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Title: Über die Homosexualität
Description: Vortrag in der „juristisch-medizinischen Gesellschaft in Zürich“ 1918. In Alfred Adler, Praxis und Theorie der Individualpsychologie, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, Kap. XIV, S. 127-135.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1918%20%C3%9Cber%20die%20Homosexualit%C3%A4t
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<!-- S. 127 -->

XIV.

# Über die Homosexualität[^1].

Vortrag in der „juristisch-medizinischen Gesellschaft in Zürich“ 1918.

Es liegt in der Art des menschlichen Zusammenlebens, dass es gewisse Bedingungen aus sich selbst heraus schafft, Spielregeln sozusagen (*Furtmüller*), von denen wir alle erfasst sind, die sich uns unter allen Umständen als *gegeben, real, wirklich* fühlbar machen.

Das geschichtliche Material des „griechischen Eros“ ist ausserordentlich verwickelt und langwierig, und man muss schon nach vereinigenden Gesichtspunkten suchen, um die Geschichte der psychologischen Durchforschung der Homosexualität in Kürze darzustellen. Vielleicht genügt es für heute, wenn ich als leitende Gesichtspunkte in den Ansichten der Autoren anführe, dass bei der vielleicht allergrössten Gruppe, zu der Gelehrte und Ungelehrte gehören, als das Bedeutsamste im Gefüge der Homosexualität die Frage der Erblichkeit geltend gemacht wird, etwa als ob der Homosexuelle als solcher zur Welt komme. Und hier gehen wohl die Meinungen auseinander. Die einen nehmen an, dass die Erbmasse beim männlichen Homosexuellen zugunsten eines irgendwie weiblich gearteten Anteils des Trägers vermindert sei; andere wieder glauben an irgendwelche angeborene Komponenten, die besonders verstärkt seien usw.

Es hat noch niemand behauptet, dass die weibliche Erbmasse, der weiblich geartete Anteil bei dem männlichen Homosexuellen grösser sei als der weibliche bei einer Frau, und dennoch finden wir bei der Untersuchung des Homosexuellen fast ausschliesslich Personen mit weiblichen oder weiblich gedeuteten Regungen, während die männlichen zu fehlen scheinen; andererseits zeigen Frauen ausserordentlich häufig männliche Regungen. Das ist für eine Beweisführung im Sinne der Heredität, zugunsten eines angeborenen Faktums, ausserordentlich bedauernswert. Denn wir dürfen uns mit Recht fragen, wo sind denn die männlichen Regungen? Ich muss wohl in Paranthese hinzufügen: Es fehlen natürlich die männlichen Regungen nicht, oder nicht ganz, aber sie werden so sehr durch die weibliche Artung, wenigstens in den präzise gebauten Fällen, in den Hintergrund gedrängt, dass uns diese Diskrepanz, dieser innere Widerspruch besonders auffällt.

Ein zweiter Einwand, der ebenso berechtigt ist und scharf ins Auge gefasst werden muss, ist die ungeheure Häufigkeit der fakultativen Homosexualität, d. h. irgendwelche homosexuelle Vorkommnisse im Leben eines Menschen, sei es in seiner Kindheit, sei es auf langen Reisen wie bei den Matrosen oder bei Internierten, im Soldatenleben oder im Zusammenleben der Kinder in der Schule. Und diese fakul<!-- S. 128 -->tative Homosexualität, von der viele gute Beobachter annehmen, dass sie eine fast regelmässige Erscheinung sei im Leben jedes einzelnen, macht uns ebenso wenig geneigt, der Heredität in dieser Frage ein überwiegendes Gewicht zuzusprechen.

Eine zweite Gruppe von Forschern nimmt die Fixation irgendwelcher sexuellen Erlebnisse (zumeist in der Kindheit) an. Auch dem widerspricht die Erfahrung insofern, als solche kindliche anscheinende oder wirkliche homosexuelle Erlebnisse ungemein häufig sind, ferner dass die homosexuellen Erlebnisse, die uns von Patienten oder Beschuldigten berichtet werden, zuweilen eine solche Dürftigkeit behalten, dass wir unmöglich imstande sind, grössere Schlüsse daran zu knüpfen als höchstens den, wie auffällig es ist, dass der Homosexuelle ein derartiges Erlebnis als grundstürzend für seine ganze Entwicklung betrachtet. Dasselbe müssen wir auch jenen Autoren entgegenhalten, die mit der Annahme der Fixation solcher Erlebnisse uns den Zustand der Homosexuellen erklären wollen.

Wir sind sogar genötigt, eine Frage aufzuwerfen, die uns das Zweifelhafte in dieser Auffassung noch in einem ganz anderen Lichte zeigt. Wir dürfen uns mit Recht fragen, warum die Betreffenden gerade solche Erlebnisse fixieren und nicht andere, deren sie sicherlich auch teilhaftig geworden sind. Das ist eine Frage, die auch die Pädagogik in anderer Weise sehr häufig beschäftigt. Was halten wir gewohnheitsmässig fest? Was ahmen wir denn überhaupt nach? Wird der Mensch in seinem Nachahmungstrieb nicht durch geradezu bindende Gesetze geleitet und eingeengt? Die Beobachtung jugendlicher Individuen, Kinder, aber auch Erwachsener, die irgendwie in der Nachahmung besonders scharf hervortreten, belehren darüber, dass niemand etwas nachahmt, was ihm nicht in irgend einer Weise passt.

Was passt aber einem Homosexuellen an der Fixation des homosexuellen Erlebnisses? Wir müssen zurückgehen in eine Zeit, die vor dem Erlebnisse einsetzt: beim Examen der betreffenden Personen zeigt es sich, dass sie mit einer besonderen Intensität, ganz abgesehen von irgendwelchen sexuellen Vorkommnissen, immer betonen, dass man sie schon mit 2—3 Jahren für ein Mädchen gehalten habe, dass sie mit besonderer Vorliebe mit Puppen spielten, dass sie sich fast ausschliesslich in Mädchengesellschaft aufhielten usw.

Auch die Anschauung von der Fixation kindlicher Erlebnisse also führt uns kaum zu irgendwelchem Verständnis über diese so unerschütterlich scheinende Haltung eines Menschen, der eigentlich dem Haft der ganzen Gesellschaftsordnung frühzeitig bereits entgegenarbeitet. Denn durch seine Entwicklung leugnet der Homosexuellen das tragende Prinzip von der Erhaltung der Gesellschaft, und es ist kaum denkbar, dass er, — gleichgültig auf welche Weise immer er zu seiner Anschauungs- und Gefühlsweise gekommen ist —, nicht die ungeheuren Widerstände empfunden, gemerkt, verarbeitet hätte, die sich bei seiner homosexuellen Entwicklung ihm in den Weg gestellt haben. Man kann sagen, es ist so unendlich viel schwerer homosexuell zu sein als normal, dass wir schon daran einen Massstab gewinnen können für den ungeheuren Aufwand von Kräften, der dazu gehört, um als Homosexueller durchs Leben zu gehen. Und diesen Aufwand von Kräften können wir in der Tat bei jedem Perversen beobachten. Wir können ihn beobachten in der ganzen Art seiner Deduktion, in der <!-- S. 129 --> Betrachtung des Mannes, der Frau, seiner Erlebnisse, und wir sehen schrittweise die Vorbereitungen, die er macht, um zu einer einheitlichen Haltung zu kommen, die nicht so leicht erschüttert werden kann. Gerade die Mischfälle, deren es unzählige gibt, die in der Majorität sind, zeigen uns die homosexuelle Entwicklung oft stadienweise, wie es nur unter Aufwendung ganz besonderer Kräfte gelungen ist, die normale Richtung zu verlassen und das Leben soweit einzuengen, dass nur für die Homosexualität mehr Platz übrig ist.

Es ist im Detail oft rührend und komisch zugleich zu beobachten, wie der Betreffende sich schrittweise selbst hypnotisiert, sich selbst mit Gewalt den Gedanken aufzwingt, für die Norm nicht geschaffen zu sein. Seine Argumente sind von so geringem Gewicht, dass man an den Dialekt der Homosexuellen gewöhnt sein muss, um dabei ruhig zu bleiben. Ich kenne solche, die äusserlich absolut nicht auffallen, die nichtsdestoweniger von sich irgendwelche Kleinigkeit betonen, dass ihr Kehlkopf nicht männlich gebaut sei, dass ihr Bartwuchs nicht so stark sei wie bei anderen usw. Man kann den Eindruck ausserordentlich rasch bestätigen, dass die Betreffenden mit Mühe alles mögliche zusammengetragen haben, um ihren Anschauungen von ihrer Andersartigkeit irgendwelche überzeugende Kraft zu verleihen.

Die Frage beschäftigt uns, woher stammt denn diese fast unausrottbare Neigung, sich die Zeichen der Männlichkeit abzusprechen und etwa eine volle Gewissheit, eine Bestätigung, eine Rechtfertigung für ihre andersgeartete Gefühls- und Anschauungsweise zu gewinnen. Die Aufklärung ist aus der Betrachtung der homosexuellen Akte und der homosexuellen Anschauungsweise nicht zu gewinnen. Wie bei allen Erscheinungen des menschlichen Seelenlebens gelingt uns ein Verstehen erst, wenn wir die ganze Persönlichkeit des Betreffenden durchschaut haben, wenn wir zu seinem Sinn, zu seinem innersten Wesen durchgedrungen sind und verstanden haben, welcher Art die Antwort dieses Menschen ist, die er auf die Forderungen des gesellschaftlichen Lebens gibt. Und wenn man bei Homosexuellen von ihrer homosexuellen Betätigung hört, die sie vielleicht mit dem Strafgesetz in Konflikt gebracht hat, oder die sie quält, beengt, so findet man, dass auch in ihrem übrigen Leben durchaus nicht die Norm herrscht, die man etwa von jemandem erwarten könnte, der sonst für das Leben vollkommen geeignet ist, nur vielleicht in geschlechtlicher Beziehung nicht genügt. Die hervorstechendsten Zeichen, die in irgend einer Art abgeändert, sich im Charakter des Homosexuellen deutlich machen, sind: *überstiegener Ehrgeiz und ausserordentlich ausgesprochene Vorsicht oder Lebensfeigheit*.

Wir können schon an diesen regelmässigen Befund anknüpfen und uns die Frage vorlegen, was kann das Schicksal eines Menschen sein, der zwei so widerspruchsvolle Charakterzüge in sich trägt: Ehrgeiz, der nie Befriedigung erwarten lässt, und andererseits eine Feigheit, die ihn schon bei dem ersten Schritte, um zur Befriedigung des Ehrgeizes zu gelangen, lähmt. In irgend einer Weise trägt jeder Nervöse abgeschwächt diese beiden Charakterzüge in sich. So bestätigt sich bei näherer Verfolgung des Charakterbildes des Homosexuellen, dass er uns ein einwandfreies Bild eines nervösen Menschen bietet, dessen Nervosität nur deshalb nicht so deutlich zum Ausdruck gelangt, weil er seinen Wirkungskreis durch die Homosexualität soweit eingeengt hat, als der <!-- S. 130 --> Nervöse erst durch seine Neurose. In diesem kleinen Kreise machen sich nervöse Symptome oft wenig breit. Es ist dem Homosexuellen in der Regel gelungen, *durch Ausschaltung von erschwerenden Bedingungen* sich ein Leben zu schaffen, dem er entweder noch vollkommen genügt, oder aber, dem er doch leichter nachgehen kann als einer, den die Heterosexualität immer wieder ins Leben hinausstösst, ihn in Verbindung bringt mit allen Fragen, Forderungen und Schwierigkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Nichtsdestoweniger findet man bei vielen Homosexuellen, deren Betätigungskreis kein allzu enger ist, dass ihnen schwerwiegende Symptome nicht mangeln. Die vorwiegendsten dieser Symptome sind Zwangserscheinungen.

Aus der Kindheitsgeschichte von Homosexuellen fallen gleichfalls eine Anzahl von gleichlaufenden und gleichlautenden Erscheinungen auf, die leicht in einen Zusammenhang zu bringen sind. Es ist einer der wichtigsten Gesichtspunkte für meine Anschauungsweise geworden, dass es mir gelungen ist, bei Homosexuellen regelmässig nachzuweisen, wie ihnen ihre *Geschlechtsfindung* ungemein schwierig war und viel später zustande gekommen ist als anderen Kindern. In der Regel hört man von Kindern, die einen feinen Teint haben, lange Röcke getragen haben, länger als andere Kinder in Mädchenkleidern herumgegangen sind, immer Mädchen zu Gespielinnen hatten, und denen von aussen gar keine Erfahrungen nahegelegt wurden, dass sie anderen Geschlechtes als Mädchen seien. Sie sind bereits *irrtümlich* in mädchenhafter Seelenentwicklung begriffen, wenn sie zu ihrer Überraschung auf den Umstand gelenkt werden, dass sie eigentlich dem anderen Geschlecht angehören. Und diese neue Schwierigkeit bei Kindern, deren *Ehrgeiz* ganz besonders aufgestachelt ist, deren *Vorsicht* sie vor jeder neuen Aktion behindert, ist auch in diesem Falle ausserordentlich bedeutsam. Es genügt nicht mehr, dass sie Erfahrungen anderer Art machen, sondern sie nützen die Erfahrungen anderer Art dazu aus, um sich in ihrem Standpunkt zu bestärken, dass sie nicht so sind wie Knaben, dass hier irgend ein Wunder der Natur vorliegt, irgend eine Andersartigkeit, die ihnen in der Regel als eine *Auszeichnung* vorkommt, eine Auffassung, die ihr Ehrgeiz gerne fördert.

Wieso spielt der Ehrgeiz bei diesen Kindern eine so grosse Rolle? Es handelt sich nicht um Kinder, deren Entwicklung gradlinig, unbeschwert ist, sondern entweder um Kinder, die aus ihrer *Position* ein Gefühl von Schwächlichkeit und Minderwertigkeit schöpfen, oder um solche, deren Umgebung ihnen einen solchen Druck auflastet oder eine derartige Verzärtelung, dass anfangs der Wunsch ganz besonders intensiv wird, in Zukunft von jedem rauhen Lüftchen verschont zu bleiben[^2], immer nur an erster Stelle zu stehen. Und dies gilt für beide extremen Erziehungsformen: beide nähren und steigern die Sehnsucht der Kinder, eine Zukunft zu gewinnen, in der sie absolut unbehelligt sind von allen Beschwernissen des Lebens. Dieses Streben und die Furcht, darin zu kurz zu kommen, machen es aus, dass ihre Phantasie in eigenartiger Weise auf das Herrschen und Herrschenwollen gerichtet wird, dass sie eine Situation für ihr künftiges Leben suchen, in der sie von keiner Seite irgendwelche Gefahr zu erwarten haben. Kommen nun, wie bei <!-- S. 131 --> der erschwerten Geschlechtsfindung, durch erschwerte Verhältnisse in der Familie, durch ungeordnete eheliche Verhältnisse der Eltern neue Erschwerungen für das Kind hinzu, so legen sie ihm den Gedanken nahe, die Krönung des Ehrgeizes auf einem ganz besonders eingeengten Weg zu suchen. Und die Frage, die hauptsächlich auftaucht, ist die Frage ihrer Stellung zum andern Geschlecht.

Hier gibt es nun verschiedene Antworten. Während wir bei der einen homosexuellen Entwicklung finden, dass das andersartige Geschlecht vollkommen ausgeschaltet erscheint, finden wir bei anderen Kompromisse verschiedener Art. Immer aber fällt der Schatten der Verurteilung auf das andere Geschlecht. In dem Moment, wo das Kind die Wendung zum Homosexuellen macht, trifft es auch mit der herabsetzenden Tendenz das andere Geschlecht. Es ist eigentlich dieselbe Dynamik in anderer Beleuchtung. Es weist die eine Erscheinung über sich auf die andere hinaus, und ihre beiden Linien müssen zusammentreffen. Wir haben sie daher nicht gesondert, sondern im Zusammenhang zu betrachten. Wenn sich aus einer erschwerten Situation des kindlichen Lebens brennender Ehrgeiz entwickelt, so ist es verständlich, dass er nicht bestehen kann, ohne von besonderer Vorsicht behütet zu sein. Das Zusammenströmen dieser beiden Charakterzüge macht es aus, dass in das Kind bereits und später in den Erwachsenen eine Haltung von ganz bestimmter Art kommt, die wir in ihren körperlichen Bewegungen und besonders in ihrer Haltung zum Leben immer unterscheiden können, wenn wir nur das eine berücksichtigen, dass sich diese Züge in einer gesicherten Situation nicht so deutlich zeigen. Die Haltung des Homosexuellen gegenüber dem Leben wird immer eine *zögernde* sein.

Der Homosexuelle hat verschiedene Eigenarten. Er wird in irgend einer Weise in verschiedenen Graden dem gesellschaftlichen Leben abgewendet sein, er wird Berufe gewechselt haben, später angefangen und früher aufgehört haben. Sein ganzes Leben spielt sich ab wie unter einer Bremsvorrichtung. Die Kraft, die diese Bremsvorrichtung treibt, muss der Homosexuelle *selbst* immer wieder aufwenden.

Erster Fall.

Ein Mann in den 30er Jahren aus den höchsten Gesellschaftsschichten. Gross gewachsen, von athletischer Muskulatur, hat aber tatsächlich keinen so ausgeprägten Bartwuchs wie irgend ein anderer, den man sonst ihm gegenüberstellen könnte. Er erzählt, seine Brüder seien ebenfalls nicht gerade durch starken Bartwuchs ausgezeichnet. Bei seinem Vater wäre es anders. Aber sein Grossvater, der eingewandert war, wäre aus einer Gegend gekommen, die dadurch bekannt ist, dass ihre Rasse einen dürftigen Bartwuchs besitze. Und diese Erscheinung, von der der Patient jahrelang zu sich selbst und zu jedem Arzte immer wieder als von einem Beweise seiner angeborenen Homosexualität gesprochen hatte, diese Erscheinung kann er selbst auf eine Rasseneigentümlichkeit zurückführen, ohne dass dies in seiner Haltung irgend etwas geändert hat. Wir sehen schon daraus, mit welcher tendenziösen Fertigkeit die Patienten in all ihren Beweisführungen vorgehen. Es ist nicht böse Absicht, sondern die uns bekannte, *unbewusste List der Nervösen*, zu der sie durch ihre immer vorhandene Vorsicht im Leben von selbst gelangen, ohne es zu merken, die ihnen anhaftet wie eine Unart und nicht etwa wie eine trügerisch bewusste Absicht. — Er war der Jüngste unter 3 Brüdern. Die Kinder waren streng behütet. Bis <!-- S. 132 --> zum 10. Lebensjahr ist er nie mit Mädchen zusammengekommen, aus seiner Familie hat er nur mit zwei Brüdern nähere Fühlung gehabt, unter denen er der Jüngste ist. Dieser Umstand ist nicht ohne Bedeutung. Die Psychologie des jüngsten Kindes ist eine ausserordentlich komplizierte und interessante. Insbesondere sind es 2 Züge, durch die sich die Jüngsten regelmässig auszeichnen, die aber in so verschiedener Mischung vorhanden sein können, dass wir oft geradezu gegenteilige Charaktere finden. Der eine Zug ist, dass sie durch das Gefühl ihrer Kleinheit gedrückt sind. Sie sind immer wie unter Dampf, sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie grösser sein wollen, als sie sind. Sie sind immer heftig berührt durch Ereignisse und Worte, die auf ihre Kleinheit hinweisen, die ihren Ehrgeiz anstacheln können. Auch die Märchenwelt kennt den Jüngsten, zeichnet ihn aus und schreibt ihm eine besondere Disposition zu. Immer ist er am Werk, hat die Siebenmeilenstiefel an, etc. Dadurch wird auch wahrscheinlich gemacht, dass unter den weltgeschichtlichen Personen, deren rapides Vorwärtskommen, besonders in der Kunst auffällt, recht häufig jüngste Kinder gewesen sind. Wir dürfen hier von *Positionsspychologie* sprechen. Die Position reizt den Jüngsten auf, so dass er unter dem Druck seines Ehrgeizes immer weiter zu gelangen sucht als seine Umgebung. Dies aber nur unter fördernden Bedingungen. Denn andrerseits sind die Schwierigkeiten und Schranken, denen sich die jüngsten Kinder gegenüber sehen, recht häufig der Grund dafür, dass sie den Glauben an sich verlieren, dass sie besonders vorsichtig werden und resignieren. Ihre Vorsicht wird sich sogar in ihrem Gesicht irgendwie ausdrücken. Ich habe bei Musterungen im Heer während der Kriegszeit oft die jüngsten Geschwister herausgefunden. Rastloser, aber zitternder Ehrgeiz oder Ausreissertum spiegeln sich in ihrer Haltung.

Unser Patient berichtet weiter, dass er durch seine älteren Geschwister immer zurückgesetzt wurde, aber immer im Vordergrund stehen wollte, dass er sich immer mit den anderen gemessen habe, kurz, dass er damit vertraut sei, einen über die Norm hinausgehenden Ehrgeiz zu besitzen, andrerseits, dass er nichts riskieren wolle, jede Situation 100mal überlege, und immer wieder in Zweifel und Zaudern verfalle. Die Behütung durch die Familie war eine besonders vorsichtige, so dass eine vorzeitige Kenntnis der geschlechtlichen Verhältnisse ausgeschlossen war. Mit 10 Jahren kam Patient in eine Klosterschule, wo er mit lauter Knaben beisammen war. Diese Klosterschule ist mir als streng und zelotisch bekannt. Als sein Geschlechtstrieb deutliche Formen angenommen hatte, war er durchaus nicht im Klaren über die Bedeutung des Sexualtriebes und seiner Sexualrolle. Die Mädchen erschienen ihm als etwas Rätselhaftes und Unverständliches. Er hatte ferner gelernt, das jede Nachgiebigkeit im Sexuellen eine schwere Sünde sei. Als er später doch vertrauter wurde und durch seine Kameraden Kenntnisse gewann, da blieb ihm eigentlich nur der Weg zur Masturbation übrig, die er wohl auch als Sünde betrachtete, aber doch als leidlicher empfand, weil er niemand anderem dadurch Schaden zufüge. Vom Standpunkt der Gemeinschaft ist dieser Gesichtspunkt durchaus unrichtig. *Kant* hat die Frage aufgeworfen, wieso es komme, dass wir die Masturbation als etwas Sündhaftes empfinden. Es scheint mir, dass der immer erfolgende Durchschlag des allgemein menschlichen Empfindens, des differenzierten Gemeinschaftsgefühls, der Gattungsliebe, in jedem Einzelnen es verursache, <!-- S. 133 --> dass wir diese Form der gemeinschaftslosen Sexualbetätigung unbedingt ablehnen, auch wenn man sich, wie in den beobachteten Fällen scheinbar mit ihr abgefunden hat.

In unserem Falle ist besonders hervorzuheben, dass durch seine Stellung als Aristokrat von ganz besonderer Höhe sein Leben auch weiterhin ausserordentlich isoliert verlief. Er verkehrte mit wenigen Personen und war von vornherein darauf hingeleitet, als Gutsbesitzer sein Leben weiter zu verbringen. Wir finden aber auch in seinem ganzen Leben eigentlich nichts, was wir als aktive Handlung bezeichnen könnten. Er hat unter mildernden Bedingungen ein Gymnasium in der Klosterschule absolviert, das Gut seiner Eltern übernommen, er ist kein bösartiger Mensch, hat niemandem etwas zuleide getan. Er ist immer dort gestanden, wo man ihn hingestellt, oder wohin ihn das zum voraus zu berechnende Schicksal gestellt hat. Auch in der Homosexualität sehen wir diese festgehaltene Distanz zum gesellschaftlichen Leben und seinen Forderungen, in der Frage der Sexualität dieselbe mangelhafte Aktivität, die freilich in anderen Fällen stärker ausfällt.

Nun kommt plötzlich ein Erlebnis. Pat. heiratet. Es handelte sich um ein Waisenmädchen aus hochstehender Familie, der unser Pat. nach kurzer Bekanntschaft seine Homosexualität eingestanden hatte. Wie so häufig bei Mädchen zu geschehen pflegt, wurde auch sie durch eine Aufgabe, die ihr zufiel, und bei der sie sich als Retterin zeigen konnte, gereizt, und so ging sie die Ehe ein unter allen Bedingungen und Vorbehalten, die ihr Mann ihr gemacht hatte. Die Ehe misslang gründlich. Es erwies sich eine vollkommene psychische Impotenz. Hinter der psychischen Impotenz steckt der Mangel an Fähigkeit der Hingabe. Diese Personen, einer Hingabe an irgend eine Sache oder an eine Person nicht fähig, immer nur auf ihr Prestige bedacht, stehen immer in einer Distanz zum Leben. Pat. befand sich in einem seelischen Entwicklungsstadium, in dem er jeder weiteren Prüfung ob seines Wertes auswich. Er hatte ein Landgut, eine Frau. Aber was das Leben sonst von ihm fordern wollte, dem versagte er die Billigung. Er hat eigentlich nur mehr die Aufgabe, durch die Krankheitslegitimation seiner Homosexualität und anderer nervöser Beschwerden jede weitere Forderung abzulehnen. Auch seiner Frau gegenüber war er vollkommen unschuldig, denn er hatte ihr ja bereits vorher alles gestanden, und sie durfte ihm keinerlei Vorwürfe machen. Ja, er hatte sie eigentlich durch die ganze Situation, in die er sie brachte, verpflichtet, als Freundin, Beraterin, Sekretärin zu seiner Verfügung zu stehen. Denn er hatte ihr nie irgendwelche Versprechungen gemacht. Es war also eine Situation eines aus der Welt Gerückten, eine Situation, die man schon aus seiner Kindheit hatte ableiten können. Wir müssen annehmen, im Zusammenhang mit vielen anderen Erscheinungen aus seinem Leben und dem Leben anderer, dass die Absicht, nicht mitzuspielen, bei ihm derart festgefügt war, dass wir sie als ideale Lösung seiner Lebensfrage betrachten müssen. Gestützt auf diese ideale Lösung kommt er zum Arzte mit derselben Vorsicht und mit derselben Geheimniskrämerei, die ihm andererseits gestattet, nicht unter die Menschen zu gehen, weil sie ihn angeblich sofort als Homosexeullen erkennen könnten. Dies erschiene ihm wie ein Schandfleck.

Wichtig ist in allen diesen Fällen noch folgender Gesichtspunkt: Die Homosexuellen werden in der Regel ihre Unart mit Stolz <!-- S. 134 --> betonen[^3], wenn sie nicht irgendwelche Umstände an der Äusserung derselben behindern. Auch die Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen gehen in einer Stimmung des Patienten vor sich, als ob der Patient sie ablehnen wollte, als ob sie ihm unverständlich wären. Vom Standpunkt eines vorgefassten Systems allerdings sind das schwerwiegende Unterschiede. Psychologisch genommen ist der Unterschied durchaus nicht so gross. Ein sexueller Zwangsgedanke fordert unter dem Zwang des Geschlechtstriebes nach einer Erledigung, und wenn eine derartige Erledigung noch möglich ist und durch die noch vorhandene Aktivität des Patienten erleichtert wird, dann muss er ja seine Zwangsgedanken irgendwie verständlich finden, weil er sich sonst selbst vom Ziel der Befriedigung ablenkt. Nun gibt es genug Homosexuelle, die in ihren Gedanken und Phantasien etwas Unverständliches und Rätselhaftes sehen und sie ununterbrochen zu bekämpfen suchen. Die Analogie mit der Zwangsneurose ist also ziemlich gesichert.

Zweiter Fall:

In der Literatur wird meist, zum Teil aus Gründen, die mit der Jurisprudenz zusammenhängen, nur die männliche Homosexualität berücksichtigt. Genau dieselben Grundlinien sind aber auch in der weiblichen Homosexualität nachzuweisen.

Eine 25jährige Patientin, die ältere von zwei Geschwistern, war vier Jahre alt, als ihr ein Bruder geboren wurde, dem sich nun die ganze Aufmerksamkeit der Familie zuwendete. Sie wurde zur Seite gedrängt. Daraus entstammte eine mächtige Entwicklung ihres Ehrgeizes. Dazu ein ausserordentlich düsteres Familienbild: Vater gewalttätig, Mutter leichtsinnig. Das aufgeweckte Mädchen bemerkt, was in der Familie vorgeht, wird von der Ehe angewidert, zieht sich vom Vater zurück, sieht in ihm einen gewalttätigen Menschen, sucht dieses Bild auch vom Bruder zu gewinnen, um die Sicherheit zu erlangen, dass alle Männer brutal sind. Sie zieht sich von beiden zurück und spricht mit keinem. Sie führt ein furchtsam isoliertes Leben, findet nirgends Anreiz zum Spiel, ist Kolleginnen gegenüber hochfahrig, aber ihr Ehrgeiz gewinnt ihr die Sympathien der Lehrerin. Sie wird zum Studium bestimmt. Mit 10 Jahren ist sie Augenzeugin einer Geburt, die sich bei einem Dienstmädchen in einem Nebenzimmer vollzieht. Ihre Abneigung, ihr Schrecken vor der weiblichen Rolle ist dadurch stark gewachsen. Mit Beginn der Entwicklung zeigt sich eine ausserordentliche Verstimmung, und das Mädchen ergibt sich der Trunksucht. Auch hier finden wir wieder den Aufwand von Kraft, um dem normalen Leben eines Mädchens aus einem Milieu wohlhabender Eltern zu entgehen.

Ihre Ausartung in die Homosexualität hat lange Zeit in Antpruch genommen und sie war schon persönlich einer Homosexuellen ihrer Vaterstadt befreundet, aber es bedurfte noch zweier Jahre, bis sie eines Tages *nach einem heftigen Streit* mit ihrer Mutter in einem Zug von Rachsucht zu diesem homosexuellen Mädchen ging und seither mit ihr lebte. Von Männern hatte sie sich immer fern gehalten. Aber es gab einen Verwandten, einen jungen Mann von besonders abstossender Gestalt und hässlichen Gesichtszügen, mit dem sie doch vertrauter wurde, mit dem <!-- S. 135 --> sie wissenschaftliche, gesellschaftliche Gespräche führte und gelegentlich auch Spaziergänge machte. Er erschien ihr absolut ungefährlich. Gerade ihre besondere Vorsicht wurde ihr aber zum Unglück. Eines Tages vertraute sie ihm ihr homosexuelles Geheimnis an, und nun versuchte der junge Mann eine Erpressung in der Richtung, um sie zu einer Ehe mit ihm zu zwingen. Es kam zur Heirat, die nach ungefähr vier Wochen mit einer Scheidung endete. Die Frau erwies sich, wenn ich so sagen darf, als impotent. Die Geschichte wurde publik, und ihre Mutter, mit der das Mädchen immer in grösster Feindschaft lebte, bat mich, mich der Tochter anzunehmen.

Patientin sprach nur von ihrem Ehrgeiz, von ihrer Neigung, in der Wissenschaft etwas zu leisten, und ihre Abgewandtheit von der Rolle einer Frau war so deutlich, dass es nicht zu übersehen war. In der Gesellschaft suchte sie sich unmöglich zu machen. Welche Arbeit immer sie begann, — sie fand auch immer den Weg, um abzubrechen. Diese eigenartige Gangart stammte aus einem frühen, kindlichen Irrtum in der Beurteilung der Forderungen des Lebens, die sie in ihrem Pessimismus übertrieb, und aus der Furcht, diesen Forderungen nicht gerecht werden zu können, was ihre niedrige Einschätzung der Frau widerspiegelte. Die Gefahren des heterosexuellen Lebens sieht der Homosexuelle in seinem Pessimismus ausserordentlich gross, so dass wir eigentlich selbstverständlich finden, wie er vor allen Unternehmungen zurückschreckt, die ein Aufgehen in seiner Geschlechtsrolle anbahnen könnten, und seine Haltung ist so, als ob er die Zeit hemmen, den Fortschritt, der natürlich wäre, aufhalten wollte. Wir kennen seine Beweggründe. Aber der Homosexuelle kennt sie nicht, wehrt sich auch, sie anzuerkennen. Er nimmt für echt, worin wir einen Irrtum sehen, und er ist darin ausserdem gestützt durch die Irrtümer einer scheinbar sachverständigen, wissenschaftlichen oder laienhaften Literatur, die ihm in seinem Urteil über die Unabänderlichkeit recht gibt. Eine derartige Geistesdisposition, in der der Homosexuelle lebt, phantasiert und handelt, macht ihn aber *unverantwortlich*. Ein Eingreifen der Allgemeinheit ist dadurch absolut nicht verwehrt. Was mir das wichtigste im Heilverfahren zu sein scheint, ist ja doch die Logik des Lebens, die auch bei ihm durchschlägt, die ihn zum mindesten zu einer grossen Heimlichkeit veranlasst, die ihm auch Herzklopfen verursacht, wenn er seiner fixen Idee, seiner Aufwallung nachgeht. Darin bekundet sich die Stimme der Gemeinschaft, die unter allen Umständen der Homosexualität abhold sein muss.

[^1]: Siehe *Adler*, „Das Problem der Homosexualität“. E. Reinhard, München 1917.

[^2]: Siehe *Adler*, Studie über Minderwertigkeit von Organen. 1907. Wien, Leipzig. Verlag Urban & Schwarzenberg.

[^3]: Vgl. *Pindar, Fragment 123* (ed. *Christ*). „Wer nicht von Liebe zum Knaben Theoxenes ergriffen ist, dessen Herz ist aus Erz geschmiedet, und von Aphrodite missachtet müht er sich ab, gewaltsam Geld zu erwerben oder er wird hineingetrieben auf den frostigen Weg als Diener der weiblichen Keckheit.“

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*Fuente:* Alfred Adler, «Über die Homosexualität. Vortrag in der „juristisch-medizinischen Gesellschaft in Zürich“ 1918», primera publicación conocida en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer*, Múnich/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XIV, págs. 127-135; transcripción del ejemplar de la University of Michigan digitalizado por Google y publicado en archive.org (praxisundtheori00adlegoog; fichero local `materiales/1920/1920_Praxis-und-Theorie-der-Individualpsychologie__archive.pdf`, págs. 140-148 del PDF). El OCR de ese ejemplar es deficiente: el texto se ha transcrito de nuevo de las imágenes (OCR propio con Tesseract a 300 ppp, corregido línea a línea sobre la imagen de cada página). El texto no figura en el inventario de obras como pieza independiente. No es el folleto *Das Problem der Homosexualität* (1917; véase en este archivo la edición ampliada de 1930), que la nota 1 cita: es una conferencia distinta y más breve, con dos casos propios (un aristócrata y una paciente de 25 años) que no están en el folleto. Ortografía original de 1920 (ss por ß, como en la impresión). Se respetan las erratas impresas «Paranthese», «dem Haft der ganzen Gesellschaftsordnung» (¿por *Halt*?), «leugnet der Homosexuellen», «nur für die Homosexualität mehr Platz» (¿por *nur noch*?), «Positionsspychologie», «das jede Nachgiebigkeit», «Homosexeullen», «in Antpruch genommen», «E. Reinhard» (por Reinhardt) y «Theoxenes». En la pág. 133 del ejemplar, «Pat.» lleva una adición manuscrita de un lector, que no se transcribe. Las cursivas reproducen el espaciado (*Sperrsatz*) del original. Los comentarios `S. n` del código marcan el comienzo de cada página impresa. Forma parte del libro [*Praxis und Theorie der Individualpsychologie*](https://adler.school/archivo/adler/original/1920%20Praxis%20und%20Theorie%20der%20Individualpsychologie) (1920), cap. XIV.
