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Title: Was ist Individualpsychologie? Uebertreibung der eigenen Wichtigkeit
Description: Neue Freie Presse (Wien), Nr. 23314, Sonntag, 11. August 1929, S. 23. Dritter Artikel der Reihe »Was ist Individualpsychologie?«, gezeichnet »Von Dr. Alfred Adler. (Aus einem Gespräch.)«
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1929-08-11%20Was%20ist%20Individualpsychologie%20-%20Uebertreibung%20der%20eigenen%20Wichtigkeit
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<!-- S. 23 -->

# Was ist Individualpsychologie?

Von Dr. Alfred Adler.

(Aus einem Gespräch.)

Wir veröffentlichen einen weiteren Beitrag aus unserer Artikelserie über Individualpsychologie.

## Uebertreibung der eigenen Wichtigkeit.

Um die Geheimnisse der Individualpsychologie an einem praktischen Beispiel zu entschleiern, möchte ich zeigen, wie ich ungefähr vorgehe, wenn ich die Geschichte eines schwer erziehbaren Kindes, eines Nervösen oder eines Kriminellen, vor mir habe, um die wirklichen Ursachen der Verfehlungen festzustellen. Aus ihnen ersehen wir stets, daß alles, was geschehen ist, nicht geschehen mußte, und warum es geschehen konnte. Wir kommen dann in unserer Einfühlungsmöglichkeit so weit, daß wir uns sagen können: Unter den gleichen Verhältnissen und mit demselben irrtümlichen Ziel würden wir fast genau so gehandelt haben. Das wichtigste ist eben, daß wir den Zusammenhang aller Erscheinungen mit dem innersten Wesen, mit dem *Lebensstil* eines solchen Kindes oder Erwachsenen feststellen können.

Bei solcher Tätigkeit kann es geschehen, daß ein Fehlgriff geschieht, der sich später als solcher erweist. Das wird uns aber den Mut nicht nehmen. Der Individualpsychologe arbeitet eben anders als diejenigen Psychologen, die mit fast mathematisch genauen Größen rechnen wollen, und wenn die Rechnung nicht stimmt, Ursachen in der Erblichkeit zu finden trachten, ein dunkles Gebiet, in das man alles mögliche hineininterpretieren kann. Wir dagegen ziehen es vor, Fehler offen einzugestehen, statt derartige Ausreden anzuwenden. Dafür sind wir besser ausgerüstet; wir glauben, den Zusammenhang der Einzelheiten mit dem Ganzen besser zu kennen.

Und nun zum praktischen Fall. Er mag zehn bis zwölf Jahre zurückliegen, seit ich das Kind, von dem hier die Rede sein wird, gesehen habe.

Auch hatte ich folgende Mitteilungen erhalten: „Ich erlaube mir, nachstehenden Fall vorzubringen mit der Frage, ob hier durch Erziehung abgeholfen werden könne. Es handelt sich um ein *elfjähriges Mädchen*, gut entwickelt, zu Hause wie auch in der Schule sehr brav, derzeit Schülerin der ersten Realgymnasiumklasse.“

### Die Ueberflüssigkeit der Strafen.

Unterbrechen wir hier den Wortlaut des Berichtes! Uns fällt das Problem ein: Was kann Erziehung helfen, wenn es sich um Fehlschläge handelt? In welcher Weise hat sich die Erziehung Fehlschlägen gegenüber zu verhalten? Es ist selbstverständlich, daß man *redet*, Beispiele gibt und von Strafen absieht, wie wir es immer tun; denn *Strafe hat keinen Zweck.* Der Lebensstil ist nach dem vierten oder fünften Lebensjahr bereits festgefügt und wird nur durch Selbsterkenntnis der Fehler und Irrtümer geändert.

Wenn es sich also im vorliegenden Fall um eine irrtümliche Gestaltung des Lebensstiles handelt und wir in der Lage sind, diesen Irrtum zu begreifen, so sind wir vielleicht auch in der Lage, das irrende Kind zur Ueberzeugung zu bringen, daß es in diesem Punkt einen Fehler begeht, der ihm zum Schaden gereichen muß.

Nun wird oft der Einwand laut: Was machen Sie aber, wenn einer den Irrtum zwar einsieht, ihn aber nicht korrigiert? Darauf ist zu sagen: Wenn er wirklich seinen Irrtum einsieht, den Zusammenhang versteht und trotz dem Schaden weiter verharrt, so können wir gar nichts machen. Ich will aber gestehen, daß ich solche Fälle noch nicht gesehen habe. *Einen Irrtum erkennen und ihn nicht gutmachen, das wäre gegen die menschliche Natur.* Was wir zu hören bekommen, bezieht sich bloß auf eine Scheinerkenntnis von Irrtümern, das ist keine grundlegende Erkenntnis, keine, die den Zusammenhang sich auswirken läßt.

Wenn es sich also in unserem vorliegenden praktischen Fall um Irrtümer handelt, so können wir durch Erziehung Abhilfe schaffen. Es handelt sich um ein elfjähriges Mädchen, gut entwickelt, zu Hause und in der Schule brav, Schülerin einer Mittelschule. Ihrer Altersstufe ist ihre Schulklasse so ziemlich angemessen. Bezüglich der Beschäftigungsfrage kann man also keinen ernsten Einwand erheben.

### Schulnervosität.

„Wenn dieses Kind in die Schule gehen soll“, sagt der Bericht weiter, „ist es morgens von derartiger Nervosität, daß sämtliche Hausgenossen darunter zu leiden haben.“ Das kommt häufig genug vor. *Das Schulproblem wird als zu bedeutsam empfunden.* Das Mädchen ist wohl eine gute Schülerin, mißt aber dem Problem „Schule“ eine unverhältnismäßige Wichtigkeit bei. Und diese Wichtigkeit, die sich durch nervöse Spannung verrät, zeigt deutlich die Absicht, allen anderen die Bedeutung des schreckhaften Problems anschaulich vor Augen zu führen. Wir sehen die Lust daran, zu zeigen, welche schwierige Aufgaben das Mädchen bewältigen kann.

Hören wir den Bericht weiter: „Schon beim Erwachen *heult die Kleine, man habe sie zu spät aufgeweckt.* Sie könne nicht fertig werden. Anstatt sich anzukleiden, sitzt sie und weint.“ Das überrascht uns eigentlich. Wir hätten von diesem Mädchen erwartet, daß es mit Mühe und Not zur rechten Zeit die Schule erreiche. Vielleicht aber ist das auch gar nicht richtig dargestellt. Denn wir hörten ja, daß sie eine brave Schülerin sei. Denn es liegt ja ein Widerspruch darin, daß ein Kind ins Gymnasium geht, häufig zu spät kommt und dennoch eine „brave“ Schülerin ist.

### Die widerspenstige Frisur.

„Speziell die *Frisur* gibt ihr zu beständigen Klagen Anlaß und keine Frisur ist ihr recht.“ Das kann man nur so verstehen, daß sie ihre nervöse Spannung mit Hilfe der Frisur außerordentlich verstärken will. In der Absicht, auf ihre Umgebung Eindruck zu machen, findet sie hiezu ein gutes Hilfsmittel, indem sie die Frisur zu einem Problem erhebt. Wir werden anerkennen, daß dieses Mädchen mit großer Schlauheit ein Mittel ausfindig gemacht hat, künstlich Schwierigkeiten zu schaffen.

<!-- Anuncio intercalado («"Swing" — nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen»), que no se transcribe. -->

„Die Stunden verstreichen, *das Kind läuft schließlich ohne Frühstück unter Weinen und Klagen weg.*“ Auch dieser Fall ist nicht selten. Wenn ich früher einen kleinen Zweifel bezüglich der richtigen Darstellung des Berichtes geäußert habe, so findet sich hier eine Bestätigung: „Die Stunden verstreichen“, man kann sich aber kaum vorstellen, daß diese Zeit mehrere Stunden mißt. Man muß um 8 Uhr in der Schule sein.

„Wir haben versucht, dem Uebel der Frisur dadurch abzuhelfen, daß wir ihr das *Haar schneiden* ließen.“ Wenn wir recht haben, kann diese Abhilfe nichts nützen. Denn es ist ihr nicht um die Frisur zu tun, sondern nur darum, die Umgebung in Spannung und Aufregung zu versetzen. Die Frisur ist nur eines der vielen Mittel.

### Individualpsychologische Intelligenzprüfung.

Wir wollen daher sehen, was sie machen wird, wenn sie keine Frisur hat. Würden wir zweifeln, ob dieses Mädchen intelligent ist — jetzt würde sich das erweisen. Das ist die *individualpsychologische Prüfung auf Intelligenz* oder Schwachsinn: ist sie intelligent, so muß sich in der erschwerten Situation zeigen, ob sie ein anderes Mittel findet, um zu dem gleichen Ziel zu gelangen.

Der Bericht lautet weiter: „Es nützt aber nicht viel, da auf einmal eine Maschenfrage aufgetaucht ist. Und es wiederholen sich dieselben Klagen bei *Anbringung der Masche.*“ Sie ist also intelligent! „Der Umstand, daß das Kind ohne Frühstück in die Schule läuft, muß sich doch auch in der Schule fühlbar machen, da ich nicht annehmen kann, daß ein Kind bis zum Gabelfrühstück, also bis elf Uhr, mit der für den Unterricht notwendigen Aufmerksamkeit nüchtern in der Schule sitzen kann.“ Freilich, hätte sie das Ziel, satt zu sein, könnte sie wohl kaum bis elf Uhr warten. Dieses Kind hat aber ein anderes Ziel: *es will seine Umgebung mit Schulangelegenheiten belästigen.* Sein Hauptgedanke ist: Wie mach' ich's meinen Eltern begreiflich, welch ungeheure Schwierigkeit vor mir liegt? Man kann diesen Typus mit dem Wort „*Prahlerei*“ bezeichnen.

Jetzt noch ein paar Worte bezüglich der Behandlung eines solchen Kindes. Wenn man diesem Mädchen klarmachen könnte, daß sie das gewöhnliche Problem des Schulganges so maßlos überschätzt, um zu prahlen, so wäre das ein großer Fortschritt. Außerdem müßte man ihr zeigen und die Ueberzeugung beibringen, daß *nur der prahlt, der sich für minderwertig hält* und zu seinen eigenen Leistungen nicht genügend Zutrauen hat.

Das wäre der simple Ablauf einer solchen Behandlung. Ich selbst schließe andere Wege nicht aus und sage etwa: „Die Schule ist das Wichtigste im Leben eines Menschen, du solltest noch mehr Wesens daraus machen.“ Durch *Uebertreibung* würde ich ihr die Neigung zu diesen Maßnahmen verderben. „*Du mußt unausgesetzt einen Radau machen, um deine Leistungen und die Wichtigkeit deiner Person hervorzuheben.* Denn es wäre für dich scheinbar zu schwer, dich nur auf nützliche Weise in den Mittelpunkt zu versetzen. Schreibe mit großen Buchstaben auf einen Zettel und hänge ihn über dein Bett, daß du an jedem Morgen deine Familie in fieberhafte Spannung versetzen mußt.“ Das Mädchen würde nun bewußt, aber mit schlechtem Gewissen das tun, was es früher unbewußt, aber mit gutem Gewissen getan hat. Ich habe noch nie gesehen, daß einer meiner Patienten den letzteren Rat befolgt hätte.

<!-- Fin del artículo (filete de cierre). En la misma página: final de un relato de viaje («Ein weiterer Artikel folgt») y la novelita «Der Zauberer und die Eifersüchtige» de Pierre Mille; no se transcriben. -->

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*Fuente:* »Was ist Individualpsychologie? Von Dr. Alfred Adler. (Aus einem Gespräch.) […] Uebertreibung der eigenen Wichtigkeit«, *Neue Freie Presse* (Wien), Nr. 23314, 11. August 1929, S. 23. Transcripción hecha sobre la imagen de la página en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, ANNO_nfp19290811, Bild 23), con apoyo del OCR de la ÖNB y de un OCR Tesseract Fraktur propio, corregidos contra la imagen. Ortografía original de 1929 («hiezu», «Ueberzeugung», «trotz dem»); el espaciado (*Sperrdruck*) se da en cursiva; la nota introductoria de la redacción va en tipo menor en el original. A diferencia de los artículos I y II, este no lleva número romano ni subtítulo bajo el titular: el título de la pieza, «Uebertreibung der eigenen Wichtigkeit», va como primer ladillo, tras la nota de la redacción. Tercero de cuatro artículos de la serie (I: 28.7.1929; II: 4.8.1929; IV: 18.8.1929). El mismo título lleva un trabajo de Adler en la *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 7 (1929) (inventario AA1929-08), no cotejado.
