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Title: Ein Nachmittag bei hungernden Kindern
Description: Prager Tagblatt, 61. Jg., Nr. 76, Sonntag, 29. März 1936, S. 4-5. Gezeichnet „Lizzi Kritzel“.
Author: Alice Rühle-Gerstel («Lizzi Kritzel»)
URL: https://adler.school/archivo/ruhle-gerstel/original/1936-03-29%20Ein%20Nachmittag%20bei%20hungernden%20Kindern
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<!-- S. 4 -->

Lizzi Kritzel:

# Ein Nachmittag bei hungernden Kindern

Die Gemeinden im Erzgebirge sind seit jeher ein Elendsgebiet. Spielzeug und Musikinstrumente werden dort gemacht, Spitzen geklöppelt, feine Handarbeiten angefertigt. Alles meist Heimarbeit, und das bedeutet: unbeschränkter Arbeitstag, niedrigste Lohnsätze, Arbeit der ganzen Familie bis zu den vorschulpflichtigen Kindern, die mit ernsten Gesichtern kleine Holzkühe mit Schmirgelpapier glattreiben oder der klöppelnden Mutter das Garn wickeln . . . Wenig Industrie. Jenseits der Grenze war früher karge Möglichkeit zu Verdienst, das hat ganz aufgehört. Die Eisenwerke und Textilfabriken stehen, in den Gemeinden ist die Bevölkerung bis zu 90 Prozent arbeitslos, die meisten davon schon ausgesteuert, d. h. der Unterstützung wegen zu langer Inanspruchnahme schon wieder verlustig gegangen. Wenn noch Arbeit für ein oder das andere Familienmitglied vorhanden ist, so erbringt sie 40 bis 70 Kč in der Woche. Dazu gibt es ein, zwei Czechkarten (Lebensmittelanweisungen in Höhe von 10 Kč pro Woche), ein bißchen Milch, ganz selten 2 oder 3 Kč für das Ausnähen eines Spitzenvorhanges, das 12 bis 14 Stunden dauert . . . und die viel zu spärlichen, viel zu seltenen Zuwendungen der Wohltätigkeitsvereine. Sonst nichts. Damit leben 5, 6, 9 Personen. Die Berichterstatterin war von der „Erzgebirgshilfe“ eingeladen worden, an einem Striezelnachmittag teilzunehmen. Das ist eine neue und hübsche Einrichtung dieses Vereines, der die Erzgebirgler so gut er kann mit Broten, Kleidungsstücken, Medikamenten beteilt. Diesmal hatte man 107 Striezel zusammengesammelt, 17 Kilo Kakao, 10 Kilo Schokolade, 15 Kilo Zucker. Mit diesen herrlichen Dingen und einigen Leuten, die sie verteilen sollten, fuhr das (geborgte) Auto Sonntag morgens los.

Schon auf der Fahrt, sobald man über Elbogen und Falkenau hinaus ist, steht das Elend an der Straße, saubere kleine Ziegelhäuschen, die sich die Leute in den sogenannten besseren Zeiten — vor fünf, sechs Jahren — gebaut haben, stehen im rohen roten Kleid, zum Verputz hats nicht mehr gereicht, auch nicht zu den Fensterblechen, von denen der Schnee und der Regen ablaufen könnte. Hier schaut das Elend wörtlich genommen zu den Ritzen heraus, die sich fingerbreit zwischen den Ziegeln auftun. Rachitis, Tuberkulose, erhöhte Anfälligkeit haust hinter den undichten Mauern. Sauber, leer und stumm stehen die Häuser in der Landschaft, ein Sinnbild der Menschen, die sie bewohnen.

Im Kino, dem einzigen größeren Saal des Ortes, warten schon die Kinder. Viele sitzen brav und ordentlich in den Reihen, andre drängen sich still und bescheiden an der Tür, wo ihnen die Bedürftigkeitsbescheinigung abgenommen wird. Schon dies ein herzzerreißendes Bild: denn wo wäre in diesen Dörfern ein einziges Kind, das nicht als seltnen, vielleicht noch nie erlangten Leckerbissen ein Stück Striez ersehnte und verdiente — und dennoch finden nicht alle Einlaß. Der Gemeindevorstand und der Lehrer haben schweren Herzens unter den Armen noch die Allerärmsten heraussuchen müssen, sonst reicht es nicht . . . Manches Kind führt ein andres an der Hand: „Das ist meine Schwester, sie hat aber keinen Zettel“ —. Der Kontrollor drückt ein Auge zu, weiß er doch, daß außer dieser mitgebrachten Schwester bei vielen zu Haus noch drei, vier, fünf Geschwister sitzen, die keinen Zettel bekommen haben.

Wer glaubt, er bekäme hier nur zum Skelett abgemagerte Kinder zu sehen, weiß noch nicht viel vom Elend. Viele sind freilich zum Entsetzen abgemergelt; viele sehen scheinbar wohl und frisch aus . . . sogar dick sind manche: es gibt auch Hungerbäuche und bleiche Pausbacken . . . Fragt man sie nach ihrem Alter, so stellt man fest, daß sie fast alle um 2 bis 3 Jahre jünger aussehen (dem Wachstum nach) als sie in Wirklichkeit sind. Die Kleider sind geflickt und alt, aber sauber. Die Bevölkerung bringt — das sieht man auch nachher in den Wohnungen — eine Sauberkeit zustande, die man heroisch nennen muß, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Seife ein rarer Luxus ist. Als neulich in einem Flecken eine Wöchnerin niederkam, war im Ort kein einziges Stückchen Seife aufzutreiben . . .

Nein, auf den ersten, oberflächlichen Blick sieht man den Hunger nicht. Aber man hört ihn. Man hört die atemlose Stille, mit der hier 380 Kinder auf etwas Eßbares warten. Schon zerfallen unter den hurtigen Händen der Helferinnen die Striezelberge zu Scheiben, schon wird aus den Eimern dampfender Kakao in Krüge und Kannen geschöpft . . . nein, jetzt ist keine Zeit zum Kichern, Lachen und Lärmen, jetzt geht etwas Großes, etwas sehr Ernstes und Wichtiges vor sich: es gibt etwas zu essen . . . Diese 380 Augenpaare, alle zeigen sie die tiefen schwarzen Ringe der Entbehrung, sie starren andächtig auf die Striezelberge, und auch das Lied, das nun einer der Helfer anstimmt, um die Wartezeit zu verkürzen, findet kaum Interesse. Wer gewöhnt ist, viele Kinder beisammen zu sehen, und weiß, was schon ihrer zwanzig für einen unerträglichen Lärm zu machen wissen, dem saust diese Stille des Hungers noch tagelang in den Ohren . . .

Und nun gehen die Geber — nein, die Vermittler der Gaben — durch die Reihen und verteilen: in die mitgebrachten Töpfchen wird Kakao gegossen, jedem Kind eine dicke Scheibe Striez in die Hand gelegt — nicht in die ausgestreckte! Die Kinder haben nicht gewagt, die Hände auszustrecken. Erst bei der zweiten Verteilungstour strecken sie die Hände aus, und als das zweite Lied angestimmt wird, singen schon viele mit . . . das Leben erscheint ihnen schon ein bißchen lichter. Die erste Schnitte haben sie mit unglaublicher Geschwindigkeit hinuntergeschlungen und sich lieber an dem etwas zu heißen Kakao den Mund verbrannt, als auch nur noch zwei Sekunden länger zu warten. Bei der zweiten Portion lassen sie sich genießerisch Zeit, viele verstecken mit scheuem Blick auf den Nachbarn das zweite Stück Striez in den Taschen oder unter der Jacke. Für die Geschwister daheim? Für die Mutter? Für morgen? Oder in der Hoffnung, noch eine dritte Portion zu ergattern, wenn der Helfer sie mit leeren Händen, leerem Mund sitzen sieht? Nun, diesmal reicht es ausnahmsweise auch zu einer dritten Portion und man nimmt es nicht mehr so genau mit der Verteilung, wir wollen ja alles hergeben, was wir haben, es ist wenig genug, ihr Armen.

Ich reiche einem Mädel die zwei Hälften einer Scheibe, die beim Schneiden entzweigegangen ist. Sie sagt andächtig: „Das ist so gut, daß es zerbricht.“ Freilich, das harte Schwarzbrot, die einzige Nahrung außer dünnem Kaffee und ganz selten einmal Hunde- oder Katzenbraten, das zerbricht nicht vor Güte, das muß man lang kauen, und man tut's ganz gern, wenigstens ist es nicht so schnell zu Ende . . .

Wir haben ihnen gesagt, daß sie nicht Dank sagen sollen, denn diese Striezel — schon sind sie verzehrt! — sind ja keine Hilfe für sie, nicht einmal eine Linderung, nur ein einmaliger, märchenhafter Augenblick von Hoffnung und Erinnerung, und unsererseits fast nur ein Symbol unsrer ohnmächtigen Erkenntnis, daß wir schuldig und verpflichtet sind. Was sind diese Striezeln? Wir haben mehrere Familien besucht in ihren sauberen kleinen Wohnküchen, in denen sie zu vieren, fünfen, achten still und bescheiden hausen, und, wenn es mal Arbeit gibt, auch arbeiten. Sie haben nicht nur keine Striezel. Sie haben überhaupt nichts. Sie haben keine Kohle, und das Holzsammeln im Wald ist verboten. Sie haben keine Kartoffeln, kein Gemüse, kein Fett, keine Wäsche, keine Kleider, keine Bücher, keine Zeitungen, kein Radio, keine Gegenstände, mit denen man sich die endlose Zeit vertreiben könnte, keine Briefmarke, um in die Welt hinauszuschreiben, wie es ihnen geht, und es ist niemand da, bei dem sie stehlen oder betteln könnten, alle sind arm wie sie.

Wo soll man mit der Hilfe beginnen, wenn es überall fehlt? Trotzdem heißt es helfen, helfen! Die Erzgebirgshilfe hat aus gesammelten Gaben voriges Jahr gegen 2000 Familien beteilt, dieses Jahr etwa 1500, dazu 6000 Kinder an den Striezelsonntagen. Das ist wenig, aber es ist etwas. Helfen Sie, daß es mehr werde! Als die Prager Helfer winkend abfuhren, rief ein Kind uns zu: „Wenns wieder mal was <!-- S. 5 --> übrig laßts, kommts wieder zu uns!“ Dieses Kind (und wie viele noch, die es nicht sagten?) hat empfunden: das, was die uns bringen, ist ihr Uebriggelassenes, das, was sie selber nicht brauchen, was sie gut entbehren können . . . oh, schreckliche Anklage!

Spenden (Pakete, Eßwaren, Kleider, Spielsachen, Geld) an die „Erzgebirgshilfe“, Prag I., Dlouhá 47, 1. Stock, oder Abholung nach telephonischer Mitteilung (64193, Frau Bobeck).

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*Fuente:* transcripción a partir de las imágenes del *Prager Tagblatt*, 61.º año, n.º 76, domingo 29 de marzo de 1936, págs. 4 (dos últimas columnas) y 5 (comienzo de la primera), en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=ptb, datum=19360329), cotejadas con el OCR propio en Fraktur (tesseract) de los materiales del archivo. El margen derecho de la última columna de la pág. 4 está algo cortado en la digitalización; las letras finales de línea que faltan se han completado por el contexto y el OCR. Firmado con el seudónimo «Lizzi Kritzel». No es una pieza de la página infantil, sino un reportaje del periódico general. Se respetan las grafías del original («Striez» junto a «Striezel», «Striezeln», «Czechkarten»). La última línea (señas para donativos) puede ser de la redacción.
