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Title: Psychologie und Medizin
Description: Wiener medizinische Wochenschrift 78 (1928), Nr. 22 (26. Mai 1928), S. 697-700. Vortrag im Akademischen Verein für medizinische Psychologie, Wien, 20. Oktober 1927.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1928-05-26%20Psychologie%20und%20Medizin
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<!-- S. 697 -->

# Psychologie und Medizin.[^1]

Von Dr. Alfred Adler.

Werte Anwesende! Am Wege hierher, als ich mir einigermaßen das Material überlegte, das ich ihnen heute zu unterbreiten habe, erschrak ich förmlich über die ungeheure Ausdehnung dessen, was zu dem Thema „Psychologie und Medizin“ eigentlich alles zu sagen wäre. Mein Schrecken verminderte sich erst, als ich die Ankündigung ihrer nächsten Vorträge und des Kurses „Einführung in die Methoden der Psychotherapie“ erfuhr, so daß mir ein großer Teil dessen erspart bleibt, was ich sagen mußte. So bleibt mir nicht mehr zu tun als eine Anzahl von Problemen aus diesem Gebiet herauszuheben und Sie darüber einigermaßen zu unterrichten, wie ein Individualpsychologe, der Praktiker, Theoretiker, Psychologe und Mediziner ist, seinen Blick für diese Dinge geschärft hat. Ich werde gut daran tun, auch einiges darüber zu sagen, wie ich mir einen psychologischen Arzt der Gegenwart oder Zukunft vorstelle. Ich werde keine kunstvolle Schilderung bieten, das wäre mehr das Werk eines Dichters, sondern ich will bloß einige Punkte hervorheben, die sich in meinem Leben und in meiner Praxis bewährt haben. Es kann doch nicht daran gezweifelt werden, daß durch die ungeheuren psychologischen Bestrebungen der Gegenwart dem Arzt ein weites Feld eröffnet wird, und wenn heute die Position des Arztes sozial und wissenschaftlich auf ein höheres Niveau gekommen ist, so verdankt er diesen Umstand nicht zuletzt sicherlich einer besseren psychologischen Einsicht in das Leben des Einzelnen und der Masse. Und in der Tat glaube ich nicht, daß in der Zukunft eine Praxis ohne Menschenkenntnis wird aufgebaut werden können. Man wird die Anerkennung eines Arztes nicht durchsetzen oder heben können, wenn nicht zu seiner technischen Ausbildung die *psychologische Schulung* hinzukommen wird. Wenn wir uns fragen, was sind bisher die Wege gewesen, um den Studierenden in dieses wichtige Gebiet einzuführen, wichtig nicht nur für ihn, um sich halten und seine Praxis ausbauen zu können, sondern in noch erhöhterem Maße für den Patienten, so muß ich sagen: soweit ich blicke, liegt die Ausbildung in diesem Fach bis heute noch sehr darnieder. Freilich fehlt es nicht an Hinweisen, Erinnerungen, Ermahnungen aller Art, und gute Lehrer sparen nicht mit guten Lehren. Aber soweit ich sehe, legt man nicht allzuviel Gewicht darauf, zu lehren, zu unterrichten, wie sich der junge Arzt, wenn er in die Praxis eintritt, dem Menschen, dem Patienten gegenüber verhalten soll. Man wird sich darüber klar werden müssen, daß das psychologische Verständnis im Einzelfalle von ungeheurer Wichtigkeit ist. Wenn ich vorhin sagte, daß die psychologische Kenntnis dem Arzt ein weites Feld eröffnet hat, so darf ich auch sagen, daß sich das Zutrauen des Volkes zum Arzt auf seinem psychologischen Verständnis aufbaut und es werden im Nachteil sein, die dieses Gebiet vernachlässigen, wobei ich nicht verkenne, daß beim heutigen Stand unserer Kultur und bei der mangelhaften Menschenkenntnis auch einer gelegentlich Anklang findet, der psychologisch verfehlt vorgeht. Mir scheint es auch, daß jeder Pessimismus, Negativismus und so fort dem Arzt wie auch dem Patienten schadet. Freilich müssen wir uns fragen, woher dieser Pessimismus stammt. Ich würde mich nicht mit dem Hinweis begnügen, daß allgemein die Wiener Schule im Geruch des Nihilismus, des Pessimismus, steht, sondern glaube vielmehr, daß es sich um Ärzte handelt, die auch sonst im Leben Pessimisten sind. Aus meinem eigenen Leben kann ich schließen, daß der aktive Optimismus, der bei mir im Leben auch sonst eine Rolle spielt, mir auch dort geholfen hat. Sie brauchen nur an die ängstlichen Blicke zu denken, mit denen Kranke förmlich an Ihren Lippen hängen, dann werden Sie verstehen, daß ein tapferes, mutiges Wort von weittragender Bedeutung ist. Ich darf wohl in aller Bescheidenheit sagen, daß die Psychotherapie in dieser Hinsicht Außerordentliches geleistet hat. Es ist ja richtig, daß oft einem Nichtarzt eine geradezu ans Wunderbare grenzende Besserung der Leiden von Patienten gelingt. Wir können auch nicht alle diese Dinge ins Gebiet der Hysterie verweisen. Vor allem müssen wir fragen, weshalb der Arzt derartige Kunststücke nicht auch zustande bringen sollte. Soweit wir dieses Phänomen untersuchen konnten, war stets die Erklärung darin gelegen, daß diese Leute wenigstens das eine mitgebracht haben: einen unverwüstlichen Optimismus, der sich auf den Kranken fortgesetzt hat. Vielleicht darf ich auch hervorheben, daß mir eine kameradschaftliche Beziehung des Arztes zum Kranken außerordentlich bedeutsam erscheint, nicht nur, weil sie mit den Grundanschauungen der Individualpsychologie übereinstimmt, sondern auch vom Standpunkt des common sense, von dem des Patienten aus, der sich nicht als Objekt fühlen will. Wir können nicht als Magier, Zauberer und dergleichen auftreten, sondern nur als Mitmenschen, Freunde, so daß wir auch bei einem Tadel, den wir aussprechen müssen, bei einer Verordnung die wir treffen müssen, vor allem nicht das Gefühl der Unterlegenheit aufkommen lassen. Besonders bei nervösen Patienten, wo wir dieses ungezügelte, aufgepeitschte Begehren nach Geltung und Überlegenheit immer wieder sehen, ist es unangebracht, den Kranken zu bluffen, zu überrumpeln, oder als Allmacht aufzutreten, wenn auch die Kranken suggestibel erscheinen. Es gibt wohl Menschen, die sich leicht etwas suggerieren lassen, aber es ist nicht so, als ob dies einen Ruhepunkt im Seelenleben des Betreffenden bedeuten würde, sondern im Gegenteil, gerade hier setzt eine saure Gärung ein, indem der Patient wieder nach Überlegenheit strebt. Das bleibt uns erspart, wenn wir dem Patienten die Aufgabe zuschreiben, mit seinen Symptomen fertigzuwerden, so daß Sie nur den Weg weisen, der nach Ihrer Überzeugung zu gehen wäre. Ich möchte nun auch sagen, daß ich mir meine Ruhe auch in Schwierigkeiten, die sich mir entgegenstellten, immer bewahrt habe, weil ich mich stets des Standpunktes erinnerte, *meine Sache auf nichts zu stellen*. Besonders bei nervösen Patienten ist zu beachten, daß es sich ja nicht darum handelt, seinen Ruf zu mehren, sondern darum, sich dem Kranken freundschaftlich gegenüberzustellen. Der zweite Grundsatz ist der einer freundlichen Intransigenz. Das heißt es nützt Ihnen gar nichts, wenn Sie Kompromisse machen. Es kommt darauf an, ruhig Ihren Standpunkt zu entwickeln. Speziell in der Psychotherapie, wo alle Notwendigkeiten der ärztlichen Praxis auf das schärfste zugespitzt sind, kommt es förmlich zu einer Probe, ob der Arzt sich richtig verhält. So kommen wir wieder zum Standpunkt, auf dem *Virchow* einst stand, daß dereinst die Ärzte die Führer der Völker sein müssen. <!-- S. 698 --> Wir Individualpsychologen wissen, daß selbst dann, wenn dieses Ideal niemals verwirklicht würde, wir doch dadurch ein Leitziel gewinnen. „Heilen“, sage ich meinen Patienten, „kann ich Sie nur mit der Wahrheit, bis zu der ich selbst vorgedrungen bin.“ Es ist am besten, mit dem nervösen Patienten so zu sprechen, wie mit einem befreundeten Menschen, dem Sie keine neuen Lasten aufbürden, keine Versprechungen abnehmen, sondern dessen Los erleichtern wollen. Besonders deutlich liegt dies bei dem Melancholiker zutage. Ich sage ihm etwa: „Tun Sie nur das, was Ihnen angenehm ist.“ Mit einer gewissen Sicherheit erfolgt die Antwort: „Mir ist eben gar nichts angenehm!“ „Dann tun Sie wenigstens das“ sage ich weiter, „was Ihnen nicht unangenehm ist.“ Wie Sie sehen, wenden wir eine indirekte Methode, die der Diskussion an. Wir lüften langsam den Schleier der die Zusammenhänge verdeckt, aber der Patient hat selbst den Prozeß zu leiten. Er darf nicht die ganze Last dem Arzt aufbürden.

Ich komme nun zum zweiten Teil meiner Ausführungen der mehr ins wissenschaftliche Gebiet hinüberreicht, nämlich zu der Frage: Wie weit beeinflussen körperliche Leiden die seelische Entwicklung? In diesem Punkte ist ja, wie sie wissen, die Individualpsychologie besonders stark gestützt. Wie das Kind seine minderwertigen Organe erlebt, ist eine der Grundfragen der Individualpsychologie. Ebenso wie der Einfluß des Körperlichen die Entwicklung des Seelischen dirigiert. Dabei stoßen wir auf eine Tatsache, die unserer ganzen Lehre den Stempel aufgedrückt hat. Nämlich auf den Umstand, daß wir aus einem mangelhaften Organ keine bindenden Schlüsse ziehen können. Wir können raten, können verstehen, werden aber niemals sagen, daß ein ganz bestimmter Erfolg im Seelischen unbedingt eintreten muß. Wenn etwa ein Kind an Minderwertigkeit des Magen-Darmtraktes leidet, der Sinnesorgane, des endokrinen Systems, so werden wir niemals mit Sicherheit feststellen können, wenngleich wir derartige Effekte als verständlich finden, welche Resultate daraus erwachsen. Das versteht man, glaube ich, erst dann, wenn man weiß, daß es sich in dieser Korrelation nicht um Naturgesetze handelt, soweit der Einfluß auf die Entwicklung des Seelischen in Betracht kommt, sondern um eine schöpferische, konstruktive Leistung des Seelenlebens, nicht um eine Reaktion, um einen Reflex, um eine Summe von Reflexen, sondern um eine künstlerische Leistung. In dem Sinne können wir sagen, daß jede Ausprägung des Seelischen, jeder Lebensstil, den wir antreffen, eine künstlerische Leistung ist, ein individuelles Gepräge trägt. Nicht nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung, nicht nach dem Prinzip der Kausalität kommen diese Leistungen zustande, sondern als Folge eines Strebens, einer Haltung zu den Fragen, die jeden Einzelnen betreffen. Wenn wir bedenken, wie ein Kind seinen Körper erlebt, ihn empfindet, dann sehen wir schon, daß wir uns im großen Reich der Fehler und Mängel des Seelenlebens befinden: daß die Konsequenzen gar nicht abschätzbar sind, weil hier nicht eine Wirkung vorliegt, sondern weil sich dieser Prozeß abspielt innerhalb eines Strebens nach einem Ziel, das generell ein Ziel der Überlegenheit, der Vollkommenheit ist. Es soll nur darauf hingewiesen werden, daß die spezifische Wirkung von spezifischen Giften oder die spezifischen Änderungen in der Sekretion von Drüsen ins Gebiet des Krankseins fallen und nicht in das Neurotische. Anders wäre es der gleiche Fehler, wie wenn wir die progressive Paralyse als Neurose behandeln wollten. Hier liegt Krankheit vor und wenn wir das krankmachende Agens durch Gegengifte beheben können, so ist dies natürlich nicht zu vergleichen mit dem, was wir in der Neurose sehen, wo eine irrtümliche Anschauung vom Wert des eigenen Ich zum Zögern, zum Stehenbleiben führt. Mögen sich auch diese Erscheinungen noch so ähnlich sehen, so ist doch der psychologische Unterschied ungeheuer. Nun bleibt eine bedeutsame Frage noch offen, nämlich die, warum so oft Mangel in der Konstitution der Organe, im Aufbau der Heredität in gewissen Formen solcher Typen immer widerkehren. Bis zu unseren Auseinandersetzungen war die herrschende Auffassung stillschweigend oder offen die, daß Veränderungen des Organischen, besonders im endokrinen System derartige Ausgestaltungen herbeiführen müssen. Dabei wurde ein Gesichtspunkt übersehen, der mir von größter Wichtigkeit scheint. Nämlich wenn Kinder mit hereditär minderwertigen Organen in eine annähernd normale Situation gesetzt werden, die für sie nicht paßt, wo man sie mit den normalen Mitteln der Erziehung vorwärts zu bringen trachtet, die für sie nicht passen, dann kann man nicht sagen, daß nur die minderwertigen Organe, die mangelhaften Drüsen für Fehlschläge schuldtragend sind. Wir können es aus der Therapie ersehen, daß für solche Kinder oder Erwachsene eine eigene Methode gefunden werden muß. Es geht nicht an, daß man für die außerordentliche Verschiedenheit des Starts eine einheitliche Methode anwendet. Wir sind nicht berechtigt zu übersehen, daß viele von ihnen bei Anwendung einer passenden Methode die Erzielung gewisser Fehler nicht zeitigen würden. Wie Sie sehen, gibt es für uns eine Unzahl von ungelösten Fragen, die sicherlich die nächste Zeit beschäftigen müssen. Und da wir das Gebiet des psychotherapeutisch ärztlichen Könnens auch auf die Erziehung erstreckt haben, da wir auch schwer erziehbare Kinder, Kriminelle usw. von unserem Standpunkt aus untersuchen und behandeln, ist es selbstverständlich, daß wir das Recht haben, von einer Form des verfehlten Lebens auf andere zu schließen. Das hat unsere Aufgabe so ungeheuer erleichtert, 1. daß wir rechnen konnten mit der Einheit des Lebensstils, daß wir nicht in den Fehler verfallen, zu glauben, es könnte seelische Bewegungen im Individuum geben, die einander widersprechen, 2. konnten wir von einem Fehler auf den anderen Schlüsse ziehen. Wenn wir zum Beispiel einen Fall aus der Praxis der Erziehung betrachten wie den folgenden, können wir Schlüsse ziehen, die schon im Gebiet der Neurose oder Psychose Bedeutung haben. Es handelt sich um einen zwölfjährigen Jungen, zweitgeborenen, der seinem Vater, einem Lehrer, alle möglichen Schwierigkeiten macht. Er gilt als verdorbenes Kind, dem man mit der Erziehungsanstalt droht. Das auszuführen, wird einem Lehrer aus verschiedenen Gründen besonders schwer. Es ist ein nicht seltenes Vorkommnis, daß bei Kindern von Pädagogen Fehlschläge dieser Art vorkommen. Dieser Junge erkrankte an Hüftgelenkstuberkulose. Er mußte jahrelang still in Gips liegen und nach jeder Richtung hin betreut werden. Als er sich wieder erheben und bewegen konnte, war er das beste Kind der Familie. Ich bin überzeugt, wenn der umgekehrte Fall eingetreten wäre, was auch vorkommt, wenn ein braves Kind nach einer Krankheit recht unerziehbar wird, zum Beispiel nach Enzephalitis, Scharlach, Keuchhusten, so wird es für den Arzt sehr schwer sein, sich des Eindruckes zu entschlagen, daß die Erkrankung die Ursache dieser Fehlschläge ist. Nun haben Sie hier den umgekehrten Fall. Ich glaube nicht, daß jemand behaupten wird, man könne durch Krankheiten, Toxine etc. auch Tugenden erwerben.

Nun möchte ich ein anderes Gebiet berühren, das mich in meinen Arbeiten viel näher berührt, nämlich inwieweit seelische Vorgänge den Körper beeinflussen können. Das sind alte Fragen, über die man sich kaum etwas Neues zu sagen getraut. Doch dürfte es gelingen, einige Schritte weiter zu kommen und wenn man sich dessen bewußt bleibt, daß alle seelischen Regungen im Körper vor sich gehen, wird uns eine einigermaßen gelungene Vertiefung in die Zusammenhänge von Leib und Seele in mancher Hinsicht vielleicht weiterführen. So zum Beispiel, wenn wir bedenken, daß gewisse Affekte den Körper sehr stark in akuter und chronischer Form beeinflussen. Die Individualpsychologie hat immer darauf hingewiesen, daß gewisse Formen von Kopfschmerz und Migräne, auch Trigeminusneuralgie, und Fälle, die man heute der Epilepsie zurechnet, sicher unter dem Einfluß des Affektes der Wut stehen. Das wird natürlich nur dem auffallen, der als psychologisch geschulter Arzt an diese Dinge herantritt, und der ein Interesse dafür hat, die Zusammenhänge zu beleuchten. Wehrt sich jemand dagegen, so ist sein Interesse soweit eingeschränkt, daß er die dazugehörigen Begleitumstände gar nicht ins Auge faßt. Ich sehe keinen einzigen Fall von Migräne, wo ich nicht eine Situation vorfinde, bei der ich mir vorstellen könnte, daß ein Wutanfall am Platze wäre. Das gilt auch für andere <!-- S. 699 --> Erkrankungen, wo organische Veränderungen von vornherein vorliegen. Denken Sie etwa an die einfache Tatsache, daß manchen Menschen im Falle der Wut die Stirnadern ganz anders anschwellen als anderen, die einen vollkommen geänderten Ausdruck bekommen. Das dürfte genügen, um den Schluß nahezulegen, den wir Individualpsychologen gezogen haben, auch die tieferliegenden Veränderungen, zum Beispiel Zirkulation im Gehirn, an den tiefergelegenen Gefäßen zu affizieren. Ich darf auch betonen, daß wir Individualpsychologen durchaus auf dem Boden der Pathologie stehen und nur ihren Grundtatsachen Rechnung tragen. Freilich können wir nicht immer sicher feststellen, wo der Angriffspunkt des Leidens liegt, müssen uns wie andere Disziplinen mit plausiblen Annahmen vorläufig begnügen, aber es liegt außerordentlich nahe, anzunehmen, daß bei der Trigeminusneuralgie irgendwelche Asymmetrien der Kanäle, durch die der V. Hirnnerv geht, und auch Asymmetrien der Arterien und Venen, all diese Anlässe, Organminderwertigkeiten, zu geänderten Druckerscheinungen im Falle der Wut führen, die auch eine dauernde Irritation, einen dauernden Schmerz hervorrufen können. Es liegt kein Widerspruch vor, wenn wir sagen, daß der Patient, der sich ganz wohl befunden hat, plötzlich im Zusammenhang dieser Erscheinungen Kopfschmerzen bekommt. Ich scheide natürlich wieder die Fälle aus, wo grobe anatomische Defekte vorliegen. Es gibt zweifellos Menschen, bei denen die Wut den Ernährungstrakt affiziert, die im Falle der Wut erbrechen. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß die Affekte irgendwie die endokrinen Drüsen beeinflussen, die zu krankhaften Erscheinungen führen. Es ist mir bekannt, daß ein russischer Forscher und auch ein amerikanischer auf dem Wege sind, diese Zusammenhänge festzustellen, wobei sie irgendwelche Toxine gefunden zu haben glauben. Deutlicher wird dieser Umstand, wenn wir das Gebiet der Angst ins Auge fassen. In irgendeiner Form spielt die Angst in der Neurose eine besondere Rolle. Sie ist ja die vorwiegendste Ausprägung des Minderwertigkeitsgefühles. Sie ist ein Versuch des Schwachmütigen, zu einem Ziel der Überlegenheit zu gelangen. Sie ist eine intelligente Funktion und wird entsprechend den verschiedenen Typen im Zusammenhang der Erscheinungen verschieden placiert sein. Es ist meiner Meinung nach nichts damit gesagt, wenn man sich auf den Sympathikus oder Parasympathikus beruft. Das sind nur Leitungswege. Es liegt eine angeborene Organminderwertigkeit vor, wenn die Erectores pili, die Schweißdrüsen, das Herz, der Digestionstrakt, die Blase, die Sexualorgane etc. im Falle der Angst besonders erfaßt werden. Vielleicht ist der letztgenannte Typus viel weiter verbreitet als wir wissen. Vielleicht ist gerade der Zusammenhang zwischen Angst und Sexualorganen so häufig, daß manche Autoren, die diesem Typus angehören, eher sterben würden, als diesen Zusammenhang nur als Variante zu verstehen. Daß Trauer irgendwie zu Abmagerung führt ist sicher, wenn wir auch noch nicht wissen, wie das zustande kommt, da die Verminderung der Nahrungsaufnahme durchaus nicht der einzige Grund sein kann. So liegt es auch hier nahe, an Angriffe zu denken, die den Körper in einer Weise beeinflussen, daß eine Gewichtsabnahme erfolgt. Ich will dieses Kapitel nicht allzuweit ausdehnen, sondern lieber auf einen Umstand Ihre Aufmerksamkeit lenken, der dazu gehört, verstehen zu machen, wie denn bei manchen Menschen körperliche Alterationen stattfinden können, die bei anderen ausbleiben. Der Gesichtspunkt, daß es sich um bestimmmte Typen handeln könnte, wurde gestreift. Es bleibt eine andere Möglichkeit zu erwägen, das Training. Wer sich mit den Erscheinungen des Trainings im Seelischen näher befaßt hat, dem wird es nie schwer fallen, gewisse Schlüsse daraus zu ziehen. Es sind zum Beispiel gewisse Tatsachen unbeachtet geblieben, wie etwa ein Mensch seine Stimmung immer trainieren kann. Sie brauchen nur die Gedanken und Träume eines Melancholikers aufzuschreiben und haben eine schöne Gelegenheit zu sehen, wie einer dauernd auf Trauer und Verstimmung trainiert. Wer auf somatische Faktoren allein achtet, dem entgeht der wunderbare, kunstvolle Aufbau dieses Trainings. Wenn sie einen Traum betrachten, in dem etwas verloren geht, so ist es klar, daß dieser Traum eine Stimmung hervorrufen und fixieren kann, die das Handeln des nächsten Tages beeinflußt. Alle uns bekannten Fehlschläge (Neurose, Selbstmord, Kriminalität etc.) sind sicherlich lange Zeit vorher trainiert worden. Dieses Training ist nachweisbar und kann uns darüber aufklären, wohin der Patient seit langer Zeit zielt, wie er dieses Ziel zu erreichen sucht. Vielleicht darf ich zum Schluß, um dieses Training zu erklären, eine Zwangsneurose schildern: Ich denke da an einen 45jährigen Mann, der im Leben eine schöne Rolle spielt und es zu Ansehen gebracht hat, der aber darüber klagt, daß er immer, wenn er das 1., 2., 3. Stockwerk besteigt, den Zwang empfindet, sich hinunterzustürzen. Diese quälende Idee verfolgt ihn seit seiner Pubertät. An sich wäre ja dieser auch sonst häufig vorkommende Zwangsimpuls nicht so auffällig. Wenn Sie sich aber da einen der technischen Grundsätze der Individualpsychologie zu eigen gemacht haben, daß Sie, um ein Symptom zu verstehen, erstens fragen: Was kommt bei dieser Gelegenheit heraus? Was dahin klar zu beantworten ist, daß dieser Mensch in seinem Streben gehindert ist. Er trägt nämlich eine Bürde. Er leidet ja auch an dem Bewußtsein dieser Impulse. Zweitens wenn Sie ein Symptom verstehen wollen, müssen Sie es seines Inhaltes entkleiden und nur die Bewegung ansehen, die sich abspielt. Nun werden Sie zugeben, daß nur der einen Impuls des Hinunterfallens haben kann, der das Gefühl hat, oben zu sein. Es ist das gleiche wie bei den Fallträumen, die auch nur konkret werden können, wenn der Träumer seiner Voraussetzung nach sich oben befindet. Soweit können wir schon bei oberflächlicher Betrachtung der Dinge kommen. Wir wissen aber noch nicht, welchen Sinn der Patient damit verbindet, sich in dieser Weise zu belasten. Daß er sicher kein mutiger Mensch ist, geht aus dem Inhalt hervor. Er fürchtet sich ja vor seinem Impuls. Wir können auch vermuten, daß er sich allein nicht sehr viel zutraut, daß er ein verzärteltes Kind war. Das bestätigt sich auch. Er war der jüngste. Nun erzählt er, er habe sich sein Leben lang immer vor allem möglichen gefürchtet. Was das für ein Menschenleben bedeutet, ist klar, aber Sie sehen das Training. Er hat die Welt ausgetastet nach den Möglichkeiten, die ihm gefährlich waren. Daß derartige Menschen den Charakterzug der Vorsicht haben müssen, daß sie derartige Charakterzüge immer mehr befestigen, ist begreiflich. Wir wollen aber sehen, was der Kern seines Lebensstiles ist. Wir möchten die Urform dieses verwöhnten Kindes kennen lernen, und da hilft uns der Einblick in das wichtige Gebiet der ersten Kindheitserinnerungen. Wir konnten feststellen, daß in diesen Erinnerungen immer ein Teil, ein Schnörkel der Urform des Lebensstiles zu finden ist. Ob es echte Erinnerungen sind oder nicht, ist gleichgültig. Eine dieser Erinnerungen unseres Patienten lautet: Als ich mit 6 Jahren in die Schule gehen sollte, hatte ich entsetzliche Furcht, um so mehr als dort ein Junge mich prügeln wollte. Aber im letzten Moment stürzte ich mich auf ihn und warf ihn zu Boden. Es kommt uns der Umstand zugute, daß wir wissen, daß der Lebensstil eines Menschen schon im 4. bis 5. Lebensjahr festgelegt ist und sich nur unter gewissen Einflüssen ändern läßt. So können wir diese Urform vergleichen mit dem, was wir vor uns haben. Es deutet auf einen Menschen, der seine Furcht überwindet, der immer, auf seine Angst blickend, doch mit dem Gefühl des Überwinders durch die Welt geht. Das stimmt auch mit der heutigen Zwangsneurose überein; er hat sich ja noch nie hinuntergestürzt. Er hat immer überwunden. Daraus stammt doch seine Beruhigung, daß er wie in der Kindheit mit der drohenden Gefahr fertig wird. Da er solche Gefahren nicht immer zur Hand hat, ersinnt er sich welche und handelt wie die Kinder, die sich in ein Spiel vertiefen, so daß sie etwa ein anderes Kind als Indianer sehen und es bekämpfen wollen und in der Illusion leben, als wären sie Helden, wenn sie einen Holzsäbel und Papierhelm tragen Wir finden hier genau die gleiche Illusion, wenn uns auch nur ein Teil geboten wird. Den praktischen Teil bietet er uns nicht. Daß er auch Sieger ist, darf er nicht offenbaren, sonst fällt die Bürde weg, und er könnte dieses Spiel, schwer belastet zu erscheinen, nicht mehr spielen. Wir können daraus <!-- S. 700 --> auch den Schluß auf das sogenannte Bewußte oder Unbewußte ziehen, von dem die Individualpsychologie behauptet, daß sie keinen Unterschied in ihrer Zielrichtung aufweisen. Nur der Neurotiker betont die Gegensätzlichkeit in so hohem Maße. Unser Patient etwa lebt in dem Gegensatz: Sieger — Besiegter.

Ich möchte nun schließen, aber nicht ohne zu zeigen, daß Sie auch in diesem einfachen Fall das Training sehen, eine Siegerstellung einzunehmen. Dieser Mann hat es weit gebracht, aber er hat weit mehr geleistet. Er ist mit der Angst, einen Selbstmord zu begehen, durchs Leben gegangen, und nicht nur das: alles, was er bisher erreicht hat, drückt nicht aus, was er hätte erreichen können, wenn er nicht diese Last tragen müßte. Das ist ein eigenartiger Typus in der Neurose, der nicht so leicht zugänglich ist wie andere, wo das Geltungsstreben klar zutage tritt. Aber das Geltungsstreben werden Sie als positiven Faktor für das Verständnis des Seelenlebens immer verstehen. Darauf wollte ich im Zusammenhang der Einwirkungen körperlicher und seelischer Zustände, die sich im Training zeigen, hinweisen.

[^1]: Vortrag, gehalten im Rahmen des Akademischen Vereines für medizinische Psychologie, am 20. Oktober 1927.

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*Fuente:* *Wiener medizinische Wochenschrift* 78 (1928), Nr. 22, 26 de mayo de 1928, S. 697-700 (ANNO / Österreichische Nationalbibliothek, ANNOP wmw19280003, imágenes 641-644). Transcripción a partir del OCR de la ÖNB (tipografía romana), corregida sobre la imagen de las cuatro páginas; el espaciado se reproduce en cursiva. Se respetan las grafías y erratas del original: «ihnen» con minúscula en el primer párrafo, «widerkehren», «bestimmmte», y la falta de punto en «Papierhelm tragen Wir». La nota del asterisco es de la redacción. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
