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Title: Molière
Description: Der jugendliche Arbeiter (Wien), Jänner 1923, Nr. 1, S. 6–7
Author: Aline Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller-aline/original/1923-01%20Moli%C3%A8re
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<!-- Antes, en la misma página, termina un artículo de Engelbert Graf sobre la evolución; no se transcribe. -->

# Molière

*(Geboren 1622 in Paris, wo er 1673 starb.)*

Nicht immer führen uns die Dichter in andere, bessere Welten, voll Glanz und Reinheit. Aber auch der Dichter, der die wirkliche, gewöhnliche Welt zeichnet, gibt uns Neues; unter seinem klaren scharfen Blick fallen die Lügenmasken von den Dingen und wir sehen sie, wie sie sind. So ein genialer Enthüller war Molière. Mit seinem wirklichen Namen *Johann Baptist Boquelin* (sprich: Poklé) geheißen, wuchs er als ehrsamer Hoftapezierersohn auf, studierte, sollte später das väterliche Geschäft übernehmen und damit eine gesicherte ruhige Existenz — aber nein! Der Einundzwanzigjährige geht durch, wirft Studium, Geschäft, Wohlhabenheit, Ruhe, bürgerlichen Namen hin und verläßt heimlich Paris mit einer herumziehenden Schauspielertruppe. Da war nun freilich auch Abenteuerlust und Verliebtheit im Spiel — der junge Schauspieler, Theaterdichter und Theaterdirektor Molière heiratete bald eine hübsche Schauspielerin seiner Truppe — aber es war doch zumeist der Mut, seiner Bestimmung zu leben. Denn die Abenteuerlust allein hätte ihn nicht fünfzehn lange, mühevolle Wanderjahre kreuz und quer durch Frankreich aushalten lassen, in denen Beifall und Erfolg so sehr von Not, Entbehrung und der kränkenden Geringschätzung, die die „Komödianten“ überall begleitete, getrübt und verdunkelt wurden. In diesen Jahren hat er den Kleinstadtbürger mit all seinen lächerlich pedantischen Gewohnheiten, seinem pfiffigen Eigennutz, seiner feierlichen Wichtigtuerei gründlich kennen gelernt. Und wäre es Verliebtheit allein gewesen, was ihn aus dem ruhigen Geleise trieb, so wäre sie noch schlimmer gelohnt worden. Denn die junge Schauspielerin war ein oberflächliches gefallsüchtiges Weibchen, kümmerte sich gar nicht um den inneren Reichtum ihres Mannes und ließ sich von eleganten Hohlköpfen den Hof machen. Molière ist in seiner Ehe bitter unglücklich gewesen — aber jede schmerzliche Erfahrung dient dem genialen Dichter zum Baustein; und so verdanken wir der kleinen Kokette die unsterblichen Gestalten der Celimene im „Menschenfeind“ und der Angelika im „George Dandin“.

Nach fünfzehn Wanderjahren kehrt Molière mit seiner Truppe nach Paris zurück. Der glänzende Hof braucht viel Abwechslung, Feste und Ballette können durch unterhaltende Lustspiele nur gewinnen; so darf der Dichter sich samt seiner Truppe der königlichen Gunst erfreuen, darf eine ständige Bühne einrichten und seine Stücke vorführen, selbst wo sie der lieben menschlichen Eitelkeit und Heuchelei recht scharf auf den Leib rücken. Denn das muß gesagt werden: im Gegensatz zu den Zensurschnüffeleien und Verfolgungen, die zu anderen Zeiten und an anderen Orten der Absolutismus gegen Dichter gern angewendet hat, gab es am französischen Königshof damals ein gewisses großzügiges Verständnis für echte Kunst. Gewiß, wenn Molière den protzigen Spießbürger verspottete, oder den eifersüchtigen alten Vormund oder den unsterblichen Geizhals, konnten die vornehmen Herren und Damen des Hofes vergnügt mitlachen, so ein Bürgerlicher war ja eine sehr unterhaltende Figur. Aber etwas sauer mögen sie wohl gelächelt haben, wenn der schonungslose Spott sich an die zwei starken Stützen der damaligen Gesellschaft wagte, an Adel und Pfaffentum.

Sehen wir uns ein paar von Molières Lustspielen näher an. Der „Bürger als Edelmann“. Herr Jourdain, ist ein lächerlicher Narr, der um jeden Preis aristokratisch auftreten möchte, sich für sein Geld gleich alles auf einmal kaufen will: vornehme Kleider, elegante Manieren, Bildung, Kunstverständnis, und obendrein einen hochadeligen Schwiegersohn. Der richtige protzige Haustyrann, dem seiner Tochter Herzensneigung nichts gilt, der seine brave Frau zu bürgerlich findet und in närrisch verdrehter Weise einer echten Aristokratin den Hof macht. Aber sein Vorbild und Muster, zugleich Berater und Vermittler bei Schneider, Fechtmeister, Tanzlehrer und sogar bei der Marquise, ist ein verkommener Baron, der den eitlen Bürger schamlos ausnützt, sich von ihm aushalten läßt und sich zum Dank mitsamt der noblen Marquise über ihn lustig macht. Also wird eigentlich der Bürger nicht deshalb verspottet, weil er nicht in die vornehme Welt hineinpaßt, sondern weil er aus seiner Welt der ehrlichen Arbeit herausstrebt.

Ein anderer Fall ist „Georges Dandin“, der reichgewordene Pächter, der ein adeliges Fräulein geheiratet hat und nun von seiner Angelika verachtet, verspottet, betrogen und gefoppt wird. Da spielt ja mancherlei herein: bei allen Völkern finden wir solche grimmig-spaßhafte Geschichten von Weiberlist und übertölpelten Männern, wie die Szene, da Angelika, beim nächtlichen Gespräch mit dem verliebten Marquis ertappt, sich tot stellt, um dann am erschrocken aus dem Haus eilenden Ehemann vorbei hineinzuschleichen, das Haustor zuzusperren und den Leuten vom Fenster aus ihre Not mit dem Mann zu klagen, der sich nächtelang herumtreibe und in seiner Betrunkenheit ihr grundlose Vorwürfe mache. Aber auch des Dichters eigene bittere Eheerfahrung spricht an mancher Stelle mit, wenn er den etwas ungeschickten, aber ehrlichen Dandin der reizenden eitlen und völlig kühlen, herzensleeren Angelika gegenüberstellt. Und nun kommt noch der meisterhaft erfaßte Gegensatz von „adelig“ und „bürgerlich“ hinzu. Dandin war ein Narr, sich vom Glanz des Adels blenden zu lassen und ein Edelfräulein zu heiraten. Aber das liegt schon vor Beginn des Stückes, jetzt büßt er; und das unbarmherzig scharfe Licht der Satire fällt jetzt auf die oberflächliche Angelika, auf den skrupellosen und dabei feigen Anbeter, einen Marquis, der den genußsüchtigen Hofadel verkörpert, und auch Angelikas Eltern, die den beschränkten Landadel darstellen. Jedesmal kommen der strenge, aufbrausende Herr Papa und die fromme, hochmütige Frau Mama ganz aufgebracht daher, um des Schwiegersohnes Klagen gegen ihre Tochter gerecht zu prüfen (nachdem sie ihn vorher wegen hundert kleiner Formfehler abgekanzelt haben) und jedesmal lassen sie sich von Angelika und ihrer schlauen Zofe mit den dümmsten Ausreden abspeisen und beruhigen, ziehen wieder ab, von ihrer Unschuld überzeugt und lassen den armen Dandin blamiert und verzweifelt zurück.

Echte Dichter sind nicht Schönfärber; und wenn es auch in Molières Lustspielen zahlreiche am Schluß glücklich vereinigte Liebespaare gibt, so lag der Schwerpunkt des Stückes nicht in ihnen, sondern in der Darstellung einer menschlichen Lächerlichkeit oder Leidenschaft, deren Wirkung auf die ganze Umgebung geschildert werden sollte. Blamiert und verzweifelt steht der „Geizige“ vor der ausgeraubten Geldkiste, der entführten Tochter und dem Sohn, der in ihm den Wucherer entdeckt; blamiert die herzlose, kokette Weltdame Celimene vor ihren Anbetern, nachdem alle erfahren, wie sie von ihnen hinterrücks spricht; blamiert die „gelehrten Frauen“, deren gehätschelte Lieblingsprofessoren sich als unwissende Schwindler und schuftige Mitgiftjäger entpuppen.

Aber keine große oder kleine menschliche Schwäche hat Molière so scharf, so vernichtend aufs Korn genommen wie die sittlich-religiöse Heuchelei, die Scheinheiligkeit. Ja, die Machthaber zu Paris wußten schon ganz gut, warum sie gegen den „Tartüff“ den erbittertsten Krieg führten, Jahre hindurch die Aufführung verhinderten und den Dichter bis übers Grab hinaus mit Haß und Verleumdung verfolgten. Tartüff ist ein Jesuitenschüler, ein Mann unbekannter Herkunft, unbekannten Berufs, der sich durch auffallend frommes Wesen in des braven, eigensinnigen Orgon Vertrauen, dann in sein Haus eingenistet hat und nun in furchtbar unbeschränkter Macht alle beherrscht: Orgon und seine alte, bigotte Mutter, die ihm gläubig blind ergeben sind, und durch den Hausvater gebietet er auch über die andern; Orgons zweite junge Frau, der er nachstellt, seine Tochter, die er — der Mitgift wegen — hei-

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raten will, sein Sohn, den er mit dem Vater entzweit, um ihn loszuwerden. All diese traurige Verwirrung der früher geeinten Familie erfahren wir in den ersten zwei Akten, ohne Tartüff selbst zu sehen. Erst im dritten Akt tritt er auf: nachdem er sich überzeugt hat, daß Leute ihn hören, befiehlt er seinem Diener, Bußgewand und Geißel zu verwahren. Dieser Zug ist bezeichnend. In keiner Lage verläßt ihn die eiserne Energie der Heuchelei und wohlüberlegten Verstellung. Orgons Sohn demütigt sich vor dem verhaßten so weit, ihn um Fürsprache beim Vater zu ersuchen, der ihn aus dem Haus gewiesen und enterbt hat: fromm seufzend erwidert Tartüff, dies sei offenbar Schickung des Himmels, die er nicht durchkreuzen dürfe, leider! Dann fleht ihn die Tochter kniefällig an, sie nicht zur verhaßten Ehe zu zwingen, worauf Tartüff sie auf Gottes Gebot des kindlichen Gehorsams verweist. Nicht einmal der leidenschaftlich begehrten Frau gegenüber vergißt er seine Rolle; als sie ihn spöttisch fragt, wieso denn er, der Erzfromme, sich einer verheirateten Frau zu nähern wage, versichert er, „daß man sich's mit dem Himmel richten könne“ — o, die wohlbekannte Frömmigkeit! Aber die kluge Frau lockt ihn in die Falle; der Gatte Orgon ertappt ihn, erkennt ihn endlich als sittenlosen Heuchler. Nun entpuppt sich Tartüff als vollkommener Schurke. Orgon hatte ihm Haus und Vermögen verschrieben, er hat den Vertrag und schickt sich an, die ganze Familie auszutreiben; und nur die gnädige Einsicht des Königs rettet die Armen im letzten Augenblick und führt den kalten Bösewicht der verdienten Strafe zu.

Nicht immer schlägt Molière so leidenschaftliche Töne an; aber immer geht seine wunderbare Kunst des Menschengestaltens weit über spaßhafte Unterhaltung hinaus, bis in das ewige Reich der unerbittlichen Wahrheit.

*Aline Furtmüller*

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de *Der jugendliche Arbeiter* (Viena), 1923, n.º 1 (enero), págs. 6-7, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP jua19230101), en Fraktur; se partió del OCR de la ÖNB y se corrigió sobre la imagen. El espaciado del original se da en cursiva. Se conservan las particularidades del impreso: «Boquelin» (por Poquelin), la vacilación «George Dandin» / «Georges Dandin» y la coma tras «Herr Jourdain».
