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Title: Erwin Wexberg: Individualpsychologie [Rezension]
Description: Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift (Wien) 22 (1929), Nr. 2 (Februar), S. 100–101, Rubrik «Bücher»
Author: Aline Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller-aline/original/1929-02%20Erwin%20Wexberg%20-%20Individualpsychologie
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<!-- S. 100 -->

<!-- Rúbrica: «Bücher». Antes, en la misma página, terminan una reseña firmada por Heinrich Soffner y la de Felix Kanitz, «Unsere Arbeit», firmada por Karl Ausch; no se transcriben. -->

# Individualpsychologie.

**Erwin Wexberg: Individualpsychologie.** Eine systematische Darstellung. S. Hirzel, Leipzig, 1928.

Zum erstenmal liegt hier eine systematisch aufgebaute und allseitig umfassende Darstellung dieser neuen Lebenslehre, Seelenkunde, Heilmethode, Erziehungstechnik vor: all das ist die von Alfred Adler begründete Individualpsychologie, darin liegt ihre große Verbreitungskraft und Anziehung — darin lag aber auch bisher eine große Gefahr. Denn jeder, der auch nur ein paar Schlagworte der neuen Richtung aufgefangen hatte — „Minderwertigkeitsgefühl“, „Trotzeinstellung“, „Entmutigung“ —, war erstens sofort überrascht und betroffen von der tiefen Richtigkeit der individualpsychologischen Feststellungen, wurde zweitens zum begeisterten Anhänger der Lehre, soweit er sie kannte, versuchte aber drittens, leider, sich selber darin zu betätigen. Eine neue „Menschenkenntnis“ — wie verlockend! Wexberg vergleicht in der schönen klaren Einleitung des Buches mit Recht die umwälzende Wirkung der Individualpsychologie auf die Alltagspraxis mit der Wirkung des Marxismus, der ja ebenso auf rein wissenschaftlicher Grundlage fußend, augenblicklich mit geradezu religiöser Inbrunst angenommen oder bekämpft wurde. Und hier wie dort sehen wir den „Gefühlssozialisten“ oder den „Gefühlspsychologen“ ohne rechte Kenntnis und Gründlichkeit oft genug Unheil anrichten.

Gegenüber der beschreibenden, bloße Teilfunktionen der Seele beobachtenden bisherigen Psychologie geht die Individualpsychologie vom Individuum, von der Persönlichkeit aus. Dabei übernimmt sie von der Biologie, der hochentwickelten Wissenschaft vom lebenden Organismus, die Feststellung von der Finalität, der Zweckhaftigkeit alles Tuns und wendet sie auf das Seelische an. Jede menschliche Persönlichkeit muß also als Einheit betrachtet werden, all ihr Tun und Reagieren ist zweckvoll, ihr Ziel ist ihre eigene Erhaltung und Erhöhung.

In diese anscheinend höchst einfache Konstruktion greifen aber nun die Tatsachen der menschlichen Entwicklung hemmend und ändernd ein. Zunächst die merkwürdige Tatsache des übermäßig langen menschlichen Kindesalters. Nicht nur daß das Tierjunge

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um so viel früher selbständig ist als das Menschenkind; wichtiger für die Entwicklung der Persönlichkeit ist es, daß das Kind längst gehen, sprechen, denken kann, während es noch in vollster Abhängigkeit von seiner Umgebung lebt. Hier liegt eine der Wurzeln des *Minderwertigkeitsgefühls*, das dem Kind freilich nicht bewußt wird, wohl aber seine Handlungen stets beeinflußt. Hier, in dieser „parasitischen“ Stellung des Kindes, liegt auch der Grund für den Egoismus des Kindes, nicht in irgendeiner „angebornen Schlechtigkeit“ des Menschen. Eine der größten Taten Adlers war die Annahme des *Gemeinschaftsgefühls* im Menschen, das aus der Notwendigkeit seiner Entwicklung hervorgegangen, den wahren Gegenpol zu seinem Geltungsstreben bildet; die einzige Lösung für die Menschheit und zugleich für das Privatleben jedes einzelnen Menschen, wo immer er stehen mag. Gemeinschaft aber beruht auf Wechselseitigkeit, auf Geben und Nehmen; das Kind muß also aus dem Zustand des bloßen Nehmens in den einer echten Gemeinschaft (was auch die Familie sein kann — kann! sehr selten ist!) hineinwachsen.

Welche Hauptaufgaben jeder einzelne Mensch im Leben erfüllen muß und wie er sich dazu stellt, je nach den Bedingungen, unter denen er heranwächst, bildet den Hauptteil des Buches. Tiefe Einsicht in die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen unserer Welt, vollste wissenschaftliche Gründlichkeit in der Behandlung des biologisch-medizinischen Stoffes zeigen sich darin ebenso wie der außerordentliche Scharfblick des Seelenarztes, der alle menschlichen Beziehungen bis in die feinsten Verzweigungen analysiert. Das Kapitel über die Familie müßte jeder Mensch, ob modern denkend oder nicht, durchlesen und jeder Sozialist müßte es durchstudieren, durchdiskutieren, auf sich selbst anwenden. Gleiches gilt vom Abschnitt über Geschlecht und Charakter. Von den Erziehungseinflüssen ist einiges Grundlegende in Wexbergs Büchlein „Das nervöse Kind“ (Verlag Perles, Wien) enthalten, im neuen Werk aber ausführlicher behandelt.

Die nun folgenden Kapitel vom krankhaften Ausweichen des Menschen vor den Aufgaben des Lebens, von Neurosen und Psychosen werden gewiß zunächst den Arzt interessieren; aber auch der Laie wird die klare anschauliche und verständliche Darstellung mit Nutzen lesen und viel von der abergläubischen Angst verlieren, die viele Menschen heute noch mit dem Begriff jeder seelischen Erkrankung verbinden. Den Schluß bilden die schönen, von tiefstem Verantwortungsgefühl getragenen Abschnitte über Vorbeugung seelischer Erkrankung und Kriminalität, über individualpsychologische Erziehung und Heilpädagogik.

*Aline F.*

<!-- Sigue la lista «In der Redaktion eingelaufene Druckschriften»; no se transcribe. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de *Der Kampf. Sozialdemokratische Monatsschrift* (Viena), año 22 (1929), n.º 2 (febrero), págs. 100-101, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP dks19290102, imágenes 44-45), en Fraktur; se partió del OCR de la ÖNB, muy defectuoso, y se corrigió sobre la imagen. El espaciado del original se da en cursiva; la cabecera bibliográfica, en negrita como en el impreso. Es una reseña distinta de la que la autora dedicó al mismo libro en *Bildungsarbeit* (1928), también en el archivo: [1928 Individualpsychologie](https://adler.school/archivo/furtmuller-aline/original/1928%20Individualpsychologie).
