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Title: Eine Kundgebung des geistigen Wien
Description: Arbeiter-Zeitung (Wien), Morgenblatt, Nr. 108, 20. April 1927, S. 1. Aufruf zur Nationalrats- und Gemeinderatswahl vom 24. April 1927, unterzeichnet von Alfred Adler und 38 weiteren Wiener Wissenschaftlern und Künstlern.
Author: Alfred Adler y otros
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1927-04-20%20Eine%20Kundgebung%20des%20geistigen%20Wien
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<!-- S. 1 -->

# Eine Kundgebung des geistigen Wien.

## Ein Zeugnis für die große soziale und kulturelle Leistung der Wiener Gemeinde.

Angesichts des politischen Kampfes in dieser Stadt fühlen wir uns vor unserem Gewissen verpflichtet, folgende Erklärung abzugeben:

Der geistig wirkende Mensch steht zwischen und über den Klassen. Er kann sich *keinem politischen Dogma beugen*, denn der *Geist* allein ist es, der die neuen Wirklichkeiten schafft, deren sich die Politik erst später bemächtigt. Ein Augenblick aber wie dieser verlangt von uns Entscheidungen, die im *geistigen* Sinne getroffen werden müssen.

Es ist nicht unsere Absicht, in den Kampf der Wirtschaftsauffassungen einzugreifen und zu Steuerfragen etwa das Wort zu nehmen. Nach unserer Meinung haben Staat und Gesellschaft die Pflicht, dem einzelnen Menschen das Leben zu erleichtern und nicht zu erschweren. Wir verwerfen daher alle unbillige Härte obrigkeitlicher Forderungen.

Es wäre aber ein *wahres Versäumnis, wenn man im Abwehrkampf gegen Steuerlasten die große soziale und kulturelle Leistung der Wiener Stadtverwaltung übersähe*. Diese große und fruchtbare Leistung, welche die Bedürftigen leiblich betreut, die Jugend nach den besten Prinzipien erzieht und entwickelt, den Strom der Kultur in die Tiefe leitet, *diese Taten wollen gerade wir anerkennen*, dieses überpolitische Werk möchten gerade wir *erhalten* und *gefördert* wissen. Geist und Humanität sind ein und dasselbe. Sie vermögen die lauten und gierigen Gegensätze des materiellen Lebens zu mildern.

Mögen auch die ökonomischen Bewegungen und politischen Schlagworte schreiend den Vordergrund behaupten, *wir werden uns nicht betäuben lassen*. Wir können das Opfer des beseelten Intellekts nicht bringen. Wir müssen daher *dem Versuch entgegentreten*, die Oeffentlichkeit durch eine wirtschaftliche Kampfparole zu blenden, die aber in Wirklichkeit nur auf den *Stillstand*, ja auf den *Rückschritt* abzielt.

Wesen des Geistes ist vor allem *Freiheit*, *die jetzt gefährdet ist, und die zu schützen wir uns verpflichtet fühlen*. Das Ringen um *eine höhere Menschlichkeit* und der *Kampf gegen Trägheit und Verödung* wird uns immer bereit finden. Er findet uns auch jetzt bereit.

Dr. Alfred *Adler*.  
Wilhelm *Börner*, Schriftsteller.  
Artur *Brusenbauch*, akademischer Maler.  
Professor Karl *Bühler*, Vorstand des Psychologischen Instituts der Universität Wien.  
Franz *Cizek*, Professor der Kunstgewerbeschule.  
Leo *Delitz*, akademischer Maler.  
Josef *Dobrovsky*, akademischer Maler.  
Karl *Forest*, Schauspieler und Regisseur des Deutschen Volkstheaters.  
Dr. Siegmund *Freud*, Professor an der Universität Wien.  
Dr. Max *Graf*, Schriftsteller, Professor an der Akademie für Musik und darstellende Kunst.  
Fritz *Grünbaum*, Schriftsteller, Direktor des Stadttheaters.  
Dr. Fanina *Halle*, Schriftstellerin.  
Anton *Hanak*, akademischer Bildhauer, Professor an der Kunstgewerbeschule.  
Albert *Heine*, Hofrat, Direktor des Burgtheaters a. D., Regisseur und Schauspieler, Professor an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst.  
Josef *Jarno*, Direktor der Renaissancebühne.  
Dr Hans *Kelsen*, Professor an der Universität Wien.  
Dr. Wilhelm *Kienzl*, Komponist.  
Theodor *Klotz-Dürenbach*, akademischer Maler.  
Dr. Rudolf *Kraus*, Professor an der Universität Wien.  
Professor Ernst *Lichtblau*, Architekt.  
Primarius Dr. Robert *Lichtenstern*.  
Alma Maria *Mahler*.  
Maria *Mayer*, Burgschauspielerin.  
Georg *Merkel*, akademischer Maler.  
Margarete *Minor*.  
Dr. Robert *Musil*, Schriftsteller.  
Dr. Wilhelm *Neubauer*, Professor an der Hochschule für Bodenkultur.  
Ferdinand *Onno*, Schauspieler am Deutschen Volkstheater.  
Alfred *Polgar*, Schriftsteller.  
Professor Otto *Prutscher*, Architekt.  
Professor Helene *Rauchberg*.  
Franz *Salmhofer*, Komponist.  
Karl *Schneller*, Schriftsteller.  
Dr. Oskar *Strnad*, Architekt, Professor an der Kunstgewerbeschule.  
Dr. Anton *Webern*, Tonkünstler.  
Dr. Egon *Wellesz*, Dozent an der Universität Wien.  
Franz *Werfel*, Schriftsteller.  
Professor Karl *Witzmann*, Architekt.  
Franz *Zülow*, akademischer Maler.

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*Fuente:* Arbeiter-Zeitung (Wien), Morgenblatt, Nr. 108, 20. April 1927, S. 1 (texto colectivo; Adler firma en primer lugar, por orden alfabético). Transcripción del texto completo y de la lista de firmantes a partir de la imagen de página de ANNO (Österreichische Nationalbibliothek, aze/19270420/1), con ayuda de un OCR Fraktur propio; todos los nombres se han cotejado con la imagen (la lista está impresa en dos columnas: Adler, Börner y Brusenbauch al pie de la primera; el resto en la segunda). En el original los apellidos de los firmantes van espaciados (aquí en cursiva). «Dr Hans Kelsen», sin punto, así en el impreso.
