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Title: Über individualpsychologische Erziehung
Description: Vortrag im Züricher Ärzteverein, 1918. In Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, Kap. XXVI, S. 221-227
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1918%20%C3%9Cber%20individualpsychologische%20Erziehung
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XXVI.

# Über individualpsychologische Erziehung.

Vortrag im Züricher Ärzteverein, 1918.

Es zeigt sich insbesondere vom Standpunkt der nervenärztlichen Behandlung, von welcher ungeheuren Bedeutung ein wohlgegründetes, fundiertes Verständnis der Erziehungsfragen ist und wie notwendig es bis zu einer gewissen Grenze auch für jeden Arzt ist, die Erziehungsfrage zu beherrschen. Gerade vom Arzt verlangt man mit Recht, dass er ein Menschenkenner sei, und die bedeutsamen Beziehungen zwischen Arzt und Patienten scheitern ja regelmässig, wenn der Arzt als Menschenkenner und als Erzieher versagt. Dieser Gesichtspunkt und diese Auffassung waren es auch, die Virchow die Worte in den Mund legten: „Die Ärzte müssen dereinst die Erzieher des Menschengeschlechts werden“.

Eine häufige Frage, die in unserer Zeit akut wird und wahrscheinlich in einiger Zeit noch viel stärker hervortreten wird, ist die, wie denn die Kompetenz zwischen Arzt und Erzieher abzugrenzen sei. Es ist sicherlich wichtig, sich über den ganzen Komplex der Fragen zu einigen und ihn zu überblicken; der Übergriffe gibt es ja genug, vielleicht von beiden Seiten. Die Zusammenarbeit mangelt allenthalben.

Fragen wir uns, was die Erziehung bezweckt, so fällt der Hauptpunkt, der hier in Betracht kommt, schon in den Rahmen der ärztlichen Tätigkeit. Die Heranbildung der Kinder zu sittlich handelnden Menschen, Förderung ihrer Eigenschaften zum Nutzen der Allgemeinheit wird wohl vom Arzt als selbstverständliche Voraussetzung seines Handelns empfunden werden. Und man kann von ihm in seiner Tätigkeit verlangen, dass alle seine Schritte, seine Massnahmen in erster Linie damit übereinstimmen. Die unmittelbare Leitung der Erziehung wird immer Sache der Erzieher bleiben, der Lehrer und Eltern, denen wir aber wohl zumuten müssen, dass sie sich auch mit jenen Fragen und Schwierigkeiten vertraut machen, die nur der Arzt ergründen kann, weil er sie aus dem pathologischen Zusammenhang des Seelenlebens erst hervorholen muss. Ich will besonders betonen, dass die ungeheure Ausdehnung dieses Gebiets unmöglich in kürzerer Zeit durchmessen werden kann, dass ich nur einzelne Fragen streifen kann, deren Diskussion die nächste Zukunft beschäftigen wird, bevor eine einheitliche Auffassung derselben möglich sein wird. Immerhin ist es wichtig, jene Standpunkte kennen zu lernen, von denen die Individualpsychologie immer wieder behauptet, sie seien von ungeheurer Bedeutung, und ein Missverstehen derselben räche sich an den Kindern im Laufe ihrer Entwicklung.

Was den Arzt in allernächster Nähe zu den Erziehungsfragen bringt, ist der Zusammenhang der seelischen Gesundheit mit der körperlichen. Nicht etwa bloss in jener Allgemeinheit, in der wir immer ge<!-- S. 222 -->hört haben, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne, eine Auffassung, die durchaus nicht stichhältig ist. Wir haben genug Gelegenheit, körperlich gesunde Kinder und gesunde Erwachsene zu sehen, deren seelisches Verhalten durchaus nicht einwandfrei ist. Aber umgekehrt gewinnt dieser Satz eine grosse Bedeutung. Es ist schwierig, vielleicht ausgeschlossen, dass ein Kind von schwächlicher Konstitution seelisch zu jener Harmonie gelangt, die wir von gesunden Kindern erwarten. Stellen Sie sich ein Kind vor, das mit schwachen Verdauungsorganen zur Welt gekommen ist. Die Behütung wird von den ersten Tagen an eine sehr vorsichtige und ängstliche sein. Solche Kinder werden also in einer ungeheuer warmen Atmosphäre heranwachsen. Sie werden sich immer bevormundet und geleitet sehen, und ihr Lebensweg wird durch eine ungeheure Zahl von Verordnungen und Verboten eingeengt erscheinen. Die Bedeutung des Essens wird riesenhaft anwachsen, so dass sie selbst die Bedeutung der Nahrungsaufnahme und auch die Frage der Verdauung ausserordentlich zu schätzen und zu überschätzen beginnen werden. Gerade die magendarmschwachen Kinder stellen ein grosses Kontingent zu den schwer erziehbaren Kindern, was schon den alten Ärzten immer bekannt war. Man hat behauptet: solche Kinder müssten nervös werden. Eine derart verpflichtende, zwingende Kausalität besteht keineswegs. Aber der „feindselige“ Charakter des Lebens drückt stärker auf die Seelen dieser leidenden Kinder und verleiht ihnen selbst eine feindselige, *pessimistische Perspektive* auf die Umwelt. Im Gefühle einer Verkürztheit fordern sie stärkere Garantien für ihre Geltung, werden egoistisch und verlieren leicht den Kontakt mit den Mitmenschen, weil ihre Ichfindung allzu gegensätzlich zur Findung der Umwelt ausfällt.

Denn die *Verlockung* wird für das Kind eine ungeheure, in seiner Beziehung zur Umgebung, in seiner Stellungnahme zur Schule und Welt die Unannehmlichkeiten, die es durch seine Magen-Darm-Schwäche und die häufigen Verschlimmerungen erfährt, *zu kompensieren durch Vorteile*, die es sich mit seiner Krankheitslegitimation zu verschaffen sucht. Es wird z. B. einen ausserordentlichen Hang zur Verzärtelung erwerben. Es wird sich von frühester Kindheit angewöhnen, dass andere ihm alle Schwierigkeiten des Lebens aus dem Wege räumen. Es wird viel schwerer zu einer Selbständigkeit gelangen, wird gewohnheitsmässig in allen riskanteren Situationen des Lebens *grösseren Anspannungen ausweichen*. Sein Mut, sein Selbstvertrauen wird sich masslos erschüttert zeigen. Diese Haltung bleibt solchen Kindern bis in ihr höchstes Alter, und es ist nicht leicht, ein solches Kind, das vielleicht 10, 15, 20 Jahre lang als Schwächling, als verzärteltes Kind herangewachsen ist, in einen lebensmutigen Menschen voll Initiative, voll Unternehmungsgeist und Selbstvertrauen, wie es unsere Zeit erfordert, zu verwandeln.

Der Schaden für die Allgemeinheit ist sicher viel grösser als wir von diesem Standpunkt übersehen, wenn wir nicht nur die magendarmschwachen Kinder hier in Betracht ziehen, sondern alle Kinder, die mit minderwertigen Organen zur Welt gekommen sind, die mit Minusvarianten von Sinnesorganen ausgestattet sind und deshalb den Zugang zum Leben irgendwie erschwert finden. Man kann oft in biographischen Mitteilungen oder auch in Mitteilungen von Patienten von diesen Schwierigkeiten hören. Die Ärzte werden in einem solchen Fall <!-- S. 223 --> nicht bloss die seelische Erziehungsfrage zu behandeln haben, sondern auch aus allen Kräften dahin streben müssen, durch irgend ein Hilfsmittel, durch Behandlung, durch Korrekturen des Gebrechens dafür zu sorgen, dass rechtzeitig dem Kind der Weg zu einem Schwächegefühl abgeschnitten wird. Wir werden dies um so eifriger tun, wenn wir uns die gerechtfertigte Überzeugung verschafft haben, dass es sich häufig nicht um bleibende Ausfälle handelt oder um eine Schwierigkeit grösseren oder geringeren Grades, sondern wenn wir auch der zahlreichen Fälle gedenken, bei denen eine ursprüngliche, *später aber aufgehobene* Schwächung der Organe ein *andauerndes Schwächegefühl* vermittelt hat und für das Leben untauglich macht. Diese Verhältnisse komplizieren sich ausserordentlich, weil die Kinder selbst nach irgendeiner Korrektur oder Kompensation streben. Den wenigsten gelingt eine glückliche Kompensation eines solchen Fehlers. Sie werden *auf irgend eine Weise* versuchen, die Unterschiede wettzumachen und etwa mit kulturellen Mitteln, zuweilen freilich auch mit einer Steigerung ihrer ganzen Initiative und ihrer geistigen Kräfte, das Manko auszugleichen.

Bei allen diesen Fällen werden wir auch Charakterzüge wahrnehmen, die auffallend sind, die zu Störungen führen, z. B. eine grosse seelische Empfindlichkeit, die immer Konflikte hervorruft. Es handelt sich hier um Erscheinungen des täglichen Lebens, an denen wir nicht vorübergehen können, weil sie Geist und Körper schädigen.

Wir können nicht scharf genug darauf hinweisen, welche Not, welche Überspannung in der kindlichen Seele herrscht. Es gelingt mit leichter Mühe, untauglich gewordene Menschen, ihren geistigen Gesamthabitus daraufhin zu verstehen, dass sie ihre Untauglichkeit aus der Kinderstube mitgebracht haben. Überhaupt bedeutet *Krankheit und Krankheitsbegriff* für das Kind viel mehr als wir uns gewöhnlich klar machen. Wer die Seele des Kindes von diesem Standpunkt aus zu überblicken gewillt ist, der wird finden, dass es sich um ganz bedeutsame Erlebnisse handelt, und dass das Kranksein fast in allen Fällen nicht als Erschwerung des Lebens erscheint, sondern als Erleichterung, dass die Krankheit sogar als ein Mittel geschätzt wird, um Zärtlichkeiten und Macht, irgendwelche Vorteile zu Hause und in der Schule zu erreichen.

Es gibt eine Unzahl von Kindern, die immer das Gefühl der Kränklichkeit haben, die sich immer schwach fühlen. Und alle jene Fälle, bei denen eine Fortdauer von Erscheinungen nicht aus dem Krankheitsbefund erklärlich sind, zeugen ebenfalls dafür, *dass die Kinder sich des Gefühls der Krankheit bedienen*, um auf irgend eine Weise an die Oberfläche zu kommen, um irgendwie ihren Wünschen nach Herrschaft, nach Geltung in der Familie gerecht werden zu können. So beispielsweise bei jenen Fällen, die nach Keuchhusten lange Zeit noch an ähnlich klingendem Husten laborieren, bei denen wir auch regelmässig finden, dass es ihnen gelingt, durch die Hustenanfälle ihre Umgebung in Schrecken zu versetzen, — ein Fall, bei dem der Arzt genötigt ist, pädagogisch einzugreifen.

Dann wieder gibt es Eltern und Erzieher, die den gegenteiligen Standpunkt einnehmen, die die Kinder mit Härte, ja Brutalität behandeln, oder die immer den Anschein einer solchen Härte beim Kinde wachrufen wollen.

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Das Leben ist so vielgestaltig, dass es die Fehler der Erzieher oft wieder ausgleicht. Aber man wird einem Menschen, dessen Kindheit unter Lieblosigkeit verlaufen ist, oft bis ins späteste Alter anmerken, dass er liebeleer geblieben ist. Er wird immer misstrauisch voraussetzen, dass alle mit ihm lieblos verfahren werden. Er wird sich leicht abschliessen und den Zusammenhang mit den anderen verlieren. Oft berufen sich auch solche Menschen auf ihre liebeleere Kindheit, als ob sie dadurch gezwungen wären. Verpflichtet ist das Kind natürlich auch nicht dadurch, dass seine Erzieher mit ihm hart verfahren sind, sein Misstrauen zu entwickeln, seine Kälte anderen zu zeigen, wie man sie ihm gezeigt hat, oder an seinen Kräften deshalb zu zweifeln. Auf solchem Boden entwickelt sich gerne die Neurose und Psychose. Immer wird man in der Umgebung solcher Kinder einen *Schädling* finden, der durch Unverständnis oder bösen Willen die Seele des Kindes vergiftet. Kaum ein anderer als der Arzt kann in solchen Fällen eine Änderung des Milieus durchsetzen, sei es durch Ortsveränderung, sei es durch Aufklärung.

Es gibt aber Komplikationen, die man erst bei tieferem Eindringen gewahr wird, die aber einmal verstanden das Bild ausserordentlich erhellen.

So besteht ein grundlegender Unterschied in der seelischen Entwicklung eines Erstgeborenen gegenüber dem Zweitgeborenen oder den letzten Kindern. Auch die Eigenart von einzigen Kindern ist leicht festzustellen. Seelisch macht es sich oft sehr geltend, wenn in einer Familie nur Knaben oder nur Mädchen oder ein Knabe unter lauter Mädchen oder ein Mädchen unter lauter Knaben aufwächst. Dies sind die gegebenen Realien und Positionen, aus denen sich die Haltung der Kinder herleitet. Es ist häufig möglich, den Ältesten oder Jüngsten aus seinem Verhalten herauszufinden. Ich habe fast regelmässig erfahren, dass der Erstgeborene in sich eine Art von konservativem Element enthält. Er rechnet mit der Stärke, paktiert mit der Macht, und er zeigt eine gewisse Verträglichkeit. Vergleichen Sie die Biographie *Fontanes*, der ausführt: er gäbe etwas darum, wenn man ihm erklären könnte, woher bei ihm die Erscheinung stamme, dass er mit einer gewissen Neigung sich auf die Seite des Stärkeren stelle. Ich schloss mit Recht, als ich diese Stelle las, dass er ein Erstgeborener sein musste, der auch seine Überlegenheit über die Geschwister als ein unantastbares Gut empfand.

Der *Zweitgeborene* findet immer vor sich und neben sich einen anderen, der mehr kann, mehr bedeutet, der meist auch mehr Freiheiten hat und ihm überlegen ist. Ist dieser Zweite entwicklungsfähig, so wird er unbedingt in einer fortwährenden Anspannung leben, um den Ersten zu überflügeln. Er wird förmlich wie unter Dampf arbeiten, rastlos. Und in der Tat findet man unter den rastlosen Nervösen in einer auffallenden Häufigkeit zweitgeborene Kinder, während der Erste mehr oder weniger unwillig allen Rivalitäten gegenübersteht.

In der Haltung des *Jüngsten* ist in einem vielleicht vorherrschenden Typus etwas Infantiles gegeben, Zurückhaltung und Zögern, so als ob er sich nennenswerte Leistungen nicht recht zutrauen würde, die er bei anderen sieht oder voraussetzt. Sie können leicht daraus entnehmen, dass es sich um die Stabilisierung eines ursprünglich gegebenen Zustandes handelt. Er hat es immer mit Leuten zu tun, die mehr können <!-- S. 225 --> als er, sieht überhaupt nur Leute vor sich, die bedeutender sind als er. Dagegen zieht er in der Regel ohne Gegenleistung die ganze Liebe und Verzärtelung der Umgebung auf sich. Er hat gar nicht nötig, seine Kräfte zu entwickeln, denn er rückt von selbst in den Mittelpunkt seiner Umgebung. Wir verstehen sofort, welchen Schaden dies für seine ganze geistige Entwicklung in sich birgt: *er wird alles von den andern erwarten.* Ein zweiter Typus des Jüngsten aber ist der „Joseftypus“. Rastlos nach vorwärts strebend überflügelt er alle mit seiner Initiative, die (*Kunstadt*) oft aus der Art schlägt und neue Wege findet. In der Bibel und in den Märchen hat die Menschenkenntnis des Volkes den Jüngsten zumeist mit den stärksten Gaben, mit Siebenmeilenstiefeln ausgestattet.

Wichtig ist das Verhalten von einzelnen Mädchen unter Knaben. Hier gestalten sich so grosse Spannungsverhältnisse, dass wir voraussetzen müssen, es werde sich zu irgendwelchen abnormen Haltungen Gelegenheit bieten. Ich bin weit davon entfernt, hier von gänzlich abgeschlossenen Ergebnissen zu sprechen. Dem Mädchen wird oft frühzeitig klar gemacht, dass es ein toto coelo verschiedenes Wesen ist, dass ihr vieles verschlossen ist, was die Knaben von Natur aus als ihr Recht, als ihr Privileg beanspruchen dürfen. Und es ist nicht leicht, etwa durch Lob, durch Verhätschelung in einem solchen Falle einen Ersatz zu bieten. Denn es handelt sich hier oft um Gefühlswerte, die für Kinder etwas Wesentliches, Unersetzliches sind. Das Mädchen wird oft fortwährend benörgelt werden, auf Schritt und Tritt Anweisungen, Belehrungen erhalten. Bei solchen Kindern ist besonders Empfindlichkeit gegenüber Tadel festzustellen, fortwährende Versuche, sich keine Blösse zu geben, absolut fehlerlos dazustehen und gleichzeitig Furcht, in ihrer Bedeutungslosigkeit erkannt zu werden. Auch diese Mädchen stellen ein häufiges Kontingent zu späteren nervösen Erkrankungen.

Nicht anders steht es mit einzelnen Knaben unter Mädchen. Gerade hier scheint der Gegensatz noch grösser zu werden. Der Knabe wird zumeist mit besonderen Privilegien bedacht. Die Folge ist die, dass die Mädchen gegen den einzelstehenden Knaben wie in einem Geheimbund operieren. Solche einzelstehende Knaben leiden oft wie unter einer weitgediehenen Verschwörung. Jedes Wort wird von den Schwestern belacht, man nimmt sie nie ernst, man trachtet ihre Vorzüge herabzusetzen, sucht ihre Fehler aufzubauschen, so dass es häufig geschieht, dass der Knabe bald seine ganze Fassung, seinen Glauben an sich selbst verliert und meist schlechte Fortschritte im Leben zeigt. Man pflegt dann von Faulheit und Indolenz zu sprechen. Dies ist aber nur die äusserliche Erscheinungsform, die sich mit ihren Folgen auf einer krankhaften Ausartung des Gemüts, einer Lebensfeigheit aufbaut. Der Hauptgesichtspunkt ist der, dass wir es immer mit Menschen zu tun haben, die den Glauben an sich verloren haben oder ihn leicht verlieren. So wird es solchen Knaben immer geschehen, dass sie gewohnheitsmässig zurückschrecken, dass sie immer fürchten ausgelacht zu werden, auch dort, wo kein Anlass besteht. Sie geben leicht das Rennen auf und werfen sich auf Zeitvertrödelung oder verwahrlosen. Ebenso schwierig gestaltet sich oft die Entwicklung eines älteren Bruders neben einer jüngeren Schwester.

Ein weiterer ärztlicher Gesichtspunkt betrifft die *sexuelle Aufklärung* der Kinder. Eine einheitliche Formel dafür zu geben ist <!-- S. 226 --> bis heute nicht gelungen, schon wegen der Verschiedenartigkeit der Kinderstube, der Individuen, der Kreise, in denen die Kinder aufwachsen. Immerhin ist eines fest im Auge zu behalten. Es ist ein Unrecht, das sich ausserordentlich leicht rächt, wenn man Kinder in der Unsicherheit über ihr Geschlecht länger als notwendig aufwachsen lässt. Und das geschieht merkwürdigerweise sehr häufig. Ich habe oft von Patienten gehört, dass sie noch um ihr zehntes Jahr gar nicht sicher waren, welchem Geschlecht sie angehörten. In ihre ganze Entwicklung schlich sich ein Gefühl ein, als ob sie nicht als Knaben oder Mädchen wie die anderen geboren seien und sich auch nicht so entwickeln würden. Dies bedeutet ihnen eine so ungeheure Sicherheit, dass man es solchen Kindern bei jeder Bewegung anmerkt. Und ähnlich steht es mit Mädchen. Es gibt solche, die bis ins achte, zehnte, zwölfte, vierzehnte Lebensjahr in der Unsicherheit über ihr Geschlecht aufwachsen, und die in ihrer Phantasie sich immer noch in irgendeiner Weise ausmalen, sie könnten sich später männlich gestalten. Diese Tatsache wird auch durch gewisse Berichte in der Literatur unterstützt.

In solchen Fällen wird eine sichere Entwicklung gestört. Die Kindheit verläuft unter Anstrengungen, der Geschlechtsrolle künstlich nachzuhelfen, sie männlich zu gestalten oder strikten Entscheidungen, die mit einer Niederlage enden könnten, auszuweichen. Eine grundlegende Unsicherheit zeigt sich deutlich oder verrät sich in anmassenden, übertreibenden Bewegungen. Mädchen nehmen männliche Haltung an, forcieren mit Vorliebe ein Benehmen, das ihnen und der ganzen Umgebung als charakteristisch für Knaben geläufig ist. Sie tollen mit ungeheurer Vorliebe herum, nicht nur in der harmlos kindlichen Form, die wir Kindern gerne konzedieren, sondern zwangsmässig, unterstrichen, mit einer solchen unabänderlichen Neigung, die schon frühzeitig den Eltern als krankhafte Ausartung erscheint. Knaben zeigen sich gleichfalls von diesem Taumel erfasst, biegen aber durch Widerstände belehrt meist um und nehmen bald eine unsichere, schwankende Haltung an oder werfen sich auf mädchenhaftes Getue. Die erwachende Erotik nimmt dann bei beiden Geschlechtern unnatürliche, häufig perverse, ihrer sonstigen Haltung gleichlaufende Züge an.

Einiges wäre noch zu sagen über Erscheinungen, die man als *Trotz* zu bezeichnen gewohnt ist. In dieses Gebiet des Trotzes fallen eine Unzahl von Zeichen, die der Arzt bereits als Krankheit ansieht. So die oft ziemlich weit gediehenen Formen der *Nahrungsverweigerung*, sogar Formen der Revolte in der Stuhlentleerung oder in der Harnentleerung. Alle die krankhaften Symptome, die wir dann in ausgeprägterer Form etwa als Enuresis beobachten oder auch als unerklärliche, unwandelbare Obstipation, basieren sehr häufig auf einem derartig eingewurzelten Trotz der Kinder, die jeden Anlass benutzen möchten, um sich einem vermeintlichen Zwang, der auf sie ausgeübt wird, zu entziehen, weil sie jeden Zwang als Beeinträchtigung, als Erniedrigung empfinden. Die Verweigerung einer glatten Einfügung in die Forderungen der Kultur empfinden sie als Genugtuung als gewichtige Zeichen ihrer Bedeutung. Wir deuten sie als Ausdruck ihrer Revolte. Die Probe darauf ist leicht zu machen: wir werden niemals weitere Züge von Trotz vermissen. Dies gilt auch für harmlosere Unarten wie Nasenbohren, Schlamperei, Nägelbeissen. Üble Gewohnheiten sind uns ein deutlicher Hinweis geworden auf eine Entwicklung, die sich im Gegensatz zu den <!-- S. 227 --> Forderungen der Gemeinschaft herausgebildet hat. Niemals fehlt der Gegenspieler! Das Symptom gestaltet sich fast immer aus ursprünglichen funktionellen Minderleistungen.

Es ist ausserordentlich interessant, die ganze Linie zu verfolgen, die sich bildet, wenn wir die verschiedenen Wandlungen der *Berufswahl* bei Kindern in Betracht ziehen, wie sie etwa bei kleinen Mädchen auf Prinzessin, Tänzerin, dann Lehrerin geht und zuletzt, vielleicht etwas resigniert, bei der Rolle der Hausfrau endet. Man findet oft bei erwachsenen Kindern, dass sich ihre Berufswahl eigentlich nur daran kehrt, in irgendeine Art von Gegegensatz zu den Vorschlägen des Vaters etwa zu kommen. Natürlich entwickelt sich dieses Gegenspiel nie offen. Die Logik gerät unter den Druck der feindlichen Endabsicht. Es werden die Vorzüge des einen Berufes besonders betont, und die Nachteile, die etwa dem anderen anhaften, besonders stark unterstrichen. Auf diese Weise kann man für und gegen alles argumentieren. Auch dieser Gesichtspunkt bedarf einer starken Berücksichtigung. Bezüglich der *Berufsberatung und der Berufswahl* ist ja der Arzt auch von einer anderen Seite her ausserordentlich engagiert. Er hat die körperliche Eignung in erster Linie zu berücksichtigen. Der seelische Faktor kommt aber ebenso stark in Betracht, in vielen Fällen überwiegt er.

Es ist eine ausserordentlich missliche Sache, jedem missratenen, mit einer nervösen Krankheit oder Psychose behafteten Menschen nachzulaufen, um ihn zu bessern, zu heilen. Darin liegt eine ungeheure Verschwendung von Energie und es wäre schon an der Zeit, dass wir uns mehr der *Prophylaxe* zuwenden. Gesicherte Ausblicke gibt es bereits genug. Durch Erziehung der Eltern sowohl als der Ärzte versuchten wir immer wieder darauf hinzuwirken. Aber ein besseres Resultat bei der ungeheuren Häufung der neurotischen und psychotischen Erscheinungen, insbesondere bei der Verwahrlosung, ist dringend zu wünschen. Da wäre es vor allem am Platz, die geäusserten, aus der Individualpsychologie fliessenden Anschauungen, ihre Menschenkenntnis- und Erziehungskunst bekannt zu machen und in Anwendung zu bringen, damit jeder nach seinen Kräften und Möglichkeiten mithelfen könnte. Die seelischen Entwicklungsanomalien, die uns anfangs als Unarten erscheinen, geben oft später zu den schwersten Formen der nervösen Erkrankungen und des Verbrechens Anlass.

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*Fuente:* Alfred Adler, «Über individualpsychologische Erziehung» (conferencia en la Asociación Médica de Zúrich, 1918), primera publicación en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer*, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XXVI, págs. 221-227; transcripción tomada del ejemplar digitalizado por Google y publicado en archive.org (identificador praxisundtheori00adlegoog). El OCR de ese ejemplar es deficiente y la copia con mejor OCR que señala el inventario (archive.org, bub_gb_oZ4MAAAAIAAJ) no estaba disponible localmente: el texto se ha transcrito de nuevo de las imágenes de las páginas (OCR propio con Tesseract, corregido línea a línea sobre la imagen y cotejado con el OCR de archive.org). Ortografía original de 1920 (ss por ß, como en la impresión). Las cursivas reproducen el espaciado (*Sperrsatz*) del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa. Se respetan las erratas evidentes de la impresión en S. 226 («ungeheure Sicherheit», probablemente por *Unsicherheit*) y S. 227 («Gegegensatz»).
