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Title: Jahresversammlung des „Internationalen Vereins für medizinische Psychologie und Psychotherapie“ in Wien am 19. und 20. September 1913
Description: Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie 4 (1913/14), H. 3/4 (Dezember 1913/Januar 1914), Rubrik «Kongressberichte», S. 193-233. Gezeichnet: Dr. K. F. (Wien).
Author: Carl Furtmüller («K. F.»)
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller/original/1913-12%20Jahresversammlung%20des%20%E2%80%9EInternationalen%20Vereins%20f%C3%BCr%20medizinische%20Psychologie%20und%20Psychotherapie%E2%80%9C%20in%20Wien%20am%2019.%20und%2020.%20September%201913
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<!-- Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie, IV. Jahrgang (1913/14), Heft 3/4, Rubrik «Kongressberichte». Auf S. 193 geht ein Autoreferat (Traumdeutung, Fall «Pauline») voraus, das nicht zur Chronik gehört und nicht wiedergegeben wird. -->

<!-- S. 193 -->

# Jahresversammlung des „Internationalen Vereins für medizinische Psychologie und Psychotherapie“ in Wien am 19. und 20. September 1913.

Die Sitzungen wurden im Hörsaal der psychiatrischen und Nervenklinik von Hofrat Prof. Dr. J. v. *Wagner-Jauregg* abgehalten.

## I. *Sitzung* 19. *September* 1913, *Vormittag.*

Hr. *Bleuler*-Zürich begrüsst die Anwesenden und schliesst aus der Gegenwart der zahlreichen Gäste, dass das Interesse für die Sache, die der Verein vertritt, gross ist und ständig wächst. Die Fächer, um deren Propagierung und Verbreitung er sich bemüht, sind bisher im akademischen Unterricht vollständig vernachlässigt, sowohl zum Schaden der Psychiatrie, als zum Schaden der anderen medizinischen Fächer. In diesen Versammlungen des Vereins sollen alle Richtungen zu Worte kommen, ein Prinzip, das der Verein immer festgehalten hat, dessen weitere Geltung schon darum erforderlich ist, weil heute auf dem Gebiete der medizinischen Psychologie sichtlich Widersprüche vorliegen. Es ist auf dem ganzen Arbeitsgebiet viel Neues zu tun, es gilt objektiv und unparteiisch zu sein, schon darum, um jeder Verknöcherung vorzubeugen, die mit absoluter Notwendigkeit dann eintritt, wenn man eine einzige Theorie von vornherein als richtig anerkennt, innerhalb dieser bleibt und alle anderen Meinungen ausschliesst.

Als Vorsitzender des Vereins dankt *Bleuler* den Kollegen in Wien, die sich um das Zustandekommen des Kongresses bemüht haben, den HHr. Prof. *Raimann*, Prof. v. *Wagner*, der dem Verein den Hörsaal seiner Klinik zur Verfügung gestellt hat, Prof. *Obersteiner* als Präsidenten des Wiener Vereins für Psychiatrie und Neurologie. Der Vorsitzende bedauert, dass die HHr. Prof. *Bernheim* und <!-- S. 194 --> Prof. *Forel* nicht anwesend sein können, und teilt mit, dass Dr. *Bonjour* seine Abwesenheit entschuldigt hat, wodurch der von *Bonjour* angekündigte Vortrag entfällt.

*Bleuler*-Zürich hält den Eröffnungsvortrag:

**Die Notwendigkeit eines medizinisch-psychologischen Unterrichts.**

In der naiven Medizin spielt die Psychologie eine wichtige Rolle; psychische Einflüsse in der Ätiologie der Symptome und Symptomgruppen werden als Selbstverständlichkeiten angenommen. Der Medizinmann der „Wilden“ und der Pfuscher in der modernen Grossstadt sind in diesem Punkte vollständig einig, im Gegensatz zur Schulmedizin, die nur chemische, physikalische und infektiöse Prozesse kennt. Die Möglichkeit, Mikroben und Gifte zu demonstrieren, ihre Wirkungen experimentell zu studieren und zu analysieren, hat einerseits zu ungerechter Überschätzung dieser Seite der Medizin geführt, andererseits die psychologische Auffassung in Misskredit gebracht. Psychologische Auffassungen von Symptomen sind schwer zu beweisen; eine der besten Methoden, wenn nicht die einzige, ist der Nachweis des Erfolges der psychischen Behandlung. Die moderne Medizin trachtet die Intuition auszuschliessen, und die Denkweise des Arztes von heute geht in ganz anderer Richtung. Die enormen Fortschritte in der Technik der Krankenuntersuchung und -behandlung haben das instinktive Verständnis der Erkrankungen geschädigt; der Vergleich mit dem Seefahrer liegt nahe, der im Besitz von Kompass und Karte ausgezeichnet fährt, ohne diese Hilfsmittel aber sich nicht zu orientieren vermag; ebenso kann die Medizin im Geltungsbereiche ihrer physikalischen, chemischen und bakteriologischen Methoden Grosses leisten, aber eben nur in diesem. Gewiss ist heute die *bakteriologische* Typhusdiagnose sehr gut ausgebildet; aber die Typhus*diagnose* war auch vor Beginn der bakteriologischen Ära sehr gut möglich. Die unbewusste psychische Funktion ist ein Nebenprodukt des Umganges mit den Nebenmenschen, von welchem man im alltäglichen Leben instruktiv Gebrauch macht, aber die „Wissenschaft“ kann Instinkte nicht brauchen, sie verlangt „objektive“ Methoden, sie will auch in der Psychiatrie nichts von psychischen Wirkungen wissen und nicht die psychischen Ursachen geistiger Störungen zugeben, während es klar ist, dass psychische Wirkungen eine latente Psychose manifest machen können. Die Medizin ist ein Torso, wenn die Seele konsequent nicht beachtet wird. Die Medizin hat den Instinkt durch nichts ersetzt, sie hat im Gegenteil sogar eine *Psychophobie* geschaffen, die zu schweren Schädigungen führen kann. Bei einer erwerbenden Frau, bei der ein Tortikollis (freilich nervöser Natur) bestand, wurde ein Gypsverband angelegt; die Pat. hätte ihre Stelle verloren, wenn Vortr. nicht den fixierenden Verband hätte entfernen lassen, als die psychische Natur des Leidens erkannt war. Ähnlich erfuhr er von einem Falle, in dem ein Gymnasiast Rückenschmerzen (nervöser Natur) hatte. In beiden Fällen hatte ein Chirurg Wirbelkaries diagnostiziert, ebenso wie in einem anderen Falle, in dem ein hypochondrischer Melancholiker über Knieschmerzen klagte, die Operation erwogen wurde. Die psychischen Mechanismen, die die Entstehung von lähmender Krankheitsfurcht bedingen, sind leicht zu erkennen, wenn man sie einmal durchschaut hat. Viele Ärzte beobachten auch den Einfluss ihrer Worte zu wenig. Eine besondere Wichtigkeit hat nach der Erfahrung des Vortragenden die Diagnose „Optikusatrophie“; er kennt einen Fall, in dem diese (von einem Ophthalmologen gestellte) Diagnose sich als falsch erwies. Von der Verzweiflung des Kranken kann man sich nicht leicht eine Vorstellung machen. In einem anderen Falle trat eine so weitgehende Besserung ein, dass der Kranke leichte Arbeit ausführen konnte; der Fall war als aussichtslos bezeichnet worden. Ein Schizophrener, in dessen Vorstellungen eine Geburtsphantasie eine grosse Rolle <!-- S. 195 --> spielte, klagte über Schmerzen in der Oberbauchgegend, die als Verlegung nach oben zu deuten waren. Der Chirurg fand einen Schatten in der Gallenblasengegend und schlug die Operation vor, während an der rein psychischen Genese der Schmerzen nicht zu zweifeln war. Der wirkliche Fehler lag in diesen Fällen nicht an den Ärzten, sondern an ihren Lehrern. Ein besonderes Kapitel bildet das Elend der Neurosen, in denen der Wille zur Krankheit oft ein treibendes Motiv ist.

Es ist gewiss sehr vorteilhaft für den Kranken, wenn man seine Konstitution durch Diätetik und andere Heilmethoden zu kräftigen vermag; die tatsächliche Wirkung aller dieser Prozeduren besteht darin, dass sie dem Arzte Gelegenheit zu psychischer Behandlung geben, sei es durch Psychoanalyse, sei es durch Suggestion. Die Hauptsache ist es, dem Patienten eine Lebensmöglichkeit geben, eine mögliche Lebensaufgabe schaffen. In dieser Hinsicht sieht man, dass Laien oft sich Erkrankten gegenüber viel zweckmässiger verhalten als Ärzte. Es hat gar keinen Sinn, einen Patienten, mit dem man keinen Rapport hat, eine Mastkur machen zu lassen. Ein Erfolg wird nur durch psychische Behandlung erzielt. Viele latent Schizophrene klagen über Verdauungsstörungen, die sich durch Psychoanalyse als Geburtsphantasien erkennen lassen. Besonders wichtig ist die Berücksichtigung der Familie, die oft z. B. durch melancholische Kranke fürchterlich gequält werden; die Umgebung des Kranken wirkt aber oft genug auch, erzeugt oder verstärkt Krankheitserscheinungen, so dass man in beiden Fällen am besten tut, den Kranken aus der Familie zu entfernen. Wichtig ist auch die Prophylaxe geistiger Störungen durch richtige Erziehung und Berufswahl. In diesen Dingen haben die Kurpfuscher manche Vorteile errungen, indem sie auf die Bedürfnisse der Seele eingehen, was z. B. Pfarrern ganz besonders gut möglich ist. Es hat gar keinen Sinn, bei solchen Übergriffen zum Kadi zu laufen, man kann nur dadurch Erfolge erzielen, dass man mehr und Besseres bietet als die Konkurrenz; nur die medizinische Psychologie kann da ein Gegengewicht bieten; die Psychologie, die von philosophischen Studien ausgeht, ist für die Medizin unbrauchbar; auch die „physiologische Psychologie“ ist für die Klinik wertlos. So müssen denn für sie eigene Lehrstühle geschaffen werden; denn der Studierende kann sich nicht von selbst ohne Anleitung jene Kenntnisse über den Zusammenhang von Seele und Körper verschaffen, die er für das Verständnis psychopathologischer Phänomene braucht; medizinische Psychologie muss als eigenes Lehrfach behandelt werden.

Die Richtung ist gegeben; Anlage und Gelegenheit für die Entwicklung der Neurosen, Untersuchungen, unter welchen Umständen sich psychische Phänomene bei Erkrankungen des Nervensystems, sowie bei anderen Erkrankungen entwickeln, sind Themen der medizinischen Psychologie. Dazu muss sie darstellen, inwieweit und in welcher Weise Ursachen von Krankheitserscheinungen psychisch bedingt sind. Sie muss zunächst auf die Affekte eingehen (denn die Rolle der Affektivität in der Psychopathologie ist von grösster Wichtigkeit) und zwar vor allem auf die negativen. Unter diesen sind als pathogenetisch zunächst wieder die ambivalenten zu nennen. Wichtiges Beobachtungsmaterial gibt die Erforschung der Mimik; Vortragender verweist kurz auf die von *Veraguth* hervorgehobene Bedeutung der Falten im oberen Augenlid. In zweiter Linie erst kommt der medizinischen Psychologie die Betrachtung der intellektuellen Sphäre zu, die den Boden liefert, auf dem die Affekte sich abspielen. Sie wird auch die körperlichen Ursachen der seelischen Störungen nicht vernachlässigen dürfen, muss z. B. Magenerkrankungen als Ursache von Störungen des Humors, Tuberkulose als Ursache einer sachlich nicht begründeten Euphorie berücksichtigen. Sie muss die Wichtigkeit psychischer Effekte für die Diagnostik erkennen, sie muss zeigen, dass Magenstörungen nur Symptome psychischer Prozesse sein können, sie muss aber auch lehren, dass Onanie nur auf dem <!-- S. 196 --> Umweg über die Psyche schadet, dass die Psyche ein ausgezeichnetes Reagens für Hormone ist, ebenso wie für Nervengifte, besonders für Narkotika, und für andere Pharmaka, z. B. Darmmittel. Aufgabe der medizinischen Psychologie ist es weiter, dem Arzte, der natürlich nicht über alle Methoden der Behandlung verfügen kann, Hinweise dafür zugeben, welchem Spezialisten er den Fall zuweisen soll, ob dem Analytiker, dem Hydrotherapeuten, dem Persuaseur etc. etc. Weiterhin hat sie die Ursachen der Krankheiten darzustellen, sie darf sich nicht mit der „Überanstrengung“ begnügen, sie muss auf die Disposition und die anderen Faktoren hinweisen, sie muss die Wirkung des Milieus untersuchen, sie muss psychische Hygiene treiben. Viele unglückliche Ehen lassen sich dadurch besser und erträglicher machen, wenn die Ärzte erkennen, dass bei so vielen Frauen nicht Bosheit oder Unverstand, sondern Krankheit (vor allem kommt hier die Schizophrenie in Betracht) vorliegt. Aufgabe der medizinischen Psychologie ist es, Überlegung an Stelle des Instinktes zu setzen.

Besondere Wichtigkeit kommt der Erziehung zu, so werden abnorme Eltern durch ihr Beispiel schädigen. Auch die Pädagogen werden sich mit medizinischer Psychologie beschäftigen müssen; denn ohne naturwissenschaftliche Beobachtung auf diesem Gebiete kann man nicht vorwärtskommen. Es soll nach Möglichkeit verhindert werden, dass geniale Menschen in der Schule unerkannt bleiben. Es muss den Pädagogen die Wichtigkeit des Gemütslebens klar gemacht werden, die Fragen der sexuellen Aufklärung und sexuellen Moral müssen studiert werden, grösseres Verständnis für die forensische Psychiatrie muss erzielt werden. Auch die psychologische Bedeutung der Genussmittel muss bearbeitet werden. Die psychischen Zusammenhänge im sozialen Leben, in Dichtung und Literatur, in Geschichte und Religion müssen dargelegt werden. Der Arzt darf dem psychologischen Stoff, den ihm die Literatur bietet, nicht fremd gegenüber stehen, jedenfalls darf es nicht weniger orientiert sein, als andere. Die einseitige Bildung und Denkweise muss durch psychologische Ausbildung ergänzt werden, so dass psychische Zusammenhänge ebenso bekannt und vertraut sein werden, wie die chemischen und physikalischen. Nur allgemeine psychologische Schulung kann das leisten, nur auf dieser Basis ist ein Fortschritt möglich. Den Anfang dazu muss ein systematischer Unterricht in der medizinischen Psychologie bilden.

*Diskussion:* Hr. *Moll* (Berlin) warnt vor einer Überschätzung des Unterrichts in der medizinischen Psychologie und weist auf die Schwierigkeit der Durchführung desselben hin. Vorlesungen werden nicht viel Anklang finden. Am Krankenbett kann das, was *Bleuler* gefordert hat, zum grossen Teil nicht gelehrt werden. Und das, was am Krankenbett gelehrt werden kann, müsste bald auf einer internen Station, z. B. wegen Optikusatrophie, bald auf einer chirurgischen Station etc. unterrichtet werden; das setze ein so kollegiales Verhältnis voraus, wie es auf dem Kontinent nirgends existiere, soviel er wisse. Im wesentlichen werden es doch Psychiater sein, die diese Dinge lehren. Er wolle die Wichtigkeit des theoretischen Kollegs nicht in Abrede stellen, bemerke aber, dass Takt und Menschenkenntnis nicht gelehrt werden können, die Erfolge der Kurpfuscher seien gewiss nicht durch die medizinische Psychologie bedingt. Die Psychotherapie könne ja bei Neurosen grossen Nutzen haben, aber oft sei auch eine somatische Behandlung nötig. Die Bedeutung des affektiven Moments gebe er gern zu, aber gerade darum seien Angehörige oft gar nicht beeinflussbar, ebenso wie Liebende immer den Heiratskonsens wollen. Was die praktische Seite der Schaffung von Kollegien für medizinische Psychologie betreffe, so glaube er, dass sich die Regierungen nicht leicht dazu entschliessen werden.

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Hr. *Ranschburg* (Budapest) schliesst sich dem Vorschlag *Bleuler's* an, fordert aber, dass auch normale Psychologie unterrichtet werde. Sie muss im Unterricht vorausgehen, denn sonst kann es dazu kommen, dass ein Student etwas von Gefühls-, von Willenstörungen hört, ohne etwas von den normalpsychologischen Eigenschaften dieser Psychismen zu wissen.

Hr. v. *Hattingberg* (München) hebt gegenüber *Moll* hervor, dass der Unterricht in der medizinischen Psychologie die Wirkung habe, eine andere Einstellung des Arztes zu bewirken. Wovon man nichts wisse, daran denke man nicht.

Hr. *Winkler* (Wien) schliesst sich der Forderung *Bleuler's* an und teilt mit, dass seit dem Sommer 1913 an der philosophischen Fakultät in Wien ein psychologisches Institut bestehe, das sich sowohl mit Geschichte der Psychologie, als auch mit experimenteller Psychologie beschäftige. Für Pädagogen sei das Studium der Psychologie obligat, sie müssten darüber Prüfung machen; nach der Meinung des Redners könnte leicht eine entsprechende Vorschrift für Mediziner zustande kommen analog der auf das Studium der Physik und Chemie bezüglichen Vorschrift.

Hr. *Feri* (Wien) bedauert, Hr. *Bleuler* widersprechen zu müssen, kann aber nicht finden, dass die Medizin als solche durch die Abtrennung der verschiedenen Spezialfächer viel gewonnen habe. Es sei wohl zu einer früher vielleicht für unmöglich gehaltenen Verfeinerung der Untersuchung und Behandlung gekommen, aber davon hätten nur einzelne Organe etwas, nicht aber der kranke Mensch. Die medizinische Psychologie, die zu den verschiedensten Fächern, der internen Medizin, der Neurologie etc. Beziehungen aufweise, habe — davon wisse man in Wien speziell genug — keine so bedeutenden Erfolge auf diagnostischem und therapeutischen Gebiete aufzuweisen, dass man sich so leicht hin entschliessen könne, einen besonderen Lehrer für dieses Fach in Vorschlag zu bringen, dabei wären aber in Wien führende Persönlichkeiten auf diesem Gebiet tätig.

Hr. *Löwy* (München) betrachtet den Vorschlag *Bleuler's* vom Standpunkt der Hochschulpädagogik. Nur ein obligates Kolleg könnte nützen, denn ein nicht obligates über medizinische Psychologie würden nur die Wenigsten hören. Es müsste darum auch ein Examensfach sein. Aber es würde auch das noch nicht genügen, denn ein theoretisch gelerntes, nicht praktisch geübtes Fach würde rasch wieder vergessen. Ein anderer Weg könnte darin bestehen, die Professorenkollegien zu reformieren; wie letzteres aber geschehen sollte, wäre ihm selbst unklar. Er hielte den ganzen Vorschlag für utopistisch.

Hr. *Kafka* (München) schliesst sich den Bemerkungen *Ranschburg's* an und erklärt, es sei notwendig, einmal gerade heraus zu sagen, dass die von philosophischer Seite vorgetragenen Lehren z. B. die *Lipp*'sche Einfühlung für die praktische Psychologie ganz wertlos seien.

Hr. *Bleuler* hat sich die Schwierigkeiten der ganzen Frage nicht verhehlt, aber durch Nachgeben werde es per analogiam nicht besser. Wollte man *Moll* folgen, so würden die Kinder nicht deutsch lernen, weil sie nicht auch griechisch lernen. Man müsse gegen alle in Betracht kommenden Staaten einen konzentrischen Angriff unternehmen, vielleicht würde dann etwas erreicht werden.

Hr. *Ranschburg* (Budapest): **Psychologische Methoden zur Erforschung des Verlaufes der nervösen Erregung unter normalen und pathologischen Bedingungen.**

Die Wirkungen der Reize auf das zentrale Nervensystem lassen sich nach *Semon* zweckmässig einteilen in: 1. synchrone Erregungen, die mit dem Reize gleichzeitig oder nahezu gleichzeitig auftreten und abklingen, und denen bei zentralen <!-- S. 198 --> Erregungen die Empfindung (bzw. Wahrnehmung) entspricht; 2. in engraphische Reizwirkungen, d. h. Nachwirkungen des Reizes, denen physiologisch eine erhöhte Arbeitsfähigkeit, psychologisch die Übung, die Fähigkeit zum Wiedererkennen, zur Wiedererneuerung durch Ekphorie, d. h. die Funktionen des Gedächtnisses, der Reproduktion entsprechen. Zwischen die synchrone Phase und die eigentliche engraphische Phase schiebt sich die sogenannte akolute Phase ein, d. h. psychologisch ist mit dem Erlöschen des Reizes fast gleichzeitig auch das Erlebnis, die Empfindung erloschen, physiologisch ist aber die Reizwelle noch nicht abgeklungen, sondern bedarf hierzu einer Zeit, die — wie dies z. B. aus den Nachbildern erweisbar ist — sich auf Sekunden erstreckt.

Der Verlauf all dieser Phasen der Erregung ist nun mittels der uns zur Verfügung stehenden psychologischen Methoden am lebenden Menschen, sowohl unter normalen, als unter pathologischen Bedingungen der Forschung in hervorragendem Masse zugänglich. Dabei kommen zwei prinzipiell verschiedene Methoden in Betracht, die der Reaktionszeitmessungen und die der Reihenerlernung. Erstere zunächst von *Wundt, Buccola, Kraepelin* etc. angewendet, dient der Untersuchung der Erregungsleitung und bestimmt im allgemeinen die Dauer der Assoziations- bzw. Reproduktionszeiten (*Wund, Kraepelin, Ziehen, Sommer, Aschaffenburg* etc.), im speziellen erforscht den Erregungsablauf unter der Wirkung von Affekteinflüssen (*Jung, Bleuler's* Schule, *Moravcsik* etc.). Letztere, von *Ebbinghaus* angebahnt, erweist sich als geeignet zur Feststellung engraphischer Reizwirkung und hat bei progressiver Paralyse, seniler Demenz, *Korsakoff*'schen Psychose interessante Resultate ergeben. Vortragender hat mit dieser Methode, die, wenn auch nicht so deutliche Resultate gibt, wie die Prüfung von Pupillen- und Sehnenreflexen, doch objektive Ergebnisse liefert, bei Paralytikern gearbeitet und zwar nach der Methode der organischen Wortpaare. Zwei Worte, die miteinander assoziativ zusammenhängen, wurden einem Paralytiker zur Reproduktion aufgegeben, und zwar wurde der Versuch so lange wiederholt, bis das Resultat der Reproduktion dem eines Normalen gleich war. Wurde dieser Versuch nach 3 Wochen wiederholt, so zeigte sich, dass nach 2 bis 3maliger Wiederholung der Versuch positiv ausfiel, während beim ersten Versuch 9 Wiederholungen nötig gewesen waren, um eine Reproduktion zu erzielen; dabei konnte sich Pat. absolut nicht an die vorausgegangene Prüfung erinnern. Es musste also etwas zurückgeblieben sein, es war also möglich, die engraphische Disposition zu messen. Bei *Korsakoff*'scher Psychose haben *Brodmann* und *Gregor* mit dieser Methode gearbeitet und gefunden, dass nach 5 Sekunden 43 %, nach 3′ 3,4 % reproduziert wurden. Es ergab sich also ein steiler Abfall der Retention bei Anwendung dieser Methoden. Die gesamten auf diese Weise gewonnenen Erfahrungen ergeben, dass sich der zeitliche Ablauf ekphorischer Prozesse mit der Erkrankung und innerhalb dieser mit den einzelnen Stadien der Erkrankung ändert. Es ist möglich, mit dieser Methodik dort noch Merkfähigkeit nachzuweisen, wo alle anderen Methoden versagen. Wie wichtig die Ergebnisse dieser Art der Funktionsprüfung für die Prognose sind, ist von vornherein klar, und ebenso evident sind ihre Vorzüge im Vergleich zu den anderen Untersuchungsmethoden. Es ergab sich z. B. als allgemeines Resultat, dass um 50 Jahre herum bei Gesunden die Leistungsfähigkeit zu sinken beginnt. Vortragender demonstriert Kurven, die die Ergebnisse seiner mit dieser Methodik durchgeführten Untersuchungen an den Schülern der Elementarschulen in Budapest zeigen. Zeigt man bei dieser Art von Reihenerlernung dem Untersuchten das erste Glied eines Paares, und ist die Aufgabe gestellt, das zweite zu reproduzieren, so findet man schon unter normalen Personen sehr grosse Unterschiede; als einer der Faktoren, die mitbestimmend wirken, ist moralische Minderwertigkeit anzuführen. Eine neue Methode, die Vortragender allmählich im Laufe von 13 Jahren ausgearbeitet <!-- S. 199 --> hat, beschäftigt sich mit der Tätigkeit der wahrnehmenden und auffassenden Zentren. Die Auffassung von Sinneseindrücken ist kein momentaner, sondern ein wellenförmiger Prozess, indem der Reiz nicht sofort verschwindet, sondern noch eine Zeitlang nachwirkt. Die Methode besteht darin, dass in einem durch einen kleinen Sektor eines Kreises (z. B. ¹/₄₈ der Peripherie) bestimmten Gesichtsfeld Buchstaben, Ziffern, Farbenscheibchen etc. erscheinen, die ¹/₁₅ Sekunde bis 3 Sekunden exponiert bleiben, je nach dem Willen des Untersuchers. Vortragender hat auf Kreisscheiben von Papier, die hinter, bzw. unter einer undurchsichtigen, in einem Sektor ausgeschnittenen Scheibe rotieren, in einigen aufeinanderfolgenden Sektoren Buchstaben etc. drucken lassen, einige Sektoren freigelassen (zur Erholung während des Versuches). Vortragender demonstriert nun mittelst dieses Apparates mit Hilfe von Buchstaben unter anderem die Tatsache, dass in der Reihe n r s r die beiden r verschmelzen, so dass die Folge n r s oder n s r gelesen wird; ähnliches wird auch an Reihen von Farbenscheibchen gezeigt. Es zeigt sich hierbei Hemmung und Verdrängung durch Verschmelzung gleichartiger Eindrücke, während verschiedenartige Eindrücke voneinander nicht beeinflusst werden. Die Dauer der homogenen Hemmung ist zahlenmässig genau bestimmbar und zweifellos durch den Zustand des Zentralnervensystems bedingt; es ist also mit dieser Methode möglich, Aufschluss über den Funktionszustand der Aufnahms- und Auffassungszentren zu gewinnen, und darum ergibt sich die Forderung, mit dieser *tachistoskopischen* Prüfung zunächst normale Menschen zu untersuchen. Selbstverständlich wurden vor der Prüfung Refraktionsanomalien korrigiert und nur Personen mit normaler (eventuell erst durch Korrektur normaler) Sehschärfe verwendet.

*Diskussion:* Hr. *Pötzl* (Wien) verweist auf den hohen Wert, den Untersuchungen von Kranken mit partiellen Seelenstörungen (Alexie, Agraphie etc.) haben, um über gewisse psychologische Fragen klar orientiert zu sein. Er hat in einem Falle von reiner Wortblindheit beobachtet, dass ein Kranker wohl einzelne Buchstaben lesen konnte, aber unfähig war, sie zu einem Worte zusammenzufassen. Ähnlich war es bei ihm mit der Farbenwahrnehmung. Nun ist bei Normalen bei einer zu kurzen Exposition die Entstehung einer Wahrnehmung auch unmöglich, bei diesem Kranken war sie es auch bei einer beliebig lang dauernden Exposition. Die Obduktion ergab in diesem Falle eine Zerstörung im Gebiet der linken Sehsphäre und der dazugehörigen Balkenstrahlung. Es zeigt sich also, dass die Störung einer einfachen Wahrnehmung kein so einfacher Prozess ist, sondern sich aus einer Gruppe von Elementen aufbaut. Ähnliche Befunde erhebt man bei der Untersuchung von Kranken mit sensorischer Aphasie, die sich zurückbildet, indem häufiges und lautes Sprechen das Zustandekommen des Verständnisses zunächst eher erschwert, später aber fördert. Die Resultate stimmen mit den von *Ranschburg* mitgeteilten vollkommen überein.

Hr. *Feri* (Wien) fragt, ob *Ranschburg* auch Farbenblinde untersucht habe.

Hr. *Ranschburg* bemerkt zu den Ausführungen von *Pötzl*, dass fliessende Übergänge vom Normalen zum Pathologischen führen. Die Demonstrationsmethode sei neu, das Phänomen alt. Die von der Affektpsychologie gegebenen Erklärungen für die Hemmung und Förderung homologer und heterologer Reihen sind unrichtig, speziell die für die Psychopathologie des Alltagslebens (Verlesen etc.), da, wie aus seinem Experiment deutlich hervorgehe, durchaus keine negativen Affekte mitspielen. Von derselben Art, wie das *Pötzl* eben auseinandergesetzt habe, sei die Dysarthrie und die Dysgraphie des Paralytikers. In der jüngsten Zeit sei eine Arbeit von *Stoll* aus dem Institut *Marbe's* erschienen, die in der homogenen Hemmung die Ursache der Dysgraphie erblickt. Falsche Leistungen des Denkens und der vermittelnden Gefühle, und die Abweichungen in pathologischen Fällen stehen mit diesem Gesetz der homogenen Hemmung in nahem, wenn nicht ursächlichem Zusammenhang.

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Diskussion über das Thema: *Verdrängung und Konversion*, eingeleitet durch folgendes Referat von Hr. *Frank* (Zürich).

Schon wiederholt machten sich im Verein für medizinische Psychologie und Psychotherapie Bestrebungen geltend, die psychologische Terminologie zu klären. Wenn es bisher nur bei der Anregung verblieben ist, so dürfte die Ursache lediglich in der Schwierigkeit der Aufgabe gelegen sein. — Da sich an der Terminologie, wie sie bis heute geworden ist, nichts mehr ändern lassen wird, so dürfte es aber angezeigt sein, bei neuen Begriffen, die noch in einem Werdeprozess stehen, klärend oder eventuell richtunggebend einzugreifen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hielten wir es als im Interesse der Entwicklung unseres Spezialgebietes gelegen, wenn wir unsere diesjährige Tagung zu einer allgemeinen Aussprache, besonders über zwei Begriffe, benützen wollten, die gerade gegenwärtig in unserer Literatur eine wesentliche Rolle spielen:

**Die Verdrängung und Konversion.**

Diese Begriffe wurden zuerst von *Breuer* und *Freud* gebraucht und festgelegt. Für einen Teil der Forscher sind diese Begriffe völlig feststehende geworden und bezeichnen für sie ganz bestimmte Vorgänge bei gewissen Affekten, während sie andere allgemeiner gebrauchen und teilweise auch anders auffassen, während wiederum ein Teil von Beobachtern sie so weit gelten lassen, dass sie annehmen, dass wohl etwas darin sei, dass man mit solchen Begriffen wohl operieren könne, aber das Wie und das Was ist ihnen nicht ganz klar, während wieder andere den bequemsten, für alle Forschungen aber sterilsten Weg der direkten Ablehnung gehen und mit all diesen Begriffen nichts zu tun haben wollen, weil sie Vorgänge bezeichnen, die wir nicht kontrollieren können. Da wir uns auf unserem Forschungsgebiet zu fördern suchen und uns allen einschlägigen Beobachtungen zur Verfügung stehen, wollen wir durch einen Gedankenaustausch auf Grund unserer Erfahrungen zu einer Klarheit über diese Vorgänge zu gelangen suchen.

Ursprünglich wurde der Begriff von *Breuer* und *Freud* in dem Sinne gebraucht, dass es sich um ein Ausschalten peinlicher Vorstellungen aus dem Bewusstsein mittelst aktiven Willens handle. Durch den Willen sollte eine besonders peinlich affektbetonte Vorstellung aus dem Bewusstsein ins Unbewusste gedrängt werden können. Durch die weitere Entwicklung der *Freud*'schen Lehre kam es dazu, dass sich schliesslich der Begriff der Verdrängung lediglich mit der Verdrängung sexuell betonter Vorstellungen deckte. Die so verdrängten Affekte, nahm man an, können unterbewusst aufgespeichert und dann zur Neubesetzung früher erlebter körperlicher, krankhafter Zustände benützt werden. Diese Neubesetzung wurde mit dem Ausdruck der Konversion ins Körperliche bezeichnet. Es erhebt sich die Frage, ob der Begriff der Konversion lediglich zu gebrauchen sei, wenn es sich um die Umwandlung eines bestimmten Affektes — des Sexualaffektes — in bestimmte körperliche Symptome handelt. Wenn wir uns auf diesem Gebiete Klarheit zu verschaffen suchen wollen, so müssen wir nach meinem Erachten auch andere hierzu gehörige Erscheinungen des Affektlebens in Betracht ziehen. So wollen wir auch im Folgenden nicht von einem Affekt im speziellen, sondern von den Affekten im allgemeinen sprechen. Nun erhebt sich gleich von Anfang an, wenn wir von Affekten im allgemeinen sprechen, die Schwierigkeit, zu sagen, was wir unter Affekt überhaupt verstehen, und welche psychischen Vorgänge wir noch oder nicht mehr zu den Affekten rechnen sollen. Es ist unmöglich, hier auf die Ansichten und Theorien der zahlreichen Autoren einzugehen; wir würden nicht fertig werden, wollten wir jedem Autor gegenüber Stellung nehmen, für unseren Zweck mag es genügen, wenn wir aus rein praktischen Gründen sagen: Affekte sind psychische Vorgänge, bei denen uns Gefühle bewusst werden. Damit <!-- S. 201 --> ist zwar wenig gesagt, aber doch so viel, dass wir uns gegenseitig verstehen können. So kann kein Zweifel darüber bestehen, dass hierzu z. B. Freude, Sorge, Kummer, Zorn, Libido, Eifersucht, auch das Müdigkeitsgefühl gehören. Nun aber können wir beim Studium der Verdrängung beobachten, wie auch andere psychische Vorgänge, so der Wille, die Aufmerksamkeit, affektverdrängend wirken können. *Bleuler* rechnet diese psychischen Vorgänge mit zu dem von ihm aufgestellten allgemeinen Begriff der Affektivität. Diese Auffassung kann man teilen, wenn man sich dann eben unter Affektivität nicht mehr die Affekte als solche vorstellt, sondern ihr auch diese Funktionen zuordnet. Das mag auch deshalb berechtigt sein, weil wir beim Wollen, ebenso wie beim Richten und Anspannen unserer Aufmerksamkeit schliesslich doch auch ein gewisses, diese Vorgänge begleitendes Gefühl wahrnehmen. Und gerade die Wechselwirkung dieser beiden Funktionen mit den eigentlichen Affekten gibt einige Berechtigung zu solcher Auffassung. Es ist aber ausserordentlich schwierig Definitionen und Begriffe aufzustellen, die unserem Sprachgebrauch nicht entsprechen, und wir können in unserer gesamten Literatur die Beobachtung machen, dass sich Terminologien nicht einbürgerten, wenn sie sich dem Sprachgebrauch nicht gefügt haben. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, heute durch einen Beschluss hierin Klarheit zu verschaffen. Aber wer sich mit diesen psychologischen Fragen eingehend beschäftigt hat, wird die Tatsache zugeben müssen, dass durch das Aufeinanderwirken eines, das Bewusstsein erfüllenden Affektes und eines bewust werden wollenden zweiten Affektes in unserer Psyche Vorgänge Platz greifen, die entweder dazu führen, dass der zuerst bewusst gewesene Affekt durch den zweiten aus dem Bewusstsein verdrängt wird, oder der zuerst bewusst gewesene Affekt war von solcher Intensität, dass der zweite, aus dem Unbewussten hervordrängende Affekt sich nicht bewusst machen kann. Solche Wechselspiele zwischen zwei Affekten sind wir in der Lage, nicht selten an uns selbst zu beobachten, aber auch während der Analyse bei unseren Patienten, besonders bei der Analyse im Halbschlaf. Bei dieser sehen wir, wie bei der Katharsis erst wieder ein Affekt zum Abreagieren gebracht worden sein muss, bevor der andere sich bewusst machen kann. Am allerhäufigsten haben wir Gelegenheit, solche Beobachtungen bei dem Zusammenwirken der Libido mit anderen Affekten, vor allem der Angst, des Ärgers, der Wut und der Eifersucht zu machen. Bei weitem am häufigsten kommt das Wechselspiel zwischen Angst und Libido vor; dann auch das Aufeinanderwirken des Willens und der Aufmerksamkeit auf die Libido. Es dürfte überflüssig sein, Ihnen, die Sie alle Gelegenheit haben, diesbezügliche Beobachtungen zu machen, hierfür Beispiele anzuführen. Es könnten dies ja leider niemals objektive Nachweise, sondern auch immer wieder nur Schilderungen von solchen Vorgängen sein. Bevor wir uns nun auf die Beantwortung der Frage einlassen wollen, was aus diesen verdrängten Affekten wird, wollen wir uns noch klar darüber werden, ob es überhaupt möglich ist, dass ein bewusst gewordener Affekt durch seine Intensität einen zweiten Affekt verhindern kann, sich bewusst zu machen. Auch diese Frage drängt sich uns, wenn auch bei anderen Affektstörungen, am allermeisten beim Studium sexueller Anomalien auf. In einer grossen Zahl von Fällen können wir uns die zutage tretenden Erscheinungen nur durch die Annahme erklären, dass ein zweiter sich bewusst machen wollender Affekt ohne Wirkung bleibt. Ich denke hierbei an die häufig vorkommenden Fälle, wo wegen der das Bewusstsein erfüllenden Angst Libido sich nicht bewusst machen kann, wo aber dann der überwiegende Teil der Erscheinungen sich nur aus unterbewusst akkumulierter, aus der Libido stammenden Erregung erklären lässt. So können wir eine Reihe von psychoneurotischen Zuständen, von den einfachsten Angstzuständen bis zu den kompliziertesten Zwangsneurosen, nur dann verstehen — und ihre Heilung bringt uns den Schlüssel zum Verständnis — wenn wir annehmen, dass die in vielen Fällen niemals <!-- S. 202 --> bewusst gewordene Libido akkumuliert wurde und die treibende Kraft für die pathologischen Erscheinungen gebildet hat. So wie es uns gelungen ist, die Hemmungen des freien Ablaufes der Libido zu beseitigen, und die zu Angst konvertierte Libido zum Abreagieren zu bringen, fallen sämtliche krankhaften Erscheinungen dahin. Das sind ganz alltägliche Fälle, die wir zu beobachten und zu behandeln Gelegenheit haben.

Wir sind so an die Frage herangetreten, was aus den, entweder aus dem Bewusstsein verdängten oder überhaupt nicht zu Bewusstsein gekommenen Erregungen geworden ist. Wir können deren Existenz selbstverständlich objektiv nicht nachweisen, so wenig wie wir durch den Augenschein die in einer elektrischen Akkumulatorenbatterie aufgespeicherte elektrische Batterie beobachten können. Es kann sich deshalb für uns die Frage nur so gestalten, ob wir über genügende Beobachtungen verfügen, die uns berechtigen, eine Hypothese der Akkumulierung der Affekte anzunehmen. Meine, sich über eine Reihe von Jahren erstreckenden Beobachtungen sprechen unbedingt dafür. Ich könnte mir eine ganze Reihe von täglichen Beobachtungen nicht erklären, wenn ich nicht zu einer solchen Hypothese greifen würde. Aber wir dürfen uns durchaus nicht vorstellen, dass die einzige Quelle für die Akkumulierung der Sexualaffekt sei. Es können darüber gar keine Zweifel bestehen, dass er die Hauptquelle liefert, das ist biologisch auch leicht begreiflich. Aber bei einer nicht geringen Anzahl von Fällen, besonders von Angstneurosen, können wir mit Sicherheit die sexuelle Ätiologie ausschliessen, und doch findet eine Akkumulierung statt. Hier sind es hauptsächlich die Fälle, bei denen eine Verdrängung durch den aktiven Willen stattfindet. So bei den zahlreichen Angstzuständen, wo der Patient, der vom Arzt für willenlos gehalten wird, Jahre und Jahrzehnte hindurch die in ihm aufsteigende Angst durch den Willen niederringt, d. h. verdängt. Meine Beobachtungen sprechen unzweifelhaft dafür, dass durch diese Vorgänge allein schon eine Akkumulierung stattfindet. Aber es ist dies nicht nur bei der Angst, sondern auch bei anderen Affekten, wie Wut, Ärger, Eifersucht, innere Unruhe, Müdigkeit, Verlegenheit wie Befangenheit der Fall. Häufig, ja in den meisten Fällen beobachten wir in dem nämlichen Krankheitszustand das Zusammenwirken mehrerer Affekte. Diese Akkumulierung zeigt sich uns besonders bei der Katharsis im Halbschlafzustand. Wir sehen, wie beim Beginne einer Behandlung die Affekte übermächtig stark zum Abreagieren kommen, wie sie nach und nach abnehmen. Und dann wieder können wir beobachten, wie es zu eigenartigen Affektverschiebungen kommt: Die Patienten durchleben zuweilen Szenen wieder und sind dabei erstaunt, dass die Gemütserregungen unvergleichlich stärker beim Wiederdurchleben waren, als beim Ersterleben. Solche Vorgänge können wir uns nicht erklären, wenn wir annehmen würden, dass jedes Erlebnis mit dem zugehörigen Affekt als ein unveränderliches Engramm in unserem Gehirn aufbewahrt würde. Wer eine, noch besser aber eine Reihe von Analysen im Halbschlafzustand durchgeführt hat, wird sich klar darüber, dass unsere affektbetonten Erlebnisse in uns so aufbewahrt werden, dass sie, sowohl inhaltlich, wie bezüglich ihrer Affektbetonung, gegenseitig in Verbindung stehen. Nur so können wir auch ihr Bewusstwerden durch die assoziative Anregung, die mittels jeder der beiden Komponenten geschehen kann, verstehen. Andererseits können wir beobachten, wie bisweilen die Affekte von im Unterbewusstsein aufbewahrten früheren Erlebnissen stärker, als beim primären Erlebnis waren. Diese Verstärkung muss aus irgend einer anderen Quelle stammen. Am häufigsten beobachten wir dies eben, wie schon erwähnt, durch die Verdrängung und Aufspeicherung besonders der von der Libido stammenden Erregungen. Wenn *Freud* früher nur von einer Konversion ins Körperliche sprach, und damit das Hervorrufen, das Erwecken lediglich körperlicher Symptome verstand, so dürften weitere Beobachtungen <!-- S. 203 --> dazu führen, diesen Begriff anders zu fassen. Wir kommen dazu, anzunehmen, dass jeder Affekt aus nichts anderem, als aus Erregungen besteht, aus Dynamismen, die bald den einen, bald den anderen Affekt hervorrufen und verstärken können. Wenn wir uns doch vorstellen müssen, wie gerade körperliche Symptome rein psychisch bedingt sein und lediglich dadurch wieder hervorgerufen werden können, dass die entsprechend lokalisierenden Engramme wieder angeregt werden, so fällt es uns nicht schwer, diese Vorgänge zu verallgemeinern und so zu einer einfachen Erklärung einer Reihe von Symptomen zu kommen.

Einige Beispiele mögen dazu dienen, mich Ihnen verständlicher zu machen. So können wir bei Patienten, die uns die Symptome eines neurasthenischen Zustandes bieten, auffallend starke Müdigkeitsgefühle konstatieren. Nicht selten finden wir im Zusammenhang mit diesen Müdigkeitsgefühlen auch Angstzustände und deren Begleiterscheinungen. Aber die Müdigkeitsgefühle stehen so im Vordergrund, dass wir den Symptomen nach eher von einer Müdigkeitsneurose, als von einer Angstneurose sprechen können. Wir können aber beobachten, wie in solchen Fällen die Müdigkeitsgefühle stärker sind, wenn die Angstgefühle geringere sind, dass aber die Müdigkeitsgefühle verschwunden zu sein scheinen, wenn durch irgend welche Erlebnisse assoziativ stärkere Angstparoxysmen ausgelöst werden, oder die Müdigkeitsgefühle und das mangelhafte oder gar unmögliche Abreagieren von Libido stehen in Wechselbeziehungen. Ja, wenn wir Gelegenheit haben, solche Zustände quasi in ihrer Entstehung zu beobachten, so können wir direkt eine Steigerung der Müdigkeitsgefühle mit der Verdrängung der Libido beobachten. Geradezu experimentell gestalten sich die diesbezüglichen Beobachtungen bei den Eifersuchtsneurosen. Das gleiche gilt von Ärgerneurosen in Verbindung mit Angstzuständen oder in Verbindung mit verdrängter Libido. Ein ganz besonderes Gebiet für solche Beobachtungen finden wir bei den Neurosen, die mit Schmerzempfindungen einhergehen. Hier können wir sehen, ja wiederum experimentell beobachten, wie ein direktes Vikariieren der einzelnen Affekte Platz greifen kann, so dass der eine für den anderen auftreten oder direkt durch das Erregen der einen Affektart der schon bewusst gewordene ausserordentlich gesteigert werden kann.

Sind wir uns über diese Vorgänge klar geworden, so werden wir uns im weiteren über andere Begriffe, denen ich heute nicht nähertreten möchte, verständigen können. Es ist dies der Begriff von *Freud*: die Neubesetzung mit Affekt, ferner die Zurückstauung, die Übertragung, die Determinierung, die Verankerung der Gefühle, die Gefühlsinversion usw. Für heute schlage ich Ihnen vor, diskutieren wir nur über die Begriffe der Verdrängung und Konversion. Wir dürften schon Gefahr laufen, auch bei dieser Diskussion nicht zu Ende zu kommen.

Hr. *Bleuler* (Zürich) schlägt vor, zur leichteren Durchführung der Diskussion das Thema in eine Anzahl von Teilfragen zu zerlegen und zunächst die Frage zu besprechen: Wird verdrängt?

Hr. v. *Hattingberg* (München) führt aus, dass die Verdrängung bei der Hysterie keine Rolle spiele; bei dieser Krankheit handle es sich, wenn man den Ausdruck *Vogt's* gebrauchen will, um eine Dysamnesie, die Kranken können nicht vergessen. Nach einem von *Freud* selbst angewendeten Ausdruck leiden sie an Reminiszenzen. Man könne die Tatsache der Verdrängung nicht gut leugnen, aber sie würde dann unmöglich das pathogene Moment sein.

Hr. *Winkler* (Wien) bezeichnet sich als Vertreter der von Prof. *Stöhr* (Wien) repräsentierten, bzw. begründeten Schule und ist nicht in der Lage, einzelne Punkte, wie Hr. *Bleuler* vorgeschlagen hat, zu besprechen, sondern will das ganze Thema diskutieren. Er spricht sich gegen die Ansicht aus, dass Affekte durch Affekte bekämpft werden, und bezeichnet die Kumulierung von Affekten als unmöglich, da die <!-- S. 204 --> Affekte keine Stoffe seien. Auch die Lehre von der Vielheit der Affekte könne er nicht gelten lassen, sondern in Übereinstimmung mit Prof. *Stöhr* vertrete er die Anschauung, dass die mit den verschiedensten Namen (Freude, Kummer, Zorn, Ärger etc.) bezeichneten Affektzustände nichts anderes seien, als verschiedene Zustände *des Affektes*, der sich in verschiedenster Art und Weise entlade. Um eine seiner Vorstellung ähnliche Anschauung zu zitieren, erinnere er an *Goethe's* Farbenlehre, die auch nur *ein* Licht kenne, das aber viele Farben habe. Je nachdem die Reizleitung zu den Blutgefässen, bzw. den vasomotorischen Zentren und Bahnen erfolge, oder zu den Muskeln oder zu den Drüsen, werde *der Affekt* in verschiedener Weise bewusst, so mache z. B. eine Erhöhung des Blutdruckes in den Hirngefässen Unlustempfindungen. Das Wesentliche liege also darin, in welche entladende Bahn der Affekt eingeleitet werde. Die Tätigkeit der Verdrängungsmechanismen bestehe nun darin, dass eine oder die andere ladende Bahn unwegsam wird. Nach *Freud's* Anschauung seien die Vorstellungen gewissermassen auf einer Insel isoliert, auf die man nur mittelst Zugbrücken gelangen könne, von denen bald die eine, bald andere herabgelassen oder aufgezogen sei. Unlustbetontes werde nicht reproduziert, weil seine Entladungsbereitschaft zu gering sei, da ein entgegenstehender Widerstand vorliege. Die Unlust bedinge die Entladungsunfähigkeit; nur durch die Entladung sei eine Entlastung möglich. Ungünstige Verhältnisse in bezug auf die Bahnen, durch welche die Entladung erfolgt, führen zu einer Verstärkung der Erinnerungswirkung, ohne dass Entladung erfolgt; ebenso wie etwa bei der Seelenblindheit wohl Ladung, aber keine Entladung der optischen Zentren stattfinde, so sei es auch bei der Verdrängung. Die Entladung *des Affektes* zentrifugal von dem Gehirn an die Sinnesperipherie, mache Schmerzen. Die hysterische Lähmung, die durch Unlust bedingte Hemmung seien Phänomene zentraler Natur. Die charakteristische, hysterische Anomalie sei die Willensunfähigkeit.

Hr. *Bleuler* (Zürich) bittet, nicht Auffassungen und Theorien vorzubringen, sondern Tatsächliches.

Hr. *Stekel* (Wien) meint, gerade die Ausführungen *Winkler's* bewiesen, wie notwendig die Errichtung von Lehrkanzeln für medizinische Psychologie wäre, wie sie *Bleuler* vorgeschlagen habe. Zwischen der offiziellen experimentellen Schulpsychologie und der praktischen Psychologie, wie sie die tägliche Beobachtung der Kranken ergebe, liesse sich keine Brücke schlagen. Es seien zwei verschiedene Welten. Jeder gut beobachtete praktische Fall werfe jedoch die ganze ausgeklügelte Theorie über den Haufen. Er habe in den letzten Jahren seine Anschauungen über das Unbewusste und die Verdrängung bedeutend geändert. Wir wären mit *Freud* gewöhnt gewesen, anzunehmen, dass unlustbetonte Vorstellungen ins Unbewusste verdrängt werden können und dann die Quelle neurotischer Beschwerden werden. Die unbewusste Vorstellung bedeutet also nach *Freud*, dass dem Kranken die Möglichkeit benommen sei, sich diese Vorstellung nach Belieben bewusst zu machen. Dies möchte er bestreiten. Er führt nun zwei Fälle aus seiner Erfahrung an. Ein Student klagt über Schlaflosigkeit, sehr leichte Ermüdbarkeit, Unfähigkeit zu lernen und vollkommenes Verschwinden des Sexualtriebes. Während er vorher in regelmässigen Zwischenräumen kohabitieren musste, verschwand dieses Bedürfnis in den letzten Monaten vollkommen. *Stekel* vermutete nun, dass der Student sein Begehren auf ein bestimmtes Objekt fixiert habe, also verliebt sei. Der Kranke leugnet jede präsente Liebe, gibt aber zu, verliebt gewesen zu sein.

Es handelte sich um ein armes Mädchen. Sein Vater habe ihm die Aussichtslosigkeit dieser Verbindung vor Augen gestellt. Er war ein sehr armer Student und sehnte sich nach Wohlleben und Reichtum. Seine Geldgier siegte über seine Liebe und er sagte sich: *Du darfst dieses Mädchen nicht lieben!* Und von diesem <!-- S. 205 --> Tage an war die Liebe vollkommen geschwunden. Aber nur scheinbar. Denn er verlor jede Libido für andere Frauen, weil er die eine um so heisser begehrte. Er gab dann zu, dass er sich in Pollutionsträumen mit der verlorenen Braut sehr intensiv beschäftigte. Was war hier vor sich gegangen? War diese Liebe unbewusst? Unbewusst im Sinne einer Verdrängung? Nein! Der Kranke *wollte seine Liebe nicht sehen*. Es handelt sich also um ein Nichtsehenwollen. Aber diese Liebe war ihm nicht unbewusst, sie war sozusagen nebenbewusst. Der zweite Fall betrifft einen 40jährigen Mann, der plötzlich impotent wurde. Die Auffassung der Ärzte war eine beginnende Arteriosklerose. Nach einem Jahre, in dem er vollkommen impotent war, verliebte er sich in eine Dame, bei der er sofort heftige Erektionen hatte. Es kam ihm zum Bewusstsein, dass er diese Dame schon seit einem Jahre liebte, ohne es zu wissen, also unbewusst. Bei eindringlichem Befragen gibt er aber zu, er hätte gleich beim ersten Zusammentreffen mit der Dame gedacht: In diese könntest Du dich sofort verlieben. Und nach einer Woche sei ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen: Um Gottes Willen, Du wirst dich doch nicht in diese Frau verlieben! Das darf nicht sein. . . .

Wir sehen in beiden Fällen mächtige ethische Imperative, welche die deutliche Erkenntnis der Vorstellung der Liebe verhindern. In beiden Fällen besteht aber eine unklare Erkenntnis dieser Vorstellung, welche aber durch Gegenvorstellungen überdeckt wird. Diesen Vorgang könne man Verdrängung nennen, er sei ein Willensakt, der Ausgang eines Kampfes zwischen Trieb und Hemmung.

Hr. *Schrecker* (Wien) bemerkt, dass die Schulpsychologien der verschiedenen Richtungen erst untereinander sich verständigen müssten. Gegen das Referat von *Frank* müsse er entschieden Stellung nehmen, die Psychologie unterscheide scharf zwischen Affekt und Gefühl, sie vermenge beide Arten psychischer Zustände durchaus nicht. Er lehne aber auch *Freud's* Anschauungen ab, weil diese keine Erklärungen geben; was *Winkler* vorgebracht habe, sei Physiologie und nicht Psychologie.

Hr. v. *Hattingberg* (München) wendet sich gegen die Affekttheorie der Verdrängung. Er halte die Affekte für Triebe, *Frank* für Energie, die bei der Verdrängung gespeichert würden. Nun hätten viele Neurotiker ganz freie Zeiten, während welcher die gespeicherte Energie nicht wirken sollte; das leuchte ihm nicht ein. Nach der Entlastung im Halbschlaf müsse mit dem Patienten gesprochen werden, und die Szenen müssten ausführlich durchgenommen werden. Mit der Affekttheorie stimme es auch nicht zusammen, dass Neurotiker Angst vor einem Erlebnis haben. Bei der Verdrängung würden nur Affektäusserungen unterdrückt, die Affekte selbst würden durch Einfühlung von den Aussenstehenden bemerkt. Man könne die Dyslexie und die zugehörigen Erscheinungen der Psychopathologie des Alltags wohl nach *Freud* erklären, aber auch nach der Auffassung von *Ranschburg*.

Hr. *Feri* (Wien) bemerkt, dass die verschiedenen Diskussionsredner unter Verdrängung offenbar nicht dasselbe verstehen, und ersucht Hrn. *Stekel* um eine Definition.

Hr. *Klages* (München) bedauert, dass die Diskussion abgeirrt sei. Es handle sich um psychische Phänomene, mit denen die ätiologisch denkende Medizin nicht viel anfangen könne. Dem Mediziner sei der psychische Tatbestand unbekannt. Es seien zunächst die Fragen zu beantworten: Ist Verdrängung etwas Nichtgedachtes oder Nichtgewusstes? Wodurch unterscheidet sich Verdrängen von Unterdrücken und Beherrschen?

Hr. v. *Hattingberg* (München) meint, nach einer Definition zu suchen, sei nicht die dringendste medizinische Aufgabe.

<!-- S. 206 -->

Hr. *Feri* (Wien) erklärt, sich auch mit einer nicht streng schulmässig abgefassten Inhaltsangabe zu begnügen.

Hr. *Barany* (Wien) meint, aus den vorgebrachten Äusserungen schliessen zu sollen, dass bei der Verdrängung eine Affektentwicklung unterdrückt wird, dass ein Affekt, der schon da war in seiner Entwickelung gehemmt wird. Die Introspektion sei für diese Verhältnisse von grösster Bedeutung.

Hr. *Stekel* (Wien) erklärt, er wisse wohl genau, was er unter Verdrängung verstehe, könne aber keine scharfe Definition geben. Er gebe gerne zu, dass das Problem der Verdrängung sehr wichtig sei und der Klärung bedürfe.

Hr. *Pappenheim* (Wien) weist auf den Unterschied von Verdrängenwollen und Beherrschen hin.

Hr. *Winkler* (Wien) unterscheidet einen ersten und einen zweiten Teil der Verdrängung. Das Verdrängen geschehe absichtlich, das Verdrängte sei nicht im Haupt-, sondern im Nebenbewusstsein (*Stöhr*).

Hr. *Stekel* (Wien) bemerkt, man müsse Hr. *Klages* sehr dankbar sein, dass er durch seine präzise Fragestellung eine Definition ermöglicht hat. Er fragte: Ist die Verdrängung etwas Nichtgedachtes oder etwas Nichtgewusstes? Darauf müsse Redner antworten: Nach meiner Erfahrung nur etwas Nichtgedachtes. Redner möchte also die Definition vorschlagen: *Unter Verdrängung verstehen wir jenes psychische Phänomen, dass wir aus Motiven der Unlust eine bestimmte Vorstellung nicht denken wollen.*

Ganz anders stehe die Frage der Konversion. Nach *Freud* sei sie eine Folge der fehlerhaften Libidobesetzung. Die Libido werde auf das Körperliche abgelenkt. Dieser Anschauung könne er sich nicht anschliessen. Auch die Konversion sei ein rein psychischer Vorgang. Eine Dame soll zu einem Rendezvous gehen, um das sie ein Verehrer bittet. Sie soll einen Offizier in seiner Wohnung besuchen. Sie erkrankte in der Nacht vor dem kritischen Tage an einer Lähmung beider unterer Extremitäten. Die Vorstellung: „Ich darf nicht gehen!“ hatte sich in eine andere: „Ich kann nicht gehen!“ verwandelt. Die Lähmung ist der Ausdruck dieses inneren Imperatives und hat mit einer Verschiebung der Libido nichts zu tun. Ein anderes Beispiel: Ein Mann will seinen Vorgesetzten mit einem Dolche erstechen. Er erkrankt an einer Lähmung des rechten Armes. Auch hier das Unüberwindliche: „Ich kann es nicht tun“, das durch die hysterische Lähmung den Erkrankten vor dem Verbrechen schützt.

Hr. *Bleuler* (Zürich) gibt den Unterschied von Beherrschung und Verdrängung zu; wo das Verdrängte existiere, sei eine Frage für sich.

Es steht weiter die Frage zur Diskussion: *Aus welcher psychischen Sphäre wird verdrängt?*

Hr. v. *Hattingberg* (München) führt aus, die Frage sei, ob Gedachtes oder Nichtgewusstes verdrängt werde. An der Verdrängung hat das ganze Ich teilgenommen, das lässt sich mit Sicherheit definitiv entscheiden. Die Verdrängungswirkung tritt dann ein, wenn das Verdrängte nie bewusst worden ist. Mit der Verdrängung hänge auch das Nichtbemerken eines somatischen Entgegenkommens in sexuellen Dingen zusammen.

Hr. *Tauszk* (Wien) bemerkt, dass *Freud* doch schon die zur Diskussion gestellte Frage längst beantwortet hätte. Das Verdrängte sei nicht bewusst pathogen, es sei zum Teil auch nie bewusst gewesen. Verdrängtsein bedeute ein Verhältnis zum Bewutstsein, Unbewusstsein sei eine Qualität.

Hr. *Feri* (Wien) fragt, wodurch diese Qualität definiert sei.

Hr. *Tauszk* (Wien) antwortet: „Eben durch das Nichtbewusstsein.“

<!-- S. 207 -->

Hr. *Löwy* (Wien) wendet sich gegen das von *Freud* in der letzten Auflage seines Buches „Traumdeutung“ gezeichnete, einem elektrischen Element nicht unähnliche Schema und führt aus, dass keine Lokalisation der psychischen Vorgänge möglich sei.

Hr. *Federn* (Wien) verwahrt sich dagegen, dass *Freud* dies beabsichtigt habe, es handle sich nur um eine die Darlegung erleichternde Darstellung.

Die Diskussion über die Frage, durch welche psychische Vorgänge verdrängt würde, wird verschoben.

## II. *Sitzung.* 19. *September* 1913 *Nachmittag.*

Hr. G. *Kafka, München*, **Über das Verhältnis der Tierpsychologie zur Physiologie und Biologie.**

Psychologie ist ihrer allgemeinsten und eben darum natürlich ziemlich tautologischen Definition nach die Analyse der psychischen Erscheinungen. Kann es nun in diesem Sinn überhaupt eine Tierpsychologie geben?

Dass den Tieren psychische Fähigkeiten zukommen, war die längste Zeit hindurch und ist auch heute noch dem naiven Beobachter nicht zweifelhaft. Die Erklärung der tierischen Handlungen ist eben ursprünglich nicht weniger anthropomorphistisch, als die der übrigen Naturphänomene, d. h. die Handlung erscheint ohne weiteres „verständlich“, sobald es gelingt, sie auf eine bewusste Zwecktätigkeit des handelnden Wesens zurückzuführen. Diese dem menschlichen Erklärungstrieb immanente anthropomorphistische Tendenz kommt in den Anfängen einer jeden Wissenschaft zum Ausdruck. Kein Wunder also, dass die Deutung der tierischen Lebensvorgänge die längste Zeit hindurch ebenfalls von anthropomorphistischen Vorstellungen beherrscht war. So tadelt bereits *Theophrast*, dass die Alten gewisse tierische Reaktionen, die doch einen rein reflektorischen oder „instinktiven“ Charakter trügen, als zweckbewusste Handlungen zu erklären versuchten. „Missgunst“ sollte z. B. den Igel veranlassen, bei der Gefangennahme seinen Urin zu entleeren und damit seine Haut zu verätzen, „Missgunst“ den Luchs, seinen Urin zu verscharren (wie man ähnliches oft bei Hunden beobachten kann), — Missgunst deshalb, weil Igelhaut und Luchsurin wichtige sympathetische Mittel darstellen, deren Heilkraft die Tiere den Menschen vorenthalten wollen. So albern diese anthropomorphistischen Erklärungen klingen mögen, so muss man doch fragen, ob die Hypothese eines sonst verdienten modernen Naturforschers (*Romanes*) einen höheren Erklärungswert besitzt, dass nämlich viele Insekten bei Nacht zwar gegen eine künstliche Lichtquelle, nicht aber gegen den Mond fliegen, weil ihnen der Mond „bekannt“ sei, die Lichter dagegen ihre „Neugierde“ reizen.

Solche Anthropomorphismen dürfen natürlich nicht gegen die Berechtigung einer wissenschaftlichen Tierpsychologie überhaupt ausgespielt werden. Es ist als Reaktion gegen derartige Hypothesen begreiflich, wenn die Naturwissenschaft die Annahme einer „Tierseele“ nur mehr als Vorurteil vergangener Zeiten gelten lassen will, das namentlich durch die Zurückführung scheinbar komplizierter psychischer Akte auf Verknüpfungen von Reflexen oder sogar von einfachen physikochemischen Prozessen endgültig widerlegt sei. Von diesem Standpunkt aus gilt als Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung überall nur der Mechanismus und der Chemismus, höchstens vielleicht noch die teleologische Bedingtheit der Reaktionen, mit denen der Organismus auf die Reize der Umwelt antwortet; Bewusstseinsvorgänge aber sind der Beobachtung nicht zugänglich und daher prinzipiell von der Untersuchung auszuschliessen. Man sollte das nicht für möglich halten, da schon *Forel* erklärt hat, dass der Streit über die Berechtigung der Tierpsychologie keinen Sinn habe, <!-- S. 208 --> und da die üblen Folgen dieser „Psychologie“ hinsichtlich der Verwirrung der Problemstellung und der Abschneidung von Wissensgebieten manifest sind. Diese ablehnende Stellung ist ein Verdrängungsvorgang und ist auf subjektive kindliche Motive zurückführbar.

Nun entbehrt die Erbitterung, mit der die Vertreter der „exakten“ Wissenschaften die Tierpsychologie bekämpfen, und die Geringschätzung, mit der sie sich über jede „anthropomorphistische“ Deutung der Tatsachen hinwegsetzen, gewiss nicht aller Berechtigung. Der Naturforscher — wieweit auch der Psychologe als „Naturforscher“ gelten darf, bleibe dabei vorläufig ganz ausser Betracht — muss jede „Erklärung“ objektiver Vorgänge durch Wahrnehmungen, Stimmungen, Gefühle oder gar durch logische Denkakte der Organismen, als durchaus unzulänglich abweisen. Sein Ziel kann es nur sein, die tierischen Reaktionen in kontinuierliche Reihen räumlicher Naturereignisse aufzulösen, die im kompliziertesten Fall von Sinnesorganen ihren Ausgang nehmen, sich durch das Zentralorgan fortpflanzen und schliesslich in einer Erregung des motorischen oder sekretorischen Apparates ihr Ende finden.

Darf sich also die Physiologie niemals psychologischer Erklärung bedienen, so bleibt doch noch immer die Frage offen, ob die rein physiologische Analyse der tierischen Lebenstätigkeiten eine erschöpfende sein kann. So zeigt die unmittelbare Erfahrung wenigstens in dem einen Fall der Selbstbeobachtung, dass in diesem Sinn auch die Trennung der Psychologie von der Physiologie eine künstliche ist, dass sich die Lebenstätigkeiten wenigstens eines Organismus nicht in dem reflektorischen Funktionieren seiner Muskeln und Drüsen erschöpfen, dass vielmehr seine Handlungen, wenn sie auch vom physiologischen Standpunkt aus nichts anderes, als eine Reihe von Muskelkontraktionen darstellen, dennoch zum Teil aus Wahrnehmungen oder Stimmungen „hervorgehen“, von Gefühlen „begleitet“ sind und von Zweckvorstellungen „beherrscht“ werden. Dass zwischen diesen psychologischen und jenen physiologischen Phänomenen der Reizaufnahme, Reizleitung und Reizübertragung kein Kausalzusammenhang derselben Art wie zwischen physischen Objekten bestehen könne, sei schon deshalb klar, weil sich in die Reihe der physiologischen Phänomene nicht plötzlich psychische Zwischenglieder einschieben lassen, weil, grob gesprochen, das Messer des Gehirnanatomen niemals Empfindungen oder Gefühle anschneiden kann. Wie immer aber das Verhältnis zwischen beiden Erscheinungsreihen zu denken ist, soviel steht fest, dass die psychischen Phänomene, die jeder in seiner eigenen Erfahrung vorfindet, in funktioneller Abhängigkeit von den physiologischen Prozessen stehen, die er zum Teil an seinem eigenen Körper beobachten, zum andern Teil aus Beobachtungen an fremden Körpern erschliessen kann. Gegen die Übertragung solcher Beobachtungen von den fremden auf den eigenen Körper darf gerade vom naturwissenschaftlichen Standpunkt kein Einwand erhoben werden; nur der Solipsismus lehnt diese Übertragung ab, übrigens logisch vollkommen konsequent.

Damit ist aber bereits das Prinzip der „objektiven“ Naturwissenschaft durchbrochen, nur Tatsachen anzuerkennen, die der unmittelbaren Beobachtung unterliegen, denn die psychischen Inhalte der Mitmenschen sind der direkten Beobachtung nicht weniger entzogen, als etwa die der Protozoen. Will man also die Tierpsychologie mit der Behauptung abtun, dass über die psychischen Fähigkeiten der Tiere keine Erfahrung möglich sei (v. *Uexkuell*), so muss man konsequenterweise auch die ganze menschliche Psychologie, desgleichen einen grossen Teil der Sinnes- und Gehirnphysiologie als nicht empirisch verwerfen. Daran ändert die Tatsache nichts, dass, wie schon *Descartes* hervorhebt, unter den Menschen eine sprachliche Verständigung über ihre Erlebnisse bis zu einem gewissen Grade möglich ist, denn die <!-- S. 209 --> Verständigung kann sich, worauf es hier allein ankommt, niemals auf den unmittelbar gegebenen Inhalt, z. B. die Wahrnehmung der grünen Farbe, beziehen. Wenn also jedermann bei seinen Mitmenschen aus der Analogie der physiologischen Prozesse im weitesten Sinn, also auch der mimischen, deiktischen und phonetischen Ausdrucksbewegungen, auf die Analogie der psychischen Phänomene schliesst, so liegt für ihn nicht der geringste Anlass vor, die Gültigkeit dieses Schlusses, zunächst wenigstens für die höheren Tiere, aus dem Grunde zu leugnen, weil eine „Verständigung“ mit ihnen nicht möglich sei, d. h. also, weil er gewisse Ausdrucksbewegungen nicht als solche zu deuten vermag, obwohl ihre Analogie mit menschlichen Reaktionen in die Augen springt.

Wie voreilig derartige allgemeine Behauptungen sein können, lässt sich am besten an einem konkreten Beispiel erläutern. *Nuel*, der den extremsten antipsychologischen Standpunkt vertritt, erklärt sich bereit, einem Affen Bewusstsein zuzuerkennen, den man dazu dressiert habe, die *Holmgren*'sche Farbenunterscheidungsprobe zu vollziehen. Es dauerte aber nicht lange, bis *Hachet-Souplet* und andere einen objektiven Beweis für das Farbenunterscheidungsvermögen höherer Tiere erbrachten, der sich nur darin von dem *Holmgren*'schen Experiment unterscheidet, dass die Reaktion nicht in dem Heraussuchen einer bestimmten Farbe unter verschiedenen gleichzeitig dargebotenen bestand, sondern dass die Tiere daran gewöhnt worden waren, das Vorzeigen einer bestimmten Farbe mit einer bestimmten Reaktion zu beantworten, und nunmehr durch die eindeutige Verknüpfung der Reaktion mit der „Normalfarbe“ erkennen liessen, dass sie imstande waren, die viel schwierigere Unterscheidung sukzessive dargebotener Farben mit ausserordentlicher Genauigkeit zu vollziehen. Dieser Dressurerfolg bildet natürlich nur ein argumentum ad hominem, denn das Zustandekommen einer derartigen Assoziation beweist an sich ebensowenig das Vorhandensein psychischer Prozesse, wie sich das Fehlen eines „Verständigungsmittels“ über die tierischen Bewusstseinsvorgänge als Gegenbeweis verwerten liesse.

Hat aber der unvoreingenommene Beobachter keinen Grund, an den psychischen Fähigkeiten der höheren Tiere mehr als an denen seiner Mitmenschen zu zweifeln, und zwar zunächst wenigstens so weit, als ihnen ein somatisches Substrat zugrunde liegt, das dem Denkorgan des Menschen analog erscheint, so muss er sich auch die Frage vorlegen, wie weit die Verwertung anatomischer Analogien gehen darf. So hat *Fechner* darauf hingewiesen, wie verfehlt es wäre, die anatomische Ähnlichkeit mit dem Menschen zum entscheidenden Kriterium für die psychischen Fähigkeiten der Tiere zu machen, indem er darauf hinwies, dass Regenwürmer sich trotz des Mangels an Beinen bewegen, obwohl der Mensch und die höheren Tiere sich nur durch Beine fortbewegen können. Selbst dort, wo sich anatomische und physiologische Analogien nicht mehr entdecken lassen, bestehen doch noch immer biologische Analogien, indem sich die ganze Mannigfaltigkeit des Verhaltens aller tierischer Organismen unter drei Hauptkategorien subsumieren lässt, nämlich einerseits die Akte der Selbsterhaltung, die eine negative Reaktion gegen schädliche und eine positive Reaktion gegen nützliche Einwirkungen (so besonders das Aufsuchen der Nahrung) bedingen, andererseits die zur Erhaltung der Gattung notwendigen Akte der Fortpflanzung. Und da gerade diese Reaktionen in der menschlichen Psyche die stärkste Resonanz finden, sprechen die objektiv-biologischen auch für subjektiv-psychologische Aanalogien. Es erwächst so die Aufgabe, ein objektives Kriterium für das Auftreten des Bewusstseins bei einer bestimmten Tierspezies ausfindig zu machen. Auf alle Versuche, die zu diesem Zwecke unternommen worden sind, soll hier nicht eingegangen werden. Nur soviel sei bemerkt, dass sie schon deshalb aussichtslos erscheinen, weil sie eben, wie bereits öfters eingewendet wurde, nach <!-- S. 210 --> einem objektiven Kriterium für eingestandenermassen durchaus subjektive Phänomene suchen, und dass ferner der Gedanke einer plötzlichen Entstehung des Bewusstseins an einem bestimmten Punkt der Tierreihe gerade zu dem evolutionistischen Grundzug der modernen Biologie im schroffsten Gegensatz steht. Die wichtigsten von diesen Bewusstseinskriterien seien jedoch im folgenden besonders hervorgehoben, weil sie vielleicht am deutlichsten die Verwirrung der Begriffe anzeigen, zu der ein missverständliches Streben nach absoluter „Objektivität“ führen kann.

So haben *Loeb* und *Bethe*, trotz geringer Differenzen in der Hauptsache übereinstimmend, als Kriterium des Bewusstseins die assoziative Gedächtnistätigkeit aufgestellt. Der psychologische Irrtum, der dieser Anschauung zugrunde liegt, darf den beiden Physiologen nicht allzu schwer angerechnet werden. So viel ist natürlich richtig, dass die Kontinuität des Bewusstseins und damit der Besitz eines über den jeweiligen momentanen Eindruck hinausreichenden Gesamtbewusstseinsinhaltes von der Ausbildung des Gedächtnisses abhängt. Man muss aber bedenken, dass dem Gedächtnis die Eindrücke, die es zur Einheit eines umfassenden Gesamtbewusstseinsinhalts verknüpft, erst durch das Bewusstsein geliefert werden müssen. Obgleich daher ein Bewusstsein, das nur den jeweils auftauchenden Eindruck zu perzipieren, ihn jedoch nicht festzuhalten und mit den früheren Eindrücken zu verbinden imstande wäre, für das Individuum keinen praktischen Wert besässe, so dürfen doch gerade solche „Bewusstseinsdifferentiale“ als Vorstufen der höheren Bewusstseinsformen, diese höheren Bewusstseinsformen aber nicht als Typus des Bewusstseins überhaupt betrachtet werden.

Kann sich somit der Psychologe der Anschauung nicht anschliessen, dass Bewusstsein überall nur dort anzuerkennen sei, wo assoziative Gedächtnistätigkeit vorliege, so wird umgekehrt der Physiologe die Behauptung *Driesch's* über die Wirksamkeit eines ausserphysiologischen Faktors, eben des „Psychoids“, nicht anerkennen.

Der Physiologe kann als „objektiver Beobachter“ den physiologischen Zusammenhang zwischen der Reizperzeption und der Erregung des motorischen oder sekretorischen Apparates niemals durch Einschaltung psychischer Zwischenglieder erklären. Wenn er daher auch vorläufig nur in den seltensten Fällen eine Reaktion in ihre physiologischen Komponenten aufzulösen vermag, so muss ihm doch eine solche Analyse aller tierischen Handlungen als das einzige Ziel seiner Wissenschaft erscheinen und er muss eben als Naturforscher die Forderung stellen, dass sich die materiellen Vorgänge der Muskel- und Drüsentätigkeit, in denen letzten Endes alle Reaktionen bestehen, durch eine lückenlose Reihe materieller Vorgänge mit dem materiellen Prozess der Reizperzeption verbinden lassen. Auch der Chemiker kann oft nicht alle Glieder komplizierter Reaktionen z. B. der Katalyse angeben, ohne dass er die Aufgaben seiner Wissenschaft anders zu definieren sich veranlasst sieht. Aber auch die vorsichtige Forderung, man solle wenigstens so lange von psychologischen Erklärungen absehen, als eine rein physiologische Erklärung nicht prinzipiell ausgeschlossen sei, bleibt sowohl für den Physiologen als auch für den Psychologen unerfüllbar. Für den Physiologen deshalb, weil er überall auf eine objektive Erklärung der objektiven Vorgänge dringen und sie sogar dort als ideales Ziel postulieren muss, wo er sie gegenwärtig noch nicht zu geben imstande ist, für den Psychologen aber deshalb, weil er durch seine eigene unmittelbare Erfahrung darüber belehrt wird, dass die Möglichkeit einer physiologischen Erklärung psychophysischer Prozesse keineswegs deren psychologische Interpretation ausschliesst.

Die Untersuchung der physischen, psychischen und der psychophysischen Kausalzusammenhänge stellt drei vollkommen getrennte Aufgaben dar, deren jede nur unter peinlichster Wahrung ihres Geltungsbereiches befriedigend gelöst werden kann.

<!-- S. 211 -->

Gerade dann aber, wenn der Psychologe die Forderung einer materialistischen Erklärung aller materiellen Vorgänge rückhaltslos anerkennt, schliesst der Umstand, dass es bereits gelungen ist, gewisse Reaktionen auf physikochemische Prozesse zurückzuführen, für ihn nicht die geringste Nötigung ein, seinerseits nun die Annahme psychischer Korrelate zu diesen Prozessen aufzugeben. Denn gerade dann muss auch die physiologische Komponente der psychophysischen Prozesse an seinem eigenen Körper einer materialistischen Erklärung zugänglich sein, ohne dass dadurch die Tatsächlichkeit der in seiner unmittelbaren Erfahrung gegebenen psychischen Komponenten beeinträchtigt werden könnte.

So wenig also die gelungene Zurückführung gewisser tierischer Reaktionen, etwa einiger echter Tropismen, auf physikalisch-chemische Prozesse das Vorhandensein psychischer Begleiterscheinungen ausschliesst, so wenig zwingt die vorläufige Unmöglichkeit einer solchen Zurückführung zur Annahme psychoider oder psychischer Zwischenglieder.

Nun könnte man noch einwenden, dass man zwar die Annahme eines Bewusstseins der höheren Tiere auf die weitgehende Analogie zu stützen vermöge, die der anatomische Bau und die physiologische Funktion ihres Nervensystems mit dem des Menschen zeige, dass aber diese Analogie um so mehr abnehme, je tiefer man in der Tierreihe hinabsteige, und dass damit das Vorhandensein psychischer Phänomene immer unwahrscheinlicher werde.

Aus der Verschiedenheit der Organisation folgt aber höchstens, dass auch die psychischen Korrelate der auf verschiedener anatomischer Basis ablaufenden physiologischen Vorgänge erhebliche Verschiedenheiten aufweisen mögen.

Dass über die Qualität dieser psychischen Korrelate keine Erfahrung möglich ist, kann nach dem Früheren keinen ernsthaften Einwand begründen. Genug, dass auch die objektive Analyse der tierischen Reaktionen eine Ableitung der komplizierten Kombinationen aus einfacheren Mechanismen gestattet, deren Kontinuität an keiner Stelle der Tierreihe eine Unterbrechung erleidet. Die Tierpsychologie darf daher die Frage vernachlässigen, wieweit die qualitative Ähnlichkeit zwischen diesen Korrelaten und den menschlichen Bewusstseinsinhalten im einzelnen Falle reicht, sie hat die Aufgabe, die komplexen psychischen Erscheinungen analytisch in ihre elementaren Komponenten zu zerlegen und genetisch bis zu ihren einfachsten Erscheinungsformen zurückzuverfolgen.

Sie befindet sich dabei insofern nicht einmal in einer ungünstigen Lage, als jeder Zweifel an ihrer Berechtigung verstummen sollte, wenn überhaupt die Berechtigung des Prinzips zugestanden wird, auf die psychophysische Natur bestimmter Reaktionen aus ihrer Analogie mit menschlichen Handlungen zu schliessen, die nach der Aussage der unmittelbaren Erfahrung von Bewusstsein begleitet sind. Tatsächlich erkennt jedermann die Gültigkeit dieses Prinzips an, wenn er seinen Mitmenschen Bewusstsein zuschreibt. Wer also die Anwendbarkeit dieses Prinzips auf die Tierwelt leugnen wollte, müsste seinerseits imstande sein, zum Beweis seiner Behauptung objektive Kriterien dafür zu erbringen, dass im gegebenen Fall kein Bewusstsein vorhanden sei, was unmöglich ist. Die Tierpsychologie hat sich daher im Grund ihre Existenzberechtigung nicht erst zu erkämpfen, sie kann sich vielmehr in der Defensive halten und sich damit begnügen, die Mängel der „objektiven“ Kriterien aufzudecken, mit denen ihre Unzulässigkeit bewiesen werden soll.

Aber gerade der Umstand, dass die Anerkennung der Tierpsychologie bei dem Mangel objektiver Bewusstseinskriterien die Anerkennung psychischer Fähigkeiten bereits bei den niederen Tieren nach sich zieht, wird bei vielen ein instinktives Misstrauen wecken, da die Anschauung, besonders in naturwissenschaftlichen Kreisen, ziemlich allgemein verbreitet ist, mit der Anerkennung psychischer Phänomene sei <!-- S. 212 --> — wenigstens in den Köpfen der Psychologen — die Anerkennung einer metaphysischen „Seelensubstanz“ untrennbar verbunden, und so werden sich viele lieber zu der Inkonsequenz entschliessen, das gleiche Prinzip, nach dem sie die Handlungen ihrer Mitmenschen beurteilen, in seiner Anwendung auf die tierischen Reaktionen für ungültig zu erklären, um nur jede „Metaphysik“ zu vermeiden und allen „spielerischen“ und durch die Erfahrung nicht zu bestätigenden Analogien aus dem Wege zu geben.

Diese Zurückhaltung wird um so gerechtfertigter erscheinen, als die Tierpsychologie selbst zugeben muss, dass die psychischen Komponenten psychophysischer Prozesse von jedermann eben nur in einem einzigen Falle der Beobachtung unterzogen werden können, nämlich bei Selbstbeobachtung, dass dagegen zur empirischen Beantwortung der Frage jede Handhabe fehlt, ob auch bei anderen Organismen die gleiche funktionelle Abhängigkeit zwischen physischen und psychischen Prozessen besteht. Und da die empirischen Daten, die jeder Tierpsychologie zum Fundament dienen müssen, gleichzeitig den Gegenstand der Physiologie oder Biologie bilden, diese empirischen Wissenschaften aber ihre Aufgabe darauf beschränken, die materiellen Lebenserscheinungen auf materielle Grundlagen zurückzuführen, sind ihre Vertreter nur allzu geneigt, der Tierpsychologie jede selbständige Existenzberechtigung abzusprechen und sie als ein müssiges Spiel anzusehen, das die objektiven Ergebnisse der exakten Wissenschaft nicht nur nicht bereichern, sondern kein anderes Ergebnis haben kann, als die objektiven Resultate mühsamer, empirischer Forschung durch apriorische Postulate und phantastische Konstruktionen zu verwirren.

Eine unbefangene Prüfung der Grundlagen und der möglichen Ziele einer wissenschaftlichen Tierpsychologie gelangt jedoch zu einem wesentlich anderen Ergebnis. Denn der Charakter der Wissenschaftlichkeit lässt sich der Tierpsychologie nicht deshalb schlechterdings absprechen, weil ihre Ergebnisse eine Bestätigung durch die unmittelbare Beobachtung nicht zugänglich sind und daher stets einer gewissen Unsicherheit unterliegen. Obgleich nämlich diese Unmöglichkeit vom erkenntnistheoretischen Standpunkt anders zu bewerten ist, so besteht doch praktisch die gleiche Unmöglichkeit, etwa die Hypothesen über das Innere der Erde, die Rückseite des Mondes usw. einer Kontrolle durch die Erfahrung zu unterwerfen. Aus dieser Unsicherheit jedoch erwächst der Tierpsychologie nur die Verpflichtung, sich streng an die Ergebnisse der objektiven Forschung als ihre einzige Grundlage zu halten, ohne sich dazu verleiten zu lassen, psychologische Interpretationen als kausale Erklärungen der physischen Phänomene auszugeben.

Gerade deshalb aber lässt die Gemeinsamkeit des empirischen Materials, das Tierpsychologie und vergleichende Physiologie bearbeiten, weder die eine noch die andere Wissenschaft entbehrlich erscheinen. Denn die Tatsachen gestatten eine subjektive ebensogut wie eine objektive Interpretation, und die eine lässt sich nicht durch die andere ersetzen, noch können beide Wissenschaften bei genauer Abgrenzung ihrer Arbeitsgebiete jemals miteinander in Kompetenzstreitigkeiten geraten.

Die prinzipielle Ablehnung aller Tierpsychologie führt zu einer durchaus einseitigen Auffassung der tierischen Lebenserscheinungen. Denn selbst wenn das ideale Ziel der „objektiven“ Wissenschaft erreicht wäre, alle diese Erscheinungen auf physiologische Vorgänge zurückzuführen und aus physikalisch-chemischen Ursachen, vielleicht unter Mitwirkung objektiver teleologischer Faktoren abzuleiten, so wäre damit die Frage nach der phylogenetischen Entstehung und Entwicklung des Bewusstseins noch nicht gelöst, während doch nur die blindeste Voreingenommenheit bestreiten könnte, dass hier Probleme von fundamentaler Bedeutung vorliegen.

Aber jene Ablehnung schliesst zugleich eine bewusste und willkürliche Inkonsequenz ein, indem sie das Analogieschlussprinzip ohne zureichende objektive Gründe <!-- S. 213 --> auf die Interpretation der menschlichen Handlungen beschränkt. Wer dagegen diese Inkonsequenz und jenen prinzipiellen Verzicht auf jede genetische Psychologie für bedenklicher hält, als die relative Unsicherheit, die allen Hypothesen über fremdes Bewusstseinsleben anhaftet, wird in den Schlüssen, die das objektive Verhalten der Tiere auf ihre subjektiven Zustände zu ziehen gestattet, das Material zum Aufbau einer durchaus selbständigen und für das allseitige Verständnis der Lebenserscheinungen unentbehrlichen Wissenschaft finden, die sich mit der Völkerpsychologie in die Aufgabe teilt, die Entstehung und Entwicklung des Bewusstseins zu erforschen.

Die Entscheidung zwischen beiden Alternativen wird also letzten Endes von der subjektiven Veranlagung des einzelnen abhängen; mit anderen Worten: der Punkt, an dem das Wissensstreben eines jeden zur Ruhe kommt, wird eben auch auf diesem Gebiete dadurch bestimmt werden, „was für ein Mensch er ist“.

Hr. *Pötzl* (Wien) verweist auf die grosse Wichtigkeit, die die Beobachtung der zirkumskripten Seelenstörungen hat. Die Seelentätigkeit stellt sich vielfach als Integrationsprozess dar, speziell die Sprache; bei Beseitigung der Sprachstörungen durch Übung (nach *Gutzmann's* oder *Fröschels'* Methode) wird reintegriert. Wichtig wären auch für die Tierpsychologie Dressurstudien z. B. an Hunden, wie sie in dem *Oberländer*'schen Dressurbuch dargelegt sind. Die Hirnpathologie und die Beobachtung an Tieren gibt identische Resultate.

Hr. *Adler* (Wien): **Kinderpsychologie und Neurosenforschung**[^1].

Gemeinsam ist dem Kind und dem Nervösen das Moment der grösseren Unselbständigkeit, aus welchem Grunde sie in grösserem Umfange auf die Dienstleistungen anderer angewiesen sind; Kinder nehmen die Familie in Anspruch, Nervöse ihre Familie, ihren Arzt und ihre weitere Umgebung. In der Neurose werden die Personen der Umgebung zu grösseren Aufgaben herangezogen und vor verstärkte Forderungen gestellt. In der Individualität eines Menschen sieht man seine Vergangenheit, seine Gegenwart und sein Ziel, in seinem Modus vivendi erkennen wir einen Zwang zur Zielsetzung. Charakter, Wille und Symptome sind nur Teilerscheinungen eines ununterbrochenen Anreizes zur Zielstrebigkeit, der die verschiedensten Mittel benützt, auch die scheinbar widerspruchvollsten, um nur dem gesetzten Ziel näher zu kommen. Neigung des Patienten zum Arzt, Einschränkung auf das Haus, Heraustreten aus dem Hause, wenn es dem Patienten dienlich erscheint, alles das ist nur Mittel zum Zweck. Von den Neurotikern gilt der Satz: Wenn zwei nicht dasselbe wollen, so ist es doch dasselbe. Alles planvoll Individuelle ist Vorbereitung zur Erscheinung, oder ist Ziel und steht hinter der Erscheinung. Die ganze Summe der zur Neurose gehörigen Phänomene ist direkt dazu vorbereitet, damit nur der vom Patienten gewollte Ausgang garantiert werde. Das Verhältnis von Bewusstem und Unbewusstem ist nur ein Mittel im Dienste der Gesamtpersönlichkeit. Die konstitutionellen Faktoren und das Milieu sind die gegebenen Elemente, durch welche die Zielsetzung und die Lebenslinie des einzelnen bedingt ist. Ziele und Charaktereigenschaften passen zum Ziele, und alle seelischen Phänomene können nur als Teilerscheinungen eines Lebensplanes verstanden und erfasst werden. Die Tatsachen des Kinderlebens sind als vorbereitende Bewegungen im Hinblick auf ein Ziel anzusehen. Das Ziel wird von nervös disponierten Kindern bald durch Trotz, bald durch Unterwürfigkeit angestrebt; zur Herrschaft, zur Beachtung zu kommen, Interesse für sich zu gewinnen, ist der Endzweck. Rivalität gegen den jüngeren Bruder, Trotz, Indolenz, alles muss diesem Ziel dienen, Enuresis nocturna und Nahrungsverweigerung werden dazu herangezogen. Zwangsneurose, Fetischismus sind <!-- S. 214 --> auf dieser Basis entstanden, z. B. kann die Furcht, der Frau nicht gewachsen zu sein, zu systematischen Versuchen führen, die Frau vor sich zu entwerten. Auch die Liebenswürdigkeit wird ebenso wie das Stottern im Sinne der Zielsetzung herangezogen. Ein Neurotiker will immer, Fühlen und Denken durchdringen einander beim Neurotiker immer und, wie sich aus dem beim Kind begründeten Gefühl der Minderwertigkeit Kompensationsbestrebungen entwickeln, die darauf abzielen, dem Kinde Geltung zu verschaffen, ebenso arrangiert sich der Neurotiker sein Lebenssystem unter Zuhilfenahme seiner Erfahrungen, die er dann tendenziös verwertet; niemand erleidet seine Erfahrungen tendenzlos. Jede Deutung muss in das Phänomen hineingetragen werden, sie liegt vor oder hinter dem Phänomen; es gewinnt erst Interesse, wenn eine Leitlinie darin zu sehen ist. Die wichtigsten Leitlinien sind:

Realtätigkeit.

a) Ausbildung von Fähigkeiten, um zur Überlegenheit zu gelangen.<br>
b) Sich messen mit seiner Umgebung,<br>
c) Erkenntnisse sammeln,<br>
d) Empfinden eines feindseligen Charakters der Welt,<br>
e) Verwendung von Liebe und Gehorsam, Hass und Trotz.

Imagination.

f) Ausbildung des Als Ob (Phantasie, symbolische Erfolge),<br>
g) Verwendung der Schwäche,<br>
h) Hinausschieben von Entscheidungen, — Deckung.

Als unbedingte Voraussetzung dieser Richtungslinien findet man einzig ein *hoch angesetztes Ziel*, das im Unbewussten bleiben muss, um wirksam zu sein. Dieses Ziel ist je nach Konstitution und Erfahrung mannigfach konkret eingekleidet und kann in dieser Form, regelmässig in der Psychose bewusst werden.

Exempli causa entwickelt Vortragender die Analyse der Abwehrhaltung einer Patientin, die immer die Untreue des Gatten befürchtete. Sie hatte ein sexuelles Attentat als Kind erlitten und war zu dem Grundsatze gelangt, ich (ein Mädchen) darf nie allein sein. Diese Ansicht ist richtig, und nicht die *Breuer-Freud*'sche Auffassung, dass die Patienten an Reminiszenzen leiden; auch der Ausdruck Stimmungslage sagt zu wenig. Die ersten Kindheitserinnerungen der Patientin sind Rivalitätsregungen gegen die von der Mutter bevorzugte ältere Schwester, während der Vater (ohne sexuelle Komponente) immer zu ihr hielt. Pat. litt später an anfallsweise auftretenden Kopfschmerzen zur Zeit der Menses, halluzinierte zu dieser Zeit, von der Mutter an den Haaren gerissen zu werden, und lief einmal in einem Wutanfall weg, um im Fluss zu baden. Ähnliche Anfälle hatte sie von zwei Brüdern gesehen. Die Patientin empörte sich also gegen ihre weibliche Natur, und ihre Überlegung war etwa folgende: Die Brüder revoltieren und sind die Herren, meine Schwester geniesst die Gunst der Mutter, nur Tod oder Krankheit kann mir aus meiner Erniedrigung helfen, das Alleinsein hört dann auf. Es ist gar nicht nötig, dass solche Raisonnements bewusst werden; im Gegenteil, das Bewusstwerden würde den Erfolg in Frage stellen. Der ganze Lebensplan ruht auf der Minderwertigkeit der Frau, die darum nicht allein gelassen werden darf. Aus diesem Porträt ergeben sich wertvolle Eigenschaften. Sie bekommt Angst, wenn sie allein im Wagen sitzt, sie verliert die Angst, wenn sie vorne im Wagen sitzt. Sie wurde bei jeder Biegung des Weges ängstlich, ebenso bei schnellem Fahren. Wenn sie bei diesen Gelegenheiten in die Zügel griff, wurde sie nicht ängstlich. Sie ergriff die Zügel nicht, um die Pferde zurückzuhalten, weil sie sich zu schwach dazu fühlte, sondern um sich über den Mann zu erheben. Dieser aus der Kindheit stammende Lebensplan veranlasste <!-- S. 215 --> die Patientin, alles zu tun, um von unten nach oben zu kommen, und bestimmt ihre Aggressionsstellung gegenüber ihrer Umgebung, zwischen der und ihr erhöhte Spannung besteht. Wer sich schwach fühlt, wird zum Kunstmittel der Neurose greifen, und deren Mittel stammen aus dem individuellen Leben, vor allem aus der Kinderzeit; darum zeigt sich die Lebenslinie in der Neurose so deutlich; darum ist man berechtigt, nicht das einzelne Phänomen als solches gelten zu lassen, sondern immer nur in dem Verhältnis zur Lebenslinie anzusehen, in dem ein Punkt zur Linie steht. Das Leben ist ein Kampf, jede Niederlage, jede Furcht vor der Niederlage wird von dem Neurotiker stärker als von dem Gesunden empfunden. Der Widerwille gegen Zwang ist bei ihm stärker als bei Gesunden und veranlasst ihn, den solipsistischen Standpunkt einzunehmen. Aus seiner Einstellung gehen auch Zauberglaube, Perversionen in sexueller Hinsicht hervor, durchwegs auf der Basis erschwerter Entwickelung. Der Gegensatz Macht — Machtlosigkeit tritt in dem Schema Mann — Weib auf, und die sexuellen Anomalien dienen der Tendenz, seine Überlegenheit über das weibliche Element zu demonstrieren. Sicherheitskoeffizienten sollen den Weg in die Höhe ermöglichen. Um das Interesse wachzurufen, wird der Krankheitsbeweis als Legitimation benützt, werden Nichtigkeiten überschätzt; Fanatismus des Schwachen kann jede gegnerische Position abschwächen. Darum wird das Denken zum Grübeln, der Ruheverlust zur Müdigkeit am Tage, es kommt zur Dysfunktion durch Aufmerksamkeit, in vielen Fällen speziell zur Herabsetzung der Liebesfähigkeit.

Hr. *Häberlin* (Basel): **Psychoanalyse und Erziehung.**

(Da Hr. *Häberlin* nicht anwesend ist, wurde der Vortrag von Herrn *Frank* verlesen.)

Wenn man von Psychoanalyse spricht, dann nimmt man sie im Sinne ihres Begründers Freud und lässt alles beiseite, was andere daraus gemacht haben oder zu machen versuchen. Die Frage ist, was Psychoanalyse in diesem Sinne mit Erziehung zu tun habe. Aus der Antwort wird für den Kenner der psychoanalytischen Ergebnisse klar werden, wie *diese* sich zur Erziehung verhalten.

Man muss wohl, um die Bedeutung der Psychoanalyse ganz zu erschöpfen dreierlei in ihr unterscheiden. Sie ist zunächst eine *Methode psychologischer Forschung*, deren Ziel psychologische Erkenntnis, ohne Beschränkung auf Neurosen und ohne Rücksicht auf Therapie ist. Die Eigentümlichkeiten dieser Methode sind kurz folgende. Sie geht vor allem darauf aus, psychische Fakta, die aus bewussten Zusammenhängen heraus nicht zu begreifen sind, aus unbewussten Wurzeln zu verstehen, wobei dem infantilen Erleben als dem wichtigsten Nährboden des Unbewussten eine sehr grosse Rolle zugewiesen wird. Dem Unbewussten selber sucht sie nahezukommen durch Beachtung symptomatischer Äusserungen und Handlungen, durch Aufhellung dunklerer Bewusstseinsgebiete, unter besonderer Berücksichtigung der Fingerzeige, welche in den Träumen gesehen werden, und durch ähnliche Mittel. Als eine Art heuristischen Prinzips dient die psychoanalytischen Erfahrungen entstammende Überzeugung, dass der Sexualität (in einem besonders weitgefassten Sinn) eine erstaunliche Wichtigkeit zukomme. Die Aufdeckung des Unbewussten geht vor sich durch Überwindung des „Widerstandes“, das ist derjenigen psychischen Potenz, welche nach psychoanalytischer Anschauung die „Verdrängung“ unbequemer psychischer Tatsachen ins Unbewusste bewirkt hat und sie noch im Unbewussten zurückhält. — Dies „Unbewusste“ wird in seiner Eigenart nicht weiter definiert; es ist einfach der Ausdruck dafür, dass psychisch wirksame Agenzien da seien, von deren Existenz und Wirksamkeit das Individuum nichts oder nichts Deutliches wisse oder wissen wolle.

<!-- S. 216 -->

Psychoanalyse bedeutet aber heute allgemein nicht nur eine besondere psychologische Forschungsmethode, sondern auch eine Summe oder einen zusammenhängenden Komplex psychologischer Erkenntnisse, Ansichten, Theorien, Voraussetzungen, welche teils dem psychoanalytischen Verfahren zugrunde liegen, teils ihren Ursprung aus diesem Verfahren herleiten. Die einzige zugestandene Voraussetzung ist die, dass es eine psychische Kausalität gebe, dass man also die Bedingungen für psychische Tatsachen so lange als möglich auf *psychischem* Gebiete zu suchen habe. Seien sie nicht im bewussten Psychischen zu finden, so könne noch das Unbewusste befragt werden, im Gegensatz zu anderen Richtungen, welche rasch bereit sind, die Quellen des manifest Psychischen im Gebiet des Anatomischen und Physiologischen zu suchen. Im übrigen ist dieser Gegensatz nicht absolut, denn über die letzten Ursprünge des Psychischen schweigt bis jetzt die Psychoanalyse, ja sie scheint sogar in Übereinstimmung mit dem Gegner zuletzt doch an physiologische Hintergründe für die elementaren psychischen Fakta zu denken. Der ganze Unterschied bestände dann darin, dass die Psychoanalyse *nicht so rasch* die rein psychische Kausalität zugunsten der psychophysischen und physischen aufgibt oder aufgeben zu müssen glaubt. Denn auch die Gegner nehmen ja psychische Kausalität wohl bis zu einer gewissen Grenze an. — Die Wichtigkeit unbewusster Tendenzen und Erinnerungen, die Schätzung des Infantilen, die Traumtheorie, die Verdrängung und den Widerstand, die Rolle der Sexualität etc. bezeichnet der Umkreis der Anschauungen, welche man mitversteht, wenn man von Psychoanalyse spricht.

Psychoanalyse bedeutet oder umfasst aber drittens noch etwas anderes, nämlich ein bestimmtes *therapeutisches* Verfahren, das freilich in praxi mit der Forschungsmethode Hand in Hand geht. Die Therapie sucht das Unbewusste nicht aus reinem Forschungsinteresse auf, sondern — eben als therapeutische Methode — auch vor allem deswegen, weil dem Unbewussten eine zentrale Bedeutung für die Entstehung und den Inhalt der Neurosen zugeschrieben wird. Für besonders wichtig wird derjenige Teil des unbewussten Materials gehalten, der seinen Ausschluss aus dem Bewusstsein einem Akt der Verdrängung verdankt. Die Therapie geht vor allem darauf aus, die Verdrängungen aufzuheben und das verdrängte Material bewusstseinsmöglich zu machen, weil es als Bewusstes weniger gefährlich ist denn als Unbewusstes, weil bewussten Tatsachen gegenüber eine nicht pathogene Verarbeitung, Paralysierung, Überwindung oder Beherrschung — wenn solche überhaupt nötig erscheinen — eher möglich ist, als gegenüber einem Feinde, den man nicht kennt.

Was hat nun Psychoanalyse nach diesen drei Seiten mit *Erziehung* zu tun? — Man wird vor allem zu unterscheiden haben zwischen dem *Ziel* und der *Methode* der Erziehung. Beides Dinge, die man nicht verwechseln darf. Das Erziehungsziel ist immer ein Ideal, welches sein Dasein und seine bestimmende Kraft bewussten oder unbewussten Wertschätzungen unmittelbarer Art verdankt. Die *Methode* dagegen ist der Inbegriff des Weges, welcher zur Realisierung des Ideals eingeschlagen wird. Die Methode umfasst den Gang und die Mittel der Erziehung, die ganz zielmässig orientierte Technik. Diese ist indessen angewiesen auf die Möglichkeiten, welche die Erfahrung, das Material, die individuellen Verhältnisse ihr geben. So ist die Methode aller Erziehung immer von zwei Seiten bestimmt, vom Ideal (Ziel) und von den empirischen Umständen, welche die Mittel und Hindernisse, die Wege und Umwege darbieten und nötig machen.

Dass Psychoanalyse mit irgend einem Erziehungs-*Ziel* als solchem nichts zu schaffen hat, ist ohne weiteres klar, wenigstens sofern sie eine bestimmte Art psychologischer Forschung und sofern sie einen Komplex psychologischer Anschauungen <!-- S. 217 --> bedeutet. Letzte Ziele, Ideale, beruhen stets auf unmittelbaren Höchstwertungen; sie drücken ein Seinsollen aus, das zwar noch nicht ist, ja missachtet und umgangen werden kann, das aber gilt, weil es eben sein *soll*. Und zwar soll es realisiert werden nicht aus irgend einem Grunde, d. h. um irgend eines andern Gutes willen; denn sonst wäre es kein letztes Ziel, kein Ideal, sondern diese Rolle übernähme jenes andere Gut und so weiter, bis einmal ein höchstes, inappellables und nicht mehr zu begründendes käme, das seinen Wert und seine Gültigkeit rein in sich selber hat, das eben *unmittelbares* Ideal ist. *Dies* wäre denn das wahre Ziel. — Wenn es sich so verhält, so können letzte Ziele der Erziehung (wie überhaupt des Handelns) niemals durch irgend welche *empirische Erfahrung* gewonnen oder beseitigt oder durch andere ersetzt werden, auch nicht durch wissenschaftliche Erfahrung. Wissenschaft hat keine Kompetenz in Ansehung der obersten Wertschätzungen. So verhält es sich mit ästhetischen, mit ethischen, mit pädagogischen Normen und Idealen. Sie lassen sich weder begründen, noch irgendwie aus der Empirie ableiten. Es handelt sich bei allen pädagogischen Zielen zuletzt um den Gegensatz von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Schön und Hässlich. Alle derartigen Entscheidungen oder Stellungnahmen können aber niemals erkenntnismässig gewonnen oder alteriert werden. Darum vermag psychoanalytische Forschung oder Erkenntnis so wenig wie irgend eine andere, Erziehungsziele zu weisen oder bestehende umzustürzen. — Wenn trotzdem von psychoanalytischer Seite gelegentlich Ansprüche dieser Art erhoben werden oder wenn versucht wird, ethische oder pädagogische Höchstnormen psychoanalytisch zu „erklären“, so beruhen alle diese Bestrebungen auf bekannten erkenntnistheoretischen Irrtümern, die zuletzt auf Selbsttäuschungen über die Natur der „Werturteile“ und des Normativen hinauslaufen.

Anders verhält sich die Psychoanalyse zu möglichen *Methoden* der Erziehung. Denn bei jeder Erziehungsmethode handelt es sich nicht mehr um absolute Höchstwertungen, sondern um Wege zu ihrer Realisierung.

Ein wichtigstes Hilfsmittel jeder Erziehung ist selbstverständlich die individualpsychologische Erforschung des Zöglings. Insofern darum Psychoanalyse eine neue Art psychologischer Forschung überhaupt ist — gleichgültig vorerst, ob man sie als ergiebige Methode gelten lasse oder nicht — erhebt sie den Anspruch, auch der pädagogischen Psychologie und damit eben der erzieherischen Methode Dienste zu leisten. Um so eher, als gerade das infantile Individuum besonders in der Richtung ihres Interesses liegt. Zwar sind die individualpsychologischen Einsichten, die man durch sie zu gewinnen vermag, wohl nicht durchwegs so unerhört neu oder gehen nicht so weit über das sonst Erreichbare hinaus, wie manche Enthusiasten glauben. Speziell unter Pädagogen, zünftigen wie unzünftigen, wird viel Psychoanalytisches eher als Bestätigung, denn als Neuentdeckung aufgefasst. Indessen ist sie mehr. Sie gewährt entschieden Einblicke in individuelle Konstitutionen und Reaktionsweisen, die eine Bereicherung bedeuten.

Diese Stellungnahme bedeutet aber noch nicht eine unbedingte Empfehlung dieser Forschungsmethode an die Adresse der Pädagogen. Es ist zuvor die Frage zu entscheiden, ob die psychoanalytische Erforschung des *Zöglings* im ganzen der Erziehung zu empfehlen sei oder nicht, — immer vorausgesetzt, dass es sich um eine an und für sich erspriessliche Forschungsrichtung handle. Denn es könnte ja sein, dass die Psychoanalyse dem Zögling mehr schadet, als der eventuelle Erkenntnisgewinn, seiner Erziehung zu nützen, imstande wäre. Die Entscheidung darüber ist durchaus nicht leicht. Die Erfahrung des Vortragenden lässt ihn meinen, dass das für die Psychoanalyse günstigste Alter erst mit 17 oder 18 Jahren beginnt. Da aber mit 17 oder 18 Jahren die Erziehung im engeren Sinn sich bereits ihrem Abschluss nähert, ja in der Regel schon abgeschlossen ist, so kommt wesentlich nur <!-- S. 218 --> das für die Psychoanalyse ungünstigere Alter bis zum Ausgang der Pubertätszeit in Betracht. Und da halte ich denn allerdings dafür, dass eine eigentliche psychoanalytische Durchforschung so junger Leute ihre Bedenken hat und tatsächlich mehr schaden als nützen kann. Es kommt eben auf zweierlei dabei an: auf die Natur des Zöglings und auf die *Art* des Vorgehens, die wieder mit der Art des Psychoanalytikers zusammenhängt.

Es liegt im Wesen der Erziehung, dass alles, was man mit dem Zögling vornimmt, sich den letzten Zielen der Erziehung unterzuordnen oder mit ihnen zu harmonieren hat; so selbstverständlich auch die individual-psychologische Durchforschung und die Art ihrer Durchführung. Damit hängt die methodische Maxime zusammen, das Herumarbeiten und Herumforschen am Zögling auf das Notwendige zu beschränken; alles, was darüber geht, ist vom Übel. Nun steht allerdings von vornherein nicht fest, wieviel in jedem Falle notwendig ist. Indessen besitzt jeder einigermassen taugliche Erzieher ein sicheres Kriterium dafür in der Art und Weise, wie der Zögling auf seine erzieherischen Massnahmen reagiert, ob „normal“ oder „gehemmt“. Wenn eine sonst erprobte Erziehungsweise nicht verfängt, ohne dass plausible Gründe dafür zu entdecken sind, so heisst das nichts anderes: als dass eben unbekannte Hemmungen vorliegen.

Nur in solchen Fällen ist weitere Erforschung des Zöglings geboten. Führen dann die gewohnten Wege der Bewusstseinspsychologie nicht zum Ziel, so muss eben das Unbewusste ausgeforscht werden, und hier bietet sich dann ein psychoanalytisches Vorgehen von selber an. Fälle dieser Art sind durchaus nicht selten. Sie umfassen nicht nur ausgesprochen „kranke“ Naturen. Auch bei „gesunden“ Kindern finden sich häufig Episoden oder Züge, denen ohne Erforschung der unbewussten Motive kaum beizukommen ist (scheinbar unmotiviertes Lügen, Ängstlichkeit, Zerstreutheit etc. etc.). Hier hat eine *richtig* geübte Psychoanalyse ganz sicher eine dankbare und verdienstvolle Aufgabe, nicht nur eine solche, die „allen Regeln der Kunst entspricht“, sondern eben eine *pädagogisch* richtige. Denn auch in der Durchführung, nicht nur mit Bezug auf die Indikation, hat sich jede Forschung ins Ganze der Erziehung einzufügen. Die Frage, wann die Psychoanalyse pädagogisch richtig durchgeführt ist, ist natürlich so im allgemeinen schwer bestimmt zu beantworten, da so Vieles im einzelnen Fall der pädagogischen und psychologischen Begabung des Erziehers überlassen bleiben muss. Doch sind einige Hinweise immerhin möglich. Vor allem ist auch in der Durchführung Beschränkung auf das Notwendigste unbedingt zu empfehlen. Das überflüssige Herumsuchen in der Psyche des Zöglings ist nicht scharf genug zu tadeln. Das „Unbewusste“ (d. h. das Nicht-Bewusstsein gewisser Dinge) hat für das jugendliche Alter ganz gewiss seine positive Bedeutung, aber man sollte überhaupt das Unbewusste unbewusst sein lassen, solange damit keine Störungen und Hemmungen verbunden sind. — Dass ferner eine derartige Erforschung Jugendlicher ganz besonderer Vorsicht und besonderen, sozusagen potenzierten Taktes bedarf, ist selbstverständlich. Je zarter und je plastischer noch das Material ist, desto schwerer ist die Verantwortlichkeit des Bildners, und desto eher kann sich sein Zufassen mit unfeinen Händen rächen. Eine taktlose und pädagogisch rücksichtslose Psychoanalyse bedeutet ohne Zweifel eine Schädigung des Zöglings, die durch den Erfolg der Forschung kaum aufgewogen werden kann. Die Psychoanalyse gleicht überhaupt einem scharfen, zweischneidigen Messer. Sie vermag, wenn sie unrichtig geführt wird, Traumata zu schaffen. Deshalb fällt natürlich nicht ein Vorwurf auf sie als solche, sondern eben nur auf den Psychoanalytiker, der zu wenig Pädagoge ist. Eine rechte Psychoanalyse im Verband des pädagogischen Vorgehens setzt mehr voraus, als nur gewöhnliches psychoanalytisches Wissen und Können. Sie setzt vor allem ethische Sicherheit und Reife voraus.

<!-- S. 219 -->

Sie setzt aber auch voraus, dass die untersuchende und erziehende Persönlichkeit *über* jeder einzelnen Methode steht und sich niemals sklavisch an ein bestimmtes Vorgehen binde. Auch die Untersuchungsmethode ist modifikationsfähig, und es ist Sache des Erziehers, sie gerade so zu handhaben, wie es dem Falle angemessen ist, auch wenn dann eine erhebliche Modifikation oder eine Kombination mit anderen Methoden herauskommt. Denn über der „Reinheit“ der Methode steht das Ziel der Erziehung, und nie darf ein Hilfsmittel beherrschend, nie die Forschung (im Rahmen der Erziehung) Selbstzweck werden.

Es ergibt sich aus dem Angeführten von selber, was die beiden anderen Seiten der Psychoanalyse mit Erziehung zu tun haben. Wenn auch manches an den bisher propagierten Resultaten unrichtig, anderes noch nicht endgültig und scharf genug erfasst und vor allem nicht wissenschaftlich einwandfrei verarbeitet sein mag, so wäre es ein Unrecht, deshalb alle psychoanalytischen Anschauungen abzulehnen. Es bleibt nach Meinung des Vortragenden noch genug an gesicherten und fruchtbaren Einsichten übrig (ob sie absolut oder relativ neu seien, ist eine Frage für sich). Es wird notwendig sein zu prüfen und kritisch das Richtige von den Zutaten, Einseitigkeiten etc. zu sondern, dann aber das Bleibende für die allgemeine Theorie der Erziehung vor allem auch prophylaktisch fruchtbar zu machen. Dass dabei Vorsicht und eher Zurückhaltung, als blinde Neuerungswut geboten ist, wie stets bei pädagogischer Verwertung neuer Anschauungen, ist selbstverständlich.

Was kann die Psychoanalyse als *Therapie* für das Vorgehen des Erziehers bedeuten? Diese Therapie ist mit der Forschung eng verbunden, fällt aber nicht mit ihr zusammen. Tatsache ist vor allem, dass in sehr vielen Fällen die Heilung, also das Ziel der Therapie, durch blosse Bewusstmachung durchaus nicht erreicht wird, sondern dass noch ein zweites hinzutreten muss, von dessen Gelingen oder Nichtgelingen erst der Erfolg der ganzen Therapie abhängig ist. Dies zweite ist aber nichts anderes als ein Stück *Erziehung*. Denn ist das Verdrängte wieder der bewussten Seelentätigkeit zugeführt, so kann der psychische Konflikt unter der *Leitung des Arztes* einen besseren Ausgang finden, als ihn die Verdrängung bot. Es gibt nach *Freud* mehrere solcher zweckmässiger Erledigungen. Entweder wird die Persönlichkeit des Kranken überzeugt, dass sie den pathogenen Wunsch mit Unrecht abgewiesen hat, und veranlasst, ihn ganz oder teilweise zu akzeptieren, oder dieser Wunsch wird selbst auf ein höheres und darum einwandfreies Ziel gerichtet (Sublimierung), oder man erkennt seine Verwerfung als zu Recht bestehend an, ersetzt aber den automatischen und darum unzureichenden Mechanismus der Verdrängung durch eine Verurteilung mit Hilfe der höchsten geistigen Leistungen des Menschen; man erreicht seine bewusste Beherrschung. Dies alles geht über die blosse Erforschung oder Aufdeckung hinaus: es sind dies *pädagogische* Massregeln, d. h. es ist Erziehung durch den Arzt, die in günstigen Fällen durch Selbsterziehung (manchmal ganz plötzlicher und spontaner Art) ersetzt werden kann, was natürlich an ihrem pädagogischen Charakter nichts ändert.

So besteht also die psychoanalytische Therapie aus Aufdeckung verborgener psychischer Zusammenhänge (Erforschung) und Erziehung. Diese Erziehung ist aber noch besonders charakterisiert durch ihr *Ziel*. Dies Ziel ist nie ein anderes, als die psychische „*Gesundheit*“ des Analysierten. Der Patient mag ein Charakterlump, ein sozial bedenkliches Individuum, ein Don Juan, ein Philister oder ein nobler Charakter werden, wenn er nur gesund wird. Der Gesundheit wird zuletzt alles andere unterstellt und eventuell geopfert.

Man ersieht daraus, dass die Psychoanalyse selber ohne Erziehung nicht auskommt, ja ihrerseits ein Stück Erziehung bedeutet. Dann aber, dass diese Art der Erziehung niemals Erziehung überhaupt ersetzen kann, sofern Erziehung andere <!-- S. 220 --> höhere Ziele als die blosse Gesundheit besitzt. Andererseits freilich wird jede überhaupt diskutable Erziehungsweise die psychische Gesundheit in ihr Ziel einschliessen oder doch zugeben, dass sie Bedingung zur Realisation ihres Zieles ist. Also kann die psychoanalytische Therapie, wo sie nötig ist, eine willkommene Hilfe des erzieherischen Vorgehens sein. Immer natürlich vorausgesetzt, dass sie in ihrem forschenden wie in ihrem erziehenden Teile nicht neben dem therapeutischen Erfolg pädagogischen Schaden stifte. Zugunsten ihrer erzieherischen Bedeutung darf noch hervorgehoben werden, dass in nicht wenigen Fällen die psychoanalytische Therapie Erziehungshemmungen zu entfernen vermag, die vorher allen möglichen pädagogischen Massregeln trotzten, oder jedenfalls ohne sie viel schwerer zu heben gewesen wären. Und dann ist eine richtig und mit ethischem Ernste durchgeführte Psychoanalyse auch selber ein Stück Erziehung von *mehr* als therapeutischem Wert, ein Stück Erziehung zur Ehrlichkeit gegen sich selber und zur Mannhaftigkeit, um von anderen möglichen „Nebenerfolgen“ zu schweigen. Davor muss gewarnt werden, die Psychoanalyse zum Experimentierfeld Halbgebildeter oder Sensationshungriger zu machen! Möchte überhaupt niemals aus einer ernsten, in mehr als einer Beziehung „gefährlichen“ Sache eine blosse Mode gemacht werden!

Hr. v. *Hattingberg* (München): **Zur Psychologie des kindlichen Eigensinns.**

Vortragender will die Methodologie nicht besprechen und steht auch nicht dogmatisch auf dem Boden einer bestimmten Theorie. Der Eigensinn bedeutet zunächst, rein sprachlich genommen, einen eigenen Sinn, der anders ist als der der anderen, der anderes will, der anders handelt. Das Wort Eigensinn hat aber sekundär seine Bedeutung wesentlich geändert und bezeichnet ein typisches Verhalten, dessen Kern der Wille ist, Erfolge zu erringen. Man spricht von Eigensinn, wenn jemand, obwohl unvorbereitet und sich untrainiert wissend, eine schwierige Bergtour unternimmt, wenn ein Knabe einen Obstdiebstahl versucht, obwohl ihm von seinen Kameraden die Gefahr des Erwischtwerdens, der Strafe durch den Gartenbesitzer, die Gefahr des Kletterns deutlich vorgehalten werden. Er lässt sich durch die Erwägungen des Kameraden nicht von seinem Vorhaben abbringen und merkt schon während des Kletterns, dass er seine Kräfte überschätzt hat, dass der Gartenbesitzer kommt etc., lässt sich aber nicht aufhalten und steigt weiter; sein einziges Motiv ist sein Ehrgeiz, sein Wunsch zu imponieren. Es tauchen Gegenmotive von einer Stärke auf, die ihn zurückgehalten hätten, wenn er sie gekannt hätte. Seine Energie stammt aus seinem Entschluss, seine ganze Person ist an der Realisierung des Vorhabens beteiligt, die Bewunderung seiner Kameraden zu gewinnen, der Apfel ist ihm ganz gleichgültig geworden. Mit dem „ich will“ tritt die Änderung der Person in Tätigkeit. Erst durch den Entschluss wird die Kraft mobil, die den Zwang ausübt, an seinem Willen festzuhalten. Bei Willensmenschen kommt ein derartiger Mechanismus in Frage, besonders bei solchen, die schwere Defekte zu überwinden haben. Mit Eigensinn wird an dem einmal Gewollten festgehalten, weil eine Änderung des Entschlusses vielleicht die Achtung der Umgebung beeinträchtigen könnte und damit auch die Selbstschätzung. Letztere Eigenschaft, die Abhängigkeit von dem Urteil der anderen teilt der Eigensinnige mit dem Ehrgeizigen, doch kommen Ehrgeiz und Eigensinn nicht oft beisammen vor, beim Ehrgeizigen handelt es sich um das Anerkennungsbedürfnis, beim Eigensinnigen um einen Defekt des Auffassungsvermögens, um einen Anpassungsfehler. Das ganze Ich wird eingesetzt, weil er vor Gefahr bewahrt werden soll. Mit zunehmendem Anpassungsvermögen verliert sich der Eigensinn. Der Ehrgeizige passt sich dem Wunsch des Zuschauers an. Der Ursprung des Eigensinns ist in einer primären Minderwertigkeit bei neurotischen Kindern zu suchen.

<!-- S. 221 -->

Der Ehrgeiz und der Eigensinn zeigen sich, wenn das ganze Ich an einem Ziel interessiert ist. Dies ist im wesentlichen für den aktiven Eigensinn (= Starrsinn) charakteristisch; in der Abhängigkeit vom Zuschauer ist ein reaktives Moment gegeben. Reaktiv nennt Vortragender jenen Eigensinn, wo kein eigener Sinn tätig ist, sondern nur die Orientierung gegen den Willen des anderen, gegen das Soll, aber nicht gegen den Inhalt des Sollens. Dieser reaktive Eigensinn äussert sich bei Kindern in der Verweigerung der Flasche, im „Wegbleiben“, in Wutkrämpfen. Daraus entwickelt sich eine trotzige Aggressionseinstellung gegen die Massnahmen der Umgebung. Dabei zeigen sich individuelle Verschiedenheiten. Zum Zorn disponierte Kinder neigen zum Eigensinn, der bald ubiquitär ist, bald sich elektiv auf die Erzieher erstreckt. Daneben kann die Aggression auch durch Freude an der Macht, durch Willen zur Macht bedingt sein. Dem *überlegenen Erzieher* gegenüber verschwindet der Eigensinn, der eine Erweiterung der Ichgrenzen anstrebt. Auch gegen die bei eigensinnigen Menschen grosse Suggestibilität kann eine Einstellung vorliegen, ebenso gegen die Angst, sich nicht durchsetzen zu hönnen, gegen die Uneinheitlichkeit des Trieblebens. Auch die Furcht für die Selbständigkeit kann zum Eigensinn ohne Rücksicht auf die momentane Situation führen. Er kann elektiv sein, wenn besonders eine Beeinflussung gefürchtet wird. Auch Liebestendenzen, der Wunsch, dass man sich mit dem Kinde beschäftige, kann die Ursache des Eigensinns sein. In einem Fall, der in extenso publiziert werden soll, konnte das Kind französische Worte nicht aussprechen, es sagte im Alter von 2½ Jahren: „Ich will nicht wollen.“ Mit 3 Jahren zeigte es grosse Vorliebe für exkrementelle Vorgänge. Seinen Bruder Heinrich nannte es Helu, entstanden aus He und Lu; ersteres stammt aus dem Namen, letzteres aus der kindlichen Bezeichnung für Urinieren. Es nannte den Bruder so: „weil ich ihn lieb habe“. Es schämte sich leicht vor Freunden und war leicht verletzlich, hatte Angst bei Harn- oder Stuhlentleerung, zugleich aber Erektionen. Letztere waren auch bei Harndrang vorhanden, wurden auch künstlich erzeugt. Alle Worte bekamen eine U-Endung, die auf das Wort Lulu, der kindlichen Bezeichnung für Urinieren, zurückzuführen ist und sich auf den Harn oder den Penis bezieht. Suggestion ist nur bei einigen Punkten zwingend auszuschliessen. Das Verständnis des Falles ist nur durch Einfühlung möglich. Der Erfolg der Analyse war Verschwinden der abnormen Entleerung, Verschwinden des Eigensinns. Es ist daran zu erinnern, dass *Freud* Ordentlichkeit, Sparsamkeit und Eigensinn auf Analerotik zurückführt. Vortragender schliesst sich dem nicht an, weil der genetische Zusammenhang nicht nachgewiesen ist, ebensowenig der Urethralerotik *Sadger's*. Die Analyse von enuretischen Kindern ergab, dass der Reiz zum Harnlassen und Defäzieren Erektionen hervorruft, und dass auch beide Funktionen als direkte Reize wirken. Die allgemeine Steigerung der Erregbarkeit des Nervensystems in diesen Fällen ist durch das Facialisphänomen erwiesen. Somatische Erscheinungen führen zu Lustempfindungen, die sexuelle Erregung wird aber durch den Angstaffekt ausgelöst, und so entsteht bei den nervösen Kindern der Affekt der Angstlust, in dem ein angenehmes und unangenehmes Gefühl zugleich vorhanden sind. So hat Vortragender zweimal Pollutionen bei Schularbeiten beobachtet. Vielleicht wird die Angstlust durch Widerstreben gesucht, indem die Strafe Lust erzeugt, aber auch Angst. Die Angstlust steht also in Beziehung zum Masochismus. Wird die Angstlust nicht aufgegeben, so entwickelt sich der passive Eigensinn, dem jede Abschliessungsreaktion fehlt, der auch oft mit dem reaktiven Eigensinn kombiniert ist: Defäkationsanomalien finden sich dabei häufig. Die Angstlust steht auch in Beziehung zur Freude an gefährlichem Sport und Hasardspielen. Der Eigensinn hört im späteren Leben auf, die Angstlust wird ersetzt. Die Annahme *Adler's* von der Wichtigkeit, der dem Zweifel an der Geschlechtsrolle, der Lust an dem Kleinsein etc. <!-- S. 222 --> zukommt, teilt Vortragender nicht. Diese Typen können alle bei verschiedenen Charakteren zukommen. Der eigensinnige Charakter ist nur nach dynamischen Prinzipien aufzufassen.

Hr. *Schrecker* (Wien): **Über erste Kindheitserinnerungen** (erscheint in extenso in dieser Zeitschrift).

Diskussion zu den Vorträgen des Hr. *Adler*, v. *Hattingberg*, *Schrecker*.

Hr. v. *Hattingberg* (München) bemerkt, dass die Ausführungen *Adler's* zum Teil passen mögen, ihre Erklärungen seien aber rein intellektuell; er könne nicht zugeben, dass die beobachteten Erscheinungen bloss einen Punkt in der Lebenslinie vorstellen und nur pro-, beziehungsweise retrospektive Bedeutung hätten. Er finde die Denkweise *Adler's* nicht exakt und warne davor, Verschiedenes in den Lebensplan hineinzulegen. Er fragt, ob nach *Adler's* Ansicht Tieren ein „Lebensplan“ zukomme, und warnt vor der Exklusivität der Lehre *Adler's*.

Hr. *Bleuler* (Zürich) erhebt Einspruch gegen die Verwertung des Insuffizienzgefühles und meint, dass auch andere Motive beim Kind vorhanden sind, die durchaus nicht unbewusst bleiben müssen, und warnt vor jeder Übertreibung.

Hr. *Neuer* (Wien) bemerkt, die Äusserung v. *Hattingberg's*, dass *Adler's* Auffassung eine rein intellektualistische sei, hätte er nicht hinreichend gestützt. Was das Verhältnis von Phänomen und Lebenslinie betreffe, so sei zu konstatieren, dass Phänomenologie mit Naturwissenschaft nicht identisch sei.

Hr. *Furtmüller* (Wien) führt aus, der von v. *Hattingberg* vorgebrachte Einwand des rein intellektuellen Charakters der Ausführungen von *Adler* sei wohl begründet, doch sei dieser Eindruck bloss durch die Form bedingt, in der *Adler* seine Gedanken vorgebracht habe. Der Grundcharakter des *Adler*'schen Systems sei ein rein voluntaristischer, wie aus der hohen Bewertung der Zielstrebigkeit hervorgehe. Das Wort Lebensplan sei nur ein Ausdruck für die Gesamtheit der Strebungen, auch wenn ihnen kein Gedanke zugrunde liege, sei nur eine Formel. Auf Exaktheit verzichte er, für die individualpsychologische Forschung wäre es nachteilig, wenn sie in eine Scheinexaktheit verfiele. Es wäre für sie ebenso verhängnisvoll, wie dieser Fehler für die *Freud*'schen Schriften verhängnisvoll wurde. Gerade das Tendieren auf ein Ziel ist ein Zeichen für Exaktheit. Für die Tierpsychologie sei die Auffassung *Adler's* von grosser Wichtigkeit. Der Widerstand, den die *Adler*'sche Theorie finde, sei durch die prinzipielle Unmöglichkeit, Ungewohntes in sich nachzuschaffen, bedingt.

Hr. v. *Hattingberg* (München) wendet sich gegen die Ausschliesslichkeit des *Adler*'schen Systems, das auch nicht den Stein der Weisen gefunden hätte.

Hr. *Frank* (Zürich) gibt zu, dass wohl für einen Teil der Fälle die *Adler*sche Auffassung richtig ist; das berechtige aber nicht zur Exklusivität.

Hr. *Freschls* (Wien) vertritt die Anschauung, dass in der Psychologie nur eine einzige Theorie, wie sie die *Adler*'sche sei, die eine einheitliche Konzeption für dieses ganze Wissensgebiet vorstelle. Freilich bleibe ein Rest für immer unerklärt.

Er schätze an dem System *Adler's* die Einheitlichkeit und Durchführung des teleologischen Gedankens.

Hr. *Feri* (Wien) bemerkt, dass in der exaktesten Wissenschaft, in der theoretischen Astronomie, das Auskommen mit dem einzigen Prinzip der *Newton*schen Gravitationslehre nicht möglich sei, und glaubt, dass sich ein solches Prinzip in der viel komplexeren Psychologie nicht werde durchführen lassen. Die Bemerkung, dass das von dem Vorredner von vornherein ein Rest der Probleme als unlösbar bezeichnet wurde, sei charakteristisch. Nach dem Ignoramus komme das <!-- S. 223 --> Ignorabimus, und welche politische Partei an dem Ignorabimus interessiert sei, sei wohlbekannt. Redner fragt Hr. *Schrecker*, was er unter Intuition verstehe.

Hr. *Schrecker* (Wien) antwortet, dass Intuition das Erfassen der Seele ohne Tätigkeit des Verstandes sei.

Hr. v. *Hattingberg* (München) ist der Anschauung, dass das Hereinziehen von politischen und Weltanschauungsfragen gar nicht notwendig und auch nicht förderlich sei.

Hr. *Feri* (Wien) führt aus, dass sich aus der Geschichte der Wissenschaft beweisen lasse, dass die als funtamental bezeichneten Prinzipien quasi in der Luft liegen, besonders leicht sei das hinsichtlich des Gravitationsprinzips und der Transmutationslehre der Organismen zu zeigen. So erscheine denn ihm auch der Freudismus als eine Manifestation desselben Prinzips, das mache, dass in der französischen Literatur auf den Veristen *Zola* der Mystiker *Maeterlinck* folge, in der deutschen Literatur auf die *Weber* von *Hauptmann* die Werke von *Johannes Schlaf* und *Paul Scheerbart*, in der Zoologie auf die *Vogt-Haeckel*'sche Richtung der Vitalismus von *Schneider, Wolff* und *Driesch*. Er verweise darauf, dass gerade die Bekämpfung der Teleologie einen der wichtigsten Programmpunkte der *Vogt-Haeckel*'schen Richtung war, und dass gerade das Betonen der Teleologie für die hier betretene Richtung charakteristisch sei. Er sei nicht geneigt, es einem Zufall zuzuschreiben, dass das Emporkommen mächtiger politischer reaktionärer Parteien und der Psychoanalyse in eine und dieselbe Zeit falle und wegen des Vorwiegens teleologischer Momente halte er die ganze Psychoanalyse für ein grosses Unglück.

Hr. *Ranschberg* (Budapest) spricht sich gegen die Exklusivität der *Adler*schen Lehre aus.

Hr. *Adler* (Wien) erklärt, dass das von ihm aufgestellte Schema keine ausschliessliche Geltung beanspruche. Das, was erlernbar sei, wollte er behandeln, im übrigen handle es sich beim Erfassen des Lebensplans eines Individuums um eine künstlerische Anschauung. Ihm handle es sich um die Erkenntnis des Gemeinsamen in verschiedenen Phänomenen; Zweifel lasse er sich für später. Der hohe Wert einer nicht mystischen Teleologie sei für ihn nicht weiter fraglich. Er glaube wohl, dass auch bei einem Tier ein Lebensplan bestehen könne, hauptsächlich wegen der Zielsicherheit der Tiere. Er verweise auf die enge Zusammengehörigkeit z. B. der Katzenpfote und ihrer Funktion, sowie überhaupt der Form des Organs und seiner Verrichtung. Gegenüber *Bleuler* bemerke er, dass nur das bewusst werde, was das Individuum zur Realisierung seines Lebensplans brauche. Lebensplan und Zielstrebigkeit seien identisch.

Hr. *Wexberg* (Wien) bemerkt, dass die intuitive Psychologie zu Resultaten führe, die eine Aufklärung von Fragen bringe, die die Physiologie schon deshalb, weil es eine intuitive Physiologie nicht gebe, unmöglich lösen könne. Die Lust bei der Exkretion unterstreiche diese a priori unbetonten Vorgänge und durch Verdrängung entstehe die Angstlust; die Exkretion sei ein Vorgang, dessen Empfindung sexualähnlichen Charakter habe. Die Beziehung zwischen Angstlust und Masochismus sei belanglos. In erster Linie komme für den Masochismus das Minderwertigkeitsgefühl in Betracht.

Hr. *Strasser* (Zürich) weist auf den analerotischen Ursprung von Trotzhandlungen hin, sowie auf den analerotischen Ursprung von Zwangsgedanken beim Beten.

Hr. v. *Hattingberg* (München) weist zur Entstehung der Beziehung zwischen Angstlust durch Erregung sexualähnlicher Empfindungen und Exkretionsvorgängen auf die Nähe der diesbezüglichen Zentren im untersten Rückenmarksabschnitt hin. Die Zusammengehörigkeit sei nicht rein psychisch begründet.

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## III. *Sitzung* 20. *September* 1913 *vormittag.*

Fortsetzung der Diskussion über das Thema: Verdrängung und Konversion, besonders über die Fragen: Was ist die Wirkung der Verdrängung, was ist unter Widerstand gegen das Wiederbewusstwerden zu verstehen, was ist Wirkung der pathogenen Verdrängung?

Hr. *Bleuler* (Zürich) führt aus, dass man die Wirkung der pathogenen Verdrängung aus ihren Wirkungen ersehen könne und zwar, wenn Symptome zum Vorschein kommen, *welche* Symptome sich zeigen. Neurosen zeigen oft anfallsweises Auftreten, Tics etc. Die Verdrängung wird pathogen, wenn es sich um abnorme Personen handelt, z. B. bei latenter Schizophrenie. Nicht durch Mechanismen wird sie pathogen, sondern auf Grund von Disposition.

Hr. v. *Hattingberg* (München) bemerkt, dass sich der Widerstand darin zeige, dass sich der Patient gegen die Analyse wehre, so z. B. überträgt der Patient seinen Vaterkomplex auf den Analysator. Der Widerstand stellt sich ein, wenn dem Patienten nichts einfällt. Die unvollkommene Verdrängung ist pathogen, ebenso wirken aber auch total vergessene Szenen aus der Kindheit, indem sie die Hauptwirkung von Sexualwünschen z. B. verstärkt. Auch die Annahme ist begründet, dass unvollkommen verdrängte Wünsche pathogen sind, so findet sie sich bei homosexuellen Ehemännern, die an Bildern Befriedigung finden.

Hr. *Stekel* (Wien) findet, dass die Diskussion sehr unerquicklich ist. Die Frage des Widerstandes ist kompliziert; im wesentlichen handelt es sich um ein Ringen von Arzt und Patienten um die Herrschaft. Schon in den ersten Träumen der Analyse zeigt sich der Widerstand, dessen einfache Tendenz dahin geht, die Krankheit zu behaupten. Der Neurotiker zieht sich in seine Krankheit wie in ein Schneckengehäuse zurück. Es wäre empfehlenswert, von der Diskussion der Widerstandsfrage abzusehen.

Hr. *Bleuler* (Zürich) möchte die Diskussion nicht abgebrochen sehen. Es wäre nach allem, was in der Diskussion gesagt wurde, die Verdrängung ein Produkt des Krankheitswillens. Es könne dies aber nicht die einzige Möglichkeit sein, z. B. bei einem Widerspruch gegen das ethische Gefühl komme das in Betracht. Er habe diesbezüglich eine eigene Meinung. Ebenso wie Affekte einander unterdrücken können, könnte dies bei Ideen stattfinden. Ambivalente Ideen würden verdrängt, sie könnten nicht aufkommen. Später würden auch die zugehörigen Affekte verdrängt.

Hr. v. *Hattingberg* (München) bemerkt nachträglich noch, dass auch vollkommen Bewusstes pathogen wirken könne, so habe in einem von ihm beobachteten Fall von *Hysterie* die Patientin einen Koitus mit dem Bruder vollzogen, war sich aber jederzeit dieser Tatsache vollkommen bewusst. Es wurden ihr auch ihre alten sexuellen Wünsche gegen den Bruder zum Bewusstsein gebracht. Die Erkrankung bestand trotz des klaren Bewusstseins aller dieser Ereignisse fort.

Hr. *Stekel* (Wien) bemerkt, dass bei *Hysterie* ein Trauma den Wunsch nach einer Wiederholung erweckt und die Patienten diesen Wunsch abwehren wollen. Bei diesem Falle sei das besonders deutlich.

Hr. v. *Hattingberg* (München) erwidert, dass seiner Patientin alles bewusst war. Er sehe eine Analogie dieses Zustandes mit der posthypnotischen Suggestion darin, dass sich die Patienten nicht wehren können.

Hr. *Tauszk* (Wien) führt aus, dass die in der pothypnotischen Suggestion ausgeführten Handlungen hinterher rationalisiert werden. Das in einem hypnoiden Zustand Erlebte ist mit dem Kontinuum-Ich assoziiert und beherrscht durch Assoziationen alles. Er verweise darauf, dass, wie *Semon* gezeigt hat, alles <!-- S. 225 --> registiert werde, und so hänge auch das im Hypnoid Erlebte mit den gleichzeitigen Affekten zusammen.

Hr. *Feri* (Wien) bemerkt, dass er den Eindruck habe, dass die Konflikte Hysterischer mit dem Kampf zwischen Determinismus und Indeterminismus weitgehende Ähnlichkeit haben.

Hr. *Moll* (Berlin) konstatiert, dass die posthypnotische Suggestion vollkommen bewusst sein kann.

Hr. *Winkler* (Wien) demonstriert die Handschrift eines Mannes, dem hypnotisch die Verwendung des Buchstabens R verboten wurde. Es sei deutlich, dass er den Buchstaben nicht schreiben wolle.

Hr. *Stekel* (Wien) bemerkt, dass in einem der von ihm gestern erwähnten Fälle fortwährend das Bewusstsein und das Tagträumen wechselte. Es war sozusagen das geistige Gesichtsfeld nicht konzentriert, wie es de norma ist; es bestand ein fortwährender Wechsel im Fokus des Bewusstseins. Die Erziehung des Kranken verfolgt das Ziel, ihn zu offenem und klarem Denken zu bringen und den traumartigen Zuständen ein Ende zu machen.

Hr. *Frank* (Zürich) bemerkt, die ganze Debatte und die Ausführungen *Winkler's* zeigen, wie notwendig ein Unterricht in medizinischer Psychologie sei. Aufgabe der Diskussion sei es, Klarheit zu schaffen, z. B. über den Begriff des Widerstandes; dazu trage es aber nicht bei, wenn Widerstand gegen den Arzt und gegen das Wiederbewusstwerden zusammengeworfen werden. Das Unbewusstsein habe eine Art eigenen Bewusstseins, es beabsichtige krank zu sein; das sei nichts Neues. Es sei aber in den diesbezüglichen Publikationen grosse Vorsicht geboten, weil das Publikum wegen des Sexuellen sich sehr für diese Dinge interessiere. Für das Verständnis der Erkrankung sei das einzelne halluzinatorische Erlebnis wertlos, so lange nicht das Ganze vom Patienten gebracht werde, wie Redner Hr. v. *Hattingberg* gegenüber bemerke. Ein Erlebnis muss gründlich durchgesprochen werden, wenn es abreagiert werden soll, es muss mit dem früher Erlebten verbunden sein. Die Analyse im Halbschlaf, wie Redner sie übe, zeige, dass es eine Akkumulation der Affekte eben gebe, auch wenn es die Exploranden nicht zugeben wollen.

Hr. *Schrecker* (Wien) erklärt die von den Psychologen gegebene Affektdefinition für unbrauchbar. Deren ganzes Verhalten erinnere ihn an die Art, wie die Schildbürger das Sonnenlicht fangen wollten.

Hr. *Stekel* (Wien) will jetzt nur von der Sexualverdrängung sprechen, obwohl es auch Verdrängung nicht sexueller Affekte gebe, so z. B. einen sich akkumulierenden Wertaffekt, der bei der Analyse so stark werden kann, dass man dem Patienten etwas zum Zerstören geben muss. Dass es nur Vorstellungen mit Affekten gebe, sei richtig, wenn man die Affekte und die Affektivität *Bleuler's* identifiziere. Unter dieser Voraussetzung müsse man vom Zurückhalten des Affektes sprechen. Beim Widerstreit von Affekten gehe der schwächere nicht etwa verloren, sondern er werde verschoben, was nur dadurch möglich sei, dass es eine Akkumulation gebe. Die Affekte seien mit dem Erlebnis und mit der blossen Vorstellung nicht gleich fest verbunden.

Hr. *Klages* (München) führt aus, dass verdrängt und unbewusst, unterdrückt und beherrscht nicht identisch seien. Nur etwas Bewusstes könne verdrängt werden. Ein Erlebnis allein wirke erfahrungsgemäss nicht pathogen. Die von Hr. v. *Hattingberg* mitgeteilten Einzelheiten zeigen nur, dass es keine Ruhe gibt, solange nicht das Unbewusste ausgeräumt ist. Im Unbewussten wirken stark affektbesetzte Determinanten. Ein starkes Erlebnis wird im Tagtraum oder im Traum ekphoriert, wie die Analyse im Halbschlaf zeige. In jedem Moment dieses Zustandes würden zahllose Determinantenketten angeregt, besonders bei Künstlern. Hinsichtlich der <!-- S. 226 --> Suggestion sei er der Anschauung, dass die posthypnotische Suggestion bewusst oder nicht bewusst sein könne, die Autosuggestion nur unbewusst.

Hr. *Stekel* (Wien): **Zur Psychologie des Fetischismus**[^2].

Hr. *Frank* (Zürich) hat mehrere Fälle analysiert und würde auf Grund seiner Erfahrung einem Fetischisten nie die Ehe empfehlen. Die von Hr. *Stekel* mitgeteilten Fälle sind nicht rein, sondern mit Neurose kombiniert, der zweite mit Dementia praecox. Ein einziges Erlebnis wirke nie pathogen, es bilde nur den Kern für spätere Determinanten. Die Fetischisten sind alle Neurotiker oder Angstneurotiker. Der Überbau des Religiösen gehört nicht zum Fetischismus. Oft sind Fetischisten bisexuell, doch können normale, homosexuelle und fetischistische Phasen einander ablösen. Die Deutung des Fetischismus als Christusneurose sei sehr gewagt.

Hr. *Moll* (Berlin) findet, dass sich österreichische und deutsche Fetischisten offenbar sehr unterscheiden. Ein wichtiger ätiologischer Faktor sei auch in der Phantasie gegeben, und darum verbiete er den Patienten ihre diesbezüglichen Phantasien. Die normale Befriedigung sei zu erstreben, eventuell durch Bilder. Die von *Stekel* mitgeteilten Fälle flohen das Weib, seine eigenen nicht. Eine angeborene Störung sei der Fetischismus gewiss nicht. Fetischisten seien polygam, aber auch Normale seien dies oft genug. Viele gäbe es, die sich in das Sexualgebiet hineinfühlen, so z. B. Mädchen, die Männerkleider tragen, wollen es ihren Freunden gleichtun. Hinsichtlich der Ehefrage schliesse er sich *Frank* an. Jedenfalls sei eine vorhergegangene Aufklärung der Frau nötig. Von Christusneurose habe er bei seinen Patienten nichts finden können, speziell nicht bei fetischistischen Frauen.

Hr. *Winkler* (Wien) bemerkt, einen polygamen Musiker zu kennen, der wegen seines eigentümlichen Fetischismus als „Federmann“ in Wien bekannt sei. Von Christusneurose sei an ihm nichts zu merken.

Hr. *Stekel*: Schlusswort zur Diskussion über den Fetischismus:

Mit *Frank* werde er mich wohl kaum je verständigen können. Er spreche noch die Sprache der ersten Publikation von *Breuer-Freud*. Die weiteren Fortschritte der Psychoanalyse berücksichtige er eben gar nicht. Seine Heilungen seien kein Beweis für die Richtigkeit seiner Methode. Es heile nicht die Methode, sondern der Arzt, und bei Neurosen hätten die seltsamsten Prozeduren die wunderbarsten Heilerfolge.

Er wundere sich nicht, dass seine Ausführungen so wenig Verständnis gefunden hätten. Seine Forschungen seien eben den anderen weit voraus. Er müsse sich aber gegen *Moll*, der ihm den Vorwurf der Leichtfertigkeit mache, strenge verwahren. Wenn er einem Fetischisten zur Ehe rate, so sei er des Erfolges schon sicher. Er gehe aber so vor, dass er sich die Auserwählte kommen lasse — im Einverständnisse mit dem Kranken — und ihr von der Abnormität des Bewerbers Mitteilung mache. Sie habe dann die freie Wahl. In einigen Fällen habe er wirklich überraschende Resultate, allerdings nach der Behandlung gesehen. Begreiflich sei es bei dem komplizierten Baue dieser Neurosen, dass man mit der Hypnose keinen Erfolg erzielen könne. Die Hypnose heile nur ein Symptom, nie die Neurose als solche. Er hoffe aber, dass seine Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen, und die weiteren Forschungen seine Funde bestätigen werden.

Hr. *Frank* (Zürich): **Über den Schlaf und Schlafstörungen.**

Vortragender will über die Vorgänge bei Schlafstörungen sprechen, die bei Neurosen, speziell Psychoneurosen vorkommen. Bei diesen stellen sich oft Unruhe- und Angstgefühle ein, wenn Patient nur an den Schlaf denkt, und jede Störung der <!-- S. 227 --> dem Schlaf vorausgehenden, gewohnheitsmässig erfolgenden Handlungen stört die Schlafsuggestion. Auch der Erwartungsaffekt kann die Schlafsuggestion stören. Diese Tatsache findet sich auch bei Normalen, bei Zwangsneurotikern und anderen Neurotikern kann es zu heftigen Affektausbrüchen kommen, wenn gewisse Handlungen nicht vollzogen werden können. Diese Angst- und Befürchtungsgefühle beziehen sich oft auf Träume oder das Wiedererwachen. Im Einschlafen können sich Affektwirkungen aus dem Unbewussten hervordrängen, die Aufmerksamkeit erregen und so das Einschlafen hindern. Besonders die Sexualverdrängung ist als Ursache plötzlich auftauchender, als Schlafstörung wirkender Affekte anzusehen; aber auch die Ermüdung und Überanstrengung kann zu solchen Störungen durch Auftauchen affektbetonter Vorstellungen führen. Neurotiker liegen oft stundenlang in oberflächlichem Schlafe, in dem sich angst- und unlustbetonte Vorstellungen aus den verschiedensten Lebensperioden jagen. Das Traumleben dieser Patienten ist zu lebhaft, der Schlaf darum nicht erquickend, sie sind am Morgen müde. Im Traum spielen Affektwirkungen aus der Jugend eine besonders auffallende Rolle. Die Analyse im Halbschlaf zeigt auch die ausschlaggebende Wichtigkeit der Gefühlsbetonung. Es zeigt sich aber auch die durch die Spannung des verdrängten Affektes bedingte Schlafstörung auf bestimmte Zeiten, d. h. bestimmte Schlaftiefe eingestellt, zu welchen Stunden immer die gleichen Träume sich einstellen. Dahin gehört der Pavor nocturnus. Das Zusammenschrecken im Halbschlaf ist durch angstbetonte Szenen bedingt, nach deren Abreagieren das Zusammenschrecken bzw. der Pavor nocturnus aufhört. Es zeigt sich dabei immer, dass eine Anzahl von Ereignissen nötig ist, um diese Phänomene entstehen zu lassen. Die bei Neurasthenikern typische Müdigkeit nach dem Erwachen ist Folge einer intensiven Traumtätigkeit, wie sie sich auch bei depressiven Zuständen, besonders bei manisch-depressivem Irresein findet. Verstimmungen, selbst mit Selbstmordtrieb können dabei zustande kommen. Diese Stimmungen können im Wachzustand wieder verschwinden oder auch assoziativ durch harmlose Erlebnisse ausglöst werden. Das Erwachen aus dem Schlaf ist durch die Reize unserer Sinne bedingt, die die oberbewusste Aufmerksamkeit wieder zu erregen vermag. Der Schlaf ist das Zurücktreten der Aufmerksamkeit und der Zustand der Affektruhe. Ein zu weit gehendes Ermüdungsgefühl kann auch zur Schlafstörung führen. Das Einschlafen verhält sich zum Schlaf, wie die Dämmerung zur Nacht.

Hr. *Winkler* (Wien) weist auf den Zusammenhang von Blutdruckabfall und Einschlafen, Blutdrucksteigerung und Aufwachen hin, sowie auf den Zusammenhang von Affekten und Blutdrucksteigerung. Ermüdung führe je nach ihrer Stärke zur Blutdrucksteigerung oder Blutdrucksenkung. Der Neurastheniker könne aus anderen Gründen nicht einschlafen wie der Psychoneurotiker. Oft genug kamen somatische Ursachen in Betracht, z. B. das Ermüdungsgefühl. Auch könne er nicht zugeben, dass alle Menschen träumen, er habe in den letzten Jahren gewiss nicht geträumt.

Hr. *Frank* (Zürich) erwidert, dass man ebensogut wie die Blutdruckveränderungen auch die Temperaturschwankungen als Ursachen des Schlafes bezeichnen könne. Zur Traumbeobachtung müsse man geschult sein, sonst könne man nichts davon beobachten. Redner erklärt sich ausserstande, mit Sicherheit Psychoneurosen und Neurasthenie zu trennen.

Hr. L. *Klages* (München): **Zur Theorie und Symptomatologie des Willens.**

Vortragender will eine prinzipielle Frage besprechen, die ihn sehr interessiere, da er sich schon seit langem mit dem Charakterproblem und dem Ausdruck des Charakters z. B. in der Schrift beschäftige. Das Ich ist der Ausgangspunkt der inneren oder äusseren Bewegungen. Alle Theorien, die sich mit diesem Thema befassen, weisen eine Lücke auf, indem sie nur eine Seite dieses Bestandes würdigten. Bei der all<!-- S. 228 -->gemein verbreiteten, mit anatomisch-physiologischer Denkweise durchsetzten Anschauung ist das Willenserlebnis eine blosse Begleiterscheinung. Fasst man den Willen als bewegende Kraft auf, so kann man ihn mit allen treibenden Kräften identifizieren, wie das *Wundt* und *Schopenhauer* gemacht haben. Der Willensaffekt schliesst dann mit einer pantomimischen Bewegung ab. Eine zweite Auffassung des Selbsterlebnisses ist dadurch ermöglicht, wenn das Ich als unbewegt betrachtet wird. Die Selbstbesinnung bestätigt diese Auffassung, indem sie ergibt, dass der Wille unbewegt ist. Die Sprache zunächst bezeichnet den Willen als hart, unbeugsam, eisern etc., lauter Ausdrücke, die mit Bewegung nichts zu tun haben. Auch die naive Volksauffassung bestätigt diese Ansicht, indem sie Gefühls- und Willensmenschen als Gegensätze aufstellt, von Gemüts-, nicht aber von Willensbewegungen spricht. Dem Willen kommt eine dirigierende Funktion zu; ebenso wie das Unbewusste die Gedanken dirigiert, ohne selbst mit dem Denken identisch zu sein, ebenso veranlasst der Wille Bewegungen, ohne selbst Bewegung zu sein. Es ist hier daran zu erinnern, dass die alten Philosophen im Willen den Welturgrund sahen, indem sie einen Teil ihres Innern nach aussen projizierten. In diesem Sinne spricht *Aristoteles* von dem πρῶτον κινοῦν ἀκίνητον. Die Bewegung ist Übertragung, der Zweck ist ruhend. Ein allgemeines Erfahrungsgesetz sagt uns, dass der Willensakt weiterhin auf reflektorische Bewegungen hemmend wirkt (z. B. das Niesen), aber auch nicht reflektorische können durch den Willensakt erheblich gestört werden, so z. B. erklärt sich die Verlegenheit, die junge Leute in Gesellschaft befällt, wo sie sich lebhaft und amüsiert geben wollen. Aus allen diesen Einzelheiten folgt der Schluss: der Wille ist nicht das Massgebende bei der Willkürbewegung, sondern er stört, auf den Ablauf der Bewegung gerichtet, die Bewegung selbst. Das Wort Willenskraft, das den Willen als Bewegungsursache aufzufassen scheint, widerlegt diese Auffassung nicht; Bewegungsursachen sind die Triebe, die im Innern wirkend, zwar des Objekt wechseln, aber auf eine bestimmte Kategorie eingestellt sind. Das Ziel ist im Trieb selbst enthalten, und nur deshalb kann es sich erfüllen. Das Wollen kann sich auf dasselbe Objekt erstrecken, kann immer das gleiche Ziel haben, der Wille ist frei von Trieben, er ist vom Trieb qualitativ verschieden. Er kann, soweit die Denkbarkeit reicht, jedes Ziel verfolgen, die Triebe sind a priori gerichtet. Was nun die Meinung betrifft, dass der Wille sich aus dem Bewusstsein entwickelt, sei an die Unterscheidung erinnert, die sich in der Philosophie der Griechen findet, an die Verschiedenheit von νοῦς παθητικός und νοῦς ποιητικός, von denen ersterer den Trieben, letzterer dem Willen entspricht. Pathische Menschen sind sensibel, sie produzieren fortwährend Gefühle, für sie ist Raum, Licht, Dunkelheit, Kälte, Wärme nicht immer dasselbe; die Differenz ist im Gefühl gelegen. Der Unterschied von Trieb und Willen ist durch den geistigen Akt gegeben, der die Qualitäten abspaltet und dadurch das Wollen von der Qualität des Zieles unabhängig macht. Beim Übergang vom Trieb zum Wollen bleibt nur das Moment der Energie übrig, der Drang, Hindernisse zu überwinden. Aus den Trieben sind Interessen geworden. Der Wille ist einer bewegenden Kraft ähnlich, aber er ist keine, ebenso wie das Apperzipieren eines Objektes vom Empfinden verschieden ist. Damit ein Gegenstand werde, muss ein instantaner Akt stattfinden. Subjekt und Welt der Objekte werden so getrennt. Derselbe geistige Akt des Erfassens der Wirklichkeit trennt die Triebsphäre und die Willenssphäre. In der Welt des Erfassens gibt es Ziele, nicht eine Aufnahme von Bildern. Derselbe geistige Akt schafft die spezifische Funktion dieses Zustandes, das Urteilsvermögen. Das Wollen ist auf Gegenstände gerichtet, ist kein fluktuierender Prozess, sondern auf begreifliche Punkte eingestellt. Das Wollen ist gradlinig. Auch unsere Wissenschaft ist auf das Wollen begründet, das einen Abstraktionsprozess vorstellt und auf die gesetzmässige Welt sich bezieht.

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Aus dieser Eigenschaft begreift man das Wollen als Regulator der unwillkürlichen Bewegungen, man begreift auch die Zusammengehörigkeit von Willen und Ordnung in charakterologischer Hinsicht. In letzerer Hinsicht ist von Wichtigkeit die Abspaltbarkeit der Triebe, die sonst ein Zweckstreben unmöglich machen würden. Das Triebleben verläuft rhythmisch, das Willensleben regelmässig; der Rhythmus ist die Wiederkehr von etwas Ähnlichem, doch muss die Eurhythmie unterbrochen sein, weil sonst der Parademarsch in seiner absoluten Regelmässigkeit ein Ideal vorstellte, was gewiss niemand behaupten wird. Weiterhin ist das Hervortretende des Motorischen von Wichtigkeit im Gegensatz zum Sensorischen, weil nur so das System realisiert werden kann. Schliesslich muss eine Monarchie der Interessen vorhanden sein, weil sonst das Bestehen von mehreren Interessen eine Willensentscheidung unmöglich macht. Willensfähigkeit und Willensstärke darf man nicht verwechseln. Unsere Zeit hat nur den Willen, auch der Neurotiker hat ihn, aber es fehlt ihm an Willensstärke. Vortragender hat an den Schreibbewegungen, einer besonderen Art von Ausdrucksbewegungen, die Willenstypen studiert. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Studien sind, dass pathische Menschen rhythmisch, Willensmenschen regelmässig schreiben, dass Grösse der einzelnen Züge, ihre Geradlinigkeit von Bedeutung sind. Vortragender wird an Hand von Lichtbildern die genannten Phänomene demonstrieren, sowie die charakteristischen Züge in der Schrift bei leichtem, bei schwerem Wollen, bei vollem und leerem Wollen (welch letzteres bei Hysterie und Eigensinn besonders vorkommt), bei geistigem (theoretischem, künstlerischem) und stofflichem (praktischem) Wollen.

## IV. *Sitzung.*

Hr. *Klages* (München): **Demonstration von Lichtbildern.**

Hr. *Winkler* (Wien): **Über Mitempfindungen.**

Mit Beziehung auf Untersuchungen, die *Bleuler* vor ca. 30 Jahren veröffentlicht hat, berichtet Vortragender über eine „sensorielle“ Theorie der Mitempfindungen, z. B. der Audition colorée, die im wesentlichen besagt, dass die Mitempfindungen dadurch entstehen, dass von dem z. B. durch Irradiation erregten Sinneszentrum der Hirnrinde ein Reiz retrograd zu dem Sinnesorgan verlaufe, dort einen Reiz setze, der dann als Photisma empfunden würde. Die Retina empfange nicht nur Lichtreize, sondern auch Bewegungsreize, ebenso die anderen Sinnesorgane. Blutdrucksteigerung bewirke immer eine Unlustempfindung.

Hr. *Feri* (Wien) bemerkt, dass Blutdrucksenkung, sowie Temperaturabfall von den sedativ wirkenden Nervinis erzeugt würde, ebenso wie Erregung und Temperatur- und Blutdrucksteigerung von anderen antagonistisch wirkenden Präparaten. Es wäre viel passender, zu sagen, dass die zum Schlaf führenden Veränderungen auch zu Blutdruck- und Temperatursenkungen führen, als die Blutdruckveränderungen als Ursache des Schlafes zu proklamieren. Auch den Zusammenhang von Blutdrucksteigerung und Unlustgefühlen bestreite er, denn nicht bei allen Menschen sei geistige Tätigkeit, die immer mit Blutdrucksteigerung einhergehe, mit Unlustgefühlen verbunden. Er frage noch, was Vortragender unter Bewegungsreizen der Retina verstanden habe.

Hr. *Niessl v. Mayendorf* (Leipzig) glaubt, dass die Mitempfindungen durch Überspringen des Reizes in den subkortikalen Zentren zustande kommen. Das Mitwirken des Kortex sei dabei nicht unbedingt erforderlich.

Hr. *Feri* (Wien) kann nicht glauben, dass die zum Teil höchst komplizierten Musikphantome in subkortikalen Zentren entstehen können, und verweist darauf, dass *Winkler's* Theorie eine weder experimentell, noch klinisch gestützte Voraussetzung enthalte, nämlich die Fähigkeit der doppelsinnigen Erregungsleitung zentraler Fasern.

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Hr. *Niessl v. Mayendorf* (Leipzig) erwidert, seine Auffassung sei durch einen eigenen Fall und durch Mitteilungen von *Henschen* gestützt.

Hr. *Winkler* (Wien) antwortet, dass Bewegungsreize der Retina eben Bewegungen der Zellen der Retina wären.

Fr. *Eppelbaum* (Zürich): **Über das Assoziationsexperiment mit besonderer Berücksichtigung der Alkoholiker.**

Vortragende macht den Versuch, die Erfolge der Züricher Schule mit dem Assoziationsexperiment in Hinsicht auf die Psychologie der Persönlichkeit zu diskutieren, und zeigt, dass das Assoziationsexperiment für die gesamte Psyche mit ihrer kontinuierlichen Aktivität nichts anderes als eine Einübung (das Mechanische), eine Art mechanische Einfügung in den Gesamtbau einer Persönlichkeit ist.

Bei Idioten, Imbezillen und Epileptikern besteht eine abnorme Oberflächlichkeit der Assoziationen, die im wesentlichen auf eine Verdeutlichung des Reizwortes hinausläuft. Vortragende schien den Kranken ein Lehrer zu sein. Der Epileptiker ist weiter differenziert als der Idiot. Sein Persönlichkeitsideal ist auch der Lehrer, zur Sicherung seines Ideals geht er kompliziertere Wege. Die Dementia praecox hat Bruchstücke von Ideen und Begriffen neben den eingeübten und eingelernten. Die Persönlichkeit, die Lebensleitlinie macht die Komplexe klar. Der Schizophrene entweicht der Realität und behauptet starr sein Endziel. Die Komplexreaktionen sind Kunstgriffe, die von dem Lebensplan verlangt werden und eine Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls bezwecken. Den Kranken bleibe nichts übrig, als Stücke des Lebenszieles auf Reizworte hin zu verraten. Bei Alkoholikern finden sich flache Assoziationen vom Wiederholungstypus, die zum Teil während des Experimentes entstehen, ebenso entstandene Wortzusammensetzungen, Definitionen, Fragen als Reaktionen im Assoziationsexperiment. Bestimmend ist oft für die Assoziationsweise der Wunsch, in die Freiheit zu gelangen. Die Komplexe (Brandstiftung etc.) wirken, entgegen den Erwartungen, die man an die Arbeiten der Züricher Schule anknüpfen könnte, nicht. In seinen Assoziationen ist der Alkoholiker dem Gesunden ähnlich. In der Kindheit erweist sich, der Alkoholiker reizbar, jähzornig, doch ist ihm sein Affekt nur Mittel zum Zweck, sowie dem nervösen Charakter. Neid, Bosheit, Egoismus, Aggressivität auf der einen, Güte und Gehorsam auf der anderen Seite stehen im Dienste seiner Zwecke, des Willens zur Macht. Der Alkohol bedeutet nur eine Beseitigung der Hemmungen, die ihm entgegenstehen, trotz der Wirklichkeit gegenüber; im Rausch wird der Willen zur Macht frei. Der Alkohol steht im Dienst einer Fiktion und erhöht das Persönlichkeitsgefühl, das unter dem Gefühl einer konstitutionellen Minderwertigkeit leidet, eine Auffassung, die *Adler* zuerst vorgetragen habe und die sich auch durch die Versuche der Vortragenden als richtig erwiesen habe.

Hr. v. *Hattingberg* (München) fragt, ob sich *Adler* mit diesen Ausführungen identifiziere.

Hr. *Adler* (Wien) antwortet, dass er auf dem Gebiet der Assoziationslehre nicht gearbeitet habe, aber die Ausführungen der Vortragenden für plausibel halte.

Hr. v. *Hattingberg* (München) teilt spöttisch mit, wenn das so sei, werde sich hoffentlich niemand daran stossen, dass er in der nächsten Versammlung des Vereins einen Vortrag halte über die Lebenslinie des Paralytikers und über die progressive Paralyse als Kunstgriff zu deren Verwirklichung.

Hr. *Adler* (Wien) bemerkt, dieser Scherz zeige deutlich, wie wenig Hr. v. *Hattingberg* das Wesentliche erfasst hätte.

Hr. *Feri* fragt, ob Vortragender auch typische Alkoholpsychosen untersucht hätte.

Fr. *Eppelbaum* verneint.

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Hr. *Strasser* (Zürich): **Nervöser Charakter, Disposition zur Trunksucht und Erziehung.**

Was bis jetzt gegen den Alkoholismus getan wurde — und die grossen Erfolge dieser Bewegung dürften wohl nicht in Frage kommen — ging wohl darum nicht völlig auf den Grund, weil es auf der einseitigen Anschauung fusste, dass die Trunksucht als ein in sich abgeschlossenes Krankheitsbild zu betrachten sei. Dabei übersah man, dass die Trunksucht ein Symptomenbild ist, welches von der kontinuierlichen Basis menschlichen Seelenlebens aus zu konstruieren ist und, weil es auf solcher Basis ruht, muss es seine Vergangenheit und seine Zukunft, seine *intuitive Aktivität* haben. Schon diese Erwägung dürfte dazu führen, dass die Behandlung jugendlicher Alkoholiker in die Hände des Pädagogen gelegt werden sollte. Aus welchen Kindern später Alkoholiker werden, kann nun freilich nicht ohne weiteres im voraus bestimmbar sein. Aber die Krankengeschichten der späteren Trinker zeigen uns, dass ihre Charakterzüge im Alter Verstärkungen derjenigen vor dem Alkoholmissbrauch, und als solche die nämlichen sind, wie die eines neurotisch veranlagten, ja eines eigentlichen gesunden Kindes. Es zeigt sich auch bei ihnen das auf organischer Minderwertigkeit beruhende Insuffizienzgefühl. So litt ein hünenhaft gebauter Mann an einer Magendarmminderwertigkeit, kam sich selbst unmännlich vor und wollte sich durch Trinken beweisen, dass er ein rechter Mann sei. Er provozierte in der Trunkenheit einen Mann, musste dann revozieren, betrank sich wieder zur Hebung seiner Stimmung und verfiel dann in Selbstmordgedanken, die seine Niederlage bemänteln sollten, im ganzen ist also die Tendenz ersichtlich, das Persönlichkeitsgefühl durch Beseitigung des Minderwertigkeitsgefühls zu erhöhen. Der Kampf darf nicht gegen den Alkoholismus gerichtet sein, sondern gegen die Grundlage, die neurotische Disposition. Die Entfernung des Vaters ist nicht alles. Der zum Alkoholismus Disponierte hat die Neigung, dieselben Kunstgriffe zu verwenden, wie der Neurotiker, beziehungsweise das neurotische Kind. Der Erzieher muss das Kind intuitiv erfassen, da die Suggestion und die Analyse, die einzigen noch möglichen Methoden nicht anwendbar sind, die Suggestion deshalb, weil sie eine gewichtige Persönlichkeit erfordert, während bei der Erziehung der Erzieher hinter seine Absicht zurücktreten soll, die Analyse deshalb, weil sie nicht alle Zusammenhänge aufdeckt, ein Ding immer durch das erklärt, was es nicht ist. Beide Verfahren wollen das kontinuierlich bewegte Seelenleben in Unbewegtes überführen, um dann wieder den umgekehrten Weg zu gehen. Die Intuition vermeidet aber, dem Kinde die Weltanschauung des Erziehers aufzudrängen, die intellektuelle Einfühlung ist der einzig gangbare Weg.

Dieser Gedanke ist sowohl die Grundlage der *Bergson*'schen Philosophie, wie, unabhängig von ihr, auf therapeutischem Gebiete, die Leitlinie der Charakterlehre, der individualpsychologischen Forschung Alfred *Adler's*. Kann erst der Pädagoge diesen Weg betreten und wird er sich in die Lebensziele des Kindes hineinfühlen, vermag erst einmal der Erzieher so zu handeln, als ob er die betreffende kindliche Konstitution selbst in sich trüge, und seine Aufgabe darin zu erkennen, nicht den Mitmenschen, sondern den Menschen erziehen zu wollen, dann gelingt es ihm, durch seine Mitarbeit die Umgestaltung des kindlichen Lebensplanes zu fördern, und einem zur Trunksucht disponierten Kinde also die Möglichkeit zu nehmen, den Alkohol ebenso, wie die anderen Ausdrucksformen der Neurose in der Zukunft als Kunstgriff zu verwenden.

Fr. *Stricker* (Wien) weist auf die Gefährlichkeit der Intuition hin.

Hr. *Löwy* (München) gibt den Wert der Intuition zu, warnt aber vor der Einführung dieser Methode in die Lösung eines eminent sozialen Problems.

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Hr. *Frank* (Zürich) stellt fest, dass sich die Ausführungen von Hr. *Strasser* nur auf bestimmte Typen von Alkoholikern bezogen haben.

Hr. v. *Hattingberg* (München) bemerkt, dass der Vortrag *Strasser's* beweise, wie sehr er vorhin recht gehabt hätte, auch die Paralysis progressiva als Kunstgriff zu bezeichnen.

Hr. *Schrecker* (Wien) bemerkt, Intuition und Intuition sei nicht dasselbe. Der hohe Wert der Intuition stehe fest.

Fr. *Stricker* (Wien) bemerkt, dass ihre Bedenken nicht widerlegt sind.

Hr. *Strasser* bezeichnet die Intuition als künstlerische Tätigkeit.

Hr. *Niessl v. Mayendorf* (Leipzig): **Das Wesen der Geisteskrankheit.**

Die Erkenntnis vom Wesen einer Erkrankung bringt die Erklärung ihrer Erscheinungen, für welche die gewebliche Veränderung des erkrankten Organes die Veränderung ihrer Leistung verständlich macht. Die psychopathischen Phänomene bedürfen, um als solche richtig gewertet zu werden, der psychologischen Analyse, deren Ergebnis in seiner Beziehung zum Gehirnorgan nur als die Lücke eines Mechanismus verstanden werden kann.

Melancholische und maniakalische Zustandsbilder bereiten dem nach ihrer Genese Forschenden sowohl ihrer psychologischen Wurzel nach, als pathologische Übertreibungen der Gefühlshöhe und Gefühlsdauer, als ihrer physischen Grundlage nach, als abnorme Oxydationsphasen der Hirnrinde — seien dieselben durch abnormen Stoffwechselumsatz primär, seien sie durch abnorme Beschaffenheit und Funktionen der Vasomotoren sekundär bedingt — keine Schwierigkeiten.

Anders bei den sog. Erkrankungen des Verstandes, bei jener Paralogik, welche in Wahnbildung und Sinnestäuschung *bestimmte* Gedankengänge uns unverständlich werden lässt. Hier will man Lücken im Vorstellungsablauf, im Erkranken des *Vorstellens* suchen und vergisst, dass die Aneinanderreihung zielstrebender Vorstellungen, ebenso wie das Erwachen derselben und ihr Inhalt von *Gefühlen* abhängig ist. Die mangelhafte Korrektur ist, wie dies vom Vortr. in einem Vortrag auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie 1911 gezeigt wurde, auf eine abnorme Gefühlsbetonung der die Korrektur herbeiführenden Gedankengänge zurückzuführen, denn die Wahl des einzig Richtigen, d. h. die Bestimmung ihres Inhalts hängt ausschliesslich von dem Eintreffen des normalen Gefühls ab. Die körperliche Erscheinung des totgeglaubten Freundes überzeugt den von der Wahnidee seines Todes Befangenen deshalb nicht, weil sie für *ihn* nicht mit jenem Gefühl der frohen Beruhigung verbunden ist, als für den, welcher bei gesundem Geistesleben seinen Tod nur befürchtet. Jede Sinnestäuschung eines Geisteskranken schliesst eine Wahnbildung in sich. Nicht nur der Inhalt einer Sinnestäuschung wird von dem beherrschenden Gefühl diktiert, nicht nur die Unmöglichkeit ihres Bestehens innerhalb des logisch geordneten Weltbildes wird nicht erkannt, auch der Unterschied zwischen endogen aufgetauchtem und exogen erzeugtem Wahrnehmungsbild verschwindet. Der Gehirnmechanismus, welcher die veränderte Gefühlsbetonung in einer Veränderung der Stoffwechselvorgänge, respektive der Oxydationsphasen jener Hemisphärenteile aufklärt, die keine Projektionsflächen der Sinnesorgane sind, erklärt auch das Sinnenfälligwerden der gedanklichen Reproduktionen bei Geisteskranken, indem das Verhältnis der Oxydationsphasen zu denjenigen der kortikalen Projektionsflächen zu denjenigen der stummen Rindengebiete in dem Zustand der Geisteskrankheit sich so verändern kann, dass es im Akte der Erinnerung demjenigen im Akte der Wahrnehmung des Geistesgesunden gleicht und so zu der Täuschung Anlass gibt.

Demenz ist keine Armut an Vorstellungen, sondern ein Zustand der Unfähigkeit, die Vorstellungen zu erwecken und zweckentsprechend zu ordnen. Der Nachweis <!-- S. 233 --> des Bestandes der scheinbar verschwundenen Vorstellungen gelingt dann, wenn sie ohne Ziel für das Individuum hervorgerufen werden.

*Alle Geisteskrankheiten sind Erkrankungen der Gefühle*, deren Substrat in den Oxydationsphasen der Rinde des Grosshirns gesucht werden muss.

Hr. *Schmidt* (Wien): **Schillers Frauengestalten.**

Vortr. zeigt die Leitlinien der wichtigsten Frauengestalten in Schillers Dramen und demonstriert an ihnen die richtunggebenden Endzwecke (meist Willen zur Macht, männlicher Protest gegen die weibliche Funktion). *Adler's* teleologische Erklärung der Neurosen löst die scheinbaren Widersprüche auf und macht die sonderbaren Expansionen der einzelnen Frauen als Kompensationen ihres ursprünglichen Minderwertigkeitsgefühls verständlich.

Dr. K. F. (Wien).

<!-- Ende der Chronik. Es folgt im Heft die Rubrik «Varia» («Zur Kinderpsychologie», gezeichnet «Dr. W. B.»), die nicht dazugehört und nicht wiedergegeben wird. -->

[^1]: Zu den Vorträgen von Adler, Häberlin, Hattingberg, Schrecker war die „Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde“ geladen.

[^2]: Erscheint in extenso in dieser Zeitschrift.

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*Fuente:* transcripción a partir del número doble del *Zentralblatt für Psychoanalyse und Psychotherapie* 4 (1913/14), H. 3/4 (diciembre de 1913/enero de 1914), págs. 193-233, digitalizado en Internet Archive (zb4191434; recorte local de las 41 páginas en `materiales/furtmuller/1913/1913-12_Bericht-Jahresversammlung-Verein-medizinische-Psychologie-Wien-1913_ZB4-H3-4__archive/`). La capa de texto OCR del PDF se corrigió página a página sobre las imágenes. La crónica va firmada solo con las iniciales «Dr. K. F. (Wien)», que el índice del volumen 4 resuelve como «F., K. Dr.»; la atribución a Carl Furtmüller es probable, no segura. Es una crónica redactada en estilo indirecto, con resúmenes de las ponencias (algunos son autorresúmenes de los ponentes, como el texto de Häberlin, leído por Frank) y de las discusiones; en la del 19 de septiembre por la tarde se resume también una intervención del propio Furtmüller (S. 222). Ortografía y erratas del original sin corregir («verdängt», «elektrische Batterie», «funtamental», «registiert», «pothypnotisch», «Wertaffekt», «hönnen», «Freschls», «Ranschberg» junto a «Ranschburg», «Lipp'sche», «Aanalogien»). Se omiten el final del autorresumen que precede en la pág. 193 y la sección «Varia» que sigue en la pág. 233, ajenos a la crónica. El espaciado del original se da en cursiva y los títulos de las ponencias, en negrita como en el impreso. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
