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Title: Geleitwort
Description: Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie, hg. von Dr. Alfred Adler und Dr. Carl Furtmüller, München: Ernst Reinhardt, 1914, S. V-VIII. Gezeichnet: Dr. Carl Furtmüller.
Author: Carl Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller/original/1914%20Geleitwort%20%28Heilen%20und%20Bilden%29
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<!-- S. V -->

# Geleitwort.

Der vorliegende Band möchte ein Bild geben von der Tätigkeit einer Arbeitsgemeinschaft von Ärzten und Pädagogen, die sich seit wenigen Jahren herausgebildet hat. Der Zweck unserer Veröffentlichung ist es, nicht nur Leser und Zuschauer, sondern vor allem tätige Mitarbeiter für unsere Bemühungen zu gewinnen. So mag denn zunächst dargelegt werden — soweit dies geschehen kann, ohne den folgenden Arbeiten vorzugreifen —, welches die Grundgedanken sind, die uns bei unserem Werke leiten, und was uns an diesem Handinhandarbeiten von Arzt und Erzieher als das Neue und Charakteristische erscheint.

Denn daß Ratschläge und Belehrungen des Arztes für den Erzieher unentbehrlich sind, daß wiederum jeder Arzt auch zur Entfaltung einer in gewissem Sinne erzieherischen Tätigkeit berufen ist, brauchte nicht erst entdeckt zu werden. Und die Tätigkeit des Psychotherapeuten insbesonders ist ja wohl immer, bei dem einen voll bewußt, bei dem andern mehr oder weniger unbewußt, ihrem innersten Wesen nach eine erziehliche. Ein Zusammenarbeiten aber, wie wir es vor Augen haben, wurde erst möglich in dem Augenblick, wo die individualpsychologische Methode in der Psychotherapie zur Entwicklung gelangte.

Versucht man, logisch zu sondern, was in Wirklichkeit freilich eng verbunden nebeneinander läuft, so zerfällt nach dieser Methode die Aufgabe des Nervenarztes in einen praktischen und in einen theoretischen Teil. Er muß zunächst das Seelenleben seines Patienten in seinem innersten Kern zu verstehen suchen, indem er den verborgenen Zielpunkt aufdeckt, nach welchem alle Handlungen und psychischen Äußerungen des Patienten unbewußt gerichtet sind. So wird vor seinen Augen in immer klareren Umrissen das *Persönlichkeitsideal* hervortreten, dessen Verwirklichung das tiefste Lebensinteresse des Patienten bildet, und es werden ihm die *Leitlinien* sichtbar werden, die die Wege bestimmen, auf denen der Patient diesem Endziel zustrebt. Jetzt muß er aufspüren, was an diesem festgefügten *Lebensplan* schief und unhaltbar ist, was den Patienten mit der Realität in unlösbaren Widerspruch bringen mußte und ihn daher auf Umwege abdrängte, als deren verhängnisvollste sich eben die Neurosen und Psychosen darstellen. Zur Lösung dieser theoretischen Auf<!-- S. VI -->gabe wird er die Gabe psychologischer Intuition mit der Handhabung einer durchgebildeten individualpsychologischen Technik verbinden müssen. Der praktische Teil der Arbeit des Psychotherapeuten wird geleistet sein, wenn er den Patienten dazu bringt, zu verzichten und an Stelle seines unrealisierbaren Lebensplanes einen andern zu setzen, der ihm die Anpassung an die Wirklichkeit ermöglicht.

Dieser Teil der Behandlung stellt sich also als eine besonders tiefgreifende und unter besonders schwierigen Verhältnissen zu leistende pädagogische Tätigkeit dar. Und doch wurzelt das Wesentliche, das die Ärzte und Pädagogen unseres Kreises vereint, vor allem im theoretischen Gebiet. Der Psychotherapeut, der die Persönlichkeit seines Patienten verstehen will, muß die Geschichte dieser Persönlichkeit studieren. Er muß sich rückschauend klarmachen, wie gegebene körperliche Veranlagung und die daraus entspringenden psychischen Reaktionen, wie die Stellung zu Eltern und Geschwistern, zu Kameraden und Lehrern das Kind allmählich zu einer immer klarer hervortretenden, für das Individuum charakteristischen Stellungnahme zur Welt gedrängt haben. *So begegnen sich Psychotherapeut und Pädagog in dem gemeinsamen Interesse für die Psychologie des Kindes.*

Aber zu diesem materialen Moment kommt ein formales von vielleicht noch größere Bedeutsamkeit. Die Schaffung der individualpsychologischen Methode der Psychotherapie war ja nur dadurch möglich geworden, daß der Psychotherapeut weit über die ursprünglichen Grenzen seines Arbeitsgebiets hinausgriff, daß er die Grundlagen zu einer *allgemeinen Individualpsychologie* legte. Hatte die bisherige Psychologie sich vorzugsweise mit den seelischen Erscheinungen beschäftigt, die an der Peripherie der Persönlichkeit liegen, und hatte sie höchstens schüchtern und zögernd den Versuch unternommen, sich von hier aus ein wenig dem Zentrum zu nähern, so wurde es jetzt zum methodischen Grundsatz, daß man sich erst des Kerns der Persönlichkeit bemächtigt haben müsse, um die peripheren Äußerungen überhaupt verstehen und richtig einschätzen zu können. Dem schulgemäßen Psychologen muß es Mühe machen, sich in diese neue Anschauung einzuleben, die seine gewohnte Arbeitsweise geradezu auf den Kopf stellt. Der Pädagog aber war immer den lebendigen Persönlichkeiten seiner Schüler gegenübergestanden, er hatte sich immer bemüht, ihre Äußerungen nicht gesondert zu beurteilen, sondern sie auf das Ganze ihres Wesens zu beziehen. <!-- S. VII --> Nur soweit ihm dies gelang, konnte er ja wirklich individualisieren. Wandte er sich an die Psychologie um Rat, so konnte er von ihr eine Fülle des Wissenswerten erfahren; nur darüber, was ihm das Hauptproblem war, fand er nichts: in die Tiefen der Einzelpersönlichkeit wurde er nicht geführt. Nun begreift man, welche frohe Zuversicht, ja Erhebung den Suchenden in dem Augenblick erfüllen muß, da ihm die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Individualpsychologie entgegentritt. *So entwickelt sich beim Pädagogen wie beim Psychotherapeuten aus praktischen Bedürfnissen heraus ein neues theoretisches Interesse, das sie verbindet.* Die Psychologie erscheint ihnen nicht mehr als eine Hilfswissenschaft, der sie rezeptiv gegenüberstehen, sondern sie fühlen sich berufen, an dem *Aufbau und der Weiterentwicklung einer Individualpsychologie* produktiv mitzuarbeiten.

Dabei kommen die unmittelbar praktischen Bedürfnisse des Pädagogen nicht zu kurz. Indem er das Kind besser verstehen lernt, lernt er auch den oft gewissermaßen unterirdischen Einfluß seiner erzieherischen Maßregeln besser abschätzen, um so mehr, als ihm durch des Psychotherapeuten Krankengeschichten und durch eigene Beobachtung der Blick dafür aufgeht, inwieweit und in welcher Weise solche Eingriffe der Erzieher im Erwachsenen nachwirken. Man wird vielleicht meinen, daß in diesem Bande die Stellungnahme zu konkreten Erziehungsproblemen nicht genug betont ist. Nun werden ja dem aufmerksamen Leser die zahlreichen pädagogischen Winke und Hinweise nicht entgehen, die in dem Buche verstreut sind. Aber freilich, wer ein erzieherisches Programm zu finden erwartet, wird enttäuscht sein. Wir haben davon bewußt abgesehen, weil solche allgemeinen Formulierungen allzu leicht zum Schematisieren verleiten. Wir begnügen uns damit, in unserer psychologischen Arbeit fortzufahren und die pädagogischen Einsichten zu verzeichnen, die uns dabei als reife Früchte vom Baume fallen. Den Hauptnutzen aber, den der Pädagog aus der Beschäftigung mit der Individualpsychologie ziehen kann, erblicken wir darin, daß sie sein menschliches Interesse für den einzelnen Zögling erhöht, daß sie ihn zu kritischer Vorsicht seiner eigenen Tätigkeit gegenüber ermahnt, daß sie seinen psychologischen Instinkt verschärft und seinen pädagogischen Takt verfeinert.

Ein flüchtiger Blick auf das Inhaltsverzeichnis dieses Bandes lehrt <!-- S. VIII --> schon, daß derselbe sich gewissermaßen in zwei Teile scheidet. Der erste bringt Arbeiten Alfred Adlers aus den Jahren 1904 bis 1913 und gibt so ein geschlossenes Bild der Entwicklung der von ihm geschaffenen individualpsychologischen Methode. Der zweite Teil zeigt Mitglieder unseres Kreises an der Arbeit, sich mit Hilfe der Individualpsychologie der mannigfachsten Probleme zu bemächtigen. Wir hoffen, in nicht zu ferner Zeit mit einem bedeutend erweiterten Kreis von Mitarbeitern neuerlich vor die Öffentlichkeit treten zu können. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß wir die Bedingung der Mitarbeiterschaft nicht in der Teilung unserer konkreten Anschauungen, sondern einzig und allein in der Anwendung des individualpsychologischen Gesichtspunktes erblicken.

Dr. *Carl Furtmüller.*

<!-- Se conservan las formas del original «insbesonders», «materialen Moment» y «von vielleicht noch größere Bedeutsamkeit» (por «größerer»). -->

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar de la University of Wisconsin digitalizado en Internet Archive (Adler_Furtmueller_1914_Heilen_und_Bilden): *Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie*, hg. von Dr. Alfred Adler und Dr. Carl Furtmüller, München, Ernst Reinhardt, 1914, S. V-VIII. El OCR del portal (incompleto en la pág. V) se corrigió íntegramente sobre las imágenes de las páginas. Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. La portada y el índice del volumen están en el archivo de Adler («1914 Heilen und Bilden», AA1914-06).
