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Title: Die Systematik der Individualpsychologie
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 10 (1932), Heft 4, S. 241-244. Vortrag, gehalten in der Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer Ärzte, Wien, Mai 1932.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1932%20Die%20Systematik%20der%20Individualpsychologie
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# Die Systematik der Individualpsychologie[^1]

Von Dr. ALFRED ADLER

Vage kritische Bemerkungen gegenüber der Individualpsychologie zeigen wie in einer Testprüfung das mangelhafte Verständnis voreingenommener Dilettanten. In der Psychologie kann der eigene Verstand gegenüber dem Experiment und sogenannter „Erfahrung“ nicht ausgeschaltet werden. Ich möchte meinen Freunden nahelegen: vermeiden Sie es, schwächlich aufzutreten. Das betrifft z. B. Äußerungen über die philosophische Durchdringung der Individualpsychologie. Wer sich auch nur teilweise mit Philosophie beschäftigt hat, wird mit *William Stern* übereinstimmen: Individualpsychologie *ist* Philosophie. Wenn man dennoch auch in unserem Kreise Menschen findet, die gelegentlich Gegnern das Stichwort geben, so können Sie darauf gefaßt sein, daß die Gegner sofort darauf einschnappen. Es wird der falsche Schein erweckt, als ob die Individualpsychologie mit Philosophie nichts zu tun hätte. Dasselbe gilt auch für die Systematik. Ich selbst habe in manchen Arbeiten solche armselige Hinweise gefunden, als ob man die Systematik der Individualpsychologie erst ausbauen müßte. Ich habe nichts dagegen, wenn recht viel beigetragen wird, ich habe aber noch nie etwas bei denen gefunden, die sich großmäulig daran gemacht haben. Wenn ich gesagt habe, daß man in der Individualpsychologie ohne geschärfte Vernunft und ohne vernünftigen Scharfsinn nicht auskommt, werde ich wohl jedem Individualpsychologen zumuten können, daß er es durchschaut, wenn einer derartige Mätzchen und sich zu Rang und Würden erheben will. Es soll keiner glauben, daß solche Sprünge dem scharfen Auge der Individualpsychologie entgehen.

Was das Problem des Seelenlebens anbelangt, so sehen wir es als metaphysisches Problem. Wir stehen auf dem Standpunkt unter Seele einen Teil des Lebens zu verstehen, der alle bewegten Strukturen des Lebens in sich tragen muß. Das bedeutet vor allem Bewegung nach räumlicher und zeitlicher Anschauung. Diese Bewegung ist auf ein Ziel hingelenkt, was wir seit Jahren als teleologische Anschauungsform in die moderne Psychologie eingeführt hatten. Eine Bewegung ohne Ziel ist nicht vorstellbar. Sie werden kaum eine andere Richtung der Psychologie finden, die mehr über das Seelenleben gesagt hätte, als in diesen wenigen Worten zu finden wäre. Da Bewegung Veränderung ist, ist es klar, daß aus der systematischen Betrachtung hervor-<!-- S. 242 -->geht, daß wir Anfang und Ende jeder Teilbewegung ins Auge fassen müssen. Der Anfang ist das Unvollendete, die Unsicherheit, die Minderwertigkeit, während das Streben nach Vollendung sich in jeder Ausdrucksform ebenfalls finden muß. Insofern können wir feststellen, daß sich die Individualpsychologie einer strikten Systematik bedient, im weiteren Ausbau eines starken Netzwerkes, das nicht durchbrochen werden kann. Es ist eine so ausgebildete Systematik, wie sie keine andere Psychologie aufweist. Diese Auffassung stand an der Wiege der Individualpsychologie. Wir müssen hinzufügen, daß wir das Ich als eine Gebundenheit betrachten, die sich *selbstschöpferisch* bildet, unter Gebrauch aller Möglichkeiten, unter Gebrauch der Wertigkeit und des Eindruckes seiner Unvollkommenheit, der Validität der Organe, und die unter Verwendung aller äußeren Eindrücke zu einer Form zu gelangen trachtet, die wir als geronnene Bewegung betrachten können. Dieses Ich kann nur gesehen werden in Bezogenheit, weil dieses Ich immer antwortend ist. Es wird von außen angefragt, wird sich äußern in seiner Antwort gegenüber den Problemen der Außenwelt. Und wir erkennen, daß es sich um Umstände handelt, die im Strom der Gemeinschaft geschaffen sind. Es zeigt sich, daß die Leistung des Individuums im Verhältnis zu den Problemen, die immer soziales Interesse verlangen, nicht zur vollen idealen Lösung kommt, wenn das Individuum nicht genügend sozial vorbereitet ist. In der äußeren, wandelbaren, verschiedengradigen Situation finden wir die *stets vorhandenen exogenen Faktoren*, die wie Fragen vor dem Individuum stehen. Es gibt keine Beurteilung eines Menschen, bei der wir etwas anderes beobachten, als die Antwort des eigenartigen Individuums auf die Fragen der sozialen Außenwelt, die ihn nach seiner sozialen Kontaktfähigkeit fragen. Das muß in Betracht gezogen werden und bedeutet einen großen Schritt über alle anderen psychologischen Richtungen hinaus. Wenn wir also diese exogenen Faktoren festgestellt haben und die erfolgende Antwort des Individuums, werden wir nach der eigenartigen Entwicklung der sozialen Kontaktfähigkeit fragen müssen, die schon früher in ihrer konstanten Größe entwickelt worden sein mußte. Wir sind dazu gekommen, zu behaupten: der Grad des Gemeinschaftsgefühls (die Neigung zum Mitleben) ist im Beginn des Lebens in den ersten Jahren errungen worden. Wir kennen die näheren Umstände, unter denen sich Gemeinschaftsgefühl bildet oder nicht bildet, Fehler, *die sich einschleichen*, so daß das Individuum in seiner *endogenen Gestaltung* nicht fähig ist, auf soziale exogene Faktoren (Du und Wir, Beruf, Liebe) „richtig“ zu antworten. Es ist die „*psychische Konstitution*“, die nicht angeboren ist, aber im Laufe der ersten Jahre fertiggestellt wird, unter dem Einfluß der Organminderwertigkeiten und Milieueinflüsse, denen wir keine unbegrenzt kausale Bedeutung, sondern eine „statistische Wahrscheinlichkeit“ zumessen. Alle Leistungen eines Menschen betrachten wir nach zwei Seiten hin. 1. nach den exogenen Anforderungen. 2. nach der psychischen Konstitution. Erst aus der Spannung zwischen diesen beiden entwickelt sich die Haltung eines Individuums in einer Situation, seine „Vorzüge“, seine Fehler.

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Ich möchte heute über die hauptsächlichsten Formen der Ausdrucksbewegung bei Menschen sprechen, die zu wenig Gemeinschaftsgefühl in sich tragen, vom Verhalten der endogenen zu den exogenen Faktoren bei Menschen, die nicht fähig sind die Lebensfragen „richtig“ zu lösen. Auch hier sind wir viel weiter gekommen als andere. Wir haben festgestellt, daß alle Lebensfragen in drei Kategorien zu subsumieren sind. Gesellschaft, Liebe, Beruf. Die Frage der Religion fällt zum größten Teil unter die Gesellschaftsfrage, in Anbetung eines höchsten Wesens das irdische Leben seinen Gesetzen gemäß einzurichten, umfaßt aber auch wie die Frage der Kunst alle drei Lebensfragen. Heute will ich schildern, welche Hauptformen der Bewegung man trifft, wenn einer für die Lösung einer der Fragen nicht vorbereitet ist. Da kommt in erster Linie in Betracht, „*die zögernde Bewegung*“ gemessen an der Form des Rhythmus und der Schnelligkeit. Auf den ersten Blick können wir mit Hilfe unserer Systematik irgendwelche Feststellungen machen. Z. B. wenn ein Kind von zwölf Jahren erst in die vierte Volksschulklasse geht. Da können wir, Sonderfälle ausgeschlossen, von vornherein annehmen, daß dieses Kind langsamer vorgeht. Diese langsamere Vorwärtsbewegung kann einen bestimmten Rhythmus haben. Es zeigt sich der Rhythmus in Form eines Charakterzugs, der mehr oder minder mangelhaften Ausdauer. Wenn wir nicht gleichmäßiges Vorwärtsgehen beobachten können, werden wir auf Unsicherheit schließen. Das ist besonders deutlich bei jenem Typus, wo einer mit großem Ansturm beginnt, um bald nachzulassen. (Als Krankheitsfall: manisch-depressives Irresein.) Die zweite Form an der wir auch sofort die mangelhafte Mitbezogenheit des Individuums bemerken können, das Mißverhältnis zwischen endogener Gestaltung und exogenen Faktoren, ist die *Distanz*. In den einfachsten Formen findet sie sich, wenn einer mit 30 Jahren noch keinen Beruf hat, mit 40 Jahren noch nie verliebt war, mit 20 Jahren noch keinen Freund hat. Auch hier werden wir Schlüsse ziehen können, daß es sich um ein Individuum handelt, welches für die Lösung einer bestimmten Aufgabe nicht richtig vorbereitet ist. Die dritte Form ist die *Ausbiegung vor einem Problem*. Hier finden wir alle Fehlschläge. Ich möchte betonen, daß besonders aus den hierher gehörigen Erfahrungen der starke erzieherische Einfluß der Individualpsychologie entsprang, weil wir aus einem ungeheuren Material beobachten und klar darstellen konnten, wo in der frühen Kindheit der Beginn der Abwegigkeit entstand, und wie man es hätte machen müssen, um Fehlschlägen vorzubeugen. Die vierte Form ist die *verkürzte Aufmarschbreite*. Einer ist nicht für das ganze Problem vorbereitet, er zerstückelt es. Das wird sich in dem Bestreben zeigen, gewisse Teile des Problems auszuschalten. Auch hier finden Sie Züge, die allen Fehlschlägen zukommen, nicht nur dem Neurotiker. Ein schwererziehbares Kind macht seine Fehler meist in der gleichen Art, ein Taschendieb bleibt ein Taschendieb, ein Einbrecher immer ein Einbrecher. Die enge Aufmarschbreite müssen wir in Betracht ziehen auch in Fällen, wo einer teilweise das Problem löst, dadurch, daß er gewisse Teile ausschaltet, gelegentlich dadurch zu einer Künstlerschaft gelangt. Alle diese Gesichtspunkte sind bei <!-- S. 244 --> jedem einzelnen Fall in Betracht zu ziehen. Man darf sich nicht zu einer Typologie verleiten lassen, sondern muß im Verständnis *des fehlerhaften Einzelnen* vorwärts schreiten. Ich wäre neugierig zu sehen, wo noch eine so fest gefügte Systematik in einer anderen psychologischen Richtung existiert. Wenn Sie bedenken, wie stark unsere Wissenschaft mit Selbstkritik und Skepsis ausgestattet ist, erscheinen alle Vorwürfe mangelhafter Systematik lächerlich. Gerade das ist ein Einwand, den ein Gegner nie machen könnte. — Wenn gelegentlich von unseren Schülern derartige Hinweise gemacht werden, so beweist es, daß sie nicht durchgedrungen sind. Wir sind in dem Punkt der Systematik so reichlich bedacht, daß wir nicht zu sorgen brauchen, wichtige Punkte übersehen zu haben.

[^1]: Vortrag, gehalten in der Arbeitsgemeinschaft individualpsychologischer Ärzte, Wien, Mai 1932.

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*Fuente:* „Die Systematik der Individualpsychologie“, *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 10 (1932), Heft 4, S. 241-244 (Leipzig: S. Hirzel; Nachdruck Amsterdam: Swets & Zeitlinger, 1968); Digitalisat des Nachdrucks auf archive.org. Transkription nach dem OCR von archive.org, durchgehend mit dem Seitenbild verglichen (Sperrungen bzw. Kursiven nach dem Druck; „stet3“ und „nnbegrenzt“ des Drucks berichtigt zu „stets“, „unbegrenzt“). „wenn einer derartige Mätzchen und sich zu Rang und Würden erheben will“: so im Druck (ein Verb wie „macht“ fehlt). Das Heft ist aus der Seitenzählung erschlossen (Heft 4 beginnt mit S. 241).
