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Title: Der Kampf der Geschwister
Description: In: Alfred Adler / Carl Furtmüller (Hg.), Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie, München: Ernst Reinhardt 1914, S. 262–266
Author: Aline Furtmüller
URL: https://adler.school/archivo/furtmuller-aline/original/1914%20Der%20Kampf%20der%20Geschwister
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# Der Kampf der Geschwister.

Von Dr. *Aline Furtmüller.*

Wir sind nach mancherlei Umwegen über die angelernte Phrase vom Unschuldsparadies der Kindheit, über die Dantesche Höllenschlucht der Sünder aus Wollust, die bei Freud die Kindheit darstellt, und über die universelle Kriminalität des Kindes vorläufig bei einer Auffassung angelangt, die uns die Kindheit als genau denselben Kampf um Behauptung erscheinen läßt, der das Leben jeder Kreatur ausmacht, nur noch unter erschwerenden Bedingungen. In der ganzen Schar von Vorgesetzten und Nebenbuhlern, als die ihm seine nächste Umwelt gegenübertritt, besteht die größte Spannung und geringste Distanz zwischen ihm und seinen Geschwistern, seinen unmittelbarsten Konkurrenten. Zwei Fragen, die eine diagnostischer, die andere pädagogischer Natur, ergeben sich aus dieser ersten Konstatierung. Erstens: welche Formen nimmt das Verhältnis zwischen Geschwistern an? und zweitens: welche Konsequenzen erwachsen daraus für den Erzieher?

Die gewissenhafte Beantwortung der ersten Frage allein würde die Beibringung eines Materials erfordern, das vom Extrem der feindlichen Brüder bis zur verzückten Zärtlichkeit Chateaubriands für Lucile oder von Jasmins Schwestern (aus Friedrich Huchs Roman „Geschwister“) für den jüngeren Bruder alle Kälte- und Wärmegrade des Gefühls umfaßte. Was uns aber hier am meisten interessiert, wäre aufzuzeigen, wie in *allen* Beziehungen zwischen Geschwistern die Kampfbereitschaft durchscheint.

Vom ersten Moment seiner Existenz an wird das jüngere Geschwister mit Mißtrauen und Eifersucht angesehen. Ein dreijähriges Kind meint, es werde seinem Brüderchen den Kopf abhacken; ein zweieinhalbjähriges erklärt, man solle das schreiende Neugeborene „wieder zurücktragen, von wo es gekommen ist“. Wenn daneben Äußerungen der Befriedigung stehen wie: „O, da werde ich immer *wen zum Spielen haben!*“ so spielt da ganz deutlich die Hoffnung auf eine führende Rolle herein, und das kleine Mädchen, das in süßlichem Ton sagt: „O, das süße *kleine Pupperl!*“ fügt noch die mütterliche Pose hinzu, von der noch die Rede sein wird. Im Säuglingsalter bietet der Eindringling, sobald man sich einmal mit seiner Existenz abgefunden hat, keine besondere Gelegenheit zu Feind-

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seligkeiten. Wohl aber gewöhnt sich das Ältere da an eine Art Hochgefühl der Überlegenheit und Selbständigkeit; die Wichtigkeit, mit der es Fremden berichten kann: „Wir haben ein Baby zu Hause, aber es schreit furchtbar und versteht noch gar nichts, was man ihm sagt“, stellt es geradezu in eine Reihe mit den Erwachsenen. Dazwischen kommen freilich eifersüchtige Regungen zum Ausbruch; man ist nicht mehr von soviel Aufmerksamkeit umgeben wie früher, man hat plötzlich Rücksichten zu nehmen, die es sonst nicht gab, man wird mit mehr Selbstverständlichkeit behandelt als das Kleinere, besonders in bezug auf Nahrung. Da kommt es dann in aller Gemütlichkeit zu kleinen Vorstößen wie dieser. Ein dreijähriges Mädchen fragt, warum der Kleine nicht noch zu trinken bekommt, er schreit doch gewiß vor Hunger; die Mutter antwortet, es gehe nicht. „Was geschieht dann?“ Auf die Antwort, daß er dann zerspringen würde, kommt die ruhige, freundliche Bemerkung: „Er *soll* zerspringen.“ Schon in diesem Stadium macht sich bei nicht gleichgeschlechtlichen Geschwistern die Spannung und Unruhe bemerkbar, die das Problem der Geschlechtsrolle begleiten. Da ist der Knabe, der sich nicht recht klar wird über das Fehlen des Penis beim kleinen Schwesterchen und — wie ja aus vielen Arbeiten bekannt — einerseits eine künftige Entwicklung beim Mädchen, anderseits ein mögliches Verkümmern bei sich selbst annimmt; da ist das Mädchen, das beim Brüderchen ein in seinen Augen unberechtigtes Plus wahrnimmt und außerdem unfehlbar von irgend jemand — Verwandten, Nachbarn, Dienstmädchen — die Bemerkung aufschnappt: „Ein Bub? Na also!“, dieses Stigma, mit dem Gedankenlosigkeit das Kind behaftet, lange bevor es aus eigener Erfahrung die weibliche Rolle, die ihm das Leben vorbereitet, kennen lernt.

Nun aber beginnt die böseste Periode im Geschwisterkrieg: die feindliche Invasion. Spiel und Arbeit sind nicht mehr ungestört, alles Eigentum ist gefährdet, ja die persönliche Sicherheit wird mitunter sehr unangenehm bedroht, und all dem gegenüber gibt es absolut keine Entschädigung, ja kaum den primitivsten Schutz. Das Jüngere ist noch „zu dumm“ zu gemeinsamem Spiel, man hat nicht den geringsten Gewinn und recht viel Verlust von ihm und das einzige Vorrecht, die physische Überlegenheit, kann man nicht recht ausnützen, weil die Erwachsenen gleich dazwischentreten, wie die Sache interessant wird. Aber auch das Jüngere hat einen schweren Stand, doppelt hilflos, sowohl den Erwachsenen wie dem größeren Kind gegenüber, und fortwährend von allen möglichen Vorteilen ausgeschlossen, die dem

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Ältern allein zugute kommen, bei Nahrung, Spielsachen, Spaziergängen und Vergnügungen. In diesem Stadium entsteht — besonders bei dem beengten Zusammenleben in der Stadt — jene dauernde, oft durchs Leben stets im Hintergrunde lauernde Gereiztheit der Geschwister gegeneinander, die jeder von uns schon in vielen Fällen beobachtet hat.

Dagegen bietet die folgende Stufe des gemeinsamen Spielens und Lernens schon bedeutend mehr Gegengewichte. Die Interessengemeinschaft wächst, eine Art Klassengeist entwickelt sich, Geschwister beginnen in manchen Fällen gemeinsame Sache gegen Eltern oder Aufsichtspersonen zu machen, und hier ist auch von Wichtigkeit, ob das Ältere Knabe oder Mädchen ist. Der ältere Knabe versucht mitunter, der Schwester gegenüber den Beschützer zu spielen und überläßt ihr mit etwas geringschätziger Großmut manchen Vorteil, versäumt aber nicht, sie von Zeit zu Zeit das Recht des Stärkeren sehr fühlen zu lassen. Sie revanchiert sich dafür durch allerlei kleine Kunstgriffe mit einer geistigen Beweglichkeit, die erfahrungsgemäß jüngeren Schwestern selten fehlt. Ein kleines Mädchen pflegt vor der gemeinsamen Mahlzeit das Eßbesteck des Bruders, ein Patengeschenk, auf den eigenen Platz zu legen; ein anderes entwickelte krankhafte Appetitlosigkeit und bildete dann bei Tische den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die sonst den ersten Schulerfahrungen des Bruders gegolten hätte. Ich erinnere ferner an die von Gottfried Keller so entzückend ausgemalte Szene im Pankraz dem Schmoller, wo das Estherchen in der gemeinsamen Kartoffelbreischüssel sich durch künstliche Stollen und Abzuggräben die meiste Butter sichert, bis der schwerfällige, von verletztem Rechtsgefühl aufgestachelte Junge vom Essen davonläuft. Anders steht die Sache, wenn das Mädchen älter ist. Es ist merkwürdig, daß nur in seltenen Fällen die physische Überlegenheit hervorgekehrt wird, obwohl sie zweifellos besteht. Hingegen kommt hier eine ganz andere Linie zum Vorschein, die vorhin erwähnte mütterliche Pose. Die Schwester sieht sich als Erzieherin und verantwortliche Aufsicht des Jüngeren an und versäumt keine Gelegenheit, ihre obrigkeitliche Pflicht mit Eifer zu erfüllen. Wenn ihre Aufsicht als lästig empfunden und mit undankbarer Widersetzlichkeit gelohnt wird, so kann sie sich als gekränkte Märtyrerin des Rechts und der Sitte fühlen. Es ist ganz merkwürdig, wie weit mitunter diese pädagogische Rolle getrieben wird. Ein zehnjähriges Mädchen pflegt stundenlang darüber nachzugrübeln, durch welche Mitteln man gewissen Unarten seiner jüngeren Geschwister beikommen könnte, und leidet Qualen, wenn es machtlos

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mit ansehen muß, wie die Erzieher seiner Meinung nach grobe Fehler begehen. Wie sehr beim Spielen Über- und Unterordnung zutage treten, ist ja eine ganz bekannte Erfahrungstatsache und es wird selten vorkommen, daß von zwei Geschwistern nicht das ältere den Robinson, den Kutscher oder den Lehrer vorstellt, während das jüngere sich mit den bescheideneren Rollen des Freitag, des Fahrgastes und Schülers begnügen muß.

Ich habe hier immer vollkommen normale Fälle vor Augen gehabt und zu zeigen versucht, wie sich der Kleinkrieg zwischen Geschwistern auch unter günstigen Verhältnissen nicht unterdrücken läßt. Oft genug kommt es aber zu schärferer Ausprägung des Konflikts, die meist entweder auf Bevorzugung des einen Teils durch die Umgebung oder auf starkes Minderwertigkeitsgefühl bei dem einen Teil zurückgeht. Der letzte Fall ist eines der bekanntesten Märchenmotive; seltener zeigt es einen mißgestalten (hinkenden) Bruder, der dem schöneren *jüngeren* nachstellt wie in den Räubern (oder in K. F. Meyers schönem Gedicht: „Der gleitende Purpur“); häufiger und volkstümlicher ist das Motto von der bösen häßlichen Schwester, der Pechmarie, die die Goldmarie verfolgt; von Dreiäuglein und Einäuglein, die das schöne Zweiäuglein hassen, und unzählige andere in allen Sprachen der Welt. Ich glaube nun nicht, daß sich ein Satz aufstellen lasse, Brüder vertrügen sich besser als Schwestern. Aber die Tatsache, daß die feindlichen Brüder mehr auf dem Gebiet des Dramas, des Romans und Epos', die feindlichen Schwestern aber mehr im Märchen zu finden sind, das dem Alltag nähersteht, findet vielleicht darin eine Erklärung, daß der Kampf zwischen Schwestern viel intimere Formen annimmt und mit kleinlicheren Mitteln ausgekämpft wird. Bezüglich des Problems der „nicht“ feindlichen Brüder möchte ich auf den Vortrag Dr. Frischaufs „Über den jüngeren Bruder“ hinweisen.

Unter den Formen des Geschwisterwettbewerbs ist nun noch eine zu erwähnen, die gewöhnlich eine Mittelstellung zwischen dem offenen Krieg der Kinderstube und dem unterdrückten Messen und Vergleichen der Erwachsenen bildet. Das ist der Wetteifer in den Leistungen, die gewöhnlich die Schule und den Sport zum Ausgangspunkt nehmen. Die offen feindliche Stellung ist hier ja nicht weiter interessant. Wohl aber sind es die Fälle, in denen anscheinend gutes Einvernehmen, ja Zärtlichkeit herrscht. Da möchte ich zwei Gruppen unterscheiden. Jeder Lehrer kennt die Erscheinung, daß Leistungen von Geschwistern,

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sobald sie nicht ziemlich gleich gut sind, ganz auffallend voneinander abzuweichen pflegen, wobei aber das schlechte Extrem sich sehr wohl fühlt und mit seinem Widerpart gut auskommt. Die landläufige Erklärung, es fehle ihm eben an Ehrgeiz, kann uns nicht befriedigen. Eher vielleicht die Annahme, daß es sich hier um eine Sicherung handelt: der Schwächere verzichtet von vornherein darauf, die Konkurrenz überhaupt aufzunehmen, und kann auf diese Weise neben dem Begabteren, immerhin eine Art von Beachtung erweckend, bestehen. Den andern Fall beobachtet man an zärtlichen Gleichbegabten, wo mit ängstlicher Sorgfalt darüber gewacht und Buch geführt wird, daß die Leistungen nur ja bis ins einzelne gleich seien und gleich bewertet werden. Ich habe Heulszenen erlebt, wenn zwei Schwestern in ihren Zeugnissen um einen Grad in einem Gegenstand von einander abwichen. Auch hier Sicherung: Wer weiß, wie wir zueinander stünden, wenn es zwischen uns zu Differenzen käme!

Was nun den pädagogischen, ich möchte fast sagen, therapeutischen Teil des Problems betrifft, nämlich das Verhalten der Eltern und Erzieher zum Kampf der Geschwister, so möchte ich hier nur erwähnen, was ich für vermeidbar oder verfehlt halte, denn zu einer positiven Darlegung bedarf es gründlicher Durcharbeitung eines noch unvollständigen Materials. Zwei Wege glaube ich aber für nicht richtig ansehen zu können. Da ist einmal das schiedsgerichtliche Verfahren, das oft von Eltern versucht wird; es soll mit aller Objektivität erforscht werden, wer „recht“ hat, wer „angefangen“ hat, wem ein Gegenstand „gehört“, wer wegzuräumen hat und so weiter. Damit ist aber niemandem geholfen, denn Recht gibt es nur eines und recht behalten wollen beide Parteien; und den Herrschkonflikt, auf den es eigentlich im Grunde ankommt, schafft kein Schiedsgericht aus der Welt. Das Rechtsgefühl, das man bei Kindern so oft findet, ist selbst nichts als eine Waffe, und zwar sowohl Angriffs- wie Verteidigungswaffe und wird unfehlbar gegen die Richter selbst gebraucht, sobald das Kind gesehen hat, daß es mit dem Rechtsuchen Eindruck macht. Ebensowenig verspreche ich mir von der ängstlichen Diplomatie, mit der Geschwister nur immer wieder daran erinnert werden, daß sie gefährliche feindliche Mächte sind; statt daß die Feindesstellung dadurch überbrückt würde, wird sie noch mehr betont, sozusagen offiziell anerkannt. Was hingegen wohl nicht schaden kann, ist der Hinweis darauf, worin jedes dem andern nützlich und notwendig sein kann.

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar de *Heilen und Bilden* (Múnich, Ernst Reinhardt, 1914), págs. 262-266, digitalizado en Internet Archive (Adler_Furtmueller_1914_Heilen_und_Bilden); se partió del OCR de archive.org y se corrigió sobre la imagen de las cinco páginas. El espaciado del original se da en cursiva. Se conservan las particularidades del impreso: «durch welche Mitteln» (S. 264), «das Motto» (por «Motiv») y «K. F. Meyers» (por C. F. Meyer) (S. 265). El volumen colectivo, con su índice, está en el archivo de Adler: [1914 Heilen und Bilden](https://adler.school/archivo/adler/original/1914%20Heilen%20und%20Bilden). No se han cotejado las ediciones de 1922 y 1928.
