---
Title: Was ist wirklich eine Neurose?
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 11 (1933), S. 177-185.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1933%20Was%20ist%20wirklich%20eine%20Neurose
---


<!-- S. 177 -->

# Was ist wirklich eine Neurose?

Von Prof. Dr. Alfred Adler

Wie immer, wenn in einer Frage Unklarheiten bestehen, gibt es eine Menge von Erklärungen und viel Kampf. So auch in unserem Falle. Neurose ist — Reizbarkeit, reizbare Schwäche, Erkrankung der endokrinen Drüsen. Folge von Zahn-, Naseninfektion, Genitalerkrankung, Schwäche des Nervensystems, Folge einer hormonalen, einer harnsauren Diathese, des Geburtstraumas, des Konflikts mit der Außenwelt, mit der Religion, mit der Ethik, Konflikt zwischen dem bösen Unbewußten und dem kompromißgeneigten Bewußten, der Unterdrückung sexueller, sadistischer, krimineller Triebe, des Lärmes und der Gefahren der Großstadt, einer weichlichen, einer strengen Erziehung, der Familienerziehung überhaupt, gewisser bedingter Reflexe usw.

Vieles aus diesen Anschauungen ist zutreffend gesehen und kann zur Erklärung von mehr oder weniger bedeutsamen Teilerscheinungen der Neurose herangezogen werden. Das Meiste davon findet sich häufiger bei Personen, die nicht an einer Neurose leiden. Das Wenigste davon liegt auf dem Wege zu einer Klärung der Frage: was ist wirklich eine Neurose?

Die ungeheure Häufigkeit dieser Erkrankung, ihre außerordentlich schlimme soziale Auswirkung, die Tatsache, daß nur ein kleiner Teil der Nervösen einer Behandlung unterzogen wird, sein Leiden aber lebenslang als unerhörte Qual mit sich herumträgt, dazu das große, aufgepeitschte Interesse der Laienwelt für diese Frage, rechtfertigt eine kühle, wissenschaftliche Beleuchtung vor einem größeren Forum. Man wird dabei auch ersehen, wieviel medizinisches Wissen zum Verständnis und zur Behandlung dieser Erkrankung nötig ist. Es soll auch der Gesichtspunkt nicht außer acht gelassen werden, daß eine Verhütung der Neurose möglich und erforderlich ist, aber nur bei klarer Erkenntnis der zugrunde liegenden Schäden erwartet werden kann. Die Maßregeln zur Verhütung, Vorbeugung und Erkenntnis der kleinen Anfänge stammen aus dem ärztlichen Wissen. Aber die Mithilfe der Familie, der Lehrer, Erzieher und anderer Hilfspersonen ist dabei unentbehrlich. Dies rechtfertigt eine weite Verbreitung der Kenntnisse über das Wesen und über die Entstehung der Neurose. Ich will beides an einem einfachen Fall demonstrieren. Vielleicht wird es helfen.

Ein 35jähriger Rechtsanwalt klagt über Nervosität, ununterbrochenen Schmerz in der Hinterhauptgegend, allerlei Beschwerden in der Magengegend, Stumpfheit im ganzen Kopf und allgemeine Schwäche und Müdigkeit. Dabei ist er immer in Aufregung und ruhelos. Oft hat er eine Angst das Bewußtsein zu verlieren, wenn er mit fremden Menschen sprechen soll. Zu Hause, <!-- S. 178 --> in der Familie seiner Eltern, fühlt er sich erleichtert, obwohl ihm auch dort die Atmosphäre nicht behagt. Er ist überzeugt, daß er dieser Symptome wegen keinen Erfolg haben kann.

Die klinische Untersuchung ergab ein negatives Resultat bis auf eine Skoliose, die bei Verlust des Muskeltonus infolge der Depression zur Erklärung des Hinterhauptschmerzes und der Rückenschmerzen herangezogen werden kann. Die Müdigkeit kann ohne weiteres seiner Ruhelosigkeit zugeschrieben werden, ist aber sicher auch wie das stumpfe Gefühl im Kopfe als eine Teilerscheinung der Depressionen zu verstehen. Die Beschwerden in der Magengegend sind aus der allgemeinen Diagnostik, die wir hier anwenden, schwerer zu verstehen, könnten als Nervenirritation infolge der Skoliose entstanden sein, aber auch der Ausdruck einer Prädilektion sein, die Antwort eines minderwertigen Organs auf eine seelische Irritation. Für letzteres spricht die Häufigkeit von Magenstörungen in der Kindheit und eine ähnliche Klage des Vaters, ebenfalls ohne organischen Befund. Patient weiß auch, daß gelegentliche Aufregungen immer mit Verschlechterung seines Appetits, gelegentlich mit Erbrechen begleitet waren.

Eine, vielleicht als Kleinigkeit angesehene, Klage läßt uns den Lebensstil des Patienten etwas genauer erkennen. Die Ruhelosigkeit des Patienten spricht deutlich dafür, daß er den Kampf um „seinen Erfolg“ nicht ganz aufgegeben hat. Für die gleiche Schlußfolgerung, wenn auch in eingeschränkterem Maße, spricht seine Mitteilung, daß er sich auch zu Hause nicht wohl fühlt. In eingeschränkterem Maße deshalb, weil ihn seine Angst fremde Menschen zu treffen, also ins Leben hinauszutreten, auch zu Hause nicht verlassen kann. Die Furcht, das Bewußtsein zu verlieren, aber läßt uns einen Blick in die Werkstätte seiner Neurose tun: er sagt es, weiß es aber nicht, wie er seine Aufregung, wenn er Fremde sehen muß, durch einen vorgefaßten Gedanken, bewußtlos zu werden, künstlich steigert. Es sind zwei Gründe namhaft zu machen, warum der Patient es nicht weiß, daß er seine Aufregung künstlich, *als ob* in einer Absicht, bis zu einer Konfusion steigert. Der eine Grund liegt auf der Hand, wenngleich nicht allgemein verstanden: der Patient blickt gleichsam wie schielend nur auf seine Symptome und nicht auf den Zusammenhang mit seiner Gangart. Der andere Grund ist: daß der unerbittliche Rückzug, die „Avance nach rückwärts“, wie ich es vor langer Zeit als wichtigstes neurotisches Symptom beschrieben habe (in „Über den nervösen Charakter“ 4. Aufl. J. F. Bergmann, München), in unserem Falle verbunden mit schwachen Versuchen sich aufzuraffen, nicht unterbrochen werden darf. Die Erregung, in die der Patient gerät — was freilich auch bewiesen werden muß, denn bisher ist es nur unter Zuhilfenahme der allgemeinen Diagnostik, der individualpsychologischen Erfahrung und mittelst medizinisch-psychologischer Intuition erraten — wenn er mit den drei Lebensfragen Gemeinschaft, Beruf, Liebe zusammenstößt, für die er offensichtlich nicht vorbereitet ist, ergreift ja nicht nur den Körper, um dort funktionelle Veränderungen hervorzurufen, sondern auch die Psyche. Es kommt infolge der mangelhaften Vorbereitung dieser Persönlichkeit zu funktionellen Störungen in Körper und Seele. Der Patient, <!-- S. 179 --> vielleicht von früher her schon durch kleinere Fehlschläge belehrt, schreckt vor dem „exogenen“ Faktor zurück, fühlt sich nun dauernd von einer Niederlage bedroht, um so mehr, wenn er als verwöhntes Kind (ein neuer Beweis, den wir in der Folge zu führen haben werden) sein selbst aufgebautes Ziel einer persönlichen Überlegenheit ohne Interesse für die anderen mehr und mehr als unerreichbar findet. In dieser Stimmungslage von erhöhten Emotionen, die immer der Angst vor einer endgültigen Niederlage entspringen, wenngleich Angst im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht immer deutlich hervortreten muß, entstehen ja nach der körperlichen, meist angeborenen, und nach der seelischen, immer erworbenen Konstitution, immer miteinander vermengt und sich gegenseitig beeinflussend, jene Symptome, die wir in der Neurose und Psychose finden.

Ist dies aber schon die Neurose? Die Individualpsychologie hat wahrlich viel getan, die Tatsache aufzuklären, daß man zur Lösung der Lebensaufgaben schlecht oder gut vorbereitet sein kann, und daß dazwischen viele tausend Varianten zu finden sind. Viel auch, um verstehen zu lassen, daß die gefühlte Unfähigkeit zur Lösung Körper und Seele anläßlich des exogenen Faktors tausendfältig vibrieren macht. Sie hat auch gezeigt, daß die mangelnde Vorbereitung aus der frühesten Kindheit stammt und sich weder durch Erlebnisse noch durch Emotionen, sondern nur durch Erkenntnis bessern läßt. Und sie hat als den *integrierendsten* Faktor im Lebensstil das Gemeinschaftsgefühl entdeckt, das zur Lösung aller Lebensfragen in ausschlaggebender Weise vorhanden sein muß. Die körperlichen und seelischen Erscheinungen, die das Gefühl des Versagens begleiten und charakterisieren, habe ich als Minderwertigkeitskomplex beschrieben. Freilich sind die Schockerscheinungen im Falle des Minderwertigkeitskomplexes bei schlechter vorbereiteten Individuen größer als bei besser vorbereiteten, bei mutigeren Menschen geringer als bei entmutigten und stets Hilfe von auswärts suchenden. Konflikte, die ihn mehr oder weniger erschüttern, hat jedermann. Körperlich und seelisch fühlt sie jedermann. Unsere Körperlichkeit, die äußeren sozialen Verhältnisse ersparen keinem das Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber der Außenwelt. Hereditäre Organminderwertigkeiten sind allzuhäufig, als daß sie nicht getroffen würden durch die harten Anforderungen des Lebens. Die Umweltsfaktoren, die auf das Kind einwirken, sind nicht von der Art, ihm den Aufbau eines „richtigen“ Lebensstiles leicht zu ermöglichen. Verwöhnung, vermeintliche oder wirkliche Vernachlässigung, besonders erstere, verleiten das Kind allzuoft sich in Widerspruch zum Gemeinschaftsgefühl zu setzen. Dazu kommt, noch, daß das Kind sein Bewegungsgesetz zumeist ohne richtige Anleitung findet, nach dem trügerischen Gesetz von Versuch und Irrtum, in eigener nur durch die menschlichen Grenzen eingeengter Willkür, immer aber auch einem Ziel der Überlegenheit in millionenfachen Varianten zustrebend. Die schöpferische Kraft des Kindes benützt, „gebraucht“ alle Eindrücke und Empfindungen als Impulse zu einer endgültigen Stellungnahme, zur Entwicklung seines individuellen Bewegungsgesetzes. Man hat diese von der Individualpsychologie hervorgehobene Tatsache später als „Einstellung“ <!-- S. 180 --> oder als „Gestalt“ bezeichnet, ohne dem Ganzen des Individuums und seiner Verbundenheit mit den drei großen Fragen des Lebens gerecht zu werden, auch ohne die Leistung der Individualpsychologie dabei anzuerkennen. Ist nun der Konflikt eines „schlimmen“ Kindes, eines Selbstmörders, eines Verbrechers, eines erzreaktionären Menschen, eines sinnlos ultraradikalen Kämpfers, eines saumselig dahinlebenden, durch die Not, die ihn umgibt, in seiner Behaglichkeit gestörten Prassers, ist dieser Konflikt samt den körperlichen und seelischen Folgen bereits „die Neurose“? Sie alle treffen in ihrem verfehlten, beharrlichen Bewegungsgesetz die von der Individualpsychologie betonte „Wahrheit“, geraten in Widerspruch mit dem sub specie „Richtigen“, mit der unerbittlichen Forderung einer idealen Gemeinschaft. Sie verspüren die freilich tausendfachen Folgen dieses Zusammenstoßes, freilich in tausendfachen Varianten, körperlich und seelisch. Aber ist dies die Neurose?

Gäbe es nicht die unerbittlichen Forderungen der idealen Gemeinschaft, könnte jeder im Leben seinem verfehlten Bewegungsgesetz genügen — man kann phantasievoller auch sagen: seinen Trieben, seinen Instinkten, seinen bedingten Reflexen —, so gäbe es keinen Konflikt. Niemand kann eine derart sinnlose Forderung aufstellen. Sie regt sich nur schüchtern, wenn einer die Verbundenheit von Individuum und Gemeinschaft übersieht oder zu trennen versucht. Jeder beugt sich mehr oder weniger willig dem ehernen Gesetz der idealen Gemeinschaft. Nur das zum Äußersten verwöhnte Kind wird erwarten und verlangen: „res mihi subigere conor“, wie *Horaz* tadelnd hervorhebt. Frei übersetzt: die Gemeinschaftsbeiträge für mich auszunützen, ohne etwas beizutragen. „Warum ich meinen Nächsten lieben soll“, geht aus der untrennbaren Verbundenheit der Menschen hervor und aus dem unerbittlich richtenden Ideal der Gemeinschaft. (Siehe auch: „Der Sinn des Lebens“, diese Zeitschrift, Jahrgang 1931, S. 161ff.) Nur wer einen genügenden Anteil dieses Zieles zur Gemeinschaft in sich, in seinem Bewegungsgesetz trägt und ihn lebt wie Atmen, wird auch die ihm zukommenden Konflikte im Sinne der Gemeinschaft zu lösen imstande sein.

Wie jedermann erlebt auch der Neurotiker seine Konflikte. Sein Lösungsversuch aber unterscheidet ihn klar von allen anderen. Bei der Tausendfältigkeit von Varianten sind Teilneurosen und Mischformen stets zu finden. In seinem Bewegungsgesetz ist ihm der Rückzug vor Aufgaben, die durch eine gefürchtete Niederlage seine Eitelkeit, sein vom Gemeinschaftsgefühl allzu stark getrenntes Streben nach persönlicher Überlegenheit, sein Streben, der Mittelpunkt, der Erste zu sein, bedrohen, von Kindheit her trainiert. Sein Lebensmotto: „alles oder nichts“, meist wenig gemildert, die Überempfindlichkeit des stets von Niederlagen Bedrohten, seine Ungeduld, die Affektsteigerung des wie in Feindesland Lebenden, seine Gier, bringen häufiger und stärkere Konflikte hervor als nötig wäre und machen ihm den durch seinen Lebensstil vorgeschriebenen Rückzug leichter. Die von Kindheit her trainierte und erprobte Taktik des Rückzuges kann leicht eine „Regression“ auf infantile Wünsche vortäuschen. Aber nicht auf solche Wünsche kommt es dem Neurotiker an, sondern auf seinen Rückzug, den er gerne mit Opfern aller Art <!-- S. 181 --> bezahlt. Auch hier liegt eine trügerische Verwechslung mit „Formen der Selbstbestrafung“ nahe. Aber: nicht auf die Selbstbestrafung kommt es ihm an, sondern auf das Gefühl der Erleichterung durch den Rückzug, der ihn vor einem Zusammenbruch seiner Eitelkeit, seines Hochmutes bewahrt.

Vielleicht wird man jetzt endlich verstehen, was das Problem der „Sicherung“ in der Individualpsychologie bedeutet. Es kann nur im ganzen Zusammenhang erkannt werden. Nicht als „sekundär“, sondern als hauptsächlich. Der Neurotiker „sichert“ sich durch seinen Rückzug und „sichert“ seinen Rückzug durch Steigerung der Schockerscheinungen körperlicher und seelischer Art, die im Zusammenstoß mit einem die Niederlage androhenden Problem entstanden sind.

Er zieht sein Leiden dem Zusammenbruch seines persönlichen Hochgefühls, von dessen Stärke bisher nur die Individualpsychologie Kenntnis hat, vor. Dieses Hochgefühl, das in der Psychose nur oft deutlicher hervortritt, sein Überlegenheitskomplex, wie ich es genannt habe, ist so stark, daß der Neurotiker selbst es nur mit schaudernder Ehrfurcht von ferne ahnt, und daß er gerne seine Aufmerksamkeit von ihm abwendet, wenn er es in der Wirklichkeit erproben soll. Es treibt ihn nach vorne. Er aber muß des Rückzugs wegen alles verwerfen, alles vergessen, was den Rückzug hindern könnte. Er gibt nur Raum den Rückzugsgedanken, den Rückzugsgefühlen und den Rückzugshandlungen.

*Äsop* (sagt da nicht einer: „der große Seelenkenner“) erzählt von einem Löwen, der hungrig vor seiner Höhle lag. Da schlich in der Ferne ein Fuchs vorbei. Der Löwe, dem nach einem Fuchsbraten gelüstete, rief ihn an und sprach: „Ei, lieber Fuchs, komm doch einmal her und sieh dir meine Höhle an. Sie wird dir gewiß gut gefallen.“ Der Fuchs aber antwortete: „O nein, lieber Löwe, ich werde nicht kommen. Denn ich sehe viele Spuren von Füßen, die hinein führen, ich sehe aber keine, die hinausführen.“

Ich sprach von der Steigerung des „Rückzugskomplexes“. Der Neurotiker wendet sein ganzes Interesse dem Rückzug zu. Jeder Schritt vorwärts wird von ihm als ein Fall in den Abgrund mit allen Schrecken ausgestattet. Aber er trachtet mit aller Macht, mit allen seinen Gefühlen, mit allen seinen erprobten Rückzugsmitteln sich im Hinterland festzuhalten. Die Ausstattung seiner Schockerlebnisse, für die er sein ganzes Interesse aufwendet, wobei er vom einzig wichtigen Faktor abgewendet bleibt, von seiner Furcht vor der Erkenntnis, wie weit er von seinem egoistischen Hochziel entfernt ist, der große Aufwand meist metaphorisch eingekleideter und aufgepeitschter Gefühle, wie der Traum sie liebt, um entgegen dem common sense beim eigenen Lebensstil zu verharren, gestatten ihm, sich an den nun fertigen Sicherungen festzuhalten, um nicht der Niederlage entgegengetrieben zu werden. Die Meinung und das Urteil der andern, die bei Ausbruch der Neurose mildernde Umstände gelten lassen, aber ohne sie den zitternden Nimbus des Neurotikers nicht anerkennen würden, wird zur größten Gefahr. Kurz gesagt: die Ausnützung der Schockerlebnisse zum Schutze des bedrohten Nimbus — das ist die Neurose. Oder noch kürzer: die Stimmungslage des Neurotikers gestaltet <!-- S. 182 --> sich zu einem „Ja-aber“. Im „Ja“ steckt die Anerkennung des Gemeinschaftsgefühls, im „Aber“ der Rückzug und seine Sicherungen. Man schadet der Religion nur, wenn man sie oder ihr Fehlen für die Neurose verantwortlich macht. Man schadet jeder politischen Partei, wenn man ihre Anerkennung als Heilung der Neurose anpreist.

Als unser Patient die Universität verlassen hatte, versuchte er als Hilfskraft in einer Rechtsanwaltskanzlei unterzukommen. Er blieb dort nur wenige Wochen, weil *ihm sein Wirkungskreis zu dürftig vorkam.* Nachdem er mehrmals aus diesem Grund und aus anderen Gründen gewechselt hatte, beschloß er sich lieber theoretischen Studien hinzugeben. Man lud ihn zu Vorlesungen über Rechtsfragen ein, aber er lehnte ab, „weil er vor einem größeren Kreis nicht sprechen könne“. In dieser Zeit, er war damals 32 Jahre alt, stellten sich seine Symptome ein. Ein Freund, der ihm helfen wollte, erbot sich mit ihm zugleich das Referat zu erstatten. Unser Patient stellte als Bedingung, *zuerst* zu sprechen. Er betrat die Plattform zitternd und verwirrt *und fürchtete das Bewußtsein zu verlieren.* Er sah nur schwarze Flecken vor den Augen. Kurz nach der Vorlesung stellten sich seine Magenbeschwerden ein, und er stellte sich vor, *er müsse sterben*, wenn er noch einmal vor vielen Leuten sprechen müßte. In der nächsten Zeit beschäftigte er sich nur damit, Kindern Unterricht zu geben.

Ein Arzt, den er befragte, erklärte ihm, er müsse sich sexuell betätigen, um gesund zu werden. Wir könnten das Unsinnige eines solchen Rates voraussehen. Der Patient, der sich bereits auf dem Rückzug befand, beantwortete diesen Rat mit Syphilisfurcht, mit ethischen Bedenken und mit der Furcht, betrogen zu werden und als Vater eines illegitimen Kindes bezichtigt zu werden. Seine Eltern rieten zu einer Heirat und hatten damit scheinbar Erfolg, als sie ihm auch das Mädchen zur Ehe brachten. Es trat eine Schwangerschaft ein und die Frau verließ das Haus, um zu ihren Eltern zurückzukehren, da sie, wie sie sagte, die fortwährende Kritik von oben herab nicht länger ertragen konnte.

Wir sehen schon jetzt, wie hochmütig unser Patient sein konnte, wenn sich ihm eine leichte Gelegenheit bot, — wie er aber sofort den Rückzug antrat, wenn ihm die Sache unsicher schien. Um Weib und Kind kümmerte er sich nicht. Er war immer nur darum besorgt, nicht als minderwertig zu scheinen, und diese Besorgnis war stärker als sein Streben nach dem so sehnlichst gesuchten Erfolg. Er scheiterte, als er an die Front des Lebens kam, geriet in eine andauernde Gefühlswelle höchster Angst verwandt, samt ihren körperlichen und seelischen Folgen und verstärkte seinen Rückzug durch Aufrichtung von Schreckgespenstern, weil ihm der Rückzug dadurch erleichtert war. Der Autolenker wird sich leicht in einen solchen Mechanismus hineindenken können. Er hat sein Ziel. Nun gibt er mehr Gas, um sicherer und schneller sein Ziel, in unserem Falle: den Rückzug, erreichen zu können.

Stärkere Beweise? Wir wollen sie in zweifacher Art erbringen. Erstens, indem wir in die Zeit seiner frühen Kindheit zurückgreifen wollen, um festzustellen, daß er zu dem Lebensstil verleitet wurde, den wir bei ihm gefunden <!-- S. 183 --> haben. Zweitens, indem wir weitere gleichlaufende Beiträge aus seinem Leben hinzutragen wollen. Ich würde es in jedem Falle als den stärksten Beweis der Richtigkeit eines Befundes dieser Art ansehen, wenn sich herausstellt, daß die weiteren Beiträge zur Charakteristik einer Person mit der bereits gefundenen vollkommen übereinstimmen. Sollten sie es nicht, dann müßte die Auffassung des Untersuchenden entsprechend geändert werden.

Die Mutter war, wie der Patient angibt, eine weiche Frau, an der er sehr hing, und die ihn gründlich verzärtelte, auch immer von ihm ganz große Leistungen erwartete. Der Vater war weniger zur Verwöhnung geneigt, gab aber unter allen Umständen nach, wenn Patient unter Weinen seine Wünsche vorbrachte. Unter den Geschwistern zog er einen jüngeren Bruder vor, der ihn vergötterte, ihm jeden Wunsch erfüllte, ihm wie ein Hündchen nachlief und sich von ihm immer leiten ließ. Patient war die Hoffnung seiner Familie und konnte sich auch bei den anderen Geschwistern immer durchsetzen. Eine ungewöhnlich leichte, warme Situation also, die ihn für die Außenwelt ungeeignet machte.

Dies zeigte sich sofort, als er zum ersten Male in die Schule sollte. Er war der Jüngste in der Klasse und nahm dies zum Anlaß, seine Abneigung gegen diese Außenposition durch zweimaligen Schulwechsel zu bekunden. Dann aber lernte er mit ungeheurem Eifer, um alle anderen Schüler zu übertreffen. Wenn ihm dies nicht gelang, so trat er einen Rückzug an, blieb häufig wegen Kopf- und Magenschmerzen aus der Schule weg oder kam häufig zu spät. War er gleich in dieser Zeit nicht unter den besten Schülern, so schrieben er und die Eltern diesen Umstand seinen häufigen Absenzen zu, während unser Patient gleichzeitig stark betonte, daß er mehr wußte und mehr gelesen hatte als alle anderen Schüler.

Bei den geringsten Anlässen steckten ihn die Eltern ins Bett und pflegten ihn vorsorglich. Er war immer ein ängstliches Kind gewesen und schrie oft im Schlafe auf, um seine Mutter auch des Nachts mit sich zu beschäftigen.

Es versteht sich, daß er über die Bedeutung und über den Zusammenhang aller dieser Erscheinungen nicht im Klaren war. Sie alle waren der Ausdruck, die Aussprache seines Lebensstils[^1]. Er wußte auch nicht, daß er deshalb bis spät in den Morgen hinein im Bette las, um am nächsten Tage das Privilegium zu genießen spät aufstehen zu können und so eines Teiles seiner Tagesarbeiten ledig zu werden. Mädchen gegenüber war seine Scheu noch größer als gegenüber Männern, und dieses Verhalten überdauerte die ganze Zeit seiner Entwicklung zum Manne. Daß es ihm an Mut gebrach in jeder Lebenssituation, daß er um keinen Preis seine Eitelkeit aufs Spiel setzen würde, kann leicht verstanden werden. Die Unsicherheit, ob er von Mädchen gut aufgenommen würde, kontrastierte stark mit der Sicherheit, mit der er die Hingabe der Mutter erwarten durfte. In seiner Ehe wollte er die gleiche Herrschaft errichten, deren er sich bei Mutter und Brüdern erfreute, und mußte natürlich scheitern.
<!-- S. 184 -->

Ich konnte feststellen, daß in den ältesten Kindheitserinnerungen, freilich oft gut verborgen, der Lebensstil eines Individuums zu finden ist. Unseres Patienten älteste Erinnerung lautete: „Ein kleiner Bruder war gestorben, und der Vater saß vor dem Hause und weinte bitterlich.“ Wir erinnern uns, wie der Patient vor einer Vorlesung nach Hause flüchtete und zu sterben vorgab.

Wie jemand zur Frage der Freundschaft steht, charakterisiert sehr gut seine Fähigkeit zum Gemeinschaftsmenschen. Unser Patient gibt an, daß er immer nur kurze Zeit Freunde besessen habe, und daß er immer sie beherrschen wollte. Man wird dies wohl nur Ausbeutung der Freundschaft anderer nennen können. Als er auf diesen Umstand freundlich hingewiesen wurde, antwortete er: „Ich glaube nicht, daß irgendeiner sich für die Gemeinschaft einsetzt, jeder tut es nur für sich.“

Wie er sich für den Rückzug rüstet, geht auch aus folgenden Tatsachen hervor: Er möchte gerne Artikel oder ein Buch schreiben. Aber wenn er sich zum Schreiben hinsetzt, kommt er in eine solche Erregung, daß er nicht denken kann. Er erklärt, nicht schlafen zu können, wenn er vorher nicht liest. Aber wenn er liest, bekommt er einen Druck im Kopfe, so daß er nicht schlafen kann. Sein Vater starb vor kurzer Zeit, gerade als der Patient eine andere Stadt besuchte. Kurz hernach sollte er dort eine Stelle annehmen. Er lehnte ab unter Vorgabe, er würde sterben, wenn er diese Stadt betreten würde. Als man ihm in seiner Stadt eine Stelle anbot, schlug er sie aus mit der Motivierung, er würde die erste Nacht nicht schlafen können und am nächsten Tag deshalb versagen. Erst müsse er ganz gesund werden.

Daß auch im Traum des Patienten sein Bewegungsgesetz, dieses „Ja, aber“ des Neurotikers wieder zu finden ist, dafür ein Beispiel. Man kann mit der Technik der Individualpsychologie die Dynamik eines Traumes finden. Sie sagt uns nichts Neues, nichts, was wir nicht sonst auch aus dem Verhalten des Patienten erkennen konnten. Man kann aus den richtig verstandenen Mitteln und aus der Auswahl der Inhalte erkennen, wie der Träumer, geleitet durch sein Bewegungsgesetz, bemüht ist, entgegen dem common sense seinen Lebensstil durch künstliche Erweckung von Gefühlen und Emotionen durchzusetzen. Und man findet auch oft Hinweise darauf, wie der Patient seine Symptome unter dem Druck der Furcht vor einer Niederlage erzeugt. Ein Traum dieses Patienten lautet: „Ich sollte Freunde besuchen, die jenseits einer Brücke wohnten. Das Geländer war mit Farbe frisch gestrichen. Ich wollte ins Wasser schauen und lehnte mich ans Geländer. Dieses stieß gegen meinen Magen, der zu schmerzen begann. Ich sagte zu mir selbst: du solltest nicht ins Wasser hinab schauen. Du könntest hinunterfallen. Aber ich wagte es doch, ging abermals bis zum Geländer, blickte hinab und ging rasch zurück, indem ich überlegte, es sei doch besser in Sicherheit zu sein.“

Der Besuch der Freunde und das frisch gestrichene Geländer deuten auf die Hinweise betreffs des Gemeinschaftsgefühls und des Neuaufbaus eines besseren Lebensstils. Die Furcht des Patienten von seiner Höhe herabzufallen, sein „Ja, aber“, sind klar genug hervorgehoben. Die Magenbeschwerden <!-- S. 185 --> als Folge seines Furchtgefühls sind, wie früher beschrieben, konstitutionell immer zur Hand. Der Traum zeigt uns die ablehnende Haltung des Patienten gegenüber den bisherigen Bemühungen des Arztes und den Sieg des alten Lebensstils unter Zuhilfenahme eines eindringlichen Bildes einer Gefahr, wenn die Sicherheit des Rückzuges in Frage gestellt ist.

Die Neurose ist die dem Verständnis des Patienten entzogene, automatische Ausnutzung von Symptomen, die aus Schockwirkungen entstanden sind. Diese Ausnutzung liegt solchen Menschen näher, die für ihren Nimbus allzusehr fürchten und die schon in der Kindheit, meist als verwöhnte Kinder, auf diesen Weg der Ausnutzung gelockt wurden.

Die Heilung kann nur auf intellektuellem Wege, durch die wachsende Einsicht des Patienten und durch die Entwicklung seines Gemeinschaftsgefühls zustande kommen.

<!-- Fin del artículo (S. 185, filete de cierre). Sigue en la revista, con el mismo título, el artículo de Erwin Wexberg (S. 185), y después el de Rudolf Dreikurs, «Was ist in Wirklichkeit die Neurose?» (S. 193). -->

[^1]: Weder im Bewußten noch im Unbewußten, sondern im Unverstandenen.

---

*Fuente:* Alfred Adler, «Was ist wirklich eine Neurose?», *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 11 (1933), S. 177-185. Transcripción a partir del volumen anual completo de 1933 (reimpresión Swets & Zeitlinger, Ámsterdam, 1968) digitalizado en archive.org (PDF, págs. 183-191): capa de texto OCR cotejada con la imagen de cada página. Las cursivas reproducen las del original. Las comillas, impresas como ,,…“, se normalizan a „…“, y se suprime el espacio que el impreso pone ante «?» y «!». Se respetan las particularidades del impreso, como «Erkrankung der endokrinen Drüsen. Folge von…» (S. 177), «Dazu kommt, noch,» (S. 179) y «Gefühlswelle höchster Angst verwandt» (S. 182). La nota del autor, al pie de la S. 183, va al final. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
