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Title: Persönlichkeit als geschlossene Einheit
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 10 (1932), Heft 2, S. 81-88. Nach einem Vortrag, gehalten im Verein für Individualpsychologie, Wien.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1932%20Pers%C3%B6nlichkeit%20als%20geschlossene%20Einheit
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<!-- S. 81 -->

# Persönlichkeit als geschlossene Einheit[^1]

Von Dr. ALFRED ADLER

Wie wichtig eine Auseinandersetzung über dieses Thema ist, mag zeigen, daß, noch mehr als innerhalb der Kreise, wo wir Individualpsychologie antreffen, auch außerhalb dieser Kreise, sich eine große Anzahl von Mißverständnissen aufhäuft, die für uns wie ein kräftiger Antrieb wirken. Wir sind oft gezwungen, der Auffassungskraft derjenigen, die außerhalb unserer Kreise stehen, nachzuhelfen. Wir wissen nicht, wo es den anderen fehlt, aber dadurch, daß sich in den letzten Jahren der Ansturm gegen die Individualpsychologie verschärft, verfügen wir über das unerschöpfliche Material ihrer Irrtümer. Es ist eine dankbare Aufgabe, diese Mißverständnisse zu beleuchten.

Ich beziehe mich auf die Behauptung von vielen Autoren, als ob die Individualpsychologie eine Milieutheorie wäre, als ob sie die ganze Geistesart eines Menschen von der Auswirkung der Außenwelt auf ihn ableiten würde. Wenn einer diese Anschauung schärfer ins Auge fassen würde, müßte er fragen: wer sucht, wer antwortet, wer verarbeitet die Eindrücke? Ist der Mensch ein Diktaphon? Eine Maschine? Es muß noch etwas im Spiele sein! Auch die Hereditätslehre können wir nicht anerkennen. Hier erheben wir den allerschärfsten Einwand. Auch bei der Zwillingsforschung zeigt es sich, daß auch dort nicht so heiß gegessen wie gekocht wird. Man spricht von der Einwirkung der Erziehung, daß das soziale Leben modifizierend einwirkt. Wer modifiziert? Ist es eine mathematische Rechnung? Demgegenüber steht die Individualpsychologie auf dem Standpunkt: Wenn wir beginnen vom „Seelenleben“ zu sprechen, begeben wir uns auf transzendentales Gebiet. Man weiß nur etwas von der Wirkung, von den Ergebnissen, von Beziehungen, die auffällig werden. Wir müssen Annahmen machen, an die niemand mehr denkt, wenn für ihn der Begriff „Seelenleben“ ein einmal gegebener ist oder, wie von den Behavioristen, überhaupt geleugnet wird. Aber auch dem Behaviorism gegenüber müssen wir betonen, daß es seelische Regungen geben muß, denen jene Ausflüsse unseres Denkens, Fühlens, Handelns zu verdanken sind, die sichtbar werden, von denen wir sagen können: wir sind nicht viel weiter als die Physiker, wenn sie von Elektrizität sprechen. So wie jede Wissenschaft, mündet die Individualpsychologie in die Metaphysik ein. Wir können über jene Einwände lächeln, die besagen, daß die Individualpsychologie der metaphysischen Grundlage entbehrt. Hier handelt es sich um ein Gebiet unserer Erkenntnis, das wir voraussetzen müssen, weil wir andererseits nicht <!-- S. 82 --> arbeiten können, weil wir Eindrücke, die vor uns liegen, ordnen und sie als seelische bezeichnen wollen. Es ist eine Auffassung a priori, die wir machen müssen, die uns dazu dient, Geschehnisse zu ordnen und sie unter ein gemeinsames Licht zu stellen.

Wir können von unserem Seelenleben auch noch mehr aussagen, wenn wir im transzendentalen Gebiet bleiben. Wenn wir das Seelenleben konstruieren wollen, so muß es mit unserer Anschauung von Zeit und Raum übereinstimmen, d. h. daß wir nicht nur die zeitliche Anschauung darauf anwenden, also Bewegung betrachten, sondern daß wir auch die *Richtung* ins Auge fassen müssen. Woher kommt die Richtung? Diese Richtung kann aus hereditären Kräften nicht erschlossen werden. Wenn man eine Triebpsychologie aufstellt, kann die Bewegung erschlossen werden, aber nicht die Richtung. Da kommen wir auf jenes Rätsel, auf das sich die Individualpsychologie geworfen hat, im Einklang mit Forschern längst vergangener Zeiten. Es ist eine schöpferische Kraft im Seelenleben vorhanden, die identisch ist mit der Lebenskraft selbst. Diese schöpferische Kraft gestaltet, hat die Fähigkeit, vorauszublicken, was sie tun muß, wie ja im Seelenleben *vorausblicken* als notwendig erscheint, weil der Mensch beweglich ist. Seelenleben ist Bewegung und Richtung, unter ein Ziel gestellt. Da der Mensch nicht isoliert ist, so muß das Ziel von einer schöpferischen Kraft gestaltet sein, aus dem Drang zur Überwindung von sozialen Schwierigkeiten, die sich der Bewegung entgegenstellen. Es muß immer ein Ziel der Überwindung gegeben sein, der Durchsetzung zum Zwecke der Selbsterhaltung, der Vollendung. Immer schwebt vor uns auch die Drohung der Schädigung, der Unlust — des Todes.

Wir bleiben mit Vorliebe bei dem allgemeinen Ausdruck: *Überwindung*. Hier setzt das Mißverständnis ein, als ob die Individualpsychologie das Seelenleben nicht nur auffaßt als ein Streben nach Macht, als ob sie es auch propagieren würde. Dieses Streben nach Macht ist nicht unser Wahnsinn, es ist der, den wir bei den anderen finden. Ein Ziel der Überwindung als eine abstrakte Fassung ist dem menschlichen Geist unannehmbar im Strom der Welt; da handelt es sich um eine viel konkretere Fassung. So kommt jedes Individuum zu einem konkreten Ziel der Überwindung durch seine schöpferische Kraft, die identisch ist mit dem Ich. Unsere Aufgabe ist, festzustellen, in welcher Richtung ein Mensch zu überwinden trachtet. Seine Meinung davon beherrscht ihn. Wir können von dieser Meinung nur sagen, daß sie mehr oder minder unrichtig ist. Wir behaupten niemals, daß wir im Besitze einer absoluten Wahrheit wären, wir machen uns nur anheischig, daß wir imstande sind, kleinere Irrtümer an Stelle von größeren zu setzen. Größere Irrtümer hindern die aktive Anpassung ans Leben. In dem Moment, wo wir von Zielstrebigkeit sprechen, in dem Moment, wo wir den konkreten Zielbegriff besser erfassen können, da taucht eine ungeheure Schwierigkeit auf: daß wir es mit tausend Varianten zu tun haben, immer mit einem einmaligen Falle, mit einer einmaligen konkreten Zielsetzung. Hier kommen wir auf das Märchen zu sprechen, das uns imputiert wird, als ob wir die Gleichheit der <!-- S. 83 --> Menschen voraussetzten oder anstrebten. Wir gerade trachten die Nuancen zu untersuchen, diese Einmaligkeit der Zielsetzung, das Einmalige der Meinung eines Menschen von sich und von den Aufgaben des Lebens. Das ist die Aufgabe der Individualpsychologie, die individuelle Abwegigkeit zu erfassen. Wenn ich hier nur einige Begriffe dafür einsetze, wie etwa, daß einer das Ziel der Überlegenheit darin sucht, andere zu beherrschen oder der Lösung der Aufgaben auszuweichen, so daß ein anderer Ausbeutungsobjekt wird, so sind das weitgefaßte Stellungnahmen, die und deren Varianten herauszufinden Aufgabe der Individualpsychologie ist.

Wenn einer schon gar nichts mehr der Individualpsychologie entgegenzuhalten weiß, so sagt er: wenn wir an keine Heredität glauben, so wäre es möglich, daß sich der Mensch zu einer Gans entwickelt. Man sollte doch denken, daß man unter ernsten Leuten über solche Dinge nicht zu reden braucht. Möglichkeiten müssen gegeben sein, nichts kann entwickelt werden, was nicht irgendwie in der Struktur des menschlichen Embryo gegeben ist. Derartige Einwände könnten uns aber zu dem Glauben verleiten, daß in seltenen Fällen eine solche Entwicklung doch möglich sei.

Ein anderes Mißverständnis besteht darin, als ob es uns eingefallen wäre, zu behaupten, daß wir Kinder zu vollwertigen Wesen erziehen könnten, denen von Natur aus, wie den Schwachsinnigen, die Fähigkeit der Entwicklung genommen ist. Das wäre so, als ob wir Zeichnen mit der rechten Hand von einem verlangen würden, der die rechte Hand verloren hat. Ich hätte nie geglaubt, daß ich mit derartigem Unfug in der Kritik zu arbeiten haben werde. Es ist selbstverständlich, daß, wenn irgendwie der Rahmen der Menschlichkeit eingeengt ist, sich das im Verhalten des Menschen zeigen wird, z. B. bei schwachsinnigen Kindern, also bei Menschen mit untauglichen Instrumenten, dem Gehirn oder den endokrinen Drüsen. Hier handelt es sich nicht darum, sie auf die Stufe zu bringen, die uns als normal erscheint.

<!-- Das Folgende bis „Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen.“ (S. 84) im Kleindruck. -->

In den letzten Jahren mehren sich die bösartigen Angriffe gegen die Individualpsychologie. Für den Kenner ist es leicht einzusehen, wie da die harte Arbeit, für irgendeine andere Anschauung einzutreten, die dann in den Himmel erhoben wird, gelegentlich auch verschämt in einer Randbemerkung zutage tritt, den Sinn des Kritikers umnebelt. Unbefangene Beobachtung läßt uns da mehrere Ausgangspunkte unterscheiden. Am humorvollsten geben sich die Neulinge und Ignoranten auf dem Gebiet der modernen Psychologie. Eingeschworen auf das Wort ihres Lehrers oder eines Prüfungslehrbuches sind sie der Entrüstung voll, wie man denn — „die Heredität anzweifeln könne“, — „wie man die Sexualität übersehen könne“, — wie man glauben könne, daß das „Machtstreben“ alles beherrsche, — ob man nicht wisse, daß auch andere ..., daß „*Plato* auch schon“, — „... besonders *Guyeau*“, — „daß alle Schulen der Psychologie vom Gemeinschaftsgefühl, — von der Ganzheit der Persönlichkeit reden“ ...

Dann gibt es wieder ganz bissige Kritiker. Meist sprechen sie von „Tiefe“. Nehmen an, daß man ihnen deshalb die Tiefe glauben werde. Sind ganz wild im Anfang und mäßigen sich erst, bis sie ein wenig mehr von der Individualpsychologie zu sich genommen haben. Schreiben oft in Zeitschriften, deren Herausgeber schlafen oder schlafen wollen. Werden gelegentlich von den ersteren ernst genommen. Sonst von keinem.

Dann kommt der „Einzugsmarsch der Plagiatoren“. Sie können es nicht verwinden, daß sie ihr Leben fristen müssen, indem sie eine „Rezeption“ der Individualpsychologie von Zeit zu Zeit vornehmen. Wissen es oft gar nicht und werden durch das wohlwollende Stillschweigen der Eingeweihten in ihrem Vorhaben verstärkt. Neue Schimpfworte fallen ihnen nicht ein, was ein böses Zeichen für ihre Unfruchtbarkeit ist. Gelegentlich merkt man, wie sie als ewige Rekruten nach dem Beifall der Sektenführer schnappen. Worte wie „banal“, „oberflächlich“, „unwissenschaftlich“, kehren als stereotype Ausdrücke wieder. Das Verhalten ihrer Gönner, der Herausgeber usw., ist dadurch mehr gebrandmarkt, als das der <!-- S. 84 --> armseligen Rekruten. Läßt sich einmal einer darauf ein, mehr als einen unverschämten Ausdruck zu gebrauchen, so zeigt sich seine Unwissenheit in erschreckendem Maße.

Die „große Ausbreitung“ der Individualpsychologie läßt sie nicht schlafen. „Es muß da wohl irgendwo ein Fehler stecken.“

Sicherlich gibt es Bücher und Schriften, die nicht voll und ganz als Individualpsychologie gelten können. Solche, z. B. die Religion, die Politik, die psychoanalytische Redensarten nötig zu haben glauben. Neuerdings treten auch Autoren auf den Plan, die den Weg zur Gehirnpathologie mit verräterischer Inbrunst suchen. Aber trotzdem sie die Individualpsychologie für ihre persönlichen Anschauungen zu mißbrauchen trachten, sind sie doch um mehrere Nasenlängen jenen voraus, die nichts von der Individualpsychologie gelernt haben. Also, laßt mir sie ungeschoren, auch wenn sie gelegentlich einen Liqueur empfehlen oder auf das Corpus striatum schwören, ob sie nun Gott oder der Politik helfen wollen. Manchmal belehren sie mich über Individualpsychologie.

So ein Psychoanalytiker: „Da aber die Isolierung nicht im Lebensplan der Menschenschöpfung liegt, die Gemeinschaft, die Sozialität ein Gebot der Natur ist, dessen (?) man sich nicht straflos entziehen kann ...“

*Ein belehrbarer Freudianer* nimmt sich „außerdem“ auch der Gesamtpersönlichkeit an:

> „Man muß sich nur immer klar vor Augen halten, daß alle Einteilungen nur abstrakte Bedeutung haben. Verwechselt man gedankliche Unterscheidung mit realer Scheidung und Geschiedenheit, so fällt man in die alte Vermögenspsychologie zurück. Im Geltungstrieb steckt viel Sexualität, *in der Sexualentwicklung viel Geltungsstreben*; aber es geht nicht an, das eine konstant auf das andere zu reduzieren und nur dem einen oder anderen Begehren wirksame Ursächlichkeit zuzusprechen. Es wäre so geschmacklos, wie wenn man alle menschlichen Tätigkeiten dem Eßtrieb unterordnete und sogar Kunst und Wissenschaft lediglich als Mittel für Nahrungserwerb ausgeben würde. Man vergesse doch nicht, daß alle psychischen Funktionen einem Organismus angehören! Seit 1916 kämpfe ich unaufhörlich für die ‚organische Betrachtungsweise‘, nach welcher jede seelische Tätigkeit nur im Zusammenhang mit dem Lebensganzen verständlich wird, und die Isolierung der einzelnen Triebe, abgesehen von ihren elementarsten Äußerungen, die generelle Unterwerfung des einen Triebgebietes unter das andere zu Irrtümern und Vergewaltigungen führen.“ — Der Sexualtrieb scheint davon ausgenommen zu sein.

Desgleichen ein anderer: „Übrigens steckt in der Sexualbetätigung immer auch Selbstbestätigung (self assertion).“

Ein anderer kundiger Thebaner:

> „Selbstvertrauen und ein ernster Wille zur Leistung, — mehr tut nicht not.“ Ein Optimismus ohne Gleichen also.
>
> „Freilich auch eine (dahinterstehende) Weltanschauung, die nicht gerade tief ist, eine Psychotherapie für Oberlehrer, wie sich die Individualpsychologie selber mit Stolz nennt.“ (?)
>
> „... ‚für *Adler*, nichts als Machtstreben‘.“

Wie man sieht, ein Analphabet und kein Oberlehrer.

*Herbart*: „Wenn ein Dorfschullehrer seine verfehlten Methoden auch 30 Jahre lang betrieben hat, so sollte er uns doch nicht zumuten, an seine Erfahrung zu glauben.“

> Dagegen: „Wer die Homosexuellen wirklich kennt — und Referent glaubt, das von sich behaupten zu können —, muß schon über die jeder Erfahrung widersprechenden Leitsätze des Vorworts (*Alfred Adlers*, Das Problem der Homosexualität, Leipzig, S. Hirzel, 1930) staunen, wonach die Homosexualität ein Training des entmutigten Menschen seit seiner Kindheit darstellt, um auf dem Wege der Ausschließung von Möglichkeiten einer Niederlage — im Falle der Homosexualität also auf dem Wege der Ausschaltung des anderen Geschlechts —, der normalen Lösung der Liebesfrage auszuweichen.“

Ich kann nur annehmen, daß der Autor nur die Ausnahmen zu Gesicht bekommt.

> „Der nicht auf die *Adler*sche Lehre Eingeschworene wird in diesen Formulierungen keine Vermehrung seiner Erkenntnis erblicken.“

Auch keine Verminderung? „Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen.“

Das arme Ich wird so sehr in den Hintergrund gedrängt, als ob es keine befruchtete Eizelle gäbe, die bereits ein Vollendetes ist. Von Trieben zu sprechen, die erst das Ich erzeugen sollten, ist weit hergeholt. Es ist das Ich, das ins Leben hineinwächst, das wir später als schöpferische Kraft ersehen. Wenn einer glaubt, daß er in die Triebe hineinlegen kann, was dem Ich <!-- S. 85 --> zugehört, ein Suchen, Fragen, Zweifeln, Denken, Fühlen, Wollen, Zielstrebigkeit usw., so ist das Taschenspielerei. Die Frage ist die wichtigste: Wer bewegt das Seelenleben und in welche Richtung bewegt er? Immer handelt es sich um das Ich.

Ich möchte einem Gedanken Ausdruck geben, der mich in letzter Zeit besonders beschäftigt hat. Es hat sich unmerklich in die ganze psychologische Literatur ein Irrtum eingeschlichen, als ob nur das, was in einem Begriff ausgedrückt ist, dem Bewußtsein angehörte. Wäre dies richtig, dann gäbe es beim Tier kein Bewußtsein. Das Tier hat, natürlich, ein Bewußtsein ohne Begriffe; hat es der Säugling nicht auch, handelt er nicht außerordentlich vernünftig? Sind wir nicht alle in der Lage, im Bewußtsein Dinge zu tragen, die wir nicht begrifflich erfassen, die uns aber gegeben sind? Warum soll sich einer auf Worte nur verlassen? Vielleicht erscheint diese Auseinandersetzung nicht außerordentlich wichtig, aber wenn ich darauf aufmerksam mache, daß, wenn man sich das Unbewußte als das Nichtbegriffliche denkt, es plötzlich als „bewußt“ erscheint, sobald man es in Begriffe faßt, dann versteht man auch, daß durch die Aufstellung des Unbewußten das *untrennbare einheitliche Ich* nicht tangiert ist. Auch das nichtbegriffliche Denken, von dem wir jeden Moment unseres Lebens erfüllt sind, ist bewußt im Sinne des Bewußtseins, weil wir es immer gegenwärtig haben, weil es niemals verschwindet.

Im Verfolge dieses Gedankens kommen wir zu Aufschlüssen, die anderen Anschauungen sehr stark entgegentreten. Durch die Zielsetzung im Seelenleben ist auch die Lebensform gegeben. Wenn für jede Regung ein Ziel vorhanden ist, dann ist auch die Form vorhanden. Wenn alles diesem Ziel nachstrebt (Denken, Fühlen, Wollen, Leisten), dann ist ein Lebensstil gegeben, dem sich jeder Teil des Seelenlebens einfügen muß, von dem jeder Anteil nur ein Bruchstück des Ganzen ist. Deshalb sind wir in der Lage, aus Bruchstücken und Vergleichung derselben, durch Aufeinanderbeziehung die Lebensform, *das individuelle Bewegungsgesetz* zu erraten. Sie ist uns nicht unmittelbar gegeben, nur aus Ausdrucksformen und deren Bezugssystem können wir sie erfassen. Wir können nur sagen: das ist ein Mensch, der sich zum Ziel gesetzt hat, alle Aufgaben ungelöst zu lassen. Daß muß sich in allem, in seiner Haltung und in seinen Leistungen zeigen. Dabei sind strenge die tausend Varianten eines solchen Lebensstils zu berücksichtigen.

Um aus der Theorie einen Schritt in die Praxis zu machen, möchte ich, wie ich dies gewöhnlich tue, einen konstruierten Fall erzählen. Ich liebe es, Fälle vorzuführen, wo die Einheitlichkeit der Person *für jeden* in die Augen springt. Von der Ganzheit wird viel gesprochen; ich habe mich aber in der Literatur vergebens umgesehen, um den Nachweis zu finden, daß einer wirklich alles Denken, Fühlen, Wollen, Erinnerungen, Träume, kurz jeden Anteil auf dieselbe Lebensform bezogen hätte. Es sind fromme Wünsche, denen wir begegnen. Wenn ich und andere es versucht haben, die Einheit schärfer darzustellen, so sind das bisher die einzigen Versuche, die Einheitlichkeit der Person zu demonstrieren.

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Ganz richtig ist das auch nicht, es gibt Vorgänger und auch Menschen der Gegenwart, die dasselbe geleistet haben. Sie sind unter Dichtern, Malern und Musikern zu finden, die Persönlichkeiten als Einheiten erschaffen, wie das Kind den Mann aus sich erschafft in seiner einmaligen, nie wiederkehrenden Eigenart und Einheit, wo jeder Teil zum Ganzen paßt. *Schopenhauer* gibt seiner Bewunderung für *Shakespeare* Ausdruck, weil er in drei Dramen Northumberland in einheitlichen Formen erscheinen läßt, jovial, ein Gefolgsmann, bis der König in Gefahr gerät. Dann verrät er ihn dreimal. Das sieht so aus wie „Ambivalenz“: Untertänig und aufrührerisch. Wir haben keinen Einzelbegriff für die Millionen von Varianten. Da ist ein Mensch, dessen Treue bis zu einem bestimmten Punkt reicht und nicht weiter. Was weiter geschieht, ist nicht mehr Treue. Das ist das große Verdienst der Individualpsychologie, gezeigt zu haben, daß wir am besten messen können an der Fähigkeit der kooperativen Leistung. Ich habe zu zeigen versucht, daß es keine anderen Lebensfragen gibt als solche, die diese Fähigkeit verlangen. Deshalb ist es selbstverständlich, daß gerade aus diesem einen Gesichtspunkt sich der Maßstab ergibt für die Charakterisierung einer Lebensform; wie weit das Gemeinschaftsgefühl reicht, wo es aufhört. Das ist keine mathematische Aufgabe, die wir zu lösen haben, sondern eine künstlerische. Man muß herausfinden, wo einer nicht mehr imstande ist, Gemeinschaftsgefühl bereitzustellen, wo er die Funktionsprüfung auf soziales Interesse nicht mehr besteht. Auch hier sprechen wir nicht von einem moralischen Ideal, nicht im Sinne einer religiösen Erfassung, sondern im Sinne einer durchaus wissenschaftlichen Betrachtung des menschlichen Seelenlebens. Alle Fähigkeiten können nur entwickelt werden auf der Basis des Gemeinschaftsgefühles. Es ist so, daß der eine mehr, der andere weniger entwickelt. Das Gemeinschaftsgefühl muß erzogen werden. Das besagt nicht, daß die Milieutheorie hier Triumphe feiern kann. Kundige Erzieher haben die Aufgabe, die schöpferische Kraft des Kindes auf dem Wege des Gemeinschaftsgefühles zu lenken. Da heißt es nicht nur Einflüsse abzuwägen. Man muß zusehen, *wie die schöpferische Kraft des Kindes den Eindruck erfaßt*, ob es dabei auf dem richtigen Wege ist.

Um die Einheit der Persönlichkeit an einem Beispiel zu zeigen, greife ich auf einen Fall zurück, der in „Problems of Neurosis“[^2] erschienen ist. Ein 50jähriger Mann kam nach einer Vorlesung zu mir und klagte über Depression; er sei stets zum Weinen geneigt. Trotzdem habe er im Beruf Erfolg gehabt, es zu Reichtum gebracht. Ich hatte damals wenig Zeit und trachtete einige Bruchstücke aus seinem Leben zu erhaschen. Seine älteste Erinnerung war: er war der Jüngste einer kinderreichen Familie, die viele Jahre in größter Not lebte, er schlich bleich und hungrig umher, so daß die Nachbarn sich seiner annahmen und ihn beschenkten. Auch damals wirkte schon seine Traurigkeit. Die Individualpsychologie hat gezeigt, daß die Lebensform dem Kenner nach dem 3. oder 4. Lebensjahr sichtbar wird. Ich zweifle nicht daran, daß sie schon früher besteht; deutlich sichtbar wird sie erst später. Er war der Liebling der Mutter und sehr verwöhnt. Als sie einmal, um Geld zu verdienen, <!-- S. 87 --> einen Beruf antreten wollte, weinte er so heftig, daß sie sagte: „Ich gehe nicht fort, ich will lieber mit dir verhungern.“ Er hatte einen Sprachfehler und wurde Spaßes halber öfters eingeladen, Gedichte zu rezitieren. Zum Schluß nahm er den Hut und ging herum, Münzen einzusammeln. Er benahm sich wie ein Bettler. Der Mann hat die Lebensform des Bettlers bis heute gewahrt. Ich sagte es ihm. Das machte einen großen Eindruck auf ihn. Er sagte: „Ich erinnere mich an den großen Eindruck, als ich als Kind einen Bettler auf der Straße singen hörte und sah, wie man ihm Münzen gab.“ Auch heute benimmt er sich wie ein Bettler, und deshalb geht man auch viel zarter mit ihm um. Ich sah den Mann nicht mehr, doch er hat mir einen Brief geschrieben, in dem er mir auseinandersetzte, wie sehr ich recht habe. Und er sandte mir einen Zeitungsartikel ein, den er 10 Jahre vorher verfaßt hatte mit dem Titel „Eine Organisation der Bettler.“ — Sollte der Mann nur im Unbewußten die Bettleridee gehabt haben? Wir sehen die Einheit in allen seinen Gedanken, in der Art, wie er den Artikel schreibt, in den Gefühlen, der Haltung, schließlich auch in seiner Art von Leistung. Er geht alle Probleme des Lebens wie ein Bettler an. Dies ist sein Bewegungsgesetz. —

Ein Kaufmann, 30 Jahre alt, der Jüngste. Die Situation des Jüngsten ist, unserer Erfahrung nach, eine besondere. Der Jüngste wächst in einer eigenartigen Situation auf. Hinter jedem Kind kommt ein neues. Nur bei ihm nicht. Er hat niemanden im Rücken. Das bedeutet viel bei unserer Art der Erziehung. Eines Tages werden die Kinder durch neu ankommende entthront. Das erlebt der Jüngste nie. Außerdem sind die Vordermänner größer, genügen größeren Anforderungen und können mehr leisten. Das wird zu einem bedeutenden Antrieb für den Jüngsten. Jeder Jüngste ist dadurch nuanciert. Hier setzt die schöpferische Kraft des Individuums ein. Doch der starke Antrieb für den Jüngsten läßt sich nicht übersehen (der biblische Josef, der Jüngste im Märchen). Dieser Jüngste hatte alle seine Geschwister überflügelt, war der Liebling der Eltern, der Erste in der Schule, ein sehr ehrgeiziges Kind, das vor jeder Prüfung zitterte. Dieser Mann heiratete ein Mädchen, von dem er glaubte, daß er sie vollständig beherrschen könne. Charakteristisch für diesen Fall war, daß er eigentlich keine Freunde hatte. Das zeigt uns schon, daß er nur Situationen liebte, in denen er der Herr gewesen ist, alle anderen Situationen auszuschalten trachtete. Es ereignete sich, daß er an nervösen Symptomen litt, wenn etwas geschehen sollte, wo er nicht der Führende war, wo er einen Druck von außen her spürte, z. B. wenn er, wie im Theater, in einem abgeschlossenen Raum saß. Diese Situation, wo er sich nicht seines führenden Einflusses bewußt war, erschien ihm wie eine Gefahr.

Ich will abschweifen und über gedankliche Vorgänge sprechen. Es ist nicht wahr, daß wir gedankliche Vorgänge in uns haben könnten, ohne daß dabei das Wollen und die Gefühle folgen würden. Nur gibt es Menschen verschiedener Art, von denen einige mehr auf das Gedankliche, andere mehr auf das Gefühlsmäßige, andere mehr auf das Willensmäßige schauen. Wir <!-- S. 88 --> sind genötigt, den Zusammenhang herzustellen. Wenn ich denke: ich bin nicht frei, — werde ich als Mensch, der keinen Zwang verträgt, Gefühle und Emotionen entwickeln, mich dagegen zur Wehr setzen. Das sind Menschen, die z. B. im Theater nur Ecksitze haben wollen, um frei zu sein. Dieser Mensch unterschied sich vom anderen Typus des Angstneurotikers; er kämpfte dagegen, aber es war deutlich sichtbar, daß er durch den Motor des Ehrgeizes angetrieben war, er wollte immer Führer sein, über die anderen hinauswachsen, was ihm durch den Eindruck, den seine Symptome machten, leichter gelang. *Kein Wunder, daß der Antrieb, sich ihrer zu erwehren, gering blieb.* Ich möchte darauf hinweisen, daß wir denselben Mechanismus beobachten konnten in der Traumlehre, wo es sich um einen gedanklichen Inhalt handelt, der nicht verstanden werden soll. Auch der Traum enthält ein Bruchstück der Persönlichkeit, es werden Gefühle geweckt, die der Träumer benötigt.

Erster Traum: Es war wie in der Schule, er war nicht richtig vorbereitet. Wenn man das im Zusammenhang sieht, so heißt das: der Lehrer ist der Arzt, der mehr weiß als ich. Darauf muß eine Verschlechterung erfolgen, das ist eine Gefahr.

Zweiter Traum: Er bekam Rechnungen nachzurechnen, unter denen sich einige von ihm befanden, andere von anderen. Die Rechnung von den anderen fand er unrichtig. Seine eigenen waren richtig. Das ist ein Versuch, sich einen Antrieb zu verschaffen, über die anderen hinauszuwachsen. Die Rechnungen stimmen nicht, auch nicht die des Arztes. Wir sehen, dieser „Widerstand“ hat nichts zu tun mit Liebe und Sexualität, sondern der Patient will entsprechend seiner Eigenart Führer sein. Deshalb dürfen die anderen keine Führertätigkeit haben.

Dritter Traum: Er sieht sich, wie er einen alten Rock nach Hause tragen muß. Er sagt: „Das Unangenehmste war mir immer, wenn man mir etwas zu tragen gegeben hat.“

Vierter Traum: Er hat zwei Hüte, einen steifen und einen weichen, welch letzteren er sehr vorsichtig benutzt. Gefragt, wie es sich mit den zwei Hüten verhalte, sagt er: Es ist wahr, um den weichen zu schonen, trage ich bei schlechtem Wetter den harten Hut; d. h. um einem Schaden vorzubeugen, nicht so viel Geld auf Hüte ausgeben zu müssen. Er ruft seine Sparsamkeit an. Er läßt alle Minen springen, um mich, der bezahlt sein muß, in den Hintergrund zu drängen.

Die vier Träume besagen: Das werde ich nicht vertragen, daß einer wie ein Lehrer vor mir steht, mir vielleicht Aufträge gibt, glaubt, daß er es besser als ich versteht, mich außerdem noch Geld dafür ausgeben läßt.

Um das Porträt vollkommen lebenstreu zu machen, so daß der Patient von seiner Richtigkeit überzeugt ist, bedarf es weiterer, subtiler Arbeit. Stößt man auf unlösbare Widersprüche, so war unsere Auffassung unrichtig und muß geändert werden. So weit geht der von vielen unverstandene Ernst, mit dem die Individualpsychologie die geschlossene Einheit einer Person vor Augen hat und verfolgt.

[^1]: Nach einem Vortrag, gehalten im Verein für Individualpsychologie, Wien.

[^2]: Verlag Kegan Paul, London, 1929.

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*Fuente:* „Persönlichkeit als geschlossene Einheit“, *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 10 (1932), Heft 2, S. 81-88 (Leipzig: S. Hirzel; Nachdruck Amsterdam: Swets & Zeitlinger, 1968); Digitalisat des Nachdrucks auf archive.org. Transkription nach dem OCR von archive.org, durchgehend mit dem Seitenbild verglichen (Kursiven nach dem Druck; berichtigt u. a. „Sozialität“, „Inbrunst“, „reden“). Der polemische Abschnitt über die Kritiker (S. 83-84) ist im Kleindruck gesetzt, die zitierten Stellen eingerückt; hier als Zitatblöcke wiedergegeben. „Guyeau“ (für Guyau) und „Daß muß sich in allem … zeigen“ so im Druck. Das Heft ist aus der Seitenzählung erschlossen (Heft 2 beginnt mit S. 81).
