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Title: Witwenverbrennung und Witwenneurose
Description: Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 6 (1928), Heft 1 (Januar), S. 23-26.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1928-01%20Witwenverbrennung%20und%20Witwenneurose
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# Witwenverbrennung und Witwenneurose

Von Dr. ALFRED ADLER

Jede Neurose und Psychose beginnt angesichts einer neuen Situation. So treten auch in einer Zeit, wo eine Frau Witwe wird, oft leichtere oder schwerere neurotische Erscheinungen auf. Bei einer Anzahl derartiger Fälle wurde mir dieses Bild klarer. Wir können sagen, hier steht die Frau vor einer neuen Situation, auf die sie wie auf ein *Experiment* antwortet und bekundet, wie sie auf ein Leben ohne Ehegatten vorbereitet ist. Einen Menschen in *günstiger* Situation zu beurteilen ist nicht leicht. Denken sie etwa an das von mir oft zitierte Beispiel: Wenn ich die Türe meiner Wohnung dreifach mit Schlössern und Riegeln und Gittern verschliesse, einige Revolver auf den Tisch lege, mich von zwei großen Wachhunden sowie von Polizei und Detektivs bewachen lasse und dann behaupte, ich habe keine Angst, so ist es schwer den Gegenbeweis zu liefern. Was wir als Angst und deren Erscheinungsformen bezeichnen, wird nicht festzustellen sein. Wir Individualpsychologen werden auf dieses Fehlen von Symptomen keinen Wert legen, sondern vielmehr die Bewegung, also hier die vorausgegangenen Vorbereitungen betrachten und zu dem Schluß kommen: Da dieser Mensch sein Leben wie ein Feigling einrichtet, ist er auch ein Feigling. So auch in obigen Fällen. Es kommt oft genug vor, daß eine nunmehr zur Witwe gewordene Frau früher vollkommen gesund erschien. Nun ist es plötzlich anders. *Das* aber ist entscheidend für uns, die wir einen Menschen immer im Zusammenhang mit einer Situation und letztere als Prüfstein betrachten. Die Antwort auf diese Situation erfolgt *bekanntlich gemäß dem Lebensstil der betreffenden Person.* So führt unsere weitere Untersuchung in die Zeit *der Urform dieses Lebensstiles,* in die früheste Kindheit zurück. Und bei genügender Erfahrung sind wir bereits binnen kurzem imstande, den Parallelismus der Urform mit dem Verhalten der Person in einer bestimmten Situation zu erkennen.

Nun möchte ich aus der mir zu Gebote stehenden Erfahrung einige Beispiele von Witwenneurose hervorheben. Der erste Fall betrifft eine Frau von wunderbarer Schönheit. Sie war etwa 30jährig, als sie ihren Mann verlor, mit dem sie in guter Ehe lebte. Von dem Tode ihres Gatten an verfällt sie in die größte Traurigkeit, weint unaufhörlich, will nicht mehr leben, flieht in die kleine Provinzstadt zu ihren Eltern, stellt sich unter die Obhut ihrer Familie und will sich nicht mehr betätigen. Meine Gespräche mit ihr ergaben folgendes: Sie war von der Familie, später auch von ihrem Mann sehr verzärtelt worden und verhielt sich immer „normal“. Ich habe sie bald wieder aus den Augen verloren. Dieser Fall war nicht der erste dieser Art, so daß <!-- S. 24 --> ich ihm schon gerüstet gegenüberstand, was mir die Arbeit sehr erleichterte. Ich sah den Lebensstil eines verzärtelten Kindes, ferner die neue Situation, sowie gewisse seelische Ausdrucksformen, die darauf hinwiesen, daß sie sich dem Problem, allein zu bleiben, nicht gewachsen fühlte. Nun wird klar, weshalb ich dieses Kapitel „Witwenverbrennung“ nannte: weil die indischen Witwen, die sich nach dem Tode des Gatten verbrennen ließen, dies in der gleichen Situation aus dem diese Frau in die Melancholie verfällt, tun, sie fühlen sich der neuen Situation nicht gewachsen. Ich habe Patienten gesehen, die so verzärtelt waren, daß sie mit Selbstmord, Morphium usw. drohten, wenn ihr Wille einmal nicht gleich erfüllt wurde. Die Befriedigung ihres Zärtlichkeitsbedürfnisses stellen diese Menschen über alle anderen Fragen des Lebens. Nun stelle man sich diese Frau vor, die, von früherer Zeit her so verzärtelt, noch einmal starten soll als Witwe, und nicht mehr jung genug. Das ist ein leichtes Problem, und man kann verstehen, daß gerade verzärtelte Menschen mit wenig Mut hier zittern und zögern.

Ein anderer Fall: Eine ältere Frau (Beginn der Vierziger), die eine Tochter hatte, welche ihr einige Schwierigkeiten machte. Beim Tode des Mannes griff eine Verstimmung Platz. Sie kleidete sich nach der Art ganz alter Frauen. Schon das war ein eindrucksvoller Anblick, der zeigt, daß sie sich alt machen, abbauen will. Das läuft parallel mit dem Gedanken, auf den Tod zu warten, zu sterben, nichts mehr anzufangen. Diese Frau kam nicht darüber hinaus, den Mann in den Himmel zu erheben, so als wollte sie sich an ihn klammern, um nichts anderes denken zu müssen. Einst erzählte sie mir, ein Mann habe in der Eisenbahn mit ihr kokettiert und sie dann angesprochen. Das berichtet sie mit freudiger Miene, freilich, um dann gleich wieder in Traurigkeit zu verfallen und vom toten Gatten zu schwärmen. Hier tritt ein „*Ja*“ stark hervor, aber immer gefolgt von einem „*aber*“. Dieses *Ja—aber!* ist wohl die beste und kürzeste Definition der Neurose.

Ein dritter Fall: Eine verzärtelte Frau, die als übermütiges Wesen geschildert wird, auch sich selbst so schildert und sich durch nichts hindern ließ, ihren Willen durchzusetzen, ohne jemals die Grenzen des Anstandes zu verlassen, hatte eine erwachsene Tochter, die sich nur mit alten Frauen umgab, ein ruhiges häusliches Leben führte, und der Mutter wegen ihrer Unbesonnenheit öfters Vorhaltungen machte. Die Mutter trachtet in der Gesellschaft die erste Rolle zu spielen, ist, wenn sie selbst Gäste einladet, außerordentlich aufgeregt, kann die Nacht vorher nicht schlafen, zeigt sich sehr ehrgeizig und hat Neigungen in Gesellschaft zu gehen, freilich nur an solchen Tagen, an welchen sie nicht, wie seit dem Tode des Gatten, öfters an Verstimmungen leidet, sich müde fühlt und Schmerzen und Beschwerden körperlicher Natur zeigt und aggraviert. Diese Frau, die auch während der Behandlung stets sehr heiter ist, ist seit etwa ¾ Jahren unpäßlich, schließt sich ein, hat immer mit dem Termophor zu tun, gilt als unfähig und krank. Sie hat eine auffallende Neigung alt zu erscheinen, spricht immer vom Alter, manchmal humorvoll, aber ihr Streben ist dahin gerichtet, sich als alte Frau hinzustellen. Sie hat früher viel Sport getrieben, heute spielt sie höchstens Karten.

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Von dieser Frau kann ich folgenden Traum erzählen: Sie ist in einer zu einem Ausflug gerüsteten Gesellschaft, was sie seit dem Tode ihres Mannes nicht mehr getan hat. (Sie fühlt sich nach einer kurzen Kur sehr wohl, hat schon verschiedenes unternommen, was sie seit Jahren unterlassen hat, viele Symptome sind verschwunden, sie hat sich sogar ein etwas jugendlicheres Kleid gemacht.) Sie wartet nur auf die Tochter, die nicht kommt, macht sich auf die Suche nach ihr, hat verschiedene Schwierigkeiten dabei und findet sie endlich irgendwo. Die Tochter erzählt, sie sei nicht geneigt mitzutun, sondern habe lieber im Prater einen Spaziergang unternommen. Die Deutung des Traumes ergibt sich aus unserer Erkenntnis des Zieles. Die stets mahnende Tochter leistet Widerstand, und zieht den old fashioned vor. Der Traum hinterläßt die Stimmung: meine Tochter und mit ihr vielleicht alle anderen weisen mir den Weg zur Abkehr von der Jugend. Die Tochter macht ja immer der Mutter Vorwürfe, daß sie sich zu wenig schone.

Sie haben vielleicht schon öfters von Patienten gehört, daß sie manchmal aufwachen und nicht wissen, wo sie den Arm oder den Fuß haben. In der Literatur ist dies meist mit einer ungünstigen Lage in Zusammenhang gebracht, wodurch eine Parästhesie (Einschlafen der Hand) zustande kommt. Diese Patientin erzählt mir, daß auch der Vater, so wie sie, solche Erscheinungen aufweise. Einzelne Autoren denken an Tetanie. Ich kann über ähnliche Erscheinungen berichten. Z. B. daß Menschen mit Schmerzen in den Armen oder Beinen aufwachen. Das sind Menschen, die eine Position im Schlaf einnehmen, als müßten sie habt Acht liegen. Diese Patientin, die immer aufbrausend war wie ihr Vater, schläft mit geballten Fäusten.

Ich kann noch ein Beispiel mitteilen, das zeigen soll, wie von einem Fall auf einen anderen geschlossen werden kann. Es handelt sich um eine Frau, die nach dem Tode ihres Mannes in Melancholie verfiel. Eine 40jährige, rüstige, reiche Frau, mit vier Kindern, die mit dem Mann in der glücklichsten Ehe lebt, bis sie eines Tages bemerkte, daß er das Dienstmädchen streichelte. Sie war seither sehr hart zu ihm und verzieh ihm nie mehr. Nach seinem Tode aber machte sie sich heftige Selbstvorwürfe, als ob sie durch ihr Verhalten den Tod ihres Mannes mitverschuldet hätte. Nur: je mehr sie sich Vorwürfe über ihre Behandlung des Mannes macht, desto deutlicher weist sie auf den Akt der Untreue hin. Nicht so, daß sie den Mann anklagt, sondern indem sie sich anklagt. Auch da sehen wir, wie bei der ebenfalls verzärtelten Frau, — und alle obigen waren verzärtelte Kinder gewesen, — die auf ihre Ehe so stolz war, nach dem Tode ihres Mannes die Angst auftritt, ihr Leben nicht allein weiterführen zu können, besonders da sie auch ihre Ehe nicht als geglückt ansehen konnte. Dazu muß man bedenken, daß Kinder da sind. Daher ist ihre Krankheit auch für die Kinder ein Ansporn, sich mehr mit der Mutter zu beschäftigen, sich mehr für sie zu interessieren. Man kann sich des Gedankens in keiner Weise entschlagen, daß diese Art der neurotischen „Witwenverbrennung“ ein Versuch ist, sich als alt, unfähig und ungeeignet für das Leben zu erweisen und der Verantwortung zu entrinnen. Mir kam in diesem Zusammenhang immer das Wort „Abbau“ in den Sinn. Wenn wir uns fragen, <!-- S. 26 --> wozu dieser Abbau gut ist, so finden wir zwei scheinbare Vorteile darin. Der eine ist der eben genannte, die Ausschaltung des Liebeslebens, oder einer neuerlichen Erprobung überhaupt im Leben. Der zweite, der vermehrte Druck auf die Kinder, sich mit der Mutter mehr zu befassen. Immer betrifft diese tragische Verwandlung außerordentlich verzärtelte Menschen, die bis zum Tode des Mannes keine, irgendwie nennenswerte neurotische Symptome gezeigt haben, obwohl sich die Drüsensekretion usw. ohne psychische Störung verhält. Immer finden wir in diesem Zustande Frauen, die eine Glanzrolle spielen wollen, sich aber nicht mehr stark genug fühlen daran zu gehen und daher auf die unnützliche, neurotische Seite des Lebens mit einem: „Ja—aber!“ abbiegen.

Eine der vielen Fragen, die sich hier auftun, ist nun die, ob ähnliche Erscheinungen nicht auch bei Witwern vorkommen. Ich kann diese Frage bejahen. Nur habe ich hier die Beobachtung gemacht, daß dies meist Männer sind, die unter dem Druck einer starken Frau gestanden haben und sich vor einer zweiten Ehe behüten wollen. Auch hier verläuft die Neurose meist im Bilde einer Melancholie mit Depression, Abmagerung, Schlaflosigkeit und Selbstvorwürfen.

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*Fuente:* *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 6 (1928), n.º 1, págs. 23-26 (número completo digitalizado en Internet Archive). Transcripción a partir del OCR de archive.org, corregida y cotejada íntegramente con las imágenes de página. Las cursivas reproducen las del impreso. Se respetan las lecturas del original: «Denken sie» (con minúscula), «verschliesse», «aus dem diese Frau», «Das ist ein leichtes Problem» (probablemente errata por «kein leichtes»), «habt Acht», «Termophor». El titulillo de la pág. 26 dice por error «Dr. PAUL GOLDBERGER», autor del artículo siguiente.
