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Title: Zum Leib-Seele-Problem
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 11 (1933), S. 337-345.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1933%20Zum%20Leib-Seele-Problem
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<!-- S. 337 -->

# Zum Leib-Seele-Problem

Von Prof. Dr. Alfred Adler

Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen, daß alles, was wir als Körper bezeichnen, ein Streben zeigt, ein Ganzes zu werden. Im allgemeinen kann das Atom in dieser Hinsicht mit der lebenden Zelle verglichen werden. Beide besitzen latente und manifeste Kräfte, die teils zur Abrundung und Begrenzung, teils zur Ansetzung anderer Teile Anlaß geben. Der hauptsächliche Unterschied liegt wohl im Stoffwechsel der Zelle gegenüber der Selbstgenügsamkeit des Atoms. Nicht einmal die Bewegungen innerhalb oder außerhalb von Zelle und Atom bieten grundlegende Unterschiede. Auch die Elektronen sind nie im Ruhezustand und ein Streben danach, wie *Freud* es für seine Anschauungen vom Todeswunsch postuliert, kann nirgendwo in der Natur gefunden werden. Was beide am deutlichsten unterscheidet, ist der Assimilations- und Ausscheidungsprozeß der lebenden Zelle, die zum Wachstum, zur Erhaltung der Form, zur Vermehrung und zum Streben nach einer idealen Endform Anlaß gibt[^1].

Wäre die lebendige Zelle, gleichgültig woher sie gekommen ist, in ein ideales Milieu gesetzt gewesen, das ihr mühelos die ewige Selbsterhaltung garantiert hätte, ein freilich undenkbarer Fall, so wäre sie sich stets gleich gegeblieben. Unter dem Drucke von Schwierigkeiten, die man sich im einfachsten Falle nahezu physikalisch denken kann, mußte das, was wir unverstandenermaßen den Lebensprozeß nennen, zu irgendwelchen Abhilfen gedrängt werden. Die in der Natur gegebenen, sicherlich auch in der Amöbe vorliegenden tausendfachen Verschiedenheiten bringen günstiger gelagerte Individuen näher zum Erfolg und lassen sie die bessere Form und somit die bessere Anpassung finden. In den Billionen von Jahren, da Leben auf dieser Erde besteht, war offenbar Zeit genug, aus dem Lebensprozeß der einfachsten Zellen den Menschen zu gestalten, ebenso Myriaden von Lebewesen untergehen zu lassen, die der Wucht der Angriffe ihrer Umgebung nicht gewachsen waren.

In dieser Auffassung, die grundlegende Anschauungen *Darwins* und *Lamarcks* verbindet, muß der „Lebensprozeß“ als ein Streben gesehen werden, das seine Richtung im Strome der Evolution durch ein ewiges Ziel der Anpassung an die Forderungen der Außenwelt erfährt.

In dieser Zielstrebigkeit, die niemals zu einem ruhenden Ausgleich kommen kann, da offenbar das Gebiet der fordernden und fragenden Kräfte der Außenwelt <!-- S. 338 --> von Wesen, die von ihr geschaffen wurden, nie vollkommen beantwortet werden können, muß sich auch jene Fähigkeit entwickelt haben, die wir, von verschiedenen Seiten betrachtend, Seele, Geist, Psyche, Vernunft nennen, die alle anderen „seelischen Fähigkeiten“ einschließen. Und obwohl wir uns bei Betrachtung des seelischen Prozesses auf transzendentalem Boden bewegen, dürfen wir, in unserer Anschauung fortfahrend, behaupten, daß die Seele, als dem Lebensprozeß zugehörig, und was immer wir unter diesem Prozeß zusammenfassen, den gleichen Grundcharakter aufweisen muß wie die Matrix, aus der sie hervorgegangen ist, die lebende Zelle. Dieser Grundcharakter ist in erster Linie zu finden in dem fortdauernden Streben, sich mit den Forderungen der Außenwelt siegreich auseinanderzusetzen, den Tod zu überwinden, einer idealen Endform zuzustreben, die dazu geeignet ist, gemeinsam mit den dazu in der Evolution vorbereiteten Kräften des Körpers, in gegenseitiger Beeinflussung und Hilfe, ein Ziel der Überlegenheit, der Vollkommenheit, der Sicherheit zu erreichen. So wie in der evolutionären Entwicklung des Körpers, so ist auch in der seelischen Entwicklung dauernd die Richtung angegeben, durch richtige Lösung der Aufgaben der Außenwelt zur Überwindung ihrer Schwierigkeiten zu gelangen. Jede unrichtige Lösung, sei es durch eine unzweckmäßige körperliche oder seelische Entwicklung, zeigt ihren Mangel an Eignung durch die Niederlage, die bis zur Ausmerzung und Austilgung des irrenden Individuums gehen kann. Der Prozeß der Niederlage kann über die Einzelperson hinausgreifen und Teilglieder derselben, die Nachkommenschaft, schädigen, Familien, Stämme, Völker und Rassen in größere Schwierigkeiten verwickeln. Oft, wie immer in der Evolution, können diese Schwierigkeiten in ihrer Überwindung zu größeren Erfolgen, zu größerer Widerstandskraft führen. Hekatomben von Pflanzen, Tieren und Menschen sind aber diesem grausamen Selbstreinigungsprozeß zum Opfer gefallen. Was derzeit im Durchschnitt widerstandsfähig erscheint, hat die Probe vorläufig bestanden[^2].

Aus dieser Anschauung geht hervor, daß wir es im körperlichen Prozeß mit einem Streben zu tun haben, das den Körper in Beziehung zu seinen Leistungen ungefähr im Gleichgewicht zu halten hat, um den Anforderungen der Außenwelt, ihren Förderungen und Nachteilen, siegreich entgegentreten zu können. Betrachtet man einseitig diese Prozesse, so kommt man zu der Auffassung von der „Weisheit des Körpers[^3]“. Aber auch der seelische Prozeß ist gezwungen, sich zu dieser Weisheit zu entschließen, die ihn instand setzt, siegreich die Fragen der Außenwelt zugunsten eines stets aktiven Equilibriums von Leib und Seele zu lösen. Für das Equilibrium sorgt in gewissen Grenzen die erreichte evolutionäre Stufe, für die Aktivität das in der Kindheit gefundene Ziel der Überlegenheit, der Lebensstil, das Bewegungsgesetz des Einzelnen.

*Grundgesetz des Lebens ist demnach Überwindung.*
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Ihr dient das Streben nach Selbsterhaltung, nach körperlichem und seelischem Gleichgewicht, das körperliche und seelische Wachstum und das Streben nach Vollendung.

Im Streben nach Selbsterhaltung ist eingeschlossen das Verständnis und die Vermeidung von Gefahren, die Fortpflanzung als evolutionäre Bahn zur Fortdauer eines leiblichen Anteils über den persönlichen Tod hinaus, die Mitarbeit an der Entwicklung der Menschheit, in der der Geist der Mitarbeiter unsterblich ist und die vergesellschaftete Leistung aller Beitragenden zu allen den genannten Zwecken.

Wie der Körper stets bestrebt ist, alle lebenswichtigen Teile gleichzeitig zu erhalten, zu ergänzen, zu ersetzen, zeigt das Wunderwerk der Evolution. Die Blutgerinnung anläßlich von blutenden Wunden, die in weiten Grenzen gewährleistete Erhaltung von Wasser, Zucker, Kalk, Eiweißstoffen, von Blut- und Zellregeneration, das Zusammenwirken der endokrinen Drüsen sind Produkte der Evolution und beweisen die Widerstandskraft des Organismus gegenüber den äußeren Schädlichkeiten. Die Erhaltung und Steigerung dieser Widerstandskraft ist die Folge einer weitgehenden Blutmischung, in der Mängel verkleinert, Vorteile festgehalten und vergrößert werden können. Auch hier hat die Vergesellschaftung der Menschen, die Gemeinschaft, helfend und siegreich durchgegriffen. Die Ausschaltung des Inzests war demnach kaum mehr als eine Selbstverständlichkeit im Streben nach Gemeinschaft.

Das seelische Gleichgewicht ist fortdauernd bedroht. Im Streben nach Vollendung ist der Mensch immer seelisch bewegt und fühlt seine Unausgeglichenheit gegenüber dem Ziele der Vollkommenheit. Einzig das Gefühl, eine zureichende Stelle im Streben nach aufwärts erreicht zu haben, vermag ihm das Gefühl der Ruhe, des Wertes, des Glückes zu geben. Im nächsten Augenblick zieht ihn sein Ziel wieder hinan. In diesem Augenblick wird es klar, daß *Menschsein heißt, ein Minderwertigkeitsgefühl zu besitzen, das ständig nach seiner Überwindung drängt.* Die Richtung der gesuchten Überwindung ist ebenso tausendfach verschieden wie das Ziel der gesuchten Vollkommenheit. Je größer das Minderwertigkeitsgefühl ist und erlebt wird, um so heftiger der Drang zur Überwindung, um so stärker die Bewegung der Gefühle. Der Ansturm der Gefühle aber, die Emotionen und Affekte bleiben nicht ohne Wirkung auf das körperliche Gleichgewicht. Der Körper gerät auf den Wegen des vegetativen Nervensystems, des Nervus Vagus, der endokrinen Veränderungen in Bewegungen, die sich in Änderungen der Blutzirkulation, der Sekretionen, des Muskeltonus und fast aller Organe äußern können. Als vorübergehende Erscheinungen sind diese Veränderungen natürlich, zeigen sich nur verschieden in ihrer Ausgestaltung je nach dem Lebensstil des Befallenen. Dauern sie an, so spricht man von funktionellen Organneurosen, die, wie die Psychoneurosen, ihre Entstehung einem Lebensstil verdanken, der eine Neigung zeigt, im Falle eines Versagens, bei stärkerem Minderwertigkeitgefühl, einen Rückzug vom vorliegenden Problem anzutreten und diesen Rückzug durch Festhaltung der entstandenen Schocksymptome körperlicher oder seelischer Art zu sichern. So wirkt sich der seelische Prozeß auf den Körper aus. Aber auch <!-- S. 340 --> im Seelischen selbst, indem er dort Anlaß gibt zu allen seelischen Fehlschlägen, zu Handlungen und Unterlassungen, die den Forderungen der Gemeinschaft feindlich sind.

Desgleichen wirkt sich der körperliche Bestand auf den Seelenprozeß aus. Der Lebensstil wird nach unseren Erfahrungen in der frühesten Kindheit ausgestaltet. Der angeborene körperliche Bestand hat dabei den größten Einfluß. Das Kind erlebt in seinen anfänglichen Bewegungen und Leistungen die Validität seiner körperlichen Organe. Erlebt sie, hat aber noch lange keine Worte, noch Begriffe dafür. Da auch das Entgegenkommen der Umgebung durchaus verschieden ist, bleibt dauernd unbekannt, was das Kind etwa von seiner Leistungsfähigkeit verspürt. Mit großer Vorsicht und im Besitz einer statistischen Wahrscheinlichkeitserfahrung ist der Schluß gestattet, aus unserer Kenntnis der Minderwertigkeit von Organen, des Verdauungsapparates, der Blutzirkulation, der Atmungsorgane, der Sekretionsorgane, der endokrinen Drüsen, der Sinnesorgane zu folgern, daß das Kind seine Überbürdung zu Beginn seines Lebens erlebt. Wie es aber damit fertig zu werden trachtet, kann man nicht anders als aus seinen Bewegungen und Versuchen ersehen. Denn hier ist jede kausale Betrachtung vergebens. Hier wirkt sich die schöpferische Kraft des Kindes aus. Aus Versuch und Irrtum, gleichzeitig aber strebend im unausrechenbaren Raum seiner Möglichkeiten ergibt sich dem Kinde ein Training und ein genereller Weg zu einem Ziel der Vollkommenheit, das ihm Erfüllung zu bieten scheint. Ob aktiv strebend oder in Passivität verharrend, ob herrschend oder dienend, ob kontaktfähig oder egoistisch, mutig oder feig, der Rhythmus, das Temperament, ob leicht bewegbar oder stumpf, — das Kind entscheidet im vermeintlichen Einklang mit seiner Umgebung, die es in seinem Sinne auffaßt und beantwortet, für sein ganzes Leben und entwickelt sein Bewegungsgesetz. Und alle die Richtungen nach einem Ziel der Überwindung sind für jedes Individuum anders und in tausend Nuancen verschieden, so daß uns die Worte fehlen in jedem Falle mehr als das Typische zu benennen, und daß wir gezwungen sind, zu weitläufigen Beschreibungen unsere Zuflucht zu nehmen.

Wohin sein Weg geht, kann das Individuum selbst ohne individualpsychologische Einsicht kaum je deutlich sagen. Oft sagt es das Gegenteil. Erst das erkannte Bewegungsgesetz gibt uns Aufschluß. Dabei stoßen wir auf den Sinn, auf die Meinung der Ausdrucksbewegungen, die Worte, Gedanken, Gefühle und Handlungen sein können. Wie sehr aber auch der Körper unter diesem Bewegungsgesetz steht, verrät der Sinn seiner Funktionen, eine Sprache, meist ausdrucksvoller, die Meinung deutlicher aufzeigend als Worte es vermögen, aber immerhin eine Sprache des Körpers, die ich Organdialekt genannt habe. Ein Kind zum Beispiel, das sich fügsam benimmt, aber des Nachts das Bett näßt, gibt dadurch deutlich seine Meinung kund, sich der angeordneten Kultur nicht fügen zu wollen. Ein Mann, der mutig zu sein vorgibt, vielleicht sogar an seinen Mut glaubt, zeigt doch durch sein Zittern und Herzklopfen, daß er aus dem Gleichgewicht gekommen ist.

Eine 32 jährige verheiratete Frau klagt über linksseitigen, heftigen Schmerz <!-- S. 341 --> um das linke Auge herum und über Doppelsehen, das sie zwingt, das linke Auge verschlossen zu halten. Solche Anfälle hatte die Patientin seit elf Jahren: den ersten, als sie sich mit ihrem Manne verlobte. Der diesmalige Anfall kam vor sieben Monaten, die Schmerzen blieben zeitweilig aus, doch das Doppelsehen blieb konstant. Sie führt diesen letzten Anfall auf ein kaltes Bad zurück und glaubt die Erfahrung gemacht zu haben, daß Zugluft auch sonst die Anfälle hervorgerufen habe. Ein jüngerer Bruder leidet an ähnlichen Anfällen mit Doppelsehen, die Mutter an den Folgen einer Kopfgrippe. Die Schmerzen konnten in früheren Fällen angeblich auch um das rechte Auge herum auftreten oder wechselten von einer Seite auf die andere.

Vor ihrer Ehe unterrichtete sie Violinspielen, trat auch in Konzerten auf und liebte ihren Beruf, den sie seit ihrer Ehe aufgegeben hatte. Sie lebt derzeit, wie sie meint, um näher beim Arzte zu sein, in der Familie ihres Schwagers und fühlt sich da glücklich.

Sie schildert ihre Familie, besonders den Vater, sich selbst und mehrere Geschwister als aufbrausend und jähzornig. Fügen wir noch hinzu, was bei Befragen bestätigt wird, daß sie herrschsüchtig sind, so haben wir es mit jenem Typus zu tun, den ich als zu Kopfschmerz, Migräne, nervöser Trigeminusneuralgie und zu epileptiformen Anfällen geneigt beschrieben habe (s. besonders in „Praxis und Theorie der Individualpsychologie“, 4. Aufl. Verlag J. F. Bergmann, München).

Patientin klagt auch über Harndrang, der stets auftritt, sobald sie in nervöser Anspannung ist, anläßlich von Besuchen, Zusammentreffen mit fremden Personen usw.

Ich habe in meiner Arbeit über die psychische Wurzel der Trigeminusneuralgie darauf hingewiesen, daß man bei nicht organisch fundierten Fällen immer eine erhöhte emotionelle Spannung findet, die sich leicht in allerlei nervösen Symptomen äußert, wie sie auch oben festgestellt sind, und die auf dem Wege der vasomotorischen Erregung sowie der Erregung des Sympathico-Adrenalinsystems an Prädilektionsstellen mit großer Wahrscheinlichkeit durch Veränderung der Blutgefäße und der Blutzufuhr Symptome wie Schmerz, aber auch Lähmungserscheinungen hervorrufen kann. Ich habe damals auch die Vermutung geäußert, daß Asymmetrien des Schädels, der Gesichtshälften, der Kopfvenen und -arterien verräterische Zeichen dafür sind, daß auch innerhalb der Schädeldecke, in den Hirnhäuten und wohl auch im Gehirn solche Asymmetrien sich finden dürften, die wahrscheinlich den Verlauf und das Kaliber der dortigen Venen und Arterien, vielleicht auch die begleitenden und naheliegenden Nervenfasern und Zellen auf einer der beiden Hälften in schwächerer Ausbildung zeigen könnten. Besonderes Augenmerk wäre dann dem Verlauf der Nervenkanäle zu schenken, die, sicher ebenfalls asymmetrisch, sich bei Erweiterung der Venen und Arterien auf einer Seite als zu eng erweisen könnten. Daß bei Emotionen, besonders bei Ärger, aber auch bei Freude, Angst und Kummer die Füllung der Gefäße sich verändert, kann man an der Gesichtsfarbe, und im Ärger, an den hervortretenden Venen des Schädels sehen. Es liegt nahe, solche Veränderungen auch in den tiefer liegenden <!-- S. 342 --> Schichten anzunehmen. Es bedarf wohl noch vieler Untersuchungen, um alle die Komplikationen aufzuklären, die dabei im Spiele sind.

Gelingt es uns aber, auch in diesem Falle, nicht nur die durch den herrschsüchtigen Lebensstil bereitgestellte Zornmütigkeit zu erweisen, sondern auch das exogene Moment vor dem Anfall, der unter den bisherigen der stärkste war, können wir die dauernde seelische Spannung feststellen seit frühester Kindheit, den Minderwertigkeitskomplex und den Überlegenheitskomplex, den Mangel an Interesse für andere, Eigenliebe sowohl in ihrem jetzigen Leben als auch in Erinnerungen und aus Träumen, haben wir auch noch dazu Erfolg mit der individualpsychologischen Behandlung, etwa gar einen Dauerfolg, so ist dadurch ein weiterer Beweis geliefert, daß Erkrankungen, wie nervöser Kopfschmerz, Migräne, Trigeminusneuralgie und epileptiforme Anfälle, soferne keine organischen Erkrankungen nachzuweisen sind, durch eine Veränderung des Lebensstils, durch Herabsetzung der seelischen Spannung, durch Erweiterung des Gemeinschaftsgefühles möglicherweise einer dauernden Heilung zuzuführen sind.

Der Harndrang bei Besuchsgelegenheiten gibt uns schon ein Bild einer allzu leicht aufgeregten Person, wobei die Ursache des Harndranges, wie beim Stottern und anderen nervösen Störungen und Charakterzügen, wie auch beim Lampenfieber exogen ist, in der Begegnung mit anderen Personen liegt. Dabei ist auch das erhöhte Minderwertigkeitsgefühl zu sehen. Wer individualpsychologische Einsicht besitzt, wird dabei auch leicht die Abhängigkeit vom Urteil der anderen, demnach das erhöhte Streben nach Anerkennung, nach persönlicher Überlegenheit wahrnehmen. Die Patientin selbst erklärt, an anderen kein besonderes Interesse zu haben. Sie behauptet nicht ängstlich zu sein, auch ohne Anstrengung mit anderen sprechen zu können, geht aber im Vielreden weit über das gewöhnliche Maß hinaus und läßt mich kaum zu Worte kommen, was ein sicheres Zeichen ihrer Neigung zu krampfhafter Selbstdarstellung ist. In ihrer Ehe ist sie wohl die regierende Person, scheitert aber an der Indolenz und an dem Ruhebedürfnis ihres Gatten, der angestrengt arbeitet und spät am Abend müde nach Hause kommt, nicht geneigt, mit seiner Frau auszugehen oder mit ihr Unterhaltungen aufzusuchen. Wenn sie vorspielen sollte, litt sie an starkem Lampenfieber. Die von mir als bedeutsam empfohlene Frage, was sie tun würde, wenn sie gesund wäre — eine Frage, deren Beantwortung deutlich zeigt, wovor die Patienten zurückschrecken —, beantwortet die Patientin ausweichend mit dem Hinweis auf die dauernden Kopfschmerzen. An der linken Augenbraue befindet sich eine tiefsitzende Narbe nach einer Operation der Ethmoidhöhle, eine Operation, auf die sehr bald wieder der Migräneanfall folgte. Daß ihr Kälte in jeder Form schadet und Anfälle hervorrufen kann, behauptet die Patientin steif und fest. Nichtsdestoweniger ging sie vor dem letzten Anfall in ein kaltes Bad, das, wie sie meint, den Anfall prompt auslöste. Die Anfälle sind nicht durch eine Aura eingeleitet. Übelkeiten im Beginne des Anfalles treten gelegentlich auf, nicht immer. Sie ist von verschiedenen Ärzten gründlich untersucht worden, ohne daß eine organische Veränderung gefunden worden wäre. Röntgenuntersuchung des <!-- S. 343 --> Schädels, Blut- und Harnuntersuchungen waren negativ. Uterusbefund: infantil, Anteversio und Anteflexio. Ich habe in meiner „Studie über Minderwertigkeit von Organen“ darauf hingewiesen, nicht nur, daß man häufig Organminderwertigkeiten bei Neurotikern findet, wofür die Ergebnisse der *Kretschmerschen* Untersuchungen eine gute Bestätigung abgeben, sondern auch, daß man bei Organminderwertigkeiten stets auch Minderwertigkeiten der Sexualorgane zu erwarten hat, was durch *Kyrle*, der leider zu früh verstorben ist, bestätigt wurde. Hier ist ein solches Beispiel!

Es stellte sich heraus, daß Patientin seit jeher, seit sie die Geburt eines jüngeren Geschwisters unter größtem Schrecken erlebt hatte, vor dem Gebären eine wahnsinnige Angst hatte. Dies bestätigt meine Warnungen, Kindern sexuelle Fakten zu früh nahezulegen, solange man nicht sicher ist, daß sie sie richtig verstehen und verdauen können. Als sie elf Jahre alt war, beschuldigte sie ihr Vater mit Unrecht, daß sie sexuellen Umgang mit einem Nachbarsohn gehabt hätte. Auch dieses mit Schreck und Angst verknüpfte Nahebringen der Sexualbeziehung verstärkte ihren Protest gegen die Liebe, die sich während ihrer Ehe als Frigidität darstellte. Vor Eingehen ihrer Ehe verlangte sie die bindende Erklärung von ihrem Bräutigam, daß er auf Kinder dauernd verzichten müsse. Ihre Migräneanfälle und die dauernd festgehaltene Furcht vor solchen setzen sie leicht in die Lage, den ehelichen Verkehr auf ein Minimum zu reduzieren. Wie man oft bei sehr ehrgeizigen Mädchen findet, gestalten sich ihre Liebesbeziehungen irgendwie schwierig, weil sie diese in einem schweren Minderwertigkeitsgefühl, dem unsere kulturelle Zurückgebliebenheit Vorschub leistet, mißverständlich als Zurücksetzung der Frau erlebte.

Das Minderwertigkeitsgefühl und der Minderwertigkeitskomplex, diese fundamentale Anschauung der Individualpsychologie, einst als das rote Tuch von den Psychoanalytikern betrachtet, ebenso wie der männliche Protest, sind heute von *Freud* vollkommen aufgenommen und nur ganz schwächlich in sein System eingezwängt worden. Was aber bis heute von dieser Schule noch nicht verstanden ist, ist die Tatsache, daß ein solches Mädchen unter fortwährenden protestierenden Emotionen steht, die den Körper und die Seele vibrieren machen und sich jedesmal nur im Falle eines exogenen Faktors, im Falle einer Prüfung auf das vorhandene Gemeinschaftsgefühl als akute Symptome äußern.

In diesem Falle sind die symptomatischen Äußerungen Migräne und Harndrang. Als Dauersymptom besteht seit ihrer Ehe Furcht vor Kindersegen und Frigidität. Ich glaube, ein gutes Stück zur Erklärung der Migräne bei dieser herrschsüchtigen und jähzornigen Person — und es scheint, daß nur solche Personen unter Hinzukommen der oben beschriebenen Asymmetrie an Migräne und ähnlichen Schmerzen erkranken könnten — beigebracht zu haben, habe aber noch jenen exogenen Faktor nachzuweisen, der den letzten, so außerordentlich schweren Anfall erzeugt hat. Ich kann nicht ganz leugnen, daß in diesem Falle das kalte Bad den Anfall ausgelöst hat, bin aber stutzig darüber, daß die Patientin, die so genau und so lange schon über den Schaden der Kälte <!-- S. 344 --> Bescheid weiß, vor sieben Monaten ohne weiteres bereit war, ins kalte Wasser zu steigen, wie sie sagt, ohne an die Gefahr zu denken. Sollte damals ihre Zornwelle gestiegen sein? Kam ihr damals vielleicht ein Anfall gelegen? Hatte sie einen Gegenspieler, wie etwa den ihr in Liebe ergebenen Gatten, den sie damit treffen wollte, und ging sie ins kalte Wasser etwa wie einer, der Selbstmord aus Rache, zur Bestrafung einer anhänglichen Person begehen will? Wütet sie noch immer gegen sich, weil sie gegen einen anderen wütet? Vertieft sie sich in die Lektüre über Migräne, geht sie zu Ärzten und erfüllte sie sich mit der Überzeugung, nie gesund werden zu können, um die Lösung ihrer Lebensprobleme, vor denen sie sich aus mangelhaftem Gemeinschaftsgefühl fürchtet, hinauszuschieben?

Sie schätzt wohl ihren Gatten, ist aber von Liebe weit entfernt, hat auch niemals wirklich geliebt. Auf die Frage, die wiederholt an sie gestellt war, was sie täte, wenn sie dauernd geheilt wäre, antwortet sie endlich, sie würde aus der Provinz in die Großstadt gehen, dort Violinunterricht geben und in einem Orchester mitspielen. Wer die individualpsychologische Kunst des Erratens erworben hat, wird unschwer heraushören, daß dies die Trennung von ihrem Gatten bedeuten würde, der an den Provinzort gebunden ist. Bestätigung siehe oben: wie wohl sie sich im Hause der Schwägerin fühlt, sowie die Vorwürfe gegen den Gatten. Da der Gatte sie sehr verehrt, ihr auch die unvergleichlich beste Gelegenheit gibt, ihrer Herrschsucht die Zügel schießen zu lassen, so ist es natürlich sehr schwer für sie, sich von ihm zu trennen. Ich würde davor warnen, ihr den Weg der Trennung durch Rat und gute Worte zu erleichtern. Ich muß besonders davor warnen, in einem solchen oder ähnlichen Falle einen Liebhaber zu empfehlen. Solche Patienten wissen wohl, was Liebe ist, verstehen es aber nicht, und würden sich nur schwere Enttäuschungen holen, die Verantwortung für alles aber dem Arzt aufladen, wenn sie seinem Rat folgen. Die Aufgabe in diesem Falle besteht darin, diese Frau für ihre Ehe tauglicher zu machen. Zuvor aber müssen die Irrtümer in ihrem Lebensstil hinweggeräumt werden.

Feststellung nach genauer Untersuchung: Die linke Gesichtshälfte ist etwas kleiner als die rechte. Deshalb ist die Nasenspitze etwas nach links gerichtet. Das linke, derzeit erkrankte Auge zeigt eine engere Augenspalte als das rechte. Warum Patientin auch gelegentlich auf der rechten Seite das Symptom zeigt, vermag ich derzeit nicht zu erklären. Vielleicht irrt sich die Patientin in dieser Angabe.

Ein Traum: „Ich war mit einer Schwägerin und einer älteren Schwester im Theater. Ich sagte ihnen, sie sollten ein bißchen warten, ich werde mich ihnen auf der Bühne zeigen.“ Erklärung: Sie sucht sich immer vor ihren Verwandten hervorzutun. Möchte auch in einem Theaterorchester spielen. Glaubt von ihren Verwandten nicht genug geschätzt zu werden. Auch die von mir begründete Organminderwertigkeitslehre mit seelischer Kompensation, ein Befund, der wie einmal festgestellt werden soll, den Ergebnissen *Kretschmers* und *Jaensch* zugrunde liegt, kommt zu ihrem Recht. Es ist kaum zu bezweifeln, daß im Sehapparat dieser Frau etwas nicht richtig sitzt. Auch bei ihrem an <!-- S. 345 --> der gleichen Krankheit leidenden Bruder nicht. Ob es mehr ist als Gefäßanomalien oder Weganomalien, kann ich nicht entscheiden. Der Visus soll normal sein, ebenso der Grundumsatz. Die Schilddrüse ist äußerlich nicht verändert. Der Traum vom Theater und vom Sich-Zeigen auf der Bühne sprechen deutlich für einen visuellen, auf die äußere Erscheinung bedachten Menschentypus. Ihre Ehe, ihr Wohnort in der Provinz hindern sie, sich zu zeigen. Das gleiche Hindernis wäre Gravidität und ein Kind.

Die vollständige Heilung vollzog sich innerhalb eines Monats. Vorher kam die Erklärung des exogenen Faktors, der zur letzten Attacke geführt hatte. Sie fand in der Rocktasche ihres Mannes den Brief eines Mädchens, der nur einen kurzen Gruß enthielt. Ihr Mann konnte ihren Argwohn zerstreuen. Nichtsdestoweniger verblieb sie in argwöhnischer Stimmung und nährte die bisher nie gefühlte Eifersucht, überwachte auch ihren Mann seit dieser Zeit. In diese Periode fiel ihr kaltes Bad und der Beginn ihres Anfalls. Einer der letzten Träume, schon nach der Feststellung ihrer Eifersucht und ihrer verletzten Eitelkeit geträumt, zeigt noch das Festhalten an ihrem Verdacht und zielt auf Vorsicht und Mißtrauen dem Gatten gegenüber. Sie sah, wie eine Katze einen Fisch fing und mit ihm davonlief. Eine Frau lief hinterdrein, um der Katze den Fisch abzujagen. Die Erklärung ergibt sich, ohne daß man viel Wesens machen müßte. Sie sucht sich in metaphorischer Sprache, in der alles stärker klingt, für einen ähnlichen Raub ihres Gatten scharf zu machen. Eine Auseinandersetzung ergibt, daß sie nie eifersüchtig gewesen sei, da ihr Stolz ihr diese Unart verboten hatte, daß sie aber seit der Auffindung jenes Briefes die Möglichkeit einer Untreue ihres Mannes in Betracht gezogen habe. Indem sie damit rechnete, steigerte sich ihre Wut — gegen die vermeintliche Abhängigkeit der Frau vom Manne. Ihr kaltes Bad war demnach wirklich die Rache ihres Lebensstils gegenüber der nun, wie sie glaubte, sichergestellten Abhängigkeit ihres Wertes von ihrem Manne und gegenüber seiner mangelhaften Anerkennung ihres Wertes. Hätte sie ihren Migräneanfall nicht, die Folge ihres Schocks, so müßte sie sich wertlos vorkommen. Dies aber wäre das Schrecklichste von allem.

<!-- Fin del artículo (S. 345, filete de cierre). Sigue en la revista: Heinz Jacoby, «Bemerkungen über biologistische Tendenzen» (S. 345). -->

[^1]: S. *Smuts*: Holism and Evolution. London, McMillan Co.

[^2]: S. *Adler*: in „Heilen u. Bilden“. III. Aufl. Bergmann, München.

[^3]: S. *Cannon*: The wisdom of the body. Norton and Co., New York.

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*Fuente:* Alfred Adler, «Zum Leib-Seele-Problem», *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 11 (1933), S. 337-345. Transcripción a partir del volumen anual completo de 1933 (reimpresión Swets & Zeitlinger, Ámsterdam, 1968) digitalizado en archive.org (PDF, págs. 343-351): capa de texto OCR cotejada con la imagen de cada página. Las cursivas reproducen las del original. Las comillas, impresas como ,,…“, se normalizan a „…“, y se suprime el espacio que el impreso pone ante «?» y «!». Las notas del autor, numeradas por página en el impreso (una en la S. 337, dos en la S. 338), se numeran aquí de forma correlativa y van al final. Se respetan las particularidades del impreso, como «gegeblieben» (S. 337, por «geblieben»), «Minderwertigkeitgefühl» (S. 339), «Kretschmers und Jaensch» (S. 344) y el título en minúsculas «The wisdom of the body» de la nota 3. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
