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Title: Symptomwahl
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 14 (1936), Heft 2 (April/Juni), S. 65-80. Wien: Verlag Moritz Perles.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1936-04%20Symptomwahl
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<!-- S. 65 -->

# Symptomwahl.

Von ALFRED ADLER.

Das Thema, das ich heute zu behandeln habe, scheint mir das allerschwierigste in der Neurosenpsychologie und in der Psychologie überhaupt. Es scheint mir, daß man sich an dieses Thema erst heranwagen darf, wenn man die Schwierigkeiten bereits überwunden hat, die sich der Psychologie der Neurosen und der Psychiatrie fortwährend entgegenstellen. Vor allem auch muß gesagt werden, daß, wenn man an die Symptomwahl schreitet, um sie zu verstehen, man sich vor allem jedes Herumratens entschlagen muß. Hier muß alles fest gehämmert sein, von allen Seiten bewiesen. Da darf kein Stein im Bau wanken. Ja, wir müssen so weit kommen, daß wir sagen können: wenn ich an derselben Stelle wäre, wenn ich denselben Irrtum in meiner Meinung vom Leben gehabt hätte, wenn ich in dieser Weise trainiert hätte wie dieser Mensch, wenn ich fälschlich wie er etwas zu einem Problem gemacht hätte, zur Ursache für die Organisation meines Lebens, dann würde ich ungefähr an denselben Symptomen leiden. Erst dann, nach dieser Identifizierung, können wir behaupten, daß wir wirklich einen Menschen verstanden haben, und daß wir seine Symptomwahl begreifen. Freilich muß noch einiges hinzugefügt werden. Vor allem möchte ich sagen, daß, wenn ich heute von Symptomwahl spreche. man mir erlauben muß, daß ich nicht nur auf die Symptomwahl in der Neurose zu sprechen komme, vor allem deshalb, weil — wie die Individualpsychologie feststellt — eigentlich das, was wir Neurose nennen, auch nur Symptome sind, Symptome eines fehlerhaften Lebensstils, Erscheinungen, die auftreten, wenn einer nicht in der von uns erwarteten normalen Weise mit den Lebensfragen fertig wird. Das ist der eine Gesichtspunkt, den wir berücksichtigen wollen. Und wenn wir dann zum Schluß sehen werden, daß tatsächlich unsere Untersuchungen nicht bloß für die Neurose, sondern auch für die schwer erziehbaren Kinder, für Kriminelle usw. gelten, dann wird man mir verzeihen, daß ich mein Thema so weit ausgedehnt habe.

Wir werden die Symptomwahl nur verstehen, wenn wir sie als ein Kunstwerk betrachten. Wir müssen uns unseres richterlichen Urteils entschlagen und nur bewundernd betrachten, wie jeder Mensch ein Künstler ist auf seinem Lebenswege, wohl aus seinen Irrtümern heraus, aus Beeinflussungen, die sicherlich nicht die richtigen waren, die der Betreffende auch nicht richtig beantwortet hat. Wenn wir also, von irgendeinem Symptom ausgehend, etwas feststellen wollen, so können wir, menschlicher Voraussicht nach, es nicht anders, als daß wir es *als einen Teil des Ganzen* empfinden, das heißt, daß wir in jedem Symptom, das wir betrachten und verstehen wollen, noch etwas finden, außer der Äußerlichkeit, die man <!-- S. 66 --> beobachtet, außer dem Inhaltlichen, außer dem, daß einer z. B. *leidet,* an Kopfschmerzen, an Angsterscheinungen, Zwangsvorstellungen, daß er ein Dieb geworden ist oder ein Faulpelz in der Schule. Es steckt noch etwas Persönliches, Einmaliges darin. Eine Entscheidung läßt sich mit einer Formel nicht fällen. Je schärfer man solch ein Symptom ins Auge faßt, und je mehr man von dem Aufbau seelischer Struktur versteht, um so mehr wird man begreifen, daß es Symptome, die das Gleiche bedeuten, nicht gibt. Nur bis zu einem gewissen Grade können wir die Unterschiede benennen wegen der Armut unserer Sprache. Daher kommt es, daß andere Gleichheiten sehen, wo wir Unterschiede finden. Aber eins darf man jedenfalls sagen: in dieser schöpferischen Leistung, die uns vorliegt, eine schöpferische Leistung, deren Meister immer der betreffende Patient oder wie wir ihn nennen wollen, ist, findet sich immer ein Zug, der nach einer Art von Vollendung strebt, findet sich ein Werden, niemals ein Sein, ein Werden, das offenbar auch all denen vorschwebt, die von einer Symptomwahl sprechen. Ob sie es wissen oder nicht, wer von Symptomwahl spricht, muß damit auch die Idee verbinden, daß es sich hier um etwas Zielstrebiges handelt, um etwas, das man *nur unter dem finalen Gesichtspunkt* begreifen und verstehen kann.

Vorerst ist die wichtige Frage zu entscheiden, die heute besonders stark betont wird, wie weit die Vererbung eine Rolle spielt, da man oft beobachten kann, wie in einem Familienstammbaum gewisse, ähnliche Erscheinungen auftreten. Nun, ich sagte vorher, daß wir aus der äußerlichen Ähnlichkeit oder Gleichartigkeit von Symptomen niemals einen Schluß ziehen können, und daß hier das Wort gilt: wenn Zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Wir trachten in der Individualpsychologie alle die Tatsachen festzustellen, die auf irgendwelche irrtümliche Wege geführt haben. Die Tatsache, der wir zuerst begegnen, ist, wie das Kind das Erlebnis seiner Körperlichkeit aufnimmt, mit der es ins Leben zu treten hat, mit der es das Leben zu bestehen hat. Nach einiger Zeit findet man ja auch das Verhalten des Kindes und seine Stellungnahme in dem Sinne ganz deutlich ausgeprägt, daß sich das eine Kind mehr, das andere weniger zutraut, wie das eine aktiv, das andere weniger aktiv vorgeht, wie das eine Kind nahezu besorgt immer an sich denkt, während das andere bereit ist, sich anzugliedern und mitzuarbeiten, mitzuhelfen, mitzuspielen und die Last nicht auf andere zu schieben, auszudrücken, ob es eine Hilfe oder eine Bürde ist usw. Natürlich, wenn ich hier darüber spreche, habe ich nur Typen herausgegriffen, die uns für den einzelnen Fall noch keine endgültige Lösung geben, weil wir ununterbrochen mit Tausenden von Varianten zu rechnen haben. Immerhin können wir die Einflüsse der Körperlichkeit, der Validität der Organe sehr bald beobachten, *der offenbar verschieden angeborenen seelischen, allmenschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten, über die wir nichts aussagen können, da wir sie nur an den trainierten Resultaten errechnen wollen,* wie sie *von dem Kinde erlebt werden* und wie das Kind *sie verwendet und verwertet.* Natürlich können dem Kinde auch Fehler unterlaufen. Das Kind befindet isch [sic] in irgendeiner Stimmungslage gegenüber den Anforderungen des Lebens. Diese Anforderungen können noch so klein sein, sie betreffen doch die Atmung, die Bewegung, die Aufnahme <!-- S. 67 --> der Nahrung, die Reinlichkeit, die Umgebung usw. All diese Funktionen stehen natürlich auch in Beziehung zur Wertigkeit der Organe. Und so konnte die Individualpsychologie in größerem Maße als das früher schon bekannt war, feststellen, daß Kinder, die mit schwächeren Organen zur Welt kommen, irgendwie Eindrücke davon bekommen, die uns als Eindruck der Schwäche, der Unsicherheit, der Minderwertigkeit, der Schwierigkeit oder Feindlichkeit des Lebens erfaßbar sind, und die als Ergebnisse einer Unsicherheit sich immer wiederholen können. An dieser Stelle muß ich einen wichtigen Gedanken vortragen, der uns weiter zum Verständnis der Symptomwahl führen kann. Wenn ein solcher Zustand des Unsicherheitsgefühls, des Minderwertigkeitsgefühls, das heute, wie es die Individualpsychologie gelehrt hat, ganz allgemein als eine Tatsache festgehalten wird, längere Zeit besteht, ist es selbstverständlich, daß dieses Kind nun in dieser Situation, in dieser Empfindung, in dieser Stimmungslage sein Leben und seinen Lebensplan ausbaut, daß es dementsprechend Stellung nimmt, so daß wir behaupten können, hier liegt *ein Training* vor, ein Training, das zu einer Fixierung der Haltung den Lebensaufgaben gegenüber Anlaß gibt. Ein Training, das sich hauptsächlich dadurch charakterisiert — wie ich zeigen konnte —, daß ein solches Kind viel mehr um sich besorgt *sein kann* und alle jene Charakterzüge erzeugt, die uns dann verständlich erscheinen, dem Kinde aber als notwendig und selbstverständlich. Sie werden z. B. Charakterzüge finden von übergroßer Vorsicht, was auch schon besagt, daß es sich hier um ein Individuum handelt, das sich nicht allzu viel zutraut und eine Welt von Gefahren wittert. Sie werden Züge von besonderer Empfindlichkeit finden, was verstehen läßt, wie dieses Kind fürchtet, den Halt zu verlieren, wenn sein ängstlicher Ausblick ins Leben eine Bedrohung wittert oder es angegriffen wird. Sie werden Züge von Ungeduld finden, die uns ebenfalls zeigen, daß wir es hier mit einem Individuum zu tun haben, das wenig Selbstvertrauen hat, nicht warten kann, sondern glaubt, es müsse im Augenblick Erfüllung aller Wünsche haben, widrigenfalls es eine Niederlage bedeutet, eine übergroße Neigung hat, die Lösung von Aufgaben anderen zuzuschieben, unordentlich zu sein oder um andere zu bestechen und eine bevorzugte Stellung zu erlangen, sich scheinbar unterordnen und alle Regeln sklavisch zu befolgen. Freilich immer im Streben, erhöhte Geltung zu erlangen, was auf allen diesen Linien nur möglich ist bei eingeschränkter Sphäre der Aktivität und unter erhöhter Emotionalität. Letztere führt sehr oft auch zu offenem Ausbruch von Emotionen, die deutlich als Zorn, Trauer, übertriebener Zärtlichkeit, kurz als erhöhte Affektivität zum Zweck der Selbsterhöhung in Erscheinung treten.

Wir kennen die Symptome, die sich körperlich zeigen, die andauern oder immer wieder auftauchen, ohne organisch begründet zu sein, wenngleich sie häufig den „locus minoris resistentiae“ verraten. Wir stellen fest, daß an solchen minderwertigen Organen im weiteren Leben nicht selten ausgeprägte Erscheinungen organischer Schädigung zutage treten, daß aber auch das Kind, ohne es auffällig zu finden, sehr oft ein besonderes Interesse zur Behütung und größerer schöpferischer Leistung des locus minorus resistentiae aufwendet. Da kann man feststellen, daß Kinder, die <!-- S. 68 --> an irgendwelchen Sehschwächen leiden, mit besonderem Interesse die Perspektiven, Farben, Linien, Schatten und die Symmetrie beobachten, um alles besser erfassen zu können. Es ist sicher, daß sie unter einer größeren Spannung stehen, die gelegentlich zu großem Vorteil führen kann, einer Spannung, die vielleicht später sie dazu führt, das Sehbare besser zu erfassen, während andere wieder unter anderen Einflüssen dieses Streben sehr bald aufgeben, sich um das Sehbare nicht bemühen, weil sie es erlebt haben, daß sie nicht durchkommen. Dasselbe findet man bei anderen Organen, bei Minderwertigkeit des Ernährungsapparates, wo Kinder oft lange leiden, wo sie hungern müssen, um zu gesunden oder am Leben erhalten zu bleiben, wo sie unangenehme Sachen zu schlucken bekommen, wo man mit ihrer Nahrung sehr vorsichtig sein muß, so daß bei diesen Kindern künstlich das Interesse auf das Eßbare gelenkt wird, wie *Czerny* schon vor vielen Jahren gezeigt hat. Man wird bei solchen Menschen sehr häufig finden, daß nicht nur ihr Ernährungsapparat anfällig ist und gelegentlich Krankheiten zeigt, gelegentlich freilich nur am Familienstammbaum. Sondern solche Menschen interessieren sich oft unausgesetzt für das Essen, sprechen gern davon, können auch hier wieder gewisse Vorzüge erreichen, aber stehen doch eigentlich mit einer Hauptachse dem Leben gegenüber, die zur Harmonie des Lebens nicht paßt. Denn wir müssen behaupten, was durch alle Erfahrung bekräftigt wird, das, was immer in der Zusammensetzung, in der Konstruktion unseres Seelenlebens, in der Organisation unseres Lebens eine Überbetonung erfährt, die Harmonie des Zusammenlebens stört. Sie brauchen nur z. B. an Reinlichkeit zu denken. Wenn irgendein Kind dazu angehalten wird, die Reinlichkeit zu übertreiben und sie als Hauptpunkt des Lebens anzusehen, wenn ein solches Kind nun heranwächst mit einer derartigen Auffassung des Lebens, als ob Reinlichkeit unter allen Umständen das Allerwichtigste und alles andere demgegenüber zu vernachlässigen sei, so können wir schon ahnen, daß es von hier aus näher sein wird zu einer Waschzwangneurose. Ein solcher Mensch wird wohl stillschweigend seine Reinlichkeit allen andern gegenüber hervorheben, auch daß sie ihm nicht rein genug sind, er wird aber doch im Lebenswerk fehlgehen. Es gibt vielleicht nur eine einzige Leistung des seelischen Organismus, von der ich nicht sehen kann, daß sie jemals zum Schaden übertrieben werden könnte, zuungunsten des Betreffenden, und das ist das soziale Interesse. Hier eröffnet sich ein Weg zum Verständnis einer ganzen Anzahl von Symptomen, nicht nur neurotischer Symptome. Z. B. bei den Schwierigkeiten des Ernährungsapparates geschieht es sehr bald, daß ein solches Kind mit dem großen Interesse für alles Eßbare, mit den *vielleicht* außerordentlich gesteigerten Heißhunger und der Begehrlichkeit für das Essen aus dem Zusammenhang des Eßbaren mit dem Geldproblem sein Interesse auch auf das Geldproblem erstreckt, und daß wir bei solchen Menschen sehr häufig finden, wie sie sich nicht nur mit dem Essen, sondern auch mit Geldgier ungeheuer belasten. Wenn ich an dieser Stelle Ihnen einen Typus erwähnen darf, den ich schon vor längerer Zeit als „kleinen Napoleon“ beschrieben habe, so betrifft er Geldmagnaten, die oft Zeit ihres Lebens an Magenstörungen gelitten haben. Ford z. B., den man wohl auch <!-- S. 69 --> unter die geschäftstüchtigsten Menschen rechnen kann, hat u. a. ein Lehrbuch der „richtigen Ernährung“ geschrieben. Es gibt auch andere Beispiele, und gelegentlich bekommt man Ausblicke so interessanter Natur, daß ich Ihnen nur empfehlen kann, diese Gesichtspunkte im Auge zu behalten. *Czerny* hat schon vor längerer Zeit hingewiesen auf die Bedeutsamkeit der Schwäche des Ernährungsapparates für die seelische Entwicklung und auch für neurotische Probleme. Im Einzelfall läßt sich mehr darüber sagen, ich kann nur die grundlegende Linie zeichnen, aber natürlich je klarer die Frage, je verschlungener die Antwort. Es handelt sich nicht bloß um minderwertige Organe, die den Lebensstil beeinflussen, sondern auch um alle Kinder, die sich irgendwie künstlich den Lebensproblemen schief gegenübergestellt haben und deshalb nicht vorbereitet sind für die Forderungen unserer Kultur. Wir müssen auch der Einflüsse gedenken, die durch die Führung eines Kindes sehr frühzeitig auf das Kind einwirken. Nicht nur die ökonomischen Bedingungen, nicht nur die Geschicklichkeit der Erzieher, die Gewandtheit und Erfahrenheit der Mutter wirken auf das Kind ein, sondern die gesamte Familiensituation auch. Von außen her fluten die Wellen des sozialen Lebens bis in die Kinderstube und beeinflussen ununterbrochen das Kind, das freilich in seiner Antwort auf Hereditäts- und Umgebungseinflüsse das stärkste Wort zu sprechen hat.

Denn das Kind hat Stellung zu nehmen, um nicht in seinem seelischen Gefüge auseinander zu fallen. Es muß eine Richtung finden, und diese Richtung wird dahin zielen, irgendwie fertig zu werden mit den Problemen des Lebens, irgendeine Endform anzustreben, eine Lösung der Schwierigkeiten usw. Aus der Familiensituation stammt natürlich ein großer Zustrom von Regungen und Erregungen, die zur Symptomwahl verleiten können. Wir haben die seelischen äußeren Einflüsse ins Auge zu fassen. Aber das Kind muß die Vorbereitung für ein konstantes, in seinen Anforderungen wechselndes und wachsendes Leben finden. Dies ist eine Aufgabe, bei der die Erzieherin, die Mutter helfen muß. Da es sich hier um menschliche Leistungen handelt, verstehen wir wohl, daß eine ideale Lösung dieser Aufgabe wohl kaum zu erwarten sein wird. Es werden sich tausenderlei Varianten in der Aufzucht des Kindes ergeben, in der Leitung, es mit seiner primitiven Leistungsfähigkeit in Einklang mit der Kultur zu bringen. Da können wir verstehen, daß sich eine Unzahl von Fehlern herausstellen können und mehr und mehr die Selbstbestimmung der Lebenshaltung des Kindes in eine bestimmte Richtung bringen, so daß die zu erwartenden Lebensfragen das Kind in einer mangelhaften Vorbereitung finden werden. Man kann die Probleme des Lebens — natürlich ist dies nicht wörtlich zu nehmen — auffassen wie eine mathematische Aufgabe. Die ungefähr richtige Lösung wird nur der finden können, der die mathematische Vorbereitung hat. Man will das Kind so erziehen, daß es, wie unsere Kulturfragen es verlangen, ein richtiger Mitmensch wird, daß es vorbereitet wird für die Lösung von Fragen, die ohne soziales Interesse nicht gelöst werden können, Fragen des Ich zum Du, Fragen der Beschäftigung, Fragen der Liebe, bei denen es sich immer darum handelt, ein genügendes Interesse für den Partner, für die Wohlfahrt der Menschheit <!-- S. 70 --> mitzubringen, alles Fragen, die nicht gelöst werden können, wenn einer im Gemeinschaftsgefühl nicht vorbereitet ist.

So weit wir feststellen konnten, hat das Kind nach 3, 4, 5 Jahren einen solch festgefügten Lebensstil, daß er sich ohne Verständnis der Irrtümer, die darin verborgen sind, nicht mehr ändert. Dieser Lebensstil hat nun die Form und Ausbreitung, die bis zu der Zeit erreicht werden konnten, und es ist die Frage: wie wird dieser eigenartig geformte Lebensstil, auf den die Einflüsse der Mutter, der Umgebung gewirkt haben, individuell erfaßt von der schöpferischen Kraft des Kindes, wie wird dieser nun festgefügte Lebensstil antworten, wenn er einer Frage gegenübersteht, für die er nicht vorbereitet ist? Es zeigt sich sehr bald, wieweit irrtümliche Auffassung der Außenwelt sich in der Antwort des Lebensstiles geltend machen. Das zeigt sich in der Art, wie ein Kind sich von einer andern Person abhängig macht und dadurch diese andere Person von sich abhängig macht, wie man es bei verzärtelten Kindern findet. Es gibt eigentlich recht wenige Kinder, die nicht verzärtelt worden sind. Vielleicht muß jedes Kind im Beginn seines Lebens eine gewisse Verzärtelung erfahren. Die richtige Art der Erziehung wäre nun, so bald als möglich das Kind zu einem selbständigen Mitarbeiter zu machen. Darauf zielt wohl das Werk unserer Erziehung hin. Wir würden ja von Symptomen, von Fehlschlägen, von den Irrwegen des menschlichen Seelenlebens gar nicht sprechen, wenn wir nur sicher wären, daß die Irrenden Mitmenschen sind, daß sie mitleben, mitarbeiten, mitlieben. Aber gerade daran fehlt es ja, und deswegen ist ja die Menschheit immer wieder bemüht, Ordnung zu schaffen, Besserungen zu erzielen usw. Nun, die ideale Art der Führung der Erziehung ist außerordentlich selten, und deshalb wird man in der Entwicklung eines Kindes natürlich mit irgendwelchen Abwegigkeiten immer zu rechnen haben. Das zumeist vergessene Kind ist ja immer antwortend in der Art, wie es ihm erfolgreich scheint. Aber nun setzt eigentlich das schärfste und bedeutsamste Werk der Erziehung ein; diese Abwegigkeit frühzeitig zu bemerken und ihr abzuhelfen. Ich höre oft Einwendungen wie: Ich habe alles getan, was ich konnte, ich habe versucht, das Kind unabhängig zu machen, und es ist doch nicht gelungen, z. B. es macht doch Schwierigkeiten beim Essen, will nicht schlafen gehen, hat Schwierigkeiten mit dem Stuhl, ist eifersüchtig auf die jüngere Schwester, macht das Bett naß, schreit bei Nacht auf usw. Wir können nur antworten: das Werk ist nicht gelungen. Vielleicht sind wir heute noch nicht so weit, die Erziehung in einem richtigeren Maße einem Kinde angedeihen zu lassen, so daß seine Führung zur Mitmenschlichkeit von vornherein gesichert wäre. Freilich wir könnten viel mehr tun als heute getan ist, und dann würden wir natürlich nicht erleben, daß ein Kind etwa die Annahme der Kultur verweigert; denn ein Kind verweigert die Kultur nur dann, wenn es der Mutter nicht gelingt, es der Kultur anzupassen. Mögen Schwierigkeiten vorliegen — daß es gelingen kann, ist keine Frage. Freilich heißt „Erziehung“ nicht nur günstige Einflüsse geltend zu machen, sondern auch nachzuhelfen, wenn das Kind nicht richtig antwortet. Wenn jemand an den Möglichkeiten einer guten Erziehung zweifelt, würde ich die Frage daran knüpfen: „wenn Sie es sich nicht zugetrauen, ein <!-- S. 71 --> Kind dazu zu bringen, daß es in seiner Haltung der Kultur gegenüber in Ordnung kommt, würden Sie sich nicht wenigstens zutrauen, jedes Kind dazu zu bringen, daß es sich schmutzig macht, nicht essen will, nicht schlafen will, Vater oder Mutter haßt?“. Das wäre sicherlich leicht zu erreichen. Daraus können wir sehen, daß hier Erziehungsfaktoren im Spiele sind, und es sind hauptsächlich die verzärtelten Kinder, die den Lebensproblemen nicht gewachsen sind, die gewohnt sind, daß sie jeden ihrer Wünsche erfüllt bekommen, die natürlich auch ein Gefühl und ein Streben in sich erzeugen, alles sofort haben zu wollen und jene zu hassen, die sie daran hindern. Das sind die Kinder, die sich an eine Person anschließen und alle andern Personen ausschalten möchten. Das sind die Kinder, bei denen man später oder auch früher schon, freilich in stark übertriebener Art von einem Ödipuskomplex sprechen kann. Das sind die Kinder, die die Kultur nicht angenommen haben, die im Kampf gegen die Kultur sind, weil es niemandem gelungen ist, sie der Kultur anzupassen. Das sind immer Kinder, die voll von Selbstliebe sind und darauf pochen: „zuerst komme ich, ich tue was ich will und habe nichts mit den andern zu tun.“ „Alles oder nichts“, „plechea si neq neo supera Acheronta movebo“. Hier sehen Sie bald die Verweigerung zur Mitarbeit. Dieser Prozeß beginnt schon in den ersten Tagen. Hier brauche ich Kinderärzten nicht weiter zu sagen, wie wichtig es ist, daß ein Kind nicht nur nicht verzärtelt wird in der ersten Zeit, sondern daß man sofort eine gewisse Ordnung in seiner Lebensführung durchführt, daß man vermeidet, das Kind in Konflikt mit der Kultur kommen zu lassen. Es gelingt häufig, derartige Fehler zu vermeiden. Hier kann man nicht etwa damit antworten, als ob solche Kinder von Natur aus zu irgendwelchen Unarten eine Eignung besäßen. Die beliebte „Kotstange“ hat eigentlich niemand gesehen, und es ist vielmehr sicher, daß bei Obstipation der ganze Ablauf der Darmbewegung ins Stocken kommt. Nun komme ich auf einen Punkt zu sprechen, der hauptsächlich verzärtelte Kinder betrifft. Verzärtelte Kinder sind in einer Situation, in der ihr Minderwertigkeitsgefühl außerordentlich verschärft wird. Es ist heute kaum ein Geheimnis mehr, daß das Minderwertigkeitsgefühl verzärtelter Kinder sich davon ableitet, daß sie jede veränderte Situation als eine Gefahr, als eine Verkleinerung ihres Machtbereichs empfinden, so daß sie in einer Welt leben, in der sie fortwährend Unsicherheiten, Gefahren, Niederlagen befürchten. In der verzärtelten Situation wenigstens wollen sie der Herr sein. Die verzärtelten Kinder eignen sich am besten zu Haustyrannen. Daß die Mutter zuerst einbezogen wird, kommt daher, daß die Mutter diejenige Person ist, die sich zuerst dem Kinde darbietet, so daß tatsächlich die Verzärtelung durch die Mutter eine Hauptrolle spielt auf den Irrwegen, die das Kind in den ersten Jahren einschlägt. Nun gibt es eine Unzahl von Familien, die den Fehler machen, den ich schon früher erwähnt habe, die ebenfalls unsichere Menschen, vielleicht auch aus einer verzärtelten Situation erwachsen und mit fehlerhaften Traditionen behaftet, die sie nun weitergeben, die z. B. auf das Essen einen übertriebenen Wert legen, so daß das Kind Gelegenheit findet, dagegen zu revoltieren. Merkt das verzärtelte Kind nun, daß es auf diese Art eine verstärkte Aufmerksamkeit und Verzärtelung erweckt, <!-- S. 72 --> so revoltiert es mehr. Es ist keine Frage, daß ein solches Kind, das das Essen verweigert, ein viel größeres Machtgefühl hat und eine viel stärkere Befriedigung seines Machtstrebens als andere Kinder. Diese verzärtelten Kinder treffen nach einigen Vorversuchen den ganz richtigen Punkt. Sie sind geübte Strategen, sie greifen am schwächsten Punkt an. Und wenn eine Familie großen Wert auf die Reinlichkeit des Bettes legt, und das Kind hat das Bedürfnis und die Hoffnung, die Mutter auch bei Nacht heranziehen zu können, so wird man erwarten dürfen, daß das Kind das Bett näßt. Dabei übersehe ich nicht, daß auch die Organfunktionen mitspielen, verschiedene Anomalien[^1] usw. Wenn aber ein solches Kind mit irgendwelchen kleinen Schwierigkeiten oder aber auch ohne diese Schwierigkeiten verstärkt immer auf einen Punkt hingewiesen wird, z. B. auf das richtige Reden, Essen, Schlafen, auf Stuhl und Urin usw., und zwar in einer Art, durch die dieses Kind bald bemerkt, wie es da jemanden festhalten kann, dann wird ein verzärteltes Kind mit ziemlicher Sicherheit zum Stotterer, Eß- und Schlafverweigerer, Enuretiker werden. Dasselbe gilt für die Schulschwierigkeiten. Es gibt eine Anzahl von Familien, für die der Stuhl der Mittelpunkt des Lebens ist. Das merkt ein solches Kind bald und zwingt die Familie, sich unausgesetzt mit seinem Stuhl zu beschäftigen. Die Frage, wie es das zustandebringt, will ich später zu lösen versuchen. Es geht sicher instinktiv auf der Linie einer fieberhaften Emotion vor sich, und erhöht automatisch die Genugtuung des Kindes darüber, der Mittelpunkt der Verzärtelung zu sein oder diese trotzig zu erzwingen. Ich spreche lieber vom „verzärtelten Lebensstil“, den das Kind auch entwickeln kann, wenn es von niemandem verzärtelt wurde.

Ich weiß, daß ich verschiedene Gesichtspunkte übergehen muß, aber ich möchte Ihnen vor allem zeigen, wie die Auswahl gewisser Symptome durch Mangel in der Erziehung zustandekommen können. Wenn Symptome später verschwinden, ist es immer in solcher Situation, wo die Symptome keinen Wert mehr für den Betreffenden haben. Wächst das Individuum heran, kommt es in eine Situation, für die es sich nicht vorbereitet fühlt, so ist es immer aus mangelnder Fähigkeit, ein Mitmensch, ein Mitarbeiter zu sein. Dann kommen alle jene körperlichen Spannungen in Lauf, die auf den Wegen des vegetativen Systems entweder minderwertige Organe treffen oder das Kind benimmt sich so, wie es sich immer schon siegreich gezeigt hat. Auch hier wird es sich wieder darum handeln, wie bei der Neurose, jemand in den Dienst zu ziehen, den Beitrag der Gemeinschaftsleistung anderer auszubeuten. Wie ich in andern Arbeiten gezeigt habe, hängt es von der geringeren Aktivität dieser Kinder ab, ob sie zur Neurose oder Psychose neigen.

Ich wähle absichtlich unkomplizierte Fälle, weil es sich mehr darum handelt zu zeigen, wie man beginnen kann, um zum Verständnis einer Symptomenwahl zu kommen. Wenn ich nun weitergehe, möchte ich sagen, daß es Kinder gibt, bei denen ebenfalls durch ein mangelhaftes Interesse für die Allgemeinheit etwas mangelhaft ausfällt, was eigentlich den Wert <!-- S. 73 --> des Menschen ausmacht, und das ist die *Leistung.* Nun ist es schwer in unserer Kultur, auch schon in der Kindheit, die Leistung zu unterschlagen. Aber man kann sich da schon helfen. So findet man es in der Neurose. Der Zuschuß, zu dem jeder verpflichtet ist, weil er in einer sozialen Bindung lebt, kann in unserer Kultur erspart werden dadurch, daß man einen andern heranzieht, der diesen Zuschuß liefert, so daß man wohl die Mitarbeit des andern verlangt, aber selber eigentlich nichts dazu beiträgt. Das wird nur dann der Fall sein, wenn einer sich selbst vor einer Niederlage sieht, wenn einer den mehr oder weniger dunklen Eindruck hat, daß er selbst zu schwach, daß er minderwertig ist. Es könnte sich das düstere Geheimnis entpuppen, daß er eigentlich *keinen Wert* hat. Das sind wieder die, die nur an sich, an ihre Eitelkeit denken und nicht an die andern, die an sich nicht vergessen können, die nicht die Kraft in die Arbeit legen können und immer nur darauf sehen: wie schaue ich aus, was für einen Eindruck mache ich, was denkt man von mir, was bekomme ich? Das sind diejenigen Menschen, bei denen wir stark antagonistische Gefühle finden, bei denen man Trotz, Neid, Eifersucht usw. findet, immer Zeichen, daß hier die soziale Beziehung eine feindliche geworden ist, etwas, das man zurückverfolgen kann bis an den Beginn des Lebens, wo es nicht gelungen ist, die Urform des Kindes zu einem Mitmenschen zu gestalten. Man kann in jedem Falle diesen Prozeß wieder bestätigt finden, wenn man auf dieser Linie vorwärts geht. Nun, wenn einer seine Leistung der Gemeinschaft offen vorhält, so ist das, was wir Neurose nennen, ausgeschlossen. Dies ist z. B. möglich im Selbstmord, im Verbrechen, in der Trunksucht und in aktiver Perversität. In der Neurose ist es nicht möglich; denn der Neurotiker zeigt sich von einer solchen seelischen Struktur, als ob er sagen wollte, ich möchte ja mitarbeiten, aber ich kann nicht. Er schaut natürlich immer auf die dem schlecht Vorbereiteten erwachsenden inneren Widerstände und auf die äußeren Hindernisse, und knüpft daran die Forderung seiner Enthebung von der Mitarbeit. Wir sehen es in seinen Angsterscheinungen deutlich, daß er sich selbst als minderwertig empfindet, daß er wie vor einem Abgrund steht, ohne daß wir es bestätigen könnten. Denn gerade wir Individualpsychologen sind von einem so unverbesserlichen Optimismus, daß wir geradezu behaupten, daß jeder Vollsinnige zumindest alles Durchschnittliche leisten kann. Wenn aber einer das Gemeinschaftsgefühl noch nicht erlernt hat, bleibt nichts anderes übrig als es zu erlernen. In der Tat, das soziale Interesse, das als angeborene Möglichkeit die wichtigste Mitgift des Kindes ist, um der Neurose auszuweichen und allen Fehlschlägen, muß in der Kindheit lebendig werden, oder aber es muß später nachgeholt werden. Der Betreffende muß repetieren. Da der Neurotiker auf dem Standpunkt steht: „ja — aber“, muß er natürlich die Gründe außerordentlich stark ausgestalten, die eine Entschuldigung für ihn bieten. Die Anerkennung der Notwendigkeit der Mitarbeit ist ja bei ihm erhalten. Sein Wille — wie sich alle nervösen Patienten ausdrücken — ist ja immer da. Was nicht da ist, ist die Leistung. Diese Leistung verhindert er, er schiebt sie hinaus, immer gestützt auf irgendwelche Argumente, die als Entschuldigung dienen können, aber aus reiner seelischen Spannung stammen, als Schockresultate, wie ich es in dieser Ztschr. <!-- S. 74 --> beschrieben habe. Nun handelt es sich in der Neurosenpsychologie darum, zu sehen, wie der Patient seine Entschuldigungen erzeugt. Wenn einer irgend etwas vollbringen *will,* wenn einer über irgend etwas *nachdenkt* — was immer im seelischen Leben vorgeht, er kann nichts anderes benützen als was in seiner (früheren) Erfahrung gelegen ist. Es ist unmöglich, irgendwie anders vorzugehen als unter Benutzung früherer Erfahrung. Da muß er zurückgreifen bis zu einer Situation, wo er schon einmal die Mitarbeit verweigern konnte unter den möglichst günstigen Umständen, als Angst, als Ausrede, als Alibi. Kommt ihm dabei ein weiteres Training seiner neurotischen Haltung zugute, umso besser. Kommen minderwertige Organe als Stützen in Betracht, werden sie sicher ausgenutzt, weil sie von selber mitzuschwingen beginnen, sobald eine seelische Spannung erregt wird. Bei einer seelischen Spannung beginnt der ganze Körper zu vibrieren. Wir nehmen dies aber nur an Stellen wahr, wo sich die Erscheinungen deutlicher zeigen, und das ist zumeist an den minderwertigen Organen oder an irgendwelchen Organbetätigungen, die früher schon in der Kindheit aus Gründen, die ich schon angedeutet habe, erlebt wurden. Nun genügt es natürlich nicht, einfach zurückzugreifen, sondern hier liegt schon ein Ziel vor, ein Ersatzziel, das ein Gefühl der Überlegenheit bietet, obwohl es eigentlich lautet, wenn man es mit dürren Worten beschreibt: „Wie mache ich es, daß ich enthoben bin, daß ich die Leistung nicht durchzuführen brauche, vor der ich mich fürchte?“ Das Eingeständnis der Feigheit ist nicht beliebt, deshalb muß der Vorgang umgegossen werden. Der Betreffende wird fast niemals sagen: ich bin in Erregung, weil ich glaube, ich bin nichts wert, nicht fähig, die Aufgabe zu lösen, sondern er wird geleitet sein, sich irgendwie eine Deckung zu verschaffen und ununterbrochen nur auf Resultate der Erregung blicken, die wie eine Sicherung vor ihm stehen. Sicherung gegenüber einer Niederlage, gegenüber einer Entwertung der eigenen Persönlichkeit. Diese Spannung wird bei verschiedenen Menschen verschiedene Resultate zeigen. Es ist im höchsten Grade wichtig und interessant, daß sie *auch auf das gedankliche* Gebiet ausstrahlt, wie ich z. B. bei der Zwangsneurose festgestellt habe, wo einer sich mit solchem gedanklichen Material erfüllt, und ein Gefühl dafür bekommt, das ihn aus den Klammern der Wirklichkeit befreit, und er „nur“ durch seine Zwangserscheinungen verhindert ist, mehr zu leisten als er leistet, dabei aber automatisch, ohne daran zu denken, sich ein Übergewicht über die anderen zuschreibt. Auf der einen Seite ist das wie ein Balsam für den verwundeten Ehrgeiz, auf der andern Seite ein Leiden, die Kosten, die er für sein Entweichen zahlt. Um zur Aufklärung über diesen Punkt zu kommen, möchte ich sagen, die Leiden sind dem Neurotiker sicherlich nicht angenehm, sind keine Wunscherfüllung, keine Erfüllung von sexuellen Gelüsten oder von Schuldgefühlen, sondern sie sind die traurigen Kosten, die er dafür zahlt, um enthoben zu sein, um einer Niederlage ausweichen zu können. Aber die Gefühle, die Gedanken, die dort entstehen, *Gefühle* wie bei der Angstneurose, *Gedanken* wie bei der Zwangsneurose, Motilitätserscheinungen wie bei der Hysterie usw. weisen darauf hin, lassen uns erraten, wo der Betreffende nun sein Ziel hingesetzt hat, um seiner eigentlichen Leistung, seiner Mitarbeit entgehen zu können, und was für <!-- S. 75 --> ihn in der Kindheit Kompensationen seines Minderwertigkeitsgefühls waren, Gedanken, Gefühle, Motilität — sind nun wieder Leistungen. Auch hier sieht man wieder etwas „Trickhaftes“ im Wesen des Neurotikers, im Wesen aller Fehlschläge; deshalb tauchen gewisse Charakterzüge immer wieder auf, die eigentlich nicht dem Starken, dem Selbstbewußten zugehören, sondern immer dem, der sich schwach einschätzt, der aber die Enthüllung seines Schwächegefühls mit allen Kräften zu verhindern trachtet, der also anschuldigt, was sein Lebensstil erzeugt hat. Überempfindlichkeit, Ungeduld, Genäschigkeit in jeder Form, Ängstlichkeit, Sehnsucht nach unstatthaften Erleichterungen und starke Affektbereitschaft sind seine ständigen Wegbegleiter.

Nun bleibt uns zur Erörterung übrig, wie sich die schöpferische Kraft des Individuums in der Erzeugung seiner Symptome zeigt. Dafür ein Beispiel: Wenn ich das Ziel vor Augen habe, einer Leistung zu entgehen, und ich bin von Kindheit an durch meine Ängstlichkeit darauf trainiert, einen andern für mich arbeiten zu lassen, mich zu begleiten, mich zu beschützen, ihn seiner Freiheit zu berauben, ihn mir untertan zu machen usw., wenn ich auf diesem Wege bin, muß ich natürlich diesen Weg so stark als möglich ausbauen, so daß ich mein Ziel mit Sicherheit erreichen kann. Nun, wie erzeugt man Angst, die mich notwendige Leistungen ausschalten läßt und einen andern zwingt, mir diese Angst zu erleichtern? Die Patienten sagen es ganz deutlich. Sie verstehen nicht, was sie uns sagen, haben keine Ahnung davon, daß sie uns einen Blick tun lassen in die Werkstätte der Neurose, wenn sie z. B. sagen: „ich fühle den Boden schwanken“, oder wenn sie sagen, „ich denke an den Tod meines Mannes, an meinen eigenen Tod“, „ich fürchte, daß ich ohnmächtig werde, daß ich einen Herzanfall bekomme“ usw. Besonders bei verzärtelten Menschen spielt der Todesgedanke eine unglaubliche Rolle, sobald ihr Streben nach Erfolg stark in Frage gestellt ist, weil ihnen da die Stütze abhanden kommen könnte, weil einer verschwinden könnte, der zu ihrem Hofstaat gehört. Der Patient ist ununterbrochen mit dem Gedanken beschäftigt, wie elend er wäre, wenn seine Stütze verloren ginge; aber durch diesen Gedanken, der für ihn an seine Lebensnotwendigkeit rührt, ist er imstande, durch Einfühlung eine solche Angst zu erzeugen, als *ob* der unentbehrliche „Hofstaat“ verloren gehen könnte, das heißt, er identifiziert sich mit einer Situation, die möglicherweise in der Zukunft erfolgen könnte. Das kann man am besten bei dem Melancholiker sehen, der so lebt, als ob das Unglück schon geschehen wäre.

Durch diese Darstellung konnte ich Ihnen natürlich nur die Grundlinien geben, und ich glaube, daß wir hier ein außerordentlich fruchtbares Feld haben, um zum Verständnis der Symptomwahl zu kommen. Wie früh aber die Symptomwahl bereits begründet ist, und wie schwierig es doch in den einfachsten Fällen ist, die Symptomwahl richtig aufzudecken, ohne herumzuraten, möchte ich Ihnen an dem einen oder andern Falle zeigen, die ich ihrer Einfachheit halber gewählt habe, weil sie außerordentlich durchsichtig sind.

„In einem Falle handelt es sich um einen dreizehnjährigen Jungen, der im fünften Jahre der Volksschule war, also zweimal bereits repetiert <!-- S. 76 --> hatte, und als der schlechteste Schüler dieser Schule galt. Außerdem hatte er sich mehrere Diebstähle zuschulden kommen lassen und war auch einige Male vom Hause durchgebrannt, auf einige Tage verschwunden, bis ihn die Polizei gefunden und zurückgebracht hatte. Der Lehrer hatte es mit Strafen versucht, mit Ermahnungen, aber weder so, noch in Güte konnte er etwas ausrichten, so daß man beschloß, den Jungen in ein Fürsorgeheim zu schicken. Er kam dorthin mit einem Attest, in welchem geschrieben stand, daß der Junge schwachsinnig sei. In diesem Fürsorgeheim befand sich ein Lehrer, der einer meiner Schüler war, und der sich nicht damit begnügte, nur auf die Symptome zu sehen, sondern der auch den Lebensstil und damit die Symptomwahl verstehen wollte, der überzeugt war, daß kein Diebstahl dem andern gleich ist. Da er wußte, daß es sich bei obigen Verfehlungen um Erscheinungen der Gesamtpersönlichkeit handeln müsse, trachtete er bis zum Kern der Persönlichkeit vorzudringen, zu finden, was ich die „psychische Konstitution“ genannt habe, die man im 3., 4. und 5. Lebensjahr entwickelt sieht, die immer vorhanden bleibt, immer als solche perzipiert, antwortet, assimiliert, solange sie nicht zum Bessern gewendet wird. So wußte er auch, daß er an irgendeinem beliebigen Punkt beginnen konnte, weil in jedem Symptom immer die ganze große Melodie des Individuums steckt. Er begann mit einer Musterung der Zeugnisse. Da fand er, daß der Junge in den ersten drei Klassen gute Zeugnisse hatte, erst im vierten Jahr schlechte. Daraus schloß er, daß er für die vierte Volksschulklasse aus irgendwelchen Gründen nicht die richtige Vorbereitung hatte. Der Lehrer des Fürsorgeheims hat nun weiter geschlossen, daß der Junge in der vierten Klasse einen anderen Lehrer bekommen hat. Das bestätigte sich auch. Und er konnte auch weiter schließen, daß der Junge in den ersten drei Jahren einen freundlichen Lehrer hatte, im vierten Jahre einen unfreundlichen, für den sein Lebensstil nicht vorbereitet war. Er konnte den Rückschluß machen, daß es sich hier um ein verzärteltes Kind handelte, das nur gemäß seinem Lebensstil *bedingungsweise,* wenn freundlich behandelt, vorwärts geht. Es ergab sich also, daß dieser Knabe mit seiner psychischen Konstitution, einer Funktionsprüfung ausgesetzt, wie in diesem Falle gegenüber einem strengen Lehrer, in einem Symptom anzeigen muß, daß er versagt, weil nur für Wärme eingerichtet. Soweit kam der Lehrer schon bei Betrachtung der Zeugnisse. Diese Tatsachen wurden durch den Jungen bestätigt. Er fragte ihn weiter: „Was hast du denn mit dem gestohlenen Geld und den gestohlenen Dingen getan?“ Da antwortete der Junge: „Ich habe es meinen Kameraden geschenkt, damit sie meine Freunde werden, denn ich habe keine Freunde, und da ich ein armer Junge und der schlechteste in der Klasse bin, weichen mir die andern aus.“ Wieder hört man die große Grundmelodie in der Symptomwahl des Diebstahls, denn ein anderer Weg zur Bestechung der Kameraden war kaum möglich. Wir sehen die Sehnsucht des Jungen, seinen Hunger nach Zärtlichkeit, und wie er sich Zärtlichkeit durch Bestechung erkaufen will. Wir können den Rückschluß machen, daß offenbar die Mutter ihn verzärtelt hat, und wir werden das beweisen müssen. Der Lehrer fragt ihn, „wie ist es denn gekommen, daß du davongelaufen bist?“ Er sagte: „ich habe mich im Walde versteckt, <!-- S. 77 --> oder in einer Scheune, wenn mein Vater mich schlagen wollte. Aber in der Nacht habe ich immer im Walde Holz gesammelt und habe es vor die Küche meiner Mutter gelegt, damit sie Holz zum Kochen hat.“ Er hat wieder gestohlen zu dem Zweck, um seine Mutter zu bestechen, um ihre Liebe zu gewinnen, wie er die Liebe seiner Kameraden zu gewinnen trachtete. Er weiß kein anderes Mittel, um zur Verzärtelung zu kommen, was für ihn der Gipfelpunkt des Lebens ist. Ein schlechter Schüler, vom Lehrer geschlagen, unfähig vorwärts zu kommen, wie sollte er zu Freunden kommen? Wir können auch entgegen seiner Schulbeschreibung behaupten, daß der Junge intelligent ist. Er hat etwas getan, was ein anderer intelligenter Mensch auch nicht besser und zielgerechter hätte tun können.“

Da sehen wir die Symptomwahl: er trifft den richtigen Punkt, um zu seinem Ziel zu gelangen. In der Schule hat er immer nur erwartet, beschimpft zu werden. Wenn ich die gleiche Erwartung hätte, würde ich auch nicht hingehen. Auch diese Symptomwahl ist intelligent, begreiflich und *zwingend.* Er ist von Hause fortgelaufen, weil der Vater mit ihm streng war, und wenn er schlechte Zeugnisse brachte, hat der Vater ihn geschlagen, die Mutter hat geweint und war unfreundlich. So ist er davongelaufen, um das Herz der Mutter zu rühren. Man sieht, wie jedes der Symptome über sich hinaus zeigt und die Grundmelodie in sich trägt: der Diebstahl, um andere zu bestechen, das Davonlaufen, um die Mutter zittern zu machen, um ihre Zärtlichkeit zu erpressen, das Versagen in der Schule als Protest gegen die Lieblosigkeit des Lehrers, alles nur im Streben Wärme zu gewinnen, verzärtelt zu werden, — wenn ohne Hoffnung, zu versagen. Wieweit diese psychische Konstitution in die Kindheit zurückreicht, möchte ich Ihnen auch an diesem Falle zeigen. Wir wissen, daß die Individialpsychologie [sic] auf älteste Kindheitserinnerungen einen ungeheuren Wert legt, weil die ältesten Kindheitserinnerungen das Hauptinteresse eines Menschen anzeigen, wenn er zurückblickend aus tausend Einflüssen einen heraushebt, der auf ihn besonderen Eindruck gemacht hat. Er erzählt:

„Als ich vier Jahre alt war, schickte mich mein Vater um eine Zeitung, aber“ — wenn man dieses „aber“ hört, sieht man schon eine Bewegung des Jungen, sich der Aufgabe, die ihm der strenge Vater setzt, zu entschlagen. Er interessiert sich nicht für den Vater, wie er sich auch für den strengen Lehrer nicht erwärmt. — Die Fortsetzung dieser Erinnerung lautet: „Ich ging zu meinem Onkel, er schenkte mir Kuchen, und den brachte ich meiner Mutter.“ Hier sieht man in seiner Bewegungslinie, daß dieses Kind nur seine Mutter kennt, und nimmt nur vorlieb mit einem anderen, — sei es Mann oder Frau, — wenn er ihn gleicherweise verzärtelt. Aber ohne Verzärtelung geht er nicht vorwärts.

Bezüglich der Behandlung eines solchen Jungen läßt sich folgern, daß man ihn nicht beeinflussen kann, wenn man ihn nicht zuerst nur freundlich behandelt, und das kann man natürlich nur verstehen, wenn man seinen ganzen Lebensstil erkannt hat. Es ist freilich noch nichts damit getan, wenn man ihn verzärtelt. Das wäre ja die gleiche Situation, die er von früher her auch kennt. Aber ohne anfängliche Wärme ist der Junge nicht behandlungsfähig. Dies hat der letzte Lehrer auch erfahren. Eine andere Erinnerung dieses Jungen: „Einmal am Bahnhof hat ein <!-- S. 78 --> Waggon zu brennen begonnen. In dem Waggon waren Kinderbälle. Da haben sich die Arbeiter bemüht, die Bälle vor dem Verbrennen zu retten und haben sie herausgeworfen. Eine Anzahl Kinder und Erwachsene sind herumgestanden und haben sich diese Bälle angeeignet.“ In seinem dritten Lebensjahr also ist ihm der Diebstahl als etwas Gewöhnliches, Mögliches erschienen. So kann man auf leichte Weise zu etwas kommen, ohne Beitrag, ohne Mitarbeit, ohne Leistung, einfach dadurch, daß man die andern arbeiten läßt, daß man sich der andern zur Mitarbeit versichert, und an ihren Leistungen teilhat. Aus seiner Kindheit läßt sich leicht eine große Aktivität und ein Mangel an Gemeinschaftsgefühl erschließen. Er war ein potentieller Delinquent, bis er geheilt wurde.“

Nun möchte ich einen andern Fall mitteilen, der auch einfach liegt, so daß man die Symptomwahl leicht begreifen kann. Ich habe darauf hingewiesen, daß verzärtelte Kinder feige und ängstlich sind, weil sie immer gewohnt sind, eine Stütze zu haben, daß sie immer wieder Angsterscheinungen äußern, wenn sie in eine Situation kommen, wo sie eine Niederlage voraussehen.

„Als der Junge 5 Jahre alt war, war er einer der ungebärdigsten Kinder. Die Mutter war immer erschöpft, so sehr nahm er sie in Anspruch. Er kletterte mit den Schuhen auf den Tisch, griff mit den Händen in den Suppentopf, nahm mit einem Werkzeug alle Schrauben seines Bettes heraus, zerstörte alle seine Spielsachen usf. Wollte seine Mutter lesen, drehte er das Licht ab, wenn sie Klavier spielen wollte, hielt er sich die Ohren zu und begann gellend zu schreien usw. Der Junge war natürlich eine große Last, die Eltern versuchten vieles mit ihm, um ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Wir verstehen nun schon, daß seine Unarten offenbar das Resultat einer Funktionsprüfung sind, die der Junge nicht bestanden hat. Die Eltern bekommen verschiedene Ratschläge, was sie machen sollen. Es wurde ihnen geraten, den Jungen unter andere Jungen zu schicken. Das taten sie auch. Der Junge brachte eine Unzahl von unflätigen Ausdrücken mit und kam immer beschmutzt nach Hause.

Der Vater nahm ihn in den Zoo mit, um ihn abzulenken. Der Junge hatte schon immer die Aufmerksamkeit der Eltern dadurch erweckt, daß er, wie sooft verzärtelte Kinder tun, unruhig schlief, daß er in der Nacht aufschrie und gelegentlich schlafwandelte. Nachdem er im Zoo war, schrie er weiter in der Nacht auf, und klagte beim Schlafengehen, er könne die Augen nicht schließen, denn sobald er die Augen schließe, sehe er die Schlangen, die der Vater ihm im Zoo gezeigt habe. Man kann den Jungen auch in den Zoo schicken, — er wird immer nur den Gebrauch davon machen, der in seinen Lebensstil paßt. Die Funktionsprüfung aber hatte er nicht bestanden, weil er einen jüngeren Bruder bekommen hat. Sein Machtbereich war eingeschränkt, und er trachtete, um wieder der Mittelpunkt zu sein wie vorher, mit aller Macht nach einer Erweiterung.

Der Junge hat Angst als Symptom gewählt. Warum macht er das Bett nicht naß? Warum macht er keine Schwierigkeiten mit dem Stuhl? Vielleicht ist er angeborenerweise anders veranlagt, hat andere erogene Zonen? Wie leicht wäre es, den Jungen zu einem Enuretiker zu machen und ihm Stuhlschwierigkeiten anzuzüchten. Wir werden lieber daraus schließen, <!-- S. 79 --> daß die Mutter den Stuhl- und Urinfunktionen keine Aufmerksamkeit geschenkt hat, so daß der Junge nicht merkte, daß dies auch verwundbare Stellen wären, an denen er angreifen könnte.

Übrigens: „auch der gute Homer schläft bisweilen.“

Die Wahl der Symptome zu verstehen, ist keine mathematische Angelegenheit, die man mit einer Formel lösen könnte. Jede Formel ist zu vermeiden. Hier heißt es: verstehen, Beweise zu bringen für das, was man kraft einer größeren Erfahrung erraten kann. Man muß wohl die allgemeine Diagnostik der Individualpsychologie anwenden, aber sich damit noch lange nicht begnügen, sondern dann die spezielle Diagnostik folgen lassen, bis man zu der Aufdeckung der Ganzheit, der Persönlichkeit, der Individualität kommt. Daher „Individualpsychologie“.

„Eine 26jährige, jung verheiratete Frau verlor in der Zeit der wirtschaftlichen Depression ihre Stelle als Lehrerin, auf die sie sehr stolz war, und nahm eine Stelle als Schreiberin an, während ihre ältere Schwester, auch eine Lehrerin, ihre Stelle behielt. Kurze Zeit nach Antritt der neuen Stelle überkam sie eines Tages plötzlich das Gefühl, sie würde sofort sterben, wenn sie nicht von dem Stuhle aufstünde, auf dem sie bei ihrer Arbeit saß. Diese Angst vor dem Sterben überfiel sie auch bald nachher, wenn sie in der Untergrundbahn zu ihrer Arbeitsstelle fahren wollte, so daß sie, obwohl schon in Begleitung ihres Mannes, immer wieder aussteigen mußte.

Prahlerisch erzählte sie gleich zu Beginn der Behandlung, wie sie als Kind immer alles durchsetzen konnte, selbst bei dem strengen Vater, der nur Interesse für den Jüngsten, einen Sohn, hatte. Als typische Zweite ergab sich für sie als verlockend, ihre Schwester in allem zu übertreffen, was ihr gewöhnlich gelang, insbesondere, wenn sie durch Weinen („Wasserkraft“) ihre Eltern zum Weichen brachte. Hart traf sie aber, daß dem Bruder soviel mehr Gunst gewährt wurde als ihr. Die Herrschaft des Vaters im Hause und die dem Sohne gewährte Überlegenheit tönte ihre ins Klagen gewendete Revolte mit der Furcht vor der weiblichen Rolle, dem „männlichen Protest“, der sich unter anderem, wie ich es als gewöhnliches Symptom aufzeigte, in Dysmennorrhoe zur Erscheinung brachte. Auch daß sie, belehrt durch die Erfahrungen mit dem Vater und mit dem Bruder, vorsichtigerweise einen ihr unterlegenen Mann suchte und fand, zeigt ihre Haltung zum Leben und zum männlichen Geschlecht. Trotzdem ihre junge Ehe ganz glücklich verlief, brach sie bei dieser Erwähnung in Tränen aus und äußerte die Befürchtung, daß sie auch in der Ehe unterliegen könnte. Als ihre Phobie, die sich zu einer Platzangst steigerte, anhielt, war in [sic] Gatte gezwungen, sich ganz in ihren Dienst zu stellen, sie überall hinzubegleiten und jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Die, hinter ihrer Todesfurcht steckende, Ablehnung einer sie erniedrigenden Stelle gewann noch Nahrung dadurch, daß die Schwester, auch eine Lehrerin, von ihr stets übertroffen, ihre Stelle erhalten hatte. Die Wahl ihres nervösen Symptoms war völlig identisch mit ihrem Verhalten in der Kindheit, wo sie ebenfalls durch Entfaltung ihrer zu Tode betrübten Persönlichkeit wieder die Überlegenheit erlangte, wenn sie sich verkürzt fühlte. Die besondere Nuance dieses Verhaltens war, daß sie dem Manne gegenüber sich unsicher <!-- S. 80 --> fühlte, wie in der Kindheit ihrem Vater und dem Bruder gegenüber, so daß ihr die Schockresultate aus ihrer Niederlage gegenüber der Schwester so gelegen kamen, um ihrem Gatten gegenüber eine stärkere Überlegenheit zu gewinnen.

Natürlich konnte sie in Situationen, wo sie ihres Erfolges sicher war, auch durch Festigkeit und Zornausbrüche ihren Erfolg sicherstellen, wie in schwierigen Fällen durch Angst und Weinen. Die Unsicherheit der Autoren, die in solchen Fällen von Ambivalenz, Polarität oder Double Life sprechen, rührt daher, daß sie nicht das Ganze der Persönlichkeit als einheitlich sehen, sondern nur die Mittel, die zum Ziele des Lebensstiles führen. Freilich haben wir keinen vereinheitlichenden Namen für nuancierte Lebensstile. Hätten wir ihn, so würde niemand an eine Ambivalenz denken.

Wieder zeigt sich uns durch obige Auseinandersetzung, daß der Weg zur Verhütung von Fehlschlägen gegeben ist, wenn wir, wie ich gezeigt habe, die Symptomenwahl als durch den einheitlichen Lebensstil erzwungen, begriffen haben.

[^1]: *Alfred Adler*, Studie über Minderwertigkeit von Organen. Bergmann, München.

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*Fuente:* *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie*, XIV. Jahrgang, Heft 2 (April/Juni 1936), S. 65-80 (Wien, Verlag Moritz Perles). Transcripción a partir del OCR del ejemplar digitalizado en Internet Archive, cotejada página por página con las imágenes del facsímil; las cursivas reproducen la cursiva del impreso. Ortografía original; se corrigen en silencio los errores del OCR y se señalan con [sic] tres erratas del impreso («isch», «Individialpsychologie», «war in Gatte»); se dejan sin señalar «zugetrauen», «locus minorus resistentiae» y la cita virgiliana deformada («plechea si neq neo supera Acheronta movebo», por *flectere si nequeo superos, Acheronta movebo*). Los casos que Adler cita entre comillas (el del muchacho de trece años, el del niño de cinco y el de la mujer de veintiséis) abren comillas que en el impreso no siempre se cierran. En la pág. 80 el titulillo dice por error «Dr. med. Alfred Neumann», autor del artículo siguiente. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
