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Title: Individualpsychologische Gedankengänge eines Kinderarztes
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 13 (1935), H. 4, S. 206-213
Author: Margarete Hilferding
URL: https://adler.school/archivo/hilferding/original/1935-12%20Individualpsychologische%20Gedankeng%C3%A4nge%20eines%20Kinderarztes
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<!-- S. 206 -->

# Individualpsychologische Gedankengänge eines Kinderarztes.[^1]

Von Dr. med. Margret Hilferding-Hönigsberg (Wien).

Es ist uns Individualpsychologen nichts Ungewohntes, daß wir in ärztlichen Arbeiten Gedankengänge finden, die mit den unserer Schule geläufigen so weitgehend übereinstimmen, daß wir sie kaum mehr für ein zufälliges Zusammentreffen zeitbedingter Auffassungen halten können. Und wenn die Namen *Alfred Adler* und *Individualpsychologie* in solchen ärztlichen Arbeiten fehlen, so haben wir für eben diese Fehlleistungen des Vergessens durch unsere eigenen Arbeiten ein gewisses wohlwollendes Verständnis. Es sei heute in Kürze über einen Vortrag des Professors *Franz Hamburger* berichtet, der als Artikel in der „Wiener Klinischen Wochenschrift“ (Heft 4, vom 25. Januar 1935) erschienen ist; es behandelt ein uns <!-- S. 207 --> wohlbekanntes Thema: Die Bedeutung der Gewohnheit in der klinischen Pathologie.

Es ist nicht anzunehmen, daß Prof. *Hamburger* als guter Kenner der wissenschaftlichen Literatur alle individualpsychologischen Arbeiten, ja selbst die Referate über dieselben übersehen hat. Darum staunen wir auch hier wieder über die Unbefangenheit, mit der seelische Mechanismen, die in ihrer Entstehung längst erforscht, in ihrer Zielsetzung determiniert, in ihrer Bedeutung für den gesunden wie für den kranken Menschen geklärt sind, einerseits als uralter Besitzstand der Medizin, andererseits als neue Entdeckung der Wissenschaft verkündet werden. Wir dürfen annehmen, daß bei der Behandlung seines Themas *Hamburger* alles, was eine Beziehung zu den Gedankengängen der Individualpsychologie aufweist, ins Unbewußte versenkt hat. Es aus dieser Versenkung wieder hervorzuholen und mit den von *Hamburger* mitgeteilten Tatsachen und Deutungen zu vergleichen, ist die Aufgabe, die ich mir heute gestellt habe.

*Hamburger* geht von der Darstellung eines Falles von *Wallis-Knöpfelmacher* aus. Bei einem 6 Monate alten Kinde tritt nach Nahrungsaufnahme immer wieder ein Krampf in der Mitte des Oesophagus auf; analog den Darlegungen Huslers über den läsionsbedingten Speiseröhrenkrampf nach Laugenverätzung deutet *Hamburger* den Fall: nach einer gelegentlichen Verletzung oder Reizung der Speiseröhre mit darauffolgendem Schluckkrampf sei bei dem „entsprechend stark nervös disponierten Kinde“ der Krampf an dieser Stelle sehr häufig aufgetreten. Als zweites Beispiel führt *Hamburger* den Pylorospasmus der Säuglinge an und weist ausdrücklich auf die besondere Bedeutung beider Symtomenkomplexe hin, weil sich hier — wie er sagt — so besonders deutlich zeigt, „daß in einem Alter, wo nach unseren Begriffen von einer Vorstellung noch nicht gesprochen werden kann, sich solche gewohnheitsmäßige Störungen (*Ethismen* nennt sie *Hamburger* nach dem griechischen Worte *ethizein* — sich gewöhnen) entwickeln können.“ Und nun müßte man eigentlich alles folgende wörtlich anführen; es steht nichts darin, was nicht auch von uns Individualpsychologen in ähnlicher Weise gesagt werden könnte. „Ein einziger Reiz also, von bestimmten Reflexen gefolgt, ist imstande, dauernd immer wiederkehrende Reflexkomplexe derselben Art hervorzurufen, wie sie sich seinerzeit im Anschluß an eben diesen Reiz entwickelt haben, unter der *Voraussetzung*, daß Reiz plus Reflexkomplex einen stärkeren Eindruck auf den Menschen gemacht haben. Wird der seinerzeitige Reiz, „man“ (?) hat ihn auch das psychische Trauma genannt, durch irgend eine Assoziation erinnert, so kommt es zu dem Reflexkomplex, z. B. zum Erbrechen, zum Husten, zum Kopfschmerz, zu Bauchschmerzen u. dgl. Aber es ist nicht einmal eine bewußte Erinnerung notwendig; die oft tief im Unterbewußtsein erfolgenden Assoziationen sind imstande, die entsprechenden Reflexkomplexe hervorzurufen. Die Gewohnheit kommt gewöhnlich zustande durch unzweckmäßige Abgewöhnungsversuche, durch sogenanntes vernünftiges Zureden oder gar durch Erklärung der Mechanik der Pathogenese. *So wird dann dem Kinde oder dem Erwachsenen die entsprechende Krankheit angewöhnt.*“

Soweit *Hamburger*. Widerspruch wird bei uns nur das Entsetzen vor der Erklärung der Mechanik der Pathogenese hervorrufen; mit allem <!-- S. 208 --> anderen stimmen wir überein. „Es soll“ — heißt es an anderer Stelle — „keineswegs die Gewohnheit als einziges pathogenes Moment hingestellt werden: Es kann nicht eindringlich genug gesagt werden, es kommt ganz wesentlich auf die Veranlagung an. Aber bei der Erhaltung eines einmal aufgetretenen Krankheitssymptoms kommt es eben ganz besonders auf die Gewohnheit, bzw. auf die Angewöhnung an. Auf die Anlage selbst haben wir kaum einen Einfluß, aber die Gewöhnung, die Fehler der Menschen, die die Kinder umgeben, die Fehler, die auch die Ärzte oft machen, durch welche die Angewöhnung gefördert oder doch die Gewohnheit erhalten wird, diese können beseitigt werden. Solche Fehler werden außerordentlich häufig gemacht; Kinder und Erwachsene werden sozusagen in ihren Krankheitssymptomen geübt und trainiert, ohne daß sie es wissen“. Endlich also ist es ausgesprochen: Trainiert! Unser gutes altes Wort „trainiert“; viel von uns verwendet, viel von anderen mißdeutet und bekämpft. *Hamburger* stützt seine Betrachtungen, wenn auch nicht auf die Lehre von *Adler*, so doch auf mannigfache Beobachtungen und Angaben in ärztlichen Publikationen. Der berühmte *Pawlow*’sche Hund wird ebenso herangezogen, wie die *Zappert*’sche Gewohnheitsneurose: *Bickel, Czerny, Ibrahim* werden als Gewährsmänner angeführt. „Wenn aber schon“ — so ungefähr folgen wir den Gedankengängen des Vortrages — „bei zuverlässig organischen Erkrankungen das „Ethisma“, die Gewöhnung, von maßgebendem Einfluß auf die Konstanz des Symptoms ist, um wieviel mehr bei dem ganzen Heer der nervösen Erkrankungen“. Als *immer* ethismatisch betont führt *Hamburger* an:

Muskulär: Tics, Spasmen, Erbrechen, spast. Obstipation, Dysurien, Myopie?

Vasomotorisch: Störungen in verschiedenen Organen.

Sekretorisch: Speichelfluß, Hyperacidität, Achylie, Diarrhöen usw.

Sensorisch: Schmerzen aller Art.

Psychisch: Zwangsvorstellungen, Phobien, Unarten, Minderwertigkeitsgefühle usw., manche Formen von Schizophrenie. Schlafstörungen.

Als zwar organisch bedingt, jedoch oft ethismatisch betont:

Struma parenchymatosa.

Periodische Acetonämie.

Diabetes?

Fieberhafte Zustände.

Warzen.

Dieser Liste, die wahrscheinlich manchen Widerspruch von Seite der Schulmedizin auslösen wird, werden die Individualpsychologen wohl noch einiges hinzuzufügen haben, insbesondere wo es sich um die Determination so vager Bezeichnungen handelt, wie vasomotorische Störungen in verschiedenen Organen oder sensorische Schmerzen aller Art. Ich will hier vor allem auf die Neuralgien mit besonderer Betonung der für unsere Lehre beinahe klassisch gewordenen Trigeminusneuralgie sowie auf manche gewohnheitsmäßig bedingten stenokardischen Anfälle hinweisen. Auch kann ich es mir nicht versagen, als Frauenärztin die meinem Fache besonders geläufigen Zusammenhänge in der Frage der Menstruationsstörungen anzuführen; inwieweit hier das Anlagemäßige, die Einflüsse der <!-- S. 209 --> Umwelt, die ängstliche Erwartung, die durch die regelmäßige Wiederholung der Menstruation in besonderem Ausmaße gegebene Möglichkeit des Gewohnheitsfaktors die Symptomatologie beeinflussen, ist nicht nur in unserem Kreise, sondern auch in der Schule des Wiener Gynäkologen Professor *Nowak* so oft besprochen worden, daß sich hier weitere Ausführungen erübrigen. Eine Überraschung für viele Ärzte, aber sicher nicht für uns Individualpsychologen bedeutet das Aufscheinen mancher Formen der Schizophrenie auf der Liste *Hamburgers*. Hingegen dürfte die gewohnheitsmäßige Verankerung der Schlafstörungen auch dem überzeugtesten Schulmediziner keine Neuheit sein. Die vielleicht interessanteste Aufführung in *Hamburgers* Liste ist der vom Verfasser selbst mit einem Fragezeichen versehene Hinweis auf den Diabetes. Trotz der eigenen Zweifel ist *Hamburger* nicht in der Lage — wie er selbst meint, vielleicht durch ungenügende Kenntnis der einschlägigen Literatur — für seine Vermutung Beweise zu erbringen. Doch führt er eine interessante Beobachtung des Preßburger Kinderarztes *Chura* an; er konnte zeigen, daß nach täglich unter Klingeln zugeführtem dextrosehaltigem Tee eine Insulinausschüttung auch dann statthat, wenn dextrosefreier Tee unter Klingeln verabfolgt wird. Wer erinnert sich da nicht der guten alten *Kreidl*’schen Karpfen aus der Vorlesung über Physiologie; sie waren berühmt und geachtet, weil sie sich an die durch ein Glockenzeichen angekündigte Mahlzeit so sehr gewöhnt hatten, daß sie den Weg zum Freßplatz beibehielten, auch nachdem längst nur mehr das Glockenzeichen, aber keine Mahlzeit mehr gegeben wurde. Übrigens ist die psychische Bedingtheit des Diabetesverlaufes bekannt; es wären die feineren Zusammenhänge zwischen Gewohnheit und psychischem Geschehen und ihre Wirkung auf das Symptom — hier die Zuckerausscheidung — näher zu erforschen.

*Hamburger* hätte wohl auch manche Formen des Ulkus des Magens und des Zwölffingerdarmes in seine Liste aufnehmen können; durch Anführung der Hyperazidität unter seinen „Ethismen“ läßt er den Weg dazu offen.

Zur Frage der Myopie sollte ein Augenarzt Stellung nehmen; obwohl ich selbst kurzsichtig bin, habe ich ähnliche Beobachtungen weder an mir selbst, noch an andern machen können. Doch ist mir aus *Grillparzers* autobiographischen Schriften eine Selbstbeobachtung, die *Hamburger* recht geben könnte, bekannt. *Grillparzer* hat in einem Augenblicke völliger seelischer Entspannung eine deutliche Gesichtswahrnehmung gehabt, deren Schärfe mit seiner Kurzsichtigkeit und sonstigen Gesichtseindrücken in Widerspruch stand.

Die Einreihung der *Struma parenchymatosa* in die Liste der Ethismen hat *Hamburger* wohl allein zu verantworten; für sie spricht allerdings noch der längst bekannte und anerkannte Zusammenhang des *Morbus Basedow* mit psychischen und gewohnheitsmäßigen Mechanismen. Es wird auch niemand bezweifeln, daß die *habituelle Hyperthermie* nach Moro zu Recht auf dieser Liste steht, allerdings nicht nur mit der Beschränkung auf das Kindesalter.

Im Ausmaße der zuständigen Fälle stimmen wir wohl mit *Hamburger* überein, der nach eigenen Zählungen am Ambulatorium der Wiener <!-- S. 210 --> Kinderklinik die Zahl der Ethismen auf ungefähr zwei Drittel aller chronischen Erkrankungen des Kindesalters schätzt; höher schätzen wir selbst kaum die Zahl der Neurosen unter den Krankheitsfällen der allgemeinen Praxis. Charakteristisch für *Hamburgers* Auffassung ist der von ihm geprägte Ausdruck „das Heer der nervösen Ethismen“. Denn das, was *Hamburger* mit dem neugeschaffenen Ausdruck „Ethisma“ bezeichnet, ist eigentlich nichts anderes, als unsere altvertraute Neurose; die von ihm beobachtete gewohnheitsmäßige Einübung des Symptoms ist unser Training zur Neurose: darum müßte in unserem Sinne der Titel des Vortrags lauten: Neurose und Training in der Symptomatologie der chronischen Erkrankungen. Zugegeben, daß manches dafür spricht, den aus vergangenen Zeiten bei Ärzten und Patienten schwer belasteten Ausdruck „*Neurose*“ durch eine andere gut gewählte Bezeichnung zu ersetzen. Ob aber das ethymologisch schwer verständliche Wort „*Ethisma*“ ein vollwertiger Ersatz ist, bezweifle ich, umsomehr, als darin jeder Hinweis auf die doch nicht hinwegzudenkende Krankheitskomponente fehlt. Hingegen scheint es nicht erforderlich, das Wort „*Training*“, das heute im Zeitalter des Sports für jedermann ohneweiters verständlich ist, durch ein anderes zu ersetzen. Darüber mögen sich die Gelehrten von der Schulmedizin streiten — wir Individualpsychologen bleiben bei unserer alten Terminologie.

Von höchstem Interesse für uns und für alle Psychotherapeuten scheint mir, wie sich *Hamburger* als Heilarzt verhält. Er spricht geradezu von thymotroper Therapie, die er allerdings ins Unterbewußtsein verwiesen haben will. „Alle die heute von mir besprochenen Krankheiten — führt er aus — zeichnen sich dadurch aus, daß sie unter Umständen plötzlich geheilt werden können; und aus der plötzlichen Heilbarkeit hat man das Recht zu schließen, daß das Ethisma entweder eine sehr große oder doch eine nennenswerte Rolle spielt“. Er knüpft hier an das bekannte Buch von *Liek* „Das Wunder in der Heilkunde“ an, dessen Gedankengängen er größere Verbreitung wünscht. Neben der thymotropen Therapie verzichtet er aber keineswegs durchaus auf die Rezeptur; er empfiehlt sie vor allem in der Form, die er als „*Anstoßtherapie*“ bezeichnet, und vergleicht sie mit dem „*Stoß ins System*“ nach *Liek*, mit dem „*Pyramidonstoß*“ *Weltmanns*; von seinen eigenen Erfahrungen zieht er vor allem den von seinem Schüler Rupilius publizierten Erfolg bei der Struma parenchymatosa des Kleinkindes heran, die durch eine einzige einmalige Jodgabe (0.0001) in mehreren Fällen beseitigt werden konnte. Solche Mechanismen dienen ihm zur Erklärung mancher Fälle von periodischer Azetonämie, die nach tagelangem Krisenzustand durch eine einzige Injektion von 1 ccm physiologischer Kochsalzlösung geheilt wurden. Ähnlich erklärt *Hamburger* auch die Aschner’sche Schizophrenie-Heilung. Ich möchte hinzufügen, daß die Verabreichung von kleinen Chinindosen bei längerdauernden Fieberzuständen unklarer Provenienz, wie sie schon von den alten Ärzten geübt wurden, wenn auch nicht unter der modernen Bezeichnung des „Stoßes“, in dasselbe Kapitel gehört; ebenso die alte, heute nicht mehr so beliebte Methode der Abführkuren, die keinen andern Sinn haben konnte, als den Darm an regelmäßige Tätigkeit zu gewöhnen, d. h. zu erziehen. Die populärste Form dieser Kur war die oft familienweise durchgeführte „Frühlingskur“, die <!-- S. 211 --> neben der abführenden Wirkung der Kräutersäfte auch noch den Vorteil reichlicher Zufuhr der damals dem Begriffe nach noch nicht bekannten Vitamine, der Muskelübung im Freien, der ausgiebigen Besonnung oder wenigstens Belichtung nach den sonnen- und vitaminarmen Wintermonaten gewährte. Wir werden nicht fehl gehen, wenn wir den Erfolg mancher moderner Brunnenkuren auf ähnliche Weise erklären. Diese Einzelheiten zeigen, wie sehr bereits in früheren Zeiten erfahrungsgemäß die Kombination von rein medizinischen Heilmethoden mit psychisch-pädagogischen Einflüssen wirksam war. Sie ist auch heute noch — oft uneingestanden — die Methode der Wahl des praktischen Arztes in der Bekämpfung des neurotischen Symptoms, der den Psychotherapeuten grundsätzlich nur für die ihm aussichtslos erscheinenden Fälle in Anspruch nimmt. Die Psychotherapie lehnt die Hilfe der medikamentösen Therapie ebenso grundsätzlich ab; doch bleibe es dahingestellt, ob sich der Psychotherapeut dadurch nicht oft seine Aufgabe selbst erschwert. Gerade die Ausführungen *Hamburgers* über den „Stoß ins System“ erscheinen mir auch in diesem Sinne bemerkenswert. Über die Beziehungen einer solchen Therapie zur „Wunderheilung“ im Sinne *Lieks* ist noch nicht genügend gesprochen worden. Es gibt wohl keinen Psychotherapeuten, ja wahrscheinlich überhaupt keinen Arzt, der zu diesem Thema nicht aus eigener Erfahrung zu berichten hätte. Nur soviel sei gesagt, daß die bekannt günstige Wirkung neuer Heilmittel oder neuer Heilmethoden im Verlaufe einer längeren Erkrankung, die *Hamburger* erwähnt, in dasselbe Kapitel gehört; auch der neue Arzt (Arztwechsel) pflegt diese günstige Wirkung zu haben. Sogar der Erfolg neuentdeckter Behandlungssysteme — die Geschichte der Medizin ist reich an instruktiven Beispielen von *Prießnitz* bis zu den Kurzwellen, von der Homöopathie bis zur intravenösen Injektion — beruht teilweise auf ähnlichen seelischen Mechanismen, denen sich der Arzt sowenig entziehen kann, wie der Kranke. Vielleicht gehört auch die von Noorden mit soviel Glück verwendete *Zickzack-Kost* hierher.

Auch die Wiener Internisten *Bix* und *Czylarz* („Über die Imitation des Salyrganeffektes durch indifferente Mittel“, Wiener Klinische Wochenschrift 1935/12) knüpfen an die *Pawlow*’sche Lehre von den bedingten Reflexen an; sie teilen nicht nur ihre eigene gleichgerichtete Beobachtung mit (der Ersatz der harntreibenden Salyrganinjektion durch ein indifferentes Mittel im Verlaufe einer Kur bringt die gleiche Wirkung hervor), sondern sie zitieren auch zur Stütze ihrer eigenen Mitteilung Versuche von *Bogner* (Trompetenschall und Magensaftsekretion) und von *Marinesko*, *Sagar* und *Kreindle* (Grammophon und Harnausscheidung) mit analogem Verlaufe. Daß auch die alten Ärzte unter gleichen Voraussetzungen zu arbeiten versuchten, zeigt uns die Geschichte der Morphin-Entziehungskuren; es war ein alter Trick, das Morphin zeitweilig durch harmlose Injektionen zu ersetzen; leider blieb diese Behandlung erfolglos und wurde aufgegeben. Ob sie nicht unter entsprechend vorbereiteten psychologischen Versuchsbedingungen leistungsfähig wäre, müßte in einer längeren Versuchsreihe nachgeprüft werden.

So sehen wir, daß der Lehre von der psychischen Entstehung des Symptoms, mindestens aber von seiner überragenden psychischen <!-- S. 212 --> Bedingtheit durch die rein empirische Beobachtung am Krankenbette immer neue Beweise zugeführt werden; *Hamburger* selbst, ein Kinderarzt strengster Observanz, von der Schulmedizin abstammend, die er bis jetzt meines Wissens niemals verleugnet hat, der für die moderne Psychotherapie nichts übrig hat — sonst müßte er sie doch erwähnen — ist durch seine Erfahrungen am Krankenbette gezwungen, sich mit der seelischen Komponente des Krankseins zu beschäftigen. Dabei übersieht er — natürlich in gutem Glauben —, daß diese Komponente von den Psychotherapeuten aller Richtungen studiert, mit guten Beispielen belegt, wissenschaftlich bearbeitet, in einer fast unübersehbaren Reihe von Büchern und Abhandlungen für alle Gebiete der Geisteswissenschaften und ganz besonders für die Medizin dargestellt wurde. Von alledem unbeschwert tritt *Hamburger* an seine Aufgabe heran. Und siehe da! In Kürze kommt er zu einem Resultat, das mit dem von uns in jahrzehntelanger mühevoller Arbeit erworbenen in sehr wesentlichen Punkten übereinstimmt. Denn *Hamburgers* Auffassung von der Bedeutung des „Trainings“ für die Entwicklung des Krankheitssymptoms unterscheidet sich kaum von unserer eigenen Anschauung; verschieden ist nicht so sehr die Sache, als der Name, den er demselben Begriffe beilegt. Der wahre Unterschied liegt auf einem anderen Gebiete.

Als alter Naturwissenschaftler verabsäumt *Hamburger* nicht, die Frage nach dem „*Warum*“ zu stellen. Das „*Wozu*“ scheidet hingegen aus seiner Betrachtungsweise völlig aus. Der final gerichtete Sinn des Symptoms, der Neurose überhaupt, die den Kernpunkt der *Adler*’schen Lehre bildet, ist seiner Beobachtung entgangen. Das ist auch der Grund, warum seine Ansicht über die Therapie sich in wesentlichen Punkten von der unseren unterscheidet; der Grund vor allem, warum er alles, was der Arzt selbst zur Aufklärung über den Sinn des Symptoms beitragen könnte, ängstlich — man könnte beinahe sagen, neurotisch — der Einsicht der jugendlichen Patienten und ihrer Pflegepersonen (Eltern) verbergen möchte; auf diese Einstellung wurde bereits hingewiesen. „Je tiefer im Unterbewußtsein“, sagt *Hamburger*, „die thymotrope Therapie geübt wird, umso besser. Eines freilich muß eindringlich gesagt werden: die Bedeutung der Gewohnheit bei solchen Krankheiten darf den meisten Patienten und auch ihren Angehörigen nicht mitgeteilt werden, weil die Laien zu diesem Glauben fast nie gebracht werden können und weil sich daher der Arzt den Weg zur Heilung solcher Zustände selbst verlegt.“ *Hamburger* möge sich die Mühe nehmen, unsere Beratungsstunden zu besuchen; wir haben gegenteilige Erfahrungen gemacht. Die Einsicht in die Zweckwahl des Symptoms, die Aufdeckung des Lebensstils und damit der Richtung, in der das Symptom wirksam werden soll, all das wollen wir unseren Kranken und ihrer Umgebung — gerade weil sie durch unkluges Verhalten ihn in seiner Zielsetzung bestärkt, wie *Hamburger* sehr richtig beobachtet hat — nicht vorenthalten. Und wir sehen, wieder im Gegensatz zu *Hamburger*, daß unsere Kranken uns verstehen, daß selbst sehr junge Kinder die Aufklärung über den Sinn ihres Symptoms annehmen und — bester Beweis für uns — mit ihrer Heilung beantworten. Und auch die Umgebung der Kranken, kaum weniger neurotisch als die Patienten selbst, ist nach unserer Beobachtung nicht so schwer zugänglich, wie *Hamburger* sie schildert. Andrerseits sagt <!-- S. 213 --> er selbst, daß oft die Mütter mit der Frage kommen: „Ich weiß nicht, ist das bei dem Kinde eine Krankheit, oder ist es eine Gewohnheit?“ Die Mutter spürt also ganz genau, daß hinter dem Krankheitssymptom noch etwas anderes ihr nicht ganz verständliches aber jedenfalls ihr feindliches steckt, das sie mit eigenen Mitteln nicht besiegen kann; sie verlangt Aufklärung und Hilfe. Die so eingestellte Mutter versteht schon die Aufklärung des Arztes, wenn sie das auch vorläufig noch nicht zugeben will: denn das Eingeständnis fällt ihr schwer, daß sie selbst in diesem Spiel um die Krankheit oft eine entscheidende Rolle spielt. Und darum heißt es in der Therapie, sich ihrer Mitarbeit versichern, wie wir gewohnt sind, es wenigstens zu versuchen. Wenn es glückt, so hat der Arzt eine Helferin gewonnen, die, eben weil sie nicht an Wunder glaubt, dem Arzt den Weg zur Heilung nicht verlegen wird, wie *Hamburger* befürchtet. Das gilt nicht nur für die Mutter, sondern auch für alle andern, die das Kind umgeben und beeinflussen, mit einem Wort, für das Milieu, das *Hamburger* in seiner Bedeutung so richtig einschätzt.

Zuletzt noch eine Frage: Sollen wir etwa gekränkt sein, daß unsere ganze große Arbeit von *Hamburger* anscheinend übersehen wurde? Sollen wir eine psychologische Erklärung für sein Verhalten suchen? Beides wäre nicht am Platze. Wir freuen uns, wann und wo immer Psychotherapie im Sinne der Individualpsychologie getrieben wird; wir begrüßen jedes Ergebnis, wie immer es erarbeitet wurde, als einen Teil jener großen Konzeption, die den Menschen helfen soll, die Lebensschwierigkeiten zu besiegen.


[^1]: Referat, gehalten in der Arbeitsgemeinschaft der individualpsychologischen Ärzte (Wiener Verein für Individualpsychologie) am 6. März 1935.

<!-- En la pág. 206 el artículo va precedido del final de otro texto del mismo número, y en la pág. 213 lo sigue «Zwei Beiträge zur Individualpsychologie» de Oliver Brachfeld; no se transcriben. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar digitalizado de la *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 13 (1935), H. 4, págs. 206-213, en archive.org (izi_13_1935_4), extracto en PDF del archivo; se partió del OCR de archive.org y se cotejó con las imágenes de página, de las que proceden también las cursivas. Se respetan las grafías del impreso (*Symtomenkomplexe*, *ethymologisch*). Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
