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Title: Nuda veritas
Description: Zentralblatt für Psychoanalyse 1 (1910/11), H. 5/6 (März 1911), Rubrik „Varia“, S. 273-274. Gezeichnet: Dr. Carl Furtmüller.
Author: Carl Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller/original/1911-03%20Nuda%20veritas
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<!-- Zentralblatt für Psychoanalyse 1 (1910/11), H. 5/6 (marzo de 1911), sección «Varia». Le preceden en la misma página dos notas firmadas «Dr. E. H.» (Hebbel; Goethe y Eckermann) y le siguen dos firmadas «Dr. W. St.»; no se transcriben. -->

<!-- S. 273 -->

## Nuda veritas.

Wer aus der symbolischen Bezeichnung der Wahrheit als „nackt“ auf eine sexuelle Grundlage des Strebens nach Wahrheit schliessen wollte, könnte sicher sein, auf heftigen Widerspruch zu stossen; man würde ihm eine rein abstrakte Erklärung des metaphorischen Ausdrucks entgegenhalten. Die Sprachpsychologie zeigt uns jedoch, dass der Gebrauch eines Wortes in übertragener Bedeutung für seine Entstehung immer eine sehr sinnfällige Beziehung voraussetzt, mag diese im Laufe der Zeit auch noch so sehr verblassen; sie zeigt uns auch, wie eine so verblasste Beziehung unter den geeigneten psychologischen Bedingungen im Bewusstsein des Sprechenden in ursprünglicher Frische wieder aufleben kann. Und dieses Ergebnis der Sprachpsychologie wird von der Psychoanalyse nicht nur bestätigt, sondern ausserordentlich erweitert und vertieft. Wer durch solche Erwägungen seinen Skeptizismus gemildert hat, dem wird es vielleicht als kein Zufall erscheinen, dass so viele der Maler und Plastiker, die sich die „nuda veritas“ zum Vorwurf genommen haben, das sinnliche, oft könnte man fast sagen das exhibitionistische Moment in der Nacktheit stark betonen, während abstrakte Erwägungen ja gerade zu einer entgegengesetzten Auffassung des Vorwurfs führen sollten. Er wird daraus schliessen, dass diese Künstler instinktiv gefühlt haben, worauf der symbolische Ausdruck deute.

<!-- S. 274 -->

Einen gewissermassen dokumentarischen Nachweis für den Zusammenhang von Sexualtrieb und Forscherfreude — wenigstens in einem einzelnen Falle — geben nun einige Sätze Multatulis, die hier angeführt werden sollen. Es wird niemand wundernehmen, dass sie von einem Dichter stammen, der auch wissenschaftlich tätig war, und nicht von einem zünftigen Gelehrten. Bei diesem ist ja die zugrunde liegende Verschiebung völlig gelungen und so kommt ihm der ursprüngliche Tatbestand nicht zu Bewusstsein. Er kann den Ausdruck „nackte Wahrheit“ nur auf abstrakten Verstandesbrücken begreifen; der Künstler, der in gewissen Epochen seines Lebens zur Wissenschaft flüchtet, kann seinen Sinn *erleben*.

Die Stelle ist einem Briefe Multatulis entnommen (an Max Roost. Multatuli-Briefe, herausg. von Wilhelm Spohr, 2 Bd., S. 72 f.) und lautet:

> „… Ich hoffe, ich hoffe, eine vereinfachte Methode für die Trigonometrie zu finden. Alle Schüler werden mir dankbar sein. Und ich habe noch viele andere Dinge von dieser Art zu untersuchen. Es ist herrliche Poesie, das Aufheben des keuschen Gewandes der Natur, das Suchen nach ihren Formen, das Forschen nach ihren Verhältnissen, das Betasten ihrer Gestalt, das Eindringen in die Gebärmutter der Wahrheit. Siehe da die Wollust der Mathematik!
>
> Und — ich Tor! — ich bin ihr Freund! Wahrlich, sie stösst mich nicht zurück, ergibt sie sich gleich nicht mühelos. Just Mysterium genug, um gewünscht und begehrt und angebetet zu bleiben. Nicht genug, um den stürmischen Bewerber mutlos zu machen. Ich habe ihre Fussknöchel, ihre Kniee gesehen, ja die Hüfte und die Lenden, dann und wann … aber, aber, dann stösst sie mich weg und flieht dahin, Daphne, die sie ist, Sylphe, die sie ist, Irrlicht, Courtisane, Jungfrau … und bei all dem die grosse, mächtige Isis, die Frau Jehovah, die ist, war und sein wird, unveränderlich, unantastbar, unvernichtbar: das Sein, die Wahrheit.“

Dr. Carl *Furtmüller*.

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*Fuente:* transcripción a partir del cuaderno doble del *Zentralblatt für Psychoanalyse* 1 (1910/11), H. 5/6 (marzo de 1911), digitalizado en Internet Archive (zb1191156), sección «Varia», págs. 273-274. La capa de texto del PDF se cotejó con las imágenes de las dos páginas. Ortografía original; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. La nota se cita en el índice de materias del mismo volumen (H. 12: «Furtmüller, Nuda veritas»).
