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Title: Sitzenbleiber
Description: Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend, 11. Jg., Nr. 61, 12. März 1904, Beilage, S. 5.
Author: Otto Rühle
URL: https://adler.school/archivo/ruhle/original/1904-03-12%20Sitzenbleiber
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# Sitzenbleiber.

Von Otto Rühle.

<!-- S. 5 (Beilage) -->

*Karl von Linné*, der Vater der Naturgeschichte und Begründer der wissenschaftlichen Botanik, war als Knabe so beschränkt, daß ihn seine Eltern aus der Schule nahmen und zu einem Schuster in die Lehre gaben.

*Thorwaldsen*, der berühmte dänische Bildhauer, blieb, als er noch Schüler war, in der zweiten Klasse der Schule seiner Heimat drei Mal hintereinander sitzen.

Der geistreiche englische Kritiker und Politiker *Swift* fiel auf der Hochschule in Dublin so kräftig durchs Examen, daß man in Oxford, wo er seine Studien beenden wollte, ihm die Aufnahme verweigerte.

Und *Justus von Liebig*, der in aller Welt bekannte Chemiker, war als Knabe stets der Letzte in der Klasse und hieß allgemein nur „der dumme Justus“.

Von vielen, vielen Beispielen führe ich nur diese vier hier an, um mit ein paar Blitzableitern den armen Kerlen zu Hülfe zu kommen, die jetzt, um die Zeit vor Ostern, mit einem *schlechten Schulzeugnis* so manches väterliche und mütterliche Donnerwetter heraufbeschwören werden. Ostern ist ein schönes Fest, und hinter Ostern lockt der Frühling mit Sonnenglanz, blauem Himmel und tausend bunten Blüten. Aber — wer erst so weit wäre! Vorher ist noch mancherlei Schlimmes zu überstehen: *Examen, Zensuren, Versetzung*. Da klopfen in banger Ahnung manche Herzen, und in wenig Wochen ist bei vielen die Ahnung zur schrecklichen Wahrheit geworden: Schlechtes Zeugnis, „*kann nicht versetzt werden*.“

*Sitzenbleiber* also.

Der Vater ist wütend und greift zum Stocke, die Mutter grämt sich im stillen und vergießt wohl auch heimliche Thränen. Ein ganzes Jahr verloren! Nun wieder von vorn anfangen — der ist gut dran, der als Sitzenbleiber die Osterzeit erst überstanden hat.

Es ist ganz gewiß keine angenehme und löbliche Sache, zu Ostern, wenn die Klasse wieder einen Schritt vorwärts gekommen ist, wenn eine höhere Stufe im Ausschreiten zur Wissenschaft erklommen und dem neuen Nachschub Platz gemacht werden soll, nicht mitzuschreiten, sondern *sitzubleiben*, um mit der nächsten Klasse das ganze Jahrespensum noch einmal durchzuackern. Aber ich meine, es ist auch keine Ursache zum *Strafen* oder gar *Züchtigen*. *Mitleid* sollte man mit den armen Schächern haben, sich ihrer annehmen und sie zu fördern suchen, damit ihnen das Malheur nicht ein zweites Mal passiert — das dürfte richtiger sein als Schimpfen und Drohen, Strafen und Verurteilen. In diesem Sinne möchte ich mit ein paar begütigenden Worten den Sitzenbleibern als Anwalt beistehen, wenn der elterliche Zorn sich über ihren Häuptern zu entladen droht.

Es wäre vom Standpunkt des Erziehers aus unverständlich und ist wohl auch nirgends üblich, daß man einen Schüler deshalb nicht versetzt, weil ihm in dem einen oder anderen Unterrichtsfache die erforderlichen *positiven Kenntnisse* fehlen, vielmehr gründet sich die Entscheidung in der Frage: Versetzen oder nicht? auf die *gesamte geistige Reife* des Schülers und seine Fähigkeit im Erfassen und Verarbeiten des dargebotenen Wissensstoffes. Der kleine Sitzenbleiber kann also unter Umständen ein ganz fleißiger Schüler sein und mit Lust und Eifer seine Schularbeiten fertigen, aber sein Intellekt ist noch nicht genügend entwickelt, sein Begriffsvermögen kann so hohen Anforderungen, wie sie die betreffende Klasse stellt, noch nicht oder nur mangelhaft genügen — die Folge ist: Sitzenbleiben. Soll und darf man nun den armen Burschen deswegen *schlagen*? Kann man einen Menschen, ein Kind dafür verantwortlich machen, daß sein Verstand noch nicht gereift genug, sein geistiges Ackerland noch nicht genügend für die Aufnahme der Saat vorbereitet ist? Es wäre ein *unverzeihlicher Frevel*, wenn man ein Kind in solchem Falle strafen würde. Im Gegenteil: man soll froh sein, daß das Kind jetzt Zeit gewinnt, um in aller Ruhe, ohne gedrängt oder zu überhastetem Lernen verleitet zu werden, zu immer größerer geistiger Selbständigkeit und Festigkeit heranzuwachsen.

*Langsam, aber sicher!* Das trifft bei den Schwachen in der Schule in den meisten Fällen zu. Je mühsamer das geistige Gut erworben wird, umso sicherer und zäher halten Gedächtnis und bedachte Ueberlegung daran fest. Also warte man, bis die natürliche Entwicklung des Kindes von selbst den Knoten löst. Die oben angeführten Beispiele zeigen, daß aus manchem Sitzenbleiber, wenn ein guter Kern und ein ernsthafter Wille in ihm stecken, noch immer etwas Tüchtiges im Leben werden kann.

Wie denn aber nun bei den *Trägen und Unaufmerksamen*, den *Liederlichen* und notorischen *Faulpelzen*, wenn sie durch ihre Untugenden das Sitzenbleiben verschulden? Da ist wohl ein *Strafgericht* am Platze?

Ihr Väter und Mütter, ich bitte euch im Namen derer, denen diese Zeilen gewidmet sind: urteilt auch hier *nicht zu rasch und zu streng*. Was ist faul? und unaufmerksam? und liederlich? Bedenkt, daß alle diese Begriffe für das Kind kaum existieren. Was ihr mit dem harten Namen Faulheit belegt, ist für das Kind oft der Inhalt einer der glücklichsten und heitersten Stunden seines Lebens. Im Spiel vergessen sich so leicht die kleinen ernsten Dinge des durch die Schule ach schon so oft sorgenvollen Kindesdaseins, und im frohen Lebensgenusse der Jugend steht eine Stunde länger Fangballspiel oder Reifentreiben höher im Werte als das sauberste Schulheft und der bestgelernte Katechismusabschnitt. Man vergesse nicht, daß in den glücklichen Jahren der ersten Schulzeit das *Spiel noch weit höhere pädagogische Bedeutung* hat als der Unterricht. Zehnmal eher mag das Kind seine *Schulaufgaben* vergessen, als daß es den naiv-sinnigen Frohgenuß am *Spiel* verliert. Deshalb sage ich: nicht *zu rasch und zu streng* über das Kind den Stab brechen.

Doch noch mehr. Ich würde einem Kinde, das zu Ostern sitzen bleibt, auch *deshalb nicht einen einzigen Streich* versetzen, weil ich der Meinung bin, daß in den meisten Fällen *nicht das Kind, sondern die Schule an dem Sitzenbleiben Schuld trägt*.

Unsere Schulen sind *Lernschulen*, während sie *Erziehungsschulen* sein sollten. Sie dressieren fast ausschließlich den Geist, alles übrige am Menschen leidet unter stiefmütterlicher Vernachlässigung. Dabei ist die geistige Abrichtung durchaus barbarisch; der eigenen Arbeit des Schülers, seinem selbstthätigen Erringen und Erobern der Wissenschaft sind die engsten Schranken gezogen. Das Kind muß still sitzen, täglich mehrere Stunden lang, und willenlos, ohne in den Unterrichtsbetrieb aktiv mit eingreifen zu können, die theoretischen, mehr oder weniger abstrakten Belehrungen über sich ergehen lassen. Aus sich selbst heraus bringt es der Wissenschaft, der Belehrung überhaupt noch kein oder nur ein herzlich geringes Interesse entgegen. Der *Zwang* allein ist es, der es zum Bleiben nötigt. Tausendmal lieber würde das Kind im Freien herumspringen, Wiesen und Wälder durchstreifen, auf dem Sandhaufen spielen, im Garten seine jungen Kräfte nutzbar machen oder an Holz und Eisen mit Säge, Hammer, Feile, Beil und Bohrer seine bescheidenen Künste üben. Ja, wenn es *das* könnte! Aber nein, unsere Schule hat für diese Wünsche und Sehnsuchten kein Ohr und kein Herz. *Zuhören! Einprägen! Hersagen!* Darin erschöpft sich im letzten Grunde noch immer ihre ganze Kunst, mag sie auch den Anschauungsunterricht als große Errungenschaft preisen. Er steht im allgemeinen ja doch nur auf dem Papier.

Hätten wir in unseren Schulen nicht die geisttötende Methode der Wortdrescherei und das rückständige System des abgeschmackten, allen Lebensregungen feindlichen Drills, hätten wir dafür aber den *Arbeitsunterricht*, der physische Thätigkeit mit geistiger zu engster Harmonie verbindet und der den Bethätigungsdrang, der die Jugend in besonders ausgeprägtem Maße erfüllt, für die Erziehungsarbeit nutzbar macht — ich wette hundert gegen eins: *unsere Schulen zählten nicht den tausendsten Teil der Sitzenbleiber*, mit denen sie sich heute herumschleppen müssen. Daß ein gesunder, frischer Bursche, der zu Spiel und Scherz aufgelegt ist und lieber mit der Schaufel und dem Nagelbohrer umgeht als mit Buch und Feder, keine Lust und keinen Trieb zu Schularbeiten hat, für die er sich nicht im mindesten interessiert, wem leuchtet das nicht ein? Und wer will es dem Kinde, in dem alle Fasern und Muskeln nach Bewegung und Thätigkeit zucken, im Ernst verdenken, wenn es unruhig, unaufmerksam wird, zum Fenster hinaussieht oder träumt, während der Lehrer von Jakob und Rebekka, von ig und lich oder 4 × 4 und 5 × 5 erzählt? Ich lasse es mir nicht ausreden: *in den meisten Fällen ist die viel verlästerte Trägheit und die Unaufmerksamkeit, Flatterhaftigkeit, Liederlichkeit* und wie diese Untugenden alle *heißen nichts weiter als ein passiver Widerstand der gesunden kindlichen Natur gegen ihre Vergewaltigung* durch die schulmeisterlichen Abrichtungs- und Erdrosselungskünste unserer offiziellen Jugend- und Volkserzieher.

Man nehme einmal einen solchen „Faulpelz“ oder versammle die „Dummköpfe“ und „Faselhänse“ um sich, gehe mit ihnen ins Freie oder suche eine Werkstatt, einen Garten, einen Arbeitsplatz auf. Siehe da! *welche Fähigkeiten die Kerlchen entwickeln*, wie sie aufleben und mobil werden, wie ihre Kräfte erwachen und ihre Sinne im Frohgefühl des Schaffens sich regen und bethätigen. Das sind *ganz andere Menschen* geworden, die vielgeschmähten und zurückgesetzten, verachteten und verprügelten „Faulpelze“ und „Dummköpfe“ *erkennt man gar nicht wieder*. Jetzt sind sie in ihrem Element, das ihren Thätigkeitsdrang entfesselt, ihre Schaffenslust spornt und ungeahnte Talente in ihnen zur Entfaltung bringt. Ist es nicht Thatsache, daß gerade die Schwachen in der Schule, die Zurückbleiber und Sitzenbleiber *in praktischen* Dingen, in der Arbeit mit den Händen, Muskeln, Sinnen die Brauchbarsten und Tüchtigsten sind? Wie leicht würde ihnen das Lernen werden, wenn es Hand in Hand ginge mit der Arbeit, die das beste Unterrichts- und Erziehungsmittel bildet. Aber heute — sie bitten um Brot, und man giebt ihnen *Kieselsteine*, sie lechzen nach dem erquickenden *Wasser des Lebens* und die Schule bringt alles in ihnen zum Verdorren und Veröden, sie ringen nach Freiheit und Entfaltung eigenen Könnens, nach Selbständigkeit und Bethätigung eigener Kraft, die Schule aber verwüstet ihr Inneres und zertritt den jungen Ackerboden, in dem sich tausend lebensfähige Keime regen.

Aus allen diesen Gründen verdienen die Sitzenbleiber eher unser *Mitleid* und unsere hilfsbereite *Förderung*, nicht aber Scheltworte, Zurücksetzung oder gar Strafe. Nicht *sie* sind die Schuldigen — das *System*, unter dem sie lernend leiden und leidend lernen müssen, trägt die Verantwortung.

Daß das Erziehungssystem der *wirklich Schuldige* ist, beweisen auch die *Sitzenbleiberstatistiken*, die man in neuerer Zeit in Schulen aufgenommen hat. In *Hamburg* erreichten vorige Ostern knapp 60 pZt. der schulentlassenen Volksschüler die erste Klasse, darunter waren viele, die „besser in der zweiten als in der ersten Klasse untergebracht gewesen wären.“ Ueber 24 pZt. wurden aus der zweiten Klasse entlassen, waren also einmal sitzen geblieben; ziemlich 12 pZt. waren zwei Mal, 3,61 pZt. drei Mal und 0,60 pZt. vier Mal sitzen geblieben, vier Kinder hatten noch nicht einmal die fünfte Klasse erreicht. In *Berlin* durchläuft im Durchschnitt nur ein Drittel der Schülerzahl der ersten Klasse die Schule ganz, alle anderen sind Sitzenbleiber. In *Charlottenburg*, das ein im allgemeinen gut ausgebautes Schulwesen hat, wurden — wie Damaschke in seinem Buche über den Gemeindesozialismus mitteilt — aus der *ersten* Klasse entlassen: 51,8 pZt. Knaben und 48,3 pZt. Mädchen, aus der *zweiten* Klasse: 27,4 pZt. Knaben und 31,5 pZt. Mädchen, aus der *dritten* Klasse: 15,3 pZt. Knaben und 14,4 pZt. Mädchen, aus der *vierten* Klasse: 5,0 pZt. Knaben und 5,4 pZt. Mädchen und aus der *fünften* Klasse: 0,5 pZt. Knaben und 0,4 pZt. Mädchen. In *Dresden* wies ein Lehrer der 10. Bezirksschule nach, daß 13,56 pZt. aller Schüler dieser Schule, die nur Dresdner Schulen besucht hatten, Sitzenbleiber waren. Rechnete er die von auswärts zugezogenen Schüler hinzu, so stieg der Prozentsatz der Sitzenbleiber auf 18,73, nahezu der 5. Teil aller Schüler. Bemerkenswert ist, zu welchen Schlußfolgerungen der Dresdner Lehrer auf Grund dieses deprimierenden Resultats gelangt; er schreibt: Es gilt, wenigstens den Lehrplan des ersten Schuljahres aus dem Banne der Tradition zu befreien, den aus Urgroßväterzeiten stammenden Lese- und Rechengötzen zu zertrümmern und der Kindesnatur dieser Stufe zu ihrem natürlichen Rechte zu verhelfen. Da haben wir dieselbe Forderung: *Weg mit dem Drill*, der theoretischen Abfütterung, der *Herrschaft des Wortes!* Die natürliche Erziehung, der Geist Rousseaus, die Kultur der menschlichen Gesamtpersönlichkeit sollen zu ihrem Rechte kommen. Dann wird auch die Zahl der Sitzenbleiber auf ein bedeutungsloses Minimum zurückgehen.

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*Fuente:* Otto Rühle, «Sitzenbleiber», *Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend*, 11. Jg., Nr. 61, 12. März 1904, Beilage, pág. 5 (OR1904-09). Transcripción hecha desde la imagen de la página digitalizada por la Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (Deutsches Zeitungsportal, DDB 2ZAG6H5CJEBEE5YHFDFQYADC3AYAICG4; imagen pic.sub.uni-hamburg.de PPN175315653X_19040312, 00000005), en Fraktur, con el OCR ALTO del proveedor como apoyo; cifras cotejadas con la imagen. Se conservan las grafías del impreso. Las cursivas reproducen el espaciado del original.
