---
Title: Wo soll der Kampf gegen die Verwahrlosung einsetzen? [Auszug]
Description: Soziale Arbeit (Wien: Wilhelm Braumüller), Oktoberheft 1921 (nicht erhalten). Hier nach dem auszugsweisen Abdruck im Neuen Wiener Abendblatt (Abendausgabe des Neuen Wiener Tagblatts), 12. Oktober 1921, Nr. 280, S. 4, Rubrik «Bildungswesen», unter dem Titel «Mißerfolge in der Schule. Häufige Ursachen der Verwahrlosung».
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1921-10%20Wo%20soll%20der%20Kampf%20gegen%20die%20Verwahrlosung%20einsetzen
---


<!-- Texto parcial. El artículo de Adler apareció en el cuaderno de octubre de 1921 de la revista vienesa «Soziale Arbeit», que no se ha podido consultar. Se transcribe la noticia sin firma del Neues Wiener Abendblatt que lo extracta: el primer párrafo y la frase de presentación del segundo («Von einem bisher wenig beachteten ... Er antwortet darauf:») son del periódico; lo que sigue, sin comillas, reproduce el texto de Adler, al parecer literalmente o casi, con cortes que no pueden precisarse. Véase el pie. -->

<!-- Neues Wiener Abendblatt, 12. Oktober 1921, S. 4, Rubrik «Bildungswesen». -->

<!-- S. 4 -->

## Mißerfolge in der Schule.

### Häufige Ursachen der Verwahrlosung.

<!-- Párrafo del periódico, no de Adler. -->

Erziehungsfehlschläge belasten die Familie und die Schule. Soll die Schule es den Kindern leicht oder schwer machen, soll sie eine Vorbereitung fürs Leben sein und vor Härten nicht zurückschrecken? Das sind Probleme, die sich uns tagtäglich immer wieder aufdrängen. Die besten unsrer Mitschüler haben nicht das gehalten, was sie versprachen; sie waren den Schwernissen und Bitternissen des Alltags nicht gewachsen. Andre wieder, die durch die strengen „Züchter“ verschüchtert und verkümmert aus der Schule traten, hat die freie Entwicklung zu ungeahnten Erfolgen verholfen. Erziehungsfehler rächen sich an der Menschheit; sie sind hier schwerer gut zu machen als bei mißhandelten Pflänzchen. Verwahrlosung und Elend sind die Früchte, die irrende Menschen gezogen.

<!-- Presentación del periódico hasta «Er antwortet darauf:»; desde ahí, texto de Adler. -->

Von einem bisher wenig beachteten, doch psychologisch sehr einleuchtenden Einfluß berichtet Dr. Alfred *Adler* in der Oktobernummer der „Sozialen Arbeit“ (Verlag Wilhelm Braumüller) in einem Artikel „Wo soll der Kampf gegen die Verwahrlosung einsetzen?“ Er antwortet darauf: *Die Verwahrlosung beginnt bei Mißerfolgen in der Schule.* Diese auffällige Tatsache wird in ihrer Bedeutung bis heute vollkommen verkannt. Man hält es wohl für gleichbedeutend, daß ein Kind einerseits verwahrlost, anderseits die Aufgaben der Schule vernachlässigt, und man geht stillschweigend darüber hinweg wie über eine Selbstverständlichkeit, daß mißratene Kinder der Schule ausweichen. *Wie aber wäre der Eindruck, wenn sich herausstellte, daß Kinder verwahrlosen, weil sie vor ihren Aufgaben Reißaus nehmen?* Wer in der Kinderstube, in der Familie nicht für die Gesellschaft und für die Mitarbeit gewonnen wird, wird fortan auf unsozialen Wegen gefunden werden. Kann ihn die Schule auch nicht erlösen, erschwert sie ihm vielmehr wissentlich oder ohne ihr Wissen die Einkehr zur Mitarbeit, so leistet sie seinen Vorbereitungen zur Verwahrlosung Vorschub. Sie macht sich mitschuldig, wenn sie dem Kind die Abkehr von der Mitarbeit erleichtert. Es bleiben dann dem Kinde nur wenige Möglichkeiten übrig. Unter ihnen ist die Verwahrlosung die greifbarste und verlockendste.

Die Aufgabe der Schule wäre es demnach, darauf zu achten, *daß die Kinder vor den vorliegenden Forderungen nicht zurückscheuen.* Schon das ist eine Aufgabe, die zu ihrer Lösung ein volles individualpsychologisches Verständnis erheischt. Denn die Ausbiegung des Kindes müßte, um glatt und ohne große Mühe erledigt zu werden, gleich im Anfang erkannt und kunstgerecht behandelt werden. Mit schlechten Noten und Strafen kommt man diesem Typus von Kindern nicht bei, der zur Verwahrlosung neigt.

Es handelt sich um eine große Zahl von Kindern, deren erste Kindheit sich in einer ungedeihlichen Situation abspielt. Durch den Druck der Umgebung, auch in Form von Verzärtelung, wird ihr Geltungsstreben hochgradig gereizt, so daß sie mit Ungeduld und innerem Zagen vor den Aufgaben ihres kleinen Lebens stehen. Sie brechen zusammen, werden faul und indolent, wenn sie Schwierigkeiten begegnen, suchen nach Ausflüchten oder werden menschenscheu und schüchtern. Immer sehen sie das Weltbild düster und pessimistisch, finden schwer den Zugang zu Kameraden und Erwachsenen, sind immer im Kampf mit ihrer Umgebung, der oft lautlos und im Verborgenen vor sich geht, denken immer nur an sich und nicht an die andern und sind von einem andauernden Gefühl der Feindseligkeit erfüllt, das sie auch bei den andern voraussetzen. Ihre Empfindlichkeit, oft der Wahrnehmung andrer entzogen, ist immer auf die Spitze getrieben. Ihre Sehnsucht geht nach Befriedigung einer durchaus unstillbaren Eitelkeit, *ein meist unlösbares Problem, das sie zwingt, die normalen Wege zu meiden.* Treten ihnen Schwierigkeiten entgegen, wie sie die Schule regelmäßig bietet, so kommt es zur Ausbiegung.

Unter ihnen gibt es viele, die sich so im Besitze einer freibleibenden Aktivität finden. Von ihrer Eitelkeit getrieben, werfen sie sich auf die Wege der Verwahrlosung, immer in gleichbleibender Distanz zu ihren wirklichen Aufgaben. Die unausgefüllte Zeit, die eigene Selbstgefälligkeit und die Gier, die Bewunderung Gleichgesinnter zu erringen, zwingt sie zur verbotenen Tat. Mut und Stärke verleiht ihnen das Bewußtsein geübter List und Verschlagenheit und die Erinnerung an ihre unentdeckt gebliebenen Missetaten.

Man wird nun verstehen, wie aus all den genannten Gründen und Zusammenhängen in unsrer Kultur der Schule die Aufgabe zufällt, Schäden der Familienerziehung auszumerzen, insbesondere aber sie nicht zur Vollendung zu bringen. Mit dieser Feststellung ist die Bedeutung der Individualpsychologie für die Lehrerausbildung unzweideutig dargetan, gleichzeitig mit der unausweichlichen Verpflichtung der Schule, im Kampf gegen die Verwahrlosung an den richtigen Platz zu rücken.

---

*Fuente:* *Neues Wiener Abendblatt* (edición de tarde del *Neues Wiener Tagblatt*), Viena, n.º 280, miércoles 12 de octubre de 1921, p. 4, sección «Bildungswesen», noticia sin firma titulada «Mißerfolge in der Schule. Häufige Ursachen der Verwahrlosung»; en ANNO (Österreichische Nationalbibliothek) va encuadernada con el *Neues Wiener Tagblatt* de ese día (ANNO_nwg19211012, imagen 20), por lo que el inventario la cita como «Neues Wiener Tagblatt, S. 20». Transcripción hecha directamente sobre la imagen de la página (Fraktur), con ayuda del OCR de la ÖNB y de un OCR propio, ambos muy defectuosos (copia local en `materiales/1921/1921-10-12_Wo-soll-der-Kampf-gegen-die-Verwahrlosung-einsetzen_Auszug_Neues-Wiener-Tagblatt-S20__anno/`). El artículo original de Adler, «Wo soll der Kampf gegen die Verwahrlosung einsetzen?», apareció en el cuaderno de octubre de 1921 de *Soziale Arbeit* (Viena, Wilhelm Braumüller), que no está en ANNO y no se ha podido consultar. **Texto parcial:** el primer párrafo de la noticia (sobre los fracasos educativos en general) y la frase con que presenta el artículo son del periódico; desde «Die Verwahrlosung beginnt bei Mißerfolgen in der Schule» la noticia reproduce sin comillas, en estilo directo y con el vocabulario propio de Adler (*Ausbiegung*, *Geltungsstreben*, *Verzärtelung*, *freibleibende Aktivität*, *Distanz*, *Mitarbeit*), lo que parece el texto mismo del artículo o un extracto literal de él; no puede saberse qué se ha omitido, ni descartarse algún retoque de la redacción, sobre todo en el último párrafo, que tiene aire de conclusión. Se publica en la sección de escritos de Adler, y no entre las crónicas, porque no es la reseña de una conferencia sino la reproducción de un artículo suyo. Ortografía original («unsrer», «andrer», «erheischt»); las palabras espaciadas se dan en cursiva. La ese larga (ſ) se transcribe «s».
