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Title: Verwahrloste Kinder
Description: Vortrag im April 1920. In Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, Kap. XXVIII, S. 237-244
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1920-04%20Verwahrloste%20Kinder
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<!-- S. 237 -->

XXVIII.

# Verwahrloste Kinder.

Vortrag im April 1920.

Unter den Kriegsfolgen, mit denen das Volk beglückt wurde, steht nicht an letzter Stelle die ausserordentliche Steigerung der Verwahrlosung der Jugend. Sie ist wohl allen aufgefallen und mit Schaudern haben alle davon Kenntnis genommen; denn die veröffentlichten Zahlen waren bedeutsam und können nur übertroffen werden durch die Überlegung, die uns sagt, dass auch nicht der kleinere Teil davon uns zum Bewusstsein kommt, sondern dass eine Unzahl von anderen Fällen in der Verschwiegenheit sich abspielt, Monate lang, Jahre lang, bis endlich Menschen vor uns stehen, die man nicht mehr zu den Verwahrlosten, sondern zu den Verbrechern zählen muss. Die Zahlen sind gross; die Zahl derer, die nie in einer Statistik vorkommen, ist grösser. Denn das meiste spielt sich anfangs im Familienkreis ab. Man hofft von Tag zu Tag auf eine Änderung, versucht auch irgendwelche Mittel, und da es eine Anzahl von Vergehen unter den Verwahrlosten gibt, die nicht direkt mit dem Strafgesetz und Jugendgericht zu tun haben, die aber doch die Familie schwer schädigen, so werden sie verschleiert, ohne dass eine Änderung im Wesen des Verwahrlosten eintritt. Allerdings, es ist nicht angebracht, den Fehlern und Vergehen der Jugend gegenüber die Hoffnung zu verlieren, obwohl bei der ausserordentlich mangelhaften Erkenntnis und bei der Verständnislosigkeit, mit der man ihnen zumeist gegenübersteht, nicht allzuviel Hoffnung gerechtfertigt ist. Doch muss hervorgehoben werden, dass in der Entwicklungslinie jedes Menschen, besonders in der Jugend, nicht alles nach idealen Normen abläuft, sondern dass oft Ausartungen vorkommen, und wenn wir an unsere eigene Jugend und die unserer Kameraden zurückdenken, so werden wir eine grosse Fülle von Verfehlungen vor Augen haben, auch von Kindern, die doch in der späteren Zeit halbwegs tüchtige oder sogar hervorragende Menschen geworden sind. Wie weit verbreitet in der Jugend Vergehungen sind, mag Ihnen ein flüchtiger Überblick zeigen. Ich habe gelegentlich in taktvoller Weise Untersuchungen in Schulklassen gepflogen, die den einzelnen nicht verletzen konnten. Auf ein Blatt Papier, welches nicht mit Namen zu versehen war, wurde Antwort auf die Fragen gegeben, ob ein Kind jemals gelogen oder gestohlen habe, und gewöhnlich war das Ergebnis, dass sämtliche Kinder kleine Diebstähle zugaben. Interessant war ein Fall, in dem sich auch die Lehrerin an der Beantwortung beteiligte und sich auch eines eigenen Diebstahls erinnerte. Nun bedenken Sie einmal die Komplikation dieser Frage! Der eine hat einen nachsichtigen und verständnisvollen Vater, der mit ihm zurecht zu kommen sucht, und es gelingt ihm in vielen Fällen. Der andere, der <!-- S. 238 --> vielleicht genau dasselbe getan hat, vielleicht nur auffälliger, ungeschickter, verletzender, wird sofort von der ganzen Wucht der häuslichen Disziplin getroffen, und man züchtet in ihm die Überzeugung, dass er ein Verbrecher sei. So kann es uns nicht wundern, dass das verschiedene Mass der Beurteilung zu verschiedenen Ausgängen führt. Es ist das schlechteste Prinzip von allen schlechten Prinzipien in der Erziehung, einem Kind vorauszusagen, dass aus ihm nichts werden wird, oder dass es eine Verbrechernatur besitzt, Anschauungen, die in das Reich des Aberglaubens führen, obwohl auch Gelehrte von geborenen Verbrechern sprechen. Damit sind wir bei dem Punkt angelangt, an dem die landläufige Erziehung kein Mittel kennt, mit der beginnenden oder vorgeschrittenen Verwahrlosung fertig zu werden. Das darf uns nicht wundernehmen, weil es sich hier um Vorgänge im kindlichen Seelenleben handelt, deren Verständnis vorläufig noch auf einen ausserordentlich kleinen Kreis beschränkt ist.

Wenn wir von Verwahrlosung sprechen, haben wir gewöhnlich die Jahrgänge der Schule im Sinn. Aber der erfahrene Untersucher wird eine Anzahl von Fällen aufweisen können, deren Verwahrlosung schon vor der Schulzeit vollzogen ist. Man kann sie nicht immer der Erziehung zuschreiben. Die Eltern mögen sich gesagt sein lassen: so fleissig sie auch ihr Werk betreiben, jener Anteil der Erziehung, von dem sie nichts wissen oder merken, der aus anderen Kreisen eindringt, jener Erziehung, die das Kind beeinflusst, ohne dass sie es wissen, ist viel grösser als der Einfluss der bewussten Erziehung. Es sind eigentlich die gesamten Umstände, die gesamten Verhältnisse des Lebens und der Umwelt, die in die Kinderstube hinein ihre Wellen entsenden. Das Kind wird von der Schwere der Erwerbsverhältnisse des Vaters getroffen, es merkt die Feindseligkeit des Lebens, auch wenn man nicht davon spricht. Es wird sich eine Anschauung mit unzulänglichen Mitteln bilden, kindlichen Auffassungen, kindlichen Erfahrungen. Aber diese Weltanschauung wird für das Kind zur Richtschnur, es wird in jeder Lage diese Weltanschauung zugrunde legen und entsprechende Nutzanwendungen ziehen. Letztere sind grösstenteils unrichtig, weil man es mit einem unerfahrenen Kind zu tun hat, dessen Logik unentwickelt ist, das Fehlschlüssen unterworfen ist. Aber bedenken Sie den gewaltigen Eindruck, den ein Kind bekommt, dessen Eltern in schlechter Wohnung und gedrückter sozialer Lage leben, gegenüber dem eines Kindes, bei dem dieses Gefühl der Feindseligkeit des Lebens nicht so deutlich wird. Diese zwei Typen sind so verschieden, dass man es jedem Kind am Sprechen, ja am Blick ansehen kann, zu welchem es gehört; und der zweite Typus, der sich mit der Welt leichter befreundet, weil er von ihren Schwierigkeiten nichts weiss oder sie leichter überwindet: wie wird dieses Kind ganz anders dastehen im Leben, mit Selbstvertrauen und Mut, und wie wird sich das in der Körperhaltung spiegeln! Ich habe bei Kindern in Proletarierbezirken untersucht, wovor sie sich am meisten fürchten: *fast alle vor Schlägen.* Also vor Erlebnissen, die sich in der Familie abspielen. Solche Kinder, die in der Angst vor dem starken Vater, dem Pflegevater, der Mutter aufwachsen, haben das Gefühl der Ängstlichkeit bis in die Mannbarkeit, und wir müssen feststellen, dass im Durchschnitt der Proletarier nicht den weltfreundlichen Eindruck macht wie der Bürger, der mutiger ist als jener. Und nicht wenig von der beklagenswerten Tatsache geht darauf zurück, dass er in der Angst vor dem Leben und vor Prügeln aufgewachsen ist. Es ist das schädlichste Gift, Kinder *pessimistisch* zu stimmen; sie behalten <!-- S. 239 --> diese Perspektive für das ganze Leben, trauen sich nichts zu und werden unentschlossen. Die Erlangung einer mutigen Haltung aber beansprucht dann viel Zeit und Mühe. — Die Kinder aus wohlhabenden Bezirken antworteten auf jene Frage, wovor sie sich fürchteten, zumeist: vor Schularbeiten. Das zeigt, wie sie nicht die Personen, nicht ihr eigenes Milieu schrecken, sondern wie sie sich mitten im Leben sehen, wo es Aufgaben und Arbeiten gibt, vor denen sie sich fürchten, was uns allerdings auch Schlüsse ziehen lässt auf unhaltbare Schulzustände, die in den Kindern Angst erwecken, statt sie zu einem fröhlichen, mutigen Leben zu erziehen.

Nun zur Verwahrlosung vor der Schulzeit. Es wird uns nicht wundernehmen, wenn unter den aufgepeitschten Stimmungen, die in Kindern durch irgendwelche störende Beziehungen erregt werden können, z. B. dadurch, dass sie Furcht vor dem Leben bekommen, dass sie den Nächsten als Feind betrachten usw., das Kind den rastlosesten Versuch machen wird, sich zur Geltung zu bringen, nicht als der Niemand zu erscheinen, zu dem man Kinder so oft zu machen versucht. Es ist eines der wichtigsten Prinzipien in der Erziehung, das Kind *ernst* zu nehmen, als *gleichwertig* anzusehen, nicht herabzusetzen, mit Spottreden zu überhäufen, nicht komisch zu nehmen, weil das Kind alle diese Äusserungen seines Gegenüber als drückende aufnimmt und anders aufnehmen muss, wie ja der Schwächere immer anders empfindet als der, der sich in der geruhigen Stellung des Besitzes geistiger oder körperlicher Überlegenheit befindet. Wir können nicht einmal genau sagen, wie sehr ein Kind dadurch getroffen ist, dass es Leistungen nicht vollbringen kann, deren Vollbringung es täglich von Eltern und älteren Geschwistern bestaunen kann. Dies muss berücksichtigt werden, und wer sich den Blick angeeignet hat, in der Seele der Kinder zu lesen, der wird bemerken, dass sie eine ausserordentliche *Gier nach Macht und Geltung*, nach erhöhtem Selbstbewusstsein haben, dass sie wirken wollen, als bedeutsame Faktoren auftreten wollen, und der *kleine Gernegross* ist nur ein Spezialfall unter ihnen, die man allenthalben nach Macht ringen sieht. Man kann sich die Verschiedenheiten bald erklären. In einem Falle lebt das Kind in Eintracht mit den Eltern, im anderen aber gerät es in feindselige Haltung und entwickelt sich im Gegensatz zu den Forderungen des gesellschaftlichen Lebens, nur um nicht zusammenzubrechen mit dem Bewusstsein: „Ich bin hier nichts, ich gelte nichts, man sieht über mich hinweg.“ Kommt es zu dieser letzteren Entwicklung, dass Kinder in dem durchbrechenden Gefühl ihres Nichts, ihrer sinkenden Bedeutung sich zur Wehr setzen, — *und alle setzen sich zur Wehr* —, dann können sich auch früh die Erscheinungen der Verwahrlosung zeigen. Ich habe einmal ein 5jähriges Scheusal gesehen, das bereits 3 Kinder umgebracht hatte, und zwar vollzog sich die Untat bei dem geistig etwas zurückgebliebenen Kind folgendermassen: das Mädchen suchte, — es war in einer Ortschaft auf dem Lande, — kleinere Mädchen aus, nahm sie zum Spiel mit sich und stiess sie dabei in den Fluss. Erst beim dritten Mal kam man auf den Täter. Wegen des auffälligen Tatbestandes lieferte man sie in eine Irrenanstalt ein. Das Mädchen zeigte von Erkenntnis der Verworfenheit seiner Taten keine Spur. Sie weinte zwar, ging aber gleich zu etwas anderem über, und nur mit Mühe konnte man über den Tatbestand und die Motive etwas Näheres erfahren. Sie war 4 Jahre lang die Jüngste unter lauter Brüdern gewesen und wurde ziemlich verzärtelt. Dann kam <!-- S. 240 --> eine Schwester, und die Aufmerksamkeit der Eltern wendete sich der Jüngsten zu, als ältere musste sie ein wenig zurückstehen. Sie vertrug es aber nicht und fasste einen Hass gegen die eigene jüngere Schwester, dem sie aber nicht nachgeben konnte, weil das kleine Kind stets sorgfältig behütet wurde und vielleicht, weil ihr klar war, dass eine Entdeckung sehr leicht gewesen wäre. — Da verschob sich ihr Hass generalisierend auf alle jüngeren Mädchen, die ihre vermeintlichen Feindinnen waren. In allen sah sie die jüngere Schwester, derentwegen man sie nicht mehr so verzärtelte wie früher. Und aus dieser Stimmung ging sie in ihrem Hass so weit zu töten. Versuche, solche Kinder in kurzer Zeit auf gute Wege zu bringen, scheitern oft *wegen ihrer geistigen Minderwertigkeit*, die häufiger ist als man glaubt. Hier bleibt nur übrig, sich auf lange Zeit gefasst zu machen und mit besonderem erzieherischen Takt in einer Art von Dressur das Kind wieder lebensfähig zu machen. Aber diese Fälle, die ausserordentlich häufig sind, sind wegen der geistigen Minderwertigkeit weniger interessant, und wir könnten uns mit ihnen als einem traurigen Naturspiel abfinden, weil es eben Kinder sind, die in die menschliche Gesellschaft nie ganz hinein passen. Die grosse Menge der verwahrlosten Jugend ist frei von geistiger Minderwertigkeit. Man findet im Gegenteil oft ausserordentlich begabte Kinder unter ihnen, die eine Zeitlang recht gut vorwärts gekommen sind und Fähigkeiten bis zu einem gewissen Punkt entwickelt haben, die aber, *einmal gescheitert, das Scheitern auf einer Hauptlinie des menschlichen Lebens nicht verwinden können.* Jeder Fall zeigt die regelmässigen Charakterzüge: *ausserordentlich stark entwickelten Ehrgeiz, der im Innern verschlossen bleibt; Empfindlichkeit gegen Zurücksetzungen aller Art; Feigheit, die nicht im einfachen Davonlaufen besteht, wohl aber im Auskneifen vor dem Leben und seinen allgemeingültigen Forderungen.* Man kann aus diesen wenigen Strichen ein Bild des Zusammenhanges geben: nur ein ehrgeiziges Kind ist imstande, vor einer Aufgabe, die ihm über seine Kraft zu gehen droht, zurückzuschrecken und sich auf einen anderen Weg zu begeben, als ob es die Schwäche verdecken wollte. Dies ist der gewöhnliche Gang der Verwahrlosung in der Schule. Wir finden immer, *dass die Verwahrlosung mit einem Misserfolg zusammenhängt*, der vorausgeht oder droht. Die Erscheinung der Verwahrlosung besteht anfangs in einem Vermeiden der Schule. Das Schwänzen muss natürlich verborgen werden, und es kommt anfangs zu Fälschungen von Entschuldigungen und Unterschriften. Was aber soll das Kind mit der freien Zeit tun? Da muss eine Beschäftigung gesucht werden. Dadurch ergibt sich nun meist ein *Zusammenschluss von mehreren*, die die gleiche Linie betreten haben, die das gleiche Schicksal drückt. Nun sind es immer ehrgeizige Kinder, die gern eine Rolle spielen möchten, die sich aber eine Befriedigung ihres Ehrgeizes auf der Hauptlinie nicht mehr zutrauen. So suchen sie nach Betätigungen, die sie befriedigen. Es findet sich immer der eine oder andere, der sich am besten zum Anführer eignet, und die Konkurrenz der Ehrgeizigen stellt sich ein. Jeder hat einen Einfall, was man machen könnte. Entsprechend den Formen der Grossen haben sie eine „Berufsehre“ der Verwahrlosten. Sie strengen sich an, Taten zu ersinnnen und mit Meisterschaft, immer jedoch mit List und Hinterlist, da sie sich offenes Vorgehen nicht zutrauen, — eine Folge ihrer Feigheit —, zum Ruhme vor ihren verwahrlosten Kameraden auszuführen. Kommt <!-- S. 241 --> einmal einer auf diese Bahn, dann geht es weiter und weiter. Zuweilen geraten geistig Minderwertige in die Bande. Die werden verspottet und gehänselt, ihr Stolz wird dadurch erst recht angeeifert, und sie entschliessen sich zu besonderen Taten. *Oder sie sind von Haus aus an eine bestimmte Dressur gewöhnt*, sie sind auf Folgsamkeit dressiert, ihnen wird diktiert: *sie führen es aus.* Es kommt oft vor, dass der eine die Untat ersinnt und der Jüngere, unerfahrene, Minderwertige sie unternimmt. Ich übergehe andere Verlockungen, obwohl man auch darüber sprechen sollte, z. B. schlechte Bücher oder das Kino, die erst in dieser Phase als Leitfaden gut wirken. Das Kino könnte sich ja gar nicht halten, wenn nicht die Geschicklichkeit und besondere List in seinen Darbietungen, sei es der Verbrecher, sei es der Detektive, die Zuschauer anregte. In der Überschätzung der List zeigt sich gleichfalls die Lebensfeigheit. Die Bandenbildung ist so häufig, dass man immer daran denkt, wenn man von Verwahrlosten spricht. Aber auch die Einzelverwahrlosung ist häufig. Das Schicksal eines solchen Lebens gleicht ganz dem eben geschilderten, nur dass die nächsten Beweggründe andere zu sein scheinen. Wir wollen festhalten, dass bei den geschilderten Verwahrlosten ihr Schicksal aufkeimt, *wenn sie eine Niederlage erlitten haben oder wenn sie ihnen droht.* Genau so ist es bei den Einzelverwahrlosungen. Die einfachsten, fast unschuldigen Fälle gehorchen der Regel genau so wie die schwersten: immer ist es die Verletzung des persönlichen Ehrgeizes, die Furcht, sich zu blamieren, ein Gefühl des Sinkens in ihrem Machtbestreben und Machtbewusstsein, das zum *Ausreissen auf eine Nebenlinie* Anlass gibt; es ist, als ob sich diese Kinder einen *Nebenkriegsschauplatz* gesucht hätten. Oft zeigen sie sich unter der besonderen Form der Faulheit, die nicht etwa als angeboren oder als schlechte Gewohnheit zu betrachten ist, sondern *als Mittel, sich keiner Probe unterziehen zu müssen.* Denn das faule Kind kann sich immer auf die Faulheit berufen: fällt es bei einer Prüfung durch, so ist die Faulheit schuld und es legt lieber der Faulheit seine Niederlage zur Last als einer Unfähigkeit. Nun muss das Kind wie ein erfahrener Verbrecher *sein Alibi machen*, es muss durch Faulheit jederzeit nachweisen, warum es durchgefallen ist, und es gelingt ihm; es ist durch seine Faulheit gedeckt, seine seelische Situation ist in bezug auf die Schonung seines Ehrgeizes besser geworden.

Wir kennen die Übelstände der Schule. Die überfüllten Klassen, die ungeeignete Schulung mancher Lehrer, manchmal auch das mangelnde Interesse der Lehrer, die unter den Lebensverhältnissen so sehr leiden, dass man von ihnen nicht mehr erwarten kann, zum grössten Teil aber *das Dunkel, das über diese seelischen Verwicklungen gebreitet ist*, — diese Umstände machen es aus, dass bisher so trostlose Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler bestehen wie sonst nirgends im Leben. Macht der Schüler einen Fehler, so bekommt er eine Strafe oder schlechte Note. Das käme dem Falle gleich, wenn jemand das Bein bräche, und der herbeigerufene Arzt würde feststellen: „Sie haben einen Beinbruch! Adieu!“ So ist doch Erziehung nicht gemeint. Die Kinder fördern sich in diesen schlimmen Verhältnissen zwar vielfach selbst, aber mit welchen Lücken pilgern sie weiter! Bis sie an einen Punkt kommen, wo die Sünden so gross sind, dass sie stecken bleiben. Da muss man nur gesehen haben, wie schwer das beste Kind dann vorwärts kommt, wie sich infolge der angesammelten Schwierigkeiten das peinliche Bewusst<!-- S. 242 -->sein regt: Du kannst das nicht, was die anderen zustande bringen!“, wie sein Ehrgeiz verletzt und gereizt wird! Viele kommen weiter, aber andere eröffnen den Nebenkriegsschauplatz.

Die Einzelverwahrlosung vollzieht sich also in der gleichen Art. Auch hier ragt das Gefühl der Minderwertigkeit, der Unzulänglichkeit, der Herabsetzung hervor. Ich entsinne mich eines Knaben, des einzigen Kindes seiner Eltern, die viele Mühe auf die Erziehung verwendeten. Schon mit 5 Jahren fasste er das Verschliessen der Kasten, wenn die Eltern fort gingen, als schwere Beleidigung auf, kam erst so dazu, sich einen Nachschlüssel zu verschaffen und die Kasten zu plündern. Er war durch sein Streben nach Selbständigkeit auf diesen Weg gedrängt und entwickelte sein Machtstreben gegenüber den Eltern entgegen dem Gesetz der Gemeinschaft, und bis heute — er ist 18 Jahre alt — verübt er Hausdiebstähle, von denen die Eltern glauben, dass sie ihnen alle bekannt werden. Wenn der Vater ihm öfter sagt: „Was nützt es dir denn? so oft du stiehlst, komme ich dahinter!“, so hat der Junge das stolze Gefühl, dass der Vater nicht einmal den 20. Teil erfährt, und stiehlt weiter in der Überzeugung, man müsse nur schlau genug sein. Hier sehen Sie die so häufige Kampfstellung des Kindes gegen Vater und Mutter, die ihn zu irgendwelchen Handlungen gegen die Gemeinschaftsmoral treibt. Auch erwachsen wird sich der junge Mann die seelischen Hilfen und Stützen verschaffen, die es ihm ermöglichen, weiter seine Untat ohne Gewissensbisse zu vollführen. Der Vater ist ein grosser Geschäftsmann, und wenn der Sohn auch nicht zu den Arbeiten zugelassen wird, weiss er doch genau, dass der Vater Kettenhandel betreibt, und wenn er mit jemand spricht, so bezeichnet er die Angriffe seines Vaters als ungerecht, weil der dasselbe wie er in grösserem Stil macht. Hier sehen wir wieder die Erziehung der Umgebung, von der die Eltern nichts wissen.

Noch ein Fall aus Proletarierkreisen. Ein 6jähriger Knabe, ein uneheliches Kind, wird von der inzwischen verheirateten Mutter ins Haus genommen. Der wirkliche Vater ist verschollen, der Stiefvater aber ist ein älterer, brummiger Mann, der, ohne Interesse für Kinder, doch seiner eigenen Tochter mit Zärtlichkeit anhängt, sie liebkoste und ihr Zuckerwerk brachte, während der ältere Knabe zuschauen konnte. Eines Tages verschwand der Mutter ein grösserer Geldbetrag spurlos. Aber bald darauf nahm sie bei weiteren Verlusten wahr, dass der Sohn der Dieb sei, und dass er die Summen auf den Ankauf von Naschwerk verwendete, das er gelegentlich mit Kameraden teilte, letzteres sicherlich, um sich hervorzutun. Sie sehen auch hier den Nebenkriegsschauplatz, mit der alten Hauptaufgabe bedacht, sich doch siegreich durchzusetzen, Ansehen zu gewinnen. Das ging mehrere Male so, Prügelszenen folgten, denn der Vater schonte ihn nicht; ich sah das Kind mit Striemen, zerkratzt und zerhackt am ganzen Körper. Trotz der Prügelstrafe hörten die Diebstähle natürlich nicht auf. Die Mutter war allerdings ungeschickt, indem sie die Diebstähle erleichterte, aber wieviele Eltern zeigen sich in solchen Fällen geschickt? Die Aufklärung dieses Falles ergab, dass der Knabe bei einer älteren Bäuerin in Pflege gewesen war; auf ihren Wegen in die umliegenden Dörfer zog sie ihn immer mit und gab ihm hie und da Zuckerwerk. Nun kommt der Knabe in die neue Lage: er findet sich gegen früher ausserordentlich benachteiligt. Die kleine Schwester wird verzärtelt und mit Naschwerk beschenkt, er nicht; sie wird beachtet und geehrt, er nicht; in der Schule war er sehr brav.

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Sie sehen: wie unter einem Zwang zeigt sich sein Fehler *gerade dort, wo sein Feind sass.* So ist es in vielen Fällen, dass die *Verwahrlosung wie ein Racheakt* wirkt, dass sie dem Kind eine seelische Erleichterung verschafft.

Eines muss man noch feststellen: es sind nicht aktive, mutige Vergehen, die von Verwahrlosten verübt werden, ausser wenn sie in grösserer Zahl kommen, was uns wieder auf ihre Feigheit verweist. Das Hauptdelikt ist der Diebstahl, den man ja als Feigheitsdelikt bezeichnen muss.

Wenn wir den ganzen Zusammenhang und die Stellung dieser Kinder zur Gesellschaft klar erkennen wollen, so sehen wir zweierlei: 1. ihr Ehrgeiz ist ein Zeichen ihres Strebens nach Macht und Überlegenheit, und deshalb suchen sie ihre Geltung auf einem anderen Gebiet als auf der Hauptlinie, wenn sich diese verschliesst; 2. ihr Zusammenhang mit den Menschen ist irgendwie dürftig, sie sind keine guten Mitspieler, sie fügen sich nicht leicht in die Gesellschaft ein, sie haben etwas Eigenbrödlerisches an sich, sie haben den Kontakt mit der Mitwelt nicht; manchmal ist von Liebe zu den Angehörigen nicht mehr übrig als der Schein oder Gewohnheit, oft fehlt auch diese, und sie werden sogar gegen die Familie tätlich. Sie spielen die Rolle von Menschen, deren Gemeinschaftsgefühl Mangel gelitten, die den Zusammenhang mit den Menschen nicht gefunden haben, und sie sehen den Nebenmenschen als etwas Feindliches. Auch misstrauische Züge sind bei ihnen sehr häufig, sie sind immer auf der Lauer, ob sie nicht der andere übervorteilen wird, und ich habe von solchen Kindern oft gehört, dass man „gerissen“ d. h. den anderen überlegen sein muss. Das Misstrauen schleicht sich in alle Beziehungen ein und macht, dass die Schwierigkeiten des Zusammenlebens immer zunehmen. Feige List erwächst ihnen von selbst aus ihrem mangelnden Zutrauen zu sich selbst.

Es fragt sich nun, ob Machtstreben und mangelhaftes Gemeinschaftsgefühl verschiedene Triebfedern abgeben? Gewiss nicht, es sind nur zwei Seiten derselben psychischen Haltung. *Unter einem gesteigerten Machtstreben muss ja das Gefühl der Zusammengehörigkeit leiden.* Wer von jenem besessen ist, denkt nur an sich, an seine Macht und Geltung und lässt andere ausser acht. Wenn es gelingt, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln, ist die beste Sicherung gegen Verwahrlosung gegeben.

Uns quält die Sorge, was heute in der Zeit der gesteigerten Verwahrlosung zu tun wäre. Selbstverständlich wäre es recht und billig, möglichst rasch einzugreifen. Schon in den friedlichsten Zeiten ist die bürgerliche Gesellschaft über Verwahrlosung und Verbrechen nicht Herr geworden. Sie konnte nur strafen, sich rächen, höchstens abschrecken, nicht aber das Problem lösen. Sie konnte die Verwahrlosten fernhalten, — und nun bedenken Sie das schwere Schicksal der Leute, deren Vereinsamung allein sie zum Verbrechen führen muss, die ja Verbrecher sind, *weil sie den Zusammenhang verloren haben*. So entstehen aus ihnen Gewohnheitsverbrecher! Es ist auch ein grosser Übelstand, dass man verwahrloste Kinder in der Zeit der Untersuchung mit Gleichartigen oder gar Verbrechern zusammenbringt.

Man muss rechnen, dass ungefähr 40% der Verbrechen unentdeckt bleiben. Bei den Verwahrlosten aber ist es noch ärger. Vor kurzer Zeit wurde ein jugendlicher Mörder verurteilt, von dem nur der Ver<!-- S. 244 -->teidiger wusste, dass schon sein zweiter Mord in Verhandlung stand. Wenn diese Menschen zusammenkommen, so unterhalten sie sich darüber, wie oft sie nicht entdeckt wurden. Das erschwert natürlich die Bekämpfung des Verbrechens, gibt vielmehr den Verbrechern immer neuen Mut.

Aber man sieht auch den Übelstand in der Art der Stellungnahme der Gesellschaft. Gericht und Polizei arbeiten erfolglos, weil für sie immer andere Fragen in Betracht kommen als die radikal wirkenden. Zur Abhilfe ist zunächst nötig, dass der amtliche Apparat ein anderer, menschenfreundlicherer wird. Es müssen Anstalten errichtet werden, die diese verwahrlosten Kinder wieder ins Leben zurückführen, sie von der Gesellschaft nicht abschliessen, sondern ihr geneigt machen. Das gelingt nur, wenn man das volle Verständnis für ihre Eigenart hat. Es geht nicht an, dass irgendwer (etwa ein ehemaliger Offizier oder Unteroffizier) eine leitende Stelle an einer Anstalt für Verwahrloste bekommt, weil er Protektion hat. Es dürfen nur Menschen in Betracht kommen, deren Gemeinschaftsgefühl sehr stark entwickelt ist, die Verständnis für die ihnen Anvertrauten haben. Der Kern meiner Ausführungen ist scharf im Auge zu behalten: dass in einer Gesellschaft, in der jeder der Feind des andern ist, — unser ganzes Erwerbsleben verleitet ja dazu, — die Verwahrlosung unausrottbar ist. Denn Verwahrlosung und Verbrechen sind *Produkte des Kampfes ums Dasein*, wie er in unserem wirtschaftlichen Leben geführt wird. Seine Schatten fallen früh in die Seele des Kindes, erschüttern sein Gleichgewicht, fördern seine Grossmannssucht und machen es feige und unfähig zur Mitarbeit.

Zur Eindämmung und Beseitigung der Verwahrlosten wäre eine Lehrkanzel für Heilpädagogik notwendig, und es ist nicht zu verstehen, dass sie bis heute noch fehlt. Das wirkliche Verständnis für die Verwahrlosten ist an allen Stellen sehr dürftig. Es müsste jeder, der mit irgendeiner Funktion in dieser Frage betraut ist, gezwungen werden, sich an dieser Schule zu betätigen. Sie müsste eine Zentralstelle sein, an die man sich in allen Angelegenheiten wenden könnte, die eine Vorbeugung und Bekämpfung der Verwahrlosung betreffen.

Ausserdem müssten bezirksweise Beratungsstellen für die leichten Fälle geschaffen werden. Für die schweren Fälle müssten sie den Angehörigen den Weg weisen, den diese sonst nie finden.

Schliesslich müssten auch die Lehrer mit der Individualpsychologie und Heilpädagogik bekannt gemacht werden, damit sie imstande sind, gleich im Anfang die Zeichen der Verwahrlosung zu erkennen, helfend einzugreifen oder dem nahenden Übel im Keim mit Takt und Liebe entgegenzutreten. Eine Musterschule müsste ferner zur praktischen Ausbildung der Hilfskräfte dienen.

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*Fuente:* Alfred Adler, «Verwahrloste Kinder» (conferencia de abril de 1920), primera publicación en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie*, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XXVIII, págs. 237-244; transcripción tomada del ejemplar digitalizado por Google y publicado en archive.org (identificador praxisundtheori00adlegoog). El OCR de ese ejemplar es deficiente y la copia con mejor OCR que señala el inventario (archive.org, bub_gb_oZ4MAAAAIAAJ) no estaba disponible localmente: el texto se ha transcrito de nuevo de las imágenes de las páginas (OCR propio con Tesseract, corregido línea a línea sobre la imagen y cotejado con el OCR de archive.org). Ortografía original de 1920 (ss por ß, como en la impresión). Las cursivas reproducen el espaciado (*Sperrsatz*) del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa. Se conserva la grafía «ersinnnen» de la impresión (S. 240).
