breitesten Kreisen zugänglich zu machen.

Dies mein Vorschlag. Ich glaube, daß er wert ist, überdacht, diskutiert und ernsthaft geprüft zu werden. Wenn es gelänge, nach diesem Projekt oder auch in anderer ähnlicher Weise, die den *Grundgedanken des Planes* wahrt, der deutschen Arbeiterschaft die von ihr tausendfältig ersehnte Bildungsgelegenheit auf dem Gebiete der sprachlichen Schulung zu verschaffen, es wäre eine *Kulturthat*, die das um Aufklärung und Wissen ringende Proletariat mit berechtigtem Stolze erfüllen dürfte.

---

*Fuente:* transcripción a partir de las páginas digitalizadas del *Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend* en el Deutsches Zeitungsportal (Deutsche Digitale Bibliothek; ejemplar de la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky): entrega I, Nr. 72, 25. März 1904, S. 1 (ids. DDB 7FFGOQ2O3LWSD4ORXCDXEJM7S7V7INZG; bibliografía OR1904-10); entrega II, Nr. 73, 26. März 1904, S. 1 (ZHWHI6CL4OOCK3B2UGRVTO46CEAPP233; OR1904-11). Artículo de fondo sin firma; la atribución a Rühle (Stecklina 2002) la confirma el propio Rühle, que en «Ein neuer Weg zur Volksbildung», *Die Neue Zeit*, 22. Jg., 2. Bd., Nr. 29 (abril de 1904), y en «Nochmals: Ein neuer Weg zur Volksbildung», *Volksblatt für Harburg*, Nr. 121, 26. Mai 1904, cita como suya la propuesta publicada en los n.os 72 y 73. Transcrito desde la imagen (recortes ampliados de las columnas); el OCR del proveedor, desordenado por columnas, solo sirvió de apoyo. ſ transcrita como s; el espaciado, en cursiva (en esta impresión de diario, poco nítida, puede haberse perdido alguno). Se conservan la ortografía y las abreviaturas del diario (thun, giebt, Uebung, Litteratur, Pfg., Mk., ꝛc.).
