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Title: Freud und Adler. Elementare Einführung in Psychoanalyse und Individualpsychologie
Description: Dresden (Buchholz-Friedewald): Verlag Am anderen Ufer, [1924], 101 S. Gedruckt bei Jakob Hegner in Hellerau.
Author: Alice Rühle-Gerstel
URL: https://adler.school/archivo/ruhle-gerstel/original/1924%20Freud%20und%20Adler
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<!-- Titelblatt -->

# Freud und Adler

Elementare Einführung in Psychoanalyse und Individualpsychologie

von Dr. Alice Rühle-Gerstel

Verlag Am anderen Ufer
Dresden (Buchholz-Friedewald)

<!-- Widmung -->

Lieber und verehrter Dr. Leonhard Seif<br>
Sie haben mir zuerst die Augen geöffnet<br>
Zum Dank widme ich Ihnen dieses Buch

<!-- Inhalt -->

**Inhalt**

- Einleitung, 5
- Psychoanalyse, 10
- Individualpsychologie, 35
- Vergleich und Kritik, 67
- Die Weltanschauung, 93
- Literaturnachweis, 101

<!-- Copyright 1924 by Otto Rühle Dresden (Buchholz-Friedewald). Gedruckt bei Jakob Hegner in Hellerau. -->

<!-- S. 5 -->

## Einleitung

Die wissenschaftliche Bearbeitung von Problemen des Seelenlebens lag bis in die jüngste Zeit ausschließlich in den Händen der Psychologie und der Psychiatrie.

Psychologie ist die Lehre von den Gesetzen des Seelenlebens. Sie zerfällt in zwei Hauptrichtungen: rationale und empirische Psychologie. Die rationale Psychologie arbeitet deduktiv, setzt eine Seele „an sich“ voraus und leitet unter Vernachlässigung alles Individuellen, Zeit- und Milieugebundenen aus bestimmten Begriffen das Gesetzmäßige der seelischen Funktionen ab. Die empirische Psychologie bedient sich der induktiven Methode, zieht zwar das Individuelle in Betracht, mißt es aber stets am Postulat des „Normalen“ und gewinnt aus vielen, experimentell untersuchten einzelnen Versuchspersonen einen Durchschnitt, den sie zur Grundlage ihrer Feststellungen macht.

Die Unzulänglichkeit der deduktiven und auch der induktiven Methode in Fragen des Seelenlebens ist längst erkannt, und von einigen Forschern (Bergson, Jaspers) ist die Intuition zur unerläßlichen Voraussetzung der Psychologie gemacht worden. Denn rationale <!-- S. 6 --> wie empirische Psychologie erscheinen sofort mangelhaft und in ihrer Zuverlässigkeit erschüttert, wenn man sich gegenwärtig hält, daß es weder eine Seele „an sich“ gibt, noch einen normalen Menschen. „Seele an sich“ und „Normalmensch“, ursprünglich nur wissenschaftliche Denkbehelfe, führten im Laufe der Zeit die Psychologie weit ab von den Forderungen, die das lebendige Leben an die Wissenschaft stellt. Wohl war sie wertvoll und erfolgreich in der Gewinnung abstrakter, gleichsam freischwebender Leitsätze und in der Beobachtung und Beschreibung einzelner Teilerscheinungen. Aber sie mußte versagen, wo sie dem real Gegebenen, dem Individuellen gegenübertrat. Denn das Individuum ist niemals etwas Abstraktes, in der Isolierung von anderen Individuen rein erfaßbar, sondern ein aus der Vielfalt unzähliger imponderabler Bestandteile zusammengeschmolzenes Konkretes, durchaus Einmaliges. Bestenfalls lassen sich diese Besonderheiten zurückführen auf verschiedene, immer wieder am Grunde auffindbare Typen, wie etwa den motorischen und sensorischen Typ der experimentellen Psychologie. (Einen Schritt über diese Art von Gruppierung hinaus bedeutet die Typisierung des Realisten, des Romantikers oder des Heiligen in Jaspers’ „verstehender“ Psychologie.) Alle herkömmliche Psychologie begnügte sich dort, wo sie konkretes Sein bearbeitete, mit der Beschreibung von Erscheinungen, deren Gruppierung unter dem einen <!-- S. 7 --> oder andern Gesichtswinkel oder der Feststellung eines Abhängigkeits- oder Parallelverhältnisses zwischen Körper und Seele (physiologische Psychologie). Immer aber wurde das tatsächlich Beobachtete an einer fiktiven Norm gemessen.

Die Psychiatrie, der andere Zweig wissenschaftlicher Seelenlehre, steht mit ihren Feststellungen mehr auf dem Boden der Wirklichkeit. Als Teilgebiet der Medizin verfolgt sie vor allem praktische Ziele. Aber ihr ist es nur um die kranke Seele, die gestörten Seelenfunktionen zu tun, und in ihren Bereich fallen nur die Individuen, die in besonderer, ja fast nur die, die in antisozialer Weise von der Norm abweichen.

Also dort Normale – hier Geisteskranke. Freilich sind die Grenzen zwischen Psychologie und Psychiatrie nicht streng zu ziehen. Es gibt auch eine Psychologie des Verbrechers, des Schwachsinnigen und so weiter, und die Psychiatrie hat andrerseits durch ihre dauernden Vergleiche zwischen Gesunden und Kranken auch das psychologische Zustandsbild des „Normalen“ um wesentliche Züge zu bereichern vermocht.

Von der Erfassung durch Psychologie oder Psychiatrie ausgeschlossen ist die seelische Beschaffenheit all jener Personen, die weder als „normal“ noch als geisteskrank gelten können. Alle jene, die zwar keinen oder nur einen unbedeutenden Defekt des Nervensystems, keine psychopathischen Symptome aufweisen, aber auch keineswegs bei Beobachtung und Experiment <!-- S. 8 --> jenen ungefähren seelischen Durchschnittsaufbau zeigen, der zur Gewinnung psychischer Gesetze notwendig erscheint.

Die große Masse der Nervösen wurde bis vor kurzem zwischen den beiden Disziplinen hin- und hergeschoben oder einfach sich selbst überlassen, mit keiner ihr angepaßten Methode grundsätzlich erforscht oder praktisch behandelt. Kam diesen Nervösen ihre seelische Besonderheit so weit zu Bewußtsein, daß sie sie als lebenshemmend empfanden und Heilung suchten, so hatte die landläufige Medizin nur Kaltwasserkuren für sie und den Rat, Aufregungen zu vermeiden; ein Rat, ebenso problematisch wie der, sich im Kriege vorzusehen, daß man nicht erschossen werde. Die Psychologie vollends wußte für die Nervösen keinen Platz in ihrem Schema.

Die Hysterie, eine Krankheit, die zufolge ihrer Symptome ins Gebiet der Psychiatrie fällt, jedoch keinerlei körperliche Krankheitsursachen erkennen läßt, gab den Anstoß zu einer grundsätzlich neuen Auffassung der seelischen Vorgänge und zur Ausbildung einer neuen Wissenschaft von der Seele. Diese entwickelte sich von der Hypnose ausgehend, gleichsam als Kombination von Psychologie und Psychiatrie, zur Psychoanalyse und Individualpsychologie. Der äußere Anstoß kam einmal von der Medizin, ferner vom steten Anwachsen der Zahl der „weder Normalen noch Kranken“, denen man mit neuen Methoden gerecht zu werden <!-- S. 9 --> suchte. Aber der äußere Anstoß genügt niemals, das Wesen einer Erscheinung zu begreifen. Die innere Ursache für Entstehung und Entwicklung der Psychoanalyse wie der Individualpsychologie lag in einer Zeittendenz, die von der engen mechanistischen, grob materialistischen Experimentalpsychologie und Schulpsychiatrie weg auf tiefere Einblicke in menschliches Geschehen abzielte.

Als Pioniere dieser auch heute noch vielfach verhüllten und unerkannten Zeittendenz bahnten einige erleuchtete Geister eine unerhörte Neuorientierung in Fragen des Seelenlebens an und gewannen auf vorgeschobenem Posten der Menschheit die neuen Erkenntnisse, mit denen sich diese Schrift beschäftigen will.

<!-- S. 10 -->

## Psychoanalyse

Der Begründer der Psychoanalyse ist Sigmund Freud. Als er in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die wissenschaftliche Arena trat, lag die Medizin noch völlig im Banne materialistischer Naturauffassung. Man halte sich gegenwärtig, daß der naturwissenschaftliche Materialismus, fußend auf den Entdeckungen Darwins, ausgebaut und formuliert durch Büchner, Moleschott, Haeckel und andere, eben erst die Schranken mittelalterlichen Denkens gesprengt und der exakten Forschung neue, bisher unzugängliche Gebiete erschlossen hatte; leicht zu verstehen, daß die Medizin mit Stolz und Freude bei den Errungenschaften der Anatomie, Gewebslehre und so weiter verweilte, und jeder Schritt darüber hinaus ihr Voreiligkeit, ja Blasphemie zu sein schien. Im großen ganzen erklärte man damals die Nervenkrankheiten, so wie alle andern Krankheiten, aus körperlichen Ursachen und wußte für ihre komplexen Erscheinungen noch keine andere Auskunft als den Hinweis auf Vererbung, Belastung, Veranlagung und Entartung.

Einen Schritt aus diesem engen Kreise heraus bedeutete <!-- S. 11 --> zunächst die Anwendung von Suggestion und Hypnose, wie sie sich in der Schweiz und in Frankreich unter Hohn und Spott der Fachleute allmählich Bahn brach.

Als junger Arzt arbeitete Sigmund Freud in Paris bei Charcot. Dieser Forscher hatte die aufsehenerregende Beobachtung gemacht, daß man in der Hypnose hysterische Krankheitssymptome erzeugen könne. Durch einen Befehl an die eingeschläferte Versuchsperson brachte er künstlich Lähmungen, Stummheit, ja sogar Brandwunden hervor, die noch einige Zeit nach dem Erwachen anhielten. (Viele sogenannte Wunder, wie die Stigmatisierung der Heiligen, gewannen von hier aus neue Bedeutung!)

Hypnose ist die Übertragung fremden Willens und fremder Vorstellungen auf eine in künstlichen Schlaf versetzte Person. Es war Charcot also gelungen, körperliche Zustände durch Vorstellungen – durch etwas Geistiges – hervorzurufen oder zu verändern. Damit war der Satz: „Alles, was in und an Menschen geschieht, hat irgendwo seine körperliche Ursache“ grundsätzlich aufgehoben, zumindest seiner Allgemeingültigkeit entkleidet. Wir sind heute, nach fünfunddreißig Jahren, geneigt, das selbstverständlich zu finden. Denn heute fassen wir Monismus als allseitig-einheitliche Weltanschauung auf und wissen aus diesem Sinne, daß Geistiges und Körperliches nur zwei verschiedene Funktionen des einen Lebendigen sind. <!-- S. 12 --> Es ist uns nicht verwunderlich, daß diese Funktionen in gleicher Stärke und mit wechselnder Priorität den Ablauf menschlichen Geschehens bestimmen. Damals aber, wo man unter Monismus die Verkörperlichung alles Lebendigen verstand, mußte die Behauptung von dem Einflusse des Seelischen als dualistische Reaktion oder als revolutionäres Wagnis aufgenommen werden. So rief die kühne Behauptung Charcots (und anderer): „Die Hysterie ist eine psychogene (das heißt nicht auf körperliche, sondern auf seelische Ursachen zurückgehende) Krankheit“ in Fach- und Laienkreisen Sensation hervor.

Unter dem Eindruck seiner Pariser Erlebnisse kehrte Freud nach Wien zurück. Dort hatte schon vorher sein Freund Dr. Breuer durch Zufall ein Verfahren gefunden, um Hysterische mit Erfolg zu behandeln. Auf Anregung einer Patientin ließ er sie in der Hypnose Erinnerungen an das Zustandekommen ihrer Krankheit aus dem Unbewußten heraufholen. Dabei kamen seelische Vorgänge, besonders frühe Kindheitserlebnisse und ihre Verarbeitung, zutage, die im Wachzustande nicht mehr vorhanden gewesen waren. Jedesmal, wenn die Kranke so einen Erinnerungsfaden bis zu Ende abgespult hatte, verschwand ein Symptom. Freud wandte nun bei seinen Patienten dieses Verfahren an und nannte es die reinigende oder kathartische Methode. Mittels Hypnose weckte er verlorene, für die Entstehung der Krankheit bedeutsame Erinnerungen, <!-- S. 13 --> machte er unbewußte seelische Vorgänge wieder bewußt.

Aber sein Streben ging weiter. Die Heilerfolge mit dieser Methode waren unvollständig oder nicht dauerhaft. Um neue Erkenntnisse zu gewinnen, unterbrach er seine praktische Arbeit und ging neuerdings nach Frankreich, diesmal nach Nancy zu Bernheim.

Hatte Charcot in Hypnose Vorstellungen erzeugt, die sich in Symptomen kundgaben, so machte Bernheim durch beharrliches Zureden dem Erwachten bewußt, was in der Hypnose mit ihm vorgegangen war. Er stellte zunächst mit Gesunden Versuche an. Sie wurden hypnotisiert und aufgefordert, nach dem Erwachen eine bestimmte, vielleicht sinnlose Handlung zu verrichten. Sie befolgten den Befehl, gaben aber auf die Frage nach dem Grund ihres Handelns keine oder eine unzutreffende Auskunft. Durch intensives Zureden gelang es jedoch, die Erinnerung an das in der Hypnose Vorgefallene wieder zu wecken. Ohne Hypnose, durch bloßes Zureden, war also eine unbewußte Vorstellung bewußt geworden.

Freud wußte schon, daß man durch Bewußtmachung unbewußter Vorstellungen Heilung von Kranken erzielen könne. Nun hatte er gelernt, daß zu diesem Zwecke die Hypnose entbehrlich sei, dringendes, beharrliches Zureden genüge.

Hier ist schon Freuds Arbeitsgebiet abgesteckt, seine Methode im Keim schon entwickelt: Das Bearbeitungsgebiet <!-- S. 14 --> ist das unbewußte Seelenleben, und die Methode besteht darin, Unbewußtes durch Zureden bewußt zu machen.

Die Psychoanalyse war also zunächst – und ist vorzüglich auch bis heute – eine Methode, nervöse Erkrankungen zu heilen. Freud behandelte nun seine Patienten nach dieser Methode und gewann aus der Praxis nach und nach all jene neuen Einzelerkenntnisse, die den vielzelligen Organismus seiner Lehre bilden.

Er machte zunächst die Erfahrung, daß die Kranken unaufgefordert sehr viel von sich erzählten, Wichtiges und Unwichtiges in endlosem Durcheinander. Zum Zuhören gezwungen, verzichtete Freud nach und nach auf das intensive Zureden und versuchte aus den planlosen Mitteilungen das für ihn Wichtige, mit der Krankheit in Zusammenhang Stehende herauszuhören. Denn was erzählt wurde, war ja nur äußerlich planlos. Diese „freiaufsteigenden Einfälle“ waren nach Freuds Erkenntnis streng determiniert, hingen vom Unbewußten her wie Glieder einer Kette ineinander. Freud ging von der Voraussetzung aus, daß alles Gesagte einen Sinn habe, und daß, wenn sich die Einfälle länger und unendlich aneinanderfügten, assoziierten, schließlich das Wesentliche aus dem Unbewußten auftauchen werde.

Durch die Beschäftigung mit diesen freien Assoziationsreihen gelangte Freud zur Beobachtung von Erscheinungen, die Kranken und Gesunden gleichermaßen <!-- S. 15 --> zugeschrieben werden können. Das ist das Vergessen, Verlegen, Sich-Versprechen, Verschreiben, Verhören, Verlieren, alles, was man als Fehlleistungen bezeichnet.

Das Kind, das sein Rechenheft „verliert“, der Erwachsene, der „vergißt“, ein entliehenes Buch zurückzugeben – sie sind nicht vom Zufall zum Verlieren und Vergessen veranlaßt worden. Hinter dem scheinbaren Unsinn steckt ein Sinn: das Kind hatte ein Interesse daran, sein Rechenheft zu verlieren, der Leser hätte das Buch gern für sich behalten. Aber ihr Bewußtsein hatte keine Kenntnis davon, sie waren vielleicht gar ärgerlich über ihr Mißgeschick. Vom Unbewußten her wirkte eine ihnen unbekannte Kraft.

Das sind harmlose Dinge, und wenn man den säumigen Entleiher scherzhaft auf den wahren Grund seiner Vergeßlichkeit aufmerksam macht, wird er sich nicht sonderlich zu schämen haben. Schon unangenehmer ist es, wenn einem Professor bei seiner Antrittsrede folgendes Versprechen passiert: „Ich bin nicht geneigt, die Vorzüge meines sehr geschätzten Vorgängers zu würdigen.“ Er wollte „geeignet“ sagen und wird sehr empört sein, wenn man ihm mitteilt, daß er durch den lapsus linguae seine wahre Gesinnung verraten habe. Denn so ist es: was an Stelle der beabsichtigten Leistung tritt, die Fehlleistung, ist nicht sinnlos. Man kann sich mit gutem Erfolg nach ihrem Woher und Wozu fragen. Nun muß man aber <!-- S. 16 --> die Menschen, die Fehlleistungen begehen, in zwei Gruppen teilen: manche, auf den „Sinn“ ihres Handelns aufmerksam gemacht, gestehen zu, daß ähnliche Wünsche und Gesinnungen sich einmal bei ihnen geregt haben; die andern lehnen es entrüstet ab, zu glauben, daß in ihnen so unschöne, kleinliche, egoistische Strebungen ihr Wesen treiben. Sie wissen einfach nichts davon. Denn dies alles spielt sich im Unbewußten ab und wird an der Bewußtseinsschwelle von einem Wächter oder Zensor zurückgewiesen. Oder aber es wird, wenn es schon einmal im Bewußtsein war, wieder daraus entfernt. Es gibt also in der Seele verdrängte Vorstellungen, von denen das Bewußtsein keine Kenntnis hat, die aber dennoch vom Unbewußten her wirken. Man kann sich das zum besseren Verständnis in einem räumlichen Bilde vor Augen führen: die Seele, das Psychische als eine Wohnung; darin das Bewußtsein als gute Stube, das Unbewußte als ein dunkles, geräumiges Vorzimmer. Ungebetene Gäste, das heißt alle Triebe, Wünsche und Strebungen, die im Salon nicht genehm sind, werden nicht vorgelassen, die, die sich doch eingeschmuggelt hatten, wieder entfernt, „verdrängt“.

Da die Verdrängung in der psychoanalytischen Theorie und Praxis eine hervorragende Rolle spielt, scheint es geboten, sich etwas näher mit ihr zu beschäftigen. Dabei werden sich die übrigen Grundpfeiler der Psychoanalyse vor unseren Augen aufrichten.

<!-- S. 17 -->

Hat man also die Tatsache der Verdrängung akzeptiert als einen (bis auf Freud unentdeckten) seelischen Vorgang von großer Bedeutung, so ergeben sich zunächst vier Fragen:

Was wird verdrängt?<br>
Warum wird es verdrängt?<br>
Wer verdrängt es? und<br>
Was wird aus dem Verdrängten?

Also zunächst: was wird verdrängt? Setzen wir den Schlußpunkt aller psychoanalytischen Erklärungen an den Anfang und konstatieren wir: sexuelle Wünsche. Zwar finden sich im Unbewußten auch andere Tendenzen vor: egoistische, macht- und sogar vernichtungslüsterne. Aber wenn man näher zusieht (so lehrt die Psychoanalyse), sind sie alle irgendwie vom Sexuellen hergekommen. Im Unbewußten finden sich all die sexuellen Wünsche, die wir als pervers zu bezeichnen gewohnt sind: Wünsche, die sich auf Personen des gleichen Geschlechts lenken (homosexuelle), solche, die auf Qual und Schmerz des geliebten Objekts abzielen (sadistische), solche, die von der eigenen Person Befriedigung erwarten (autoerotische oder onanistische), solche, die den Verkehr mit nahen Blutsverwandten, Eltern, Kindern, Geschwistern ersehnen (inzestuöse) und viele andere.

Gegen diese nackte Konstatierung werden sich beim Leser Abwehrgefühle erheben. Es ist nicht angenehm, zu hören, daß man all das, was man bei andern mit <!-- S. 18 --> moralischer Entrüstung zu verdammen pflegt, mildesten Falles mit Krankheit und als Ausnahme entschuldigt, selbst in sich tragen solle, ohne darum zu wissen. Die Psychoanalyse sagt: diese Wünsche sind allgemein menschlich. Beim Normalen werden sie verarbeitet, überwunden. Beim Perversen jagen sie bewußt ihrer Befriedigung nach und genießen sie, wo sie zu finden ist. Beim Nervösen und Kranken werden sie verdrängt ins Unbewußte. Das Vorhandensein solch illegitimer Wünsche ist also nicht Anzeichen verderbten Charakters oder unnatürlicher Anlage, sondern ein Überbleibsel aus der Kinderzeit. Freud hat die Bedeutung der unbewußten Sexualwünsche aus der Ähnlichkeit zwischen hysterischen Symptomen und sexuellen Spannungs- oder Entspannungszuständen erschlossen. Er hat aber weiterhin den Begriff „Sexualität“ außerordentlich erweitert und subsumiert darunter nicht nur den Geschlechtsverkehr, der mit der Fortpflanzung verknüpft ist, sondern alle Spielarten des auf Lust gerichteten Triebes.

Die Sexualität fährt nicht erst zur Zeit der Reife in die Menschen hinein, „wie der Teufel in die Säue“, sondern sie ist angeboren und erscheint nur in mannigfach verschiedenen Ausdrucksformen. Das kleine Kind ist „polymorph pervers“, es zieht Lustgefühle aus allem, dessen es habhaft werden kann, vornehmlich aus dem eigenen Körper. Alle Vorgänge des kindlichen <!-- S. 19 --> Seelenlebens, die man bis dato als unwichtige, harmlose Spielerei angesehen oder überhaupt nicht beachtet hatte, gewinnen im Lichte der Psychoanalyse eine sexuelle Bedeutung. Alles, was sich am eigenen Körper oder am Körper der umgebenden Personen irgendwie zum Lutschen oder Betasten eignet, wird als Lustquelle ausgebeutet und gilt als erogene Zone. So ist Mund, Brust, ja die Schleimhaut des Afters dem Kinde, das noch nicht zum „Genitalprimat“, zur Beherrschung des Sexuallebens durch die Zone der Geschlechtsorgane, gereift ist, Erreger von Lustgefühlen. Beim Gesunden verläuft der Prozeß so, daß nach der Pubertät die Sexualität „normal“ wird, das heißt, in die Bahnen der Fortpflanzungstendenz einlenkt. Der Nervöse oder Kranke aber gelangt zu diesem Ziel nur auf Umwegen oder überhaupt nicht. Bei ihm sind jene infantil sexuellen Züge nicht verarbeitet worden; weil sie in der Wirklichkeit nicht auf ihre Rechnung kommen können, werden sie verdrängt. Dies ist schon die Antwort auf die zweite Frage nach dem Wesen der Verdrängung; sie lautete: warum wird verdrängt? Es wird verdrängt, weil in der Wirklichkeit sexuelle Wünsche und Triebe gewisser Art nicht zur Befriedigung gelangen können (oder, bestenfalls, nur auf Kosten der eigenen oder einer fremden Person). Die Wirklichkeit, das Leben, die Gesellschaft, steht als konstante, unverrückbare Kraft der Abwehr da. Triebe, die ihrem Bestand Gefahr drohen, müssen verdrängt <!-- S. 20 --> werden. Die Wirklichkeit wehrt sich ihrer Haut mit Hilfe der Verdrängung.

Die Wirklichkeit (so genannt als vorläufige Repräsentantin alsbald näher zu beschreibender Kräfte) kann sich auch noch anders helfen: indem sie die überständigen Sexualwünsche verarbeitet und in sich eingliedert. Nur, wo dies (aus noch zu erörternden Gründen) mißlungen ist, wird die Verdrängung als Waffe verwendet.

Um für den Konflikt zwischen Sexualtrieben und Wirklichkeit, der die Verdrängung zur Folge hat, eine weltanschauliche Begründung zu finden, dachte Freud sich an den Anfang aller Menschheitsgeschichte zurück und kam zu der Erkenntnis: am Anfang war das Lustprinzip. Alle Triebe des Menschen wollten nur Lust, schrankenlose Lust, gleichgültig, woher bezogen und welche Folgen nach sich ziehend. In der üppigen Vegetation des neolithischen Zeitalters – in dem der Mensch wohl zuerst die Stufe der Tierheit überwand – gab es noch keine Not. In jener Zeit, wo die Menschheit in der Überfülle einer unaufhörlich blühenden Natur keinen Deut ihrer Energie für anderes als Lustgewinnung verausgaben mußte, stand das Lustprinzip noch nicht im Gegensatz zum Triebe der Selbsterhaltung.

Erst mit der Zunahme der Menschenzahl, mit der Abkühlung der Erde und der daraus folgenden Knappheit an Lebensgütern trat die Not an den Menschen <!-- S. 21 --> heran mit dem kategorischen Befehl: passe dich an, sonst mußt du untergehn. Ein Teil der menschlichen Triebe fügte sich dem Gebot und entwickelte nach und nach Sprache, Denken, Vernunft, Arbeit, Wirtschaft und Kultur als Sicherungen des Lebens. Diese Triebkomponente nahm sozusagen Vernunft an und unterwarf sich freiwillig der Lebensnot, und das Streben nach Lust trat einstweilen oder auch endgültig hinter dem Streben nach Selbsterhaltung zurück. Zum Lustprinzip gesellte sich das Realitätsprinzip, Einfluß nehmend auf den weiteren Verlauf der Dinge. Und nur ein Teil der menschlichen Seele blieb fernerhin besetzt mit ungebärdigen Trieben, die mit der Wirklichkeit kein Kompromiß schließen wollten, die nichts weiter erstrebten, als rücksichts- und schrankenlose Befriedigung ihrer Lust. Es waren die Sexualtriebe, die sich so dem Gebot der Wirklichkeit entzogen und bis heute unter der Diktatur des Lustprinzips stehen.

Da mußte es zum Kampf kommen. In unserm harten, beschränkten und dürftigen Leben können nicht immer die Forderungen der Lust und die Forderungen der Notwendigkeit gleichermaßen erfüllt sein. Daraus ergibt sich die Antwort auf die dritte Frage nach dem Wesen der Verdrängung. Sie lautete: Wer ist der Urheber der Verdrängung? All das, was für die Erhaltung des Lebens kämpft, unbeschadet von Lust oder Unlust, hat Freud zusammenfassend die Ichtriebe genannt. Sie sind größtenteils im Bewußtsein verankert <!-- S. 22 --> und üben die Kontrolle aus über die unbotmäßigen Triebe im Dunkel der Seele, in jenem großen Raum des Unbewußten. Alle die Triebe, die sich nicht haben fügen wollen, hat Freud mit dem Namen Libido zusammengefaßt. Libido (lateinisch: Drang, Begehren) ist für die Sexualtriebe das, was der Hunger für die Eßtriebe: der Weg von der Lust zur Sättigung. Libido ist das Streben nach sexueller Befriedigung. Den Entwicklungsgang dieser Libido schildert nun Freud folgendermaßen:

Die Libido wird mit dem Menschen geboren. Ihre erste, früheste Befriedigung findet sie im Saugen an der Mutterbrust; auch die Vorgänge bei der Harn- und Stuhlentleerung wecken beim Kinde Lustgefühle. Zwei schreckliche Erfahrungen bringt die Realität des Lebens schon an den kleinen Menschen heran: die Mutterbrust wird ihm entzogen, und er muß sich gewöhnen, seine Bedürfnisse zu geregelten Zeiten und ins Gefäß zu verrichten. Zum ersten Male wird hier das Lustprinzip vom Realitätsprinzip besiegt. <!-- Corregido según la fe de erratas del impreso (papeleta pegada al pie de la p. 22: «Seite 22, Zeile 19/21. Der Satz muß lauten: …»); antes decía: «Das erstemal wird hier das Lustprinzip gegenüber dem Realitätsprinzip siegreich.» --> Nun wird die Libido auf die eigene, kindliche Person zurückgeworfen, das Kind lutscht und spielt am eigenen Körper, vornehmlich an den Geschlechtsteilen. Es ist autoerotisch geworden und befriedigt sich selbst. In einer folgenden Phase ist die Libido auf die Personen der nächsten Umgebung, vor allem auf die Eltern gerichtet. Es ist die inzestuöse, die „blutschänderische“ Phase. Hier tritt im Keim schon das <!-- S. 23 --> auf, was sich hinter dem Schlagwort „Ödipuskomplex“ verbirgt. Ödipus ist jener König der griechischen Sage, der unter einem dunklen Zwange den Vater ermordet und die Mutter zur Frau nimmt. Jeder Knabe, so lehrt Freud, begehrt die Mutter zu geschlechtlichem Umgang und will den Vater, der der Erfüllung seiner Wünsche im Wege steht, vernichten. Beim Mädchen dagegen besteht der Wunsch, den Vater zu besitzen und deshalb die Mutter zu beseitigen. Alsdann folgt die zweite autoerotische Phase, die bis zur Pubertät andauert. Kurz vor der Pubertät treten dann noch homosexuelle Neigungen auf. Verläuft der Prozeß normal, dann mündet die Libido nach ihren abenteuerlichen Fahrten in den Hafen der sogenannten normalen Geschlechtlichkeit. Sie sucht und findet ihre Objekte im andern Geschlecht und betätigt sich im engeren Sinne, nämlich in einem Sexualverkehr, der innerlich mit der Fortpflanzungstendenz verknüpft ist. Aber nicht immer kommt die Libido so glatt zu ihrem Ziel. Ihren nicht normalen programmatischen Ablauf sinnfällig darzustellen, gibt Freud den folgenden Vergleich: Bevor die Menschheit seßhaft wurde, zog sie in großen Trupps auf der Erde umher. Man nehme nun an, ein Zug habe sich, etwa von Skandinavien kommend, Italien zum Wanderziele gesetzt. Unterwegs werden aus verschiedenen Gründen, sei es aus Ermüdung, aus mangelnder Kraft gegen die Unbilden der Witterung oder aus besonderer <!-- S. 24 --> Vorliebe für eine schon erreichte Raststation, Teile des Trupps das Weiterwandern aufgeben und sich etwa schon in Norddeutschland, Süddeutschland, der Schweiz niederlassen. Setzt man nun anstatt Menschentrupp das Wort: Libido, so versteht man den Freudschen Begriff der „Fixierung“, das heißt: das Haltenbleiben an einem Punkte vor dem Ziel. Die Libido ist aus irgendwelchen Gründen ganz oder teilweise an einem oder dem andern Punkt ihrer kindlichen Wanderung fixiert worden, halten geblieben: sei es auf der Stufe der sogenannten sadistisch-analen Befriedigung, wo Lustgefühle einstmals an die Tätigkeit des Darms und der Harnblase und an die Schädigung fremder Objekte geknüpft waren, sei es beim Autoerotismus, der Selbstbefriedigung, oder bei der sexuellen Liebe zu Mutter oder Vater. – Wir setzen unser Gleichnis fort: Der andere Teil des Volksstammes ist weitergewandert und stößt im endlich erreichten Italien auf feindliche Völker, oder auf einen unfruchtbaren Landesteil, oder kommt in eine schreckliche Regenperiode. Ersetzt man nun wiederum „Volksstamm“ durch „Libido“, so versteht man, was Freud mit der sogenannten äußeren Versagung meint: die Wirklichkeit entspricht nicht den Forderungen der Libido, wenn diese glücklich bei ihr angelangt ist. Entweder der Jüngling findet keine passende Frau, oder der Geschlechtsverkehr wird durch äußere Umstände unmöglich gemacht, und anderes mehr.

<!-- S. 25 -->

Dritte Phase der (als Gleichnis verwendeten) Völkerwanderung: der solchermaßen gehinderte Volksstamm tritt den Rückzug an. Dieser Rückweg wird ihn wohl zu denjenigen Volksgenossen führen, die seinerzeit weiter nördlich zurückgeblieben sind, denn von ihnen darf er Hilfe oder Aufnahme in ihre Siedlung erwarten. Genau so ergeht es der Libido; der Rückzug führt sie zu den schon verlassenen Stufen infantiler Sexualität, wo Teile der Libido sich früher schon fixiert hatten. Der psychoanalytische Fachausdruck nennt diesen Rückzug „Regression“. Durch die Vereinigung von falsch fixierter und in Regression an die Fixierungspunkte gelangter Libido auf einer infantil-sexuellen Stufe erklärt also Freud die abnormalen, perversen Geschlechtswünsche (und eventuellen Betätigungen in diesem Sinn) und die totale oder partielle Unfähigkeit zum normalen Geschlechtsverkehr.

Dringt nun dieser Tatbestand ins Bewußtsein und erzwingt er sich tatsächliche Konsequenzen, so kommt das zustande, was man landläufig unter einem sexuell Abnormalen versteht: ein Sadist, ein Onanist, ein Mensch, der seine Sexualbegierde durch Beschauen, Befühlen, Betasten stillt, ein Homosexueller, ein an Vater oder Mutter gebundener „Ödipus“, alle die vielen Spielarten bis hin zum Fetischisten und Nekrophilen. Diese Auswirkung der falsch fixierten und durch Regression versagter Teil-Libidos verstärkten Triebe im Tatsächlichen erschöpft aber nur eine Möglichkeit. <!-- S. 26 --> Eine andere kommt dort in Betracht, wo die Ichtriebe jener „entarteten“ Libido den Zutritt ins Bewußtsein weigern, sie „verdrängen“. Dann entsteht kein perverser, sondern ein nervöser, kranker Mensch. Dies ist die Antwort auf die vierte Frage nach dem Wesen der Verdrängung: was wird aus dem Verdrängten? Es ist ja nicht tot; es ist nur fort. Ein Beispiel wird illustrierend wirken: man nehme an, ein schwefelhaltiger Strom flösse unterirdisch dem Meere zu. Unterwegs würde er durch allzu hartes Gestein angehalten und zur Stauung gebracht. Bei dieser Stauung bildeten die angehaltenen mit den nachdrängenden Gewässern allmählich einen Schwefelsee. Davon weiß man zunächst gar nichts, denn alles findet ja unter der Erde statt. Aber nach Jahr und Tag merkt man, daß da oben nichts mehr wächst – kein Gras, kein Korn. Man gräbt nach und findet den Schwefelsee. Von all den unbekannten, unbewußten Fluß- und Stauungsprozessen der Libido (zu deren Veranschaulichung der Vergleich nur dienen sollte) nimmt man nichts wahr als ein Anzeichen, ein Symptom. Der Forschung, der Analyse, obliegt es, den Ursprüngen des Symptoms nachzugehen, sie abzustellen und damit das Symptom und die Krankheit, sowie die Möglichkeit ihrer Wiederkehr zu tilgen. Als Antwort auf die Frage nach dem weiteren Schicksal des Verdrängten läßt sich also formulieren: aus dem Verdrängten werden Symptome.

<!-- S. 27 -->

Man halte sich hier zum besseren Verständnis vor Augen, daß die Psychoanalyse aus der Heilbehandlung von Hysterikern entstanden ist, also aus der Beschäftigung mit Kranken, die zwar Symptome (Schlafwandeln, Lähmungen, Sprach- und sonstige Funktionsstörungen), aber keine Krankheitserreger aufweisen. Die Forschung konnte und mußte daher am Symptom anknüpfen. Die Psychoanalyse kam aus dem Studium hysterischer Symptome zu der Erkenntnis: das Symptom ist eine Ersatzbefriedigung für versagte Lust. Auf den ersten Blick scheint diese Behauptung nicht sehr plausibel. Die Kranken kommen zum Arzt, weil sie leiden, weil sie ihr Symptom los sein wollen, und da soll dieses Symptom nur ein verkapptes Lustobjekt sein? Vielleicht wird ein Beispiel den Mechanismus: Trieb–Verdrängung–Symptom, etwas deutlicher machen. Ein Mann hat seine homosexuellen Neigungen (Fixierung und Regression an infantile Sexualstufen) aus dem Bewußtsein verdrängt. Sein unbewußter Wunsch geht darauf, der Frau, mit der er lebt und deren Umgang ihn nicht befriedigt, ledig zu sein, um sich dann der Verfolgung seiner Triebe ungehemmt hingeben zu können. Er würde sogar daran denken, sie zu ermorden, wenn nur die Zensur diese Gedanken aus seinem Unbewußten herausließe. Innerhalb des Bewußtseins findet er bloß einen Zwang, sich selbst zu morden, ergreift dazu jede Gelegenheit, so daß er von seinen Verwandten zum Arzt gebracht <!-- S. 28 --> werden muß. Das Symptom ist also Selbstmordzwang (mit dem Namen „Zwangsneurosen“ sind alle nervösen Erkrankungen gemeint, die sich durch eine dem Kranken selbst unerklärliche, lästige, oft sinnlose Zwangshandlung oder Zwangsunterlassung kundgeben). Die Ursache ist die verdrängte Homosexualität. Entstellt, verdreht und verschoben von den zensurierenden Ichtrieben (die ein Greuel wie Mordabsicht nicht über die Bewußtseinsschwelle lassen und sie in Selbstmordabsicht umwandeln), erscheint so die sexuelle Befriedigung in Gestalt des neurotischen Symptoms. Jedes Krankheitssymptom ein Ersatz für eine nicht gelungene Triebbefriedigung.

Aus diesem Gesichtspunkt ist nun auch erst der Widerstand zu verstehen, den der Kranke dem Arzt entgegenbringt. Die Kranken wollen zwar ihre Leiden, ihre Symptome verschwinden machen, darum kommen sie ja zum Arzt. Dennoch setzen sie einem glatten Verlauf der Behandlung immer einen Widerstand entgegen; sie weigern sich, Aufklärungen zu geben, Deutungen und Ratschläge des analysierenden Arztes anzunehmen, machen allerhand Schwierigkeiten, indem sie zu spät kommen, die Sprechstunde versäumen, die Kur unterbrechen oder den Arzt insultieren. Nun hätten logischerweise die verdrängten Triebe alle Ursache, zu ihrer Befreiung selbst beizutragen. Am Widerstand trägt der andere Kampfpartner Schuld, die Ichtriebe. Es ist ihnen seinerzeit gelungen, die Libido <!-- S. 29 --> zu verdrängen, ihr später im Symptom eine Möglichkeit ungefährlicher Befriedigung zu bieten, die ungebärdigen Triebe ins gebahnte Bett der Krankheit hineinzukanalisieren. In dem Symptom ist aber auch die Libido auf ihre Rechnung gekommen, weil sie darin eine Ersatzbefriedigung für die versagte Lust fand. Das Symptom ist also das Ergebnis eines Kompromisses zwischen Libido und Ichtrieben. Der Widerstand aber rührt allein vom Ich her, das nicht zulassen will, daß die kanalisierte Libido wieder in Freiheit gesetzt wird.

Mit der Lehre vom Widerstand ist der Übergang von psychoanalytischer Theorie zu psychoanalytischer Praxis gefunden. Die Therapie sucht zuerst die Verdrängung auf, macht das Unbewußte wieder (oder erstmalig) bewußt. Es wird dem Kranken aufgezeigt, daß die Ursache seiner Leiden in einem Konflikt zwischen unbewußt strömender Libido und das Bewußtsein beherrschenden Ichtrieben bestehe. Durch die Analyse wird Dasein und Ablauf seiner Libido dem Kranken bewußt gemacht, damit die zwei Kräfte nun auf gleichem Kampfboden, innerhalb des Bewußtseins, gleichsam unter den Augen des Kranken, aufs neue zum Gefecht antreten und dann einen ehrenvollen Frieden schließen. Der erledigte und verdrängte Prozeß wird zur Revision gebracht. Als ein neues Moment tritt die Mahnung hinzu, daß die damalige Konfliktlösung ja zur Krankheit geführt habe, die Ermunterung, <!-- S. 30 --> daß eine neue Entscheidung die Genesung herbeiführen werde, und die Erinnerung daran, daß sich alle Lebensverhältnisse, wie auch die Kräfte des Patienten seit dem ersten Konflikt wesentlich günstig geändert haben, daß kein Anlaß mehr vorliege, auf infantilen Stufen der Sexualität sitzen zu bleiben, woraus sich Verdrängung, Krankheit und allerlei Irrwege ergeben haben.

Gegen eine so gesinnte Beeinflussung macht nun der Patient den schon beschriebenen Widerstand geltend. Das zweite Hauptstück der psychoanalytischen Kur ist daher die Entlarvung dieses Widerstandes als einer Spiegelfechterei des Ichs, das ein Interesse an der Aufrechterhaltung seines Werkes hat. Man besiegt den Widerstand, indem man ihn einreiht in die Folge der neurotischen Mittel und ihn auf das Unbewußte zurückführt, daraus er entsprungen ist. Nun sollte die Heilung gelungen sein. Da bemerkt man, daß, während man die alte Neurose bekämpfte, eine neue Neurose sich eingenistet hat. Man nennt sie die Übertragung und versteht darunter die Neigung des Patienten, all jene bisher unbewußten, verdrängten, nun durch die Kur befreiten sexuellen Wünsche auf die Person des Arztes zu applizieren. Der Arzt steht für Vater oder Mutter und wird je nach der Sachlage mit leidenschaftlicher Liebe oder mit fanatischem Hasse belegt. Hört die Behandlung nach dem Aufhellen der Verdrängung und des Widerstandes, aber vor dem <!-- S. 31 --> Abbau der Übertragung auf, so ist die Kur mißlungen oder nur scheinbar gelungen. Man hat dem Patienten nur eine neue Krankheit für die alte gegeben. Denn da er den Arzt nicht erobern kann, sieht er sich vor die Notwendigkeit gestellt, die befreite Libido aufs neue in die Verdrängung zu weisen. Es gilt daher noch die Übertragung selbst zu analysieren und dem Patienten klar zu machen, wie die Bindung an den Arzt kein echtes Erlebnis, sondern nur Aufwärmung alter Konflikte sei. Nachdem man auch diese zweite, künstliche Neurose, die Übertragung, aufgedeckt und damit vernichtet hat, muß sich die freigemachte Libido nun ihren Weg suchen. Ein vorwiegendes Mittel, die Libido so zu placieren, daß sie nicht wieder mit den Ichtrieben in Konflikt kommt, ist die Sublimierung. Das ist die Entsexualisierung der Sexualität, die Objektfindung auf Gebieten der Kunst, Kultur, Wissenschaft, Humanität. Alle Kultur ist eigentlich, nach Auffassung der Psychoanalyse, aus verdrängter und dann sublimierter Libido entstanden.

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Nachdem die theoretischen Erkenntnisse und praktischen Anwendungsmöglichkeiten der Psychoanalyse aufgezeigt worden sind, bleibt noch die Aufgabe, den Weg darzustellen, auf dem diese Erkenntnisse gewonnen und ihre Anwendbarkeit erprobt wurde.

Aus der medizinischen Praxis, aus dem Umgang mit seinen Patienten war Freud die Bedeutung der freiaufsteigenden <!-- S. 32 --> Einfälle, der freien Assoziationsreihen aufgegangen. Ebenso aus der Praxis heraus kam Freud zur Würdigung der Träume und zum Verständnis der Rolle, die der Traum im Leben von Kranken und Gesunden spielt. Wie jeder scheinbar zufällige Einfall, jede Fehlleistung, so hat auch jeder Traum einen vom Unbewußten her determinierten Sinn. Nachdem die Theorie der Psychoanalyse schon erörtert worden ist, ergibt sich ohne weiteres die Ergänzung: einen sexuellen Sinn. Die Symptome sind erkannt worden als entstellter Ersatz für eine versagte Triebbefriedigung. Was das Symptom für den Wachzustand, das ist der Traum für den Schlaf: ein Behüter, eine Konfliktlösung, eine Wunscherfüllung. Jeder Traum die Erfüllung eines unbewußten Wunsches, Ersatz für eine Entbehrung im wirklichen Leben.

Der Prozeß des Traumes wird zu näherem Verständnis in drei Teile zerlegt: in latente Traumgedanken, Traumarbeit und manifesten Traum. In den latenten Traumgedanken finden sich Erinnerungsstücke aus vorausgegangenen Erlebnissen, die sogenannten „Tagesreste“, und verdrängte Sexualwünsche aus der Kinderzeit. Diese Wünsche sind dem Bewußtsein nicht genehm und dürfen daher nicht unverhohlen im Traume zum Ausdruck kommen. Sie zu entstellen ist das Geschäft der Traumarbeit.

Die latenten Traumgedanken werden unkenntlich gemacht durch Verschiebung des Akzents von einem <!-- S. 33 --> wichtigen auf einen unwichtigen Traumgedanken, Verschiebung des ganzen Gedankens auf einen seiner Teile, logische oder wörtliche Anspielung auf das, was die latenten Traumgedanken enthalten, symbolische Darstellung der zensurierten Wünsche, Setzung einer konkreten Wortbedeutung an Stelle einer abstrakten etc. So verschleiert und abgewandelt erscheint Wunsch und halluzinierte Wunscherfüllung im manifesten Traum, das heißt in dem, was wir wirklich träumen und auch erinnern und was uns so unsinnig und zusammenhanglos erscheint, wie nur irgendein hysterisches Symptom. Bei Symptom wie Traum spielt (wie in der Neurose überhaupt) die Angst eine große Rolle. Sie wird immer da entwickelt, wo die Entstellung der verbotenen Wünsche nicht voll gelungen ist, und hat die Funktion, durch Schuld- und Unlustgefühle den Lustgewinn vor dem zensurierenden Bewußtsein zu verhehlen. Angst ist immer Bereitschaft gegen eine drohende Gefahr. Die Realangst, die begreifliche Angst, ist an eine äußere Gefahr geknüpft. Die neurotische Angst ist Bereitschaft gegen innere Gefahr, Schutzwall gegen anstürmende Libido, und erscheint dem Beobachter nur so lange grundlos, als er noch keine Kenntnis von der Existenz eines Unbewußten hat, und von dem, was es in seinen Tiefen verborgen hält.

Wie die freien Assoziationen und die Fehlleistungen, die an nichts Bestimmtes anknüpfen, verwendet der <!-- S. 34 --> Psychoanalytiker auch die Traumdeutung und die dazu gehörigen Einfälle des Träumers als Handhaben, um in das Unbewußte einzudringen und die dort tobenden oder falsch gelösten Konflikte ans Tageslicht des Bewußtseins zu bringen.

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In einer elementaren Einführung ist es unmöglich, die Vielheit der Forschungsergebnisse und Erkenntniswege anders als ganz summarisch abzuhandeln, und unvermeidlich, daß dabei manches Stück aus Theorie und Praxis zu kurz kommt oder ganz wegfällt. Wer eine erschöpfende Darstellung sämtlicher psychoanalytischer Probleme und Problemlösungen wünscht, möge sich in der am Ende des Buches angegebenen Literatur näher informieren. Hier konnte es sich nur darum handeln, einen Überblick zu geben, dergestalt, daß der noch uneingeweihte Leser das Wesentliche zu hören bekam, ohne doch durch die Vielheit der neuen Begriffe und Fachausdrücke verwirrt zu werden.

Die innere Dynamik der Psychoanalyse, die von der Praxis des Einzelfalles zur Feststellung allgemeiner Tatsachen, zu deren Deutung und zur Errichtung eines neuen Weltbildes führt, um mit dem Rüstzeug aus neuen Erkenntnissen wieder zum einzelnen Fall zurückzukehren, wurde aufzuzeigen versucht. Eine Kritik der einzelnen Punkte bleibt dem letzten Kapitel vorbehalten.

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## Individualpsychologie

Die gesamte moderne Wissenschaft ist aufgebaut auf dem Prinzip der Kausalität. Hat man die Ursachen aufgespürt, die eine Erscheinung veranlassen, die Bedingungen kennengelernt, unter denen ein Phänomen zustande kommt, so meint man, die Erscheinungen restlos erklären zu können. Diese kausale Betrachtungsweise, stets schon üblich in der Physik und Mathematik, ist (seit Darwins Theorien von Abstammung und Entwicklung) von seiten der Wissenschaft nun auch auf menschliches Wesen und Geschehen angewandt worden. Über die kausale Betrachtung des Körpers hinaus hat sich auch die Psychologie in der Erforschung seelischer Vorgänge kausal eingestellt.

Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, gelangte – wie Freud – zu seinen Forschungsergebnissen von der medizinischen Heilbehandlung der nervösen Krankheiten her. Sehr bald kam er zu der Einsicht, daß eine rein kausale Betrachtung der nervösen Krankheiten ihm keine genügende Handhabe zu deren Heilung bot. Er konstatierte: natürlich ist es richtig, daß Krankheiten aus schädlichen Veränderungen im Körper – oder auch in der Seele – herrühren. <!-- S. 36 --> Aber damit, mit diesem „Woher“, kann ich nichts anfangen, da ich ja nicht imstande bin, die jedesmalige Krankheitsursache abzustellen und eine künftige unwirksam zu machen. Ich muß mich, außer nach den Ursachen, dem „Woher“ einer Krankheit, auch noch nach ihren Zielen, ihrem „Wohin“ erkundigen. Die Betrachtungsweise, die die Erscheinungen aus ihren Ursachen und ihren Zielen zu erklären versucht, nennt Adler die kausal-finale. Finis bedeutet lateinisch dasselbe, wie griechisch telos; nämlich Zweck, Ende. Die teleologische Betrachtungsweise jedoch sieht den Ablauf alles Geschehens an einen von außen an den Menschen herangetragenen Zweck geknüpft (von Gott, der Notwendigkeit, der Sittlichkeit und so weiter. In diesem Sinne gälte ihr eine Krankheit als Läuterung, Prüfung, Strafe und fände aus solchem Zweck auch ihre ausreichende Erklärung); sie ist nach einem „Wozu“ orientiert, während die finale Betrachtungsweise die Richtung der Geschehnisse auf einen von Menschen selbst vor sich hingestellten Zweck (oder vielmehr ein Ziel), auf ein „Wohin“ voraussetzt.

Es handelt sich also nach der Adlerschen These nicht nur darum, die Ursachen einer Krankheit, in weiterem Sinn eines Vorganges am Menschen überhaupt, zu kennen, sondern man muß die Ziele verstehen. Auch zum Verständnis der Nervösen gehört ein Vertrautsein mit ihrer gesamten Lebensrichtung.

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Der Mensch, hineingestellt in eine übermächtige Welt und Natur, in eine Fülle von Dingen und Ereignissen, muß sich, bei Gefahr des Untergangs, eine Übersicht über diese Mannigfaltigkeit schaffen, sich in ihr orientieren. Dieser Orientierung dient die menschliche Psyche, das ist die Gesamtheit aller seelischen und geistigen Inhalte und Vorgänge, als ein Organ der Sicherung. Mit dieser Psyche wird vorausgedacht, vorausgearbeitet, werden Wege ins Leben gebahnt. Um nun auf diesen Wegen einige Anhaltspunkte als Stützen zu gewinnen, schafft die Psyche sich gewisse Fiktionen, nützliche Annahmen. Solche Fiktionen des normalen Denkens sind zum Beispiel Raum, Zeit, Freiheit, Vollkommenheit, Ideal; ob diesen Vorstellungen ein Wirkliches entspricht, ist gleichgültig und geht die Philosophie an. Hauptsache, daß sie beim Zurechtfinden in der Vielfalt des Lebens gute Dienste tun, dazu verhelfen, daß man das Leben inmitten von Fährnissen und Fremdheiten ein wenig dirigieren, ordnen und vorausberechnen kann. An Hand dieser Fiktionen wird es möglich, sich durch das Leben einen Weg zu bahnen, der in einer bestimmten Richtung, im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel verläuft; zwar kausal bedingt, doch final orientiert. Lebensrichtung und Lebensziel sind somit seelische (wenn auch oft nicht bewußte) Inhalte, die allen Menschen gemeinsam sind. Worin der Nervöse und Kranke sich vom Gesunden unterscheidet, das ist die Ausgestaltung <!-- S. 38 --> seines Lebenszieles und Leitbildes und der zu ihm führenden Leitlinien.

Wie wir bei der Psychoanalyse verfahren sind, so wollen wir es auch bei der Individualpsychologie tun, indem wir das erfahrungsmäßig gewonnene Hauptstück ihrer Lehre apodiktisch an den Anfang setzen: das Ziel der Nervösen ist: mächtig, groß, überlegen, herrschend, ein Held zu sein. Der Neurotiker will ein Ideal, das er sich von der eigenen Person gemacht hat, will die Fiktion des Allmächtigen, Allüberlegenen, restlos Freien, des Helden ohne Furcht und Tadel durch seine Bemühungen in die Wirklichkeit umsetzen. Er nimmt seine Fiktion in schweren Fällen von Neurose wörtlich, ist überzeugt von der Realisierbarkeit seiner Ideale. In weniger krassen Fällen als diesen Formen des „Wahns“ handelt der Nervöse so, „als ob“ sein Ideal Wirklichkeit werden könnte. In jedem Fall verliert er den eigentlichen Sinn seiner, wie jeder, Fiktion aus den Augen, den Sinn, Stützpunkt und Anhalt bei der Lebensorientierung zu sein, ohne Anspruch auf reale Gültigkeit. Zu diesem Lebensziel und Leitbild gehört eine Lebensrichtung, eine Leitlinie, die nach dem Ziele hin verläuft. Sie geht von einem Zustand der Seele aus, mit dem wir uns nun näher zu beschäftigen haben, nämlich von dem Minderwertigkeitsgefühl.

Der Mensch tritt in die Welt ein als Kind; klein, schwach, hilflos, unwissend, unorientiert. Er findet <!-- S. 39 --> sich im Vergleich mit den Erwachsenen seiner Umgebung in jeder Hinsicht benachteiligt. Allein der Umstand des Kleinseins im Verhältnis zur Höhe und Kraft der Erwachsenen, die Tatsache, daß das kindliche Handeln durch Gebot und Verbot reguliert ist, während die Erwachsenen scheinbar, aus der kindlichen Perspektive gesehen, frei und willkürlich handeln dürfen, ist schon imstande, beim Kinde ein Gefühl des Zurückgesetztseins, der schlechteren Lebensposition zu erwecken. Hinzu kommen ererbte Schwächen und Defekte einzelner Organe, wie Schwäche und Minderwertigkeit des Magens und Darmapparates, der Sinnesorgane, der Atmungswege, Rhachitis und anderes. Diese angeborenen Schwächen bedingen für das Leben des Kindes eine erhöhte Schutzbedürftigkeit, die Entbehrung von Lust und Freiheiten, die den Erwachsenen und anderen gesunden Kindern zur Verfügung stehen. Tritt noch zu dieser natürlichen Benachteiligung die sozusagen künstliche, besser gesagt, soziologische einer verständnislosen, autoritativen Erziehung mit Befehlen, Strafen, Forderungen, Drohungen und Verboten und eine ungünstige ökonomische Situation, so sind alle Bedingungen vorhanden, um im Kinde eine ganz irrige Einschätzung seiner Kräfte entstehen zu lassen. Vom eigenen Körper in jeder Beziehung angefangen, über das Verhältnis zu Eltern und Erziehern bis zu seiner allgemeinen sozialen Lage, empfindet das Kind sich als „nicht entsprechend“. Es <!-- S. 40 --> glaubt sich untauglich, den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen, den Eltern, Geschwistern, der ganzen Umgebung unterlegen. Und als Gegenstück hierzu empfindet es die Erwachsenen, ja alle Menschen, die ganze Welt als mächtig, stark, feindselig, gefahrdrohend, überlegen. Aus dieser falschen, weil die Tatbestände stark übertreibenden Einschätzung seiner selbst und der Umwelt entwickelt sich so im Kinde ein mehr oder weniger deutliches Gefühl der Minderwertigkeit.

In seinem ersten Werke („Studie über die Minderwertigkeit von Organen“, siehe Anhang) hat Adler aufgezeigt, daß jedes von Natur minderwertige Organ im Gebiete des Biologischen die Tendenz hat, diese Minderwertigkeit auszugleichen, durch gesteigerte Leistung zu kompensieren. Das Zentralnervensystem übernimmt es, diesen Ausgleich zu bewerkstelligen, wenn die natürlichen Gegebenheiten des Organs nicht ausreichen. So sehen wir den stotternden Demosthenes zum größten Redner Griechenlands sich entwickeln, den gelähmten Stilicho zum mächtigen Feldherrn, den ohrenleidenden, später tauben Beethoven zum bedeutendsten Musiker. Die Kompensation findet auf dem Gebiete statt, wo die Minderwertigkeit liegt, und die natürlich schwache Leistungsfähigkeit wird zu künstlich erhöhter Leistung angespornt.

Ebenso ist es nun beim Kinde, nur daß sich sein Minderwertigkeitsgefühl nicht oder nicht ausschließlich <!-- S. 41 --> von einem Organdefekt herleitet, sondern seiner gesamten psychischen Situation, seiner Schwäche, Kleinheit, Zurückgesetztheit, Kränklichkeit entstammt. Aus dem Minderwertigkeitsgefühl ergibt sich das Streben nach Kompensation, Ausgleich. Aber das erschütterte Selbstgefühl ist nicht damit zufrieden, die scheinbar schiefen Wagschalen der Werte wieder gleichzustellen; es strebt nach einem Überausgleich, einer Überkompensation. „Ich bin der Schwächste – ich will der Stärkste werden.“ „Ich bin allen unterlegen – so will ich allen überlegen sein.“

Wahrnehmung und Denken des sich minderwertig empfindenden Kindes vollzieht sich in vereinfachenden Extremen. Als stärksten Gegensatz zur eigenen, wirklichen, niedrigst gewerteten Person schafft es sich ein ideales Leitbild. Meist ist es der Vater oder eine sonst im kindlichen Gesichtskreise hervorragende Persönlichkeit, ein Held aus dem Märchenbuch, oder gar der liebe Gott, dessen Züge dem Leitbilde angedichtet werden. Dieses Leitbild ist der Inbegriff alles dessen, was das Kind in der Zukunft von sich erwartet, erwünscht und erhofft. Um sein Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden, schafft es sich die Fiktion künftiger Mehrwertigkeit, die es über alle erhöhen soll, und strebt fortan mit allen Kräften dem Ziele der Überlegenheit zu. Eine Leitlinie beginnt sich schon im Kinde zu formen, die es von der vermeintlichen Minderwertigkeit zur erstrebten Höherwertigkeit führt; und <!-- S. 42 --> um diese Leitlinie in der Wirklichkeit verfolgen, an ihrer Hand einen Weg durch das Chaos des Lebens bahnen zu können, schafft das Kind sich seinen Lebensplan. Das Ziel, dem dieser Lebensplan angepaßt ist, wird vom Kinde in eine einfache, weil naheliegende Formel gebracht; sie lautet: „Ich will ein Mann werden!“ Das Vorbild des Vaters, älteren Bruders, Lehrers, Hausarztes wird maßgebend. Die Festlegung auf ein derartiges Vorbild ist begründet in unserer einseitig maskulin gerichteten Kultur, in der sozialen wie familialen Vorzugstellung des Mannes. Besonders bei Mädchen wird die angeborene Geschlechtszugehörigkeit als Makel und Unwert empfunden, wozu Äußerungen wie „du bist ja nur ein Mädchen!“ – „wärst du doch lieber ein Junge geworden!“ erheblich beitragen. Aber auch der Knabe ist nach dem Ideal orientiert, ein voller, ganzer, ein großer Mann zu werden, worauf wiederum unvernünftige Drohungen, wie „wenn du nicht folgst, wirst du dich in ein Mädchen verwandeln“ und so weiter, einen verstärkenden Einfluß ausüben können. Die weit verbreitete kindliche Unsicherheit über die eigene Geschlechtsrolle, die bei den meisten Kindern oft lange Zeit nicht klar erkannt und nicht als unabänderlich aufgefaßt und hingenommen wird, wirkt als ein Ansporn im Sinne des „männlich Werdens“. So wird das Gegensatzpaar männlich-weiblich ein bequemes Schema, um darin den Gegensatz zwischen der empfundenen Minderwertigkeit <!-- S. 43 --> und der ersehnten Macht und Größe festzuhalten. Ein ebensolches extremes Schema ist das Gegensatzpaar oben-unten. Mit zunehmendem Wachstum wird das Kind von der Schwerkraft unabhängiger, lernt aufrecht stehen und gehen und nähert sich so dem räumlichen „oben“ der Erwachsenen. Im übertragenen Sinne wird so alles Schlechte und Unliebsame mit „weiblich“ und „unten“, alles Begehrte und Gute mit „männlich“ und „oben“ gleichgesetzt, eine bildmäßige Auffassung, welche im Rahmen der kindlichen Geisteskräfte erlaubt scheint, aber gefährlich wird, wenn sie sich darüber hinaus als Apperzeptionsschema in den Lebensplan einnistet, Erfahrungen und Erlebnisse auch künftighin in das Prokrustesbett dieser Gegensätzlichkeit einspannend. Das Streben aus der Minderwertigkeit heraus zur Macht (oder wenigstens zum Schein der Macht hin) nennt Adler den männlichen Protest. Dieser männliche Protest wird von Knaben und von Mädchen erhoben.

Um das Ziel der Überlegenheit gewiß zu erreichen und den dahin führenden Lebensweg gegen Angriffe von außen gehörig zu sichern, werden nun eine Menge von Verhaltungsweisen, wie Trotz oder Gehorsam, übergroße Offenheit oder krasse Lüge, derbes Drauflosgehen oder anschmiegsames Nachgeben als wirksam zunächst in der Familie ausprobiert und alle solche Bereitschaften ausgebildet, die auf der Linie zum <!-- S. 44 --> ersehnten Machtziele hilfreiche Dienste tun können. So formt sich der Charakter.

Man ist gemeinhin der Ansicht, Charakter sei etwas Angeborenes, in gewissen Grenzen Unabänderliches, das man als gegeben hinnehmen müsse. Im Sinne des Wortes (von charasso, einprägen) versteht jedoch Adler unter dem Charakter die Summe der Bereitschaften, Verhaltungsweisen und Fähigkeiten, die das Kind im Hinblick auf sein Ziel und zur Deckung seines Lebensplanes in sich ausbildet. Dieses Ziel heißt: Erhöhung der Persönlichkeit, Macht, Herrschaft, Überlegenheit, Gottähnlichkeit.

Es gibt also kein „von Natur aus“ trotziges Kind, sondern das Kind ist trotzig, weil es ausprobiert hat (oder zu wissen meint), daß es Eltern und Umgebung damit am besten in Atem halten, sich in den Mittelpunkt des Interesses setzen, reale Güter oder zum mindesten Beachtung seiner Person erzielen kann. Ebensowenig gibt es „von Natur aus“ schüchterne oder „brave“ Kinder, sondern die so erscheinenden Kinder haben den Umweg über Bravheit und Schüchternheit gemacht, weil sie damit ihr Ziel besser zu erreichen glaubten, als etwa der Bruder mit seinem geradlinigen Trotz. Trotz und Gehorsam, als die zwei vorwiegenden Charaktermerkmale aller Kinder, sind besonders geeignet, jetzt schon auf das hinzuweisen, was in der Individualpsychologie der Formenwandel des männlichen Protests genannt wird. Er besagt, daß die <!-- S. 45 --> verschiedenen menschlichen Verhaltungsweisen im Grunde alle dasselbe, nur mit unterschiedlichen Mitteln, ausdrücken. (Das ist sehr plausibel, wenn man es etwa in eine Parallele mit biologischen Vorgängen bringt: Das scharfe Auge des Adler, die Krallen des Löwen, der Rüssel des Elefanten und der Stachel der Wespe – welch verschiedene Organe! Und doch sind sie in mannigfacher Gestalt immer wieder Mittel der Nahrungssuche und der Verteidigung.) Alle Erscheinungsweisen der menschlichen Seele und alle Charakterzüge dienen als vorausschauende und -bauende Organe der Lebenssicherung. Und in einem Leben, das man aus der kindlichen Perspektive des Minderwertigkeitsgefühls als eine dauernde Vergewaltigungsmaschinerie auffaßt, werden sie Mittel zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls. Die Formenwandlung der Leitlinie tritt jedesmal da auf, wo sich ein Hindernis in den Weg stellt. Der männliche Protest, beim Kinde sich äußernd in Wildheit, Ungebärdigkeit, Trotz, weicht (bei Furcht vor Blamage, Schande, Strafe etwa) auf den Weg des geringeren Risikos aus, und zieht es nun eine Zeitlang – vielleicht ständig – vor, sein männliches Ziel mit weiblichen Mitteln weiter zu verfolgen. Und während beim gesunden Erwachsenen die verschiedenen Charakterzüge und Verhaltungsweisen sich annähernd die Wage halten (was unser überheblicher Verstand dann „Durchschnitt“ nennt), sieht man bei Kindern, und besonders schwächlichen, besonders <!-- S. 46 --> streng oder besonders verzärtelt erzogenen Kindern, einzelne Charakterzüge immer im Extrem; das kommt daher, daß alle ausgebildeten Bereitschaften und Charakterzüge dazu dienen, das Gefühl der Unsicherheit zu bannen, welches in dem Gegensatze männlich – weiblich, oben – unten sich sein Weltbild schuf. So wird die ganze Welt in ein Entweder – Oder, ein Alles oder Nichts eingezwängt, und wir sehen Kinder mit so geformtem Lebensplan immer extreme Züge zur Schau tragen: sie sind entweder ganz trotzig oder ganz folgsam, peinlich sauber oder betont unordentlich, außergewöhnlich fleißig oder auffallend faul, von größtem Ehrgeiz oder von besonderer Indolenz – wobei je nach Bedarf auch beide Verhaltungsweisen abwechselnd bevorzugt werden. Wie Trotz oder Gehorsam, Wildheit oder Sanftmut ist auch der eigene Organdefekt nur ein Mittel, zum Überlegenheitsziele zu gelangen. Die tatsächlich vorhandene körperliche Minderwertigkeit des einen oder andern Organes wird vom Kinde, einmal erkannt, tendenziös festgehalten, selbst wenn das mit Schmerzen oder Verzicht erkauft wird, um die Krankheit als Zepter über Haus und Familie schwingen, vermöge der Krankheit Mittelpunkt werden zu können. (So erklärt sich die Dauerhaftigkeit von kindlichen Körperzuständen, auch von ungefährlichen, wenngleich lästigen Kinderfehlern wie Daumenlutschen, Bettnässen auch bei schon größeren Kindern.)

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Je nach der Situation in der Familie und der nächsten Umwelt also schafft sich der männliche Protest die ihm adäquate Form durch Bevorzugung betont aggressiver oder betont unterwürfiger Eigenschaften. Es ist nicht immer leicht, unter dem mannigfachen Formenwandel den Punkt herauszukennen, aus dem alles zu kurieren ist. Denn die Ausbildung dieser Charakterzüge vollzieht sich zwar im Hinblick auf das nämliche Ziel der Herrschaft und Überlegenheit, doch gibt es dazu zwei Wege: 1. sich selbst allen überlegen machen, sich über alle erheben. Und 2. alle andern sich unterlegen machen, entwerten. Ein Beispiel für diese Entwertungstendenz bieten die Musterkinder, deren Musterhaftigkeit und Tugendboldigkeit deutlich oder weniger deutlich den glühenden Wunsch verrät, die andern alle geringer schätzen, sich selbst jedoch am höchsten ansetzen zu können, außerdem bedingt ist durch die lockenden realen Vorteile einer Belohnung, Belobung und Vorzugsstellung unter Mitschülern und Geschwistern. Immer gibt sich darin eine tiefe Unsicherheit kund, die bemüht ist, zur Sicherheit zu gelangen, ein eingewurzeltes Minderwertigkeitsgefühl, das zur Kompensation drängt, ein neurotischer Charakter auf dem Wege zum Ziele der Überlegenheit.

Wir sind von der Lebensrichtung und dem Lebensziele der Neurotiker, der nervösen, nervenkranken Menschen ausgegangen, haben als deren Leitbild die Fiktion der Überlegenheit, als Lebensrichtung <!-- S. 48 --> den durch ein Minderwertigkeitsgefühl entstandenen männlichen Protest kennengelernt.

Die Entstehung des Minderwertigkeitsgefühls, die Ausbildung des Lebensplanes und seiner Sicherungen, deren vorwiegendste der Charakter ist – „der Nervöse zeichnet, um den Weg zur Höhe nicht zu verfehlen, um die Sicherung vollkommen zu machen, konstant wirkende Leitlinien für sein Wollen, Handeln und Denken in Form der Charakterzüge in die weiten, chaotischen Felder seiner Seele“, sagt Adler (Der nervöse Charakter, Seite 55) – hat einen breiten Raum eingenommen, doch soll nicht gemeint werden, wir hätten uns damit abseits vom Thema begeben. Wir gingen davon aus, den Nervösen zu verstehen, und haben die längste Zeit in der Kinderstube verbracht. Charakteristisch für den Lebensplan und die Lebensweise des Neurotikers ist, daß er eigentlich im Leben auch nur das macht, was er in der Kinderstube gemacht hat, daß er so lebt, „als ob“ er noch ein Kind, schwächlich und minderwertig, und „als ob“ die ganze Welt ihm feindselig und überlegen sei. Und die Neurose selbst, die Krankheit, von der die Individualpsychologie ausgegangen ist, sie entpuppt sich als ein Stück aus des Nervösen Lebensplan; die Neurose ist keine Krankheit, sondern eine Lebensweise.

Das Kind brachte ins Leben ein durch organische Schwäche, ungünstiges Milieu oder falsche Erziehung erworbenes Gefühl der Minderwertigkeit und <!-- S. 49 --> Unsicherheit mit, formte sich als Kompensation dafür ein ideales Ziel, das es mit der Fertigstellung von Bereitschaften, der Anwendung von formverwandelnden Kunstgriffen und der Ausbildung bestimmter, typischer Charakterzüge durchzusetzen trachtete. Nun tritt das so disponierte Kind aus der Familie ins Leben hinaus. Das ist der Schauplatz, wo die Schlachten geschlagen, die Bühne, wo die Heldenrolle agiert werden soll. Aber es zeigt sich, daß das Leben keine Stars braucht, sondern gute Ensemblespieler. Der ganze Lebensplan ist aber auf Heldentum zugeschnitten, und daß dafür im Leben kein Platz ist, empfindet der angehende Neurotiker als eine persönliche Kränkung. Hindernisse, die sich seiner lebenswidrigen Idealforderung in den Weg stellen, sind geeignet, ihn stets mehr zu entmutigen, denn er hatte sich das Leben aus der kindlichen Perspektive als den Schauplatz steter Triumphe vorgestellt. Da nun seine Aggression gegen einen Widerstand stößt, zieht sie sich zurück wie das Blümchen Rührmichnichtan und verkehrt sich in ihr Gegenteil: in übergroße Vorsicht und Mutlosigkeit.

Um einer weiteren Herabsetzung seines Persönlichkeitsgefühls vorzubeugen, ist der Nervöse bemüht, fortan jeder Entscheidung aus dem Wege zu gehen, jede Kritik über seine Person auszuschalten. Er wird sich keiner wie immer gearteten Probe auf seine Kraft unterwerfen wollen, wird vor der Berufswahl, der Ehe, einer Prüfung, einer Einfügung in die Gesellschaft <!-- S. 50 --> erschrocken zurückweichen. Es ist nicht so aufzufassen, als ob jeder Nervöse, von der Kinderstube her zur Überempfindlichkeit einerseits, zum Hochmut andrerseits prädisponiert, mit einem Elan ins Leben hinausstürmte, einen Schlag auf den Kopf erhielte und dann klug und weise würde. Sondern je nach individueller Eigenart und Umständen überwiegen beim Nervösen wie beim Kinde die aggressiven oder die vorsichtigen Charakterzüge und manifestieren sich je nach der Situation, bald so, bald so stärker betont. Das eine Extrem, wo nur noch aggressive Züge hervorstechen, ist besonders gekennzeichnet im Falle der Manie, das andere Extrem, wo die Züge der Vorsicht und Mutlosigkeit allein herrschen, findet in der Melancholie und Depression seine stärkste Auswirkung. Dazwischen bewegt sich die große vielgestaltige Menge der Neurotiker, an deren jedem wir aber zwei hervorstechende Eigenschaften, wenn auch in verschiedenem Mischungsverhältnis, wahrnehmen: einen auffallenden Ehrgeiz, das ist der männliche Protest, der sich, mit männlichen und weiblichen Mitteln, direkt oder indirekt, durchzusetzen trachtet – und eine ebenso auffallende Vorsicht, die als Mittel der Sicherung auftritt, an entscheidenden Stellen Gefahr verhüten soll, mit Zögern, Zweifeln, Zaudern und allerlei Vorwänden jeder Entscheidung aus dem Wege geht. Diese Sicherungstendenz bedient sich des Gedächtnisses, das tendenziös nur die Erlebnisse festgehalten <!-- S. 51 --> hat, die geeignet sind, den Lebensplan zu bestätigen, das Zögern, die Selbstunterschätzung und die Selbstüberschätzung zu legitimieren. Zu den Erinnerungen aus der Kinderzeit, die in diesem Sinne tendenziös gefälscht sind, treten die immer neu gesammelten Erfahrungen. Sie scheinen zu bestätigen, was der Neurotiker schon zu wissen glaubt und stets aufs neue wissen will: daß er immer Pech, Malheur habe, jeder ihm übel wolle, keiner ihm etwas zutraue oder die Treue halte. Diese Erfahrungen macht tatsächlich jeder Neurotiker, und sie scheinen seinem Lebenspessimismus recht zu geben. Aber – er „macht“ eben die Erfahrungen, das heißt er fabriziert sie, arrangiert Situationen und seine Rolle darin nach den Erfordernissen seines Lebensplanes, inszeniert Streit und Konflikt, bringt es zum Bruch, ohne doch offenkundig schuld zu sein, kurz, weiß sich alle jene Erfahrungen zu verschaffen, die dann als warnendes Memento dem Gedächtnisse übergeben und bei der nächsten Gelegenheit zur Tat wieder hervorgeholt werden, um ein neuerliches Ausweichen zu rechtfertigen.

So sehen wir neben den verschiedenen Formen des männlichen Protestes, wie Herrschsucht, Ehrgeiz, Wißbegierde, Tyrannei, Jähzorn und so weiter, ebensoviele Formen der Sicherung: Vorsicht, Ängstlichkeit, Zögern, Zweifel- und Grübelsucht, übergroße Gewissenhaftigkeit, andrerseits auch ein brennendes Interesse für vielerlei Dinge, so daß für keines <!-- S. 52 --> eigentlich recht Zeit bleibt, man sich nicht zu konzentrieren braucht, wobei vielleicht die eigene Unzulänglichkeit an den Tag käme. Der Nervöse glaubt nämlich die Augen der ganzen Welt auf sich gerichtet, meint, jeder erwarte ein Heldenstück von ihm und laure dabei auf eine Niederlage, die er ärger als den Tod fürchtet; so ist ihm jedes Mittel willkommen, einer Aufgabe oder Entscheidung auszuweichen, jeden Vorwand nimmt er wahr, um etwas zu verschieben, zu verzögern, durch Einwände und Zweifel, eine, paradox gesagt, kritiklose (weil maßlose) Kritik einer Tat aus dem Wege zu gehen; und anstatt sich dem vermeintlichen oder auch wirklichen Gegner, dem Leben, mutig zu stellen, es auf eine Probe seiner Kraft, die er stets unter- oder überschätzt, ankommen zu lassen, verlegt er lieber seine Tätigkeit auf einen Nebenkriegsschauplatz, zieht der Arbeit die „Beschäftigung“, der Welt den Familienkreis vor und ist in jeder Weise ein Zeitvertrödler. So erscheint das Charakterbild des Nervösen als ein seltsames Gemisch von herausfordernden und ängstlichen Zügen, eine Zusammenstellung von Draufgängertum und Verkrochenheit, die Stimmung schwankt zwischen hellster Begeisterung und trüber Niedergeschlagenheit, und in der Beurteilung der eigenen wie anderer Personen herrscht entweder schrankenloser Optimismus oder schwärzester Pessimismus, oft auch beides abwechselnd. Diese einander scheinbar widersprechenden <!-- S. 53 --> Züge werden verständlich, wenn man sie auf die Doppelrolle bezieht, die der Nervöse im Leben spielt: er vertritt abwechselnd sein „wirkliches“ Ich, nämlich den Menschen, den er als minderwertig, schwach und elend unterschätzt, und den Helden, den er sich als Ideal und Vorbild aufgerichtet hat, mit allen Vorzügen eines solchen ausstattet und in dem er sich und die Möglichkeiten seiner Zukunft gewaltig überschätzt. Auch die Einschätzung der anderen Menschen zeugt von tiefer, innerer Unsicherheit und ist ebenso ambivalent, zwieschlächtig, wie die der eigenen Person; die Entwertungstendenz mit dem Zwang, alles abzuurteilen, zu bemäkeln und zu kritisieren entspringt dem übertriebenen Selbstgefühl, in dem der zukünftige Held sich über alle Mitmenschen erhebt; und die Neigung, alles anzubeten, überall Überlegene und Große zu verehren, entspringt dem Minderwertigkeitsgefühl, das sich in der gewollten Größe des Partners seine eigene Kleinheit vor Augen führt. Bei dieser Erhöhung anderer Personen waltet noch ein anderes Moment, nämlich die unbewußte Absicht, mit dem Freunde, mit der Geliebten sich selbst zu erhöhen. Wenn man schon selbst kein Held sein kann, will man wenigstens Helden zu Freunden haben und macht daher mit einem geschickten Quiproquo die Freunde zu Helden. Doch wehe, wenn sie aus der ihnen angedichteten Rolle fallen! Dann werden sie von ihrem Thron gestürzt und neben ihren Fall kommt eine Warnungstafel: <!-- S. 54 --> Traue niemand, es ist alles nur Schein! Und der Nervöse wird an jedem Menschen, auch dem vorzüglichsten und treuesten, eine Enttäuschung erleben, weil er an jeden mit überspannten Erwartungen und Forderungen herantritt. Weder das Leben noch die Menschen sind imstande, solche Bedingungen zu erfüllen. Und so ist das Pech des Neurotikers, sind die Enttäuschungen und Fehlschläge, die er an Menschen erlebt, ist seine Beziehungsarmut und Verlassenheit, die er auf Mangel an Menschen- und Weltkenntnis zurückführen möchte, meist nur ein aus notdürftigen Tatsachen gefügtes Arrangement im Dienste seines Lebensplanes. Ja, diese mangelnde Menschenkenntnis selbst wieder ein Arrangement, um die Legitimation für seine Lebensirrtümer abzugeben, wenn er diese durch Unbildung oder Unverstand nicht rechtfertigen kann.

In jedem Fall täuscht sich der Nervöse unter dem Zwange in der Kindheit geformter schematisierender Vorurteile über die tatsächliche Beschaffenheit seiner Umgebung. Alle Fehlurteile, meist übrigens im besten Glauben gefällt, haben den verborgenen Zweck, die Sicherungen des Nervösen vor dem Leben, sein Zögern, seine Mutlosigkeit und Unfähigkeit zu rechtfertigen. Dabei kann es nicht ausbleiben, daß der Nervöse unter der freiwillig geschaffenen Distanz zum Leben selbst leidet und sich ob seiner Mut- und Entschlußlosigkeit, die er nach bekannter extremisierender Manier als verächtliche Feigheit empfindet, mit Selbstvorwürfen <!-- S. 55 --> überhäuft. Diese Selbstvorwürfe im stillen Kämmerlein treiben ihn immer aufs neue in die Entmutigung hinein. Die Selbstanklagen vor Zuhörern aber sind meist nur verhohlene Aufforderungen zu einschränkendem Widerspruch; man sagt von sich selbst das Allerschlechteste, damit dann die andern – nur noch Besseres sagen können! Die Selbstvorwürfe des Nervösen sind niemals ernst gemeint. Denn der Nervöse will keine Verantwortung auf sich nehmen. Die schiebt er stets auf andere, auf anderes ab. „Wenn nicht … der Vater, die Mutter, der Lehrer, der Vorgesetzte mich so oder so behandelt hätten, wenn ich nicht kurzsichtig, nicht schwach, nicht arm, wenn ich nicht eine Frau wäre –“ ja, wenn! Durch diese Bedingungen, unter die die nicht mehr ungeschehen zu machende Vergangenheit gestellt wird, macht sich der Nervöse verantwortungs- und schuldlos, erwirbt, erschleicht er sich statt des verlorenen Heldenlorbeers wenigstens die Märtyrerkrone.

In Analogie zu den Begriffen, die er in der Kinderzeit gewonnen hat, sieht so der Neurotiker Welt und Menschen in verzerrter Gestalt. Aber die Welt und die Menschen sind weder so paradiesisch, noch so entsetzlich, wie der Nervöse, der seine Eierschalen eigentlich nie ganz abstreifen kann, sich sie vorstellt. Allerdings, das Leben bietet genügend Aufgaben und Schwierigkeiten, nicht unüberwindliche, doch unvermeidliche, die gelöst und bewältigt, zum mindesten mit Mut angepackt <!-- S. 56 --> sein wollen. Hier macht nun der Nervöse flau; er ist ein Drückeberger, ein schlechter Mitspieler, dem die Rolle eines einfachen Ensemblegliedes wie eine Herabwürdigung seines Persönlichkeitsgefühls erscheint und der es daher vorzieht, überhaupt nicht aus der Kulisse hervorzutreten oder beim Stichwort schleunigst wieder von der Bühne zu verschwinden.

Übertriebene Vorsicht, übergroße Ängstlichkeit oder Pedanterie, Zweifel- und Nörgelsucht, Selbstzerfleischung und Entwertung anderer sind als verschiedene Varianten dieser Ausweichetaktik schon erwähnt worden. Ein weiteres vorzügliches Mittel der Ausflucht ist nun die neurotische Krankheit selbst. Die Neurose ist nichts weiter als eine der vielen Sicherungen, die der Nervöse zur Durchführung seines Lebensplanes braucht. Sie ist, wie nicht oft genug betont werden kann, im Sinne der Individualpsychologie nicht eine akute Krankheit, sondern eine chronische Lebensweise, und nur bestimmte Symptome (wie Schlaflosigkeit, Herzklopfen, Lähmungen, Sprachstörungen, Zittern, sexuelle Impotenz oder Zwangsvorstellungen mancherlei Art) treten erst zu gewissen Zeiten scheinbar plötzlich in die Erscheinung. Das Auftreten der Krankheit, oder vielmehr der obengenannten Krankheitssymptome (denn niemals wird ein bis dahin völlig Gesunder plötzlich von ihnen befallen) fällt unfehlbar in die Zeit des Lebens, in der irgendwelche wichtige Entscheidungen bevorstehen oder nicht nach <!-- S. 57 --> Wunsch ausgefallen sind. In diesem Fall dient die Krankheit als Erinnerung an den Fehlschlag, mit dem das Gedächtnis sie zum Zweck fernerer Warnung untrennbar verknüpft. „Damals, als ich heiratete, Prüfung machte, und solches Pech hatte, bin ich ja auch krank geworden …“ „Entscheidung“ ist für den Nervösen immer gleichbedeutend mit „mögliche, bevorstehende Niederlage“, und „Niederlage“ gleichbedeutend mit Verlust seines Persönlichkeitsgefühls, seiner Selbstachtung, den er mehr als alles auf der Welt scheut. Um ihm nicht zu begegnen, flüchtet er also in die Krankheit.

Es gibt noch andere Schlupfwinkel für den Lebensflüchtling: die Perversion, das Verbrechen, den Selbstmord. (Wer wollte bezweifeln, daß die meisten Selbstmörder noch den Triumph der Rache fühlen, die sie durch ihren Tod an den vermeintlich Schuldigen, für ihr Schicksal Verantwortlichen, zu üben wünschen?) Es scheint paradox, daß Menschen sich Leiden zufügen, um sich Leiden zu ersparen. Aber dieser logische Irrtum bleibt dem Nervösen undurchsichtig. Und wenn er ihn auch durchschaute – zu fest „hängt er schon in den Maschen seiner Fiktion“.

Auch der Gesunde[^1] hat eine ähnliche Fiktion, von „etwas werden“, „Idealen nachstreben“ und so weiter. <!-- S. 58 --> Aber er ist sich bewußt, daß er solche Ideale niemals wörtlich, immer nur gleichnisweise nehmen kann; er macht seine Rechnung mit der Realität, läßt sich auf Kompromisse ein, stellt keine unerfüllbaren Forderungen an sich und die Welt und empfindet unvermeidliche Hindernisse nicht als persönliches Pech, eventuelle Niederlagen nicht als persönliche Blamage. Anders der Neurotiker. Er nimmt seine Ziele wörtlich und die Hemmungen seines Lebenswegs persönlich. Kein Mittel ist zu schlecht, keines auch zu peinlich und schmerzensreich, um nicht auf dem Wege zu diesem fiktiven Ziel, zum Persönlichkeitsideal, in Verwendung kommen zu können. In dieser engen Begrenztheit seines Sehfeldes, immer behindert durch die Brille seiner schematischen Vorurteile, verliert so der Nervöse nach und nach die Wirklichkeit aus den Augen. Es ist ihm nirgends mehr um die Sache, stets nur noch um die Person zu tun, die vor Herabsetzung zu schützen seine vorwiegende Aufgabe im Leben wird. So verliert er allmählich alle Unbefangenheit, geht an Menschen und Ereignisse nur noch mit der festgefügten Klammer seines vorausberechnenden Schemas, getrieben von seinem alles überwuchernden Machtstreben, heran, erlebt dadurch Enttäuschung auf Enttäuschung, wird schließlich zum weltabgewandten Menschenfeind oder unausstehlichen Querulanten. Und die Krankheit ist nur ein letztes Anzeichen dafür, wie weit er sich von der Welt entfernt <!-- S. 59 --> hat. Der stärkste Grad der Nervenkrankheiten (die man nicht mehr als solche, als Neurosen, sondern schon als Geisteskrankheiten, Psychosen, registriert), die Verrücktheit, bietet auch das deutlichste Bild dafür: der Verrückte ist der Welt so völlig entfremdet, daß er überhaupt nicht mehr versteht, was in ihr vorgeht, und keine Möglichkeit mehr besitzt, Mitteilungen dieser Welt aufzunehmen. Die weniger starken Krankheitsgrade, wie eben die Neurosen, haben zwar noch eine gewisse Beziehung zur Realität, die Neurotiker besitzen noch ein bestimmtes logisches Vermögen (das ja nicht, wie im Sinne wissenschaftlichen Vorurteils, eine abstrakte Verstandesfähigkeit, sondern die Funktion eines Orientierungsorgans, unserer Psyche, ist), aber dieses logische Vermögen ist immer schon behindert durch die Umstrickung der neurotischen Fiktion.

Der Strich zwischen Gesunden und Kranken ist somit nicht streng zu ziehen. Die Verpflichtung zur Gesundheit, im Sinne einer allgemein verbindlichen Lebenslogik, ist ebenso für jeden da, wie die Gelegenheit zur Krankheit. Jeder war einmal Kind; und selbst das Kind, das ohne jeden organischen, sozialen oder erzieherischen Fehler geboren wurde und aufwuchs, selbst diese begünstigste Ausnahme, kann immer in der natürlichen Distanz zwischen „klein“ und „groß“, „schwach“ und „stark“, „beschränkt“ und „frei“, „Einzelwesen“ und „Allgemeinheit“ noch Anlaß finden <!-- S. 60 --> zu falscher Selbsteinschätzung und Erwerbung eines Minderwertigkeitsgefühls. Anlaß genug. Doch keinen Zwang. Es gibt eine Disposition zur Neurose, eine Verpflichtung zur Neurose gibt es nicht. Omnia ex opinione suspensa sunt; alles hängt von der Einstellung ab. Mit seinen organischen und sozialen Gegebenheiten kann jeder etwas andres zuwege bringen. Er muß nicht aus der Distanz zwischen Kind und Umwelt unbedingt ein Gefühl der Unsicherheit und Minderwertigkeit erwerben. Er kann auch – und dann ist er eben „gesund“ – die Beziehung zwischen sich und seinen Mitmenschen zu einer produktiven und keineswegs feindseligen gestalten. Der Faktor, von dessen stärkerem oder schwächerem Vorhandensein das Zustandekommen eines nervösen Charakters und in dessen Folge einer nervösen Erkrankung abhängt, ist das Gemeinschaftsgefühl.

Der Mensch ist ein Herdentier, zoon politikon. Sprache, Verstand, Geist, Arbeit, Wirtschaft, Kultur, Liebe, Fortpflanzung sind alle in ihren Existenzbedingungen an die Gemeinschaft geknüpft und gedeihen nur in und mit der Gemeinschaft. Daher ist dem Menschen auch ein Trieb zur Gemeinschaft, zur Anpassung an seinesgleichen (ein „Herdeninstinkt“, W. Trotter, „instincts of the herd in peace and war“, London 1916) angeboren. Der vom Gemeinschaftsgefühl erfüllte Mensch – in heutiger Zivilisation freilich eine Seltenheit, wofür Gründe anzugeben einem andern Buche <!-- S. 61 --> vorbehalten bleiben muß – lebt sein Leben unbefangenen Gemüts, weder niedergeschlagen noch hochfahrend, sein Lebensrecht durchsetzend, ohne das seiner Mitmenschen zu verkürzen. Er tritt an die Welt mit der Frage heran: „was habe ich zu geben?“ während der Neurotiker stets fragt: „was habe ich zu empfangen?“ Der Gemeinschaftsmensch läßt jedem das Seine, ohne darum sich selbst zu verlieren, ist hilfsbereit und tätig, wenn er auch nicht Fanatiker des „Opfers an sich“ (eines beliebten neurotischen Kniffs) ist. Der Neurotiker will dauernd alle Welt für sich in Anspruch nehmen, ohne sich zu einer Gegenleistung zu verpflichten, und räumt sich schließlich durch sein Krankwerden die bevorzugte Stellung, die der große Kreis des Lebens ihm versagt hat, wenigstens im kleinen Kreise ein. Doch trotz dieser Gegenüberstellung muß man sich gegenwärtig halten, daß Gesunder wie Kranker nur ideale Grenzfälle sind. Kein Gesunder, der nicht irgendwo, irgendwie sein Teil „Wille zur Macht“ erblicken ließe – und kein Neurotiker, der nicht noch in einem Winkel seines Ichs bei dem Gemeinschaftsgefühl zu fassen wäre, das uns alle bindet.

Und das ist der Punkt, an den die individualpsychologische Therapie anknüpft und auf den sie ihre Hoffnungen setzt. Dem Kranken, der ja, wie wir gehört haben, nach individualpsychologischer Auffassung nur ein Falschlebender ist, wird durch die Behandlung sein ganzer irrig aufgebauter Lebensplan entlarvt und <!-- S. 62 --> bewußt gemacht. (Denn die Formulierung und Durchführung des neurotischen Lebensplanes vollzieht sich meist im Unbewußten. Asoziale, machtlüsterne und eminent egoistische Bestrebungen, wie sie sich auf dem Wege zur leitenden Fiktion des Neurotikers vorfinden, könnten sich unter den Augen des Bewußtseins nicht durchsetzen. Das Gemeinschaftsgefühl würde Einspruch erheben gegen diese Vergewaltigung der Welt durch Gedanken und Tat, und dadurch erschiene der Lebensplan bedroht. Es tritt also eine Verdrängung ein, und das Unbewußte übernimmt die Deckung der geheimen Truppenbewegungen. In der individualpsychologischen Auffassung ist das Unbewußtwerden eines seelischen Vorgangs keine Qualitätsänderung, sondern eine Mimikryfunktion.)

Dem Kranken wird in der Behandlung aus den im Bewußtsein auffindbaren und den aus dem Unbewußten hervorgeholten Teilstücken das Gebäude seines Lebensplanes deutlich aufgerichtet. Es wird ihm nachgewiesen, daß sein ganzes Leben nach einem fiktiven Leitziele orientiert ist und daß die Leitlinie, die zu diesem hinführt, von einem in der Kindheit unter falschen Voraussetzungen erworbenen Minderwertigkeitsgefühl ausgehe. Der Kranke wird darauf aufmerksam gemacht, daß die kindliche Perspektive das gegenwärtige Leben des Erwachsenen – zu seinem eigenen Schaden – mit falscher Analogisierung und Schematisierung vergewaltigt und daß die vorhandenen darauf <!-- S. 63 --> bezüglichen Erinnerungen und Erfahrungen unverläßlich und unmaßgeblich, weil tendenziös gebildet und festgehalten sind. Dem Kranken wird gezeigt, wie seine Vorstellungen vom Leben als einmal dem Platz für die Erfüllung phantastischer Träume, das andere Mal als einer gefahrvollen und feindseligen Angelegenheit, auf falschen Voraussetzungen aufgebaut, den Tatsachen des Lebens nicht entsprechen. Er wird an seine Aufgabe verwiesen, die ist: ein guter Mitspieler zu sein, sachlich, doch tolerant die allgemeinen Fragen seines Lebens zu lösen und jedem Mitmenschen das Recht widerfahren zu lassen, das er für sich selbst in Anspruch nimmt. Bei der Behandlung stößt der Individualpsychologe stets auf einen Widerstand des Patienten. Er enthüllt sich leicht als ein Stück der allgemein neurotischen Entwertungstendenz, die die gelungene Kur als einen Triumph des Arztes und als eigene Niederlage bucht und darum hintertreibt. Der Neurotiker sieht nämlich im Arzt, wie in jedem Menschen, vornehmlich einen Gegner, mit dem er sich zu messen habe. Sein Benehmen ist demnach auch dasselbe, das er allen Menschen gegenüber zur Schau trägt. Der Arzt hat daher die Möglichkeit, aus dem Stand der Beziehung zwischen dem Patienten und sich selbst wie an einem Thermometer die mangelnde oder – im Verlauf der Behandlung – langsam erwachende Beziehungsfähigkeit, Anpassungsmöglichkeit, das schwächere oder stärker werdende Gemeinschaftsgefühl (in <!-- S. 64 --> seinen Äußerungsformen: Verträglichkeit, Umgänglichkeit, Interesse für auch anderes als die eigene Person, Toleranz und Heiterkeit) abzulesen; und die Beziehung zum Arzte, anfangs in den Formen heftigen Kampfes um das Selbstgefühl seitens des Kranken, später in milderer und mitmenschlicher Gestalt – soll für den Behandelten eine Schule mitmenschlicher Beziehungen überhaupt sein. Mittel der Behandlung, des Eindringens in die verdunkelten Gebiete des Vor- und Unbewußten, sind das Ablaufenlassen der freien Vorstellungsreihen (siehe 1. Kapitel, Seite 12) und die Traumdeutung, ferner ein auf allgemeine Menschen- und Neurosenkenntnis gestütztes Verständnis des Arztes für Benehmen, Sprechart, äußere Haltung und so weiter des Patienten.

Der Traum ist für Adlers Auffassung ein Abbild oder eine Spur von Vorversuchen, mit dem der Träumer sich an die nächstliegenden Probleme wagt. Im Traume wird Stellung genommen zur nächsten Zukunft, wird Mut eingesprochen oder auch abgewarnt, eine Situation wird antizipiert, um darin sich und andere nach Bedarf zu entwerten. Und dies alles vollzieht sich in oft ganz unverständlicher Sprache und Bildhaftigkeit. Die Traumentstellung rührt daher, daß das Bewußtsein allzu offenkundig machtlüsterne, brutal-egoistische Gedanken nicht unentstellt passieren ließ. Der Traum ist also eine unverständlich gemachte Auseinandersetzung mit der nächsten Zukunft, ein Lösungsversuch <!-- S. 65 --> mit Hilfe eines Erinnerungsbildes aus der Kindheit, wo scheinbar „es schon einmal so war“. In der vereinfachenden symbolischen Sprache des Traumes wird das kindliche Apperzeptionsschema „männlich – weiblich“, „oben – unten“ – bedeutend angewendet. Daher der sexuelle Anstrich so vieler Träume. Nach Adlers Meinung wird nämlich das Sexuelle nicht nur im Traum, sondern auch im wachen Leben vorwiegend als Gleichnis benützt, etwa um Sicherungen vor Liebe und Ehe und ihren Konsequenzen durchzuführen, indem man sich zu dem „Schicksal“ einer zu großen oder zu geringen sexuellen Potenz, der Homosexualität, Polygamie, Frigidität, Perversion bekennt. (Im dritten Kapitel mehr darüber.)

Nachdem der Individualpsychologe dem Kranken den Mechanismus seiner Leitlinie, die vom Minderwertigkeitsgefühl zur Macht führt, und die Bedeutung der Krankheit als nur einer unter andern Sicherungen dieser Leitlinie, aufgezeigt hat, versucht er, sein Gemeinschaftsgefühl zu stärken und ihn dem Leben mit gesteigerten Kräften und verminderten Ansprüchen zurückzugeben. Immer wird in der Behandlung, getreu den theoretischen Feststellungen, die Krankheit nicht isoliert, sondern im Zusammenhange der gesamten Persönlichkeit – daher der Name Individualpsychologie! – erfaßt, werden nicht Symptome zum Verschwinden gebracht, sondern wird eine Lebensrichtung abgeändert. Wird der Mensch über den Patienten, <!-- S. 66 --> nicht der Patient über den Menschen gestellt, und Gesundung nicht nur als individuelle Möglichkeit, sondern als mitmenschliche Pflicht zum Ziele der therapeutischen Einwirkung gemacht.

Die Unvollständigkeit, auf die am Schlusse des ersten Kapitels hingewiesen wurde, darf auch in bezug auf den Inhalt des zweiten Kapitels nicht unerwähnt bleiben. Nur ist sie hier wie dort verschiedener Art. Das Freudsche Lehrgebäude ist so feingegliedert und vielfach verzweigt, daß bei einer summarischen ersten Einführung manche Punkte der Theorie, sofern sie nicht von grundlegender Wichtigkeit sind, übergangen werden durften und mußten. Die Adlersche Theorie ist verhältnismäßig einfach, und all ihre Bestandteile sind in dem ihr gewidmeten Kapitel berücksichtigt worden. Doch diese Theorie wird nur dann lebensvoll und verliert ihren etwas generalisierenden Charakter, wenn man an einer Fülle von praktischen Fällen Beispiele erbringt für den mannigfachen Formenwandel des männlichen Protests, die Möglichkeiten gelungener oder mißlungener Kompensation und so weiter. Dies nachzuholen, sei der Leser wiederum auf die Literatur (siehe Anhang) verwiesen.

<!-- S. 67 -->

## Vergleich und Kritik

Zur besseren Übersicht sei das in den vorhergehenden zwei Kapiteln Ausgeführte noch einmal kurz zusammengefaßt. Es handelte sich um Theorie und Praxis der neuen psychotherapeutischen und psychologischen Lehren, der Psychoanalyse und Individualpsychologie. Freud und Adler sind beide aus ihrer nervenärztlichen Praxis zu neuen Erkenntnissen gelangt, haben diese in einer wissenschaftlichen Theorie formuliert und haben von der Theorie aus wiederum den Weg zur Praxis zurückgefunden. Freud ging aus von der herkömmlichen Schulmedizin, von der er sich jedoch schon durch die Beziehung zur französischen Hypnosenlehre entfernte. Er gelangte von der Hypnose aus zu seiner neuen, der kathartischen Methode, indem er dazu überging, durch das Deuten von Träumen und freiaufsteigenden Einfällen nervöse Krankheiten ohne Hypnose zu heilen. Dabei entdeckte er den Inhalt des Unbewußten als einen eminent sexuellen oder libidinösen, erforschte die wahre Natur der unbewußten Triebe mit der Ergründung der infantilen Sexualität, auf der er seine Libidotheorie aufbaute. Vom Phänomen der Verdrängung <!-- S. 68 --> dazu genötigt, bildete er seine Lehre vom Konflikt zwischen Lustprinzip und Realitätsprinzip aus, welche beiden Prinzipien er in der Libido und den Ichtrieben manifestiert fand. Als ein Kompromißergebnis zwischen diesen beiden Trieben boten sich ihm dann die neurotischen Symptome dar. Diese sind für den Wachzustand, was der Traum für den Schlaf ist: Ersatzbefriedigung für versagte Wünsche. Um das durch die Verdrängung gestörte seelische Gleichgewicht wiederherzustellen, löst der Arzt durch Analyse diese Verdrängung auf, macht das Unbewußte bewußt, beseitigt alsdann den Widerstand, um schließlich nach Auflösung der Übertragung den Geheilten seinen Lebensaufgaben zurückzugeben. –

Adler entdeckte an Hand der Traumdeutung und der Analyse freiaufsteigender Einfälle mit seiner kausal-finalen Betrachtungsweise den Willen zur Macht als bewegende Kraft in der Neurose. Das Ziel der Überlegenheit ist die leitende Fiktion des Nervösen, und zu ihr führt eine Leitlinie, die von einem in früher Kinderzeit durch Organminderwertigkeit, Milieu und Erziehung hervorgerufenen Minderwertigkeitsgefühl auf kompensatorischem Wege zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls drängt. Zur Durchsetzung dieses Zieles wird ein Lebensplan geformt, in den alle tendenziös gefärbten Erinnerungen und Erfahrungen unter der Etikette männlich – weiblich, oben – unten als Sicherungen eingefügt werden. Erprobte Bereitschaften <!-- S. 69 --> und Verhaltungsweisen werden zum nervösen Charakter vereinigt, der, aus scheinbar widersprechenden Zügen zusammengesetzt, einen mannigfachen Formenwandel der leitenden Fiktion und des sie erstrebenden männlichen Protests bewerkstelligt. Ein Mittel der Sicherung und neurotischen Lebensflucht ist auch die Krankheit selbst. Ihr Zustandekommen hängt ab von der Stärke des Gemeinschaftsgefühls. In der Kur wird der unbewußte Lebensplan aufgedeckt, der Widerstand gelockert, werden die falschen Fiktionen, wie Minderwertigkeitsgefühl, Machtziel und so weiter, ihres Nimbus entkleidet. Die Beziehung des Individuums zum Leben wird wiederhergestellt durch Abbau des Machtstrebens und Stärkung des Gemeinschaftsgefühls.

Man kann den Kernpunkt der beiden Lehren in zwei Schlagworte zusammenfassen. Freud lehrt: alles kommt vom Sexuellen her. Adler lehrt: alles kommt vom Machtwillen her. Oder vielmehr: alles strebt zur Überlegenheit hin. Bei Freud ist es die Frage nach dem „Woher“, bei Adler nach dem „Wohin“. Freud ist kausal, Adler final orientiert. Man darf freilich nicht verkennen, daß auch bei Freud ein finales Moment, das Streben nach Lust, eine Rolle spielt. Doch tritt es hinter dem kausalen Moment zurück. Freud wendet sich vorwiegend dem Ausgangspunkte, Adler dem Zielpunkte der seelischen Erscheinungen zu.

Was zunächst als Gemeinsames der beiden Lehren <!-- S. 70 --> auffällt, ist die Feststellung, daß nervöse Erscheinungen und Krankheiten nicht – oder nicht nur – körperlich verursacht, sondern psychogen bedingt sind. Daraus wird die Bedeutung des Unbewußten, als des Behälters der psychischen Ursachen, abgeleitet. In dem Unbewußten finden sich bei der Analyse vor allem vergessene oder verdrängte Kindheitserlebnisse vor, die von beiden Forschern als den Verlauf der psychischen Geschehnisse determinierend aufgefaßt und hoher Bedeutung gewürdigt werden. Mittel der Analyse ist die Deutung der Fehlleistungen, der freiaufsteigenden Einfälle und der Träume, als gleichsam der Lexika, in denen man über die unbewußten Vorgänge nachlesen kann.

Freud und Adler sind nicht gesondert voneinander, jeder für sich, zu den Ergebnissen gelangt, die, wiewohl verschieden in ihrer grundsätzlichen Einstellung, wie auch ihrer Auswirkung, doch im Vergleich zu der übrigen Psychologie und Psychiatrie in naher Beziehung zueinanderstehen. Adler war vielmehr eine Zeitlang Freuds Mitarbeiter im psychoanalytischen Kreise. Nach und nach offenbarten sich seiner Erkenntnis Widersprüche, Unzulänglichkeiten und Unstimmigkeiten im Freudschen Lehrgebäude; aus der Diskussion über diese ergab sich ihm eine völlig neue Auffassung der seelischen Erscheinungen und er gewann Einsichten, die er, als er aus dem psychoanalytischen Kreise wegen allzu großer wissenschaftlicher Differenzen <!-- S. 71 --> ausgeschieden war, in seiner Individualpsychologie zusammenfaßte. Die Individualpsychologie ist also zunächst eine Korrektur der Psychoanalyse gewesen, hat sich jedoch alsdann zu einer selbständigen Theorie weiterentwickelt, die, auf anderer weltanschaulicher Grundlage fußend, zu völlig neuen Resultaten der Forschung gelangte und sie in einer von der psychoanalytischen verschiedenen Praxis verwertete.

Um zu einem klaren Verständnis des Unterschieds der beiden Lehren zu kommen, scheint es am besten, mit Adler nochmals den Weg zu gehen, der ihn aus der Psychoanalyse herausgeführt hat. Als bester Anknüpfungspunkt bietet sich da der Kern der psychoanalytischen Lehre: die Beurteilung und Auffassung sexueller Vorgänge. Freud stützte, wie schon berichtet, seine Neurosentheorie auf die Entdeckung der infantilen Sexualität. Alle sexuellen Wünsche, lehrt er, die in der Kinderzeit schon vorhanden waren, aber nicht zur Befriedigung kommen konnten, wirken sich im Leben des Erwachsenen weiter aus. Da sie aber auch hier nicht Erfüllung finden, werden sie ins Unbewußte verdrängt und äußern sich von dort her in Symptomen, nervösen Krankheiten. Die Libido, der sexuelle Hunger, ist die bewegende Kraft des Seelenlebens.

Ohne die neuen und sensationellen Entdeckungen im kindlichen Seelenleben mit der verständnislosen Entrüstung zünftiger Mediziner und Pädagogen einfach <!-- S. 72 --> als „nicht vorhanden“ abzulehnen, zog Adler doch aus Freuds Feststellungen andere Schlußfolgerungen, legte er ihnen einen anderen Sinn unter. Er fragte: Ist das, was Kinder, ja was auch nervöse Menschen überhaupt an Sexualität zeigen, echt? Entspringt es wirklich einem Trieb? Woran könnte man dann die Stärke dieses Triebes messen, seine Kraft und Art bei verschiedenen Personen richtig einschätzen? Freuds Theorie der Sexualität fußt auf der Voraussetzung einer angeborenen, sexuellen Konstitution. Adler entgegnet ihm, daß die „sexuelle Konstitution“ unter dem Einfluß anderer Mächte in weitestem Maße veränderbar sei, je nach Bedarf gesteigert oder herabgemindert werden könne. Da nach der Lehre Adlers, die eben damals formuliert wurde, alle Charakterzüge, Handlungen und Einstellungen am Leitbilde der Überlegenheit orientiert sind, wird auch die Sexualität und ihre Äußerungsart und -stärke hiervon keine Ausnahme machen, sondern ebenfalls dem Primat des Willens zur Macht untergeordnet sein. Dadurch, daß alle oder die meisten Erlebnisse schon vom Kinde in einem sexuellen Bilde – „männlich-weiblich“ – festgehalten werden, erscheint es naheliegend, daß Kinder mit Minderwertigkeitsgefühlen sich schon frühzeitig mit den Fragen des Geschlechtslebens beschäftigen und durch diese Betonung der Aufmerksamkeit eine sexuelle Frühreife herbeiführen oder mindestens unterstützen. In Analogie zur sexuellen Färbung so überwiegend <!-- S. 73 --> vieler Natur- und Kulturerscheinungen wählt Kind und künftiger Neurotiker mit Vorliebe die Sexualität zur Ausdruckssphäre des männlichen Protests und handhabt sie als eine der vorzüglichsten Sicherungen. Die Kernpunkte der Freudschen Sexualtheorie, der Ödipuskomplex und die Inzestphantasien, rücken so in neue Beleuchtung: das Kind hat aus der Position seiner Schwäche heraus die Eltern, als nächsterreichbare Personen, besonders an sich zu attachieren, in seinen Dienst zu stellen, Tyrannei über sie auszuüben versucht. Deshalb ist es eifersüchtig auf den Vater, der ihm den Besitz der Mutter streitig zu machen scheint (und umgekehrt bei Mädchen). Seine spätere Unfähigkeit, von der Mutter loszukommen und zu normaler Geschlechtsbetätigung zu gelangen, offenbart sich als eine übergroße Zaghaftigkeit dem Leben gegenüber, die, aus einem überstarken Minderwertigkeitsgefühl erwachsen, bei der Mutter Anschluß und Schutz gegen die scheinbar feindselige Welt sucht, auch weit über die Kinderzeit hinaus. Schon im Elternhaus drängt sich oft dem Kinde die Vorstellung auf, daß das Verhältnis von Mann und Frau vorwiegend eine Kampfbeziehung sei. Alle anormale Sexualbetätigung, wie Onanie, Homosexualität, Perversionen aller Art, ist also nicht konstitutionell bedingt, sondern erklärt sich als eine Flucht vor dem Leben, bei Mädchen als ein Fliehen vor ihrer weiblichen Rolle, in der sie eine Herabsetzung erblicken, bei Knaben als ein Fliehen vor <!-- S. 74 --> der Frau, der sie unterlegen zu sein fürchten. (Um diese doch unnatürliche Angst vor dem natürlichen Geschlechtspartner richtig zu verstehen, halte man sich gegenwärtig, daß das Mädchen durch Erziehung, Sitte und Zivilisation einen überspannten Begriff von dem Wert der Keuschheit, den Schwierigkeiten und Leiden der Ehe, des Gebärens, Stillens und so weiter empfängt; der Knabe jedoch in den meisten Fällen beim Eingehen einer ersten Geschlechtsbeziehung tatsächlich einer älteren, erfahreneren, „überlegenen“ Frau in die Hände fällt, nach deren Bilde er sich in analogischem Denken die Vorstellung von der in jedem Falle überlegenen und gefährlichen Sexualpartnerin macht.)

In jedem Fall ist es immer die Fragestellung „unterlegen?“ „überlegen?“, welche beim Neurotiker die Entscheidung auch in sexuellen Dingen beeinflußt. Beim Nervösen ist alles Sexuelle nur ein Gleichnis. Die sexuelle Lebensweise ist – genau wie aggressives, stürmisches oder aber schüchternes, vorsichtiges Verhalten in andern Lebensfragen – nur ein Anzeichen dafür, wie der betreffende Mensch seinen Lebensplan aufbaut und zu sichern bemüht ist.

Im Ehrgeizigen und im Verzagten ergaben sich bei der Analyse nur zwei verschiedene Abwandlungen desselben nervösen Charakters. Auf sexuelles Gebiet übertragen, entspricht diesen Typen der Don Juan und der Frauenhasser: der Don Juan, der seine Macht durch <!-- S. 75 --> Inbesitznahme möglichst aller Frauen dokumentieren will, und der Frauenhasser und Asket, der einer von der Frau zu gewärtigenden Niederlage auf alle Fälle aus dem Wege geht.

Adler leugnet also keineswegs die hohe Bedeutung und weite Ausgestaltung der Sexualität beim Erwachsenen wie beim Kinde; er schiebt ihr nur einen neuen Sinn unter, reiht sie ein in den großen Zusammenhang psychischen Geschehens. Bei Adler ist die Sexualität nicht Verursacherin von psychischen Verhaltungsweisen und Konflikten, sondern nur ein, wenn auch vorwiegend verwendetes Ausdrucksmittel für andere seelische Vorgänge.

So rüttelte Adler mit seiner neuen Betrachtungsweise an dem Fundament der Freudschen Lehre, dem Primat der Sexualität. Auf diesem Hauptpfeiler hatte Freud seine Libidotheorie aufgebaut. Sie entwickelte, daß die Sexualität, die nach Befriedigung drängt, von der Geburt bis zur Reife verschiedene Stadien durchläuft, an verschiedenartige Objekte und erogene Zonen geknüpft ist, bis sie normalerweise nach der Pubertät an die Genitalzone und den gegengeschlechtlichen Partner fixiert wird. Im Falle nichtnormalen Verlaufs bleibt die Libido an einer Stufe, die sie vor der Reife passierte, haften, oder kehrt, infolge äußerer Versagung verdrängt, auf solche infantile Stufen zurück. (Als Gleichnis gebrauchte Freud den Verlauf der Völkerwanderung; siehe erstes Kapitel.) Mit der Libido <!-- S. 76 --> wird in der Psychoanalyse als mit etwas konstitutionell Gegebenem gerechnet, sie wird als psychisches Korrelat zu etwas Biologischem (das nur noch nicht erkannt ist) beschrieben. Freud sagt an einer Stelle, daß die Psychoanalyse eigentlich bloß ein Überbau, ein Aufgesetztes sei und daß sie noch der Entdeckung dieses „Etwas“, auf das sie aufgesetzt sei, harre. Das heißt doch so viel, als daß diese Theorie erst dann beweiskräftig sein wird, wenn etwa im Körper herumirrende Sexualität nachweisbar und meßbar geworden ist. Möge die Biologie nahe vor der Lösung einer solchen Aufgabe stehen oder ihrer auf immer unfähig bleiben – man kann an andern organischen Prozessen schon nachweisen, daß sich in der physischen Natur nirgends eine Rückbildung vorfindet und daß die Freudsche „Regression“ kein Vorbild auf biologischem Gebiete hat. In biologischer Denkweise kann man nicht annehmen, daß im Fall einer äußeren Versagung an der normalen Geschlechtszone die Libido zu den Stellen zurückkehrt, wo Teile von ihr früher hängengeblieben sind; zumal sie an diesen „sekundären erogenen Zonen“ ebensowenig Auswirkungsmöglichkeit hat wie an der gesperrten Primärzone, sondern vom Schicksal der Verdrängung ereilt wird. Man müßte vielmehr annehmen, daß die Libido all jene versprengten, hängengebliebenen Teil-Libidos aus ihren Fixierungen zu Hilfe riefe, um es mit erneuter Stoßkraft an der Stelle der Versagung zu probieren.

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Hier ist also eine Unstimmigkeit, so bestechend das Beispiel von der Völkerwanderung auf den ersten Blick auch scheinen mag. Viel einleuchtender ist Adlers Theorie auch vom biologischen Gesichtspunkte, da sie psychologische Tatsachen, wie den Ausgleichszwang, den männlichen Protest und so weiter, auf Organminderwertigkeit oder konstitutionelle Allgemeinschwäche zurückführt. Adler erklärt alle sexuellen Verhaltungsweisen, also auch „Fixierung“ und „Regression“, als Mittel der Sicherung, um dem geraden Weg, der ein Risiko bedeutet, Mut verlangt, vielleicht zur Niederlage führt, auszuweichen.

So setzte sich die Individualpsychologie mit den logischen Fehlern der Libidotheorie auseinander. Wie sie sich zu ihren praktischen Fehlern einstellt, wird aufgezeigt werden, sobald die Darstellung bis zum Vergleich der beiden Therapien fortgeschritten ist.

In der psychoanalytischen Theorie wird als Ursache der Neurosen die Verdrängung beschrieben. Sie gilt als die mißlungene Lösung eines Konflikts zwischen Ich und Libido. Ungebärdige Libido wird am Eintritt ins Bewußtsein und an der Auswirkung in der Realität verhindert und durch den Mechanismus der Verdrängung ins Unbewußte abgeschoben. Dort wirkt sie weiter und von dort her richtet sie ihren Schaden an. Nun gibt es aber zahlreiche Fälle von Neurosen, wo die Libido, die unzulässigen Sexualwünsche, durchaus nicht verdrängt sind, sondern im vollen Lichte des <!-- S. 78 --> Bewußtseins stehen. Dennoch ist eine Neurose da. Sie kann also nicht durch Verdrängung bedingt sein, und es geht nicht an, die Verdrängung zur alleinigen Verursacherin neurotischer Leiden zu machen. Auch ist die strenge Scheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem als Aktionssphäre für die kulturstützenden, respektive kulturfeindlichen Tendenzen nicht aufrechtzuerhalten. Freud selbst hat in einem seiner letzten Werke („Das Ich und das Es“) seine Meinung über dieses Problem etwas abgeändert und zwischen Bewußtsein und Unbewußtsein eine fließendere Beziehung angesetzt. Adlers Auffassung, daß das Unbewußte nicht als eine besondere Qualität den seelischen Vorgängen anhafte, sondern daß es von der Seele gleichsam wie eine Maske nach Bedarf getragen oder nicht getragen werde, ist geeignet, mehr zu erklären als die Auffassung Freuds. Auch verhilft die Adlersche These zu vielen therapeutischen Möglichkeiten, wovon noch die Rede sein wird.

Freud setzt also die Verdrängung als Ursache der Neurose. Adler meint dagegen: Voraussetzung und indirekte Ursache der Neurose ist der falsche Lebensplan, der sich in der Welt nicht verwirklichen läßt und seinem Verfechter, dem Machtfanatiker und Überlegenheitssucher, schwere Enttäuschungen einbringt. Dieser Lebensplan ist geschützt von allerhand Sicherungen, deren eine auch die Unbewußtmachung, die Verdrängung ist. Die Verdrängung kann also den Fortgang, <!-- S. 79 --> die Verschlimmerung der Neurose beeinflussen. Wenn etwas ins Unbewußte abgeschoben ist, hat man es nicht mehr unter Kontrolle. Wäre etwa der Wunsch: „ich will alle überrennen, will über Leichen gehen, um zum Siege zu gelangen“ im Bewußtsein verblieben, dann hätte der Machtfanatiker vielleicht haltgemacht und sich, von dem Reste seines Gemeinschaftsgefühls bewogen, zu einer welt- und menschenfreundlicheren Lebensweise bekehrt, als es die Neurose ist. So sind alle Macht- und Vergewaltigungstendenzen ins Unbewußte abgeschoben, und die Neurose nimmt ungestört ihren Fortgang. Keinesfalls kann also die Verdrängung als die Ursache einer Neurose, muß vielmehr dort, wo sie unleugbar vorhanden ist, als erst deren Folgeerscheinung aufgefaßt werden.

Nachdem so die Freudschen Hauptbegriffe, wie Sexualität, Theorie der Libido, Unbewußtes, Verdrängung, von Adler einer Kritik unterzogen und von seinem Standpunkte aus beleuchtet worden sind, werden auch die zwei in der Kur auftretenden seelischen Reaktionen auf den Arzt auf ihre Bedeutung hin geprüft: der Widerstand und die Übertragung.

Freud führt den Widerstand auf eine Renitenz des Ich zurück, das seinerzeit die Verdrängung bewerkstelligte und nun kein Interesse an ihrer Aufhebung durch die Analyse hat. Bei Adler aber ist der Widerstand nicht durch die lebensfreundlichen (Freudschen Ichtriebe), sondern durch die lebensfeindlichen Elemente der <!-- S. 80 --> Seele bedingt und stellt sich als ein Stück der allgemeinen Entwertungstendenz dar, die die gelungene Kur als Triumph des Arztes und als eigene Niederlage auffaßt. Drastisch könnte man es so ausdrücken: die Freudsche Zensur (die Ichtriebe) sagt: „Nein, an mein Verdrängtes darfst du Arzt nicht heran, wer weiß, wozu du es befreist!“ Die Adlersche Zensur sagt: „Nein, an mein Verdrängtes darfst du Arzt nicht heran, denn es ist meine stärkste Waffe, und ich weiß, du willst sie mir aus der Hand schlagen!“

Die Übertragung erscheint bei Freud als Ausdruck eines erneuten, fehlerhaften Versuchs, ein Objekt für die verdrängte und durch die Kur befreite Libido zu finden, und zwar bei Frauen als der Wunsch, im Arzt (der mit dem Vater identifiziert wird) doch endlich den Vater in Besitz zu nehmen, bei Männern als homosexuelle Neigung oder (im Falle der negativen, das heißt durch Haß anstatt durch Verliebtheit sich kundgebenden Übertragung) als das Gelüst, den Vater, den alten Nebenbuhler um die Liebe der Mutter, im Arzte zu vernichten. In jedem Fall ein aufgewärmter Ödipuskomplex. Bei Adler hingegen ist die Übertragung, einfacher gesagt, das leidenschaftliche, liebe- oder haßbetonte Interesse für die Person des Arztes; ein Beweis dafür, daß beim Nervösen „alle Menschen über einen Kamm geschoren werden“ und er im Arzt wie in allen Menschen nur ein Ziel seiner Eroberung oder einen drohenden Feind zu sehen vermag.

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Freud wie Adler haben ihre Aufmerksamkeit dem nervösen Symptom und den nervösen Träumen zugewandt, und beide haben zwischen diesen zwei Erscheinungen eine gewisse Ähnlichkeit konstatiert: der Traum bedeutet ihnen für den Schlaf das, was das Symptom für den Wachzustand ist. Für die Auffassung der Psychoanalyse ist Symptom wie Traum eine entstellte Wunscherfüllung. Der Nervöse wendet sich nach rückwärts in die verlorene Vergangenheit und verschafft sich im Traum wie im Symptom für das im Leben Versagte eine Ersatzbefriedigung. Für die individualpsychologische Auffassung hingegen spiegelt sich im Traum und im Symptom nur das wider, was der nervöse Mensch dauernd erlebt: beides sind Sicherungen der Leitlinie, die nach dem Ziel der Überlegenheit strebt, charakterisiert durch die Züge der Vorsicht, der Zurückhaltung, des Ausweichens, sind Warnungen, sich nicht zu weit vorzuwagen, Maßnahmen, die einer befürchteten Niederlage des Persönlichkeitsgefühls vorbeugen sollen. Symptom und Traum arbeiten mit Kindheitseindrücken und Erinnerungen als mit passendem Vergleichsmaterial. Doch die verlorene Vergangenheit ist ihnen nicht reales Ziel der Sehnsucht. Sie streben nicht zurück, sondern vorwärts, einer fiktiven, idealen Zukunft zu, und die Vergangenheit ist ihnen nicht erwünschte Realität, sondern nur verwendbares Gleichnis.

Die Kritik der Individualpsychologie an der Psychoanalyse <!-- S. 82 --> bezog sich bis hierher immer auf die erkenntnishafte Auffassung vom Wesen und Sinn seelischer Erscheinungen. Aus ihrer Einstellung zu den theoretischen Grundfragen folgerte natürlich für beide Wissenschaften eine verschiedene praktische Anwendung. Die psychoanalytische Therapie gliedert sich in drei Abschnitte: Bewußtmachung des Unbewußten (Aufhellen der Verdrängung), Überwindung des Widerstandes und Beseitigung der Übertragung. Da die Psychoanalyse ausgeht von der Voraussetzung konstitutioneller Tatbestände, gegebener Libidomengen, kann sie nichts anderes mit der Behandlung bezwecken, als die einmal unabänderlich vorhandene Libido aus einer falschen Funktion in eine richtigere zu überführen, das heißt, ihr eine Aktionsmöglichkeit zu verschaffen, wo sie nicht wieder mit dem Ich in Konflikt gerät. Weiter kann sie durch Aufhellung des Unbewußten den Verdrängungsprozeß mit seinen schädlichen Wirkungen vor die Vernunft des Nervösen führen, damit er einer nochmaligen Verdrängungsgefahr vorbeugen lerne. Aber mit der Libido selbst muß gerechnet werden; auslöschen, vertilgen kann die Psychoanalyse diesen von ihr selbst als kulturfeindlich bezeichneten Trieb nicht. Sie kann ihn bestenfalls bezähmen und kanalisieren. Sie verweist also die aus der Verdrängung befreite, von den infantilen Stufen abgelöste Libido in die Sublimierung, das heißt, sie verlangt, daß sich die gewünschte Befriedigung anstatt auf dem direkten <!-- S. 83 --> Wege auf dem Umwege über geistige und kulturelle Leistungen einstelle. Solche Sublimierungsziele sind unter anderen Kunst, Wissenschaft, Humanität, Freundschaft. Oder die befreite Libido wird (das gilt allerdings nicht als Rat der Psychoanalyse, wohl aber der meisten psychoanalytischen Praktiker) einfach an leichter erreichbare, kulturell zulässige Objekte, als da sind Ehepartner, allenfalls noch „Verhältnisse“, gewiesen. Beide Möglichkeiten sind jedoch beschränkt. Weder ist immer Gelegenheit zu passender Geschlechtsverbindung da, noch ist der Geheilte zufolge seiner ökonomischen oder geistigen Voraussetzungen immer in der Lage, seine objektlose Libido zu sublimieren, das heißt, seine Sexualität unsexuellen Zielen zuzuwenden. Die Heilung kann daher auch oft nur eine vorläufige und an die Bedingung glücklicher Objektfindung gebundene sein. Da die Libido selbst nicht angetastet, nur ihr Verlauf abgeändert, ihre Form verwandelt worden ist, besteht stets die Möglichkeit neuer Erkrankung, wenn auch in, durch die Erweiterung des Bewußtseins, eingeschränktem Maße. In der Kur wird gleichsam an die Ichtriebe appelliert: „Ihr Ichtriebe müßt nun etwas vorsichtiger mit eurer Libido umgehen! ihr dürft sie nicht verdrängen, müßt sie harmlos und vernünftig placieren!“ Wie weit das gelingt, bleibt eben die Frage.

Außerdem ist einzuwenden: die Libido wird quasi wie ein physikalischer Körper vom Arzte hierhin und <!-- S. 84 --> dorthin geschoben; vom Unbewußten ins Bewußte, von einem Objekt auf ein anderes (das Auflösen der Übertragung ist ja auch nichts anderes als solch eine Libidoverschiebung). Die unbewußt an die eigene Mutter fixierte Libido wird beispielsweise von ihrem „Ödipuskomplex“ befreit und auf die bisher vernachlässigte Gattin übertragen. Es scheint also ziemlich der Willkür des Ich anheimgestellt, welche Objekte schließlich libidinös besetzt werden. Man könnte von einer autogenen (einer vom Ich geschaffenen) Sexualität oder Liebe sprechen, die so von Objekt zu Objekt schweifen kann. Die wahre Liebe ist unmächtig, das gefundene Objekt willkürlich zu verlassen und sich an ein Ersatzobjekt zu heften. Sie ist heterogen, von einem anderen Ich bedingt. Wenn man die Verschiebungen und Übertragungen einer Libido beobachtet, wird wohl der Verdacht aufsteigen, daß es sich hier gar nicht um echte Libido, wirklichen Liebesdrang, handelt, sondern daß die Libido unter dem Druck eines höheren Zweckes nur als Mittel funktioniert. Dieser höhere Zweck ist nach Alfred Adler eben die Machtgewinnung, das Überlegensein, welchem Ziele alle Triebe angepaßt und untergeordnet werden. Ein weiterer Hemmschuh am Erfolg der psychoanalytischen Praxis ist die strenge Scheidung von Bewußtem und Unbewußtem. Das Bewußte ist das Reich des Ich, der Tummelplatz der so oder anders gearteten Persönlichkeit. Das Unbewußte ist das Reich der Libido, <!-- S. 85 --> der Tummelplatz asozialer Triebe. In dem Individuum, das durch die analytische Aufhellung des Unbewußten doch als Einheit aufgeschlossen werden sollte, bleiben also nach wie vor zwei Reiche nebeneinander bestehen, aus dem Unbewußten kann jederzeit aufs neue ein noch unbekannter dunkler Libidostrom hervorbrechen und die mühsam errichteten Kulturdämme des Ich überschwemmen und wegreißen.

Diese Kritik bezieht sich auf die Wirkungsmöglichkeit der Psychoanalyse. Eine weitere Einschränkung legt sich diese Forschung selbst auf, indem sie ihre Wirkungssphäre freiwillig beschneidet und aus ihrem Kreise die zu leichten und zu schweren Fälle, die einfach Nervösen und die chronisch Verrückten, ausscheidet. Ihre Therapie wendet sich nur an die Fälle mittleren Grades, nämlich an Hysteriker und Zwangsneurotiker. Die gemeine Nervosität, die sogenannte Aktualneurose, die sich äußert in Unruhe, Angst, Kopfschmerz, Zittern und so weiter, wird von Freud als die direkte Folge mangelhaften, übermäßigen oder falsch geübten Geschlechtsverkehrs beschrieben, als eine rein körperliche Angelegenheit, die mit Verdrängung, Unbewußtem und so weiter nichts zu tun habe und also einer Psychotherapie keine Angriffspunkte biete. Hier schließt sich Freud der rein materialistisch-kausalen Medizin an, mit der Neuerung freilich, daß er Anomalien des Geschlechtslebens als Krankheitsursache beschreibt. Ebenfalls unzugänglich sind nach <!-- S. 86 --> der Meinung der Psychoanalyse die Psychosen, nämlich Paranoia (der Wahn) und Dementia praecox (das Jugend-Irresein). Bei diesen Krankheiten fehlt nämlich der Libido die Fähigkeit zur Übertragung, welche die Voraussetzung für eine Einflußnahme des Arztes wäre. Die Libido ist hier nicht an ein Objekt infantiler Stufen fixiert, sondern an ihr eigentliches Ich, sie ist narzißtisch, gänzlich von der Außenwelt abgekehrt und in ihren Wahn eingekapselt, so daß dem Arzt keine Anknüpfungsmöglichkeit an das Seelenleben des Kranken zu Gebote steht. So ist das Gebiet der psychoanalytischen Heilbehandlung nicht allzu umfangreich. Auch ihre Erfolgsmöglichkeiten scheinen nach dem Ausgeführten problematisch. Ihre ganze Fragestellung ist nicht zutreffend. Denn „nicht, freigewordene Libidomengen zu übertragen, sondern einem mit sich und der Welt zerfallenen Menschen zu helfen, ist die Aufgabe“. (Wexberg-Furtmüller.)

Dieser Aufgabe versucht die individualpsychologische Therapie gerecht zu werden. So macht sie, um an das zuletzt Gesagte anzuknüpfen, keinen Unterschied zwischen Aktualneurose, Hysterie und Verrücktheit. Sie sind ihr nur verschiedene Stadien der gleichen neurotischen Lebensweise. Von den physiologischen und sozialen Bedingungen, vor allem aber von der Stärke des Gemeinschaftsgefühls hängt es ab, welches Stadium ein Nervöser erreicht. Immer gilt die Neurose als Lebensweise, nicht als Krankheit. Und <!-- S. 87 --> ihre Symptome, leichte oder schwere, sind immer nur Mittel der Sicherung im Interesse des neurotischen Lebensplanes.

Es ist daher auch nur zu helfen, wenn man die ganze Persönlichkeit, ihr aus einem Minderwertigkeitsgefühl hervorgewachsenes Kompensationsstreben, den Lebensplan, der zur Überlegenheit führen soll, die unbewußten Sicherungstendenzen, kurz, das ganze Gebäude der neurotischen Fiktionen im Zusammenhange erfaßt und in seiner ganzen Künstlichkeit vor den Augen des Patienten erstehen läßt. Wenn man ferner erreicht, das schlummernde Gemeinschaftsgefühl zu wecken und so zu stärken, daß der Mensch sich künftig nicht mehr seinen ungelöst vor ihm stehenden menschlichen Aufgaben entzieht. Nicht wenn seine auffallendsten Krankheitssymptome verschwunden sind, erst wenn er mutig und unbefangen an seine Probleme, wie: Berufswahl, Eheschließung oder -führung, Einordnung in einen bestimmten Sozialverband, herangeht, wenn sein Persönlichkeitsgefühl für ihn nicht mehr das Zentrum aller Dinge ist, kann er als geheilt betrachtet werden.

Die Therapie Adlers geht niemals von der Voraussetzung eines angeborenen sexuellen oder sonstigen Naturells, einer unveränderlich gegebenen Konstitution aus, sondern hält bei aller Berücksichtigung vererbbarer Organdefekte, sozialer wie kultureller Benachteiligungen, an dem Satze fest: „Omnia ex opinione <!-- S. 88 --> suspensa sunt. Tam miser est quisque, quam credidit“ („Alles hängt von der Einstellung ab. Jeder ist so elend, wie er glaubt.“ Seneca). Und indem die Individualpsychologie den Kranken löst aus seiner Verpuppung in egoistische Machtgedanken, macht sie ihn nicht nur frei von etwas, sondern auch frei zu etwas: frei nicht nur von seiner Krankheit, seiner Angst, seinem Mißtrauen, sondern auch frei zu Unbefangenheit, Mitmenschlichkeit und Leistung. Da sie außerdem keine Scheidung der Psyche in streng getrenntes Bewußtes und Unbewußtes anerkennt, sondern dies nur als zwei Erscheinungsformen ein und desselben Lebensplanes ansieht, ermöglicht sie es dem neu gestärkten Gemeinschaftsgefühl, voller Beherrscher aller seelischen Triebe und Strebungen zu werden.

Auch die Individualpsychologie sieht einen Konflikt als letzte Ursache der Neurose an. Aber nicht zwei von Uranfang feindliche Triebe, wie Libido und Ich, die Vertreter der Lebenslust und der Lebensnot, kämpfen in der Seele, einander mit der Ausrottung bedrohend, sondern zwei Triebe, die im Grunde auf dasselbe zielten, nämlich auf Existenzsicherung, wollten sich einigen, und es mißlang ihnen.

So scheint es, daß die individualpsychologische Therapie mehr Menschen helfen und besser helfen könne als die psychoanalytische. Es muß natürlich berücksichtigt werden, daß das meiste von der Person des Arztes abhängt, der immer zugleich ein guter Pädagoge <!-- S. 89 --> und teilnehmender Mensch mit stark entwickeltem Gemeinschaftsgefühl sein muß. Nach dem Gesagten scheint es, als ob die Freudsche Therapie den Kranken aus einem dunklen, stickigen in ein helles, freundliches Zimmer versetzen könne, während die Adlersche Therapie die Tore weit aufreißt mit der Ermunterung: die ganze schöne Welt liegt offen vor dir da!

* * *

Bisher sind die Freudschen Forschungen sozusagen durch die Adlersche Brille angeschaut worden. Um nicht einer einseitigen Parteinahme bezichtigt zu werden, muß die Darstellung nun auch noch den umgekehrten Weg gehen: nämlich die Adlerschen Forschungen durch die Freudsche Brille betrachten.

Es wurde gesagt: Adler läßt Freuds Erkenntnisse von der Bedeutung der Sexualität gelten, er sagt nur, daß hinter der Sexualität etwas anderes stecke, nämlich der Wille zur Macht.

Nun ist zu ergänzen: Freud läßt Adlers Erkenntnisse von der Bedeutung des Willens zur Macht ebenfalls gelten, er sagt nur, daß hinter dem Willen zur Macht etwas anderes stecke, nämlich die Sexualität.

Daher hat Freud die zwei wichtigsten Begriffe der Adlerschen Theorie durch sexuelle Begriffe ersetzt und damit zu erledigen geglaubt: dem Adlerschen Minderwertigkeitsgefühl entspricht in der Psychoanalyse der Kastrationskomplex. Das heißt: alle Mädchen fühlen sich verkürzt, minderwertig, weil sie kein männliches <!-- S. 90 --> Glied haben, und alle Knaben leiden an der Angst, man könne es ihnen abschneiden. Unsicherheit, Ängstlichkeit, Vorsicht, aber auch Herrschsucht und Trotz, bei Adler Ausdrucksformen des Minderwertigkeitsgefühls und des daraus entspringenden männlichen Protests, sind bei Freud nur Symbole für Penisneid und Penisangst.

Man wird nicht umhin können, diese Auslegung etwas gezwungen zu finden. Die Prozedur der Kastration (Entmannung) kommt in unserer Zeit und Kultursphäre ungeheuer selten vor. Ja selbst eine Kastrationsdrohung (die bei Freud an Stelle der wirklichen Kastration eine kausierende Rolle spielt) ist so selten, daß es kaum angeht, sie als Ursache der so allgemein verbreiteten Einschüchterung und Entmutigung aufzufassen. Um seine Annahme zu stützen, beruft Freud sich auf die Phylogenese, das heißt, auf die unbewußte individuelle Wiederholung von Erlebnissen, die frühere Generationen gehabt haben. Er meint, so wie in der Symbolsprache des Traumes Kenntnis längst verlorener Wortbedeutungen aus archaischer Zeit sich verrate, so im Kastrationskomplex die Erinnerung an früheren Generationen widerfahrene Unbill. In primitiver Zeit (und heute noch bei wilden Völkern) ist ja die Kastration eine vielgeübte Strafmaßnahme. Trotzdem scheint durch diese Beziehung die These von der fundamentalen Bedeutung des Kastrationskomplexes nicht hinlänglich gestützt.

<!-- S. 91 -->

Einen zweiten Mittelpunkt der individualpsychologischen Theorie, das Streben nach Erhöhung der eigenen Persönlichkeit, das Sich-in-die-Mitte-stellen und die Sachlichkeit der Welt Außerachtlassen erklärt Freud mit dem Begriff des Narzißmus. Alle Libido ist auf das eigene Ich gewandt und hat die Person ihres Trägers sexuell in Besitz genommen. Daher der Egoismus, der Heldenwahn, die Abkehr von mitmenschlichen Pflichten und Beziehungen, die bei Freud wiederum nur sexuell begründet werden und sich als Symbolhandlungen libidinöser Vorgänge deuten lassen. Durch den Begriff des Narzißmus sind die Ich-Triebe, die bis dahin das asexuelle Gegengewicht der Libido bildeten, nachträglich sexualisiert. Das ist zwar ein Vorteil im Hinblick auf die Einheitlichkeit der Theorie, bringt aber neue Begriffsunklarheiten mit sich. Denn wenn die Ich-Triebe unter Umständen auch der Macht der Libido unterliegen, ebenfalls libidinös werden können, ist der ursprüngliche Konflikt zwischen gegensätzlichen Tendenzen, ist ferner die Allgemeingültigkeit der Verdrängung als Krankheitsursache in Frage gestellt; die Psychoanalyse hilft sich, indem sie die narzißtischen Krankheiten von den sogenannten Übertragungsneurosen abscheidet und unter einem völlig anderen Gesichtswinkel betrachtet.

Als Adler seine Lehre vom Minderwertigkeitsgefühl und Machtstreben formulierte, waren die Begriffe „Kastrationskomplex“ und „Narzißmus“ in der psychoanalytischen <!-- S. 92 --> Theorie noch nicht ausgebildet. Wie die Aufstellung von Ich-Trieben ursprünglich eine Konzession an das Adlersche „Gemeinschaftsgefühl“ bedeutete, zu einer Zeit, wo Adler noch Freuds Mitarbeiter war und man sich mit ihm zu einigen wünschte, so kann man Kastrationskomplex und Narzißmus vielleicht Waffen nennen, die die Psychoanalyse gegen die Individualpsychologie geschmiedet hat, als eine Einigung unmöglich geworden und Adler aus der psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft ausgeschieden war.

<!-- S. 93 -->

## Die Weltanschauung

Die Psychoanalytiker haben der Individualpsychologie den Vorwurf gemacht, daß sie sich zu sehr an den gemeinen Menschenverstand wende, mit oberflächlichen Erkenntnissen beim Laienpublikum billige Lorbeeren pflücke, anstatt mit wissenschaftlicher Gründlichkeit in tiefere Regionen der Forschung hinabzusteigen. Diese Geringschätzung des gesunden Menschenverstands und seiner Urteilsfähigkeit und die Auffassung von der Wissenschaft als einem Reservat für Eingeweihte und besonders Begabte entstammt selbst einer wieder nur individualpsychologisch zu verstehenden Bewertung der „Persönlichkeit“ und des „Durchschnittsmenschen“. Durch eine jahrtausendealte individualistische Kultur sowie durch eine ebenso alte falsche Fiktion, die den Einzelnen und seine höchste Vervollkommnung in den Mittelpunkt aller geistigen Bestrebungen setzt, erklärt sich die Überwertung der Persönlichkeit. Was einen Menschen von seinen Mitmenschen unterscheidet, was er an Qualität und Quantität als Besonderheit aufweist, wird ihm als Plus gebucht, ja diese Überwertung geht so weit, daß sogar die Grenzfälle des Persönlichkeitsbegriffs, <!-- S. 94 --> der Sonderling oder das Original, verhältnismäßig höherer Beachtung gewürdigt werden als der simple Mitmensch. Der Ausdruck „Durchschnittsmensch“ ist um so mehr zum Tadel und zum Zeichen der Geringschätzung geworden, je mehr man die Persönlichkeit, die Individualität, unterstrich. Der eigentliche, nicht wertende Sinn des Begriffs sagt einfach aus, daß der Durchschnittsmensch auf Kosten seiner persönlichen Besonderheit seine mitmenschlichen Gaben im Hinblick auf die Gemeinschaft ausgebildet habe, und das Verächtliche, das dem Begriff heute anhaftet, ist nur als Ausfluß einer nach dem Machtziele orientierten Urteilsgewohnheit zu verstehen. Selbst wenn also die Individualpsychologie sich vorwiegend an Durchschnittsmenschen wendete, würde sich daraus kein Makel ableiten lassen. Es spielt aber in dieser Kritik auch ein der heutigen Wissenschaft eigentümliches Streben nach Differenzierung um der Differenziertheit willen mit, ein glänzendes Anzeichen dafür, wie weit die menschliche Psyche von ihrer ursprünglichen Funktion: Orientierungs- und Sicherungsorgan zu sein, abgewichen ist und sich und ihre Tätigkeit als Selbstzweck konstituiert hat. Der Dualismus, der die meisten Geisteswissenschaften auch heute noch beherrscht, ist die adäquateste Denk-Methode, um die Erscheinungen in ihre Teile zu zerlegen und zu analysieren; um die daraus gewonnenen Erkenntnisse nutzbar zu machen, bedarf es einer Synthese, die das <!-- S. 95 --> Leben und geistig-seeliche Verfahren der Menschen aus einheitlichem Gesichtspunkte begreift, bedarf es einer monistischen Weltanschauung, die zusammenfaßt, ohne das durch frühere Differenziation Gewonnene für ungültig zu erklären, die jedoch, darüber hinausgehend, neue Wege weist.

Aus diesem Gegensatz zwischen analytischer und synthetischer Weltbetrachtung, zwischen Dualismus und Monismus, erhellt der Unterschied zwischen Psychoanalyse und Individualpsychologie als Forschungsmethoden und Weltanschauungen. Es seien noch einige Punkte aufgeführt, an denen diese Verschiedenheit sich deutlicher zeigt.

Freud ist ausschließlich mit dem „Fall“ beschäftigt. Soziologische Gegebenheiten interessieren ihn höchstens, soweit sie für die Krankengeschichte in Betracht kommen. Adler hingegen sieht den einzelnen Fall immer im Zusammenhange mit der Gesamtheit.

Freud entläßt den Geheilten mit erweitertem Bewußtsein und neu gewonnener Einsicht in seelische Zusammenhänge seiner Vergangenheit. Er nimmt die jeweils bestehende Gesellschaft mit ihren staatlichen, sozialen und kulturellen Formen als ein Unumstößliches hin, in das der Mensch sich mit nun besseren Kräften einzugliedern bemühen soll. Adler entläßt den Geheilten – er kann nicht anders – ebenfalls in dieselbe Welt, aus der dieser ehedem Minderwertigkeitsgefühl, Machtstreben und Krankheit erwarb. Aber er <!-- S. 96 --> ist sich klar darüber, daß selbst bei erweitertem Bewußtsein und besserer Einsicht in die Mechanismen seines Seelenlebens der Mensch in der (von seiner Erkrankung oder Gesundung im allgemeinen unberührten) Welt sehr leicht Anlässe zu neuer Entmutigung, zu neuerlichem Ausweichen empfangen könne, und ist daher bemüht, in dem Neurotiker Kräfte zu einer neuen Gemeinschaft, ihrem Aufbau und ihrer Einrichtung zu wecken und zu stärken. Die Umwelt ist für Adler nichts Unumstößliches, und indem er die Menschen aus ihrem individuellen Eigendünkel löst, sie lehrt, andere als ihresgleichen zu bewerten, gute Mitspieler und tätige Mitmenschen zu werden, wirkt er in seiner Individualpsychologie wahrhaft demokratisierend und als geistiger Vorbereiter des Sozialismus.

Freud sieht die Zeit der Menschheitsentwicklung, wo noch das Lustprinzip allein herrschen konnte, von keiner Lebensnot beschränkt, als das verlorene Paradies der Menschheit an. Das verlorene Paradies des einzelnen Menschen ist ihm die Kindheit; alles, was nachkam und nachkommt, bei der Menschheit wie beim Einzelnen, ist ihm „ein Erdenrest zu tragen peinlich“. In einem seiner letzten Werke („Jenseits des Lustprinzips“) hat er die Alleinherrschaft des Lustprinzips als Hypothese abgeändert und ihm das Konstanzprinzip zur Seite gesetzt, das sich im „Wiederholungszwang“, im Streben nach der ewigen Wiederkehr des Gleichen, offenbart. Wie die Libido, als Vertreterin des Lustprinzips, <!-- S. 97 --> letzten Endes auf sexuelle Befriedigung irgendwelcher Art zielt und wie sie, in der Fortpflanzung ihre breiteste Auswirkungssphäre findend, der Erhaltung des Lebens dient, so zielt der Wiederholungszwang, als Vertreter des Konstanzprinzips, letzten Endes auf Rückkehr in die ursprüngliche Ruhe, auf Rückverwandlung in leblose Materie und dient so der Vernichtung des Lebens (daher auch Todestrieb genannt). So erscheint für Freud schließlich das ganze lebendige Geschehen in zwei einander zuwiderlaufende Stöße zerlegt, und in seiner Rückwärtswendung zu ursprünglich besessener, dann unwiederbringlich verlorener Ruhe offenbart sich ein tiefer Pessimismus. Adler bewertet die Bedeutung der Menschheits- und individuellen Kindheit nur als Antrieb und richtunggebenden Faktor, als Sphäre, aus der Vergleichsmaterial herbeigeholt wird; er sieht die Menschheit wie das Individuum auf einer fortschreitenden Linie des Reifwerdens, beklagt kein verlorenes und ersehnt kein künftiges Paradies. Aber er glaubt an Entwicklung und ist optimistisch. Lustprinzip und Konstanzprinzip sind nicht unvereinbar gegensätzliche Strömungen, sondern beide dem Streben nach Macht untergeordnet. Dieses Streben nach Macht ist charakteristisch für den Neurotiker und tritt, weniger deutlich und vom Gemeinschaftsgefühl in Schach gehalten, bei allen Menschen auf. Das Streben nach Macht ist aber nur eine Abart des Strebens nach Sicherung, das allen <!-- S. 98 --> Lebewesen gemein ist. Die gelungene Sicherung ist von Machtgefühlen begleitet, die aus ihrer symptomatischen Begleitrolle allmählich zu einem selbständigen Triebziel erhöht wurden, oft selbst unter Vernachlässigung des ursprünglichen Triebziels, der Sicherung. So ist es zu verstehen, wenn Adler sagt, daß vieles im Menschen und in der Kultur auf einem Irrtum beruhe: die Macht, als Zeichen des erreichten Erfolges, wird irrtümlich für den Zweck dieses Erfolges genommen und verselbständigt. Ebenso ist es mit der Lust, die, ursprünglich nur eine Begleiterscheinung gelungener Sicherung, hypostasiert und zu selbständigem Triebziel gemacht wurde.

Der Wiederholungszwang aber stellt sich dar als Versuch mit tauglicheren Mitteln zur Bewältigung der Lebensprobleme und keinesfalls als Drang zum Tode oder zu ursprünglicher Ruhe.[^2]

<!-- S. 99 -->

Aus seiner Wendung in die Vergangenheit erklärt es sich, daß Freud bloß die Absicht hat, an der Vergangenheit Erkrankte zu heilen. Adler hingegen will Menschen für die Zukunft bilden. So liegt denn auch die Tätigkeit der Psychoanalytiker mehr auf medizinisch-forschendem, die der Individualpsychologen mehr auf pädagogisch-aufbauendem Gebiet.

* * *

Als Repräsentanten einer Wendezeit nicht nur in der Wissenschaft sind die Lehren Freuds und Adlers hier in elementarster Weise dargestellt worden. Der tiefe Unterschied, in einer Gegenüberstellung der Theorie, der Praxis und der Weltanschauung beider Forscher klargelegt, läßt sich in einer Verschiedenheit der Grundrichtung symptomatisch erkennen. Freud steht mit dem Gesicht in die Vergangenheit gewendet, während Adlers Blick schon die Zukunft umfaßt. Beide haben in eminenter Weise zur theoretischen Erforschung und praktischen Erweiterung des menschlichen Bewußtseins beigetragen und sind aus einer Geschichte des menschlichen Geistes nicht wegzudenken.

Das allein ist schon Verpflichtung genug, ihnen wenigstens so viel Interesse entgegenzubringen, als die Lektüre dieser kleinen Schrift erheischt. Von dieser historischen Einstellung abgesehen, die Freud wie Adler gleichmäßig werten muß, bietet die Individualpsychologie vom praktischen Gesichtspunkte wohl <!-- S. 100 --> die besseren Möglichkeiten, Erziehung, Menschenkenntnis, Arbeit, ja die gesamte Kultur mit neuen Augen anzusehen und mit neuem Geiste zu durchdringen.

* * *

Die menschliche Psyche ist ein Organ der Sicherung und Orientierung. Erst zufolge kultureller Irrtümer hat sie sich im Denken um des Denkens willen verselbständigt.

Sieht man die Psychoanalyse an als letzten Ausläufer einer jahrtausendealten Tendenz, die Erkenntnis des Lebens über die Gestaltung des Lebens zu stellen, so erscheint im Gegensatz hierzu die Individualpsychologie als eine Wendung wieder hin zur ursprünglichen Funktion des Geistes: wie dieser in der ersten Epoche menschlicher Entwicklung will sie in unserer komplizierten und entgleisten Zeit Führer sein durch das Labyrinth des Daseins.

<!-- S. 101 -->

## Literaturnachweis

Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. (Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien 1907.)

– Über den nervösen Charakter. (Dritte Auflage. Verlag J. F. Bergmann, München und Wiesbaden 1922.)

– Praxis und Theorie der Individualpsychologie. (Verlag J. F. Bergmann, München und Wiesbaden 1920.)

Adler-Furtmüller: Heilen und Bilden. (Verlag J. F. Bergmann, München und Wiesbaden 1922.)

Baudouin, Charles: Suggestion und Autosuggestion. (Sibyllen-Verlag, Dresden 1923.)

Ferenczi, Sandor: Populäre Vorträge über Psychoanalyse. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig-Wien-Zürich 1922.)

Freud, Sigmund: Vorlesungen. (International. Psychoanalytischer Verlag, Leipzig-Wien-Zürich 1922.)

– Die Traumdeutung. (Sechste Auflage, Wien 1922.)

– Psychopathologie des Alltagslebens. (Erste Auflage, Wien 1900.)

– Totem und Tabu. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1922.)

<!-- S. [102] -->

Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips. (Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 1921.)

Hesnard, A.: La Psychanalyse. (Paris, Librairie Stock, 1924.)

Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie. (Zweiter Jahrgang, Verlag Individualpsychologie, Perles, Wien 1923.)

Tansley A. G.: Die neue Psychologie. (Drei Masken Verlag, München 1923.)

Wittels, Fritz: Sigmund Freud. (E. P. Tal-Verlag, Leipzig-Wien-Zürich 1924.)

Wilken, Folkert: Die inneren Widersprüche der Freudschen Neurosenlehre. (Vortrag, gehalten am Internationalen Kongreß für Individualpsychologie, München, Dezember 1922.)

<!-- Se omiten el sello de la biblioteca (Humboldt-Universität zu Berlin) y las páginas de anuncios de la editorial (libros de Otto Rühle). -->

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar de la Universitätsbibliothek de la Humboldt-Universität zu Berlin (Zweigbibliothek Philosophie und Kulturwissenschaften) digitalizado para Internet Archive (archive.org, `Ruehle_Gerstel_1924_Freud_und_Adler_k`): Alice Rühle-Gerstel, *Freud und Adler. Elementare Einführung in Psychoanalyse und Individualpsychologie*, Dresden (Buchholz-Friedewald), Verlag Am anderen Ufer, [1924] (copyright 1924 de Otto Rühle; impreso por Jakob Hegner en Hellerau), 101 págs. y una sin numerar. Hay otra digitalización en la SLUB Dresden (PPN 167044192X); reediciones en 1989 y 2019, y traducción española en 1941 (ARG1941-02). Texto establecido a partir del OCR de archive.org, corregido página a página sobre las imágenes de todas las páginas (palabras pegadas o mal leídas, cifras, nombres, párrafos). El impreso no tiene cursivas ni espaciados; los subrayados a lápiz de un lector no se reproducen. En la p. 22 se aplica la fe de erratas pegada en el ejemplar (véase el comentario del código). Se conservan las grafías y erratas del impreso, p. ej. «des Adler» (p. 45), «begünstigste» (p. 59), una frase sin verbo en la p. 54, «geistig-seeliche» (p. 95), y la fecha «Erste Auflage, Wien 1900» de la *Psychopathologie des Alltagslebens* en la bibliografía. Se omiten el sello de la biblioteca y las páginas finales de anuncios de la editorial. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa; `* * *` señala los blancos de separación del original.

[^1]: Wenn vom Gesunden die Rede ist, so muß immer darauf hingewiesen werden, daß es nur approximativ Gesunde gibt. Keine Typen, sondern Grenzfälle.

[^2]: Hierfür gibt Freud selbst eine sehr passende Handhabe: bei einer Erschütterung oder Verletzung durch äußeren Schrecken, durch ein „Trauma“, treten häufig Träume auf, die das Erlebnis wiederholen. Diese Träume werden von Freud als Beispiel für den Wiederholungszwang angeführt. Er bemerkt aber selbst, daß diesen Träumen als neues Moment die Angst sich zugesellt. Angst ist Bereitschaft für eine Gefahr – und die Wirkungen des Schreckens sind eben gerade dadurch charakterisiert, daß keine Angst die Gefahr vorbereitet hat. Die Träume sind also Versuche, einer ähnlichen Situation mit tauglicheren Mitteln – nämlich unter Angstentwicklung – zu begegnen!
