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Title: Zur Sitophobie
Description: Zeitschrift für Individualpsychologie, I. Band, 1. Heft (April 1914), Rubrik „Aus der Praxis der Psychotherapie und Pädagogik“, S. 27-28; gezeichnet „A.“. Nachdruck als „Nervöser Hungerstreik“ in Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920), Kap. XVII
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1914-04%20Zur%20Sitophobie
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<!-- Rubrik: «Aus der Praxis der Psychotherapie und Pädagogik*.» — * An dieser Stelle werden der Redaktion zukommende Anregungen der Kollegen von den ständigen Mitarbeitern erörtert werden. -->

<!-- S. 27 -->

# Zur Sitophobie.

In der Regel beginnt dieses Symptom der *Furcht vor dem Essen* um das 17. Lebensjahr herum, fast immer bei Mädchen. Die Folge dieses Verhaltens ist gewöhnlich eine rapide Abmagerung. Als Ziel, das auch aus der Gesamthaltung der Patientin hervorgeht, findet sich die Ablehnung der Frauenrolle. D. h. es liegt der Versuch vor, durch übermäßige Enthaltsamkeit, — wie allgemein in der Mode auch, — die Entwicklung weiblicher Formen aufzuhalten. Eine dieser Patientinnen bestrich außerdem den ganzen Körper mit Jodtinktur, in der Meinung, auf diese Weise die Abmagerung zu erzwingen. Ganz regelmäßig aber hob sie die Wichtigkeit des Essens ihrer jüngeren Schwester gegenüber hervor und trieb sie unablässig an. <!-- S. 28 --> Eine andere Patientin langte endlich bei einem Gewicht von 28 Kilo an und sah einem Gespenst ähnlicher als einem jungen Mädchen.

Immer, glaube ich, handelt es sich um Mädchen, die schon als Kinder den Wert und die Bedeutung des „Hungerstreikes“ als Machtmittel erprobt hatten. Denn niemals fehlt bei entwickelter Neurose dieser gleiche Druck auf die Umgebung und — auf den Arzt. Mit einem Male dreht sich alles um die Patientin, und ihr Wille dominiert in jeder Beziehung. Nun wird auch verständlich, warum solche Patienten der Beschaffenheit der Nahrung so großes Gewicht beilegen und dieses Gewicht durch das „Arrangement“ der Angst sichern müssen: sie können den Prozeß der Ernährung gar nicht hoch genug einschätzen, da diese Überwertung ihnen erst gestattet, ihr Ziel, über alle anderen zu herrschen (wie ein Mann! wie der Vater!), konsequent zu verfolgen. Jetzt erst können sie alles bekritteln, sie haben den richtigen Standpunkt gewonnen, um die Kochkunst der Mutter anzuspannen und herabzusetzen, die Auswahl der Speisen zu diktieren, die Pünktlichkeit der Mahlzeiten zu erpressen. und gleichzeitig zu erzwingen, daß aller Augen mit der bangen Frage auf sie gerichtet sind, ob sie auch essen werde.

Eine meiner Patientinnen änderte nach einiger Zeit ihr Verhalten dahin, daß sie unter der gleichen Betonung der Wichtigkeit des Essens anfing, ungeheuer viel zu verzehren und zu begehren, was die gleiche Inanspruchnahme der Mutter zur Folge hatte. Sie war verlobt, wollte angeblich auch heiraten, „bis sie gesund sei“, hinderte aber gleichzeitig die Fortsetzung ihrer Frauenrolle durch nervöse Symptome (Depression, Wutanfälle, Schlaflosigkeit) und besonders dadurch, daß sie sich durch fortgesetzte Mastkuren zu einem Monstrum entwickelte. Ununterbrochen nahm sie Brom und erklärte, sich ohne dieses Mittel schlechter zu fühlen; gleichzeitig klagte sie über die starke Bromakne, durch die sie ähnlich wie durch die Fettsucht entstellt wurde. (Ähnlichen Zwecken dient häufig die nervöse Obstipation, zuweilen ein Tick oder Grimmassieren, oder eine Zwangsneurose.) Manche Patienten erreichen das gleiche, indem sie öffentlich fasten und heimlich essen. Bekannt ist schließlich die ungeheure Bedeutung des Hungerstreiks bei Melancholie, Paranoia und Dementia praecox, wo immer durch Negativismus der Wille der Umgebung zur Ohnmacht verdammt wird.

Vielen andern Arrangements in der Neurose analog ist der Kunstgriff des „*Hin und Her*“, durch den das Symptom der „Zeitvertrödelung“ erzeugt wird, was in allen Fällen begreiflich wird, wenn man erkennt, daß sich der Patient aus „Furcht vor der Entscheidung“, in obigen Fällen aus „Furcht vor dem Partner“ zur „zögernden Attitüde“, zur „Rückwärtsbewegung“ oder zum Selbstmord entschlossen hat. Erst wird die Wichtigkeit der Nahrung überwertet, dann kommt es zur Furcht vor der Nahrungsaufnahme; schließlich bleibt nur übrig, was wir erwarten: zögernde Attitüde, Stillstand oder Rückzug gegenüber den gesellschaftlich durchschnittlichen Forderungen der andern. In dieser Haltung spiegelt sich das alte kindliche Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Anforderungen des Lebens deutlich genug, und die „Kunstgriffe des Schwachen“ sind leicht zu entlarven.

A.

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*Fuente:* «Zur Sitophobie», firmado «A.», en la sección «Aus der Praxis der Psychotherapie und Pädagogik» de la *Zeitschrift für Individualpsychologie*, I. Band, 1. Heft, abril de 1914, págs. 27-28; transcripción a partir del ejemplar digitalizado publicado en Internet Archive (fichero local `1914/1914-04_Zeitschrift-Individualpsychologie_Bd1-H1_Problem-der-Distanz__archive.pdf`, págs. 29-30 del PDF), con OCR propio (Tesseract) cotejado con el OCR de archive.org y corregido sobre las imágenes. La nota de la redacción a la rúbrica se recoge en un comentario. Se conserva la puntuación de la impresión («zu erpressen. und»). La atribución a Adler de la firma «A.» la confirma la reimpresión, con el título «Nervöser Hungerstreik», en Alfred Adler, *Praxis und Theorie der Individualpsychologie*, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XVII, págs. 147-148 (cotejada con OCR propio sobre las imágenes del ejemplar praxisundtheori00adlegoog): el texto de 1920 añade «Stuhldrang» tras «die nervöse Obstipation» y una frase final: «Rachsüchtige Regungen sind immer vorhanden, ebenso Tyrannei im Familienkreis.»; por lo demás solo difiere en grafía (ss por ß) y puntuación. Las cursivas reproducen el espaciado del original. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
