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Title: Schüleräußerungen über die Hausarbeit bei der Reifeprüfung
Description: Die Wiener Schule. Pädagogische Beilage zum Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien, Jg. 1930, 1. April 1930, S. 24-26
Author: Carl Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller/original/1930-04-01%20Sch%C3%BCler%C3%A4u%C3%9Ferungen%20%C3%BCber%20die%20Hausarbeit%20bei%20der%20Reifepr%C3%BCfung
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<!-- Se omiten los artículos anteriores del número sobre el mismo tema (Gertrud Worel, Alfred Nathansky, Hans Fischl); el final del de Fischl ocupa el comienzo de la pág. 24. -->

<!-- S. 24 -->

# Schüleräußerungen über die Hausarbeit bei der Reifeprüfung.

Von Karl Furtmüller.

Gesprächsweise wurde mir bekannt, daß eine Reihe von Kollegen und Kolleginnen unabhängig voneinander in den letzten Monaten ihre Schüler veranlaßt oder ihnen die Möglichkeit geboten hatten, sich in Form einer deutschen Arbeit über ihre Erfahrungen mit der Maturahausarbeit zu äußern. Die betreffenden Kollegen waren so liebenswürdig, mir über mein Ersuchen die betreffenden Arbeiten — es sind insgesamt 127 — zur Verfügung zu stellen. Ihre Durchsicht hat mir einen sehr abwechslungsreichen und fast immer interessanten Einblick in die Auffassung geboten, die dieses jetzt so viel besprochene Problem auf der „anderen Seite“ erfährt; ich glaube manches aus diesen Arbeiten gelernt zu haben und möchte einzelne Beobachtungen, die mir besonders wichtig erscheinen, auch für weitere Kreise hier niederlegen.

Natürlich nehmen die meisten dieser Arbeiten auch zu der Frage der Hausarbeit selbst positiv oder negativ in kürzerer oder ausführlicherer Begründung Stellung. Das aber scheint mir nicht das Fruchtbare an ihnen. Man kann hier feststellen, daß auch unter der Jugend die Meinungen geteilt sind. Daß unter den durchgesehenen Arbeiten eine beträchtliche Mehrheit für die Hausarbeit sich ausgesprochen hat, ist bei der verhältnismäßig kleinen Zahl, die vorlag, nicht von Bedeutung.

Wichtiger ist schon, daß die Stellungnahme für und wider bis zu einem hohen Grade klassenweise geschlossen erfolgt. Man kann da wohl auf eine bewußte oder unbewußte Beeinflussung durch die Erwachsenen denken, mit denen die betreffenden Gruppen in unmittelbarer Berührung stehen. Dem entspricht auch, daß die Argumente für und wider im wesentlichen dieselben sind, die man in Lehrer- und in Elternkreisen hören kann.

Das Lehrreiche an diesen Schüleräußerungen scheint mir aber gerade dort zu liegen, wo der einzelne von seinen rein persönlichen Erfahrungen spricht, ohne überhaupt daran zu denken, daß aus ihnen allgemeine Folgerungen gezogen werden könnten. Da erfährt man aus diesen Arbeiten zunächst eines: die ungeheure psychologische Bedeutung, die diese erste „selbständige“ Arbeit für die jungen Menschen hat, wie in sehr vielen Fällen schon in der vorletzten Klasse, manchmal noch früher, ihre Gedanken um die Themenwahl kreisen und wie für so manchen jeder Schritt auf dem Wege der Hausarbeit, die Wahl des Themas, seine nähere Begrenzung, die Festlegung des Planes, die endgültige Formulierung ein wirklich ernstes und schweres inneres Ringen darstellt. Besonders bezeichnend ist da die Äußerung eines jungen Mädchens, die sich vorgesetzt hat, ein fremdsprachiges Kunstwerk in kongeniales Deutsch zu übertragen. Sie schreibt: „Ich habe manchmal das Gefühl, daß ich diese Arbeit, wenn ich so sagen darf, gewissermaßen zur Welt bringe. Ich ringe mit ihr.“ Es zeigt sich aber auch, daß manches Schwanken in der Themenwahl, manches Abspringen von der ursprünglich getroffenen Wahl, also manches, was von außen her vielleicht als Wankelmut und Unernst gedeutet werden könnte, von innen her als eine sehr wichtige, bald qualvolle, bald fruchtbare Phase der inneren Entwicklung aufgefaßt wird.

Die Selbständigkeit der Arbeit wird, wie erwähnt, als etwas aufregend Neues empfunden. Sie wird in einzelnen Fällen sehr plastisch dem bisherigen Lernen von Lektion zu Lektion, dem Gebundensein an das Lehrbuch entgegengesetzt. Sie wird aber in vielen Fällen außerordentlich überschätzt, man möchte sagen in kindlicher Weise, wenn nicht eine ähnliche <!-- S. 25 --> Überspitzung gerade dieses Begriffes auch bei Erwachsenen nicht selten wäre. So wird gesagt, diese Forderung an einen Schüler sei viel zu schwer, sie könne kaum an einen Universitätsprofessor oder Privatdozenten gestellt werden. Schon in der Notwendigkeit der Benützung von Büchern und gar in der Übernahme von in Büchern ausgesprochenen Meinungen wird ein Gegensatz zur Selbständigkeit erblickt. Dabei zeigt sich freilich in vielen Fällen, daß die Schüler hier einfach zum erstenmal auf eine der Schwierigkeiten stoßen, die keinem Anfänger in selbständiger geistiger Arbeit erspart bleiben können: den Druck der mit überlegener Argumentation dargelegten und von einer anerkannten Autorität geäußerten Meinung, gegen die man doch innere Widerstände verspürt. So äußert ein Schüler: „Der Schüler fürchtet vielleicht in einen Gegensatz zum Lehrer zu kommen oder er fürchtet sich lächerlich zu machen, wenn er seine und nicht die anerkannte Meinung über irgendein Thema abgibt“. Die Frage der Selbständigkeit führt übrigens auch zu einem wichtigen technischen Problem. Es zeigt sich deutlich, wie unsere Schüler fast ausnahmslos für das planvolle Lesen und Benützen sachlicher Darstellungen der Schulung entbehren und sie sich erst anläßlich der Hausarbeit autodidaktisch erwerben müssen. Über den Unterschied zwischen rechtmäßiger und zweckmäßiger Benützung literarischer Hilfsmittel und mehr oder weniger verschleiertem Abschreiben herrscht sehr wenig Klarheit. Erfreulich ist dabei der starke innere Widerstand gegen dieses verschleierte Abschreiben, der sich in vielen Äußerungen geltend macht; man kann nur hoffen, daß diese Einstellung der Jugend den Erwachsenen erhalten bleibe. Wiederholt wird darauf hingewiesen, daß man sich bei der Vorbereitung für die Maturaarbeit zum erstenmal in der Notwendigkeit gesehen habe, beim Lesen von Büchern Notizen und Exzerpte zu machen und es zeigt sich, wieviel Schwierigkeiten das den jungen Leuten sowohl psychologisch — als Hemmung des natürlichen Dranges, in der Lektüre rasch vorzuschreiten — als auch technisch macht.

Mit besonderer Eindringlichkeit und Gefühlsbetontheit, manchmal im Ton grimmigen Scherzes, manchmal voll heißer Entrüstung werden die Schwierigkeiten geschildert, die das Beschaffen der nötigen Literatur verursacht. Über die Einrichtungen unserer öffentlichen Bibliotheken und über die persönliche Dienstfertigkeit ihrer Angestellten fällt dabei manches bittere Wort. Die wirkliche Schuld tragen in den meisten Fällen offensichtlich weder die Einrichtungen noch die Angestellten unserer Bibliotheken, sondern die völlige Unerfahrenheit der jugendlichen Studierenden. Dabei fällt besonders auf, daß an manchen Anstalten die Verweisung der Schüler an öffentliche Bibliotheken die durchgängige Regel zu sein scheint und daß man dabei noch übersehen hat, den Schülern rechtzeitig die nötigen technischen Belehrungen zu geben. Aber nicht nur die Beschaffung der Bücher, sondern sogar die Auffindung der einschlägigen Literatur wird in vielen Fällen führungslos den Schülern überlassen. So wird in einer Arbeit sehr anschaulich und eindrucksvoll der Leidensweg eines Oktavaners geschildert, der sich in der Hofbibliothek um den Literaturnachweis für ein nicht etwa selbst gewähltes, sondern vom Lehrer empfohlenes philologisches Thema bemühte.

Auch bei der Ausarbeitung der Arbeit stoßen die Kandidaten naturgemäß auf die Schwierigkeiten, die jeden Anfänger erwarten. So schildert uns ein Mädchen sehr plastisch den niederschmetternden Eindruck, den es ihr machte, als ihr der Plan ihrer Arbeit, den sie in allen Einzelheiten klar im Kopfe trug oder zu tragen glaubte, im Augenblicke der Niederschrift plötzlich zerrann. Auch hier zeigt sich oft der Mangel technischer Vorschulung in Dingen, über die der Obermittelschüler am Abschluß seiner Studienzeit schon hinaus sein könnte. So, wenn wiederholt die Schwierigkeit geschildert wird, die gerade die einleitenden Sätze machten, eine Schwierigkeit, die die Kandidaten oft tage- und wochenlang aufhielt. In einer Arbeit sieht man dann, wie erlösend der Rat wirkte, doch gleich in medias res überzugehen und die Einleitung erst nach Vollendung der Arbeit zu verfassen. Aus einer ganzen Reihe von Äußerungen geht aber auch hervor, wie fruchtbar diese Mühe der Ausarbeitung für die Arbeitenden selbst wurde. Wir sehen, wie sich während der Arbeit das Thema erst ganz präzisiert. Wir sehen, wie die zuerst aus äußeren Gründen übernommene Aufgabe sich allmählich den inneren Anteil des Arbeitenden erobert, wir sehen, daß das Bemühen um die beste Anordnung und um den besten Ausdruck manchen Schüler zur wiederholten Umarbeitung veranlaßte. In einigen Fällen hören wir, daß die Hausarbeit die Kandidaten in ihrer Vorliebe für das gewählte Fach, das sie nun auch auf der Hochschule weiter treiben wollen, bestärkt hat. In einem Falle führt die Arbeit an einer geschichtlichen Hausarbeit zu dem negativen Entschluß, den bisherigen Plan, Geschichte als Fachstudium zu betreiben, aufzugeben.

Fast alle Arbeiten betonen, daß die Hausarbeit sowohl den Schreibern persönlich als den meisten ihrer Kollegen eine außerordentliche Arbeitslast auferlege. Ein Mädchen hat Buch geführt und kann feststellen, daß sie 243 Arbeitsstunden aufgewendet hat. Daß in vielen Fällen die Arbeit einen Teil der Sommerferien vor dem Maturajahr in Anspruch genommen hat, wäre an sich nicht zu bedauern, wenn man nicht gerade da in vielen Fällen sehen müßte, daß mangels vorhergehender entsprechender Einstellung durch den Fachlehrer und mangels der Bereitstellung der nötigen Behelfe diese der Ferienlust abgekargte Sommerarbeit wenig fruchtbar wurde.

Zu den inneren Schwierigkeiten der Arbeit kommen solche, die aus der Gesamteinrichtung der Reifeprüfung fließen. Die Notwendigkeit der mündlichen Prüfung aus einem Fach, das mit dem Lieblingsgebiet des Kandidaten nur lose zusammenhängt oder es an Umfang ganz erheblich übertrifft, erwies sich <!-- S. 26 --> in einzelnen Fällen bei der Themenwahl als äußeres Hemmnis. So hat eine Kandidatin auf ein ihr sehr liebes kunstgeschichtliches Thema verzichtet, um der Prüfung aus Geschichte auszuweichen, und hat sich für Mathematik entschieden. Eine ganz äußerliche Schwierigkeit, die aber doch oft beklagt wird, ist die Herstellung der Reinschrift. Allerdings sprechen da gar manche Stimmen wieder von dem Vorteil, den es ihnen gebracht habe, sich bei diesem Anlaß selbst die Technik des Maschinschreibens anzueignen. Drückend wirkt auf viele Kandidaten die Vorstellung, daß eine Maturaarbeit, die nicht eine stattliche Seitenzahl aufweise, von vornherein minderwertig sei. Auffallenderweise scheint aber in anderen Fällen wieder ein Höchstumfang von etwa 30 Seiten festgesetzt zu sein, der auf keinen Fall überschritten werden darf.

Im allgemeinen macht sich bei den Äußerungen der Kandidaten die Freude am vollbrachten Werk stark geltend. In mehreren Aufsätzen wird ausdrücklich gesagt, der Schreiber sei während des Arbeitens aus einem Gegner der Hausarbeit zu einem Anhänger geworden. Einmal tritt an Stelle dieser inneren Wandlung freilich ein äußeres Motiv. Ein Kandidat bekennt, er sei früher ein Gegner der Maturaarbeit gewesen, jetzt, wo er die seine beendet habe, aber ein Anhänger, denn warum sollten die nachfolgenden Jahrgänge es leichter haben als er. Viel Stolz empfinden die Kandidaten, wenn sie ihre erste größere Arbeit säuberlich reingeschrieben und schön gebunden vor sich sehen. Deshalb wird es auch wiederholt sehr bedauert, daß man sich von der Maturahausarbeit gerade in dieser schönen und feierlichen äußeren Form im Augenblick der Abgabe auf Nimmerwiedersehen trennen müsse.

Zweifellos legt der durch die Lektüre dieser Arbeiten gewonnene nähere Einblick in das Verhältnis der Schüler zur Hausarbeit praktische Folgerungen nahe, die sich teils auf die Einrichtung der Hausarbeit als solche, teils auf das methodische Vorgehen, das dem Lehrer zu empfehlen wäre, beziehen. Dieser Aufsatz beschränkt sich jedoch mit Absicht auf die Mitteilung des Tatsächlichen und überläßt die Auswertung des Materials einer anderen Gelegenheit.

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de *Die Wiener Schule. Pädagogische Beilage zum Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien*, año 1930, número del 1 de abril de 1930, págs. 24-26, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (aid=ssr, 19300401; imágenes 20-22, más el sumario en la 13), hecha desde la imagen con el OCR de la ÖNB como apoyo. Firmado «Karl Furtmüller»; en el sumario, «Hofrat Dr. Karl Furtmüller, Landesschulinspektor». Ortografía de 1930; la s larga del impreso (ſ) se transcribe s. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
