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Title: Der Komplexzwang als Teil der Persönlichkeit und der Neurose
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 13 (1935), Nr. 1 (Januar-März), S. 1-6. Vortrag im Wiener Verein für Individualpsychologie.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1935-01%20Der%20Komplexzwang%20als%20Teil%20der%20Pers%C3%B6nlichkeit%20und%20der%20Neurose
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# Der Komplexzwang als Teil der Persönlichkeit und der Neurose.[^1]

Von Prof. Dr. ALFRED ADLER

Individualpsychologie ist Persönlichkeitsforschung, das heißt, wir beschäftigen uns damit, die Stellungnahme, die Beziehung des Individuums zu den Aufgaben des Lebens ins Auge zu fassen und daraus Schlüsse zu ziehen, wie diese zu einer Erfolgsmöglichkeit (Überlegenheit) in ihrem Sinne zu kommen trachtet. Unsere vorzügliche Aufmerksamkeit gilt der Richtung seiner Ausdruckbewegung, seinem Ziel. Von frühester Kindheit an hat das Individuum seine Richtung festgelegt, die man sich ohne Zielsetzung nicht vorstellen kann. Wir haben oft erfahren, wie verschieden die geheimen, ihm unbekannten Ziele eines Menschen sind, wie sie unauffällig und unerschütterlich alle seelischen Ausdrucksformen dirigieren. Das ist das im Allgemeinen Tiefste, was man über Persönlichkeitsforschung sagen kann. Wer das Ziel kennt, kann die Persönlichkeit erfassen, weil er ihr Bezugssystem zu den Lebensaufgaben kennt. Zur Stellungnahme eines Menschen gehört auch das Ausbilden seelischer Komplexe. Dies aus Gründen seelischer Ökonomie. Man kann sich diese Komplexe in der Form von wirkenden Organen vorstellen. Es wird in allen Fällen notwendig sein, diese seelischen Organe, die wie eine Schablone den Betreffenden charakterisieren, ähnlich wie Charaktere, mit den Aufgaben der Außenwelt in Verbindung zu bringen. Sie sind Abkömmlinge der dirigierenden Kraft des Endzieles, Erleichterungen, Schablonisierungen. Ich bitte festzuhalten, daß Schablonisierungen in tausenden von Varianten vorhanden sein können. Sie sind einmal weniger vorhanden, so daß ein Zweifel denkbar ist, im anderen Fall außerordentlich stark, maniriert. Dazwischen gibt es eine Unzahl von Varianten, bei denen eine verschieden starke Ausbildung der Schablonisierung zu finden ist. Die aus der Schablonisierung erwachsene Perspektive ist die Grundlage dessen, was man als Komplex bezeichnet. Vielleicht ist bei der Erörterung des Begriffes des Komplexes diese Tatsache unbekannt geblieben. Da es eine Erleichterung bietet, den umfassenden Begriff des „Komplexes“ anzuwenden, so war die Individualpsychologie geneigt, ihn zur Erklärung verschiedener Stellungnahmen anzuwenden. Es ist keine Frage, daß dieser Komplex nicht etwas Greifbares ist, sondern eine Anzahl von Bewegungen charakterisiert, die wie sinngemäß nach der gleichen Richtung streben, von dem Träger unverstanden, aber doch in Gebrauch genommen. Ähnliches findet man bei allen, es gibt keinen Menschen, dessen Stellungnahmen sich nicht in Komplexe auf<!-- S. 2 -->lösen lassen, z. T. innerhalb des ungefähr Normalen, zum größeren Teil in abnormaler Richtung. Deswegen ist es eine interessante und wertvolle Beschäftigung, die Menschen auf ihre Komplexe hin zu studieren. Das soll durchaus kein Gesellschaftsspiel sein, aber es bietet dem Psychologen und Psychiater einen geeigneten, praktisch wertvollen Ausblick, weil er aus ihnen weitführende Berechnungen schöpfen kann.

Einen besonderen Aufschwung im Gebrauch des Begriffes Komplex haben wir dem wenig originellen Psychologen *Jung* zu verdanken, dessen Komplex der des Mitläufers oder Zehenläufers zu sein scheint. Er hat den Begriff unter lebhaftem Widerstreben seines Lehrers *Freud* verwendet, der anfangs vom Komplex nichts wissen wollte, aber dann doch beherzt zugegriffen hat und nun sehr häufig diesen Begriff in seinen Darstellungen erscheinen läßt, vor allem in der Prägung des „Ödipuskomplexes“.

*Wundt* erklärt „Komplex“ als Verknüpfungsganzes, als zusammengesetzten Begriff, als zusammengesetzes Gebilde, *Lipps* und *Meinong* bringen diesen Begriff näher zu gesuchten Einheiten und Relationen, *Preuß* versteht unter komplexer Vorstellung die unanalytische Denkweise primitiver Menschen, die Voraussetzung des magischen Denkens. *H. Volkelt* findet Verwandtes in den Vorstellungen der Tiere. *Krueger* versteht unter Komplexqualitäten die diffusen Gesamtzustände des Bewußtseins, die einen beträchtlichen Einschlag motorischer und viszeraler Elemente aufweist.

Unter den Komplexen, von denen man spricht und die nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch Laienkreisen bekannt sind, ist vielleicht der Minderwertigkeitskomplex, den die Individualpsychologie in ihren Darstellungen gebraucht hat, der am meisten verbreitete. Er bezeichnet die Stellungnahme eines Menschen, der dadurch ausdrückt, daß er nicht in der Lage ist, ein vorliegendes Problem zu lösen. Er ist nicht mit dem Minderwertigkeitsgefühl zu verwechseln. Der Minderwertigkeitskomplex und sein Geschwister, der Überwertigkeitskomplex, sind Darstellungen eines Menschen, aus denen er sich und anderen erklärt, nicht stark genug zu sein, um ein bestimmtes Problem in sozial wertvoller Weise zu lösen. Daß dadurch kein Ruhepunkt gegeben ist, brauche ich nicht zu erwähnen. daß sich diese Gesamtstimmungslage mit all ihrem gedanklichen, gefühlsund handlungsmäßigen Material in Fehlschlägen fortsetzt, ist bekannt. Alle Formen von Fehlschlägen, die wir kennen, sind Bewegungsformen eines Minderwertigkeitskomplexes.

Stark verbreitet ist der oben erwähnte Komplex, ohne daß man einen rechten Einklang der Erscheinungsformen, die damit verbunden sind, mit dieser Bezeichnung finden kann. Es ist der Ödipus-Komplex, der besagen sollte, daß ein Kind irgendwelche sexuelle Neigungen zum andersgeschlechtlichen Elternteil hat, was aber bei einer einsichtigen Reduzierung auf die Tatsachen nichts sagt, als daß der Name Ödipus schlecht gewählt ist und nur der Charakterzug eines verzärtelten Kindes zum Ausdruck kommt, das von der Mutter nicht lassen will. Das Festhalten zeigt sich in tausenderlei Varianten, aber die Beziehung, wie *Freud* sie denkt, auf das grundlegend Sexuelle ist abzulehnen. Selbst dort, wo aus dem Fest<!-- S. 3 -->halten der Mutter wirkliche Sexualerregungen anknüpfend an die Mutter als Folge zutage kommen. Der „Ödipuskomplex“ sollte die Grundlage der Entwicklung des Seelenlebens sein, die Individualpsychologie hat aber gezeigt, daß er ein künstlicher Erziehungsfehler ist.

Wenn man sich auf Komplexforschung begibt, wenn man die Stellungnahme eines Menschen als Schablone erkannt hat, kann man eine Unzahl solcher Schablonen finden. Eine der interessantesten ist der „*Erlöserkomplex*“. Das sind Menschen, die in auffälliger Weise eine Stellung einnehmen, ohne es zu wissen, als ob sie jemanden retten, erlösen müßten. Das findet sich in tausend Graden und Verschiedenheiten. Manchmal läuft es ganz glimpflich ab, aber immer ist es deutlich die Stellungsnahme eines Menschen, der seine Überlegenheit, seine Erfolgsmöglichkeit darin findet, die Komplikationen im Seelenleben und äußeren Leben des anderen zu lösen. Manche dieser Varianten scheinen so harmlos, daß man nicht viel darüber sagen kann. Es kann sehr wohl sein, daß sich in das ärztliche Streben oder in die Berufswahl des Geistlichen der Erlöserkomplex hineinschleicht. In den schwersten Graden werden wir freilich ein Gehaben finden, als ob der Betreffende ein Gottgesandter wäre, als ob er die Übel der Menschheit schlankweg kurieren könnte. Wenn einer glaubt, erlösen zu müssen, z. B. ohne genaue Kenntnisse einen Trunkenbold erlösen zu müssen, so ist das der Ausdruck dafür, daß es sich hier nicht um die normale Lösung von Fragen handelt. Es wäre nur durch eine tiefe psychologische Einsicht und Schulung denkbar, nicht durch Gattenwahl, nicht durch Hingabe. Auch hier sieht man das Ausweichen vor den normalen Problemen, ein Suchen nach Erfolgsmöglichkeiten, das die Eitelkeit befriedigen kann. Der Betreffende fühlt sich gedrängt, sich als Erlöser aufzuspielen. Dieser Komplex findet sich auch häufig in Neurosen und Psychosen.

Ein weiterer Komplex ist der „Beweiskomplex“. Er ist bei zahlreichen Menschen zu finden, die herumlaufen und beweisen wollen, daß sie ein Recht haben, auch auf der Welt zu sein, oder beweisen wollen, daß sie keine Fehler haben. Sie haben eine ungeheuere Furcht, Fehler zu begehen, sie sehen jeden Akt als Probe darauf an, ob sie Anerkennung finden, perfekt sind; sie sind immer in Verteidigungs- und Rechtfertigungsstellung. Bei jedem Gespräch wollen sie beweisen, daß sie nicht wertlos sind. Keiner in der Umgebung ist daran interessiert, aber es läßt ihnen keine Ruhe. In der Neurose spielt der „*Beweiskomplex*“ eine ungeheuere Rolle und ist immer gemengt mit dem Hinweis auf bestimmte Milderungsgründe, mit starken Emotionen, mit einer Neigung zum Rückzug.

Nun komme ich zu einem Komplex, der mehr in das komische Gebiet der Psychologie gehört. Das ist der „Poloniuskomplex“. Hamlet zu Polonius: „Sieht diese Wolke nicht aus wie ein Kamel?“ Polonius: „Ja, ganz wie ein Kamel.“ „*Etwas sieht aus wie* — —.“ Damit ist eine äußere, beiläufige Entscheidung getroffen, die meist nichts besagt. Und doch findet man, daß die moderne Psychologie vom Poloniuskomplex beherrscht ist. „Alles sieht aus wie bei den Wilden“ — „schon der Wilde zeigte ein solches Verhalten“, nicht zu sprechen von der Psychoanalyse, wo „*alles* aussieht wie“ — — — Aber man findet diesen Komplex auch außerhalb der Psychologie. Manchmal kann dieser Gebrauch gute Gründe <!-- S. 4 --> haben, er steckt sicherlich auch im „Déjà-vu“, wo auch „etwas aussieht wie“, und in anderen Erscheinungen, die zu mystischen Vorstellungen führen, wie z. B. der Eindruck, daß etwas in einem früheren Leben auch so gewesen ist. Der „Poloniuskomplex“ ist nicht nur in der Wissenschaft gefährlich, sondern auch sonst im Leben, wo er zu lächerlichen Verallgemeinerungen führt. Wenn Sie sich an die Interpretation des Traumlebens erinnern, so werden Sie auch hier den Poloniuskomplex finden. Auch für den Träumer sieht alles aus wie — — —. Ich möchte Sie auch hier an *Vaihingers* „Als ob“ erinnern, z. B. in einer Urreligion wird eine Eidechse heilig erklärt, als ob sie eine Gottheit wäre, es wird auch damals Leute gegeben haben, die die Göttlichkeit einer Eidechse nicht ernst genommen haben, aber das zur Tatsache zu machen, hat für den Stamm große Vorteile gehabt, denn in dieser Als-ob-Vorstellung betrachteten sich alle Poloniusse als Brüder. Sie versammelten sich im Namen der Eidechse und obwohl das Ganze nur Gruppenegoismus war, sollte es über die Not der Zeit hinweghelfen. Sicherlich sind viele auch daran gescheitert, aber unter Umständen konnte es hilfreich sein. Sie sehen, wie weit sich das Suchen nach einer Erleichterung im Leben, nach Überlegenheit, nach einer Erfolgsmöglichkeit erstreckt, in irgendeiner vom Betreffenden unverstandenen Zusammenfassung. Es ist eine Erscheinungsform, die die Individualpsychologie mit dem Namen „Poloniuskomplex“ benennt. Sie werden Menschen finden, die nicht anders reden, die immer einen Vergleich bei der Hand haben, immer „ist etwas wie“ — — —. Das läßt uns auch dichterische Redeblüten und metaphorische Ausgestaltung verstehen, die dazu dienen, den common sense zu umgehen, in den weitaus meisten Fällen, um Gefühle und Emotionen zu wecken. Deshalb finden Sie Symbole und vergleichsweise Darstellungen auch im Traum. Die Beschäftigung mit dem Poloniuskomplex ist wertvoll; er wirft ein scharfes Licht auf die Wesenlosigkeit vieler philosophischer und psychologischer Systeme.

In der Individualpsychologie werden Sie auch öfters Erwähnung vom „*Ausschaltungskomplex*“ finden. Auch der charakterisiert viele Menschen. Man findet ihn in tausenden von Varianten bei Menschen, die ihren Aktionsraum immer verkleinern wollen, die auch alle Probleme aus dem Weg räumen wollen. So wie der „Poloniuskomplex“ eine Stütze für den Unsicheren sein soll, der glaubt, sich auf geradem Wege nicht behaupten zu können und deshalb zu Vergleichen greift, so werden Sie bei dem Ausschaltungskomplex dasselbe Prinzip finden. Das schablonenhafte Suchen nach der Ausschaltung wird immer demjenigen anhaften, dessen Ziel es ist, auf leichtere Weise zu einer persönlichen Überlegenheit zu kommen. Alle diese Komplexe können eine Verbindung unter einander eingehen. Sie können miteinander kooperieren. Es ist auch klar, daß diese Schablonen von der einen Seite als Minderwertigkeitskomplex, von der anderen Seite als Poloniuskomplex oder als Ausschaltungskomplex, als beruhigender Überlegenheitskomplex festgestellt werden kann. Es gibt ungeheuere Möglichkeiten, Komplexe festzustellen und in dieser Weise die Persönlichkeit besser erfassen zu können.

Ein anderer Komplex, der sehr vielen Menschen anhaftet, ist der „*Prädestinationskomplex*“. Er zeigt sich als eine Haltung dem Leben gegen<!-- S. 5 -->über, als ob einem nichts geschehen könnte. Da gibt es ungeheuere Steigerungen, so daß er einem sofort in die Augen springt. Der „Prädestinationskomplex“ gibt dem Betreffenden einen großen Halt. Selbstsicherheit, natürlich ist sie erschwindelt, denn so etwas wie wirkliche Prädestination, als ob einer auserlesen wäre, wie das auch manche Völker von sich glauben, gibt es nicht. Dabei gibt es manchmal komische Erscheinungen. In den Schulen habe ich beobachtet, daß es Kinder gibt, die von sich so eingenommen sind, daß sie glauben, sie wissen alles. In einer angespannten Situation fühlen sie sich hingerissen, sich zu melden, ohne eine Ahnung von der vorliegenden Frage zu haben. Ich habe einige solcher schöner Fälle erlebt und bin überzeugt, daß dies manchen in eine schwierige Lage bringen kann. Umso gefährlicher, wenn es sich im öffentlichen Leben abspielt, wenn einer sich alle möglichen abwegigen Leistungen zutraut, in dem Gefühl, daß ihm nichts geschehen kann, daß er irgendwie durchrutschen wird. An diesem Komplex können Sie den verzärtelten Lebensstil deutlich sehen, es sind Menschen, die gewöhnt waren, daß sie die Mutter herausreißt. Auf der anderen Seite wird man bei Menschen, die sich ganz heimisch fühlen, so ganz verwurzelt mit den irdischen Tatsachen, Ähnliches finden, das sich dann als Mut darstellt. Es wird dann diese Neigung, sich etwas zuzumuten, was über menschliche Kräfte geht, nicht auftauchen, es wird vielmehr eine sachliche Art des Vorgehens zu beobachten sein. Es sind dies Menschen, die vor einer Leistung halt machen, die menschlich nicht zu lösen ist. Spurweise wird man auch bei ihnen den „Prädestinationskomplex“ finden, der vielleicht bei der Unsicherheit der Zukunft nötig erscheint, als Optimismus und Selbstvertrauen. Reale Erfolgsmöglichkeiten gibt es in beiden Fällen. Natürlich auch Rückschläge, die von dem ersteren übersehen oder mit einem Zusammenbruch ev. Schizophrenie, Cyclothymie, Melancholie, Verbrechen) beantwortet werden, von den anderen bei sozialer Aktivität mit baldiger Aufrichtung nach der Niederlage. Einen schönen Fall fand ich bei einem manischen Paralytiker. Ich besuchte ihn in einem Sanatorium. Er bat mich weinend und flehend, ihn nach Hause zu bringen, da man ihn hier roh behandle. Sonst zeigte er Einsicht und wesentliche Besserung. Im Hause angelangt, war er ruhig und freudig gestimmt. Ein Gespräch unterbrechend, wandte er sich an mich mit den Worten: „Sehen Sie, so geht es immer in meinem Leben. Alles gelingt mir.“ Er dachte an mein Einverständnis, ihn nach Hause zu bringen, ich an die harte Behandlung, die mehrere blaue Flecke an ihm hinterlassen hatte.

Häufig findet man bei Kindern und Erwachsenen einen Komplex, den man als „*Führerkomplex*“ bezeichnen kann: der Erste zu sein, die anderen zu führen. Es sind Menschen, die sich in jeder anderen Rolle schlecht fühlen, die Tag und Nacht darauf aus sind, an der Spitze zu stehen. Diesem Komplex stehen die Zweitgeborenen und Jüngsten, auch stark gebliebene Älteste näher (in der Bibel Jakob, Esau, Josef). Man kann bei führenden Menschen finden, daß sie schon in der Kindheit den Führerkomplex entwickelt haben. Er ist das Resultat eines Trainings. Solche Kinder können es nicht vertragen, im Spiel zu verlieren oder das Pferd zu sein und nicht der Kutscher. Allen Genies eignet dieser Komplex. <!-- S. 6 --> Leider auch anderen, die unter günstigen Umständen ohne zureichende Befähigung, aber infolge ihres Trainings zum Führer, gewagte Situationen herbeiführen.

Vielleicht nicht gar so häufig ist ein anderer Komplex, der „*Zuschauerkomplex*“. Er zeigt sich bei Menschen, die dadurch auffallen, daß sie ihr Leben so einrichten, immer Zuschauer zu sein, ohne aktiv einzugreifen. Verzärtelte Kinder sind oft in diese Rolle gezwungen. Leider ist der „Zuschauerkomplex“ so wenig mit Aktivität versehen, daß sich daraus für die Gemeinschaft nicht viel machen läßt. Das bringt die Notwendigkeit einer gewissen Methode der Behandlung mit sich. Wenn man einen Menschen mit einem „Zuschauerkomplex“ vor sich hat, ist es viel dringender, ihm Mut zu machen, als etwa einem, der Aktivität zeigt. Gerade er muß darauf hingewiesen werden, wie wichtig es ist, in das Leben einzugreifen. Sie werden diesen „Zuschauerkomplex“ oft im Traum finden. Häufig sind Träume, daß einer im Theater sitzt, weil ihm das Leben wie ein Theater erscheint. In den ältesten Erinnerungen kommt bei ihnen oft das Zuschauen zutage. Solche Menschen werden sehr häufig durch das Leben enttäuscht, daß sie von der Höhe heruntergestürzt werden, ist selbstverständlich. Die Neigung zu schauen kombiniert sich oft mit der Neigung gesehen zu werden (auch im Exhibitionismus, aber auch in übertriebener Eitelkeit). Immer handelte es sich um visuelle Typen.

Ein Komplex, der sehr häufig ist, und bei dem man in der Erziehung und Behandlung sehr vorsichtig sein muß, ist der „*Nein-Komplex*“. Es gibt Menschen, die von der Opposition nicht loskommen, denen es schwer wird, jemandem zuzustimmen, die etwas Großes darin erblicken, dem anderen unrecht zu geben. Dies kann auch in einer Neigung bestehen, den anderen ohne Berechtigung oft zu kritisieren. Es gibt Menschen, die das Nein auf der Lippe haben, bevor der andere den Mund aufmacht. Sie warten schon darauf, bis sie das „Nein“ sagen können. Unter den Kritikern wird man gelegentlich solche Menschen finden, ebenso unter den Pessimisten. Paart sich diese Neigung mit sozialem Interesse, so wirkt sie fördernd. In der Kindheit drückt sich dieser Komplex manchmal in grotesker Weise aus, z. B.: eine Mutter wollte sich mit dem widerspenstigen Kind versöhnlich stellen und sagte: „Ich habe dir Orangen mitgebracht, weil ich weiß, daß du sie gern ißt.“ Das Kind rief sofort: „Ich will die Orangen nur, wenn ich sie will, nicht wenn du sie mir bringst.“ Dieselbe Mutter hat einmal gesagt: „Nimm eine Tasse Milch oder Kaffee, was du willst.“ Das Kind antwortete: „Wenn du Milch sagst, trink’ ich Kaffee, wenn du Kaffee sagst, trink’ ich Milch.“ Es ist das Streben, nicht etwa durch Übereinstimmung mit den andern das Herrschergefühl einzubüßen. Die Erfolgsmöglichkeit ist hier darin gesehen, nicht durch den andern beeinflußt zu sein, ihm nicht das Gefühl der Überlegenheit zu gewähren. Der „Nein-Komplex“ spielt in der Wissenschaft oft eine verheerende Rolle. Die besten Fortschritte werden gestört, wenn sich ihnen Leute mit dem „Nein-Komplex“ entgegenstellen. Es handelt sich ihnen um Befriedigung der Eigenliebe, der Eitelkeit, die sich verwundet fühlen würde, wenn man zustimmen würde.

[^1]: Vortrag, gehalten im Wiener Verein für Individualpsychologie.

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*Fuente:* Alfred Adler, «Der Komplexzwang als Teil der Persönlichkeit und der Neurose», *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 13 (1935), n.º 1 (enero-marzo), págs. 1-6. Transcripción hecha a partir del OCR del ejemplar digitalizado en archive.org (número completo, Internationale Psychoanalytische Universität Berlin), cotejada con la imagen de cada página. Se conservan las erratas y particularidades del impreso («zusammengesetzes», «Stellungsnahme», la minúscula de «daß sich diese Gesamtstimmungslage» tras punto, el paréntesis sin abrir antes de «ev. Schizophrenie»). Las cursivas reproducen las del original; «Zuschauerkomplex» va espaciado.
