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Title: Zum Eheproblem
Description: Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift (Wien) 21 (1928), Nr. 4, S. 180-181 (Rubrik «Bücher»)
Author: Margarete Hilferding
URL: https://adler.school/archivo/hilferding/original/1928-04%20Zum%20Eheproblem
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<!-- S. 180 -->

# Zum Eheproblem.

**Sophie Lazarsfeld: Die Ehe von Heute und Morgen.** Individuum und Gemeinschaft. Heft 3. München 1927. Verlag Bergmann.

**— Erziehung zur Ehe.** Wien 1928. Moritz Perles.

Zu den ideellen Aufgaben unserer Partei zählt nicht zuletzt die Lösung des Eheproblems. Alte und neue Eheformen bestehen heute nebeneinander und sind in ewiger Umwandlung begriffen. Der historischen Wirtschafts- und Kinderehe, die aus dem Fehlen der Kinder ebenso wie aus dem Mangel wirtschaftlicher Gebundenheiten gegenwärtig zurückgedrängt scheint, tritt die psychisch gestützte Ehe des modernen Menschen entgegen. Die Analyse der Grundlagen dieser Eheformen ist der Ausgangspunkt für die Theorie der künftigen Gemeinschaft zwischen Mann und Frau. Sophie Lazarsfeld hat sich die Aufgabe gestellt, an dieser Analyse mitzuarbeiten. Ihre beiden Schriften ergänzen sich in glücklicher Weise; was in der ersten nur angedeutet und gestreift wurde, erscheint in der zweiten vertieft und durch Beispiele aus der Literatur und aus dem Leben begründet. Die Verfasserin steht auf dem Standpunkt der monogamen Dauerehe, sie fordert „Dauer“ und „Treue“ sowie den „Willen zur Gemeinschaft zwischen dem Ich und dem Du“ auch für die von jeder wirtschaftlichen Bindung losgelöste Ehe der Gegenwart. Die Wege, die sie zur Erringung aufzeigt, sind gangbar und zielfördernd. Es sind die Wege der Individualpsychologie, der Lehre *Alfred Adlers*, die sich auf dem Gebiet der Jugenderziehung als brauchbar, ja fast als unübertrefflich erwiesen hat. Es ist das große Verdienst von Sophie Lazarsfeld, daß sie diese Lehre auf die sexuell-erotisch-kameradschaftlichen Beziehungen der Geschlechter angewendet hat. Sie zeigt, daß das Gefühl der Minderwertigkeit hier wie überall die gesell<!-- S. 181 -->schaftsfeindliche Einstellung erweckt und befestigt, während seine Überwindung zur Einfügung in die Ehe und durch sie in die größere Gemeinschaft des Lebens leitet. Die Berufsarbeit der Frau als Mittel und Ziel ihrer Unabhängigkeit findet richtige Beurteilung, da nur die materielle Selbständigkeit ihr Sicherheit und Freiheit dem Manne gegenüber wahrt.

Die „Erziehung zur Ehe“ beschäftigt sich eingehend mit den Ursachen des Versagens der Ehe. Während die Wissenschaft und die Volksmeinung ausschließlich die bekannten physiologischen Vorgänge im Leben der Frau beschuldigt, weist die Verfasserin in durchaus originellen und beachtenswerten Gedankengängen auf die Bedeutung der Geschlechtsrolle des Mannes. Seine Aktivität im Geschlechtsverkehr, die Unsicherheit der Vaterschaft seien es, die in ihm das Gefühl sexueller Minderwertigkeit hervorrufen, das naturnotwendig zur Überkompensierung und damit zur Machtstellung des Mannes im Kampf der Geschlechter führen muß. Auch die Ehekrise im fünften Jahrzehnt des Lebens bei beiden Geschlechtern ist nach ihrer Auffassung weit mehr eine Folge des männlichen Klimakteriums als der Wechseljahre der Frau. Es muß zugegeben werden, daß der Begriff des männlichen Klimakteriums, der uns erst durch die physiologischen und psychologischen Forschungen der letzten Jahre vertraut ist, eine solche Deutung zuläßt.

Als wichtigste Grundlage für die gute Ehe bezeichnet Lazarsfeld die Vertrautheit mit der Realität der Liebe und des Ehelebens. Das Ziel der Persönlichkeitserhöhung, das sie in Übereinstimmung mit Alfred Adler als bestimmend für unser aller Lebensrichtung ansieht, darf nicht auf Kosten des Ehepartners erreicht werden, sondern muß sich sinnvoll in das Leben der Gemeinschaft einfügen. Wenn die Verfasserin betont, daß durch Schulung nach den Grundsätzen der Individualpsychologie zwar nicht immer eine Ehe, dafür aber eine erträgliche Gemeinschaft gestaltet werden kann, so zieht sie selbst damit sehr deutlich die Grenzen für die Erlernbarkeit der Ehe.

Ob die Zukunft auf dem Wege, den Sophie Lazarsfeld aufzeigt, sich erfüllen wird? Es ist unausdenkbar, daß menschliche Beziehungen ohne andere Grundlagen als den Willen Dauer haben könnten, daß alle wirtschaftlichen und sozialen Bedingtheiten entfallen. Und doch ist es dieser Weg der Willensbildung, den wir im Vertrauen auf die heilpädagogische Wirksamkeit der Individualpsychologie so lange gehen werden, bis eine bessere und vollkommenere Form der Gemeinschaft zwischen Mann und Frau die alte Ehe ablöst.

Margret *Hilferding*.

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de *Der Kampf* 21 (1928), n.º 4, págs. 180-181, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP dks19280104, imágenes 44-45), en Fraktur; se partió del OCR tesseract (frk+deu) y se corrigió íntegramente sobre la imagen. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
