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Title: Zur Ätiologie und Therapie der Neurosen
Description: Wiener Medizinische Wochenschrift 80 (1930), Nr. 12 (15. März 1930), S. 400 und 403-404. Vortrag, gehalten im Akademischen Verein für medizinische Psychologie in Wien.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1930-03-15%20Zur%20%C3%84tiologie%20und%20Therapie%20der%20Neurosen
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<!-- S. 400 -->

# Zur Ätiologie und Therapie der Neurosen.[^1]

Von Dr. ALFRED ADLER.

Sie kennen die gewaltigen Bestrebungen in der Richtung der Psychologie und Erziehung in unserem Jahrhundert, das mit Recht als das psychologische bezeichnet werden kann, aber in dem Wirbelwind, der die ganze Psychologie und Psychotherapie umfaßt, ist es natürlich für den einzelnen und insbesondere für den Anfänger nicht leicht, festen Fuß zu fassen. Ich glaube, ich kann diesem Übelstand nicht besser abhelfen, als wenn ich etwas aus meiner eigenen Entwicklung hier mitteile. Erziehungsfragen, Fragen sozialer Natur haben mich seit jeher beschäftigt, und als ich dann daran ging, mein medizinisches Wissen damit zu verbinden, fand sich die Wendung vor, die insbesondere in der Neurosenlehre in Frankreich, Amerika und Österreich gemacht worden ist. Ich wurde eingeladen, mich diesen Bestrebungen, Diskussionen anzuschließen, die insbesondere in Wien von Anhängern und Schülern *Freuds* inauguriert worden sind, aber es zeigte sich, daß die Sexualbasis mir zu enge erschien. Wie Sie vielleicht wissen, suchte ich nach anderen Gesichtspunkten und glaubte sie zu finden in dem Bestand minderwertiger Organe, eine Arbeit, die 1907 fertig vorlag, eine Arbeit, in der ich versuchte, zu zeigen, daß jedes Kind in den ersten Lebensjahren die Wertigkeit seiner Organe erlebt, die Schwäche und die Unsicherheit, um das Minderwertigkeitsgefühl davon abzuleiten und den Lebensplan. Beide Gesichtspunkte fanden damals keinen Widerhall. Nirgendswo konnte ich damit durchdringen, plausibel zu machen, daß die Organminderwertigkeit einer der maßgebenden Gesichtspunkte sein müsse, die in der Entwicklung der Psyche eine Rolle spielen. Erst die Kinderärzte kamen zu Hilfe; sie wiesen nach, daß man unter der großen Zahl der später Nervösen, Kinder findet, die ursprünglich an einer Organminderwertigkeit gelitten haben. Heute sieht die Auffassung freundlicher aus und wird akzeptiert, insbesondere weil bedeutsame Zutaten geliefert wurden, zum Beispiel was die endokrinen Drüsen betrifft und die Arbeiten *Kretschmers* etc. Auch was das von mir dort hervorgehobene Minderwertigkeitsgefühl und seine Bedeutung, den Lebensplan, der sich davon ableitet, anbelangt, hatte ich ziemlich große Schwierigkeiten, sie zu Anerkennung zu bringen. Es war für viele Forscher unwahrscheinlich, daß das Kind in so frühen Lebensjahren einen Lebensplan besitzen sollte, kraft dessen es in die Welt schaut. Ich selbst war unsicher in diesen Befunden, es war die Beweiskraft noch nicht herzustellen gelungen. Da war mein Weg, durch *Freud*'sche Arbeiten vorläufig beeinflußt, der, ob ich nicht aus dem Triebleben, das damals in der Neurosenpsychologie wenig bearbeitet wurde, neue Anhaltspunkte finden könnte. Meine Anschauung der Triebe besagte anders, als was man sonst unter diesem dunklen Begriff versteht. Es kam für mich nicht nur der Sexualtrieb und der Ernährungstrieb in Betracht, ich versuchte, ob es mir nicht gelingen könnte, für jedes Organ einen Trieb festzustellen, der die Funktion des Organs leitet. So kam ich zu der vagen Idee der Organtriebe. In Verfolg der Linie ergab sich mir nun, daß ich merkte, aus allen Organtrieben, aus dem treibenden Minderwertigkeitsgefühl des Kindes müsse sich etwas gestalten, das wie ein Angriff auf die Fragen des Lebens erschien. So kam ich zur Konzeption eines Triebes, zur Idee eines Aggressionstriebes. Ich glaubte, daß man aus den Trieben und Trieberscheinungen mit Zuhilfenahme des Aggressionstriebes zu einer gesamten Auffassung des psychischen Lebens kommen könne. Sehr bald fand ich aber, daß der Aggressionstrieb alles eher als ein Trieb war, und daß sich eigentlich nichts anderes dahinter versteckt hat, als soziales Verhalten. Es tauchte für mich die Frage auf: wie kommt es, daß sich Kinder und Erwachsene in so verschiedener Art zu den Fragen des Lebens, zu den Mitmenschen, zu den Aufgaben der Erde, zum anderen Geschlecht verhalten? Es kam mir sehr entgegen die Auffassung von früher her, daß die Verschiedenartigkeit des Minderwertigkeitsgefühles eine ausschlaggebende Rolle spiele. Heute kann ich Belege anführen, daß in den ersten Jahren der Lebensstil unterminiert wird durch die Größe des Minderwertigkeitsgefühles. Das ist keine absolute Größe, das drückt sich im Empfinden aus, darüber sind wir nicht Herren, das läßt sich mathematisch nicht herausfinden, das Kind strebt im Rahmen des Irrtums. Die Kausalität spielt keine Rolle. Wir können nur beobachten, wie das Kind seinen Organismus erlebt und wie es antwortet. Auch diese Antworten sind keine Reaktionen wie im Sinne des Behaviourismus. Der nächste Schritt war, die schöpferische Kraft zu beobachten. Sie kann sich nur entfalten, wenn ein Ziel gegeben ist. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht befangen war in meinen eigenen Ideen, aber ich konnte sagen: wenn ich einen Strich ziehen will, so ist das unmöglich ohne Ziel. Es muß allen Bewegungen des Seelenlebens ein Ziel vorschweben, weil die Bewegungen sonst unmöglich wären. Wie komme ich dazu, das Ziel zu erfassen? Im Körperlichen ist es leichter zu sehen, hier strebt alles nach einer idealen Endform. Wenn Sie die Spitze einer Fichte abschneiden, werden alle Kräfte danach streben, die Spitze zu ersetzen. Im Begriff des Lebens liegt die Zielrichtung. So gewann die Wissenschaft, die ich Individualpsychologie genannt habe, teleologischen Charakter. Wir konnten nicht an Betrachtungen von Einzelheiten herangehen, ohne in Betracht zu ziehen das Streben nach dem Ziel. Der nächstliegende Gedanke war, wenn es ein Ziel gibt, dann bedeutet es auch eine ideale Endform, die kann nur sein: Überwältigung aller Schwierigkeiten, die dem schwächlichen Individuum entgegenstehen, die Auseinandersetzung mit den Lebensfragen, die Stellungnahme zu den Schwierigkeiten. Hier ergibt sich eine große Verschiedenheit im Aufbau des Zieles und damit auch im Aufbau des Lebensstiles. In dieses Ziel fließen jene Interessen hinein, durch die das Kind am schwersten bedrückt wird, zum Beispiel die Schwierigkeiten der Ernährung, die eine ungeheuere Rolle im ganzen Leben spielen. In dem Ziel der Überwältigung aller Schwierigkeiten mußte das eine große Rolle spielen. Ich erinnere mich einer Unterredung mit einer Dame, die sich mit der Mutter nicht vertragen konnte. Wenn sie in Streit war, hatte sie die Empfindung, als ob sie erbrechen müßte. Eine Frage ergab die älteste Erinnerung: Als sie 2½ Jahre alt war, unternahm sie eine Seereise, bei der sie seekrank wurde. Bei jeder Spannung reagiert der Magen-Darmtrakt. Wer diese wunderbare Einheit einmal erkannt hat, wird sich unausgesetzt damit befassen, der wird den Eindruck nicht los werden, daß wir die Teile nicht verstehen können, ohne daß wir die Gesamtheit begriffen haben. Die Einheit der Persönlichkeit war es, die mich weiter leitete. Wenn der Aufbau des Lebensstiles im Irrtum begründet wird, dann sind es ganz besondere Interessen, die das psychische Leben leiten. Sie leiten auch alle Möglichkeiten, Fähigkeiten, Instinkte, Triebe und lenken sie in dieser Richtung. Wenn ich „Trieb“ sage, habe ich keine Ahnung, wohin das führen soll. Solange nicht das Ziel gegeben ist, solange ist es mir dunkel, wie man auf der Basis einer Triebpsychologie zu einer Gesamtpersönlichkeit gelangen kann.

Ich konnte weiter feststellen: es sind nicht die minderwertigen Organe allein, die wir ins Auge fassen müssen. Ich kann jedes Kind zu einem minderwertigen machen, wenn ich es in schwierige Verhältnisse bringe. Es ist die Situation. Wenn ich die richtige Methode für die minderwertigen Organe finde, eine Situation, wo sie nicht so schwer empfunden werden, existieren sie nicht mehr. Hier möchte ich eine kurze Phantasie einfügen; auch in der Wissenschaft darf die Phantasie eine Rolle spielen. Der

<!-- S. 401-402: anuncios (Helmitol, Fellows' Syrup, Nujol, Lebensversicherungs-Gesellschaft »Phönix«); no se transcriben. -->

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Fuß ist eine minderwertige Hand. Das hat wahrscheinlich der Menschwerdung den größten Vorschub geleistet. Ich brauche das Weitere nicht auseinanderzusetzen. Diese minderwertige Hand des Menschenwesens war es, die es in die Ebene hinaustrieb. Das Gesetz des Urwaldes, in welchem diese Menschenwesen Deckung fanden, heißt Klettern. In der Ebene kommt plötzlich etwas zustande, was sich bei vollwertigen Organen niemals hätte entwickeln können: die aufrechte Haltung, die die Arme frei macht. Ich darf hier nicht unterlassen, zu zeigen, daß das, was wir Seele nennen, nur denkbar ist bei sich bewegenden Lebewesen, daß das seelische Organ voll dieser Aggression ist, den eigenen Körper zu bewegen und die Umwelt zu bewegen. Das seelische Organ muß die Fähigkeit entwickeln, vorauszusehen, weil es sich um ein sich bewegendes Individuum handelt. Bei Pflanzen ist das seelische Leben vollkommen wertlos, es könnte niemals dazu führen, eine Bewegung auszuführen. Der Tatbestand hat mich geleitet, das Seelenleben als etwas sich Bewegendes anzusehen, nicht als eine Summe von Zentren, geschweige denn anzunehmen, daß ruhende Fremdkörper innerhalb des Seelenlebens aufbewahrt werden. Aber etwas in diesem Sinne Ruhendes, wenn auch nicht im vollkommenen Sinn des Wortes, gibt es doch: das ist, daß die ersten Bewegungen eines Kindes mechanisiert werden nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes. Es tritt Ökonomie ein in die Kraftentfaltung des Lebens, die zur Mechanisierung führt. Die seelische Bewegung eines Kindes von 4—5 Jahren ist mechanisiert, das heißt es liegt ein fertiger Organismus vor. Dieser Prototyp ist autonom, er faßt nur das auf, was ihm in den Kram paßt, dreht alle Erlebnisse so lange, bis sie ihre Verwendung für seine mechanisierte Art haben. Ich brauche hierzu nicht viel zu sagen, ich will an einem Beispiel zeigen, was das bedeutet. Ein Kind, welches gewohnt ist, sich auf eine zweite Person zu stützen, wird diesen mechanisierten Lebensstil überall hintragen, so daß man es als verzärteltes Kind erkennen wird. Das wird sich in Verschiedenem äußern, je nach der Situation, doch wird es immer wieder derselbe Lebensstil sein mit denselben Bewegungen, so daß wir, wenn wir den Lebensstil erkannt haben, voraussagen können, was in einer bestimmten Situation vorkommen wird. Da ich nun so weit war, zu verstehen, daß nicht die Wertigkeit des Organes als causa movens besteht, daß das Kind in Reaktionen und Aktionen antwortet, da ich nun wußte, daß dieser Stil mechanisiert wird, war es auf der Hand liegend, festzustellen, daß es nicht nur die Leiblichkeit ist, durch die ein Kind überladen ist, sondern auch noch andere Situationen, die das Kind auch belasten. Wir konnten aus unserer Erfahrung zwei weitere Typen von Kindern feststellen, die ein schweres Minderwertigkeitsgefühl haben, einen anderen Lebensstil, als wir im Durchschnitt erwarten: die Verzärtelten und die Gehaßten. Eine kurze Betrachtung der ersten Zeit, in der ein solches verzärteltes Kind aufwächst: in der Regel ist es so, daß die Stellungnahme des Kindes zu den Lebensfragen über die Mutter geht. So beginnen die Kinder an der Mutter interessiert zu werden, sie als zu sich gehörig zu betrachten. Das ist eine bedeutsame Wendung, das Kind erlebt einen Mitmenschen. Daraus erwächst das Gemeinschaftsgefühl des Kindes. Es ist nicht mehr nur an der eigenen Person interessiert, auch an einer zweiten Person. Es ergeben sich neue Möglichkeiten von Irrtümern und Schwierigkeiten, aus der Art, wie es die Mutter erlebt. Wir können zwei Extreme feststellen: 1. Die Mutter stellt sich ganz in den Dienst des Kindes, das Kind hat kein Interesse, eine andere Person in den Kreis mit einzubeziehen. Es erwachsen neue Schwierigkeiten in dem Maße als dieses Kind sich an die Mutter bindet, alle anderen ausschaltet, um in Symbiose weiterzuwachsen. Das Kind wächst wie im Feindesland auf, von allen Seiten angegriffen, durch die Kultur bedrängt, für seine bevorzugte Stellung kämpfend. Das wird sich im weiteren Leben immer wieder zeigen. Unter den Fehlschlägen im Leben haben wir die größte Anzahl von ursprünglich verzärtelten Kindern gefunden. Das war ein weiterer Ausblick, wir konnten auf diesem Wege erkennen und verstehen: hier liegt die Unfähigkeit vor, sich mit anderen Personen, sich mit anderen Aufgaben zu verbinden, es ist ein Mangel an Gemeinschaftsgefühl. Der zweite Typus sind die gehaßten Kinder, die nicht einmal einen Mitmenschen erleben, die kein Interesse für die anderen entwickeln konnten. Daß es eine müßige Frage ist, ob das Gemeinschaftsgefühl angeboren ist, sieht man hier ganz klar. Es muß ein angeborenes Substrat im Seelischen vorhanden sein, aus nichts kann sich nichts entwickeln, aber wenn einer scharf zusieht, kann er begreifen, daß das Individuum, das durch die Natur stiefmütterlich behandelt wurde, nur durch Zusammenschluß sein Leben fristen kann. Es gibt noch andere Beweise als die Schwäche: die Zweigeschlechtlichkeit. Die Erhaltung des Menschen ist unter die Aufgabe gestellt, sich mit einem anderen Lebewesen zu verbinden. Das Aufwachsen eines einzelnen Kindes bedeutet einen Schrei nach der Gemeinschaft. Seine Fähigkeiten sind nur der Gemeinschaft zu verdanken, sind nur auf der Beziehung zum anderen aufgebaut. „Schauen“ heißt sich verbinden, sprechen auch, alle unsere Sinnesorgane sind soziale Organe. Die Sprache ist das Wunderwerk der Gemeinschaft, der Verstand hat Allgemeingültigkeit. Wenn einer diese Gemeinschaft ausschaltet (Wahnsinn), so hat sein Denken nicht mehr Allgemeingültigkeit. Wenn nun dieser Mangel an Gemeinschaftsgefühl, hervorgerufen durch ein schweres Minderwertigkeitsgefühl in der ersten Kindheit, nicht korrigiert wird, wenn dieses Kind später Fragen gegenübersteht, die die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühles erfordern, was muß geschehen? Das Kind ist für die Aufgaben nicht vorbereitet. Die erste ist die gesellschaftliche Aufgabe. Das heißt nichts anderes: wie weit ist mein Gemeinschaftsgefühl entwickelt? Die Aufgabe der Beschäftigung: wie kann ich mich im Interesse anderer nützlich machen? Die Aufgabe der Liebe bedeutet Interesse für den Partner. Wir können schon an dieser Stelle sehen: es gibt eine Anzahl von Kindern, denen das Interesse fehlt. Wenn die Fragen näher kommen, sind sie nicht vorbereitet. Es ist wie in der Schule: sie müssen durchfallen. Es zeigt sich, daß sie nicht vorbereitet sind. Die Fragen stehen vor jedem wie Prüfungsfragen. Es gibt auch Vorfragen, zum Beispiel die neue Situation, in der Kinder jüngere Geschwister bekommen. Wie sie sich zu diesen beziehen, das macht den Umfang des Gemeinschaftsgefühles aus. Es kann nur eine richtige Antwort geben: wenn sie sich interessieren können. Wie, wenn die Mutter das Interesse des Kindes aufgefangen hat? Dann kommt es zu Störungen, Fehlschlägen, auf die sie immer wieder stoßen, wenn sie später an die Durcharbeitung eines Falles gehen. Im Kindergarten, in der Schule, da muß man mit dem Gemeinschaftsgefühl bestehen können. Viele haben das nicht gelernt. Hier finden wir Spuren späterer Fehlschläge. Wir sehen, daß sie zögern, oder in Affekt geraten, der einer Abwehrstellung zu vergleichen ist. Dieser Affekt allein influenziert den Körper. Es ist lächerlich, wenn einer sagen wollte: Wieso ist das möglich? Wir können es nur phänomenologisch erfassen. Der Zorn wird sicherlich die Stimmungslage eines Menschen beeinflussen, Zirkulationsveränderungen hervorrufen. Wir wissen nicht, wie sie zustande kommen, vielleicht auf dem Umweg über die endokrinen Drüsen. Aber das ist keine plausible Antwort, wir können uns nicht vorstellen, wie die Gemütsbewegung irgend ein Organ beeinflußt, wir wissen nur, daß sie beeinflußt; zum Beispiel soll jemand die Frage lösen, für die er nicht vorbereitet ist, er gerät in eine Affektlage, die zu bestimmten Symptomen führt. Sie werden immer finden, es ist ein Mangel an Gemeinschaftsgefühl dahinter, und ein mechanisierter Lebensstil. Auch an dem Ziel des Betreffenden werden sie den Grad des Gemeinschaftsgefühles wahrnehmen können. Zum Beispiel der größte Chirurg,

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der größte Mörder, der größte Dichter wie Shakespeare, der an Mordtaten denkt, um sie aus der Welt zu schaffen, der größte Verbrecher, der gegen die Allgemeinheit handelt. Sie werden finden, daß die Feststellung des Grades an Gemeinschaftsgefühl das Charakteristischeste ist, auch in der Entfaltung des Trieblebens, auch in der Konzeption eines Psychologen, wenn er feststellen kann, daß Befriedigung des Lustverlangens das Maßgebendste im Leben ist. Unausgesetzt bewegen sich hier die Unterschiede im Interesse gegenüber anderen. Alles Triebhafte, alle Affekte sind in den Dienst des Lebensstiles gestellt. Die anderen Fragen des Lebens möchte ich nur kurz streifen. Eine Neurose ist der Ausdruck einer mangelnden Vorbereitung für die Lösung einer Lebensfrage, sie tritt in einer neuen Situation auf, wenn ein Mensch mit einem verminderten Gemeinschaftsgefühl sein Interesse für die anderen erweisen soll. Das führt zu einer großen Spannung. Wir finden das oft, wenngleich auch in Verbindung milder scheinender Ausdrucksformen. Zum Beispiel die zögernde Attitüde beim Aufgreifen eines Berufes, oder beim Problem der Liebe und Ehe. Es tun sich Schwierigkeiten auf, weil die Menschen nicht vorbereitet sind. Das ist ein bedeutsamer Wink in bezug auf die Behandlung solcher Menschen. Wir finden das bei Menschen in verschiedenen Kategorien, bei Kindern, Nervösen, Trinkern, Kriminellen, sexuell Pervertierten. Alles was wir als Fehlschläge betrachten, ist zu charakterisieren durch den Grad des Gemeinschaftsgefühles und durch die Größe der Aktivität die übriggeblieben ist. Wenn einer sich dem andern nicht angeschlossen fühlt, wenn er wie im Feindesland lebt, dann ist es selbstverständlich, daß er aus der seelischen Spannung nicht herauskommt, er hat nicht das, was wir als Mut bezeichnen. Wir können als Mut nur die optimistische Aktivität bezeichnen, die zur Lösung der Lebensfrage auf der nützlichen Seite führt. Arrogante Kinder sind nicht mutig, Mörder haben auch keinen Mut.

Ich möchte an einem Falle zeigen, wie einer auf die unnützliche Seite ausweicht, ein Fall, der ein wunderbares Bild der Einheit eines Lebensstils gibt (Bettlertypus).

Ungefähr — es gehört die Kraft eines großen Künstlers dazu, das darzustellen, was ich im Sinne habe — glaube ich Ihnen gezeigt zu haben, daß hier von der mechanisierten Lebensform alles ausgieng, weil dem Mann ein Ziel der Überlegenheit vorschwebte, in welcher Weise er sich durchsetzen könne. In seinem mangelnden Anschluß an andere wußte er keinen anderen Weg, als seine Schwäche als Mittel zu verwenden, um über die anderen zu siegen.

Es gibt eine wirkliche Therapie nur, wenn man den Zusammenhang vollständig erfaßt hat. Dann ergibt sich jeder Schritt von selbst. Aber es soll niemand meinen, daß, wenn er Entwicklung des Gemeinschaftsgefühles und Ermutigung sagt, er schon individualpsychologisch denkt und handelt, das sind nur die Tasten, Spielen kann nur der darauf, der richtig trainiert ist.

Ich möchte Ihnen zum Schluß, gerade wegen des Wirbelwindes, der die große Bewegung der Psychologie erfaßt hat, den Anfängern unter Ihnen, unter den Fernerstehenden einen Rat geben: schwören Sie nicht auf Worte des Lehrers, auch nicht auf meine, überzeugen Sie sich zuerst, bevor Sie Stellung nehmen, dann werden Sie es nie bereuen.

[^1]: Vortrag, gehalten im Akademischen Verein für medizinische Psychologie in Wien.

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*Fuente:* Alfred Adler, »Zur Ätiologie und Therapie der Neurosen«, *Wiener Medizinische Wochenschrift* 80 (1930), Nr. 12 (15. März 1930), S. 400 y 403-404 (las págs. 401-402 son de anuncios). Transcripción a partir del OCR de la ÖNB (ANNO-Plus, ANNOP_wmw19300003, Bild 356-360), corregida contra las imágenes de las páginas en todos los pasajes dudosos (cifras, nombres, «2½ Jahre», «4—5 Jahren», «Kretschmers»). La nota con asterisco de la primera página es del original. El espaciado del original (nombres propios) se da en cursiva. El caso del «tipo del mendigo» (*Bettlertypus*) no se reproduce en el texto impreso: solo se menciona entre paréntesis, y a continuación Adler resume sus conclusiones. Se conservan tal como están impresos «Nirgendswo», «ausgieng», «besagte anders», «unnützliche», «Behaviourismus», «Spielen» (con mayúscula tras coma) y las minúsculas de «sie stoßen», «werden sie» (por *Sie*). En «4—5 Jahren» la primera cifra está mal impresa y podría leerse «1»; se da «4» por el sentido (el prototipo a los cuatro o cinco años, como en otros textos de Adler).
