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Title: Was kann die Individualpsychologie zur mathematischen „Begabung“ sagen?
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 11 (1933), H. 1, S. 42-43.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1933%20Was%20kann%20die%20Individualpsychologie%20zur%20mathematischen%20Begabung%20sagen
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<!-- Precede en la revista, a modo de ocasión de esta nota: Walter Vogt, «Zur Frage der mathematischen Begabung», y E. Beke, «Über mathematische Begabung», en las páginas anteriores del mismo cuaderno. -->

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# Was kann die Individualpsychologie zur mathematischen „Begabung“ sagen?

Bemerkungen zu den Beiträgen von Oberstudiendirektor *Walter Vogt* und Univ.-Prof. Dr. *E. Beke*

Von Dr. Alfred Adler

Die beiden hervorragenden Mathematiker mit ihrer großen Erfahrung im Unterricht entheben uns wohl der Aufgabe mit jenen zu rechnen, die alle Leistungen in der Mathematik auf eine angeborene Begabung zurückführen wollen. Auch dort, wo etwa eine frühe mathematische Leistungsfähigkeit hervortritt, ist der Einfluß von außen, noch mehr aber das „frühe Aufstehen zur Mathematik“ nicht zu verkennen.

Aus der Fülle meiner eigenen Beobachtungen auf diesem Gebiete kann ich immer nur zu dem Schlusse kommen, der sich auch in den obigen Ausführungen findet: was die Schulleistungen anlangt, so darf man von jedem nicht schwachsinnigen Kinde erwarten, daß es durchschnittlich gute Leistungen zustande bringt. Viel hängt von seiner Vorbereitung vor der Schulzeit ab, wenngleich es schwer ist zu sagen, wo da das Training steckt. Ob es alle wissen, wie man zum Boxen trainiert, ist mir ziemlich zweifelhaft.

Viel hängt vom Lehrer und seiner Methode ab. Glaubt er selbst an eine ursprüngliche Begabung, dann wird er die scheinbar Minderbegabten wohl schlecht klassifizieren, aber die Mühe bald verloren geben. In Mädchenschulen ist es ein häufiges Vorkommnis, daß die Mädchen selbst oder ihr Lehrer auf den Gedanken kommen, Mädchen seien für Mathematik nicht begabt. Was Wunder, daß viele von ihnen sich in ihr „Schicksal“ fügen und in der Mathematik eine ihre Kräfte übersteigende Aufgabe erblicken. Daß auch Knaben durch diesen Unfug mit dem Begabungswahn um jede Initiative gebracht werden können, habe ich selbst an mir und an vielen andern erlebt, die anfangs zu den schlechtesten, später zu den besten Mathematikern gehörten — letzteres als sie aufhörten an die Begabung zu glauben und ihr Schicksal in die eigenen Hände nahmen. Gibt es in der Familie eine Mutter oder einen Vater, die auch schlechte Rechner sind, dann ist es für das Kind im Falle schlechten Erfolges eine unschätzbare Erleichterung sich auf die Vererbung zu berufen.

Gelegentlich aber sieht man auch schlechte mathematische Erfolge bei Kindern, deren Bruder oder Schwester recht gute Erfolge haben. Besonders wenn dann diese guten Erfolge dem schlechten Rechner immer vor die Nase gehalten werden, geschieht es häufig, daß letzteres Kind das Rennen ganz <!-- S. 43 --> aufgibt. Ich habe oft schnelle Erfolge erzielt, wenn ich die obigen Irrtümer aufklären konnte.

Oberstudiendirektor *Vogt* berührt einen Punkt, den auch ich immer für wesentlich gehalten habe, wenngleich auf anderer Ebene. Das Erleben in vielen Hinsichten in Zahlen und geometrischen Bildern einfangen zu können gewährt unstreitig einen hohen Grad von Sicherheit dem Leben gegenüber. Die Pflege und das Verständnis für Mathematik sowie ihre Anwendung auf das Leben ist vielleicht eine noch größere Befriedigung des Strebens nach Sicherheit als die Kunst, das gesprochene Wort in der Schrift auszudrücken. Diese Vorteile aber bieten sich nur *dem* Kinde leicht dar, das selbständig nach Sicherheit strebt. Ist sein Lebensstil aber ein derartiger, daß es immer diese Sicherheit von anderen erwartet, oder, wie in selteneren Fällen, diese Sicherheit ohne eigene Anstrengung als gegeben empfindet, dann wird es für die Mathematik schlecht vorbereitet sein. Für solche Kinder — wie leicht zu ersehen, handelt es sich um verwöhnte Kinder — kann jeder andere Stoff leichter erscheinen als die Mathematik. Im Lesen, im Schreiben, im Zeichnen, im Auswendiglernen, in der Geographie, im Turnen, in der Naturgeschichte, Geschichte und im Aufsatz gibt es genügend Stützpunkte für ein solches Kind. In der Mathematik ist es ohne Halt, ganz auf sich und auf seine eigene Initiative angewiesen. Der größte Teil der schlechten Mathematiker stammt aus der Reihe der verwöhnten Kinder. Findet man unter ihnen einen guten Rechner, dann ist es die „mathematische Familientradition“, die da mitgeholfen hat, oder der Lehrer, der den rechten Weg der Ermutigung gefunden hat, oder ein anfänglich günstiger Erfolg des Kindes, der als Ansporn weiter wirkt.

Was Zahlen einem Menschen bedeuten können, und was sie den andern nicht bedeuten, konnte ich im Falle des hervorragenden „mathematischen Genies“ Dr. *Finkelstein* feststellen. Für ihn *leben* die Ziffern und Zahlen. Manche von letzteren liebt er, manche sind ihm widerwärtig. Er verbindet Zahlen mit geschichtlichen und biographischen Daten, deren er eine Unmenge stets im Kopfe hat. Er zerteilt größere Zahlen blitzschnell in mehr oder weniger kongruente Gebilde, gleicht sie aneinander oder sieht sie in einem genauen Gegensatz. Für ihn hat die Zahl einen bestimmten Sinn, der ihm sofort aufgeht. Er dürfte eine Zahl, die man ihm einmal vor Monaten vorgelegt hat, sicher nach Monaten wieder als alte Bekannte begrüßen.

Daß zu solcher Fähigkeit eine stark geübte visuelle Sinnesfähigkeit gehört, dürfte als richtig angenommen werden. Daß es auch in dieser Hinsicht auf Übung und nicht auf angeborenes Talent ankommt, geht aus der wertvollen Feststellung *Tilneys* hervor, der gezeigt hat, daß selbst die hervorragenden Leistungen des Tastsinnes bei *Helen Keller* und *Laura Bridgeman*, die beide blind, taub und stumm zur Welt kamen, nicht auf einer Steigerung der Tastempfindlichkeit beruhen.

Es könnte sein, daß die visuell besser geübten Schüler einen leichteren Start in der Mathematik haben. Aber die anderen von mir angeführten Tatsachen sollten dabei nicht vergessen werden.

<!-- Fin del artículo (S. 43, filete de cierre). Sigue en la revista: Elda Lindenfeld-Lachs, «Kosmetik und Psychologie» (S. 44). -->

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*Fuente:* Alfred Adler, «Was kann die Individualpsychologie zur mathematischen „Begabung“ sagen? Bemerkungen zu den Beiträgen von Oberstudiendirektor Walter Vogt und Univ.-Prof. Dr. E. Beke», *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 11 (1933), cuaderno 1, S. 42-43. Transcripción a partir del volumen anual completo de 1933 (reimpresión Swets & Zeitlinger, Ámsterdam, 1968) digitalizado en archive.org (PDF, págs. 48-49): capa de texto OCR cotejada con la imagen de cada página. Las cursivas reproducen las del original. Las comillas, impresas como ,,…“, se normalizan a „…“. Se corrige «angeführ’en» (S. 43), con la t rota en el impreso. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
