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Title: Selbsterfundene Märchen. Versuch einer psychologischen Bearbeitung von Schüleraufsätzen
Description: Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie, hg. von Dr. Alfred Adler und Dr. Carl Furtmüller, München: Ernst Reinhardt, 1914, S. 278-305.
Author: Carl Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller/original/1914%20Selbsterfundene%20M%C3%A4rchen
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<!-- S. 278 -->

# Selbsterfundene Märchen.

## Versuch einer psychologischen Bearbeitung von Schüleraufsätzen.

Von Dr. *Carl Furtmüller.*

## I.

Die folgende Untersuchung behandelt 36 Märchen, die von den 13—14 jährigen Schülerinnen einer Mittelschulklasse als deutsche Hausarbeit geliefert wurden. Das Thema hatte gelautet: „Ein selbsterfundenes Märchen“; irgendwelche nähere Angaben oder Bedingungen waren nicht hinzugefügt worden. Gleichzeitig stand ein zweites Thema zur Wahl, ein Zwang zum Märchenerzählen wurde also nicht ausgeübt; trotzdem hat die große Mehrheit der Mädchen sich für diese Arbeit entschieden.

Als die Lehrerin, die dieses Thema gestellt hatte, mir gesprächsweise hievon erzählte, entstand in mir der Gedanke, eine psychologische Bearbeitung und Verwertung der gelieferten Märchen zu versuchen. Mir schwebte dabei das Problem vor, zu untersuchen, wieviel man durch Durchforschung von Schülerarbeiten nach psychoanalytischen Gesichtspunkten über den Inhalt des Seelenlebens der Verfasser in Erfahrung bringen könne. Gerade dieses Märchenthema schien mir für ein solches Experiment besonders günstig, weil es einerseits völlige Freiheit läßt, andrerseits doch eine genügend breite Vergleichsbasis verspricht.

Die Ausführung meiner Absicht wurde mir von der Lehrerin in freundlichster Weise ermöglicht. Sie gab mir nicht nur Gelegenheit, die Arbeiten kennen zu lernen, sondern sie beantwortete auch nach Möglichkeit meine in einzelnen Fällen gestellten Fragen nach den persönlichen Verhältnissen der Schülerinnen. Sie konnte dies tun ohne die leiseste Scheu, eine Indiskretion zu begehen, da mir nicht nur die betreffenden Mädchen völlig unbekannt sind, sondern ich auch nicht einmal ihre Namen erfuhr.

Ich hätte daran denken können, lieber meinen eigenen Schülern dieses oder ein ähnliches Thema zu stellen, da die persönliche Kenntnis der Schreiber ein Eindringen in den unbewußten Inhalt ihrer Arbeiten gewiß erleichtert hätte. Zweifellos wäre in diesem Fall der Ertrag der Deutungsarbeit reichlicher gewesen, ebenso sicher aber ist, daß die Reinheit des Experiments getrübt worden wäre: es hätte sich schwer auseinanderhalten lassen, wieviel von den Resultaten Ergebnis der spe<!-- S. 279 -->ziellen Untersuchung, wieviel Niederschlag meiner sonstigen Beobachtungen gewesen wäre. Auch scheint es mir für eine Nachprüfung und wissenschaftliche Erörterung meines Versuchs von Wichtigkeit, daß jetzt der Leser dem Material (annähernd) unter denselben Bedingungen gegenübertritt wie ich selbst. Wie hemmend sich freilich der Mangel an persönlichem Material fühlbar machen muß, ist ja für jeden mit psychoanalytischer Arbeit auch nur oberflächlich Vertrauten von vornherein klar; überdies wird sich in meiner Untersuchung selbst an einigen Beispielen zeigen, wie sehr der Eindruck sofort an Plastizität gewinnt, wenn über die Schreiberin oder ihre Lebensverhältnisse charakteristische Daten bekannt sind. Andrerseits kann bei einer Arbeit wie der vorliegenden die Breite der Untersuchung bis zu einem gewissen Grade den Mangel der Tiefe kompensieren: was an sich bedeutungslos und uninteressant schiene, gewinnt unter Umständen einen charakteristischen Wert durch die Gegenüberstellung der Arbeiten anderer Schülerinnen.

Die Untersuchung beschränkt sich bewußt auf den einen schon hervorgehobenen Gesichtspunkt und schließt alles andere (z. B. den Versuch einer ästhetischen Charakterisierung und Wertung der gelieferten Märchen) aus. Ein Problem schiene allerdings als Vorarbeit für das Hauptthema nicht unwichtig zu sein: die Frage nämlich, inwieweit die Arbeiten rein reproduktiv sind, und inwieweit sich, wenn schon nicht in den verwendeten Motiven, so doch in ihrer Verknüpfung, Selbständigkeit zeige. Ich glaubte aber, von dieser Nachforschung, die sehr weitläufig geworden und durchaus keines vollen Erfolges sicher gewesen wäre, beruhigt absehen zu dürfen. Die Kinder waren ja durch das Thema indirekt darauf hingewiesen, den Vorrat ihnen bekannter Märchenmotive zu verwenden. Die Zahl der jedem Kind geläufigen Motive und Verknüpfungen ist aber sehr groß. So setzt also das Erfinden eines Märchens bei dem Kinde ein bewußtes oder unbewußtes Wählen unter vielen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten voraus und *durch die Wahl, die es trifft, charakterisiert sich das Kind.* Und es handelt sich jetzt nur darum, den Schlüssel zu finden, der uns diese unbewußte Selbstcharakteristik verstehen lehrt.

Da lag es nahe, nach dem Vorgange Riklins[^1] an eine symbolische Ausdeutung der Märchen zu denken. Aber das hätte geheißen, auf die von mir geplante spezielle Untersuchung von vornherein verzichten. <!-- S. 280 --> Denn da die Symbolik im Material liegt, so hätten natürlich die mit diesem Material arbeitenden kindlichen Märchen nichts Neues ergeben können. Und da die Symbole vielgestaltig, die Ausdeutungsergebnisse aber notgedrungen recht eintönig sind, so hätte man auch nicht daran denken können, zu einer Erfassung des charakteristischen Gehaltes des einzelnen Märchens zu gelangen. Außerdem wäre die Frage immer offen geblieben, ob die sexuelle Symbolik auch wirklich von den Mädchen — bewußt oder unbewußt — verstanden worden sei. Ich ziehe daher die Symbolik im engeren Sinne nur in einzelnen Fällen als Hilfsmittel heran.

Es handelte sich also darum, nach einem andern Schlüssel zu suchen, mit dem man, von den Märchen ausgehend, das Seelenleben der Verfasserinnen erschließen könnte. So entstand in mir der Gedanke, die Grundgedanken der individualpsychologischen Methode Alfred Adlers auf die vorliegende Aufgabe anzuwenden. Nach Adler liegt der Angelpunkt für das Verständnis einer individuellen Psyche in dem Verständnis des unbewußten Lebensplanes, den sie verfolgt. So vielgestaltig er sein kann, sein Endziel ist immer die endgültige Erhöhung der Persönlichkeit. Den Weg zu diesem Ziel versucht jeder Mensch auf gewissen für ihn charakteristischen Bahnen, die Adler Leitlinien genannt hat. Den Ausgangspunkt des ganzen Prozesses bildet ein in organischen und in sozialen Ursachen wurzelndes Gefühl der Minderwertigkeit, dessen Kompensation versucht wird. So ergab sich mir also die Aufgabe, zu untersuchen, ob sich aus dem Märchen der unbewußte Lebensplan der Schreiberinnen wenigstens andeutungsweise erraten oder doch eine oder die andere charakteristische Leitlinie erschließen lasse; nebenbei war darauf zu achten, ob über Grad und Herkunft des Minderwertigkeitsgefühls etwas zu erfahren sei. Bei dieser Art der Betrachtung mußte selbstverständlich dem Gegensatz zwischen Ausgangspunkt und Zielpunkt des Märchens besondere Bedeutung zukommen.

Der Tragweite der zu erhoffenden Ergebnisse waren dabei natürlich von vornherein enge Grenzen gewiesen. Darauf mußte schon eine allgemeine Erwägung hindeuten: Die Deutung eines isolierten Märchens wird ebenso wie etwa die einer isolierten Symptomhandlung immer problematisch bleiben müssen; ihre zwingende Kraft erhalten Deutungen ja erst dadurch, daß viele Einzelzüge, aneinandergereiht, immer wieder nach derselben Richtung weisen. Dazu kommen noch die speziellen Fehlerquellen, die aus der Art des gestellten Themas fließen. Daß <!-- S. 281 --> die Schülerinnen Märchen zu schreiben hatten, hatte gewiß den überaus wichtigen Vorteil, daß sie höchst persönliche Dinge erzählten ohne das Bewußtsein, befragt zu sein und über sich etwas auszusagen. Andererseits liegt aber in der Aufgabe die Aufforderung, der Phantasie ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit die Zügel schießen zu lassen; ja im Wesen des Märchens liegt geradezu der Gegensatz zur Realität. Nun zeigt uns gewiß gerade die individual-psychologische Methode, welch außerordentliche Bedeutung die Erforschung der Phantasien für die Erkenntnis des Seelenlebens gewinnen kann. Aber ihre volle Auswertung setzt doch immer voraus, daß wir die Wechselbeziehung zwischen Phantasie und Realität verfolgen können. Unrealisierbare Phantasien hat jeder Mensch, die charakteristische Besonderheit des einzelnen aber liegt nicht nur in der *Art* seiner Phantasien, sondern auch in dem Grade, in dem sie seine Einstellung zur Wirklichkeit beeinflussen. Da wir nun in unserm Fall mit wenigen Ausnahmen nichts weiter vor uns haben als das vereinzelte Phantasieprodukt, so werden wir schwer entscheiden können, ob es sich um eine augenblickliche Konstellation oder um eine dauernde Einstellung, um ein versuchsweises Austasten der Zukunft nach einer bestimmten Richtung oder um eine festgewordene Leitlinie handelt; wir werden nicht sondern können, was an dem sich uns darbietenden Seelenbild in Fluß und was in Ruhe ist. Nicht übersehen darf auch werden, daß die Art des Themas es mit sich bringen mußte, daß die Mädchen sich in ihre eigene Märchenzeit zurückversetzten; so mögen Probleme, die in Wirklichkeit schon ganz oder nahezu erledigt sind, momentan wieder zu voller Aktualität erwacht sein. Diese Bedenken kommen jedoch eigentlich nur so lange in Betracht, als man die Erforschung der Individualität der einzelnen Verfasserinnen ausschließlich ins Auge faßt; und die kann wohl auch nicht das Ziel einer solchen Kollektivuntersuchung sein. Die Lage wird bedeutend günstiger, wenn man sein Augenmerk mehr darauf richtet, gleichsam einen Querschnitt durch die seelische Situation der betreffenden Altersklasse zu erhalten. Da bekommt dann jede Deutung wenn auch nicht individuellen, so doch exemplifikatorischen Wert; denn was im Einzelfalle vielleicht bloß das augenblickliche Auftauchen einer Möglichkeit gewesen ist, die in der psychischen Entwicklung dann nicht weiter verfolgt wurde, ist sicher in vielen andern Fällen konsequent festgehalten und zur leitenden Idee des Individuums gemacht worden. Und so kann uns unsere Untersuchung vielleicht einen Überblick geben über die Probleme, die Mädchen auf dieser Entwicklungsstufe beschäftigen, und über die Wege, <!-- S. 282 --> die sie sich versuchsweise als möglich vorzeichnen. Welchen Weg die einzelne dann wirklich gehen wird, müssen wir unentschieden lassen.

Wir haben es mit Mädchen in einer Periode zu tun, in der ihre wichtigsten Gegenwartsinteressen noch in Elternhaus und Familie verankert sind, in der sich aber schon der Blick öffnet in eine Zukunft, die darüber hinaus führen soll. Werden wir also das Familienmotiv in der Regel erwarten dürfen, so werden uns doch die Märchen auffällig sein, in denen es ausschließlich herrscht. Wir werden da eine etwas verlangsamte psychische Entwicklung zu vermerken haben oder vielleicht auch daran denken müssen, daß die Verfasserin vor dem Gedanken an die Zukunft ängstlich zurückweicht. Dieser Gruppe von Familienmärchen habe ich eine andere gegenübergestellt von solchen Märchen, in denen sich schon die Grundzüge eines Lebensplans erkennen lassen. In einer Mittelgruppe habe ich die Märchen vereinigt, die die eine oder die andere charakteristische Leitlinie verraten, ohne daß man aus ihnen eigentlich einen Lebensplan herauslesen könnte.

Ich beginne mit dem kindischesten der gelieferten Märchen[^2].

**1.** *Der naschhafte Hans.* Die Mama bietet der Tante Indianerkrapfen an; dabei stellt sich heraus, daß Hans das Schlagobers herausgenascht hat. Er wird nun auf doppelte Weise bestraft. Zuerst kauft die Mama anderes Backwerk, bestimmt es aber nur für seine Schwester Trude. Die brave Trude aber gibt dem Bruder doch davon. Dann kommt ein wie Knecht Ruprecht gekleideter Mann und gibt für Hans ein Paket ab. Dieser findet darin voll Freude lauter Indianerkrapfen. Aber — sie sind kaschiert und in jedem steckt ein Zettel mit einem Sprüchlein gegen die Naschhaftigkeit.

Also ein Geplänkel aus der Kinderstube. Beachtenswert ist, daß nicht darauf verzichtet wird, die Schwester durch einen kleinen Zug ins hellste Licht zu setzen, obwohl darunter die Konsequenz der Handlung leidet.

Nicht unähnlich in der Anlage, führt uns doch das folgende Märchen in weit tiefere Konflikte ein.

**2.** *Bestrafte Grausamkeit.* Der guten, fleißigen und gehorsamen Berta steht die böse, faule und schlimme Emma gegenüber. Die Ermahnungen der Schwester bleiben nutzlos; die Eltern drohen, sie in eine Erziehungsanstalt zu geben. Trotzdem versteht sie es, sich bei den Leuten beliebt zu machen. Nach einer kurzen Zeit der Besserung verfällt sie wieder in ihre alten Fehler. Einst quält sie aus Mutwillen eine Raupe. Zur Strafe wird sie selbst in eine Raupe verwandelt. Die Eltern finden statt der Tochter <!-- S. 283 --> die Raupe im Bett und geben sie in eine Schachtel. In der Nacht von 11—12 Uhr kann sie sprechen und da sagt sie ihren Eltern, daß sie nur erlöst werden kann, wenn man sie acht Tage lang fasten läßt.

Schon die gehässige, dabei neiderfüllte Schilderung der Schwester muß auffallen. Mehr Licht kommt für uns in dieses Märchen, wenn wir erfahren, daß die Erzählerin in der Schule durch ihr schwerfälliges Sprechen so aufgefallen ist, daß man sie angewiesen hat, einen Arzt aufzusuchen. Die Schwester hat allerdings gemeint, zu Hause beim Schimpfen gehe es ganz gut. Wir finden also die Verfasserin im Märchen wohl doppelt wieder. Einerseits ist sie die brave Tochter, deren Tugenden von den Fehlern der Schwester so stark abstechen, andererseits ist sie die arme, wehrlose, von der Schwester gequälte Raupe, die nicht einmal ihr Leid klagen kann. So finden wir Minderwertigkeit und Kompensation nebeneinander dargestellt. An der Schwester wird gründlich Revanche geübt, sie wird mit dem Leiden bestraft, durch das sich die Schreiberin benachteiligt fühlt.

Das Thema der ungleichen Geschwister kehrt noch einmal wieder, allerdings aus der Kindersphäre herausgerückt und daher ohne so scharfes Hervortreten persönlicher Beziehungen.

**3.** *Die beiden Brüder.* Von zwei Brüdern ist der eine reich und herzlos genug, den andern, der arm ist, nicht zu unterstützen. Dieser hilft einst einem kleinen Berggeist und erhält zum Lohn ein wunscherfüllendes Feuerzeug. Dadurch gelangt er zu Wohlstand. Aus Neid stiehlt es der reiche Bruder, aber ihm wird es zum Unheil und er kommt um sein Vermögen. Reuig bringt er das Feuerzeug zurück und der gute Bruder unterstützt ihn nun.

Diesen Märchen treten andere gegenüber, die uns Bilder ungetrübter geschwisterlicher Liebe zeigen. So

**4.** *Das verbotene Zimmer.* Hänsel und Gretel sind arm und müssen betteln; sie finden Aufnahme bei einer Frau, die ihnen Nachtlager gewährt und sie vor ihrem Mann, dem Menschenfresser, versteckt. Am anderen Morgen sollen sie elf Zimmer kehren, das zwölfte jedoch nicht betreten. Sie tun es doch und finden darin einen goldenen Wagen mit davorgespanntem Hirsch. Sie fliehen auf ihm und entgehen den Verfolgungen dadurch, daß das Mädchen durch Zaubersprüche erst sich und den Bruder in einen Rosenstrauch verwandelt und dann die Enten eine Brücke über den See bilden läßt. Durch die Zauberkraft des Wagens werden sie reich.

Bei näherem Zusehen merkt man da freilich, daß trotz aller Betonung geschwisterlicher Eintracht Bruder und Schwester keineswegs gleich behandelt sind. Die Schwester ist es, die die Zaubersprüche kennt und die alles vollbringt, was zu ihrer und des Bruders Rettung führt. Der männliche Partner ist völlig in die passive Rolle des Schützlings hinab<!-- S. 284 -->gedrückt. Daß es sich um *elternlose* Kinder handelt, könnte als bedeutungsloses Detail aufgefaßt werden. Aber man wird doch angeregt, an solchen Zügen nicht achtlos vorüberzugehen, wenn man z. B. von einem siebenjährigen Mädchen erfährt, welches, möge es nun gehörte Märchen nacherzählen oder selbst welche erfinden, nie unterläßt, eine bestimmte Wendung einzufügen: am Schlusse stirbt die Mutter.

Auch ein Märchen geschwisterlicher Liebe, aber bei völliger Vertauschung der Rollen, ist

**5.** *Der gute Bruder.* Die Schwester ist von einer Hexe entführt worden. Dem Bruder hilft nun eine Fee, seine Patin, die Schwester zu retten. Das Unternehmen ist sehr schwierig: er muß drei Bedingungen erfüllen und drei Versuchungen siegreich bestehen.

Die Märchen 4 und 5 zeigen in unentwickelter Form, noch in die Familienbeziehungen eingesponnen, den Gegensatz zwischen gesteigerter Aktivität und höchster Passivität der Frau, der uns später noch eingehend beschäftigen wird. In Nummer 5 speziell scheint die Gestalt des Bruders, wir wissen nicht, ob nur nach außen hin oder auch pro foro interno, nur die Hülle zu sein für das allgemeine männliche Ideal der Verfasserin, so daß dieses Märchen in Beziehungen tritt zu der Gruppe der Märchen vom rettenden Helden (Märchen 22—25).

Wir gelangen jetzt zu einer Reihe von Märchen, in denen das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern eine Rolle spielt. Bei Geschichten, die die Mädchen von vornherein für die Schule geschrieben haben, wird es nicht wundernehmen, daß dieses Verhältnis im allgemeinen mit lesebuchmäßiger Korrektheit dargestellt wird.

**6.** *Die guten Elfen.* Ein kleines Mädchen muß sich und die kranke Mutter durch Verkauf von Erdbeeren und Blumen ernähren. Eines Nachts kommt ein hellblaues, bekränztes Wesen durchs Fenster herein und nimmt sie mit zum Tanz der Elfen. Dort setzt man ihr auch ein Kränzlein auf und diesen Kranz trägt sie noch am Morgen, als sie in ihrem Bette erwacht. Er ist aus Gold und Edelsteinen. Durch seinen Verkauf kommt sie zu Geld und kann jetzt für die Mutter einen Arzt holen.

**7.** *Ein Weihnachtsmärchen.* Am Weihnachtsabend geht ein kleines Mädchen aus dem Dorf in die Stadt, um für die schwerkranke Mutter einen Arzt zu holen. Auf dem Wege betet sie vor einem Heiligenbilde und schläft dann ermüdet ein. Sie fühlt, wie sie als Schneeflocke gegen den Himmel getragen wird. Dort gibt ihr das Christkind ein Fläschchen mit Arznei. Als sie erwacht, ist sie vor ihrem Hause. Bauern haben sie halb erstarrt im Walde aufgefunden. Ihre Himmelfahrt scheint also ein bloßer Traum gewesen zu sein. Aber nein, sie hat das Fläschchen, und kaum hat die Mutter von der Arznei genommen, so ist sie auch schon gesund.

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**8.** *Der Erdgeist.* Ein braver Junge, der Sohn eines armen Holzhauers, ein Sonntagskind, fängt einst im Walde einen Zwerg und zwingt ihn, ihm Schätze zu geben. Die bringt er seinen Eltern.

An Betonung kindlicher Liebe, ja Aufopferung lassen es also diese Märchen gewiß nicht fehlen. Das hindert aber nicht, daß die tatsächlichen Verhältnisse ins Gegenteil verkehrt werden. Die Eltern erscheinen als die Schwachen und Hilfsbedürftigen, die Kinder werden zu Rettern in der Not und die Eltern müssen eigentlich dankbar zu ihnen hinaufsehen. Hieher gehört wohl auch

**9.** *Im Reich der Elfen.* Ein Holzhackerbub pflückt Blumen. Da steht plötzlich ein Zwerg vor ihm und sagt, es seien Elfen, die er getötet habe. Er muß jetzt mit zur Elfenkönigin und diese verzeiht ihm unter der Bedingung, daß er ihr einen kostbaren Ring aus dem See hole. Er tut das Verlangte und schläft dann müde auf einer Wiese ein. Als er erwacht, stehen seine Eltern bei ihm. Seine Mutter hält das Ganze für einen Traum. „Doch Berchtold wußte das besser.“

In diesem letzten Satz scheint mir der psychologische Kern des eigentlich ganz ergebnislos verlaufenden Märchens zu liegen. Dadurch daß der Held etwas Außerordentliches erlebt hat und durch das „Besserwissen“ erhebt auch er sich über die Eltern.

Übrigens fehlt auch das direkte Hervorbrechen der Konfliktstimmung den Eltern gegenüber nicht gänzlich.

**10.** *Der verkannte Hans.* Ein Müller hat drei Söhne. Der jüngste, Hans, ist „ein verschlossener Junge, der immer arbeitet, wenn er sich allein glaubt“. So gilt er für faul und wird von allen verachtet, und als der Vater einst von einem Männchen einen Wunschstab erhält, wünscht er, Hans solle sich verirren. Hans kommt in den Wald zu dem Männchen, arbeitet bei ihm und bleibt mehrere Jahre dort. Dann will er wieder zu seinen Eltern und erhält vom Männchen als Lohn einen Wunschring. Er trifft dann einen seiner Brüder, der ihn aber nicht erkennt. Von ihm erfährt er, daß die Familie völlig verarmt ist. Als Hans weg war, habe seine Arbeitskraft überall gefehlt und es sei nichts mehr von der Stelle gekommen. Jetzt gibt sich Hans zu erkennen, kehrt zu seinen Eltern zurück und mit Hilfe des Wunschringes zaubert er dem Vater eine Mühle her.

Wir haben hier also ein ähnliches Schema, wie in den vorausgehenden Märchen, nur ist das ganze Verhältnis stark vergiftet. Wir haben es mit einem trotzigen („verschlossenen“) Kind zu tun, das selbst einen falschen Schein wider sich hervorruft, um dann im Gefühl der verfolgten Unschuld schwelgen zu können. Den sich so entwickelnden Revanchegelüsten wird im Märchen eine ins Grandiose gesteigerte Befriedigung: es zeigt sich, daß das verkannte Kind die eigentliche Stütze der ganzen Familie war. Daß die Verfasserin nicht davor zurück<!-- S. 286 -->schreckt, zur Erlangung dieser Revanche den Vater und die ganze Familie ins Unglück zu stürzen, deutet auf Haß- und Racheregungen gegen die Eltern.

An den Schluß dieser Gruppe stelle ich ein Märchen, das durch eine Tatsache aus den persönlichen Verhältnissen der Schreiberin eine interessante Aufhellung erfährt.

**11.** *Die Zauberhacke.* In einem Wald lebt ein armer Holzhauer. Er hat einen Sohn; seine Tochter ist seit Jahren verschwunden. Einst rettet er einem Zwerg das Leben und dieser gibt ihm aus Dankbarkeit den Rat, für die Waldfrau Heilkräuter zu sammeln. Von ihr erhält er nach einem Jahr eine Zauberhacke, mit deren Hilfe er bald zu einem wohlhabenden Holzhändler wird. Als sein Sohn und die Waldfrau erkranken, pflegt er beide. Vor ihrem Ende gibt ihm die Waldfrau einen Brief an den Zwerg mit und jetzt stellt sich heraus, daß dieser die verschwundene Tochter ist. Jetzt ist sie aus der Verzauberung erlöst und auch der Sohn wird wieder gesund.

Das Mädchen, das dieses Märchen verfaßt hat, hat einen blinden Bruder, der infolge seiner Begabung und seines Fleißes trotz seines Gebrechens den normalen Studiengang als öffentlicher Schüler verfolgen kann. Es ist ohne weiteres klar, daß unter diesen Umständen der Knabe im Mittelpunkt der elterlichen Sorgfalt und Liebe stehen muß. Auf diesen unvermeidlichen Umstand reagiert nun das Mädchen mit einem Gefühl der Zurückgesetztheit und das kommt im Märchen in prägnanter Steigerung dadurch zum Ausdruck, daß die Tochter überhaupt verschwunden ist. Aber da bahnt sich auch schon die Kompensation an. Sie ist in einen Zwerg verwandelt, also in einen zwar kleinen, aber doch mächtigen *Mann*, sie rettet ihren Vater aus seiner Not und führt schließlich auch die Genesung des Bruders herbei.

Bei einem Rückblick auf die Gruppe der Familienmärchen scheint mir ein Zug als fast ausnahmslos allen gemeinsam besonders hervorzutreten. Wir sind es ja gewohnt, von Märchen einen glücklichen Ausgang zu erwarten. Sobald nun konkrete Personen ins Spiel kommen, läßt sich dieses Gesetz genauer fassen. Das Märchen geht gut aus, heißt dann immer: Es gelingt dem Helden, sich über diese Personen zu erheben.

## II.

Wir wenden uns jetzt der Gruppe von Märchen zu, aus denen nicht ein eigentlicher Lebensplan abgelesen werden kann, sondern in denen nur eine oder die andere Leitlinie charakteristisch hervortritt. Es liegt in der Natur der Sache, daß sich gerade in dieser Gruppe am <!-- S. 287 --> schwersten ein roter Faden wird festhalten lassen, der von einem Märchen zum andern führt.

Ich beginne mit einem Märchen, das in mancher Beziehung mit der ersten Gruppe verknüpft ist.

**12.** *Ein Märchen.* Ein junger Bursch zieht fröhlich durchs Land. Von einem blauen Vogel geführt, kommt er zu einem prächtigen Palast. Bei seinem Anblick werden die strengen Wächter heiter und freundlich und sagen ihm, hier wohne die Königin *Vorsicht*. Das Land sei glücklich, eine so treffliche Herrscherin zu haben, nur eine sei noch besser als sie, ihre Tochter, die *Weisheit*. Diese erscheint und ihre ernsten Züge erheitern sich beim Anblick des Fremden, der sich nun als der *Frohsinn* zu erkennen gibt. Sie fordert ihn auf, hier zu bleiben und sagt ihrer Mutter daß jetzt eine ungetrübt glückliche Zukunft vor ihnen liege. Denn wo Weisheit und Frohsinn vereint sei, müsse alles gut gehen.

Wenn auch das allegorische Gewand die Ausdeutung erschwert, so treten persönliche Beziehungen klar genug hervor. Es ist sehr verständlich, daß gerade die *Vorsicht* als charakteristische Eigenschaft der Mutter hervorgehoben wird. Und es überrascht uns auch nicht mehr, daß bei aller respektvollen Behandlung der Mutter die Tochter doch als die höherstehende erscheint. Übrigens scheint es auch an direkten Vorwürfen gegen die Mutter nicht zu fehlen. Denn wenn die Verfasserin über Weisheit erzählen läßt: „Oh, das, was man in der Welt unter Erziehen versteht, ist sie nicht worden. Sie hat nur immer das schöne Vorbild gehabt“, so stellt sie offenbar ihr pädagogisches Ideal der Erziehung, die sie tatsächlich erfährt, entgegen. Im übrigen erblicken wir in der Schreiberin eines der Mädchen, die von sich selbst feststellen, daß sie das Leben zu schwer nehmen. „Nur ist sie traurig“ heißt es von Weisheit; und sie selbst sagt zu Frohsinn: „Wer auch so sein könnte wie du, immer denke ich, das hättest du so machen können, dies so.“ Daß dem melancholischen Mädchen dann der männliche Frohsinn gegenübertritt, hat wohl auch seine tiefere Bedeutung und verrät uns die Vorstellung, die sich die Verfasserin von der Rolle macht, die die Geschlechter im Leben zu spielen haben.

**13.** *Die Gründung von Pechdorf.* Ein armer Schuster wandert durch den Wald, um für seine letzten zwei Kreuzer Pech zu holen. Trotzdem gibt er einen Kreuzer noch einer Bettlerin, die ihm zum Dank einen Pechtopf schenkt. Es stellt sich dann heraus, daß dieser Topf nie leer wird und die mit diesem Pech geklebten Schuhe besonders gut sind. So bekommt er viel Arbeit, wird ein wohlhabender Mann und der Gründer einer Ansiedlung. Als er einst wieder durch den Wald geht, steht an der Stelle, wo er damals die alte Bettlerin traf, eine schöne Fee und sagt ihm, <!-- S. 288 --> sie habe in jener Verkleidung sein Herz prüfen wollen, um ihm dann zu helfen.

Für uns bildet natürlich die Gestalt der Fee das Zentrum des Märchens. Es ist nicht schwer einzusehen, welche Lebensauffassung sich da vorbereitet. Der Verfasserin schwebt offenbar das Ideal der vornehmen Dame vor, die sich in patronessenhafter Huld zu den Armen herabläßt, um ihnen beizustehen, aber wohlgemerkt nur dann, wenn sie es auch verdienen.

In der Grundtendenz verwandt ist

**14.** *Das Märchen vom Bergsee.* Die Treue hat in einem Tal ihren Wohnsitz aufgeschlagen und herrscht ruhig und glücklich über brave Untertanen. Da wandert der Riese Unnutz ein; er hetzt das Völkchen auf, wirft die Parole „Freiheit und Reichtum!“ unter die Leute und es kommt zum Aufruhr. Im Augenblick der höchsten Not erscheint der König der Berge; Unnutz wird in einen Felsen verwandelt, das Tal in einen See, die Bewohner aber werden auf Fürbitte der Treue geschont und wohnen von neuem unter ihrer Herrschaft an den Ufern des Sees.

Also ein politisches Märchen. Als solches nimmt es unter den gelieferten Arbeiten eine Sonderstellung ein; es ist das einzige, das den egozentrischen Standpunkt verläßt und sich allgemeineren Problemen zuwendet. Das deutet zweifellos auf eine gewisse Enge des Gesichtskreises der Schülerinnen, die dieser Altersstufe eigentlich nicht mehr natürlich sein sollte. Die schroff antirevolutionäre Tendenz ist es, die dieses Märchen dem vorausgehenden verwandt macht; auch hier das Postenfassen auf seiten der Vornehmen und Mächtigen, um sich so über die Masse zu erheben. So darf man als wesentlichsten Zug der beiden Märchen vielleicht eine realistische Umwandlung und Abschwächung des Prinzessinnenideals ansehen, von dem später zu handeln sein wird.

**15.** *Ein Weihnachtsmärchen.* Eine arme Wäscherin sagt ihrem kleinen Mädchen, das Christkind komme nur zu den Reichen. Daraufhin geht die Kleine mit ihrer Puppe zur Stadt, um die Puppe zu verkaufen und so reich zu werden. Überall abgewiesen, schläft sie endlich auf einer Bank ein. Im Traum wird sie vom Christkind zum lieben Gott geführt. Eine reiche Nachbarin findet sie auf, trägt sie nach Hause und bereitet ihr dann eine Bescherung.

Die Heldin des Märchens stellt sich also eine Aufgabe, die weit über ihre Kräfte geht; aber gerade dadurch, daß sie zu schwach ist und zusammenbricht, gelangt sie schließlich doch an ihr Ziel. Wir sehen hier eine Leitlinie ausprobiert, die unter den so unendlich zahlreichen und für den Psychologen so wichtigen Methoden, sich seinem Ziel auf Umwegen zu nähern, eine der raffiniertesten ist, eine Methode, die <!-- S. 289 --> von äußerlich überenergischen Mädchen nicht zu selten in Anwendung gebracht wird. Es ist gleichsam ein Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Rennen mit einem Hintergedanken. Man weiß sehr wohl, daß man durch die Wand nicht hindurch kann; aber man rechnet damit, daß, hat man sich erst den Kopf gründlich angeschlagen, schon Leute kommen werden, die einen mitleidig und doch respektvoll dort hinbringen, wohin man gelangen will.

Genau genommen nennt sich übrigens diese Geschichte zu Unrecht ein Märchen: das Wunderbare, das erzählt wird, stellt sich ja dann als Traum heraus. Geradezu um einen bewußten Gegensatz zum Märchen handelt es sich bei

**16.** *Ein Märchen.* Die Königin hat sich auf der Jagd verirrt. Ermüdet läßt sie sich unter einem Baume nieder. Da steht plötzlich ein Zwerg vor ihr und sagt ihr, sie sei in einem Zauberbereich und sie könne nur nach Hause kommen, wenn sie drei Aufgaben erfülle. Sie müsse einen Zweig mit gelben Früchten ganz in den Wipfeln des Baumes brechen, sie müsse den Weg gehen, den er hergekommen sei, und sie müsse zu einer Insel gelangen, die mitten in einem See liege. Durch die Hilfe eines Vogels gelingt es ihr, die Aufgaben auszuführen. Plötzlich hört sie Gelächter und schlägt die Augen auf, ihr Mann mit dem Jagdgefolge steht vor ihr. Sie hat nur geträumt. Jetzt muß sie selbst lachen.

Statt eines Märchens also Verspottung des Märchens. Die Verfasserin protestiert gegen die ihr gestellte Aufgabe, offenbar weil sie ihr als zu kindisch erscheint. Das Charakteristische dabei ist, daß ja auch ein anderes Thema zur Wahl stand, daß diese Schülerin sich aber für das Märchenthema entscheidet, eigens um dagegen protestieren zu können. Daneben drängt sich die Vermutung auf, daß dieses Mädchen, das es ablehnt, ein Lebensbild ohne Rücksicht auf die Realität zu entwerfen, seinen Mitschülerinnen vielleicht an Reife voraus ist, daß es in der Anpassung seines unbewußten Lebensplans an die Forderungen der Wirklichkeit weiter gelangt ist als die anderen. Es muß dahingestellt bleiben, welches dieser beiden Momente das entscheidende ist. —

**17.** *Vom braven Schneiderlehrling.* Der Schneiderlehrling beschenkt einen Bettler und wird deshalb von seinem geizigen Herrn barsch zurechtgewiesen. Im weiteren Verlaufe der Geschichte wird der Junge reichlich belohnt, erhält einen Palast und heiratet eine Prinzessin. Der Meister wird bestraft, indem seine Kinder sich in Disteln verwandeln.

So wird die Tugend belohnt und das Laster bestraft — eine höchst moralische Geschichte. Bei schärferem Zusehen allerdings erweist sich diese Moral als höchst fragwürdig. Es werden die Wege der Tugend und des Lasters ausgetastet und die Entscheidung fällt für die Tugend, <!-- S. 290 --> eben, weil hier Belohnung zu winken scheint, und zwar eine recht große Belohnung für eine recht kleine Leistung. Und wie es eine theologische Ansicht gab, die es zu den Hauptfreuden der Seligen rechnete, daß sie die Qualen der Verdammten betrachten könnten, so wird auch hier der Triumph des Guten dadurch vervollständigt, daß der Böse aufs grausamste bestraft wird, ja sogar seine unschuldigen Kinder werden ins Verderben hineingezogen. Wir dürfen übrigens mit der jugendlichen Schreiberin nicht zu hart ins Gericht gehen, denn eine Zergliederung gar mancher moralindurchtränkten Jugendschrift würde kein besseres Resultat ergeben. Jedenfalls aber zeigt uns dieses Märchen eine bedenkliche Kehrseite des „braven Kindes“ und weist den Erzieher darauf hin, welche Behutsamkeit bei der Erziehung zur Ethik erforderlich ist. —

**18.** *Wie der Fuchs den Löwen besiegte.* In Abwesenheit des Löwen nistet sich der Fuchs in dessen Höhle ein. Durch List gelingt es ihm, dem Löwen Furcht einzujagen und ihn in die Flucht zu treiben.

Diese Freude an dem Sieg des Schwachen über den Starken, des Kleinen über den Großen ist etwas dem eigentlichen Kindesalter ganz Natürliches; das Kind, das unter dem Gefühl seiner eigenen Kleinheit und Schwäche leidet, spricht sich mit solchen Geschichten Mut zu. In dem Alter aber, in dem die Verfasserin dieses Märchens steht, verrät das Festhalten an dieser Leitlinie doch so etwas wie die Voraussicht, daß man auch im späteren Leben klein und schwach bleiben und auf die Mittel des Kleinen und Schwachen angewiesen sein werde. Offenbar ist die Schreiberin von der Vorstellung beherrscht, daß ihr Geschlecht ihr diese Rolle im Leben zuweise.

**19.** *Vom Häslein, das auf Wanderschaft ging.* Das Häslein will trotz Abmahnung seiner Eltern in die weite Welt. Verschiedene unangenehme Abenteuer schrecken es aber bald ab und es ist froh, wieder zu Hause zu landen.

Der Ausgangspunkt ist hier ähnlich wie beim vorigen Märchen, aber das Resultat ist hier ein Zurückweichen; das Elternhaus soll Schutz gewähren gegen die Gefahren des Lebens. Diese Philosophie der Vorsicht kann uns nicht überraschen, ist doch unsere Erziehung, vor allem die häusliche, in hohem Maße eine Erziehung zur Vorsicht, ja zur Feigheit. Das ist aus praktischen Gesichtspunkten heraus wohl zu begreifen. Man übersieht dabei nur, daß diese Vorsicht, wo sie wirklich Wurzel geschlagen hat, viel tiefer geht als man will und ahnt, daß sie bei jeder, auch der kleinsten Handlung und Entscheidung, die das Leben fordert, hemmend und bremsend wirkt.

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## III.

Die dritte Gruppe der Märchen, der wir uns nun zuwenden, ist nicht nur die größte an Zahl, sondern auch die geschlossenste und interessanteste. Allen diesen Märchen, in denen sich ein klarer skizzierter Lebensplan erkennen läßt, ist ein Zug gemeinsam: Das Motiv der Prinzessin. Das ist bei Märchen an sich gewiß nicht überraschend, obzwar ja die Märchenliteratur auch andere Möglichkeiten bietet. Aber durch die Häufigkeit dieses Motivs in der Märchenliteratur wird die psychologische Bedeutung der Prinzessinnenidee nicht widerlegt, sondern im Gegenteil auf sie hingewiesen. Alfred Adler hat sie uns verstehen gelehrt als eine der wichtigsten und folgenschwersten Formwandlungen der männlichen Leitlinie bei Mädchen. Die unverhüllte Formel des männlichen Protestes: „Ich will ein Mann sein!“ wird in dieser Schroffheit natürlich in dem Moment zusammenbrechen müssen, in dem das Mädchen sich über die Unabänderlichkeit seiner Geschlechtsrolle klar wird[^3]. Aber es wird sich nun sehr leicht die Ersatzformel einstellen: „Wenn ich schon kein Mann bin, so will ich doch als Frau *herrschen*, will Königin, Prinzessin sein!“ Auch diese Fassung wird beim Fortschreiten der Entwicklung noch manche Änderung und Abschwächung erfahren müssen, immer aber wird sich der bedenkliche Ursprung dieser Leitlinie dadurch erweisen, daß sie die Frau, die von ihr beherrscht wird, zu unerfüllbaren Ansprüchen an das Leben treibt, daß sie ihr die Anpassung an die Realität erschwert oder unmöglich macht. Im Märchen nun wird die Spannung zwischen Realität und Lebensplan überwunden, es zeigt uns, wie die Heldin Prinzessin *wird*. Nur in vier Fällen wird diese Spannung von vornherein gemildert, indem es sich um die Erlösung verwunschener Prinzessinnen handelt, und nur in einem Fall ist die Heldin von Anfang an wirklich Prinzessin, allerdings krank und dem Tod verfallen.

In der Prinzessinnenidee liegt natürlich auch ein Vorwurf gegen die Eltern versteckt, die es versäumt haben, ihrem Kinde diese herrschende Stellung in der Welt vorzubereiten. Dieser Vorwurf kommt manchmal deutlich zum Ausdruck. Das verbindet diese Gruppe mit der ersten.

Am bezeichnendsten und bekanntesten in dieser Hinsicht ist die „Phantasie von den niederen Eltern“, über die Otto Rank im „Mythus von der Geburt des Helden“[^4] ausführlich gehandelt hat. Die Größenidee <!-- S. 292 --> wird verwirklicht, indem die wirklichen Eltern in die Rolle von Zieheltern herabgedrückt werden. Dies finden wir in

**20.** *Im Reich der Elfen.* Brave Fischersleute finden eines Tages vor ihrer Hütte ein kleines Mädchen, das ein goldenes Kettchen um den Hals trägt. Sie ziehen es als ihr eigenes Kind auf. Nach dem Tode der vermeintlichen Eltern muß das Mädchen auswandern. Ein Zwerg spricht die Weinende an und führt sie ins Elfenreich. Hier erfährt sie von Titania ihre Geschichte. Sie ist ein Königskind und es galt, sie der Rache eines Zauberers zu entziehen. Sie bleibt im Elfenreich, bis die Stunde ihrer Rückkehr ins Elternhaus gekommen ist. Da zeigt ihr dann eine goldene Kugel den Weg zum Königspalast; die Eltern erkennen sie und sind voll Freude. Sie heiratet einen Prinzen und bei ihrem ersten Kind ist Titania Patin.

Die Bereitwilligkeit, auf die Eltern zu verzichten, zeigt sich noch deutlicher in

**21.** *Die Waldfee.* Ein Holzhacker hilft einer alten Frau; diese entpuppt sich dann als schöne Fee und verlangt von ihm auf fünfzehn Jahre seine Tochter. Nach langem Zögern willigen die Eltern ein. Es wird uns jetzt die Erziehung bei der Waldfrau, streng und liebevoll zugleich, geschildert. Nach fünfzehn Jahren erzählt sie dem Mädchen seine Geschichte und schickt es dann in den Wald, damit es dem König auf der Jagd begegne. Dieser macht sie zu seiner Frau und sie nimmt jetzt ihre Eltern zu sich.

Die beiden letzten Märchen haben noch einen Zug gemeinsam: Die Vorbereitungs- und Wartezeit bei einer Fee. Man darf wohl annehmen, daß sich in diesem Aufenthalt die Schulzeit symbolisch darstellt, besonders wenn man bedenkt, daß im zweiten Märchen das Erzieherische eigens betont ist. Als Mittelglied zwischen Elternhaus und Leben, als Wartezeit wird in diesen Jahren die Schule empfunden.

Wir haben schon in diesen zwei Geschichten gesehen, wie sich den Mädchen als nächstliegendes und aussichtsreichstes Mittel zur Verwirklichung ihres Lebensplans die *Heirat* darbietet. Aber die Taktik, die dabei gewählt wird, kann grundverschieden sein. Der eine Typus kommt am schärfsten zum Ausdruck im Motiv der verwunschenen Prinzessin. Hier ist die Heldin durch die angenommene Voraussetzung zur vollsten Passivität verdammt, zugleich aber so hochstehend und begehrenswert, daß die größten Heldentaten und Mühsale des Helden durch ihren Besitz noch immer überreichlich belohnt werden. So sind Minderwertigkeitsgefühl und Kompensation in demselben Zuge gezeichnet. Wir stoßen hier wieder auf eine der psychologisch so bedeutsamen Methoden, sich einem Ziel, zu dem der gerade Weg versperrt scheint, auf Umwegen zu nähern. Zuerst wird die Passivität als charakteristisches Merkmal der weiblichen Rolle aufgefaßt und peinlich empfunden. <!-- S. 293 --> Dann entsteht der Gedanke, aus diesem Mangel eine Waffe zu schmieden und gerade die Passivität als Mittel zu gebrauchen, um zur Herrschaft, um nach oben zu gelangen. („Männlicher Protest mit weiblichen Mitteln“.) Jetzt zu den einzelnen Märchen dieser Art.

**22.** *Das versunkene Schloß.* Ein Zauberer hat das Schloß verwunschen und unter die Erde gesenkt. Nur ein reiner, edler Jüngling soll es erlösen können. Nach langen Jahren kommt endlich Prinz Hadubrand, vollbringt das Werk, wobei er unglaubliche Mühen und Abenteuer zu bestehen hat, und wird der Gemahl der Prinzessin.

**23.** *Der Zauberwald.* In der Nähe des Königsschlosses liegt ein Zauberwald. Als die Prinzessin ihn trotz des Verbotes betritt, wird sie in ein Reh verwandelt. Einst jagt ein fremder Prinz als Gast des Königs in diesem Walde, schießt ein Reh an, ohne es zu töten, und läßt es mitleidig nach Hause bringen. Das Tier beginnt zu sprechen und sagt ihm, es könne erlöst werden, wenn er ihm den Kopf abhaue. Als der Prinz das getan hat, steht eine schöne Jungfrau vor ihm, mit der er sich dann vermählt.

Nicht um eine verwunschene, sondern um eine kranke Prinzessin handelt es sich in

**24.** *Der fremde Prinz und die goldenen Früchte.* Im Garten des Schlosses lustwandelt täglich die Königstochter und freut sich an den schönen Blumen und dem Gesang der Vögel. Eines Tages bleibt der Garten leer, die Vögel verstummen, die Blumen lassen die Köpfe hängen — die Prinzessin ist krank und die Ärzte geben keine Hoffnung. Da zieht ein fremder Prinz vorbei, erfährt die traurige Kunde und möchte die Prinzessin retten. Ein Zwerg steht ihm mit seinem Rat bei. Auf einer öden Haide muß er einem Bären die Lanze in den Rachen rennen, dann weiter vordringen bis zu einem Baum und von diesem goldene Früchte pflücken. Die bringt er der Prinzessin. Genesung. Heirat.

Es ist bemerkenswert, wie in diesem Märchen die Bedeutung der Heldin ganz besonders unterstrichen ist. Nicht nur, daß der fremde Prinz durch den Gedanken an sie zu außerordentlichen Taten angespornt wird; die Gefahr, in der sie schwebt, wirkt auf die ganze Natur ein, auf Blumen und Vögel. Eine dichterische Darstellung des Gedankens: „Wenn ich sterbe, so steht die Welt still.“

Das nächste Märchen erzählt nicht von einer Prinzessin, sondern von einem Bauernmädchen; aber es gehört doch hieher. Die bloße Existenz der Heldin bei voller Passivität genügt schon, um den Mann zu den höchsten Opfern anzuspornen.

**25.** *Der verwunschene Prinz.* Ein Prinz soll eine häßliche Prinzessin heiraten, liebt aber ein Hirtenmädchen. Da er von ihr nicht lassen will, verwünscht der König ihn und sie. Sie wird eine häßliche Kröte, er muß als Rabe im Mond leben, bis ihn ein anderer Vogel zur Erde bringt. <!-- S. 294 --> Lange Jahre harrt er in Treue aus. Endlich führt ihn ein Aeroplan auf die Erde zurück. Der Zauber ist gebrochen und die beiden heiraten. Der Vater ist schon längst aus Gram und Reue gestorben.

In allen diesen Märchen muß infolge der Passivität der Heldin die Gestalt des männlichen Retters mehr in den Vordergrund treten, so daß oft schwer zu entscheiden ist, worauf eigentlich der Hauptton fällt: ob auf die Unterstreichung der weiblichen Passivität, ob auf das Hineindenken in eine männliche Heldenrolle, oder vielleicht auf den Gedanken: „So würde *ich* handeln, wenn ich ein Mann wäre; die Männer freilich handeln ganz anders!“

Dem gegenüber wird in einer Reihe anderer Märchen gerade die *Aktivität* der Heldin betont; die Frau erscheint als die *Retterin*. So

**26.** *Die gute Fee.* Ein fleißiges Arbeitermädchen schläft müde ein. Im Traume erscheint ihr eine Fee und führt sie zu einer Quelle, schöpft Wasser in einen Becher und sagt ihr, daß dieses von wunderbarer Heilkraft sei. Den Becher hat sie beim Erwachen noch bei sich und er wird als Familienheiligtum aufbewahrt. Jahre danach erkrankt der Königssohn; sie geht mit dem Becher zum Palast; ihrer Schönheit wegen lassen die Wachen sie durch und der wunderbare Trank bringt dem Prinzen Genesung. Heirat.

**27.** *Das Eichhörnchen.* Eine junge Schäferin hat von einem wundertätigen Eichhörnchen gehört, das tief im Walde leben soll. Mancher schon hat sich auf die Suche begeben, alle sind unverrichteter Dinge zurückgekehrt. Sie hat in der Zeitung von der Jungfrau von Orleans gelesen und will auch Außerordentliches vollbringen. So macht sie sich auf den Weg. Nach tagelanger Wanderung betet sie unter einem Baum (vgl. Jeanne d'Arc!), und bald darauf steht sie vor einem prächtigen Schloß. Die Fee sagt ihr, gerade auf jenem Baume sitze das Eichhörnchen und das Zauberwort sei „Hörnihopp!“. Das Eichhörnchen war ein verwunschener Prinz, der jetzt erlöst ist. Nach kurzer Wartezeit Hochzeit in Paris.

Den beiden Märchen ist noch ein interessanter Zug gemeinsam. Die überirdische Frau, die das Mädchen zu einer Quelle führt und ihr das wundertätige Wasser zeigt, gemahnt uns an die Geschichte der Bernadette von Lourdes; auch der Name „Maria“ taucht auf, allerdings als Name des Mädchens („Mariechen.“) Im zweiten wieder haben wir den direkten Hinweis auf die Jungfrau von Orleans als Vorbild. In beiden macht sich also ein mystisch-religiöser Zug geltend, mit dem dann der Schluß, die Heirat, seltsam kontrastiert. Es werden also zwei entgegengesetzte Leitlinien ausgeprobt, und um der unbequemen Entscheidung auszuweichen, werden sie ohne Rücksicht auf ihre Unvereinbarkeit gleichzeitig in Anwendung gebracht.

Von diesen beiden Märchen unterscheidet sich das folgende durch die <!-- S. 295 --> spezifisch weibliche Art der Aktivität, die in ihm hervortritt, durch die angriffsweise vorgehende Koketterie, die sich in ihm verrät.

**28.** *Prinzessin Erika.* Eine schwäbische Prinzessin hat einen höchst grausamen Vater. Weil sie seinen Untertanen Gutes tut, wird sie von ihm verjagt. Sie gerät in die Macht einer bösen Fee, die sie auf einem einsamen Schloß von einem Drachen bewachen läßt. „Dieses Tier fand nun bald großen Gefallen an der Prinzessin . . . Auch Prinzessin Erika fand den Drachen nicht so schlimm, als sie erst dachte.“ Sie kommt auf den Gedanken, er sei vielleicht ein verzauberter Mensch, und beschließt ihn zu fragen. Tatsächlich ist er ein verzauberter Komödiant und er kann Erlösung finden, wenn ihn ein Mädchen heiratet. Erika entschließt sich dazu und sie leben lange Zeit als wandernde Schauspieler. Endlich kehren sie nach Schwaben zurück. Der böse Vater ist tot. Sie wird Königin und ihr Mann steht ihr zur Seite.

Auch hier haben wir widersprechende Zielsetzung vereinigt (Prinzessin-Schauspielerin). Es ist wohl kein Zufall, daß dies gerade in den Märchen der Fall ist, die die Aktivität der Heldin besonders unterstreichen. Diese Aktivität wird eben von vornherein als der weiblichen Rolle eigentlich widersprechend empfunden. Das letzte Märchen weist übrigens den beiden vorhergehenden gegenüber einen neuen Zug auf: die Heldin erscheint nicht nur als *Retterin* des Mannes, ihre Ehe ist ein *Herabsteigen* und am Schlusse hebt sie dann den Mann zu sich *empor*. Die falsche Wertung, die am Ausgangspunkte des männlichen Protestes steht, wird also durch die entgegengesetzte falsche Wertung ersetzt, die Frau wird als *über* dem Manne stehend angenommen. Gerade diesen Formwandel des männlichen Protests kann man bei Frauen häufig beobachten und es ist leicht zu verstehen, welche Vorteile er bietet: da der Hauptton auf die eigene Wertung, also auf einen inneren Vorgang gelegt wird, sind direkte Zusammenstöße mit der Realität ausgeschlossen. Die Prinzessinnenidee, konsequent festgehalten, muß unfehlbar an den Tatsachen des wirklichen Lebens scheitern; dagegen kann eine Frau sehr wohl ihr ganzes Leben lang so handeln, als ob sie sich zu ihrem Mann herabgelassen hätte und als ob sie ihn zu sich emporheben wollte. Freilich braucht man sich eine Ehe, in der die Frau von solchen Gedanken beherrscht ist, nur vorzustellen, um zu begreifen, daß diese Leitlinie dafür *indirekt* zu nicht minder bedenklichen Konflikten führen muß.

Zunächst war uns also die Ehe einfach als das wichtigste Mittel zur Verwirklichung des Lebensplans entgegengetreten und als solches war sie rein positiv gewertet worden. In „Prinzessin Erika“ ist zum erstenmal ein neues Thema angeschlagen: Die Ehe ist immerhin etwas, <!-- S. 296 --> was auch Opfer fordert. Diese Bedenken und Schwierigkeiten kommen in einer andern Reihe von Märchen noch viel deutlicher zum Ausdruck. Daß sich solche Erwägungen überhaupt verraten, kann zunächst gewiß als Zeichen der größeren geistigen Reife der betreffenden Mädchen gedeutet werden. Die andern haben in der Ehe nichts gesehen als einen erwünschten Gegensatz zu ihrem jetzigen Zustand, sie haben die Ehe gewissermaßen in abstracto bejaht; die Bedenklichen zeigen, daß sie sich mit dem Problem wirklich beschäftigt haben. Für ihre endgültige psychologische Beurteilung allerdings würde es auf zwei Momente ankommen: einmal darauf, ob die Schwierigkeiten, die sie stutzig machen, objektiv gegebene sind oder ob sie auf einer tendenziös entstellten Auffassung vom Verhältnis der Geschlechter beruhen, und dann darauf, wie ihre endgültige Entscheidung ausfällt, was wir aus den psychologischen Momentaufnahmen, als die wir diese Märchen auffassen, allerdings nicht entnehmen können.

**29.** *Die verwunschene Prinzessin.* Ein Jüngling liegt am Meeresstrand. Da taucht ein wunderschönes Weib aus den Fluten; voll Liebe will er sie umfangen, doch schon ist er in einen Fisch verwandelt. Sie war einst eine Prinzessin, die „fast alle“ Freier abwies. Ein Zauberer hat sie aus Rache verwunschen und sie kann nur erlöst werden, wenn ihr ein Jüngling *widersteht*. Dies gelingt erst, als sie einst einen schönen Jungen flehentlich darum bittet. Er muß alle Kraft zusammennehmen, um standhaft zu bleiben. Jetzt aber ist sie erlöst und sinkt an seine Brust mit dem Ausruf: „Ich bin nun deine Sklavin!“

Auffallend ist die besonders gesteigerte Darstellung der Macht der Frau: ihr zu widerstehen, ist das Schwerste, was ein Mann leisten kann. (Die Verfasserin ist ein häßliches Mädchen.) Der Widerstand gegen die Ehe zeigt sich in der Abweisung der Freier. Am Schluß erfahren wir auch den Grund dieses Widerstandes: die Frau wird die *Sklavin* des Mannes.

**30.** *Ein Märchen.* Der Tochter eines Mannes, der in der Gegend der „Zauberer vom See“ heißt, erscheint ein Meergreis und bittet sie, mit ihr hinabzusteigen in die Fluten und den kranken Königssohn zu retten. Sie werde unten ein glanzvolles Leben haben, allerdings müsse sie auf die Freuden der Welt verzichten. Sie willigt ein. Genesung. Heirat.

In der Vermählung mit dem Seeprinzen haben wir einen symbolischen Ausdruck dafür, daß die Ehe ein *Hinabsteigen* bedeutet; außerdem verlangt sie den Verzicht auf die Freuden des Lebens.

**31.** *Ein Märchen.* Ein Bauernmädchen wird von einer Hexe in einen Falken verwandelt. In dieser Gestalt fliegt es einem schwermütigen Prinzen zu, wird sein unzertrennlicher Begleiter und bringt ihm Trost und Aufheite<!-- S. 297 -->rung. Als er den Falken zurücklassen will, um eine lange Reise zu unternehmen, erzählt dieser seine Geschichte und sagt, er könne gerettet werden, wenn ein Mann seinetwegen ein Jahr lang auf alle Freuden der Welt verzichte. Der Prinz erfüllt die Bedingung. Erlösung. Heirat.

Zwischen diesem Märchen und dem vorhergehenden besteht ein Zusammenhang: die Verfasserin des ersten hat bei der Abfassung des zweiten mitgewirkt. Und tatsächlich finden wir wichtige Gemeinsamkeiten: in beiden Fällen erscheint die Heldin als Retterin (vom Tod, aus Schwermut) und in beiden Fällen spielt das Entsagungsmotiv eine wichtige Rolle. Seine entwickeltere Form zeigt es offenbar im zweiten Märchen, wo es sich als Forderung gegen den Mann kehrt. Wir können hier eine Einstellung im Entwicklungsstadium beobachten, die dann in fixierter Form im psychischen Leben erwachsener Frauen oft eine große Rolle spielt und die uns auch aus der Frauenliteratur wohl bekannt ist: die Forderung nach dem „reinen Mann“. (Vgl. auch Märchen 22, wo nur ein „reiner, edler Jüngling“ die Erlösung vollbringen kann.) Es ist leicht einzusehen, welch treffliche Handhabe diese Forderung einer Frau mit aufgepeitschtem männlichen Protest bietet, um den Mann herabzusetzen und zu demütigen; um so mehr als, wenn dieser Mann wirklich gefunden ist, seine Unerfahrenheit in Liebesdingen neue Angriffspunkte bieten wird.

Nicht uninteressant ist es, zu verfolgen, wie in unserem Falle diese Forderung der Entsagung entstanden ist. Die Verfasserin wird als ein kokettes, gern flirtendes Mädchen geschildert; es wird den Eltern im allgemeinen nicht leicht, mit ihm fertig zu werden, dafür entschließen sie sich manchmal zu recht energischen Eingriffen. So hat sie z. B. ihre sehr kokette Frisur aufgeben und durch eine Haartracht von fast klösterlicher Einfachheit ersetzen müssen. Sie selbst also wird zur Entsagung gezwungen und sie sucht jetzt ihr durch diesen Zwang gedrücktes Persönlichkeitsgefühl wieder aufzurichten, indem sie diesen Imperativ in sehr verschärfter Form den andern entgegenhält. Das zeigt sich nicht nur in den beiden Märchen, auch bei der Besprechung von Dichtwerken läßt sie gelegentlich merken, daß sie in diesem Punkte intransigent ist[^5].

Die Widerstände gegen die Ehe, die wir beobachten konnten, können so stark werden, daß sie zur völligen Ablehnung der Ehe führen. Wir <!-- S. 298 --> erhalten dann Märchen, in denen auf die Verwirklichung der Prinzessinnenidee verzichtet wird, weil die daran geknüpfte Bedingung der Ehe unerträglich erscheint.

**32.** *Die schöne Hirtentochter.* Eine Hirtin bemerkt, daß eine Kuh sich jeden Tag für einige Zeit von der Herde entfernt. Einst folgt sie ihr und gelangt zu einem prächtigen Schloß. Dort tritt ihr der Junker entgegen und fragt sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie willigt ein, er zeigt ihr das ganze Schloß, dann wiederholt er seinen Antrag, knüpft aber jetzt die Bedingung daran, sie dürfe ihm nie zürnen. Sie heiraten. Als sie Kinder bekommt, werden sie ihr von ihrem Mann weggenommen; zweimal läßt sie sich das schweigend gefallen, beim dritten Kind empört sie sich. Da wird der Mann traurig, sagt, wenn sie nicht gezürnt hätte, so wäre ein Zauber, der auf ihm laste, gebrochen worden. Jetzt müssen sie sich trennen; sie kehrt wieder zu ihrer Herde zurück.

Die Ehe bereitet der Frau also ein Griseldenschicksal; sie aber will sich dem nicht fügen und läßt lieber die Ehe daran scheitern. Daß bei der Katastrophe die Kinder eine Rolle spielen, ist schon deshalb sehr wichtig, weil dieses Märchen und Märchen 20 die einzigen sind, in denen dieses heiklen Punktes Erwähnung getan wird. Daß im Märchen 20 die Erzählung nicht mit der Heirat abgebrochen, sondern bis zur Taufe des ersten Kindes weitergeführt wird, kann man wohl positiv werten und als eine Bejahung des Mutterberufes auffassen. Hier dagegen nähern sich die tastenden Phantasien der Verfasserin einem tendenziösen Kunstgriff: die Kinder werden gegen den Mann ausgespielt.

**33.** *Auf dem Seegrund.* Im See wird ein Fest gefeiert; dabei erzählt der Seekönig den Seinen folgende Geschichte: Sein Sohn hat einst ein Fischermädchen geliebt und sie ist ins Seereich herabgestiegen. Aber die Sehnsucht nach der Oberwelt hat sie nicht verlassen. Der liebende Prinz wandte sich nun an ein altes Meerweib um Rat, und dieses hat ihm gesagt, er könne seiner Gemahlin die Rückkehr ermöglichen, wenn er „die größte Schmach auf sich nehme“ und sich in einen Fisch verwandeln lasse. Und wirklich hat er dadurch die Geliebte gerettet. Sie steht wieder am Strand, vor der Hütte ihrer Eltern und erblickt in den Wellen einen Fisch, der sie mit sprechenden Augen anschaut.

Wir treffen hier auf lauter uns schon bekannte Motive. Daß die Heirat ein Herabsteigen bedeutet, wird wie in Märchen 30 durch die Vermählung mit einem Seeprinzen symbolisiert. Die Macht und der Wert der Frau kommt zum Ausdruck in der Größe des Opfers, das für sie gebracht wird, ist aber außerdem noch in der Schlußsituation markant dargestellt: Der in einen Fisch verwandelte Geliebte sieht zu ihr *hinauf*.

Wegen seiner großen Analogie zu diesem Märchen reihe ich hier <!-- S. 299 --> ein anderes an, in dem allerdings gerade das Motiv der Ehe fehlt und das daher streng logisch in der Gruppe der Familienmärchen hätte erscheinen müssen.

**34.** *Das Fischermädchen.* Ein armes Fischermädchen lebt glücklich und zufrieden bei ihren Eltern. Einst schläft sie im Boot ein; eine Nixe holt sie ins Nixenreich herab und dort wird sie von der Königin liebevoll aufgenommen und erzogen. Sie aber kann die Sehnsucht nach oben nicht verwinden und bittet endlich um die Erlaubnis zur Rückkehr, die ihr gewährt wird. Frohes Wiedersehen mit den Eltern.

Die Verfasserin ist eines der unbemitteltsten Mädchen der Klasse, der Vater ist ein kleiner Handwerker. Der Gedanke, der aus dem Märchen zunächst hervorleuchtet, ist also der: Wie wäre es, wenn du reiche und vornehme Eltern hättest? Der Schluß zeigt dann bewußtes Festhalten an den gegebenen Verhältnissen. Damit steht ein ausgeprägt kleinbürgerlich-häuslicher Zug in Zusammenhang, der sich in folgender Schilderung des Fischerhauses ausspricht: „Der Fußboden wurde beinahe jeden Tag frisch gescheuert, das Holzgeschirr immer rein gerieben.“

In den beiden letzten Märchen erscheint das unheimliche Seereich als der Gegensatz zum vertrauten Elternhaus; es vertritt wohl das Leben, das einerseits lockt und reizt, andrerseits aber durch seine Unermeßlichkeit und Fremdheit schreckt.

Wir haben uns dem tieferen Sinn der behandelten Märchen vor allem dadurch zu nähern gesucht, daß wir sie als Orientierungsversuche, als Ausproben verschiedener Möglichkeiten der Zukunft auffaßten[^6]. Wir gelangen nun zu einem Märchen, in dem eine ganze Reihe solcher Versuche gewissermaßen systematisch aneinandergereiht sind und das uns daher zu dem Versuch einer eingehenden Analyse ermuntert. Haben wir uns bisher mit einem Herausgreifen einzelner Züge begnügt, so wollen wir diesmal zu einer vollständigen Deutung des ganzen Zusammenhangs zu gelangen suchen.

**35.** *Die Windsbraut.* Liese, ein kleines Mädchen, hat alles, was ihr Herz begehrt, „nur keine Prinzessin ist sie“. So zieht sie eines Morgens aus und beschließt, nicht zurückzukehren, ehe sie Prinzessin geworden sei. Sie trifft eine Biene, die sie auffordert, zum Bienenstock mitzukommen und dort Prinzessin zu werden. Aber Lieschen kann nicht hinein, weil der Eingang zu klein ist. Dann wird sie von einer Ameise in einen Ameisenhügel geführt, um dort Prinzessin zu sein. Dort aber ist es so finster, daß sie seufzt und jammert. Der Ameisenbär hört ihre Klagen und will sie befreien, wenn sie dann seine Frau werde. Lieschen verspricht es; als sie aber dann das <!-- S. 300 --> häßliche Tier sieht, läuft sie schnell weg. Auf der Landstraße trifft sie einen merkwürdigen Mann, so dünn wie Kartenpapier, mit zwei Köpfen, einem oben und einem unten. Er kommt aus dem Kartenland und sucht eine Prinzessin; ihre vier hat der Wind wollen blasen lehren, aber sie waren so zart, daß sie gleich tot hinstürzten. Bekomme er jetzt keine neue, so werde er das ganze Land umblasen. Liese folgt dem Kartenmann und der Wind führt sie als seine Braut auf sein Luftschloß. Der Wind ist sehr vergnügt darüber, daß sie nicht so schwächlich ist wie die anderen Prinzessinnen es waren; bald kann sie besser blasen als er und noch heute sagen die Menschen, wenn es recht heftig weht: Die „Windsbraut“ kommt.

Die Heldin zieht also aus, um einen klar ausgesprochenen Lebensplan zu verwirklichen, was ihr nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen auch gelingt. Das Ziel, das sie schließlich auch erreicht, ist: Prinzessin zu werden. Nun haben wir ja die Prinzessinnenidee als Ersatzvorstellung kennen gelernt für den ursprünglichen Gedanken: „Ich will ein Mann sein.“ Setzen wir jetzt einmal versuchsweise das ursprüngliche Ziel an Stelle des sekundären ein. Die Heldin zieht also aus, um ein Mann zu werden, um sich als Mann durchzusetzen. Damit wird uns das Abenteuer beim Bienenstock sofort sehr verständlich. Um sich als Mann zu erweisen, müßte sie in die Öffnung hineinkommen; das kann sie natürlich nicht, weil ihr das dazu nötige Organ fehlt. Um die Niederlage zu bemänteln, wird die Schuld von der Heldin weggeschoben; nicht, weil ihr etwas mangelt, kann sie die Aufgabe nicht erfüllen, sondern weil die Öffnung zu klein ist. Die Szene im Ameisenhaufen behandelt dann dasselbe Problem in anderer symbolischer Einkleidung. Diesmal jedoch war die Kleinheit der Öffnung kein Hindernis, sie ist hineingekommen — aber es gefällt ihr nicht drinnen, es ist zu finster. Also sie kann nicht nur kein Mann sein, sie möchte auch gar nicht, wenn sie könnte — die Trauben sind ihr zu sauer. Gibt sie aber die männliche Leitlinie auf, dann muß sie ein Weib sein, muß sie heiraten. Doch der Ameisenbär ist so häßlich, die Ehe scheint ihr unerträglich — sie läuft davon. Die Situation scheint ausweglos zu sein: die männliche Rolle kann sie nicht, die weibliche will sie nicht spielen. Betrachten wir nun die glückliche Lösung, die sich trotz alledem darbietet! Sie wird die Braut des Windes. Wenn wir an Mörikes Gedicht: „Jung Volkers Lied“ denken:

> Und die mich trug im Mutterleib,  
> Und die mich schwang im Kissen,  
> Die war ein schön frech braunes Weib,  
> Wollte nichts vom Mannsvolk wissen.
>
> <!-- S. 301 -->
>
> Sie scherzte nur und lachte laut,  
> Und ließ die Freier stehen:  
> *Möcht' lieber sein des Windes Braut*  
> *Denn in die Ehe gehen!*
>
> Da kam der Wind, da nahm der Wind  
> Als Buhle sie gefangen:  
> Von dem hat sie ein lustig Kind  
> In ihrem Schoß empfangen

so können wir hierin vielleicht eine neuerliche Ablehnung der Ehe, jedenfalls im allgemeinen eine Ablehnung des normalen Frauenschicksals sehen. Der Hauptakzent aber scheint mir auf ihrer Stellung zu den Kartenmenschen zu liegen. Sie will sich von ihrer Umgebung dadurch unterscheiden, daß sie nicht so haltlos, so schwankend ist wie diese, daß sie mit festen Füßen auf der Erde steht als ein Mensch, „den nicht so leicht etwas umwirft“. Also eine recht nüchterne, realistische Lebensauffassung; aber unsere Analyse zeigt, welches Pathos hinter der Nüchternheit eines „praktischen“ Mädchens stecken kann. Auf diese Weise kann sie es doch noch dazu bringen, eine Herrscherrolle in ihrem Kreise zu spielen, kann so ihre Prinzessinnenidee verwirklichen, kann in gewissem Sinne ein Mann werden, ja mehr als ein Mann. Das wird am Schlusse auch noch sexualsymbolisch ausgedrückt: sie kann besser blasen als der Wind.

## IV.

Das Märchen, zu dem wir jetzt gelangen, habe ich aus zwei Gründen an den Schluß der ganzen Reihe gestellt. Einmal, weil es sich inhaltlich von allen anderen wesentlich unterscheidet, dann aber, weil ich an ihm den Beweis zu erbringen hoffe, daß die von mir befolgte Methode nicht willkürlich ist, sondern sich tatsächlich den in den Märchen niedergelegten psychischen Inhalten nähert.

**36.** *Die Rache der Zwerge.* Die Zwerge sind von den Elfen beraubt worden. Zur Rache rauben sie jetzt die Elfenkönigin Silberweiß. Glücklicherweise werden die Bedingungen ihrer Rettung von Mondstäubchen belauscht und den Elfen verraten. Am Strande des Sees treffen sie ein kleines Mädchen, das sich erbietet, die schwierige Aufgabe zu übernehmen. Sie hat eine außerordentlich große Zahl der schrecklichsten Abenteuer zu bestehen, wobei ihr ein Wunderfläschchen gute Dienste leistet. Endlich bringt sie Silberweiß zu den Elfen zurück. Sie wird von den Elfen beschenkt und lebt glücklich weiter im Walde.

Was diesem Märchen seine Sonderstellung verleiht, ist der Umstand, <!-- S. 302 --> daß hier nicht wie in den anderen der Frau ein männlicher Partner gegenübertritt, sondern daß beide Hauptrollen von Frauen besetzt sind.

Es ist wohl zweifellos, daß jeder Psychoanalytiker aus diesem auffallenden Zug auf eine homosexuelle Einstellung der Verfasserin schließen wird; ebenso zweifellos aber ist es, daß die meisten Laien und die wissenschaftlichen Gegner eine solche Deutung mit Kopfschütteln als vorschnell ablehnen würden. Zufälligerweise sind gerade über dieses Mädchen einige Tatsachen bekannt geworden, die die Diagnose auf homosexuelle Einstellung schlagend bestätigen.

Sie hat die letzten Ferien mit ihren Eltern bei einer befreundeten Familie verbracht und zwischen ihr und der Tochter des Hauses, einem bedeutend älteren, mehr als zwanzigjährigen Mädchen, hat sich eine zärtlich-schwärmerische Freundschaft entwickelt. Nächtliche Herzensergüsse, Mondscheinschwärmereien spielten dabei eine große Rolle. Die Eltern suchten den Verkehr ein wenig abzudämpfen, stießen aber dabei auf den heftigen Widerstand des Mädchens, das dann überhaupt jede Gesellschaft mied und allein in den Wald eilte.

So erkennen wir also in der Elfenkönigin Silberweiß die angeschwärmte Freundin, in dem feindlichen Zwergvolk die störenden Verwandten. Auch eine Reihe von Einzelzügen wird uns klar. Die Freundin lebt unverstanden und einsam inmitten ihrer Angehörigen: Silberweißchen wird von den Zwergen auf eine Insel mitten in einem weiten See entführt. Die Mondscheinszenerie kehrt im Märchen wieder und Mondenstäubchen bringt wichtige Kunde zu den Elfen. Wie die Verfasserin einsam in den Wald hinauseilt, so lebt auch die Heldin des Märchens einsam im Wald.

Auch in die Entstehung dieser homosexuellen Einstellung erhalten wir einigen Einblick durch Stellen aus Briefen des Mädchens. Einmal spricht sie davon, daß ihr zuviel ihr Wille getan wurde, als sie noch klein war. Dann sagt sie, sie sei ein Eisenkopf, das habe sie von ihrem Papa ererbt. Wir können daraus schließen, daß das Mädchen zwischen einer nachgiebigen Mutter und einem sehr energischen Vater steht. Eine solche Situation ist geeignet, in dem Kinde sehr große Ansprüche zu erwecken, es aber bei der Durchsetzung dieser Ansprüche auf Umwege zu drängen. Andererseits wird sich bei einem solchen Mädchen die Wertung des Männlichen als des Starken, des Weiblichen als des Schwachen besonders stark festsetzen. Den gesteigerten Drang, sich durchzusetzen, zu gelten, zu herrschen kann man allen Personen gegenüber, mit denen sie in Beziehung steht, nachweisen. Von ihrer Stel<!-- S. 303 -->lung im Hause sagt sie: „Ich beherrsche im großen genommen jetzt meine ganze Umgebung“; das erreiche sie nicht etwa dadurch, daß sie trotze, bis sie ihren Willen habe, sondern indirekt, auf Umwegen. In der Schule ist sie eine sehr ehrgeizige, fleißige Schülerin, die aber mitunter starke Trotzregungen gegen ihre Lehrer verrät. Auf ihre Mitschülerinnen sieht sie von oben herab. „Trotzdem ich mir so oft denke, *daß ich genau dasselbe sei wie alle andern Mädel*, so fühle ich mich manchmal, eigentlich immer, aber manchmal ganz besonders, direkt erhaben über die ganze Klasse. Ich sehe auf sie herab, fast mitleidig. . . . Ich fühle immer deutlicher, je älter ich werde, *ich bin anders wie alle die Mädel, ich habe mit ihnen nichts gemein.*“ Diese Stelle enthält nicht nur einen schlagenden Ausdruck ihrer Größenideen, in den von mir gesperrten Sätzen wird, wer auf solche Dinge zu achten gewohnt ist, eine unmittelbare und kaum verhüllte Äußerung des männlichen Protestes erkennen. Ein solches Mädchen wird für Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau wohl kaum viel Sympathien übrig haben. Direkt ist hierüber nichts bekannt, aber wenn sie einmal ihre Abneigung gegen die französische Sprache darauf zurückführt, daß sie alles, was mit Frankreich und den Franzosen zusammenhänge, aufs allertiefste hasse, so dürfen wir den Grund dieses Hasses wohl in der französischen Erotik suchen, von der ja Backfische eine sehr abenteuerliche Vorstellung zu haben pflegen.

Das Aufkeimen jener überzärtlichen Sommerfreundschaft ist uns jetzt wohl verständlich; handelt es sich doch dabei um eine erwachsene junge Dame, um eine Altersgenossin ihrer jugendlichen Lehrerinnen. Wir begreifen, welche gewaltige Erhöhung ihres Persönlichkeitsgefühls aus diesem vertraulichen Umgang zu holen war. Wir werden aber allerdings erwarten müssen, daß das Mädchen auch in diesem Falle die herrschende, d. h. die männliche Rolle in Anspruch nehme. Und das finden wir im Märchen vollauf bestätigt. Die Freundin erscheint darin zwar als Königin, aber als Königin der Elfen, also als zwergenhaft klein; sie ist gefangen und hilflos. Das kleine Mädchen aber ist ihre heldenhafte Retterin und besiegt mit Hilfe des Zauberfläschchens (Sexualsymbol?) die furchtbarsten Feinde.

Mit der Konstatierung dieser homosexuellen Einstellung soll natürlich keineswegs gesagt sein, daß dieses Mädchen sich zu einer ausgesprochenen Homosexuellen entwickeln müsse. Eine solche Einstellung ist ja im Backfischalter recht häufig, wenn auch freilich nicht in so ausgeprägter Weise wie hier. Gerade wenn man, wie es hier ge<!-- S. 304 -->schehen ist, die Homosexualität nicht als den Ausdruck einer spezifischen sexuellen Veranlagung, sondern als ein Hilfsmittel und eine Ausdrucksform des männlichen Protestes auffaßt, wird man es gut verstehen können, daß bei geänderter Situation diese Leitlinie durch eine andere ersetzt wird. Allerdings werden wir auch nach eventuellem Verschwinden der Homosexualität immer darauf gefaßt sein müssen, daß bei entstehenden psychischen Schwierigkeiten der schon einmal gebahnte Weg neuerdings eingeschlagen wird.

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Ich bin weit entfernt, die Ergebnisse dieser Durchforschung der Märchen zu überschätzen. Eines aber, glaube ich, ist doch erreicht worden: diese Märchen haben aufgehört, bloße Schulaufsätze für uns zu sein, sie erscheinen uns auch nicht mehr als leere und bedeutungslose Spiele der Phantasie, sondern wir fühlen in ihnen lebendiges Leben pulsieren; wir können aus ihnen Konflikte, Wünsche, Pläne, Zukunftsperspektiven herauslesen, wir haben zum Teil Einblicke erzielt, die ohne die von uns geübte Art der Betrachtung auch bei genauer persönlicher Bekanntschaft mit den betreffenden Mädchen unzugänglich geblieben wären.

Versuchen wir, aus der Buntheit des Materials einen Gesamteindruck herauszuheben, so drängt sich uns vor allem eine Beobachtung auf: überall, wo die Gedanken sich mit der Zukunft beschäftigen, spielt nicht nur die Ehe eine große Rolle, sondern das Problem der Zukunft und das Problem der Ehe werden geradezu miteinander identifiziert; es tritt nicht nur nichts neben die Ehe, auch, wo sie abgelehnt wird, wird nichts anderes an ihre Stelle gesetzt, sondern es erscheint dann nur die Flucht ins Elternhaus möglich. Nur zwei Ausnahmen sind uns begegnet: in 28 wurde mit dem Beruf der Schauspielerin wenigstens gespielt und bei 35 hatten wir den Eindruck, daß der Verfasserin eine selbständige Existenz außer der Ehe vorschwebe. Aber ein Gegner weiblicher Berufstätigkeit hätte keinen Grund, sich dieses Ergebnisses zu freuen und etwa mit Befriedigung festzustellen, mit welcher Sicherheit und welch gesundem Instinkt diese Mädchen ihren wahren Beruf als Frau und Mutter ahnten. Denn abgesehen davon, daß die Erwähnung der Mutterrolle sich überhaupt nur zweimal findet, die Ehe selbst wird in allen Fällen, auch dort, wo sie nicht abgelehnt wird, an unrealisierbare Bedingungen geknüpft. So zeigt uns diese Untersuchung also einerseits, und zwar noch viel schärfer als andere ähnliche Beobachtungen, wie engbegrenzt sich dem Mädchen im Gegensatz zum <!-- S. 305 --> Knaben die Zahl der Möglichkeiten darstellt, unter denen es zu wählen hat; andererseits, daß die Ehe, die in ihrem Zukunftsbild eine zentrale Stellung einnimmt, sie in der ihnen erreichbaren Gestalt zunächst nicht befriedigt. Nun haben wir uns ja von Anfang an vor Augen gehalten, daß der Charakter des Märchens auf ein Unterstreichen dieses Gegensatzes zur Realität hindränge. Wir werden vielleicht vermuten dürfen, daß die positivsten Köpfe der Klasse gerade unter denen sind, die es vorzogen, kein Märchen zu schreiben; wir werden überzeugt sein, daß auch die Mehrzahl der Märchenerzählerinnen ihre Zielsetzung mit der Wirklichkeit schon in viel besseren Einklang gebracht haben, als es aus den Märchen hervorgeht; und wir können hoffen, daß im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung den allermeisten die praktische Einfügung glücken wird. Aber das eine scheint sich uns bei alledem aus unserer Betrachtung unleugbar zu ergeben, daß das Mädchen in seine Rolle als Frau nicht natürlich und gleichsam von selbst hineinwächst, sondern daß dieses Bejahen der weiblichen Rolle nur das Resultat sein kann einer ganzen Reihe glücklich überwundener innerer Konflikte, daß zahlreiche tastende Orientierungsversuche vorausgegangen sein müssen, daß ein tüchtiges Maß gesunder Resignation erworben sein muß. Die inneren Aufgaben, die das heranwachsende Mädchen zu lösen, die psychischen Schwierigkeiten, die es zu bewältigen hat, sind größer, als man gewöhnlich annimmt. Der Erzieher sollte daher imstande sein, die seelische Entwicklung seines Zöglings nicht nur mit Teilnahme, sondern auch mit psychologischem Verständnis zu verfolgen, um ihm bei sich häufenden Schwierigkeiten ein Helfer sein zu können.

[^1]: Franz Riklin, Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. (Schriften zur angewandten Seelenkunde, Heft 2.)

[^2]: Die Rücksicht auf den Umfang der Arbeit hat mich genötigt, den wörtlichen Abdruck der oft recht hübsch erzählten Märchen durch sorgfältige Inhaltsangaben zu ersetzen.

[^3]: Cf. meine Ausführungen in dem Aufsatz: „Die psychologische Bedeutung der Psychoanalyse“, II.

[^4]: Schriften zur angewandten Seelenkunde. Heft 5.

[^5]: Wie wichtig solche Zusammenhänge für die individuelle Entwicklung der Ethik werden können, habe ich in meiner Schrift „Psychoanalyse und Ethik“, E. Reinhardt, München, 1912, zu zeigen gesucht.

[^6]: Wie es *Adler* für den Traum festgestellt hat. S. „Über den nervösen Charakter“ 1912 und „Traum und Traumdeutung“, Österr. Ärzteztg., Wien 1913.

<!-- Las 36 recapitulaciones de los cuentos van en el original en cuerpo menor, con el número en negrita y el título espaciado; aquí, número en negrita y título en cursiva. Notas al pie numeradas por página en el original (siempre «1», «2»); aquí, correlativas. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar de la University of Wisconsin digitalizado en Internet Archive (Adler_Furtmueller_1914_Heilen_und_Bilden): *Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie*, hg. von Dr. Alfred Adler und Dr. Carl Furtmüller, München, Ernst Reinhardt, 1914, S. 278-305. El OCR del portal se cotejó página por página con las imágenes, que se usaron para las cursivas (espaciado), las notas, los números de los cuentos y el poema de Mörike; en la pág. 284 el OCR omitía dos líneas, restituidas desde la imagen. Ortografía original. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
