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Title: Was den Europäer wundert. Momentaufnahmen aus Mexiko
Description: Prager Tagblatt, Nr. 237, Sonntag, 11. Oktober 1936, S. 3.
Author: Alice Rühle-Gerstel
URL: https://adler.school/archivo/ruhle-gerstel/original/1936-10-11%20Was%20den%20Europ%C3%A4er%20wundert
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<!-- S. 3 -->

Alice Rühle-Gerstel:

# Was den Europäer wundert

Momentaufnahmen aus Mexiko.

Sieht man vom Schloß, dem höchsten Punkt der Stadt, auf Mexiko hinab, dann erscheint es wie ein riesiges weißes Dorf. Zwischen Grün und Blumen stehen die meist einstöckigen Häuschen, überragt nur von wenigen „Wolkenkratzern“ und von den zahllosen Kuppelkirchen — die meisten sind übrigens, entgegen anderslautenden Nachrichten Kirchen wie eh und je und sogar leidlich besuchte —. Nur hie und da ist eine profanen Zwecken übergeben worden: verwandelt in ein Museum, eine Bibliothek, eine Garage, eine sogar — allerdings in einer anderen Stadt — in einen Bahnhof. Der Zug fährt ins Kirchenschiff ein, und am Altar werden die Fahrkarten verkauft. Zwischen den zahllosen Kirchen, zwischen Blumen und Grün, stehen die weißen, flachdachigen Häuser. Auf jedem Dach ein zylinderförmiges Etwas, das zunächst den Eindruck einer Privatkanone erweckt. Es ist aber bloß der Wasserspeicher, den jeder Hausbesitzer anbringen muß, da die städtische Wasserleitung für die rasend wachsende Stadt lange nicht mehr reicht.

Steigt man vom Schloß in die Straßen hinunter — nur im Zentrum sind sie eng und winkelig, sonst breit, prachtvoll und gepflegt wie in einer modernen westeuropäischen Stadt —, so erschrickt man, weil so viele Häuser sich aus der senkrechten Front zurückgebogen haben, als müßten sie heute noch einstürzen. Aber sie stehen vielleicht schon lange so, seit dem letzten Erdbeben, wo sie ins Wanken geraten sind, diese Häuser, leicht und dünn wie die Luft, in der sie stehen. Doch auch manche jahrhundertealte Kirche hat nicht standgehalten, und der schiefe Turm von Pisa scheint ein kindlicher Versuch neben den entschiedenen Winkeln von 45 Grad, in denen sich hier die Gebäude zurückzulegen pflegen. Da ist das riesige prachtvolle Theater, in Dimensionen und Bauart der Pariser Oper nachgebildet, doch innen weit prächtiger und moderner, Theatersaal für 2000 Personen, Vortrags-, Konzert-, Ausstellungs- und (selbstverständlich) Volksversammlungsräume. Es hat sich in den 26 Jahren seines Bestehens um fast ein Stockwerk in die Erde gekniet.

Kein mexikanischer Laden besitzt eine Tür. Und nicht nur die Geschäfte sind zur Straße offen, auch viele Aemter, in denen die Beamten, ungeschützt von Schalter oder Gitter, ihre staaterhaltenden Funktionen ausüben. Wer zum Zahnarzt will, braucht nicht erst anzuläuten, sondern nimmt im Wartezimmer Platz, das so offen ist wie bei uns ein Straßencafé. Sogar manche Fabriken produzieren auf offener Straße, und man kann im Vorübergehen eine Kartonnagemaschine, einen mechanischen Webstuhl, eine Metallschleiferei oder eine Druckerpresse besichtigen. Und es gibt auch immer eine Menge Leute, die da herumstehen und den Arbeitenden Gesellschaft leisten. Inzwischen treten die Verkäufer von knusprigen Maispasteten und bunten Törtchen ein, und die Schuhputzer knien sich neben den Herrn Regierungssekretär oder Abteilungsvorsteher oder Advokaten und wichsen ihm die eleganten Schuhe. Der setzt dabei seine Paraphe unter ein Schriftstück, nicht ohne die unvermeidliche Floskel „Sufragio efectivo. No reelección“ (Gültige Abstimmung. Keine Wiederwahl) hinzuzufügen. Ein Spaßvogel hat neulich diese Loyalitätserklärung gegenüber dem herrschenden System in ihr Gegenteil verkehrt, indem er den Punkt statt hinter das zweite, hinter das dritte Wort setzte.

Willst du ein Konto bei einer Bank eröffnen, so mußt du erst drei notable Personen namhaft machen und sonst allerhand Formalitäten erfüllen, als wärest du der Bittsteller und nicht der Geldbringer. Zinsen? Gibt es nicht. Ja, wenn du weniger als 1000 Pesos (7000 Kč) bringst, mußt du für die Mühe der Verwaltung solch läppischen Betrags noch Gebühren bezahlen. Willst du das nicht, so bleibt dir nichts übrig, als dein Geld im — Versatzamt zu deponieren, wo zwischen Kronleuchtern, Klavieren und Kinderwagen eine Sparkasse amtiert, die Einlagen mit 4 Prozent verzinst.

Wir wundern uns, daß unter den vielen Leuten, die tagsüber an der Haustür läuten, wandernde Uhrmacher und Schuhflicker sind, Vogelhändler, die ihre Vögel nicht in Käfigen, sondern frei auf Zweigen tragen, Kleidermagazine, unter denen man den Verkäufer kaum entdeckt. Wir wundern uns, daß an jedem dritten Haus steht: „Hier werden Strümpfe gestopft“, bis wir erfahren, daß das Auflesen von gefallenen Maschen ein verbreitetes Gewerbe bildet. Und sonderbar erscheint uns der Beruf des „escritor público“, des öffentlichen Schreibers, der mit seiner Schreibmaschine an der Straßenecke sitzt und den Ungelehrten Liebesbriefe, Steuererklärungen und Prozeßklagen anfertigt, aber auch für die Gelehrten Formulare ausfüllt und Eingaben entwirft. Neben ihm steht an einer Miniaturdruckerei mit Fußbetrieb der Akzidenzdrucker und liefert den Vorübergehenden Todesanzeigen und Glückwunschkarten, „sofort“. Belustigt lesen wir eine Kinoreklame, die den abgebrühten Mexikanern verspricht, der Film werde „so sensationell wie eine Revolution“ sein, und gerührt ein Schild in einem Greislerladen, das besagt: „Bitte ersparen Sie mir die Pein, Ihnen nein sagen zu müssen, wenn Sie mich um Kredit angehen.“ Wie trocken und roh klingt daneben unser „Nur gegen bar!“

Im herrlichen Park Chapultepec gibt es auch eine kleine Freiluftbibliothek. Neben einheimischen Romanen enthält sie auch Cervantes, Goethe und Victor Hugo. Kein Wächter bewacht sie. Spaziergänger entnehmen dem steinernen Regal, was sie zu lesen wünschen, setzen sich in eine der dunklen weiten Alleen auf einen Stein oder in die Sonne auf die Wiese und tragen das Buch zurück, wenn sie heimgehen. Gern läsen sie wohl auf einer Bank, aber die ohnedies raren Bänke werden allnächtlich stückweise gestohlen. Nicht so die Bücher.

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*Fuente:* transcripción a partir de la imagen del *Prager Tagblatt*, n.º 237, domingo 11 de octubre de 1936, pág. 3, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=ptb, datum=19361011, seite=3), cotejada con el OCR propio en Fraktur (tesseract) de los materiales del archivo. El texto empieza al pie de la primera columna y continúa, por debajo de otros artículos (Carl Prochaska, «Der neue Altstädter Plan»), en la parte inferior de las columnas segunda y tercera y en la cuarta, bajo las «Briefe ans ‚Prager Tagblatt‘». «Gültige» (en la traducción del lema de Madero) es lectura dudosa por el mal estado de la impresión; podría leerse «Gütige».
