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Title: Ueberall Frauen
Description: Prager Tagblatt, 57. Jg., Nr. 187, 9. August 1932, S. 4.
Author: Alice Rühle-Gerstel
URL: https://adler.school/archivo/ruhle-gerstel/original/1932-08-09%20Ueberall%20Frauen
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<!-- S. 4 -->

Dr. Alice Rühle-Gerstel:

# Ueberall Frauen

<!-- Entradilla de la redacción: «Die aus Prag stammende Autorin, Verfasserin wissenschaftlicher Werke, ist soeben aus Rußland zurückgekehrt. Ihren Aufzeichnungen entnehmen wir:» -->

Die Frauen scheinen in der Sowjetunion das aktivere Geschlecht. Schon im Revolutionsmuseum fiel mir auf, wie unendlich viele Frauen seit hundert Jahren als Revolutionärinnen den heutigen Zustand vorbereitet haben. Wir wissen hier immer nur Sonja Perowskaja, Vera Figner . . . aber nein, es sind hunderte, es sind tausende gewesen, die mit schlichten Blicken und Händen Geschichte gemacht haben für die Nachwelt. Jetzt sitzen die Enkelinnen in der Macht.

Freilich, die höchsten Stellen werden auch in der SSSR. von Männern verwaltet. Aber wo du als Passant auch hinkommst, überall findest du Frauen. Sie sind nicht nur Schaffner, sondern auch Fahrer in Straßenbahn und Autobus, Kondukteur im D-Zug, Steuermann auf dem Flußdampfer. Sie fahren mit der Straßenwalze und leiten als Stadtpolizist den Verkehr. In der Medizin und Zahnheilkunde haben sie die Männer fast völlig aus dem Felde geschlagen. Der Bürgermeister der Grenzstation, der unsere falschen Visa berichtigt — eine Frau. Der Direktor der Fabrik mit ihren 3000 Arbeitern, die ich — unangemeldet — besichtige, eine Frau. In dem sechsstöckigen Haus des Staatsverlags, der größten Bücherfabrik der Welt — Frauen, fast nur Frauen. Am Schalter der Eisenbahn, auf der Post, in der Schule, im Reisebureau, im Krankenhaus, in der Apotheke — Frauen, Frauen; und alle so ernst, so sachlich — und so jung.

Die Richterin am Bezirksgericht, die mit zwei Arbeiter-Kollegen über die „Schädlinge“ urteilt — eine Frau. Die Beamtin, die die Ehepaare traut und scheidet — eine Frau. Hier scheint es keine Frauenfrage mehr zu geben. Gleiche Bezahlung und Behandlung für gleiche Arbeit ist selbstverständlich. Da mich das Frauenproblem besonders interessiert, frage ich immer wieder: „Ja, sind denn bei Euch wirklich schon alle Frauen so modern?“ — „Nun, es gibt natürlich noch Frauen aus der älteren Generation . . . aber die lassen wir so, mögen sie langsam aussterben. Unsere Jugend ist wichtiger. Und für die gibt es kein Frauenproblem.“ — Und die Liebe? Die Ehe? Sieht man in die Menschenmassen auf der Straße hinein, so bemerkt man etwas nicht, was bei uns den Kern ausmacht: Paare. Ein einziges Mal in vierzehn Tagen sah ich einen Mann und ein Mädchen eingehängt. Am Abend in den Anlagen sind alle Bänke besetzt. Du hörst Debatten, siehst Menschen lesen, lachen, spielen, schlafen. Küssen siehst du nicht. Und du mußt dich erst gewaltsam besinnen darauf, wie bei uns in der Sommernacht so ein Park aussieht.

Man hat sich bei uns viel den Kopf zerbrochen, ob die leichte Lösbarkeit der russischen Ehe nicht die Stellung der Frau noch mehr erschweren würde. Von unserem Gesichtspunkt sieht das so aus: Da nach russischem Gesetz jeder Mensch ohne Einverständnis, ja ohne Wissen des Partners sich scheiden lassen kann, wird doch wahrscheinlich jeder zweite Mann seine Frau sitzen lassen. Das freundliche junge Mädchen auf dem Standesamt, das in ihrer neunjährigen Praxis Zehntausende von Ehen registriert und gelöscht hat, versichert, es läge gerade umgekehrt. Die allermeisten Scheidungen würden nicht von den Männern, sondern von den Frauen bewirkt. Warum wohl? Lächelndes Achselzucken: es ist den Beamten verboten, nach Scheidungsgründen zu fragen. Nur aus Privatgesprächen mit ihrer „Kundschaft“ weiß sie, daß vielfach der Mann rückständiger ist als die Frau. Nicht immer ist er einverstanden, daß sie ihre freie Zeit der öffentlichen Tätigkeit, dem Unterricht von Analphabeten, der politischen Agitation widmet. Allgemeininteresse geht vor Privatinteresse: sie läßt sich eben scheiden . . . wenn ihr der Mann nicht, wie das einige Male im Altai, in Turkestan vorgekommen ist, vorher den Kopf abschneidet, den sie so selbständig trug . . .

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*Fuente:* transcripción a partir de la imagen del *Prager Tagblatt*, 57.º año, n.º 187, 9 de agosto de 1932, pág. 4, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=ptb, datum=19320809), cotejada con el OCR de la ÖNB, muy deficiente (Fraktur). La pieza ocupa las tres primeras columnas de la parte inferior de la página. La entradilla de la redacción se da solo en comentario. Se respetan las grafías del original («SSSR.», «Kondukteur», «Reisebureau»).
