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Title: Mann und Frau
Description: Der Querschnitt (Berlin) 11 (1931), Heft 11 („Er und Sie“, Ende November 1931), S. 730-731.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1931-11%20Mann%20und%20Frau
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<!-- S. 730 -->

# Mann und Frau

Von
*Dr. Alfred Adler*

Dampft man zum Zweck einer kurzen Übersicht die leitenden Ideen im Entwicklungsprozeß der Menschheit ein, bis ihre Quintessenz zutage kommt, so findet man zuletzt drei formale Bewegungslinien, die jeweils und aufeinanderfolgend allem menschlichen Tun seinen Wert verliehen. Nach einem hoffentlich idyllischen Jahrhunderttausend, als infolge des „Vermehret Euch“ die Futterplätze zu enge wurden, erfand sich die Menschheit als Ideal der Erlösung den Titanen, den Herkules oder den Imperator. Bis auf den heutigen Tag — im Heroenkult, in der Rauflust, im Krieg — findet man in allen Schichten den starken Nachklang verklungener Zeiten, bei Hoch und Niedrig als besten Weg gepriesen zum Aufschwung der Menschheit. Aus der Enge der Futterplätze geboren, führt dieser muskuläre Drang folgerichtig zur Knebelung und Ausrottung der Schwächeren. Der Schwergewichtler liebt eine einfache Lösung: wo wenig Futter, da nimmt er es für sich in Anspruch. Er liebt einfache, klare Rechnung — da sie zu seinen Gunsten ausfällt.

Im Querschnitt unserer Kultur nimmt dieser Gedankengang einen breiten Raum noch ein. Frauen sind aus den unmittelbaren Leistungen dieser Art fast ganz ausgeschlossen, kommen nur als Gebärerinnen, Bewunderinnen, Pflegerinnen in Betracht. Die Futtermittel sind aber zu einer unheimlichen Höhe gestiegen. Steigen noch immer. Ist dieser Geist des unkomplizierten Machtstrebens schon ein Widersinn?

Bleibt noch die Sorge für die Zukunft, für den Nachwuchs auch. Der Vater rafft für seine Kinder. Sorgt für spätere Generationen. Sorgt er für die fünfte Generation, so sorgt er gleichzeitig für die Nachkommen von 32 Personen, die den gleichen Anspruch an seinen Nachkommen haben.

Waren verderben. Man kann sie in Gold verwandeln. Man kann Warenwert in Gold verleihen. Man kann die Kraft anderer kaufen. Man kann ihnen Befehle geben, mehr noch, man kann ihnen eine Gesinnung, einen Sinn des Lebens einprägen. Man kann sie zur Verehrung der Kraft, des Goldes erziehen. Man kann ihnen Gesetze geben, die sie in den Dienst der Macht, des Besitzes stellen.

Auch in dieser Sphäre ist die Frau nicht schöpferisch am Werk. Tradition und Erziehung sind ihr als Wegsperren in die Wege gelegt. Sie kann bewundernd teilnehmen oder enttäuscht zur Seite stehen. Sie kann der Macht huldigen oder sich, was zumeist zutrifft, gegen ihre Ohnmacht wehren. Wobei zu bedenken ist, daß die Gegenwehr der einzelnen zumeist auf Abwege gerät.

Die meisten Männer und Frauen können Kraft und Besitz zugleich verehren, die einen in tatenloser Bewunderung, die andern in hoffnungsvollem Streben. Die Frau ist in eine größere Distanz zur Erreichung dieser Kulturideale gestellt.

Dem Kraft- und Besitzphilister gesellt sich nun in harmonischem Streben nach persönlicher Überlegenheit der Bildungsphilister. Wissen ist (auch) Macht. Die Unsicherheit des Lebens hat bisher — allgemein — keine bessere Lösung gefunden als Streben nach Macht. Nun ist es Zeit nachzudenken, ob dies der einzige, der beste Weg zur Sicherung des Lebens, zur Entwicklung der Mensch-<!-- S. 731 -->heit ist. Man kann auch aus der Struktur des Frauenlebens lernen. Denn die Frau ist auch bis heute nicht Teilhaber der Macht des Bildungsphilisteriums.

<!-- Auf S. 731 oben eine Abbildung: Calsina, „Der verräterische Brief“ (Illustration der Zeitschrift, nicht wiedergegeben). -->

Und doch ist leicht einzusehen, für Mann und Frau, daß die Frau bei gleichwertiger Vorbereitung erfolgreich an der Macht des Philisteriums teilhaben könnte. Die platonische Idee von der Überlegenheit der Muskelkraft muß doch wohl schon im Unverstandenen (Unbewußten) an Bedeutung verloren haben. Wie will man sonst die stille und offene Revolte der Frauenwelt (männlicher Protest) in ihren tausend Varianten zum Nutzen der Allgemeinheit wenden?

Schließlich zehren wir doch alle wie die Parasiten an den unsterblichen Leistungen der Künstler, Genies, Denker, Forscher und Entdecker. Sie sind die eigentlichen Führer der Menschheit. Sie sind der Motor der Weltgeschichte, wir sind die — Verteiler. Zwischen Mann und Frau hat bisher die Kraft, der Besitz, der Bildungsdünkel entschieden.

Daher der Rummel und die vielen Bücher über Liebe und Ehe.

Die großen Leistungen aber, von denen wir leben, haben sich immer als höchster Wert durchgesetzt. Ihr Sieg wird meist nicht in prunkvollen Worten gefeiert. Aber genossen wird er von allen. An diesen großen Leistungen haben wohl auch Frauen teil. Kraft, Besitz und Bildungsdünkel haben sicher ein Mehr verhindert. Durch die ganze Entwicklung der Kunst aber tönt eine männliche Stimme. Dort ist die Frau Stellvertreterin des Mannes und daher zweiten Ranges. So lange, bis eine von ihnen die weibliche Stimme darin entdecken wird, um sie zu entwickeln. In zwei Kunstgattungen ist es geschehen, in der Schauspielkunst und in der Tanzkunst. Da kann sie sich als Frau geben. Da hat sie auch Spitzenleistungen erreicht.

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*Fuente:* „Mann und Frau“, *Der Querschnitt* (Berlin), XI. Jahrgang, Heft 11 („Er und Sie“), Ende November 1931, S. 730-731 (im Inhaltsverzeichnis des Heftes durch den OCR als „750“ verlesen); Digitalisat archive.org. Transkription nach dem OCR von archive.org, durchgehend mit dem Seitenbild verglichen (berichtigt u. a. „die leitenden“, „gepriesen“). Der Nachdruck in *Das Tage-Buch* (Berlin) 1931, den das Inventar verzeichnet, wurde nicht verglichen.
