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Title: Die Formen der seelischen Aktivität. Ein Beitrag zur individualpsychologischen Charakterkunde
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 12 (1934), H. 1, S. 1-5.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1934%20Die%20Formen%20der%20seelischen%20Aktivit%C3%A4t
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# Die Formen der seelischen Aktivität.

Ein Beitrag zur individualpsychologischen Charakterkunde.

Von Dr. Alfred Adler,
Professor am Long Island Medical College, New York.

Unter andern wichtigen Tatsachen legt die Individualpsychologie in ihrem Bestreben, aus der Haltung eines Individuums zu den stets sozialen Lebensfragen ein Bild seiner Ganzheit zu gewinnen, besonderen Wert auf den *Grad seiner Aktivität*, mit der er seine Probleme aufgreift. Tatsachen, wie die der zögernden Attitüde, der Selbstblockade, der Ausbiegung und der verringerten Aufmarschbreite, des jähen Angriffs mit folgender Erschlaffung, das Umspringen von einer Aufgabe zur andern, habe ich schon vor längerer Zeit als typische Formen des Fehlschlags bei verminderter Fähigkeit zur Mitarbeit klargelegt. Es ist mir auch nicht entgangen, daß jede dieser fehlerhaften Gangarten in ihren tausenderlei Varianten einen geringeren oder größeren Grad von Aktivität aufweist. Dieser verschiedene Grad der Aktivität wird von der Persönlichkeit in der frühesten Kindheit mit einer gewissen Willkür erzeugt, wobei freilich hereditäre und Umweltsfaktoren, sicher nicht kausal, aber im Sinne einer Wahrscheinlichkeit, eine Rolle spielen. Die Individualpsychologie ist auch in der Lage, den in der Kindheit erworbenen Grad der Aktivität als *dauernden Bestand für das ganze Leben* festzustellen, und hat auch scharf darauf hingewiesen, daß diese Tatsache unwidersprochen bleiben muß, obwohl in vielen Fällen der bleibende Grad nur bedingungsweise in Erscheinung tritt, z. B. in Fällen, in denen das Individuum sich in günstigen oder ungünstigen Umständen befindet.

Die *Konstanz des Aktivitätsgrades* läßt sich wohl kaum ziffernmäßig erfassen. Ein Kind, das seinen Eltern davonläuft, ein Junge, der auf der Straße Händel anfängt, wird mit einem höheren Aktivitätsgrad zu klassifizieren sein als ein Kind, das gerne zu Hause sitzt und Bücher liest.

Ich muß aber mit Nachdruck darauf hinweisen, daß man Aktivität nicht mit *Mut* verwechseln darf, wenngleich es Mut ohne Aktivität nicht gibt. Als Mut kann man nur die Aktivität eines Individuums bezeichnen, das mitgeht, mitarbeitet, mitlebt. Auch im Falle festgestellten Mutes soll man die zahlreichen Varianten und Mischfälle nicht vergessen, sowie die Fälle, in denen Mut nur bedingungsweise auftritt, z. B. im Falle äußerster Not oder unter Beihilfe anderer.

Wer sich von der Konstanz des Aktivitätsgrades, ganz entsprechend der von der Individualpsychologie nachgewiesenen Konstanz des individuellen Bewegungsgesetzes, d. h. des Lebensstiles, überzeugt hat, wird der Feststellung des individuellen Aktivitätsgrades die größte Aufmerksamkeit <!-- S. 2 --> zuwenden müssen. Denn die Einsicht in dieses Problem eröffnet eine gänzlich neue und wertvolle Perspektive für die psychiatrische Behandlung, für Erziehung und für Prophylaxe. Denn unsere Feststellung besagt nicht weniger, als daß wir aus den kleinsten Zügen und Ausdrucksbewegungen der Kindheit voraussagen können, mit welchem Grad von Aktivität dieses Kind später einmal den Lebensproblemen gegenüber stehen wird.

Freilich wäre ein solcher, immerhin wertvoller Ausblick praktisch unvollkommen, wenn wir ihn nicht mit einer weiteren Feststellung der Individualpsychologie verbinden würden, nämlich mit der Feststellung der gleichfalls bewiesenen *Konstanz des Gemeinschaftsgefühls* im vorliegenden Falle. Beide zusammen erst, wobei der Grad der Kooperationsfähigkeit die Richtung gibt, lassen voraussagen, ob die Gefahr eines Fehlschlages vorliegt und welcher Art dieser Fehlschlag sein würde.

Nicht aus dem Auge zu verlieren ist aber, daß ein Fehlschlag erst angesichts eines schwer zu bewältigenden Problems sichtbar würde, anläßlich einer exogenen Schwierigkeit, ganz allgemein gesagt, unter ungünstigen Bedingungen. Solcher ungünstiger Bedingungen gibt es eine große Anzahl. Nur darf man kein objektives Maß daranlegen und muß auch von der häufigen irrtümlichen Überschätzung von Schwierigkeit Kenntnis haben, da ganz allgemein Aufgaben aller Art demjenigen schwieriger erscheinen, der das größere Minderwertigkeitsgefühl hat.

Dazu kommt auch die Imkompatibilität jeder individuellen Lebensform mit Aufgaben, die dem angestrebten *Ziel der Vollkommenheit* widersprechen. Ist der Lebensstil eines Individuums mehr oder weniger nach dem Ziel gerichtet, unter allen Umständen der erste zu sein, so wird automatisch eine immer affektbetonte Ausschaltung aller unüberwindlichen Situationen erfolgen. Ist in einem andern Falle das Ziel der Überlegenheit gesucht in der Herabsetzung des andern, dann gestaltet sich der Lebensraum entsprechend dieser konstanten, unabweislichen Forderung. Wenn einer immer nur der Enthüllung seiner vermeinten Wertlosigkeit aus dem Wege zu gehen trachtet, dann wird sich gedanklich, gefühlsmäßig und stellungsmäßig sein Verhalten darauf einrichten, alle Fragen ungelöst zu lassen, um so wenigstens den Schein und die Möglichkeit einer Überlegenheit in der Reserve zu haben. Ist einer ein richtiger Mitarbeiter, so wird dies zur Leitlinie seines Lebens und wird in allen Lebensaufgaben durchdringen.

Und in allen diesen Fällen mit ihren Millionen von Varianten wird stets auch die gleiche Art der Aktivität festgestellt werden können.

In der Regel wird man den Grad der Aktivität auch aus der Größe der Aktivitätssphäre, die für jeden Menschen verschieden ist, wahrnehmen können. Es wäre eine verlockende Aufgabe für einen Psychologen, sich graphisch Ausbreitung und Form des individuellen Lebensraumes vor Augen zu führen.

Ich will in dieser Arbeit nur jenen Anteil meiner Untersuchungen und Feststellungen vorlegen, der sich auf die Konstanz und Identität des Aktivitätsgrades von „Fehlschlägen“ und deren Kindheit bezieht. Ich muß dabei an die traditionelle Auffassung von Typen der „Fehlschläge“ anknüpfen, obwohl ich alle Fehlschläge nur als Symptome eines <!-- S. 3 --> mangelhaften Gemeinschaftsgefühles qualifizieren kann. Und ich muß hinzufügen, daß jeder einzelne Fall innerhalb der typischen Gruppe Qualitäts- und Quantitätsunterschiede zeigt, soweit es sich um seine Aktivität handelt.

Eine genaue Kenntnis der Struktur jedes typischen Fehlschlags ist notwendige Voraussetzung einer solchen Untersuchung. Diese Kenntnis dient der Individualpsychologie zur Beleuchtung des Gesichtsfeldes, auf dem wir den Einzelfall zu finden erwarten. Die typischen Fehlschläge will ich in folgender Weise auseinanderhalten und einteilen in: schwererziehbare Kinder, Neurosen und Psychosen, Selbstmord, Verbrecher, Trinker und Morphinisten etc., Sexualperversionen, Prostitution.

Einen Anfang zur Feststellung des Aktivitätsgrades habe ich bereits im Jahre 1908 gemacht, in einer Arbeit über den „Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose“ (veröffentlicht in „Heilen und Bilden“, Verlag Bergmann, München, III. Auflage). Diese Arbeit hat nicht nur zu einer Grundanschauung der Individualpsychologie geführt, sondern hat auch einen verhängnisvollen Einfluß auf die Entwicklung der Psychoanalyse ausgeübt.

Heute kann ich wohl feststellen, daß schon bei schwererziehbaren Kindern der Unterschied in ihrer Aktivität deutlich hervortritt und entsprechende, verschiedene Erziehungsmaßnahmen bedingt. Wilde, übermütige, trotzige, diebische, streitsüchtige Kinder zeichnen sich sichtlich durch einen größeren Aktivitätsgrad aus als scheue, verschlossene, ängstliche, von andern abhängige Kinder. Der Aktionskreis der ersteren ist sichtlich größer als der der zweiten. Suchen wir den für beide verschiedenen Fehlschlag auf, so läßt sich leicht nachweisen, daß dem schwächeren Aktivitätsgrad in der Kindheit der schwächere Aktivitätsgrad der Neurose und der Psychose im späteren Leben entspricht. Freilich ist auch in diesen Krankheitstypen und Symptomen der schwächere Aktivitätsgrad qualitativ und quantitativ verschieden, höher z. B. bei der Zwangsneurose und in der Melancholie, niedriger in der Angstneurose und in der Schizophrenie.

Ein etwas höherer Aktivitätsgrad charakterisiert Selbstmörder und Trinker von Kindheit an und liegt auch der Struktur dieser Fehlschläge zugrunde. Ihr Aktionskreis ist deutlich größer, aber ihre Aktivität entfaltet sich auf dem Umweg der Schädigung ihrer eigenen Person. Als Kinder, wie fast alle Fehlschläge, verweichlicht, empfinden sie ihre eigene Person so wertvoll, daß ihnen der Angriff gegen die eigene Person als ein Angriff gegen ihre nächste und weitere Umgebung erscheint.

Die Sexualperversionen zeigen sich unter diesem Gesichtspunkt in einer Skala von niedrigster bis zur höchsten Aktivität, in der am einen Punkt etwa der Masturbant oder der Fetischist steht, am andern etwa der Lustmörder, beide auch schon von Kindheit an durch den entsprechenden Aktionskreis und durch mangelhaftes Gemeinschaftsgefühl charakterisiert.

Am stärksten zeigt sich die Aktivität beim Verbrecher, und zwar in Abstufungen je nach der Art der Verbrechensneigung. Am untersten <!-- S. 4 --> Punkt der Aktivitätsskala etwa der Betrüger und Taschendieb, am höchsten Punkt der Aktivitätsskala der Mörder.

Ganz irrig wäre es, die Verschiedenheit der Aktivität oder des Gemeinschaftsgefühls, das der Aktivität die Richtung gibt, auf angeborene Faktoren zurückführen zu wollen. Nicht nur deshalb irrig, weil wir keine Möglichkeit haben, jemals die Auswirkungen angeborener Ausdrucksformen aus dem Gewordenen herauszuschälen; sondern deshalb, weil das Kind alle angeborenen Faktoren und ihre Auswirkungen in seinem individuellen Sinn erlebt, nicht nach mathematischen oder kausalen Gesetzen. Dasselbe gilt aber auch für die Umweltfaktoren und für die Einflüsse der Erziehung. Aus allen diesen Eindrücken, die das Kind erlebt, bildet es wie in einer Eingebung seinen Lebensstil, der als wichtigste Strukturen einen bestimmten Aktivitätsgrad und einen bestimmten Grad des richtunggebenden Gemeinschaftsgefühls in sich trägt. Als weitere, den Lebensstil charakterisierende Struktur habe ich eine vorwiegende Betonung von Anteilen der psychomotorischen Sphäre gefunden, eine Betonung, die uns nicht der Aufgabe enthebt, die mitschwingenden andern Bewegungsformen der Psyche gleichzeitig in Betracht zu ziehen. Man kann sich leicht davon überzeugen, daß es Menschen gibt, bei denen eine Betonung oder Überbetonung der gedanklichen und begrifflichen Sphäre im Vordergrund steht, so daß sie ihre Aktivität dem Leben gegenüber gedanklich zum Ausdruck bringen. Auch in diesem Falle hängt der Wert ihres Lebensstils davon ab, wieviel Gemeinschaftsgefühl sie aufbringen können. In günstigem Falle kooperiert die Gefühlssphäre und die Stellungnahme zur Mitarbeit soweit mit der gedanklichen Verarbeitung, daß die richtige Vorbereitung zu den Lebensfragen gesichert ist. In ungünstigem Falle, bei mangelndem Gemeinschaftsgefühl, ergeben sich kalte, schwätzerische, wortklauberische Lebensformen, die, wie ich gezeigt habe, eine Annäherung an die Zwangsgedankenneurose aufweisen können.

Infolge dieser einseitigen Akzentuierung scheint ein grundlegender Teil des seelischen Ablaufes oft wie im „Unbewußten“ gelagert. In Wirklichkeit fehlt aber das *Verständnis für den Zusammenhang mit der individuellen Lebensform,* wie z. B. wenn ein Zwangsneurotiker sich Wortgrübeleien hingibt, wie: was ist der Mensch? warum heißt er Mensch? ohne den Zusammenhang mit der stets vorhandenen Gefühlserregung und Stellungnahme zu erfassen.

Noch deutlicher wird der Mißbrauch des Begriffs des Unbewußten anläßlich der Untersuchung von Menschen, bei denen das gefühlsmäßige Erfassen und Erleben überbetont ist, so daß die gedankliche und begriffliche Begleitung ebenso wie die immer vorhandene Stellungnahme verschwunden zu sein scheint. Es kann dann leicht bei oberflächlicher Betrachtung der Eindruck erweckt werden, sobald man den Gefühlsprozeß und die Stellungnahme ins Begriffliche umsetzt, als ob man etwas aus dem Unbewußten ins Bewußte gehoben hätte, so etwa bei jeder Erziehung, wenn es sich darum handelt, durch Erklärungen und durch Zurückführung auf die Ursachen einer Verfehlung Zusammenhänge begrifflich zu beleuchten und verständlich zu machen.

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Auch die Stellungnahme des Individuums, seine Haltung zum Leben in all seiner Eigenartigkeit und im Zusammenhang mit seinem individuellen Lebensstil bleibt fast immer unverstanden, wird höchstens unter dem Druck des Lebensstils als gerechtfertigt empfunden. In anderen Fällen, eines Mitspielers oder eines Gegenspielers, kann gerade die Stellungnahme, d. h. die individuelle Aktivität, die sichtbare Hauptachse des Lebens sein und als solche gewertet werden. Auch die Individualpsychologie betont in erster Linie die durch genügendes Gemeinschaftsgefühl gerichtete Aktivität, die, wenn abwegig, durch verständnisvolles Erfassen des fehlerhaften Aufbaues der Lebensform verbessert werden kann. „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen.“

In dieser Gesamtbetrachtung steht wohl die im Sinne der richtigen Evolution wirkende Aktivität voran. Diese Forderung ist nur dann festgegründet, wenn sie gleichzeitig verbunden ist mit einer weitreichenden, begrifflichen, geistigen Erfassung des Werdens eines Individuums in seiner Haltung zu den Lebensfragen. Daß in der Individualpsychologie die Gefühlssphäre besser zu ihrem Recht kommt als in einer einseitig konstruierten Triebpsychologie oder Affektpsychologie, geht aus der strengen Forderung der Individualpsychologie hervor, dem Gemeinschaftsgefühl die größtmöglichste Ausdehnung zu geben.

So stellt sich auch die Individualpsychologie als die schärfste Gegnerin einer unkritischen, selbstschmeichlerischen Hereditätpsychologie dar. Zugleich deckt sie schonungslos alle Irrtümer auf, die verheerend einer *Verstärkung des Gemeinschaftsgefühls* im Wege stehen, mittelbar oder unmittelbar das Gemeinschaftsgefühl der gegenwärtigen und der nächsten Generationen drosseln. Der ehrliche Psychologe kann seine Augen nicht davor verschließen, daß es Zustände gibt, die das Eingehen des Kindes in die Gemeinschaft, sein Sichzuhausefühlen verhindern und es aufwachsen lassen wie in Feindesland. Deshalb muß er aufklärend wirken auch gegen schlecht verstandenen Nationalismus, wenn dieser die allmenschliche Gemeinschaft schädigt, gegen Eroberungs-, Rache- und Prestigekriege, gegen das Versinken des Volkes in Hoffnungslosigkeit infolge weitverbreiteter Arbeitslosigkeit, und gegen alle andern Störungen der Ausbreitung des Gemeinschaftsgefühls in der Familie, in der Schule und im sozialen Leben.

<!-- Fin del artículo (S. 5, filete de cierre). Sigue en la revista: Haven Emerson, «Wer ist unheilbar? Frage und Antwort» (S. 5). -->

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*Fuente:* Alfred Adler, «Die Formen der seelischen Aktivität. Ein Beitrag zur individualpsychologischen Charakterkunde», *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 12 (1934), cuaderno 1, S. 1-5 (el inventario lo data en 1933, quizá por la fecha de redacción; se publicó en el primer cuaderno de 1934). Transcripción a partir del volumen anual completo de 1934 digitalizado en archive.org (PDF, págs. 7-11), cuya capa de texto OCR se ha cotejado con la imagen de cada página; el cuaderno 1 suelto de los materiales (archive.org), con su cubierta («Nr. 1, Jan./März 1934», Verlag Moritz Perles, Viena), es el mismo impreso y solo trae un OCR más defectuoso. Las cursivas reproducen las del original. Se suprime el espacio que el impreso pone ante «?». Se respetan las particularidades del impreso, como «Imkompatibilität» (S. 2), «größtmöglichste» y «Hereditätpsychologie» (S. 5); se corrigen las erratas de la capa OCR («Eg ist», «Jweben», «kei denen», etc.), no del impreso. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
