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Title: Die Entwicklung der Wiener Mittelschulen
Description: Die Wiener Schule. Pädagogische Beilage zum Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, Jg. 1933, Stück IV (ausgegeben am 15. Dezember 1933), S. 1-3
Author: Carl Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller/original/1933-12-15%20Die%20Entwicklung%20der%20Wiener%20Mittelschulen
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<!-- S. 1 -->

# Die Entwicklung der Wiener Mittelschulen.[^1]

Von Karl Furtmüller.

## I.

Es war von allem Anfang an nicht zweifelhaft, daß die seit dem Schuljahre 1931/32 eingeleiteten Sparmaßnahmen an den Bundesmittelschulen auch bei möglichst zurückhaltender und entgegenkommender Durchführung doch zu einer von Jahr zu Jahr mehr fühlbaren Beengung unseres Schulwesens führen mußten. Dies bestätigen auch die Verhältnisse am Beginne des Schuljahres 1933/34.

Wenn von einer möglichst entgegenkommenden Durchführung gesprochen wird, so zeigt sich diese vor allem in der Gesamtzahl der bewilligten Klassen. Hatten wir im letzten Jahre vor der sogenannten „Planwirtschaft“ (1930/31) 612 Klassen, sanken wir dann 1931/32 auf 600 Klassen herab, so sind wir über die 602 Klassen des Schuljahres 1932/33 heuer wieder bei 613 Klassen angelangt, haben also den ursprünglichen Umfang des Wiener Bundesmittelschulwesens nicht nur erreicht, sondern sogar um eine Klasse überschritten. Allerdings haben sich in denselben Jahren die Gesamtschülerzahlen von 18.754 (1930/31) über 19.870 (1931/32) und 21.341 (1932/33) bis auf 22.352 (1933/34) gesteigert, so daß die durchschnittliche Klassenbesetzung von 30·6 über 33·1 und 35·5 jetzt auf 36·5 gestiegen ist. Die durchschnittliche Klassenbesetzung in unseren Bundesmittelschulen hat also im Laufe dieser vier Jahre eine Erhöhung um etwa ein Fünftel erfahren, d. h. im Durchschnitt ist in jedem Klassenzimmer zu je 5 Schülern, die früher dort saßen, ein sechster hinzugekommen. Da wir wissen, daß in den obersten Klassen sowohl aus pädagogischen als auch administrativen Gründen die Schülerzahl verhältnismäßig geringer ist (1933/34 durchschnittliche Besetzung in den achten Klassen 22, in sämtlichen Oberklassen 28·5), so sind wir uns von vornherein darüber klar, daß der Gesamtdurchschnitt von 36·5 vor allem in den Unterklassen zu unerfreulicher Auswirkung kommen muß. Schon im Vorjahre verteilten sich die 14.146 Schüler und Schülerinnen der Unterstufe auf 344 Klassen, was einer durchschnittlichen Klassenbesetzung von 41·1 entsprach, im Schuljahr 1933/34 bringt die Steigerung der Schülerzahl auf 14.696 bei gleichbleibender Klassenzahl eine Verschlechterung des Durchschnitts auf 42·7. Am empfindlichsten ist natürlich die erste Klasse betroffen. Hier haben wir folgende Entwicklung:

| Schuljahr | Schülerzahl | Klassenzahl | Durchschnittl. Klassenbesetzung |
| --- | --- | --- | --- |
| 1930/31 | 3565 | 93 | 38·2 |
| 1931/32 | 3775 | 85 | 44·4 |
| 1932/33 | 3977 | 85 | 46·8 |
| 1933/34 | 3797 | 80 | 47·5 |

Auch in der *zweiten Klasse* finden wir eine weitere Verschärfung der ungünstigen Verhältnisse. 1932/33 hatten wir 4123 : 92 = 44·8 Schüler in jeder zweiten Klasse, heuer dagegen 4171 : 90 = 46·3. Selbst die *dritte Klasse* hat als Durchschnittszahl heuer den ominösen Vierziger bereits überschritten (3634 : 90 = 40·4).

Wie im Vorjahre wollen wir uns die Auswirkung dieser Verhältnisse in den einzelnen Klassen vor allem an den *ersten Klassen* der Wiener Bundesmittelschulen konkret vor Augen führen. Von den 85 ersten Klassen wies im Vorjahre eine Hälfte (42 Klassen) eine Besetzung mit 48 oder mehr Schülern auf. Heuer gilt dies von 42 unter 80 Klassen. Im einzelnen ergibt sich folgendes Bild:

Es saßen

| | im Schulj. 1932/33 | 1933/34 | |
| --- | --- | --- | --- |
| 48 Schüler in | 4 | 5 | ersten Klassen |
| 49 „ „ | 3 | 4 | „ „ |
| 50 „ „ | 7 | 8 | „ „ |
| 51 „ „ | 6 | 7 | „ „ |
| 52 „ „ | 4 | 7 | „ „ |
| 53 „ „ | 4 | 4 | „ „ |
| 54 „ „ | 1 | 2 | „ „ |
| 55 „ „ | 4 | 1 | „ „ |
| 56 „ „ | 4 | 2 | „ „ |
| 57 „ „ | 3 | — | „ „ |
| 58 „ „ | 0 | 0 | „ „ |
| 59 „ „ | 1 | 0 | „ „ |
| 60 „ „ | 1 | 2 | „ „ |

Sehr ungünstig steht es heuer auch um die *zweiten Klassen.* Hier weisen 40 von 90 Klassen eine Zahl von 48 und mehr Schülern auf. Die Verhältnisse im einzelnen lehrt folgende Übersicht:

Es sitzen

| Schüler | | |
| --- | --- | --- |
| 48 | Schüler in 6 | zweiten Klassen |
| 49 | „ „ 6 | „ „ |
| 50 | „ „ 6 | „ „ |
| 51 | „ „ 1 | „ „ |
| 52 | „ „ 4 | „ „ |
| 53 | „ „ 4 | „ „ |
| 54 | „ „ 5 | „ „ |
| 55 | „ „ 1 | „ „ |
| 56 | „ „ 2 | „ „ |
| 57 | „ „ 3 | „ „ |
| 58 | „ „ 1 | „ „ |
| 59—61 | „ „ — | „ „ |
| 62 | „ „ 1 | „ „ |

Unter solchen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß auch die wenigen Ausnahmsfälle, in denen wir eine scheinbar erfreulich geringe Klassenbesetzung feststellen können, nur der Ausdruck der Tatsache sind, daß durch zufällige Umstände ein wünschenswerter Schülerausgleich nicht möglich war. So können wir im ganzen 3 erste Klassen mit einer Schülerzahl unter 35 Schülern feststellen.

In G XIII eine Klasse mit 30 Schülern  
„ R III „ „ „ 32 „  
„ R II/1 „ Mädchenklasse mit 22 Schülerinnen.

In G XIII stehen aber daneben 2 Parallelklassen mit 51 und 52 Schülern; die ungleichmäßige Verteilung auf die 3 Klassen ist durch die räumlichen Verhältnisse der Anstalt bedingt. In R III steht neben der Knabenklasse von 32 Schülern eine Mädchenklasse mit 52 Schülerinnen, hier ist es das Streben nach Vermeidung gemischter Klassen, das den wünschenswerten Ausgleich der Schülerzahl verhindert hat. In R II/1 wurde die Mädchenklasse erst im Herbst und auch da erst in einem vorgeschrittenen Zeitpunkt bewilligt, weil die Unterbringung der Mädchen in RG XX sich als ganz unmöglich erwies. Infolge dieses Umstandes steht nun die unternormal besetzte Mädchenklasse in R II/1 einer überfüllten Klasse (54 Schülerinnen) in RG XX gegenüber.

<!-- S. 2 -->

## II.

Schon im Vorjahre wurde darauf hingewiesen, daß die Steigerung der Schülerzahl in den letzten Jahren vor allem eine Folge des Umstandes ist, daß stärkere *Geburtenjahrgänge* in das Mittelschulalter eingerückt sind, eine Erscheinung, die — wie die Geburtenstatistik ergibt — leider durchaus vorübergehend ist. Der relative Andrang zur Mittelschule hatte schon im Vorjahre stark nachgelassen. Es ergab sich daraus die Folgerung, daß Ausgaben im Unterrichtsbudget, die dieser vorübergehenden Steigerung der Schülerzahl Rechnung trügen, nicht als dauernde, sondern nur als vorübergehende Belastung des Bundeshaushaltes anzusehen wären. Es wurde daher besonders eindringlich betont, daß es vom bevölkerungspolitischen Standpunkt aus auch in Zeiten der höchsten Not als gerechtfertigt, ja geboten erscheinen müßte, für die wenigen Jahrgänge mit annähernd normaler Geburtenzahl nicht wesentlich schlechter vorzusorgen als für die vorhergegangenen und darauf folgenden zahlreichen Jahrgänge mit erheblichem Geburtendefizit. In der Praxis hat diese Argumentation zwar keine Erfolge erzielen können, ihre theoretische Richtigkeit wird durch die Besuchsstatistik des laufenden Schuljahres bestätigt.

Die 22.352 Bundesmittelschüler des heurigen Jahres stellen dem Vorjahre gegenüber zwar wieder einen Zuwachs von 1011 Schülern dar. Dabei muß man freilich berücksichtigen, daß 387 Schüler auf neue achte Realschulklassen an solchen Anstalten entfallen, an denen im Vorjahre die achtklassige Realschule nur bis zum 7. Jahrgang gediehen war. Der restliche Zuwachs von 624 ergibt sich aber daraus, daß einem Mehr von 804 Schülern in den zweiten bis achten Klassen ein Rückgang der Schülerzahl von 180 in den ersten Klassen gegenübersteht. *Mit dieser Tatsache eines Schülerrückganges in der ersten Klasse steht das Wiener Bundesmittelschulwesen vor einem wichtigen Wendepunkt.*

Nach den Besucherzahlen der entsprechenden vierten Volksschulklassen (1931/32: 22.719, 1932/33: 22.821) hätte man nicht einen solchen Rückgang, sondern einen Stillstand der Schülerzahl erwarten dürfen. Der Rückgang kann sich also nur so erklären, daß die schon im Vorjahr festgestellta Tendenz zum Sinken der relativen Anziehungskraft der Bundesmittelschulen auf die Volksschulabgänger sich neuerdings verschärft hat. Und tatsächlich sehen wir, daß dem Besuchsrückgang an den Mittelschulen eine Steigerung des Besuches an den Hauptschulen gegenübersteht.

| | Schuljahr 1932/33 | Schuljahr 1933/34 |
| --- | --- | --- |
| 1. Klasse der Hauptschulen | 18.702 | 18.975, d. i. + 1·5% |
| 1. Klasse der B.-Mittelschulen | 3.977 | 3.797, d. i. — 4·5% |

Wie im Vorjahre bekommen wir aber einen vollen Einblick in die Verhältnisse an den Bundesmittelschulen nur dann, wenn wir *Knaben und Mädchen gesondert* betrachten. Es saßen in den ersten Klassen:

| | Schuljahr 1932/33 | Schuljahr 1933/34 |
| --- | --- | --- |
| Knaben | 3.047 | 2.991, d. i. — 2% |
| Mädchen | 930 | 806, d. i. — 13% |

Man erinnert sich, daß im Vorjahre die Zahl der Mädchen in den ersten Klassen der Bundesmittelschulen sprunghaft in die Höhe gegangen war (1931/32: 775, 1932/33: 930), was durch eine gleichzeitige Abnahme der Besucherzahlen in den ersten Klassen der Mädchenmittelschulen zum großen Teile kompensiert wurde. Heuer hat sich diese Bewegung in umgekehrter Richtung vollzogen; dem Rückgang der Mädchen an den Bundesmittelschulen steht ein Zuwachs an den Mädchenmittelschulen gegenüber. Diese hatten 1932/33: 1092 Schülerinnen in den ersten Klassen, 1933/34 dagegen 1158. Immerhin aber bleibt *der relative Rückgang bei den Mädchen bedeutender als bei den Knaben.* Denn an den Bundesmittelschulen und Mädchenmittelschulen zusammen traten 1932/33 2022 Mädchen in die ersten Klassen ein, 1933/34 dagegen nur 1964, was einen Rückgang von 3% ergibt. Diese Erscheinung steht im schroffen Widerspruch zu den Beobachtungen der früheren Jahre, die ein starkes nicht nur absolutes, sondern auch relatives Ansteigen der Anzahl der Schülerinnen an den Wiener Mittelschulen aufzuweisen hatten, was sich unschwer daraus verstehen ließ, daß der Anteil der Mädchen an der Mittelschulbildung relativ noch immer stark zurücksteht.

Zur Erklärung dieser Wendung muß man in Betracht ziehen, daß den Mädchen im Schuljahre 1933/34 der Eintritt an Knabenmittelschulen durch Sperrung des Realgymnasiums XIV und der Realschulen XII und XIX für Mädchen, ebenso durch die erst in einem besonders späten Zeitpunkt erfolgte Eröffnung der Mädchenklasse an R II/1 erheblich erschwert wurde. Die eine Folge davon ist *das ganz besondere Zusammendrängen der Mädchen* an den Bundesmittelschulen, an denen sie noch Aufnahme finden können. Ist der allgemeine Klassendurchschnitt in den ersten Klassen der Bundesmittelschulen 47·5, so beträgt er an den reinen Mädchenklassen 48·1 (625 : 13), an den gemischten Klassen 48·7 (341 : 7). Aber auch *eine große Reihe von Mädchenmittelschulen mußte Bewerberinnen wegen Überfüllung abweisen.* Die eingetretene Beengung an den Mädchenmittelschulen ist ja auch daraus erkennbar, daß in ihren ersten Klassen, obwohl eine Reihe von Schulen aus räumlichen und anderen aus der Besonderheit der Anstalten erklärlichen Gründen recht schwache Schülerzahlen aufweist, der Durchschnitt der Klassenbesetzung auch schon auf 41·4 gestiegen ist. Es hatte also zu Beginn dieses Schuljahres eine erhebliche Anzahl von Mädchen mit Aufnahmsschwierigkeiten zu kämpfen, so daß ein Teil von ihnen schließlich den Kampf aufgab und gegen ihre ursprüngliche Absicht in die Hauptschule eintrat. *Die Benachteiligung der Mädchen beim Mittelschulstudium,* gegen die man seit Beendigung des Krieges so zäh angekämpft hatte, ist also diesmal *in einer bisher nicht gekannten Form wieder in Erscheinung getreten.* —

Lehrreich ist es auch, die Frequenzverhältnisse der aufsteigenden Jahrgänge miteinander zu vergleichen. Es ergibt sich dabei folgendes Bild:

| Schuljahr 1932/33 | | Schuljahr 1933/34 | | |
| --- | --- | --- | --- | --- |
| 1. Klasse | 3977 | 2. Klasse | 4177 | (+ 4·9%) |
| 2. „ | 4123 | 3. „ | 3634 | (— 11·9%) |
| 3. „ | 3423 | 4. „ | 3094 | (— 9·6%) |
| 4. „ | 2623 | 5. „ | 2389 | (— 8·9%) |

Hier bedürfen zwei Erscheinungen einer besonderen Besprechung. Zunächst das — sogar recht erhebliche — Ansteigen der Schülerzahl von der ersten zur zweiten Klasse. Dies ist zum Teil auf den Umstand zurückzuführen, daß es in der zweiten Klasse eine weit größere Anzahl von Repetenten gibt als in der ersten, vor allem aber auf die gerade hier starke Zuwanderung aus der Hauptschule. Geradezu befremdend muß es aber wirken, daß *der Abfall von der vierten zur fünften Klasse,* den man ja gewohnheitsmäßig als besonders groß voraussetzt, sogar *geringer* ist, als der von der zweiten zur dritten und von der dritten zur vierten Klasse. Der Übertritt von Hauptschülern in die fünfte Klasse und in geringerem Maße auch der Übertritt von Mädchen aus privaten Mittelschulen an Bundesmittelschulen kann diese Erscheinung nur bis zu einem gewissen Grade erklären. Hauptsächlich ist sie darauf zurückzuführen, daß *die Abwanderung von Abgängern der Untermittelschulen an höhere Berufsschulen* (vor allem Handelsakademien und höhere Gewerbeschulen) in den letzten Jahren in einer auffallenden, manchmal in einer für die betreffenden Fachschulen fast katastrophalen Weise *zurückgegangen* ist.

Unzweifelhaft haben wir es hier mit einer Auswirkung der Wirtschaftskrise zu tun. Das Studium an den höheren Fachschulen, insbesondere an den Handelsakademien, ist wesentlich kostspieliger als die Fortsetzung des Besuches der Mittelschule. Und so kommt es, daß ein großer Teil der Schüler, die sonst in Fachschulen abgewandert wären, infolge der Unfähigkeit der Eltern, für die erhöhten Kosten aufzukommen, gegen Begabung und Neigung in der Mittelschule zurückbleibt, ein Zustand, der vom Standpunkt der individuellen Pädagogik, der Wahrung des Niveaus der Mittelschule und einer sozial zweckmäßigen Berufsauslese aus gleich bedauerlich ist.

## III.

Wie bedrohlich das Anwachsen der Schülerzahl in den einzelnen Klassen vom pädagogischen und didaktischen Standpunkt aus ist, liegt so auf der Hand, daß ein besonderer Hinweis darauf fast als überflüssig erscheinen könnte. Trotzdem muß von dieser Gefahr für unser Schulwesen immer wieder mit aller Deutlichkeit und Ausführlichkeit gesprochen werden, weil sonst nur allzu leicht alle dabei Beteiligten sich mit der Zeit mehr und mehr diesem Übel gegenüber abstumpfen könnten. Heute schon kann sich der Schulmann manchmal dabei ertappen, daß ihm eine Klasse der Untermittelschule, die nicht ganz 40 Schüler zählt, schon als „schwach besetzte“ Klasse erscheint. Und was vor wenigen Jahren noch bedauerlicher Einzelfall war, ist jetzt Durchschnittserscheinung geworden.

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Demgegenüber ist es immer wieder geboten, auf die Verhältnisse im Wiener Volks- und Hauptschulwesen hinzuweisen. Einmal deshalb, weil auch dort unter dem Einfluß der allgemein bekannten finanziellen Schwierigkeiten unserer öffentlichen Haushalte Sparmaßnahmen ergriffen werden mußten und eine allmähliche Steigerung der durchschnittlichen Klassenbesetzung nicht vermieden werden konnte. Aber eben die Allmählichkeit und Behutsamkeit in dieser Steigerung bildet den wesentlichen Unterschied zu der Entwicklung des gleichen Problems im Wiener Mittelschulwesen. Zweitens aber drängt sich dieser Vergleich deshalb auf, weil ja die Wiener Mittelschüler eben aus diesen Wiener Volks- und Hauptschulen kommen und man es als eine nicht unbillige pädagogische Forderung betrachten muß, daß die Schüler, wenn sie den höheren und strengeren Anforderungen der Mittelschule genügen sollen, was die äußeren Bedingungen der Schularbeit betrifft, wenigstens nicht in schlechtere Verhältnisse versetzt werden als in der niederen Schule.

Wie sind also derzeit die Verhältnisse an den Wiener Volks- und Hauptschulen? Die durchschnittliche Klassenbesetzung — im Vorjahre 34·3 — ist auf 34·9 gestiegen. Aber Klassen mit mehr als 40 Schülern gibt es im ganzen Wiener Pflichtschulwesen nur 198; die nur in ganz vereinzelten Ausnahmsfällen erreichte Höchstziffer ist 42. Dabei kann wie gesagt niemand behaupten, daß diese Verhältnisse ideal wären. Im Gegenteil, sie stellen vom Standpunkte der Schule aus schon eine durch die Wirtschaftsnot erzwungene sehr erhebliche Einbuße dar. Man wird also durch diesen Vergleich auf besonders eindrucksvolle Weise darüber belehrt, daß die gegenwärtigen Verhältnisse an den Mittelschulen einen schwer tragbaren Notstand darstellen, dessen Fortdauer während einer größeren Reihe von Jahren nicht nur in der Mittelschule selbst, sondern in fernerer Auswirkung auch an den Hochschulen und im Berufsleben zu einer sehr betrüblichen Herabsetzung der Leistungen unseres Nachwuchses führen müßte.

Dabei muß noch an einen im Lauf der Jahre immer wichtiger werdenden Umstand erinnert werden. Solange sich das Anschwellen der Schülerzahl auf die ersten Mittelschulklassen beschränkte, mußte es zwar vom Standpunkt einer nach dem Arbeitsprinzip orientierten Pädagogik höchst bedenklich erscheinen, mochte aber vielleicht für jene, die in den ersten Klassen unserer neuen Mittelschulen wegen des Fehlens der Fremdsprache nur eine Art Vorbereitungsklasse sehen wollen, ein noch erträgliches Übel bedeuten. Von der zweiten Klasse an fällt auch dieser Trost weg. Ein Anfangsunterricht im Lateinischen mit 57 Schülern, im Französischen mit 62 Schülern stellt Lehrer und Schüler vor geradezu unlösbare Aufgaben. Hier besteht die Gefahr, daß Senkung des Niveaus und übermäßiger Druck auf die Schüler nicht mehr eine Alternative darstellen, sondern gleichzeitig in volle Erscheinung treten. Ein so begonnener und in den nächsten Jahren voraussichtlich unter nicht viel besseren Verhältnissen fortgesetzter Lehrgang kann den Normalforderungen unmöglich auch nur annähernd entsprechen.

So versteht man schon nach solchen Einzelbeispielen, wie sehr die Sorge um die Aufrechterhaltung des Niveaus, oder richtiger gesagt, um die Vermeidung einer allzu empfindlichen Senkung des Niveaus, heute jeden Schulmann beschäftigen muß.

Dieser Sorge entsprangen offenbar auch die bekannten Verfügungen des Unterrichtsministeriums über die Erschwerung der Zulassung zur Wiederholung einer Klasse oder zur Wiederholung der Reifeprüfung. Über die pädagogischen Fragen, die durch diese Verfügungen aufgeworfen waren, wurde in dieser Zeitschrift bereits ausführlich gesprochen.[^2]

Hier muß nur wieder auf den inneren Zusammenhang zwischen Schülerzahl und Klassifikation hingewiesen werden. Je größer die Schülerzahl, um so schwieriger — insbesondere in den Gegenständen mit geringerer Stundenzahl — eine Klassifikation, die sachlich und psychologisch all den Anforderungen gerecht wird, die die Klassifikationsvorschriften an den Lehrer stellen und die vor allem der Lehrer an sich selbst stellt. Werden daher gerade in einem Zeitpunkt der Überfüllung der Schulen die Rechtsfolgen einer ungünstigen Klassifikation verschärft, so wird dadurch dem Lehrer ein Ausmaß von Verantwortung auferlegt, das seine schon durch die allgemeinen Umstände ungünstige Lage noch weiter erschwert. Wir glauben, daß in sehr vielen Fällen der Einzelne hier einen sachlich zweckmäßigen und für ihn persönlich beruhigenden Ausweg nur dadurch wird finden können, daß schwierige Klassifikationsfälle in Klassenbesprechungen erörtert, gegebenenfalls dem Direktor zur Begutachtung oder Entscheidung vorgelegt werden.

Im verflossenen Schuljahre hat sich die Arbeit der Schule auch dadurch erheblich schwieriger gestaltet, daß Verfügungen, die in das Schulleben sehr tief eingriffen, erst in einem späten Zeitpunkt erfolgten. Es handelt sich dabei nicht nur um die Verfügung über die Bedingungen des Repetierens, sondern auch um den früheren Zeitpunkt des Schulschlusses. Man hat früher einmal in der Schulverwaltung sogar den Standpunkt vertreten, daß an den Bedingungen, unter denen jemand sein Studium an einer bestimmten Schulgattung begonnen hat, während der normalen Dauer dieser Studien nichts Wesentliches geändert werden solle. Jedenfalls aber sollte man doch als Richtlinie festhalten, daß die für den Schüler verbindlichen Bestimmungen des Schulwesens, die er zu Beginn eines Schuljahres vorfindet, im Verlaufe dieses Jahres nicht zu seinen ungunsten verschärft werden dürfen. Das Gegenteil gibt nicht nur dem einzelnen Schüler, der von einer solchen Verschärfung betroffen wird, Anlaß zu der Argumentation, daß eine frühere Kenntnis der neuen Bestimmungen eine rechtzeitige Änderung seines Verhaltens hätte herbeiführen können, es führt auch dazu, daß bei allen am Schulleben Beteiligten ein Gefühl der Unsicherheit eintritt. Es würde sich also gewiß empfehlen, insoferne zu der früheren Praxis zurückzukehren, als wichtige Bestimmungen, die das Schulleben regeln, frühestens am Beginn des ihrer Verlautbarung folgenden Schuljahres in Kraft zu treten hätten. Daß dabei die Vermeidnng wiederholter abändernder Verfügungen in derselben Materie wünschenswert ist, braucht nicht besonders betont zu werden. Das wird am deutlichsten in der Frage der Reifeprüfung, wo die Fülle der in den letzten Jahren erflossenen ergänzenden, abändernden — zum Teil auch mit den Absichten früherer Bestimmungen in Widerspruch stehenden — Verfügungen dazu geführt hat, daß sich auch der erfahrene Praktiker nicht immer leicht zurecht findet und daß es insbesondere recht schwierig ist, den beteiligten Prüflingen, vor allem den Externisten, die unterschiedliche Behandlung von Kandidaten, die zum selben Zeitpunkt vor derselben Kommission erscheinen, in allen Einzelheiten wirklich verständlich zu machen.

Was den früheren Schulschluß betrifft, so soll, ohne etwa den Wert der dadurch verlorenen Arbeitszeit gering zu schätzen, hier gewiß nicht der Standpunkt vertreten werden, als ob aus einem gewissen Schulpedantismus heraus das Schuljahr unter allen Umständen gegen jegliche Verkürzung bewahrt werden müsse, auch wenn wichtige Gesichtspunkte allgemeiner, insbesonders wirtschaftlicher Natur für eine solche Verkürzung sprechen. Durch den späten Zeitpunkt der Verlautbarung aber wurde der Arbeitsplan der Schulen über den Haufen geworfen, es kam eine unzweckmäßige Hast in die so schwierigen und folgenschweren Abschlußarbeiten und es wurden vor allem die Direktoren um die Möglichkeit gebracht, den besonders schwierigen Fällen schwankender Klassifikation ihre Aufmerksamkeit so intensiv zu widmen, wie sie es beabsichtigt hatten. Daneben darf auch nicht übersehen werden, daß auf diese Weise die Öffentlichkeit leicht von der Wichtigkeit und Schwierigkeit der Arbeit der Schule und der Lehrer ein falsches Bild bekommt. Daß wir heuer wohl aller Voraussicht nach von solchen Überraschungen verschont bleiben werden und mit der Stetigkeit der Arbeit und der Vorschriften rechnen dürfen, wird für die oben dargelegte neuerliche Erschwerung der allgemeinen Verhältnisse einen gewissen Ersatz bieten.

Vielleicht darf darüber hinaus noch die Meinung vertreten werden, daß in einem Zeitpunkt, wo die äußeren Bedingungen des Schullebens aus zwingenden Umständen heraus unternormal sind, ein Eingreifen in das Schulleben durch neue Verfügungen von einschneidender Bedeutung überhaupt nach Möglichkeit vermieden werden sollte. Jede Änderung, auch die notwendigste und zweckmäßigste, schafft naturgemäß zunächst für Schule und Lehrer eine vorübergehende Erschwerung ihrer Arbeit. Eine Lage, in der jeder einzelne bis an das äußerste seiner Leistungsfähigkeit in Anspruch genommen wird, ist hiefür also gewiß ungeeignet. Vergessen wir nicht, daß wir auch so immer wieder dazu genötigt werden, vom Lehrer außer dem Zuwachs an Arbeit, der sich aus der erhöhten Schülerzahl rein automatisch ergibt, noch andere, und zwar sehr mühselige und hochqualifizierte Mehrarbeit zu erwarten. Wird doch in jeder überfüllten Klasse jeder Lehrer die Aufgabe einer besonders sorgfältigen Sichtung des Lehrstoffes und des Grades der noch möglichen Anforderungen individuell zu lösen und außerdem die Sicherung der eigentlich erzieherischen Wirksamkeit der Schule im Auge zu behalten haben.

[^1]: Vgl. die einschlägigen Aufsätze in den früheren Jahrgängen dieser Zeitschrift, insbesondere Jahrgang 1932, Stück IV: „Die Verschärfung des Sparsystems an den Mittelschulen“.

[^2]: Jahrgang 1933, Stück II: Karl Furtmüller, „Klassifikation und Auslese“.

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de *Die Wiener Schule. Pädagogische Beilage zum Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien*, año 1933, n.º IV (publicado el 15 de diciembre de 1933), págs. 1-3, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNO_ssr19331215, imágenes 1-3), hecha desde la imagen con el OCR de la ÖNB como apoyo; cifras y tablas cotejadas con la imagen (las sumas de las dos tablas de distribución dan 42 y 40, como dice el texto). Firmado «Karl Furtmüller»; en el sumario, «Hofrat Dr. Karl Furtmüller, Landesschulinspektor». Se ha comprobado con la pág. 4 (imagen 4) que el artículo termina al pie de la pág. 3: la pág. 4 empieza con el artículo siguiente, de Heinrich Gassner («Zur Auswahl aus Ciceros Schriften»). Ortografía de 1933 y erratas del impreso («festgestellta», «Vermeidnng»). Siglas de escuelas: G = Gymnasium, RG = Realgymnasium, R = Realschule, con el número del distrito vienés. Los pasajes en espaciado del original van en cursiva. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
