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Title: Individualpsychologie und Weltanschauung
Description: Autoreferat des Vortrags auf dem I. internationalen Kongreß für Individualpsychologie, München, Dezember 1922. Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 2 (1923), Nr. 2 (November 1923), S. 30-31.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1923-11%20Individualpsychologie%20und%20Weltanschauung
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<!-- S. 30 -->

<!-- El texto abre el «Bericht über den I. internationalen Kongreß für Individualpsychologie in München, 1922. Dezember (Autoreferate)» (título de la redacción, no de Adler). Le sigue en la pág. 31 el autorresumen de Leonhard Seif, «Über die Bedeutung der Tendenz zur Konfliktlosigkeit im Leben und in der Neurose», que no se transcribe. -->

DR. ALFRED ADLER (Wien):

# Individualpsychologie und Weltanschauung.

Den Anspruch auf ihre Bedeutung bezieht die Individualpsychologie nicht in erster Linie aus der Sicherheit ihrer therapeutischen Erfolge bei nervösen und seelischen Erkrankungen aller Art; wichtiger scheint uns, daß wir in der Lage sind, bei Kranken und ihrer meist angegriffenen Umgebung den gesunkenen Lebensmut wieder zu heben, ihre Lebens- und Genußfähigkeit wieder herzustellen und sie zu richtigen Mitspielern der Gesellschaft zu machen. Am meisten erhebt uns der Gedanke und die Erwartung, daß wir imstande sind, *dem unbekannten Kinde, dem uns unerreichbaren Erwachsenen* ein Matyrium zu erleichtern oder zu ersparen. Daß unsere Lehren aus dem Bereich der Krankenbehandlung, der individuellen Erziehung, heraustreten, daß sie Prophylaxe werden, Weltanschauung, darin erblicken wir unsere Aufgabe.

Betonen wir zuerst unseren Standpunkt, der aus einer Gegebenheit, aus einer uns teilweise erfaßbaren *absoluten Wahrheit* entwickelt ist, aus der Stellung des Menschen zu den Förderungen und Angriffen der Natur. Es ist leicht ersichtlich, — die großen Anstrengungen in der kulturellen Entwicklung weisen darauf hin —, daß ein dauerndes Gefühl der Unsicherheit und Minderwertigkeit die Menschheit zu sichernden Versuchen drängt und drängen wird. Die Hinfälligkeit des menschlichen Organismus gegenüber der Natur hat innerhalb seiner Entwicklungsmöglichkeiten seine Leistungsfähigkeit geschaffen. Seine Leistungsfähigkeit stammt aus einer realen Not, die ein *Gefühl der Minderwertigkeit* als wesentlichen Inhalt des menschlichen Seelenlebens dauernd unterhält. Alle Lebensformen des Menschen, alle seelischen Phänomene sind Mittel und Wege, diese Unsicherheit zu bannen. Die individuellen Varianten, die Größe oder Kleinheit der dabei zustande gekommenen *Irrtümer*, schaffen das Bild der individuellen Persönlichkeit.

<!-- S. 31 -->

Die *Grundsicherung* für die Erhaltung des Menschengeschlechtes liegt in der Gruppenbildung mit ihren gegenseitigen Hilfen, der Arbeitsteilung. Aus Not und Gemeinschaft stammen die Impulse zur Ausgestaltung von Sprache, Verstand und Logik, Ethik und Ästhetik, Leistungen des Gemeinschaftsgefühls, die nur bei entwickeltem Gemeinschaftsgefühl gedeihen

In dem sich gestaltenden Bezugssystem zwischen Mensch und Umwelt gibt es demnach laut Feststellung durch die Individualpsychologie zwei miteinander verbundene, dem Seelenleben zugrunde liegende angeborene Faktoren, deren Größe und Ausbildung und gegenseitige Beeinflussung das Wesen der Persönlichkeit ausmachen: Minderwertigkeitsgefühl und Gemeinschaftsgefühl als Knotenpunkte der Bahn, die zur Aufhebung des ersteren führen soll, als der bedeutsamste Versuch, die Angriffe der Außenwelt zu beseitigen. Die Lösung dieser ununterbrochenen drängenden Aufgabe ist der *Sinn des Lebens* der Menschheit und des einzelnen. Die Erkenntnis dieser Aufgabe, die als absolute innerhalb des Bezugssystems Mensch — Natur begründete Forderung die Kräfte des menschlichen Organismus *teleologisch* bewegt, und des Weges zu ihrer Lösung durch die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls sind die Grundpfeiler unserer Individualpsychologie. Die Leiden der Menschheit und des einzelnen als Folgen verfehlter Lösungsversuche — insbesondere die Neurose und Psychose als hierher gehörige Irrtümer erkannt zu haben, ist die Leistung der Individualpsychologie; ebenso das Verständnis dafür geschaffen zu haben, daß jeder andere Weg als der der Gemeinschaft charakterisiert ist durch Hoffahrt, Herrschsucht, Gewalt, List, Eigenliebe, Eitelkeit und ihre Folgen, kurz durch eine Störung in einer absoluten Logik des menschlichen Zusammenlebens und seiner Folgen.

Alle großen Leistungen der Massenseele gingen den gleichen Weg: Sicherungen zu schaffen und dadurch eine Milderung der Angriffe der Natur (Gruppenbildungen, Gesetzgebungen, Religionen, geniale Leistungen). Der vorläufig letzte Versuch, eine Milderung zu erzielen in dem Prozesse, den die Natur gegen uns angestrengt hat, ist die Individualpsychologie. Der Prozeß ist unerbittlich, — viel strenger als wir selbst. Er bedroht den Neurotiker und Psychotiker nahezu mit der Ausrottung. Unfähigkeit zum beruflichen und gesellschaftlichen Leben, Niedergang und Verkommen ganzer Familien und Völker liegen auf diesem Wege. Freudlosigkeit, Alkoholismus, Verbrechen, Geschlechtskrankheiten, Perversionen, Impotenz, Kinderscheu, Frigidität und Ablehnung von Liebe und Ehe kennzeichnen diesen Niedergang. Die Züchtung persönlichen Hochmuts drosselt das Gemeinschaftsgefühl. Der Schlüssel zum Verständnis für ein uraltes Verhängnis der Menschheit, aus Unkenntnis und Irrtum entsprungen, ruht sicher in den Grundanschauungen der Individualpsychologie. Ihre Weltanschauung ist stärkste Sicherung des Menschengeschlechtes.

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*Fuente:* Alfred Adler, «Individualpsychologie und Weltanschauung», autorresumen (*Autoreferat*) de su ponencia en el I Congreso Internacional de Psicología Individual (Múnich, diciembre de 1922), en «Bericht über den I. internationalen Kongreß für Individualpsychologie in München, 1922. Dezember (Autoreferate)», *Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie* 2 (1923), n.º 2, noviembre de 1923, págs. 30-31. Transcripción del fascículo digitalizado en archive.org (IZI_II_1923_2), a partir de un OCR propio (Tesseract) corregido íntegramente sobre las imágenes de las páginas (hojas 31-32 del escaneo); el OCR de la plataforma es muy defectuoso en la pág. 31. Se respetan «Matyrium» (por *Martyrium*) y la falta de punto tras «gedeihen», tal como se imprimieron. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa.
