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Title: Literaturgeschichtsunterricht an Arbeiterjugendschulen. Kurzgefaßte Leitsätze
Description: Bildungsarbeit. Blätter für sozialistisches Bildungswesen (Wien) 8 (1921), Nr. 11/12, S. 89–90, Rubrik «Unterricht»
Author: Aline Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller-aline/original/1921%20Literaturgeschichtsunterricht%20an%20Arbeiterjugendschulen
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<!-- S. 89 -->

<!-- Rúbrica: «Unterricht» -->

# Literaturgeschichtsunterricht an Arbeiterjugendschulen

Von *Aline Furtmüller*

## Kurzgefaßte Leitsätze

Jeder gedeihliche Unterricht der Literaturgeschichte hat zweierlei Voraussetzungen: geschichtliche Kenntnisse und ein gewisses Maß allgemeiner Belesenheit, das eben so weit gehen muß, daß über die naive Freude am Lesen hinaus ein Interesse für literarische Dinge vorliegt. Der Leser muß schon dazu gelangt sein, Unterschiede zwischen verschiedenen Büchern zu erfassen, in einem Werk die Form vom Stoff trennen zu können, ein gestelltes Problem herauszufühlen, minderwertiges als solches zu erkennen. Fehlt dies alles noch, ist der jugendliche Leser noch nicht über das rein stoffliche Interesse hinausgekommen, so wird das naive Interesse an Literatur durch den Unterricht getötet statt erweckt, ja die Werke der Literatur werden ihm geradezu als Exempel für fertige Ansichten und Urteile erscheinen. Fehlen wiederum die geschichtlichen Kenntnisse, so besteht die Gefahr, daß der Literaturunterricht — will er nicht gänzlich in der Luft schweben — sich die nötigen historischen Grundlagen selbst schaffen muß und dabei seine eigentlichen Aufgaben hintansetzt.

Dieser Notwendigkeiten muß sich jeder bewußt sein, der Literatur unterrichten will, sei es nun im Rahmen eines Schulprogramms oder in Form freier Einzelkurse. Bei weitaus den meisten Jugendlichen hat die bisherige Schulbildung die von uns gestellten Forderungen — Geschichtskenntnis und Belesenheit — nicht erfüllt. Mit um so größerer Behutsamkeit muß daher der Lehrer zu Werke gehen, da er gleichzeitig Versäumtes nachholen und Neues geben will. Im folgenden geben wir nun einige leitende Gesichtspunkte für einen Literaturkurs, der für 16- bis 18jährige Jugendliche gedacht, 24 Abende (einmal wöchentlich) umfassen soll

1\. a) Der Unterricht soll zunächst die Freude am Lesen wecken und pflegen; vom naiven Lesen soll er allmählich zum verständnisvollen, zum kritischen Lesen hinüberleiten. Er hat somit jenen so wichtigen Bestandteil der Allgemeinbildung zu geben, der bisher den Zufällen persönlicher Einwirkung überlassen blieb: die Erziehung zum guten Buch. Daß hierin ein wirksames Gegengift gegen die jugendverheerende Kinoseuche liegt, braucht gar nicht erst ausgeführt zu werden.

b) Dadurch, daß der Unterricht von Lehrern erteilt wird, die auf Literaturbetrachtung im Sinne des historischen Materialismus eingestellt sind, ergibt sich mit Notwendigkeit die Erörterung *gesellschaftlicher Probleme*, und die lebendige Eingliederung der gelesenen Werke in den *Zusammenhang der Epoche*, in der sie entstanden sind. Da aus den anfangs dargelegten Gründen kein zusammenhängender Geschichtsunterricht gegeben werden kann, wird der Vortragende notgedrungen das Hauptgewicht auf *abgerundete Bilder* aus einer bestimmten Zeit legen.

2\. Die Kürze der verfügbaren Zeit ermöglicht nur bei wenigen Werken gemeinsame Lektüre und Besprechung;

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dennoch sollte das einmal erweckte Interesse zur Förderung planmäßiger *Eigenlektüre* ausgenützt werden. Eine kleine, sorgfältig zusammengestellte *Handbücherei* soll daher jeder Jugendschule beigegeben werden. Die Eigenlektüre wird durch Referate und Besprechungen gegebenenfalls wieder in den Dienst des Unterrichtes gestellt werden.

3\. Naturgemäß dient der Unterricht auch der Vervollkommnung in der *Beherrschung der Sprache*. Soweit es möglich ist, will er die Erziehung zum natürlichen, richtigen und *ausdrucksvollen Lesen* geben; großen Wert legen wir auch auf die Befreiung des mündlichen Ausdruckes durch zwanglose Besprechungen des Gelesenen und Gehörten und eingestreute Referate. Wo das Interesse einzelner Teilnehmer nach schriftlicher Darstellung ihnen naheliegender Probleme drängt, ist dies zu unterstützen; freilich hat hier der Unterrichtende besonders zurückhaltend zu verfahren, um jeder Erinnerung an den banalen Schulaufsatz auszuweichen. Finden sich mehrere gute Sprecher in einem Kurs, so wird eine kleine anspruchslose dramatische Aufführung (etwa Hans Sachsens Fastnachtspiele) als Ansporn und Werbemittel wirken.

4\. Nunmehr mögen verschiedene Vorschläge zu gemeinsamer Lektüre folgen.

*Einzelbeispiele*

für Lektürenzusammenstellung, wobei hier mit Absicht drei ganz verschiedene Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Das erste Programm zeigt rein literarische, das zweite politisch-geschichtliche, das dritte kulturgeschichtliche Färbung.

I.

1. Balladen (Schiller, Goethe, Uhland, Chamisso).
2. Schwänke (Hans Sachs, Jörg Wickram, Schäfer).
3. Novellen (*Schmidtbonn*, Der Garten, Die Musikanten; *Eyth*, Berufstragik; *Ludwig*, Zwischen Himmel und Erde).
4. Romane (*Spielhagen*, Hammer und Amboß; *Th. Mann*, Buddenbrooks).
5. Politische Lyrik (Vormärz — Heine, Herwegh, Beck usw. — Dehmel).
6. Dramen (*Raimund*, Der Bauer als Millionär; *Schiller*, Wilhelm Tell; *Hauptmann*, Hannele).

II.

1. 16. Jahrhundert (Bauernkrieg): *Goethe*, Götz; *Kleist*, Michael Kohlhaas; *Hauptmann*, Florian Geyer.
2. 18. Jahrhundert: *Schiller*, Räuber, Kabale und Liebe, Wilhelm Tell.
3. 1848: *Bartsch*, Der Student; *Nestroy*, Freiheit in Krähwinkel.
4. Kleinbürgerliche Demokratie: *Keller*, Fähnlein der sieben Aufrechten, Regel Amrain.
5. Moderne Arbeiterbewegung: *Hauptmann*, Weber.

III.

1. *H. v. Aue*, Der arme Heinrich; *Wernher*, Meier Helmbrecht.  
   Besprechen: Ritterwesen, Klostergelehrtheit.  
   Privatlektüre: *Nibelungenlied*; *Scheffel*, Ekkehard; *G. Freytag*, Ahnen.
2. *Hans Sachs*, Fastnachtspiele; Bauernkriegsgedichte von *Hutten*, *Lissauer* usw.  
   Besprechen: Städte, Zünfte, Humanismus.  
   Privatlektüre: *Butzbach*, Wanderbüchlein; *Martin Luther*, Auswahl.
3. *Lessing*, Minna von Barnhelm.  
   Besprechen: Hofpoetentum, Friedrich II., Aufklärung.  
   Privatlektüre: *Grimmelshausen*, Simplizissimus; *Lessing*, Emilia Galotti, Nathan.
4. *Goethe*, Götz.  
   Besprechen: Rousseau, Französische Revolution.  
   Privatlektüre: *Goethe*, Gedichte; *Schiller*, Gedichte, Don Carlos, Räuber.
5. *Schiller*, Wilhelm Tell.  
   Besprechen: Demokratie, Klassenkampf.  
   Privatlektüre: *Raabe*, Chronik der Sperlingsgasse; *Freytag*, Soll und Haben.

<!-- Fin del artículo. Siguen en la misma columna la rúbrica «Bildnerbildung» y otras noticias ajenas; en la S. 89, antes, el final de un artículo de Viktor Stein y «Die Buchdrucker und die Bildungsarbeit». No se transcriben. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del facsímil de *Bildungsarbeit. Blätter für sozialistisches Bildungswesen* (Viena), año 8 (1921), n.º 11/12, págs. 89-90, en ANNO, Österreichische Nationalbibliothek (ANNOP bar19210004); se partió del OCR de la ÖNB (Antiqua) y se corrigió sobre la imagen. El espaciado del original se da en cursiva (en las listas de lecturas, el impreso espacia muchos nombres de autor, no todos). Falta en el impreso el punto tras «umfassen soll».
