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Title: Neurotisches Weltbild
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 14 (1936), Heft 3 (Juli/September), S. 129-137. Wien: Verlag Moritz Perles.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1936-07%20Neurotisches%20Weltbild
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# Neurotisches Weltbild.

Von ALFRED ADLER.

Ist es das Streben des Individualpsychologen, die Kenntnis der nervösen Persönlichkeit aus ihren fehlgeschlagenen Beziehungen zur wirklichen Welt, wie sie dem sozialgerichteten Auge entspricht, zu erlangen, so ist er, um seinen Patienten zu überzeugen, bestrebt, ihm dessen unrichtiges, fiktives Weltbild, die haltlose Philosophie seines Lebens klar auseinanderzusetzen. Der Neurotiker ist so sehr in seine in der Kindheit geschaffene Welt schlafwandlerisch verflochten, daß er nur unter den günstigen Bedingungen einer individualpsychologisch geleiteten Diskussion und mit dem schmalen Anteil seines Gemeinschaftsgefühls, und daher mit dem verringerten Maß seines common sense, mitzugehen imstande ist. Die Heilung erfolgt durch die Zerstörung des falschen und restlose Anerkennung des gereiften Weltbildes, was immer in jenen Formen geschieht, die wir nur aphoristisch als Vergrößerung seines Gemeinschaftsgefühls, Ermutigung, Verzicht auf Scheingröße und stärkere Unabhängigkeit von der Meinung der andern ausdrücken können. Das reifere Weltbild setzt diese Aufgabe, in deren Lösung nicht etwa eine Anpassung, wie die des Wurms in einem Apfel, verstanden werden kann, sondern Richtigkeiten, wie sie für alle und für eine vorauszusetzende Ewigkeit gelten sollten.

Fraglos, daß das unrichtige Weltbild des Neurotikers ständig durch die Wirklichkeit so stark ins Schwanken gebracht wird, daß der Neurotiker sich von vielen Seiten bedroht fühlt, seinen Wirkungskreis einengt, pedantisch die gleichen Stellungnahmen zum Ausdruck bringt, einen Minderwertigkeitskomplex mit allen Folgen zeigt, dem zu entkommen, da nun das Todesproblem droht, er krampfhaft einen Überlegenheitskomplex konstruiert. Mutlosigkeit, Zweifel, Überempfindlichkeit, Ungeduld, aufgepeitschte Affektivität und Rückzugserscheinungen, körperliche und seelische Störungen mit allen Zeichen der Schwäche und des Anlehnungsbedürfnisses beweisen immer wieder, wie er den früh erworbenen „verzärtelten Lebensstil“ nie verlassen hat. Wie er, mit geringer Aktivität ausgestattet, ohne genügendes Gemeinschaftsgefühl sich eine Welt vorgespiegelt hatte, in der er berechtigt wäre überall der Erste zu sein, ohne im negativen Falle eine andere Antwort bereit zu haben, als in mehr oder weniger gehässiger Weise andere, das Leben, die Eltern anzuklagen. Diese Einengung auf einen kleinen Bezugskreis bringt es mit sich, daß er Fragen notwendiger Art ungelöst läßt, vor sie gestellt mit einer Schockwirkung antwortet und in dieser exogen ausgelösten Situation Schocksymptome entwickelt, die seiner Körperlichkeit und seinem Lebensstil entsprechen, besonders aber jene betont, die ihn zu berechtigen scheinen, der vorliegenden mit einer Niederlage drohenden Frage auszuweichen.

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Die Mannigfaltigkeit der nun erscheinenden Symptome läßt sich, wie ich in meinem im vorigen Heft dieser Zeitschrift erschienenen Artikel „Über Symptomwahl“ gezeigt habe, ziemlich restlos begreifen. Freilich muß man es verstanden haben, daß seelische Zusammenhänge nicht im Sinne des Beobachters, sondern im Sinne des Patienten geschaffen werden, daß wir es bei den neurotischen Symptomen nicht mit dem „Ding an sich“, nicht mit kausalen Faktoren zu tun haben, sondern mit der Meinung und Auffassung, mit dem fehlerhaften Weltbild des Patienten.

Vielleicht kann ich diese Tatsachen an folgendem Falle näher erläutern.

Ein 21jähriger Chicagoer Student der Anthropologie klagt über einen Mangel an Konzentrationsfähigkeit, über Verlust des Gedächtnisses und über starke Angsterscheinungen. Wir sind gewiß, daß wir eine ganze Reihe weiterer nervöser Symptome vorfinden werden.

Seine Mutter starb an einer Herzerkrankung. Schon vor ihrem Tode litt der Patient an starkem Herzklopfen, das sich nach ihrem Tode auffallend verstärkte.

Da wird mancher sagen: „Aha, er identifiziert sich mit der Mutter!“ Der Individualpsychologe würde einwenden: „Du kommst zu diesem Schlusse, weil du starr nach einer einzigen Richtung blickst. Und du findest, was du schon vorher weißt. Du wirst nun, gezwungen durch dein Orientierungsschema, mit Schärfe darauf achten, ob du Anhaltspunkte findest für die homosexuelle Neigung dieses Patienten, der dem Vater die Mutter ersetzen will. Dagegen ist zu sagen: niemand schätzt die Rolle der Identifikation höher als der Individualspychologe [sic]. Und wenn hier wirklich eine Identifikation mit der Mutter vorliegt, warum sollte diese Identifikation sich nur oder besonders auf die Sexuallibido erstrecken? Gibt es sonst nichts in der Persönlichkeit der Mutter, ihr Hauswerk, ihre Stellung zu gesellschaftlichen Fragen, das ganze Wesen ihrer Persönlichkeit, die zur Identifizierung Anlaß geben könnten? Könnte es nicht sein, daß dieser Sohn gerade die Enthebung von Aufgaben, die der kranken Frau gewährt wurde, höher stellt als alles andere? Wir wollen nicht auch in den Fehler voreiligen, durch unsere Blickrichtung dargebotenen Herumratens verfallen, obwohl die obigen Klagen des Patienten auf Enthebung Anspruch machen.

Auch eine andere Frage erhebt sich hier. Wir müssen alle jene Darstellungen verwerfen, als ob neurotische Symptome „gemacht“ werden könnten. Sie sind vielmehr die letzten, automatischen Ausläufer tiefer liegender seelischer Erregungen. Eine Neigung, sich mit der Mutter zu identifizieren, Symptome nachzuahmen, könnte nie zu Herzklopfen führen. Daß aber die Angst, über die der Patient klagt, Herzklopfen hervorrufen kann, ist kaum zu bestreiten. Vielleicht wird sich der in der Medizin geschulte Individualpsychologe vorsichtigerweise auch zu der vorläufigen Annahme entschließen, daß vielleicht bei dem Patienten eine von der Mutter geerbte Organminderwertigkeit des Herzens vorliegt, eine Annahme, die deshalb nicht allzugewagt erscheint, weil wahrscheinlich die ganze gegenwärtige Generation eine relative Minderwertigkeit des Herzens <!-- S. 131 --> aufweist, was durch die überragende Zahl der Herztodesfälle beweiskräftig erscheint.

Als eine weitere Klage des Patienten erfahren wir, daß er an einer Akkomodationsschwäche der Augen leidet (Schwäche der musculi interni), die den leicht kurzsichtigen Studenten am Lesen hindert.

Fassen wir unter seinen Symptomen den Mangel an Konzentrationsfähigkeit, die mangelnde Gedächtniskraft und die Unfähigkeit zu lesen zusammen, so müssen wir gestehen, daß er in seinem Berufsleben als Student vor dem Schiffbruch steht. Die Angsterscheinungen klären das Bild, wenn wir erfahren, daß er vor einer Prüfung steht, der er sich nicht gewachsen fühlt. Dieser Zusammenhang wird uns, und was weit wichtiger ist, dem Patienten nur dann als überzeugend erscheinen, wenn wir nachweisen können, daß der Patient kraft seines Lebensstiles stets mit Angst antwortete, wenn ein Erfolg ausgeschlossen schien, wenn sich die selbstgefällige Eitelkeit des verzärtelten Lebensstiles bedroht fühlte.

Unter anderem erwähnte er auch ein bei Neurotikern häufiges Symptom, das sich immer einstellte, wenn er über eine Brücke ging. Er fürchtete zu fallen oder sich selbst in die Tiefe zu stürzen.

Wie ich schon anläßlich der Interpretation von Fallträumen erklärte, der Eindruck des Fallens setzt voraus, daß einer sich „oben“ fühlt, aber dessen nicht sicher ist. Und daß er in verzagter oder warnender Art jene Stimmung und jene Gefühle erweckt, als ob das Unglück schon geschehen wäre. Der Gedanke an Selbstmord, das Todesproblem, taucht, wie ich gezeigt habe, immer auf, wenn das Individuum die dem Leben einverleibte Struktur des Strebens nach Erfolg abgeschnitten findet. Wir finden hier den kurzgefaßten symbolischen Ausdruck für die Verzweiflung des Patienten an seinem Erfolg.

Er erinnert sich, daß alle seine Symptome ihre Höhe erreichten, als er kurz vor einer Prüfung eine Vorlesung über Napoleon anhörte. Die Schilderung dieses meist siegreichen Kraftmenschen und sein Sturz erschütterten ihn außerordentlich. Wir finden in dieser Erschütterung die gleiche Stärke der Identifikation, die viele Medizinstudenten dahin führt, alle Krankheitssymptome an sich zu entdecken, von denen sie in der Klinik Kenntnis bekommen. Diese Identifizierung mit Napoleon gelingt unserem Patienten wohl deshalb leichter, weil er sich offenbar ein Weltbild geschaffen hat, in dem er wie ein Napoleon über die andern hinausragt.

Seinen Vater schildert er als einen wertlosen Menschen, der sich um die Familie nicht kümmerte.

Diese Bemerkung ist deshalb von größter Wichtigkeit, weil sie zeigt, — was dem Patienten gänzlich unbekannt, von ihm unverstanden und durchaus nicht etwa im „Unbewußten“ ist, — daß sein Platz in der frühesten Kindheit zu enge war, um ihn zur Entfaltung seiner angeborenen Fähigkeit des Gemeinschaftsgefühls gelangen zu lassen. Sein Interesse für andere hat wohl bei der Mutter halt gemacht.

Seine Mutter war eine überaus gütige Frau, die in der Sorge für ihn, der in der Kindheit an Tbc litt, aufging und ihn im äußersten Grade verwöhnte. Dasselbe tat auch eine Großmutter. Eine Freundin der Mutter, <!-- S. 132 --> die gegen die Verwöhnung auftrat, lehnte er gänzlich ab. Er war ein einziges Kind.

Wir haben bereits so viel Material beigetragen, um jedem verständlich zu machen, daß die Neurose die Stellungnahme des „verwöhnten Lebensstiles“ ist, daß ich nicht gerne wieder darauf eingehen will. Der „Ödipuskomplex“ und seine Folgen sind nichts anderes als die Erscheinungsformen des „verwöhnten Lebensstiles“. Nur auf den wiederholt und mit Nachdruck nachgewiesenen Punkt will ich noch einmal hinweisen, daß der „verwöhnte Lebensstil“ in seiner lebendigen Ausgestaltung die Schöpfung des Kindes ist, die freilich von außen her häufig Förderung erfährt. So daß gelegentlich dieser Lebensstil auch dort zu finden ist, wo man gerechter Weise nicht von Verwöhnung, eher von Vernachlässigung sprechen könnte.

Eines aber erscheint mir wichtig, um an dieser Stelle erwähnt zu werden. Wenn das Kind in seinem verwöhnten Lebensstil irrend und nahezu traumhaft sein Weltbild gestaltet hat, dann wird jedes Erlebnis im Sinne seiner Haltung zum Leben gesehen, empfunden und beantwortet. Nicht die Erlebnisse als solche, ihre ureigenste Bedeutung wirken sich dann aus, sondern die Auffassung, Wertung und Bedeutung, die dem Erlebnis durch den vorhandenen Lebensstil gegeben wird. Es soll nun noch etliche Psychiater und Psychologen geben, die aufgedeckte Erlebnisse als „Tiefenpsychologie“ hinstellen. Um wie viel tiefer geht die Deutung der Individualpsychologie, die in den Erlebnissen den viel tiefer liegenden Lebensstil klarstellt! Aber auch das Ressentiment, von einigen als sadistischer Urtrieb beschrieben, ist lange nicht Tiefe, sondern findet sich regelmäßig als spätere Reaktion besonders im verzärtelten Lebensstil, sobald die Außenwelt nicht mehr gewährt, was das irrtümlich geschaffene Weltbild solcher Kinder zu versprechen scheint. Kinderfehler irgendwelcher Art, ob sie den Mund oder andere Körperstellen betreffen, zeigen deutlich die frühzeitige Revolte dieser Kinder gegen die Forderungen des Gemeinschaftsgefühls, gegen ihre Einfügung in ein soziales Leben. So erscheinen sie schon frühzeitig als eine Bürde für die andern und nicht als eine Hilfe.

So erzählt auch unser Patient, daß er mit den Jahren, in denen er naturgemäß nicht mehr seine Welt der Verzärtelung erleben konnte, trotzig und aufbrausend wurde, was aber nur in solchen Situationen zutage trat, in denen er, sich frei fühlend von jeder Verantwortung, die Oberhand hatte, wie zu Hause und in der Schule. Hier besonders, wo er nicht der Einzige, nicht der Erste sein konnte, zeigte sich seine Schulfeindlichkeit in fortgesetzten Versuchen zu stören. Fremden Leuten gegenüber zeigte er sich scheu und verschlossen. Auch war es ihm unmöglich, Freundschaften zu schließen. In diesen Lebensformen zeigte sich deutlich seine Ausschaltungstendenz, die schon in jüngsten Jahren dort auftrat, wo er sich nicht als Herr der Situation fühlte.

Bezüglich der „Ausschaltungstendenz“ und ihrer Wichtigkeit habe ich oft das Nötige gesagt. Sie macht sich als Abstraktion geltend. Sowie ein Weg, eine Haltung, eine Beziehung zu Problemen der Außenwelt erfaßt wird, der Außenwelt, zu der auch das Erlebnis der Körperlichkeit und die Eindrücke des Seelenlebens gehören, wird alles, was nicht zu dem <!-- S. 133 --> gewählten Weg gehört, mehr oder weniger ausgeschaltet. Oder es wird ganz oder teilweise seines gedanklichen Inhaltes entkleidet. Dasselbe geschieht mit den untrennbar verbundenen Gefühlsmomenten und der daraus sich ergebenden Stellungnahme. Übrig bleibt nur die vom Lebensstil gewählte Richtung, gedanklich, gefühlsmäßig und stellungsmäßig. Was bei dieser Ausschaltung der Lebensstil übrig läßt, bleibt im Seelenleben bestehen und wirkt sich aus — „unbewußt“, wie die Autoren zu sagen pflegen, besser *unverstanden,* weil der betreffende Lebensstil die von ihm gemodelten Eindrücke einer weiteren Kritik sorgfältig entzieht. Sein Weltbild kann der Neurotiker nur mit Hilfe solcher der Kritik entzogenen Hilfskräfte aufrechterhalten. Die Haltung unseres Patienten zeigt demnach, wie er durch Ausschaltung anderer seinen neurotischen Bezugskreis aufrechtzuerhalten suchte, ihn soweit verkleinerte, daß er die Fiktion von seiner Einzigartigkeit bewahren konnte.

Als er in höhere Klassen, in der High School, aufrückte, traf er auf freundliche, wohlwollende Lehrer, wie er sie früher nicht gehabt hatte. Da wurde er einer der besten und folgsamsten Schüler. Nur die Mathematik machte ihm Schwierigkeiten, wie so oft verwöhnten Kindern, die, im weiten Feld dieser Wissenschaft allein gelassen, oft auch ohne Erfolg im Beginn sich zu enge Grenzen setzen, sich hinter den Glauben an einen Mangel der Begabung zurückziehen und alle Gedanken und Impulse an eine Besserung ausschalten.

Außerordentlich stark wirkte auf ihn der Religionsunterricht. Die Allmacht Gottes faszinierte ihn. Mehrere Jahre verlebte er in religiöser Inbrunst und war ein regelmäßiger Kirchengänger. Die Teilnahme an der Größe Gottes, das Bewußtsein, mit dem höchsten Wesen verbunden zu sein, lag im Bereiche seines Weltbildes. Aber seine Hingabe an das höchste Wesen begann für ihn zu stark zu werden. Da wendete er sich von der Religion ab und vermied in die Kirche zu gehen.

Seine Lehrer sagten ihm eine große Zukunft voraus. Bevor er an die Universität ging, bot sich ihm eine Stellung als Hauslehrer. Die Unterordnung unter den Willen einer verzärtelnden Mutter und eines verwöhnten Kindes war zuviel für sein Weltbild. Kaum zwei Wochen hielt er es aus. An einer zweiten Stelle blieb er fünf Tage. Dann gab er Hausunterricht gänzlich auf und wurde Student der Anthropologie.

Aber auch hier störte ihn sein kindliches Weltbild. Er kam an der Universität neben einer 17jährigen Studentin zu sitzen. Da überkam ihn die Furcht, diese Situation könnte ihn sexuell aufregen. Da ihm die Möglichkeit, vor einem Mädchen geprüft und vielleicht zurückgesetzt zu werden, unerträglich war, er aber unter allen Umständen nur erfolgsichere Wege gehen konnte, schaltete er das andere Geschlecht gänzlich aus seinem Erleben aus und weidete sich an dem Gedanken, ein reines Leben zu führen. Daß diese Reinheit durch Masturbation einigermaßen gemindert war, störte ihn nicht, war doch sein eingeengter Lebensstil für Masturbation zugänglich, war doch Masturbation der richtige sexuelle Ausdruck eines Lebensstils, der mangels einer genügenden Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls keinen Platz für eine Aufgabe hatte, an der zwei Personen in beiderseitiger Ergebenheit unter dem Gefühl der Gleichwertigkeit <!-- S. 134 --> ihre endgültige Vereinigung beschließen. Sein eitler, ehrgeiziger Lebensstil konnte auch die Sexualfunktion in seinem Sinne gestalten, wo das Gefühl einer Niederlage so ziemlich ausgeschlossen war, wenn die Meinung des Patienten es so wollte. Er verharrte so, weil seine Sexualfunktion nicht in die Richtung des Gemeinschaftsgefühls drängte, in der Linie der Ausschaltung normaler Sexualität und Liebe, und war nur auf den Schutz seines Prestiges bedacht. Die Folge war, daß er *den Weg aus der kindlichen Gestaltung der Sexualfunktion, der Selbstbefriedigung,* nicht finden konnte. Bei dieser Gelegenheit will ich auch hervorheben, daß dieser Mangel einer sozialgerichteten Sexualfunktion die Hauptrolle in allen Perversionen und in allen psychischen Störungen der Sexualität spielt.

Wir wären nun schon imstande, widerspruchslos die Sphäre seiner Aktivität, den Bezugsraum zu umschreiben, den er kraft seines Weltbildes entsprechend seiner Meinung vom Leben selbsttätig geschaffen hat. Dadurch sind wir imstande, auch alle seine Ausdrucksbewegungen, seine Art, Lebensprobleme zu lösen oder auszuschalten, mit einiger Sicherheit vorauszusagen. Mit einiger Sicherheit nur, da niemand sich ganz in den andern hineindenken kann und da besonders Ausweichungsmöglichkeiten in großer Zahl gegeben sind. Wir könnten z.B. annähernd angeben, was der Patient uns als eine älteste Kindheitserinnerung offenbaren wird. Er wird mit Wahrscheinlichkeit eine Situation oder ein Ereignis schildern, in der sich sein Weltbild wörtlich oder symbolisch darstellt. Seine älteste Erinnerung lautet: „Ich sah von einem hohen Fenster aus in einen Hof, in dem Soldaten in Uniform exerzierten“. Vielleicht wird nur der Individualpsychologe das kleine Detail ernster fassen, daß er von oben herabschaute, und wird finden, daß dieses Schauen wenig von Aktivität aufweist, gleichzeitig auch mit seiner Kurzsichtigkeit einen Zusammenhang hat, da Kinder mit leichteren Augenfehlern recht häufig für das Sehbare ein größeres Interesse entwickeln. Auch seine frühzeitige Berufswahl wäre nicht schwer vorauszusagen: er wollte Pilot, Redner, politischer Führer (von oben herab) oder Lokomotivführer werden.

Eine weitere seiner Klagen bezieht sich darauf, daß er außerordentlich suggestibel sei. Wir treffen sehr selten unter Fehlschlägen, wie einer Neurose, Psychose, Delinquenz etc., eine Suggestibilität in der Richtung auf Mitarbeit und Mitmenschlichkeit. Wenn wir sie antreffen, meist bei schwererziehbaren Kindern von geringer Aktivität, so ist sie immer gefolgt von Ressentiment und heimlicher Revolte, gelegentlich so, auch während einer Behandlung, daß der Patient zuzustimmen scheint, ohne eine Besserung seines Verhaltens durchzuführen. Sonst aber finden wir diese und ähnliche Klagen dort, wo wir eigentlich das Gegenteil feststellen können, so daß die Annahme gerechtfertigt erscheint, der Patient macht solche Feststellungen, um sich dagegen zu wehren. Im Allgemeinen kann gesagt werden, daß Suggestibilität immer dort erscheint, wo sie dem Lebensstil angepaßt ist. So offenbar auch hier, wenn der Patient andern leicht zustimmt, weil er fürchtet, durch Widerspruch einer Niederlage entgegenzugehen. Seine Suggestibilität ist also unmittelbar verwandt mit seiner Scheu.

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Dieses Symptom bringt er in unmittelbaren Zusammenhang mit der Haltung der bereits erwähnten Freundin seiner Mutter, die nicht nur für ihn die wichtigste Person seiner nächsten Umgebung war. Zu Besuchen bei ihr mußte er sich so hübsch als möglich kleiden und ihre Vorwürfe trafen ihn aufs härteste. Allmählich betrachtete er sie als seine größte Feindin, da seine Eitelkeit durch sie stets verletzt wurde.

Das Grab seiner Mutter, deren Beziehung zu ihm der Kern seines verwöhnenden Weltbildes geworden war, besuchte er häufig und fragte sich häufig dort, was ohne sie aus ihm werden sollte. Dabei lenkten sich seine Gedanken regelmäßig auf den Herzfehler, den kein Doktor bestätigen konnte. Hier ließ ihn die beklagte Suggestibilität im Stich.

Er wandte sich an Psychiater und Psychologen. Einer von ihnen fragte ihn, ob er sich auf der Gasse beobachtet fühle. Der Patient erriet, daß der Arzt die Diagnose Paranoia im Sinne hatte. Er hatte nie zuvor einen ähnlichen Gedanken gehabt. Seit dieser Frage aber blickte er häufig auf der Straße um sich, argwöhnend, daß ihn jemand verfolge.

Ein anderer Psychiater fragte ihn, ob er Stimmen höre. Auch aus dieser Frage entnahm der Patient, daß er der Schizophrenie verdächtig sei. Er leugnete es, aber seit dieser Bemerkung glaubte er stets Geräusche und Klingen im Ohr zu verspüren. Dieses Symptom erfuhr noch eine Verstärkung, als die erwähnte Freundin der Mutter auf seine unbefangen scheinende Frage erklärte, solches seien Zeichen von Wahnsinn. Eines nachts trat dieses Klingen im Ohr außerordentlich stark auf. Er schrie und weinte so laut, daß sein Vater kommen mußte und ihn beruhigte; darauf hörten die Ohrgeräusche auf, traten aber immer wieder auf, wenn er die Freundin der Mutter besuchte.

Sollen wir die Tatsache der Ohrgeräusche leugnen? Oder sollen wir, wie andere, annehmen, daß der Patient sie willkürlich erzeugte? Ich glaube nicht, daß jemand sie erzeugen kann, und nehme lieber an, daß er ein empfindliches Gehörorgan besaß, eine Organminderwertigkeit, die sich bei Emotionen geltend machte, vielleicht auch schon früher, ohne daß der Patient vor seiner Konsultation bei dem Psychiater Gewicht darauf gelegt hätte.

Nun aber sehen wir, wie er zur Sicherung seines Weltbildes, also zum Schutz seiner Eitelkeit einen Wall gegen die Forderungen des wirklichen Lebens errichtet hatte. Ohne sich Klarheit darüber zu machen, konnte er alle Lebensfragen ausschalten oder hinausschieben, indem er sich ganz der Betrachtung und den Gefühlen seiner Symptome hingab, die das Resultat seines Schocks waren, den er erlebte, da er sich zu schwach fühlte, das Ziel seiner Eitelkeit zu erreichen, seinem Weltbild getreu eine überragende Rolle zu spielen. Wobei er dem Schock durch die vorliegenden Probleme ausweichen, diese in den Hintergrund drängen konnte, was ihm unter zwei Übeln als das kleinere erscheinen mußte.

Spitzfindige Kritiker der Individualpsychologie müßten hier fragen: wenn die Individualpsychologie das Streben nach Erfolg als der Lebensstruktur untrennbar eingebettet findet, wenn diese Wissenschaft behauptet, daß niemand ohne Änderung seines Weltbildes seinen Lebensstil ändert, ist es gerechtfertigt anzunehmen, 1. daß das Streben nach Erfolg auch in <!-- S. 136 --> der armseligen Haltung dieses Patienten zu finden ist, 2. daß die Persönlichkeit des Patienten sich nicht geändert hat?

Wer sich mit diesem Patienten identifizieren kann, wird leicht finden, daß seine gegenwärtige Haltung seinem Weltbild entspricht, das nur Situationen zuläßt, in denen der Patient seine Eitelkeit befriedigt findet. Von allen Situationen nun, die hier denkbar wären, bleibt nur die eine als passend übrig, sich jeder Niederlage zu entziehen, ein haltbares Alibi dafür aufzubringen und seine Familie in seinen Dienst zu zwingen. Dabei gewinnt der Patient den Vorteil, daß er in seinem idealen Weltbild verharren kann, als ob er der Sieger über alle sein könnte, wenn nur das Hindernis seiner Krankheit überwunden wäre. Und dies ist ja die Pflicht des Arztes und nicht seine.

Daraus geht auch hervor, daß sich die Persönlichkeit des Patienten nicht geändert hat. Er lebt auch jetzt entsprechend seinem Weltbild. Er gibt jetzt die Antwort, die wir kraft seines Lebensstils von früher erwarten konnten, sobald sich anläßlich einer drohenden Niederlage sein Minderwertigkeitskomplex entwickelt.

Die Wahl seiner neurotischen Symptome, automatisch entwickelt, ist durchaus verständlich. Allen zugrunde liegt die tiefe Erschütterung, nicht seinem eitlen Weltbild entsprechend leben zu können. Diese Erschütterung, weil fortlaufend wie die exogenen gefährlichen Probleme, brachten Körper und Seele in einen Gefühlsaufruhr. Die körperlichen Minderwertigkeiten, Auge, Ohr und Herz, gaben zuerst nach. Angst als die Erscheinungsform eines schweren, hilflos erscheinenden Minderwertigkeitsgefühls gesellte sich hinzu. Die Furcht, zu fallen oder sich hinabzustürzen, weisen auf den Anbruch des Todesproblems hin in symbolischer Verkleidung. Die scheinbar paranoiden Züge waren geglückte Folgen einer unverstandenen Anleitung durch Ärzte.

Sein Traumleben entspricht ganz seinem Weltbild. Seine sexuellen Träume zeigen, daß er die masturbatorische Phase der Sexualfunktion, einer Aufgabe für eine Person allein, noch nicht überwunden hat. Verfolgungsträume spiegeln ihm vor, daß er von Gefahren umringt sei und vorsichtig sein müsse. Einer seiner Träume enthält eine Szene, in der er auf der Spitze eines Berges steht und auf die kleinen Menschen unten herabsieht, ein Bild, das seiner ältesten Kindheitserinnerung völlig entspricht. Ein andermal sieht er sich auf einer hohen Kirchturmspitze, von der er herabgleitet, um im Lande der Kommunisten zu landen. „Kommunismus“ für ihn gleichbedeutend mit den ärgsten Übeln.

Sein Studium ist ihm ganz verleidet. Er träumt, sein Professor kommt die Stufen herauf, und er erwartet, daß dieser mit ihm sprechen wolle. Als der Professor näher kommt, wendet derselbe sich weg und sagt, er habe sich geirrt, und wendet sich zu einem andern Schüler. Verlassen also auch von seinem Lehrer, was ihm mehr bedeutet als sein Studium, kehrt er der Wissenschaft den Rücken.

Er lauert auf jedes Wort, das seinem Rückzug zustatten kommt, ihm als Alibi dienen könnte. Sein Blick ist nur darauf gerichtet, sich drohenden Aufgaben zu entziehen. Die Freundin der Mutter erzählt ihm von einem Manne, der mit 40 Jahren einen Schlaganfall hatte; sie fügt hinzu, <!-- S. 137 --> er müsse eine Ahnung von seinem späteren Schicksal gehabt haben, da er nicht heiraten wollte. Sofort kommt ihm in den Sinn, daß auch er dasselbe Schicksal erleiden werde.

Ein Trost ist ihm geblieben. Jener Trost, der soviele Menschen dazu bringt, aus ihrem Minderwertigkeitskomplex in einer Kompensation einen Überwertigkeitskomplex zu gestalten, auch hier wieder die Tendenz, ein Leben wenigstens scheinbar erfolgreich durchzuführen: er findet, daß seine Stirne mächtig gewachsen sei, und ist überzeugt, daß ihn dies zu einem „politischen Führer“ qualifiziere. Dies freilich für spätere Zeiten.

Der Weg zur Heilung ist klar ersichtlich. Sein Lebensstil und sein Weltbild sind ein einziges Bezugssystem. Er sieht alles nur mit seinen eitlen, selbstgefälligen Augen. Er bezieht sich zu jeder Frage des Lebens mit der ängstlichen Erwartung, ob auch sein Prestige gesichert sei, findet dies selten und ist so genötigt sich von den Lebensaufgaben unter Festhaltung der Schockwirkungen zurückzuziehen. Solange er diesen Irrtum nicht versteht, solange er seine Welt für die richtige, die richtige Welt aber für seine Eitelkeit unerträglich findet, bleibt er ein Neurotiker. Löst sich sein Traum von einer Welt, die seine Eitelkeit geboren hat, die seine Eitelkeit rechtfertigt, beginnt er sich mehr und mehr als ein Gleichberechtigter unter Gleichen zu fühlen, unabhängig von der Meinung der andern, so steigt auch sein Mut, und seine Vernunft bekommt die Kontrolle über unverstandene Zusammenhänge. Von allen Erlebnissen aber, und von allen angeborenen Möglichkeiten, ist zu sagen, daß sie nicht einen allgemeingültigen Marktwert haben wie Händlerware, sondern daß sie soviel Wirkung haben als der Lebensstil zuläßt. Nur wer diesen Punkt verstanden hat, darf von Höhe oder Tiefe psychologischer Wissenschaft sprechen.


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*Fuente:* *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie*, XIV. Jahrgang, Heft 3 (Juli/September 1936), S. 129-137 (Wien, Verlag Moritz Perles). Transcripción a partir del OCR del ejemplar digitalizado en Internet Archive, cotejada página por página con las imágenes del facsímil; las cursivas reproducen la cursiva del impreso. Ortografía original; se corrigen en silencio los errores del OCR y se señala con [sic] la errata del impreso «Individualspychologe». En la pág. 137 el titulillo corresponde ya al artículo siguiente (Josef Takats, «Kriminologie und Individualpsychologie»), que no se transcribe. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
