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Title: Ist Fortschritt der Menschheit möglich? wahrscheinlich? unmöglich? sicher?
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 15 (1937), Nr. 1 (Januar/März), S. 1-4. Wien: Verlag Moritz Perles.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1937-01%20Ist%20Fortschritt%20der%20Menschheit%20m%C3%B6glich%2C%20wahrscheinlich%2C%20unm%C3%B6glich%2C%20sicher
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# Ist Fortschritt der Menschheit möglich? wahrscheinlich? unmöglich? sicher?

Von ALFRED ADLER (New York).

Heute mehr als je bewegt diese Frage jedermann. Aber selbst in der Idee, was Fortschritt ist, herrscht durchaus keine Einigkeit. Dies kommt wohl daher, daß man sich wenig um Zusammenhänge kümmert, vielmehr aus seiner meist zu engen, persönlichen Perspektive alle Fragen, auch wissenschaftliche, betrachtet. So auch in der Frage des Fortschrittes. Jeder ordnet alle Erfahrungen und Fragen seiner ihm meist selbst unbekannten Konzeption unter und lebt und stirbt für seine Schlußfolgerungen. Es ist amüsant und traurig zugleich zu sehen, wie auch Wissenschaftler, besonders Philosophen, Soziologen und Psychologen in dieser Falle stecken, nur um sich dort mühsam zu wenden und zu drehen.

Auch die Individualpsychologie macht keine Ausnahme. Auch diese Wissenschaft hat ihre Voraussetzungen, ihre Konzeption des Lebens, ihren Lebensstil. Aber die Individualpsychologie weiß es. Und wenn sie die einzelnen Menschen oder eine Massenbewegung meint und wertet, so kommt ihr wie ein Segen zu Hilfe, daß sie als erste psychologische Schule mit der Annahme von inneren Kräften (Instinkten, Trieben, Unbewußtem etc.) als irrationalem Material gebrochen hat. Individualpsychologie hat als Voraussetzung, gegen die kein Gegengrund zu finden ist, die *Einheit der Persönlichkeit* festgestellt, und findet ihr sicheres, rationales Feld in der Art, wie sich das immer verschiedene Individuum zu den wechselnden Fragen des Lebens verhält. Ausschlaggebend für sein Verhalten ist seine *Meinung* von sich selbst, seine Meinung von der ihm aufgegebenen Außenwelt und ein in der Struktur des Lebens verankertes Streben nach erfolgreicher Lösung. Auch was Erfolg ist, bleibt der Meinung des Individuums vorbehalten.

Als Maßstab für die spezielle Variante von Mensch und Masse gilt uns die Richtung nach der steigenden Entwicklung und Wohlfahrt der Menschheit, d. h. der Grad und die Art des Gemeinschaftsgefühls, das nötig ist, zu diesem Ziel der allgemeinen Wohlfahrt und Höherentwicklung zu kommen. Als gewichtigsten Grund für diese Annahme haben wir festgestellt, daß das Individuum nur auf Fragen stößt, die nur zu lösen sind, wenn es genügendes Gemeinschaftsgefühl seit der Kindheit besitzt oder erworben hat. Denn alle Lebensfragen münden in die drei: Nächstenliebe, Werk, geschlechtliche Liebe. Da man bei allen Menschen einen, meist zu geringen, Grad von Gemeinschaftsgefühl antrifft, aus<!-- S. 2 -->genommen bei Idioten, aber selbst bei Tieren, so ist die Annahme gerechtfertigt, daß das im Leben bewiesene Gemeinschaftsgefühl als Möglichkeit in der Keimzelle wurzelt, aber, wie alle angeborenen Möglichkeiten menschlicher Art, zu seiner Entfaltung kommt entsprechend dem *einheitlichen* Lebensstil, der dem Kinde aus seiner *schöpferischen Kraft* erwächst, d. h. daraus, wie es die Welt ansieht und was ihm als Erfolg *erscheint.*

Diese Grundlegung einer Psychologie hat den unschätzbaren Vorteil, daß sie die Sicherheit des Beobachters wesentlich unterstützt. Er ist nun nicht mehr allein darin sicher, daß er seine Voraussetzungen genau kennt und jederzeit kontrollieren kann, sondern insbesondere dadurch vor Fehlschlüssen geschützt, daß er den jeweiligen Grad des Gemeinschaftsgefühls in allen Ausdrucksbewegungen, Charakteren und Symptomen finden muß, um vor Fehlern in seiner Schätzung bewahrt zu bleiben. Diesen unschätzbaren Vorteil verdankt er der grundlegenden Auffassung von der Einheit der Persönlichkeit im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln.

Daraus ergibt sich nun eine weitere wichtige Schlußfolgerung. Der menschliche Fortschritt nämlich hängt von der höheren Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls ab und ist unabwendbar, solange die Menschheit besteht. So trüb auch Zeiten sein mögen, für eine Fernsicht besteht die Gewißheit einer Höherentwicklung des Einzelnen und der Masse unter dem unausgesetzten Druck des wachsenden Gemeinschaftsgefühls. Äußerungen wie die: „warum soll ich meinen Nächsten lieben?“ oder „nach uns die Sintflut“, zeigen noch den Tiefstand des Gemeinschaftsgefühls. Wie aber die Evolution sich auswirkt und wie sie zum Erfolg des Gemeinschaftsgefühls, also des Gerechten führt, soll in ganz kurzen Ausblicken gezeigt werden. Gilt diese Betrachtung auch nur für die Länge der Zeit, so drückt sie doch der Individualpsychologie den Stempel einer fröhlichen, optimistischen Wissenschaft auf.

Anekdotenhaft scheint der erste Ausblick.

Ein Multimillionär, der eine böse Jugend in Armut und Elend verbracht hatte, dachte daran, seine Nachkommen vor ähnlichen Entbehrungen zu schützen. Ich las diese Geschichte in einem amerikanischen Artikel, habe aber leider den Namen des Autors vergessen. Ich gestehe, daß der folgende Ausblick mich außerordentlich stark berührt hat. Der reiche Mann ging zu einem Rechtsanwalt, um mit ihm die Sache zu besprechen und gab ihm die Höhe seines großen Vermögens an. Der Anwalt fragte ihn, bis zu welcher Generation der Mann seine Nachkommen in seinem Testament bedenken wolle. Der reiche Mann antwortete, etwa bis zur zehnten Generation. Der Anwalt nahm seine Feder und begann zu rechnen. Als er zu Ende war, wandte er sich an seinen Klienten und sagte: „Gewiß, Ihr Vermögen ist so groß, daß es vollkommen ausreicht, Ihre Nachkommen bis ins zehnte Geschlecht genügend zu versorgen. Aber, wissen Sie, wenn Sie einen Ihrer Nachkommen in der zehnten Generation in dieser Weise beschützen, so beschützen Sie Kinder, auf die mehr als 12.000 Personen Ihrer Generation das gleiche erbliche Anrecht haben wie Sie.“

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Aus dieser Betrachtung folgt doch, wenn wir unseren Blick weiten bis zu 100 und mehr Generationen, daß alles, was Menschen beigetragen haben, auch etwa nur im scheinbaren Interesse ihrer eigenen Familie, unwiderruflich der Gesamtheit der Menschheit zugute kommt. Dieser „Ausgleichsprozeß“ kann wohl zeitweise gebremst werden mangels nützlicher Beiträge, nicht aber aufgehalten werden.

Eine weitere Betrachtung aus meinem demnächst englisch erscheinenden Buche „Social interest — a challenge to mankind“ (Verlag Lane, London), erschienen bisher in sechs Sprachen, zeigt in kurzem folgenden Ausblick, der obigen ergänzt. Ich werfe dort die Frage auf: Was finden wir vor, wenn wir in diese Welt geboren werden? Die Antwort lautet: alle die vorläufig nützlichen Beiträge, die unsere Vorfahren geleistet haben, Menschen in ihrer körperlichen und seelischen Ausgestaltung, soziale Einrichtungen, Kunst, Wissenschaft, ausdauernde Traditionen, gesellschaftliche Beziehungen, Werte, Schulung etc. Wir empfangen sie und bauen darauf auf, fördernd, verbessernd, verändernd, immer im Sinne einer weiteren Dauerhaftigkeit. Das ist das Erbe unserer Vorfahren, das uns zur Verwaltung anheimfällt, ihr Beitrag, in dem ihr Geist unsterblich weiter lebt, wenn die körperliche Hülle gefallen ist. Was geschah nun mit dem Erdenwallen von Menschen, die nichts beigetragen haben oder die hemmend in den Entwicklungsprozeß eingegriffen haben? Die Antwort lautet: sie sind verschwunden. Nichts von ihrem Leben kann mehr gefunden werden. Da scheint doch ein undurchbrechbares Gesetz zu walten, das sich gegen alle wendet, die nichts für spätere Generationen an Beiträgen liefern. Ihre Erdenspur verliert sich auf immer.

Der Kenner kann nicht übersehen, daß dieser Gedankengang, gegen den sich wohl kaum ein Gegengrund erheben läßt, in engstem Zusammenhang steht mit meinen Aufdeckungen, daß sich das Leben des Einzelnen wie der Masse als ein „Kompensationsprozeß“ darstellt, der gefühlte oder vermeintliche „Minderwertigkeiten“ körperlich und seelisch zu überbrücken trachtet. (S. „Studie über Minderwertigkeit von Organen“ und ihre seelische Kompensation.) Der eine Zielpunkt dieses Kompensationsstrebens ist die stetig wachsende Kultur der Menschheit, die in sich alle nützlichen und nutzbaren Beiträge der Generationen sammelt und weitergibt.

Die dem Leben der Menschheit innewohnende Kraft des Gemeinschaftsgefühls, die als vererbte Anlage zum großen Teil menschliches Wesen bedingt und nur Schwachsinnigen abgeht, wird lebendig und schaffend durch die schöpferische Kraft des Kindes. Derzeit nicht stark genug, menschliche Schwierigkeit zugunsten der ganzen menschlichen Familie zu lösen, ist das vorhandene Gemeinschaftsgefühl doch so mächtig, daß Individuen und Massen sich doch darauf berufen müssen. Menschliches Urteil kann nur soweit gehen, zu betrachten, ob die Linie der geplanten Bewegung in das Wohl der Allgemeinheit schließlich einmündet. Politische Strömungen, Verwendung der Fortschritte der Wissenschaft und Technik, Gesetzgebung und gesellschaftliche Normen sind von dieser Beurteilung nicht ausgeschlossen. Berufungen auf das Wohl der Gemein<!-- S. 4 -->schaft haben dauernd nur Kraft, wenn sie ihren Einklang mit dem Wohl der Allgemeinheit bestätigen können.

Ein dritter Ausblick hat einen viel ernsteren Hintergrund, leitet aber zu dem gleichen Ergebnis, zu dem den Menschen aufgezwungenen Fortschritt. Es ist die Endlichkeit des individuellen Lebens, die in den Fortschritt der Menschheit mündet. So tragisch uns verblühtes und rasch verblühendes Leben berührt, die Verjüngung in der nächsten Generation, bereichert durch die frühere, erzwingt neuerlich Beiträge und Fortschritt, wirft neue Probleme auf und trifft sie, für die keine Heredität herangereift ist, weil sie sie nie getroffen hat. Immer wieder aufs Neue steht die schöpferische Kraft des Kindes und des Erwachsenen unter immer neuen Anspannungen, bis neue Lösungen geschaffen sind und unbrauchbar gewordene beseitigt. Jede neue Generation ringt aufs Neue mit alten und neuen Aufgaben und ist als Ganzes gegen die Außenwelt gestellt gezwungen, mit wachsenden Sinnen und wachsendem Verstehen körperlich und seelisch sein Gleichgewicht zu erhalten (Cannon). Dieses Gleichgewicht kann nur gewonnen werden, wenn die Summe der Energien der Einzelnen, gefördert durch das Wachstum eines rationalen Weltbildes, *erfolgreich* die Außenwelt und ihre Aufgaben einer Lösung näherbringt. In der Ganzheitsbeziehung Mensch—Kosmos herrscht bis zum Untergang der menschlichen Familie der Fortschritt. „Die Umwelt formt den Menschen, aber der Mensch formt die Umwelt“ (Pestalozzi). In der Beschränktheit unserer Sinne und unseres Verständnisses von den letzten Dingen spricht rationale Wissenschaft das letzte Wort. Hier hat die Individualpsychologie mit ihrer Betonung der Ganzheit und des Gemeinschaftsgefühls ein starkes Wort zu sprechen.

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*Fuente:* *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie*, 15. Jahrgang, Nr. 1 (Jan./März 1937), S. 1-4 (Wien, Verlag Moritz Perles). Transcripción a partir del OCR del ejemplar digitalizado en Internet Archive, cotejada página por página con las imágenes del facsímil (págs. 3-6 del PDF); las cursivas reproducen la cursiva del impreso. Ortografía original (se conservan «der obigen ergänzt» y las demás particularidades sintácticas del texto). Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa. En el número le sigue «Die Anwendung der individualpsychologischen Therapie als Problem», de Sidonie Reiss, que no se transcribe.
