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Title: Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität
Description: In: Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie, hg. von Dr. Alfred Adler und Dr. Carl Furtmüller, München: Ernst Reinhardt, 1914, S. 94-114. I. Die Rolle der Sexualität in der Neurose (Vortrag, gehalten im Januar 1911); II. «Verdrängung» und «männlicher Protest»; ihre Rolle und Bedeutung für die neurotische Dynamik (1911). Erstdruck.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1914%20Zur%20Kritik%20der%20Freudschen%20Sexualtheorie%20der%20Nervosit%C3%A4t
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<!-- Primera publicación de las dos ponencias con que Adler expuso su crítica de Freud en la Asociación Psicoanalítica de Viena a comienzos de 1911 (4 de enero y 1 de febrero de 1911, según las actas de la Asociación; véase AA1911-02 en el inventario). -->

<!-- S. 94 -->

# Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität.

## I.

## Die Rolle der Sexualität in der Neurose.

Vortrag, gehalten im Januar 1911. Von Dr. Alfred *Adler.*

Die Frage ist müßig, ob eine Neurose ohne Einbeziehung des Sexualtriebes möglich sei. Hat er doch im Leben aller eine ähnlich große Bedeutung. Fragt sich also, ob in seinen Schicksalen der Anfang und das Ende, alle Symptombildungen der Neurose zu erblicken seien. Ich muß darauf mit einer kurzen Schilderung, — nicht des losgelösten Sexualtriebs, sondern seiner Entwicklung im Ensemble des Trieblebens antworten. Biologisch wäre die Auffassung nicht zu halten, daß jeder Trieb eine sexuelle Komponente habe, also auch der Freßtrieb, der Schautrieb, der Tasttrieb usw. Man muß vielmehr annehmen, daß die Evolution im organischen Reich zu Ausgestaltungen geführt hat, die wir uns als Differenzierung ursprünglich vorhandener Zellfähigkeiten zu denken haben. So ist dem Willen und der Not zur Assimilation ein Nahrungsorgan gefolgt, ein Tast-, Gehörs-, Gesichtsorgan dem Willen und Zwang zum Fühlen, Hören, Sehen, ein Zeugungsorgan dem Willen und Zwang zu Nachkommenschaft. Die *Behütung* aller dieser Organe war so sehr nötig, daß sie von zwei Seiten in Angriff genommen wurde: durch Schmerz- und durch Lustempfindung. — Da dies nicht genügte, durch eine dritte Sicherung, durch ein Organ der Voraussicht, dem Denkorgan, dem Gehirn. Auf dem Experimentierfelde der Natur finden sich Variationen aller drei *Sicherungsgrößen.* Der Anstoß kommt aus Angriffen in der Aszendenz, die Deszendenz weicht aus. Bald kommt es zu peripheren Defekten, bald zu erhöhten Schmerz- und Lustempfindungen im minderwertigen Organ. Der variabelste Anteil, das Zentralnervensystem, übernimmt die endgültige *Kompensation.* Es ist ein zweifaches Unrecht, den Begriff des minderwertigen Organs und den der „erogenen Zone“ Havelok Ellis zu konfundieren. Nur ein kleiner Teil der minderwertigen Organe zeigt erhöhte Lust- oder Kitzelgefühle im peripheren Anteil. Will man, wie Sadger versucht, einen minderwertigen Nierenleiter, eine Gallenblase, Leber-Pankreas, adenoide Vegetationen und Lymphdrüsen zu den erogenen Zonen zählen? Die Otosklerose zeigt nach neueren Untersuchun- <!-- S. 95 --> gen einen Mangel des Kitzelgefühls im äußeren Gehörgang. Ferner: wo stellen Sie bei der Auffassung von den erogenen Zonen die Gehirnkompensation und Überkompensation hin?

Zweitens: es präjudiziert der Begriff „erogene Zone“, und zwar mit Unrecht. Nicht als ob ich leugnen wollte, daß sich am minderwertigen Organ bewußte und unbewußte perverse Phantasien anknüpfen könnten. Aber erst im späteren Leben, unter Zuhilfenahme falscher Sexualvorstellungen oder unter dem Drucke bestimmter Sicherungstendenzen. Um erogen zu werden, bedürfen diese Zonen einer sekundären Triebverschränkung unter dem Drucke falscher Sexualtheorien oder gegensätzlicher *überflüssiger Sicherungstendenzen.* Die Behauptung, daß das Kind *polymorph-pervers* ist, ist ein Hysteron-Proteron, eine dichterische Lizenz. Die „*sexuelle Konstitution*“ kann durch Erlebnisse, durch Erziehung, insbesondere auf Basis der Organminderwertigkeit beliebig gezüchtet werden. Selbst die *Frühreife* kann niedergehalten oder gefördert werden. *Sadistische und masochistische Regungen* aber entwickeln sich erst aus den harmloseren Beziehungen von regelmäßig vorhandenem Anlehnungsbedürfnis und Selbständigkeitsregungen, sobald der männliche Protest in Frage kommt, mit seiner Aufpeitschung von Wut, Zorn und Trotz.

Das Sexualorgan entwickelt einzig und allein den sexuellen Faktor im Leben und in der Neurose. Sowie die Sexualität Beziehungen eingeht zum gesamten Triebleben und seinen Ursachen, so gilt dies von jedem anderen Trieb. Bevor der Sexualtrieb eine nennenswerte Größe erreicht, etwa am Ende des ersten Jahres, ist das psychische Leben des Kindes bereits reich entwickelt. *Freud* erwähnt die Auffassung alter Autoren, denen sich Czerny anschließt, daß Kinder, die sich beim Stuhlabsetzen trotzig benehmen, oft nervös werden. Im Gegensatz zu anderen Autoren führt er ihren Trotz darauf zurück, daß sie bei der Stuhlverhaltung sexuelle Lustgefühle haben. Ich habe keinen einwandfreien derartigen Fall gesehen, will aber nicht leugnen, daß Kinder, die derartige Kitzelgefühle bei der Retention haben, wenn sie in die Trotzeinstellung geraten, *gerade diese Art* des Widerstandes bevorzugen. Dabei ist aber doch der Trotz maßgebend, und die Organminderwertigkeit ist für die Lokalisation und Auswahl des Symptoms ausschlaggebend. Ich habe viel öfters beobachtet, daß derartige trotzige Kinder den Stuhl knapp vor oder nach der Inszenierung des nötigen Apparates oder auch neben dem Apparat produzieren. Dasselbe gilt vom Urinieren solcher Kinder, dasselbe aber auch vom Essen und <!-- S. 96 --> Trinken. Man braucht gewissen Kindern das Trinken bloß einzuschränken, und ihre „libido“ steigt ins Unermeßliche. Man braucht ihnen nur zu sagen, daß man auf regelmäßiges Essen Wert legt, und ihre libido sinkt auf Null. Kann man diese „Libidogrößen“ ernst oder gar energetisch nehmen und zu Vergleichen benützen? Ich sah einen dreizehn Monate alten Knaben, der kaum stehen und gehen gelernt hatte. Setzte man ihn in seinen Sessel, so stand er auf. Sagte man ihm: „Setze dich nieder“, so blieb er stehen und sah schelmisch drein. Seine sechsjährige Schwester rief ihm bei einer solchen Gelegenheit zu: „Bleib stehen!“ und das Kind setzte sich nieder. Dies sind die Anfänge des männlichen Protestes, und die inzwischen aufkeimende Sexualität ist seinen Stößen und seinem Drängen fortwährend ausgesetzt. Auch die Wertschätzung des Männlichen beginnt auffällig früh. Ich sah einjährige Kinder, Knaben und Mädchen, die männliche Personen sichtlich bevorzugten. Vielleicht ist es der Klang der Stimme, das sichere Auftreten, die Größe, die Kraft, die Ruhe, die dabei den Ausschlag gibt. Ich habe auf diese Wertschätzung in einem Referat über *Jungs* „Konflikte der kindlichen Seele“ kritisch[^1] hingewiesen. Sie löst regelmäßig den Wunsch aus, auch ein Mann zu werden. Neulich hörte ich ein Kind von zwei Jahren, einen Knaben, sprechen: „Mama dumm, Fräulein dumm, Toni (Köchin) dumm, Usi (Schwester) dumm, O-mama (Großmama) dumm!“ Als er gefragt wurde, ob der Großpapa auch dumm sei, sagte er: „O-papa doß (groß).“ — Allen fiel es auf, daß er den Vater ausgenommen hatte. Man hielt es für ein Zeichen des Respektes. Es war leicht zu verstehen, daß er die sämtlichen *weiblichen* Mitglieder seiner Umgebung für dumm erklären wollte, sich und die männlichen für klug. Er identifizierte dumm und weiblich, klug und männlich, *aber diese Imitation verhalf ihm zur Geltung.*

Ich habe in mehreren Arbeiten hervorgehoben, daß vor allem die Kinder mit fühlbarer Organminderwertigkeit, Kinder, die an Fehlern leiden, deren Unsicherheit größer, deren Furcht vor Blamage und vor Strafe ausgiebiger ist, jene Gier und jene Hast entwickeln, die schließlich zur Neurose disponieren. Sie sehnen sich frühzeitig schon nach dem *Beweis ihres Wertes oder weichen Verletzungen ihrer Empfindlichkeit aus.* Sie sind schüchtern, erröten leicht, fliehen vor jeder Prüfung ihres Könnens und verlieren frühzeitig <!-- S. 97 --> die Natürlichkeit des Benehmens. Dieser unbehagliche Zustand drängt mit Macht *nach Sicherungen.* Bald wollen sie gehätschelt sein, bald alles allein machen, sie schrecken vor jeder Arbeit zurück oder lesen ununterbrochen. In der Regel sind sie frühreif. Ihre Wißbegierde ist ein *kompensatorisches Produkt ihrer Unsicherheit* und greift frühzeitig nach den Fragen über den Geburtshergang und über den Geschlechtsunterschied. Diese angestrengte und andauernde Phantasietätigkeit muß als ein Reiz für den Sexualtrieb aufgefaßt werden, sobald primitive Kenntnisse von Sexualvorgängen zustande gekommen sind. Auch hier gilt ihnen als Ziel der *Beweis ihrer Männlichkeit.* Ich habe in der „Minderwertigkeitslehre“ hervorgehoben, daß die Sexualminderwertigkeit mit ihrer oft größeren Lustempfindung zur Frühreife disponiert. Treffen, wie so häufig, männlicher Protest und größere Lustempfindung am Genitale zusammen, so resultieren Frühmasturbation und frühzeitige Sexualwünsche. Vorstellungen von den Schrecken und Schmerzen des Geburtsaktes, des Geschlechtsverkehres sind es, die den *Protest in männlicher Richtung* weitertreiben. Wo in der Neurose Geburtsphantasien, Kastrationsgedanken oder analog zu verstehende Gedanken vom Untensein, von Atemnot, vom Überfahrenwerden usw. auftauchen, sind es weder Wünsche noch verdrängte Phantasien, sondern *symbolisch gefaßte Befürchtungen, zu unterliegen,* gegen die sich der Neurotiker zu sichern trachtet oder die er als *Warnungen* sich vor die Seele ruft. Ein nicht seltener Typus, den ich bisher nur selten in den Kreis meiner Erwägungen gezogen habe, meist Söhne starkgeistiger, männlicher Mütter, hat die *Angst vor der Frau* tief im Gemüte. In ihren Phantasien spielt die männliche Frau häufig eine Rolle, das ist die Frau, die oben, ein Mann sein will. Oder sie haben die symbolische Phantasie des Penis captivus, d. h. sie fürchten, von der Frau nicht loszukommen, wobei das Bild vom Sexualverkehr der Hunde entlehnt ist. Um nun recht acht zu geben, übertreiben sie maßlos. Ihre eigene Sinnlichkeit erscheint ihnen riesenhaft, das Weib wird zum Dämon, und so wächst ihr Mißtrauen soweit, daß es sie geschlechtlich unbrauchbar macht. Sie müssen *jedes Mädchen peinlich prüfen, belauern, auf die Probe stellen* (Griselda!). Auch bei ihnen geht die Natürlichkeit der Beziehungen verloren.

Und es erhebt sich wieder die Frage: *Ist das, was uns der Neurotiker an Libido zeigt, echt?* Seine Frühreife ist erzwungen, sein Onaniezwang dient dem Trotz und der Si- <!-- S. 98 --> cherung gegen den Dämon Weib, seine Liebesleidenschaft geht bloß auf den Sieg, seine Liebeshörigkeit ist ein Spiel, darauf berechnet, sich dem ernsthaften Partner nicht zu unterwerfen, seine perversen Phantasien, ja selbst seine aktiven Perversionen dienen ihm nur dazu, sich von der Liebe fernzuhalten. Wohl sind sie ihm ein Ersatz, aber nur, weil er seine Heldenrolle spielen will, und weil er fürchtet, auf normalem Wege unter die Räder zu kommen. Zumal das sogenannte „Kernproblem“ der Neurose, die Incestphantasie, hat meist die Aufgabe, den Glauben an die eigene, übermächtige Libido zu nähren und deshalb jeder „wirklichen“ Gefahr so weit als möglich aus dem Wege zu gehen.

Ich gehe nunmehr an die Analyse eines Falles aus der letzten Zeit. Der betreffende Patient ist noch nicht entlassen. Die Struktur seiner Neurose liegt aber so weit klar, daß ich sie auszugsweise vortragen kann, um an ihr meine Behauptungen noch deutlicher zu machen.

Ein 22jähriger Bauzeichner klagt über Anfälle von Zittern in den Händen seit 1½ Jahren und häufige nächtliche Pollutionen. Die ersten Erkundungen ergaben: Verlor den Vater im fünften Lebensjahr. Der Vater konnte die letzten drei Jahre kaum allein stehen oder gehen und war auf beiden Augen erblindet. Erst in seinem siebzehnten Lebensjahre erfuhr der Patient, daß sein Vater an Rückenmarksschwindsucht gestorben war; gleichzeitig gab man ihm als Ursache dieses Leidens übermäßigen Geschlechtsverkehr an. Diese Mitteilungen fielen in eine Zeit heftiger Masturbation und erfüllten den Patienten mit großem Schrecken für seine eigene Zukunft.

Für seine eigene Zukunft hatte er schon oft zu fürchten Gelegenheit gehabt. Zuerst als kleiner Knabe, da er, schwächlich und kleiner als seine Geschwister und Gespielen, stets Schutz bei seiner Mutter suchte, die ihn als Jüngsten auffällig verhätschelte. Ängstlichkeit und Schüchternheit hafteten seinem Wesen stets an. Doch wurde er bald rechthaberisch, wollte unter seinen Gespielen stets die erste Rolle spielen und konnte deshalb nie Freunde erwerben. Sein Wissensdrang zeigte sich bald, und zwar sowohl in sexuellen Dingen als in der Schule. Seine Sehnsucht war, ein großer Mann zu werden. Und so kam er als einziger einer großen Geschwisterschar in die Mittelschule. Eine Kindheitserinnerung, in der sich der männliche Protest seiner Kindheit widerspiegelt, ist folgender: *Wenn er im Grase auf dem Rücken lag, sah er oben in den Wolken das Bild seines Vaters.* Er, der weibliche Schwächling, in der weiblichen Position; <!-- S. 99 --> oben der Vater, der Mann. Er hatte bis in die letzten Jahre weibliche Züge und mußte oft in seiner Kindheit beim Theaterspielen in weiblichen Kleidern Mädchenrollen spielen. Er schlief lange mit der um zwei Jahre älteren Schwester in einem Bett und befriedigte dort seine sexuelle Neugierde. In seinen Träumen gab es vereinzelt Incestphantasien, die sich auf Mutter und Schwester bezogen. — Die Mutter hielt strenge auf Moral, und er hatte Gelegenheit, ihre Härte gegenüber den älteren Brüdern, sobald Liebesaffären vorfielen, zu beobachten. Bezüglich der Ehen ihrer Kinder sah sie in erster Linie auf materielle Güter und verfolgte eine ihrer Schwiegertöchter viele Jahre mit ihrem Hasse, weil sie arm in die Ehe getreten war. Alles in allem beherrschte ihn die Mutter in jeder Beziehung.

Erregungen und masturbatorische Beziehungen kamen bei unserem Patienten vom neunten Lebensjahre an vor. Später hatte er häufig Sexualerregungen, wenn er in Mädchengesellschaft war. Als er im vierzehnten Lebensjahr Masturbation zu üben begann, wurde ihm dadurch jede Mädchengesellschaft so sehr verleidet, daß er am liebsten allein blieb. Er vertiefte seine Überzeugung, daß seine Sexuallibido ungeheuer groß war und kaum zu bewältigen. Als er von der Krankheit seines Vaters erfuhr und gleichzeitig annehmen mußte, daß dieser ebenso sinnlich wie er gewesen, gab ihm dies einen gewaltigen Ruck: er ließ von der Masturbation! Oft ließ er sich hinreißen, trotz seiner Furcht vor Erektionen, Mädchen zu küssen, um nachher längere Zeit alle Orte zu meiden, wo er Mädchen treffen konnte.

War nun seine Libido wirklich so groß, als er *annahm?* War sie vor allem so groß, daß er zu Sicherungen, wie die der Gesellschaftsangst, greifen *mußte?* Manches spricht strikte dagegen. Er war in Verhältnissen auf dem Lande aufgewachsen, später allein an einer Provinzrealschule, wo Gelegenheiten zum Geschlechtsverkehr reichlich zu finden waren. Manches der Mädchen war ihm weit genug entgegengekommen. Als er von der Krankheit des Vaters hörte und von deren angeblicher Veranlassung, setzte er sofort mit der Masturbation aus. Er nahm bald nachher normalen Verkehr auf, übte diesen aber selten aus und ließ sich durch Gedanken an die Geldausgaben leicht davon abhalten. Mädchen, die ihm freiwillig entgegenkamen, verließ er nach ihrer Eroberung, aus Befürchtung, nicht mehr von ihnen loszukommen. Er stellt sich jedes Weib als einen Dämon vor und äußerst sinnlich, der ihn beherrschen will, dem gegenüber er schwach sein könnte, und er bleibt *stark.* Dabei verachtet er die <!-- S. 100 --> Frauen, hält sie für minderwertig, mißtraut ihnen und mutet ihnen stets egoistische Motive zu. Vor zwei Jahren wurde er mit einem schönen, aber armen Mädchen bekannt, zu dem er sich anfangs hingezogen fühlte. Als beide eine Heirat in Aussicht nahmen, war die Konsequenz die, daß er massenhafte Pollutionen bekam und bei Prostituierten Evaculatio praecox oder Impotenz zeigte. Gleichzeitig machte er die Wahrnehmung, daß er im Amte zu zittern begann und seine Zeichnungen nur mit Mühe fertig brachte. Eine genauere Untersuchung ließ erkennen, daß er nur dann Zittern und Stocken beim Sprechen zeigte, wenn er tags vorher Verkehr oder eine Pollution gehabt hatte. Die naheliegende Annahme, daß er das Zittern bei seinem Vater gesehen habe und nunmehr nachahme, um sich zu schrecken, konnte Patient nicht bestätigen. Dagegen fiel ihm ein alter Professor der Mittelschule ein, der sowohl Zittern als Stocken in der Stimme zeigte, Erscheinungen, die unser Patient damals als Alterserscheinungen bei Leuten deutete, die in der Jugend viel Sexualverkehr gehabt hatten. Eine zweite Quelle, die er verwendete, ergab sich in einer Schrift über Pollutionen, in der als Folgen Zittern und Stocken der Stimme beschrieben wurden. Nähere Aufklärungen brachten seine Gedanken über die bevorstehende Heirat. Die Mutter wird unzufrieden sein. Seine reichen Verwandten würden ihn verachten. Das Mädchen heirate ihn nur aus materiellem Interesse. Sie sei sinnlich und werde ihn in den Taumel ihrer Sinneslust hineinziehen. Er selbst sei sinnlich. Die Folgen seiner Masturbation, seiner Pollutionen und seines Verkehrs träten bereits ein. Und so zog er sich *auf Grund dieser Arrangements* wieder von dem Mädchen zurück, ohne recht zu wissen, wie er ganz von ihr loskommen könne. *Dieses Schwanken ist einem Nein gleichwertig, sichert ihn auch zugleich gegenüber anderen Mädchen.*

Er zittert also jetzt schon, um sich daran zu erinnern, was ihm dereinst droht. Er zittert, um seiner Urangst zu entgehen, wieder, wie einst bei der Mutter, unter die Gewalt eines Weibes zu kommen. Er zittert, um sich vor dem Schicksal des Vaters, vor dem Schicksal jenes alten Lehrers zu bewahren. Er zittert, um dem Dämon Weib, und um seiner eigenen Sinnlichkeit wie der des Mädchens zu entgehen. Und er zittert, um, entgegen seinem eigenen Wunsch, *dem der Mutter zu genügen,* die der Heirat abhold wäre, was aber in letzter Linie ihm nur wieder seine Abhängigkeit vom Weibe be- <!-- S. 101 --> weisen soll. — Deshalb seine Auffassung von seiner übergroßen Sinnlichkeit, sowie von der des Weibes, darum die häufigen Erektionen und Pollutionen, die zum größten Teil zustande kommen, *weil er sie will, weil er sie braucht, und weil er, um sie zu konstruieren, ununterbrochen an sexuelle Dinge denkt.* Und ich frage nochmals: *Wie soll man die Libido dieses Neurotikers abschätzen, wo alles gemacht, arrangiert, vergrößert, verzerrt,* ein tendenziös gekünsteltes und unnatürliches Produkt, Aktivum und Passivum zugleich, geworden ist?

Ein Traum des Patienten, der alle diese Züge wiedergibt, gleichzeitig *auch die bedeutsamste Tendenz des Traumes, die Sicherungstendenz,* hervorhebt, ist folgender:

„Ein Mädchen, jung, frisch, mit vollem Busen, sitzt nackt hingelehnt auf einem Diwan. Was sie sagte, weiß ich nicht. (Denkt an eine Dirne und zugleich, daß ihm beim Anblick der nackten Frau die Sinne schwinden.) Sie suchte mich zu verführen. (Der Dämon Weib.) Ich wollte darauf eingehen, aber im letzten Moment bekam ich das Bewußtsein, vor einer Pollution zu stehen und hielt mich von ihr zurück. (Versuch, einen Weg ohne Frau zu nehmen. — Der ganze Traum zeigt die warnende Perspektive auf Pollutionen und Verkehr als die auslösenden Momente einer Tabes.)“

Die einfache Aufklärung, daß Tabes eine Folge von Lues sei, hatte keinerlei Wirkung. Erst *das Verständnis für seine übertriebenen Sicherungstendenzen* beendete das Zittern.

Wo ist nun das *Kernproblem dieser Neurose?* Die Incestphantasie hatte gerade nur den Wert, ihm den Glauben an seine übergroße, verbrecherische Phantasie zu verbürgen. — *Die Verdrängung der Onanieneigung, die leicht gelang, mußte von einer anderen gleichwertigen oder besseren Sicherung gefolgt sein, von den Pollutionen. Erst als er vor einer Ehe stand,* als er fürchtete, wieder wie einst „*unten*“ zu sein, nicht wie der Mann, der Vater „oben“, unter den Einfluß einer Frau zu geraten und so seine Minderwertigkeit vor allen eingestehen zu müssen, wurde er „*krank*“. Daß er es ebensowenig vertrug, unter einem Manne zu stehen, den Kollegen gegenüber, die er fortwährend herabsetzen wollte, und mit denen er sich stets zerschlug, den Professoren gegenüber, die ihm in häufigen Prüfungsträumen drohend erschienen, seinem Vorgesetzten gegenüber, vor dem <!-- S. 102 --> ihn an den bestimmten Tagen sein Zustand gewöhnlich überfiel, will ich nur nebenbei erwähnen.

*Wie kommt die Sexualität in die Neurose* und welche Rolle spielt sie also?

Sie wird frühzeitig geweckt und gereizt bei vorhandener Minderwertigkeit und starkem männlichen Protest, sie wird als *riesenhaft angesetzt und empfunden, damit der Patient rechtzeitig sich sichert,* oder sie wird entwertet und als Faktor gestrichen, wenn dies der Tendenz des Patienten dient. Im allgemeinen ist es nicht möglich, die Sexualregungen des Neurotikers oder Kulturmenschen als echt zu nehmen, um mit ihnen zu rechnen, geschweige sie, *in welcher Anschauungsform immer,* als den grundlegenden *Faktor des gesunden oder kranken Seelenlebens* weiterhin auszugeben. Sie sind niemals Ursachen, sondern bearbeitetes Material und Mittel des persönlichen Strebens.

Die wahre Einstellung zum Leben kann man *schon in den ersten Träumen und erinnerten Erlebnissen eines Menschen* deutlich wahrnehmen, ein Beweis, daß auch die Erinnerung an sie im Sinne eines planmäßigen Vorgehens konstruiert ist. Unser Fall gibt als die weitest zurückliegenden Träume, etwa aus dem fünften Lebensjahre, folgende an:

Erstens: „Ein Stier verfolgt mich und will mich aufspießen.“

Der Patient glaubt, den Traum kurz nach dem Tode seines Vaters geträumt zu haben, der an einer Rückenmarksschwindsucht lange Zeit siech zu Bette lag. Ziehen wir eine Verbindungslinie zu dem Phantasiebild des Vaters in den Wolken (Gott?), so drängt sich der Gedanke an eine Todesfurcht des Knaben auf. Die spätere „Rekonstruktion“ (*Bierstein*) dürfte auf die Tabes des Vaters und dessen Tod, die den Patienten so stark ergriffen hatte, Rücksicht genommen haben. Der Stier muß ferner dem auf dem Lande aufgewachsenen Knaben als *männlich* erschienen sein, was ihn, den Verfolgten, in einer unmännlichen, für die primitiv gegensätzliche Anschauung des Kindes also weiblichen Rolle des Verfolgten zeigte. Auch wer nicht so weit in der Deutung gehen will, dürfte aber das Gemüt dieses Kindes als von düsteren Ahnungen erfüllt nachempfinden können.

Der zweite Traum setzt diese schlimmen Erwartungen fort. *Es war ihm, als sei er abgestürzt und auf eine harte Unterlage gefallen.* Solche Fallträume deuten immer auf eine ins Pessi- <!-- S. 103 --> mistische gerückte Vorsicht des Träumers, die mit bösen Möglichkeiten, mit dem „Untensein“, schreckt.

Die älteste Erinnerung seines wachen Lebens glaubt er darin zu finden, daß er am ersten Schultag mit *unaufhaltsamer Schnelle in die Mädchenschule seinen Weg nahm und sich nur unter Tränen in die Knabenschule abweisen ließ.* Wir dürfen dies als ein Gleichnis seiner Sehnsucht ansehen, nicht krank, elend, tot, „unten“, wie der Vater, sondern entsprechend einer weiblichen Rolle, die er bei seiner starken Mutter fand (die nach allgemeiner Aussage *wie ein Mann* die Wirtschaft führte), gesund, kraftvoll und lebendig seine Zukunft zu suchen.

Das Verzögern in seiner männlichen Rolle mit allen dazugehörigen Erscheinungen, auch der krankhaft-nervösen, war also die Achse seines Seelenlebens geworden. Ihr entsprachen dann freilich auch die mit Notwendigkeit erwachsenen Erscheinungen seines *Sexuallebens.*

## II.

## „Verdrängung“ und „männlicher Protest“; ihre Rolle und Bedeutung für die neurotische Dynamik (1911).

Ich darf in diesem Kreise die Kenntnis des Wesens der „Verdrängung“, wie es von *Freud* entworfen und geschildert wurde, als gegeben voraussetzen. Die Ursachen der Verdrängung aber und der Weg, der von der Verdrängung zur Neurose führt, sind durchaus nicht so klar, als man in der Freudschule gemeiniglich annimmt. Die Zahl der Hilfsvorstellungen, die bei den Erklärungsversuchen zutage treten, sind überaus groß, und sie erweisen sich oft als unbewiesen oder aber gar als unbeweisbar. Gar nicht von denen zu reden, die (in plattester Weise) eine Analogie aus der Physik oder Chemie zu Hilfe nehmen, von „Stauung“ und „erhöhtem Druck“, von „Fixierung“, vom „Zurückströmen in infantile Bahnen“, von „Projektionen“ und „Regression“ reden.

Schon die Ausführungen über die Ursachen der Verdrängung erweisen sich in den Arbeiten dieser Schule als äußerst summarisch gefaßt, als dogmatisch gebrauchte Klischees, freilich auch als Intuitionen, deren Grundlagen festzustellen sich immer lohnt. Das Problem der gelungenen und mißlungenen Verdrängung wird nur rätselhafter, wenn man es auf die „sexuelle Konstitution“ zurückführt, die einfache Konstatierung zeigt aber nur den Mangel einer gegenwärtigen psychologi- <!-- S. 104 --> schen Einsicht. Die Ursachen der „Sublimierung“, der „Ersatzbildungen“, sind ebenfalls nicht ergründet, wenn man einfach Tautologien als Tatsachen hinnimmt. Die „organische Verdrängung“ erscheint da nur als ein Notausgang, als Beweis einer Möglichkeit von Umänderungen der Betriebsformen und hat mit der Theorie der Neurosen kaum etwas zu schaffen.

So kommen zur Betrachtung: verdrängte Triebe und Triebkomponenten, verdrängte Komplexe, verdrängte Phantasien, verdrängte Erlebnisse und verdrängte Wünsche. Und über allen schwebt als Deus ex machina *eine Zauberformel:* die Lust, von der Nietzsche so schön sagt: „Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.“ Und Freud: „Der Mensch kann auf jemals empfundene Lust nicht verzichten.“ Und so kommen dann — unter dieser Voraussetzung — jene drastischen Gebilde zustande, die jede Schülerarbeit aufweisen muß: der Knabe, der an der Brust der Mutter saugen muß, der Neurotiker, der den Genuß, mit Wein oder Fruchtwasser bespült zu werden, immer wieder sucht, bis hinauf zu den reineren Sphären, wo dem Suchenden kein Mädchen recht ist, weil er die unersetzliche Mutter sucht. War diese Art der Beobachtung, so bedeutend auch der Fortschritt war, den hier diese Methode schuf, geeignet, die in Wirklichkeit *arbeitende und auf Zukünftiges bedachte Psyche* zu vergegenständlichen und so in eine starre Form zu bringen, so war die Festlegung auf den Begriff des *Komplexes* ein weiterer Schritt, *die räumliche Anschauung über die dynamische zu setzen.* Natürlich ging dies nie so weit, daß man nicht das energetische Prinzip, das παντα ʼρει nachträglich hineinzubringen versucht hätte.

Die Frage lautet doch: ist das treibende Moment in der Neurose die Verdrängung oder, wie ich vorläufig unpräjudizierlich sagen will, die *andersartige, irritierte Psyche,* bei deren Untersuchung auch die Verdrängung zu finden ist? Und nun bitte ich zu beachten: Die Verdrängung geschieht unter dem Drucke der Kultur, unter dem Drucke der „Ichtriebe“, wobei die Gedanken an eine abnorme sexuelle Konstitution, an sexuelle Frühreife zu Hilfe genommen werden. — Frage: Woher stammt unsere Kultur? Antwort: Aus der Verdrängung. — Und die „Ichtriebe“, ein Begriff, so pleonastisch und inhaltslos wie wenig andere? Haben sie nicht den gleichen „*libidinösen*“ Charakter wie der Sexualtrieb? Faßt man aber die Ichtriebe nicht als etwas Starrgewordenes, Individuelles, sondern als die *Anspannung und Einstellung gegen die Außenwelt* auf, als ein <!-- S. 105 --> Geltenwollen, als ein Streben nach Macht, nach Herrschaft, nach Oben, so muß man theoretisch wie praktisch zwei Möglichkeiten ins Auge fassen: I. Das Geltenwollen kann auf gewisse Triebe hemmend, verdrängend, modifizierend einwirken. II. Es muß vor allem steigernd einwirken. — Nun ist das Unwandelbare, für unsere Betrachtung Unveränderliche die Kultur, die Gesellschaft, ihre Einrichtungen, und unser Triebleben, dessen Befriedigung eigentlich als Zweck gedacht wird, muß sich begnügen, bloß *als richtunggebendes Mittel* aufzutreten, um, zumeist in ferner Zeit, Befriedigungen einzuleiten. Unser Auge, das Ohr, auch die Haut haben die eigentümliche Fähigkeit erlangt, unseren Wirkungskreis über die körperlich räumliche Sphäre hinaus zu erstrecken, und unsere Psyche tritt auf dem Wege der Vorempfindlichkeit aus der Gegenwart, also zeitlich, außer die Grenzen dieser primitiven Triebbefriedigung. Hier sind *erhöhte Anspannungen* ebenso dringlich als Verdrängungen, in diesen Beziehungen liegt die Nötigung zu einem ausgebreiteten *Sicherungssystem,* deren einen kleinen Teil wir in der Neurose zu erblicken haben.

Diese Anspannungen aber beginnen am ersten Tage der Kindheit und wirken dermaßen verändernd auf alle körperlichen und psychischen Tendenzen, daß das, was wir sehen, *niemals etwas Ursprüngliches,* Unbeeinflußtes darstellt, etwa erst von einem späteren Zeitpunkt an Verändertes, sondern *die Einfügung des Kindes richtet* und modifiziert sein Triebleben so lange, bis es sich in irgendeiner Art an die Außenwelt angepaßt hat. In dieser ersten Zeit eines psychischen Lebens kann von einer dauernden Vorbildlichkeit nicht gesprochen werden, auch nicht von Identifizierung, wenn das Kind sich nach einem Vorbild richtet. Denn dies ist oft der einzige Weg und die einzige Möglichkeit zur Triebbefriedigung.

Bedenkt man nun, in welch verschiedener Art und wie verschiedenem Tempo allerorts und zu allen Zeiten sich die Triebbefriedigung durchgesetzt hat, wie sehr sie von gesellschaftlichen Einrichtungen und von der Ökonomie abhängig war, so kommt man zu einem dem Obigen analogen Schlusse, daß die Triebbefriedigung und damit die Qualität und Stärke des Triebes jederzeit variabel und daher für uns unmeßbar ist. Erinnern Sie sich, daß ich in meinem Vortrage über „Sexualität und Neurose“ aus den Beobachtungen über den Sexualtrieb der Neurotiker gleichfalls zu dem Schlusse gekommen bin, *daß die scheinbar libidinösen und sexuellen Tendenzen in der Neurose wie auch beim Normalen durchaus keinen Schluß auf* <!-- S. 106 --> *Stärke oder Zusammensetzung seines Sexualtriebes zulassen.*

Wie vollzieht sich nun die Anpassung eines Kindes an ein bestimmtes, familiär gegebenes Milieu? Erinnern wir uns, wie verschieden sich die Äußerungen des kindlichen Organismus gestalten, und zwar, wo der Überblick noch am ehesten möglich ist, in den ersten Monaten. Die einen bekommen nie genug, die anderen verhalten sich recht gemäßigt bei der Nahrungsaufnahme, manche lehnen Änderungen in der Nahrung ab, andere wollen alles aufnehmen. Ebenso beim Sehen, beim Hören, bei der Exkretion, beim Baden, bei den Beziehungen zu den Personen der Umgebung. In den ersten Tagen schon fühlt sich das Kind beruhigt, wenn man es auf den Arm nimmt, Erziehungseinflüsse, die dem Kind den Weg ebnen, sind da von großer Tragweite. Schon in diesen ersten Anpassungen liegen Gefühlswerte gegenüber den umgebenden Personen. Das Kind ist beruhigt, fühlt sich sicher, liebt, folgt usw., oder wird unsicher, ängstlich, trotzig, ungehorsam. Greift man frühzeitig mit kluger Taktik ein, so resultiert ein Zustand, den man etwa mit sorgloser Heiterkeit bezeichnen könnte, und das Kind fühlt kaum *den Zwang, der in jeder Erziehung steckt.* Erziehungsfehler, insbesondere bei mangelhaft ausgebildeten Organen, führen zu so häufigen Benachteiligungen des Kindes und zu Unlustgefühlen, daß es *Sicherungen* sucht. Im großen und ganzen bleiben da zwei Hauptrichtungen bestehen: *zu weit gehende Unterwerfung oder Auflehnung und Hang zur Selbständigkeit.* Gehorsam oder Trotz, — die menschliche Psyche ist fähig, in jeder dieser Richtungen zu arbeiten.

Diese beiden richtunggebenden Tendenzen modifizieren, verändern, hemmen und erregen jede Triebregung so sehr, daß, was immer angeborenerweise sich als Trieb geltend macht, von diesem Punkte aus nur zu verstehen ist. „Schön ist häßlich, häßlich — schön“, wie Macbeths Hexen singen. Trauer wird Freude, der Schmerz wandelt sich in Lust, das Leben wird verworfen, der Tod erscheint begehrenswert, sobald die Trotzregungen stark ins Spiel eingreifen. Was dem andern lieb ist, wird gehaßt, was andere verwerfen, hoch gewertet. Was die Kultur verbietet, was Eltern und Erzieher widerraten, gerade das wird zum heißersehnten Ziel auserkoren. Ein Ding, eine Person erlangen nur Wert, wenn andere darunter leiden. Stets verfolgen sie andere und glauben sich doch immer verfolgt. So wächst eine Gier, eine Hast des Verlangens heran, die nur *eine* große Analogie besitzt, den mörderischen Kampf aller gegen alle, die Anfachung des Neides, des Geizes, <!-- S. 107 --> der Eitelkeit und des Ehrgeizes in unserer modernen Gesellschaft. — Die Spannung von Person zu Person ist beim Nervösen zu groß, sein Triebbegehren ist derart aufgepeitscht, daß er in unruhiger Erwartung stets seinem Triumph nachjagt. So erklärt sich das Festhalten an alten Kinderfehlern, wie Lutschen, Enuresis, Kotschmieren, Nägelbeißen, Stottern usw., und man kann in diesen Fällen getrost von Trotz reden, wenn einer derartige, scheinbar „libidinöse“ Regungen dauernd beibehalten hat.

Das gleiche gilt von der sogenannten Frühmasturbation, von der sexuellen Frühreife und verfrühtem Geschlechtsverkehr. Ich kannte ein siebzehnjähriges Mädchen aus gutem Hause, das mit seinem vierzehnten Lebensjahr häufigen Geschlechtsverkehr hatte. Dabei war es frigid. So oft es mit der Mutter zankte, was immer nach kurzen Pausen eintrat, wußte es sich Geschlechtsverkehr zu verschaffen. Ein anderes Mädchen näßte das Bett nach jeder Herabsetzung von seiten der Mutter und beschmierte es mit Kot.

Schlechter Fortgang in den Studien, Vergeßlichkeit, mangelnde Freude am Beruf, Schlafzwang zeigen sich als *Protesterscheinungen* beim Nervösen und werden als wertvoll, ich sage nicht lustvoll, im Kampfe gegen einen Gegenspieler beibehalten. Einen Teil dieser Psyche schildert Siegmund in *Wagners* Walküre: „Wie viel ich traf, wo ich sie fand, ob ich um Freund, um Bruder warb, immer doch war ich geächtet, Unheil lag auf mir. Was Rechtes je ich riet, andern dünkte es arg, was schlimm immer mir schien, andre gaben ihm Gunst. In Fehde fiel ich, wo ich mich fand, Zorn traf mich, wohin ich zog. Giert' ich nach Wonne, weckt' ich nur Weh: drum mußt' ich mich Wehwalt nennen, des Wehes waltet' ich nur.“ —

So entwickelt sich die Charakterologie des Neurotikers, die ich am ausführlichsten in der „Disposition zur Neurose“ geschildert habe[^2].

Woher stammt nun diese Gier nach Geltung, diese Lust am Verkehrten, dieses trotzige Festhalten an Fehlern und diese Sicherungsmaßregeln gegen ein Zuviel und Zuwenig (siehe die Ausführungen über *Pseudomasochismus* in der „Psychischen Behandlung der Trigeminusneuralgie“, Zeitschrift für Psychoanalyse 1910), in welch letzterem Falle der Patient zur Selbstentwertung schreitet, nur um sich hinterher oder andernorts zu behaupten?

Wie Sie wissen, habe ich zwei Durchgangspunkte der psychischen Entwicklung dafür verantwortlich gemacht, die ich hier nur kurz an- <!-- S. 108 --> führe. Der eine liegt im Aufkeimen eines beträchtlicheren *Minderwertigkeitsgefühles,* das ich immer im Zusammenhang mit minderwertigen Organen beobachtet habe, der andere ist ein mehr oder weniger deutlicher Hinweis auf eine ehemalige Befürchtung vor einer weiblichen Rolle. Beide unterstützen das Auflehnungsbedürfnis und die Trotzeinstellung so sehr, daß stets neurotische Züge sich entwickeln müssen, ob der Betreffende nun als Gesunder gilt, als Neurotiker in Behandlung steht, als Genie oder als Verbrecher sich einen Namen macht.

Und von diesem Punkte aus wird nun das Gefühlsleben *verfälscht,* es handelt sich nicht mehr um einfache, natürliche Beziehungen, sondern um ein Hasten und Haschen nach vermeintlichen Triumphen, die lockend und werbend in seiner Zukunft vor ihm zu liegen scheinen und seine krankhafte Einstellung dauernd festhalten. Der Neurotiker lebt und denkt auch viel weiter in die Zukunft als der Normale und weicht meist den gegenwärtigen Prüfungen aus. Sehr häufig verbirgt sich der Charakter des Neurotikers, und so konnte es geschehen, daß man, als ich davon sprach, diese Charakterzüge als selten, als Eigentümlichkeiten des Verschrobenen auffassen wollte. Was sagt der Neurotiker zu diesen seinen Charakterzügen? Manche wissen davon, wenn sie auch nicht den ganzen Umfang oder gar die Tragweite kennen. Viele haben es einmal gewußt und dann vergessen. Aus Ehrgeiz und Eitelkeit. Sie sichern sich dann vor diesem sie entwürdigenden Egoismus durch eine Art gegenteiligen Handelns. Immer sehen wir dabei, daß egoistische Triebregungen entwürdigender Art, z. B. Geiz, Rachsucht, Bosheit, Grausamkeit von solchen wertvollen, ethischen Gehaltes abgelöst werden. *Also muß doch die „Sucht zu gelten“ drinnen stecken, die Führung übernommen haben!* Ein schönes Beispiel dieser Triebverdrängung habe ich in einem Vortrage in der Philosophischen Gesellschaft in Wien (S. III. dieses Bandes) mitgeteilt. Es betraf einen Fall von Stottern, einem Leiden, das in jedem Punkte durch den Mechanismus des männlichen Protestes konstituiert wird. Der Patient hatte ein Geschenk von 100 fl. im 7. Bezirke Wiens zu wohltätigen Zwecken abgeliefert, sollte in einem vornehmen Restaurant der inneren Stadt pünktlich eintreffen, verspürte schon großen Hunger und ging mißmutig und matt zu Fuß den weiten Weg. Er wollte 12 Heller ersparen, wie sich bei der Analyse herausstellte. Wie bei allen Neurosen, kam bei ihm zutage: er wollte *alles haben,* alles Geld, alle Weiber, alle Seelen, und suchte beständig andere zu entwerten. Auf die Wertschätzung, die man ihm entgegenbrachte, achtete er <!-- S. 109 --> gierig. Er konnte asketisch leben, wo es ihm Geltung verschuf, konnte übereifrig studieren, wenn es sich darum handelte, anderen den Rang abzulaufen, konnte wohltätig sein, wenn man es sah, geizte aber im kleinen, wenn er sich unbemerkt glaubte. Wo einer etwas leistete, war er verstimmt, wo einer gefiel, griff er an. Unaufhörlich lag er mit seinem Vater im Kampf und schreckte vor Selbstmorddrohungen nicht zurück, wenn er seinen Willen haben wollte. Das Stottern war gegen seinen Vater gerichtet, machte dem einen Strich durch die Rechnung und verhalf meinem Patienten zu größerer Bewegungsfreiheit. Zugleich sicherte es ihn vor der Ehe. Jedes Verhältnis brach er nach einiger Zeit ab mit der Motivierung, solange er stottere, könne er nicht heiraten. Diese Erscheinung der „langen Liebesreihe“, wie *Freud* sie nennt, kam in Wirklichkeit zustande, weil er alle Frauen wollte (wie Don Juan) und weil er zweierlei fürchtete und sich davor sichern wollte: 1. daß er von einer Frau beherrscht werden, ihr dienstbar sein, andere aber aufgeben sollte; 2. daß er bei seinem Egoismus, der ihm allerdings nur gefühlsmäßig, nicht aber gedanklich bewußt war, ein schlechter Gatte und Vater sein müßte, von Frau und Kindern deshalb zur Strafe betrogen werden müßte. Die Aufdeckung dieser Protestcharakterzüge ergibt sich mir in der Regel als erstes Stück der Analyse, ist gewöhnlich von einer Besserung gefolgt, regelmäßig aber von heftig einsetzendem Widerstand, der sich in Versuchen zur Entwertung meiner Person kundgibt. Einer meiner Patienten kam aus Ungarn in meine Kur, wie sich in der Analyse herausstellte, weil er es nicht vertragen konnte, daß seine von mir geheilte Schwester gut von mir sprach. Sie werden sagen, er war in seine Schwester verliebt. Richtig! *Aber nur dann, wenn diese gut von einem Manne dachte.* Anfangs war er höflich, demütig fast und bescheiden, strotzte von Biederkeit und Wahrheitsliebe. Als ich ihm seine Rachsucht, Bosheit, Verlogenheit und seinen Neid nachwies, tobte er längere Zeit, gab schließlich alles zu, erklärte aber, er müsse nun bei mir in der Kur bleiben, bis er gesund sei, und wenn das mehrere Jahre dauerte. Als ich ihm antwortete, er werde so lange bleiben, als ich es für gut befände, saß er einige Zeit lang sinnend da. Dann fragte er mich lächelnd: „Hat sich bei Ihnen in der Kur schon jemand das Leben genommen?“ Ich antwortete ihm: „Noch nicht, aber ich bin jederzeit darauf gefaßt[^3].“ — Dieser Patient litt unter <!-- S. 110 --> anderem auch an Schlaflosigkeit. Er drängte auf Besprechung dieses Symptoms, mit der Erklärung, daß er schon zufrieden wäre, wenn er seine Potenz bekäme. Die Aufklärung ging glatt vonstatten und er hatte bereits längere Zeit seinen vollen Schlaf erreicht, bevor er mir davon Mitteilung machte.

Also hatte ja dieser Patient seine Charakterzüge verdrängt? Keineswegs. Sein ganzer männlicher Protest kam klar zutage, allerdings in einer Art, daß er weder nach innen noch nach außen allzu viel Anstoß erregte. Ähnlich aber schildert ja *Freud* das Ergebnis der mißglückten Verdrängung. Die Spuren der verdrängten Triebregungen sind in der Neurose stets deutlich zu erkennen, eine Erkenntnis, zu der *Freud* selbst manches beigetragen hat. Sie sind zu erkennen nicht bloß in den Phantasien des Neurotikers und in seinem Traumleben, sondern vor allem mittels der psychologischen Analyse, die uns die kleinen und großen Disharmonien und Inkongruenzen des Seelenlebens sehen lernt und uns deren Einordnung gestattet.

Freilich ist die Arbeit noch recht unvollständig, wenn erst die Aufdeckung der neurotischen Charakterologie vorliegt. Aber sie ist wichtig vor allem, weil ihre Kenntnis den Patienten *warnt.* Das schwierigere Stück der Kur führt dann nach meinen Erfahrungen regelmäßig zu den zwei Durchgangspunkten der psychischen Entwicklung des Neurotikers, zu den Quellen der Neurose, *dem Gefühl der Minderwertigkeit und dem männlichen Protest.*

Nun die von Ihnen gewiß schon mit brennender Begier erwartete Hauptfrage: Wodurch erkrankt der Neurotiker? Wann wird seine Neurose manifest? *Freud* hat diesem Punkte weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Doch wissen wir, daß er eine Gelegenheitsursache annimmt, bei der die Verdrängung stärker, der alte psychische Konflikt wieder neu genährt wird. Es läßt sich nicht leugnen, daß hier Unklarheiten vorliegen. Vielleicht ist die heutige Diskussion berufen, sie zu lösen. — Nach meiner Erfahrung antwortet der neurotisch Disponierte, der eigentlich stets leidet, auf *jede Erwartung oder auf jedes Gefühl der Herabsetzung* mit einem akuten oder chronischen Anfall. Letzterer gibt uns den Zeitpunkt, von dem wir den Ausbruch der Neurose datieren. Wenn nun neuerlich Triebverdrängungen eintreten, so sind dies Begleiterscheinungen, die sich unter dem erhöhten Zwang des männlichen Protestes, unter dem Druck des Geltungsdranges und der Sicherungstendenzen bilden. Ich will dies an unserem Falle aus meinem letzten Vortrage demonstrieren. Unser Patient erinnert <!-- S. 111 --> sich, zuerst beim Geigenspielen gezittert zu haben, zu einer Zeit, wo er mit einem Eheversprechen an Albertine, das von ihm scheinbar heißgeliebte Mädchen, herausrücken sollte. Er hörte deshalb auf, Violine zu spielen. Nun erfahren wir folgendes: Albertine war eine vorzügliche Klavierspielerin, weshalb er oft daran denken mußte, daß er sie gerne auf der Violine begleitet hätte, wenn er nur besser spielen gekonnt hätte. Und in der Ehe gar hätte es ein Konzert gegeben, bei dem ihm seine Frau entschieden *über* gewesen wäre. Solcher Art aber war die Furcht seines ganzen Lebens gewesen, eine Frau, die ihm überlegen wäre. Ich habe noch keinen Neurotiker getroffen, der nicht zumindestens heimlich von dieser Furcht benagt würde. Aus der Literatur erwähne ich bloß den Fall Ganghofers, den Alexander *Witt* im 4. Heft des Zentralblattes für Psychoanalyse, I. Jahrgang, zum Abdruck bringt, ferner einen ganz analogen Fall aus *Stendhals* Erinnerungen. In beiden Fällen handelt es sich um Kindheitserinnerungen, bei denen eine Frau über das Kind wegschreitet. Phantasien von Riesinnen, Walküren, von Frauen, die Knaben binden oder schlagen, die zuweilen im Pseudomasochismus zur Ausführung gelangen, Märchen von weiblichen Unholden, Nixen, Nymphen, Frauen mit männlichen Genitalien, mit einem Fischschwanz oder ähnlich der Jugenderinnerung Leonardo da Vincis sind häufig und finden ihr gleichwertiges und gleichsinniges Gegenstück in den ebenso häufigen Geburtsphantasien, Kastrationsgedanken und Wünschen nach einer Mädchenrolle. Letzterer Wunsch erscheint oft äußerst abgeschwächt, verblasst bis zur Frage: was wohl ein Mädchen fühle? —

Wie Sie sich entsinnen, hatte auch unser Patient eine analoge Kindheitserinnerung, daß eine Magd sich über ihm befunden habe[^4]. Sie war nicht verdrängt, auch nicht vergessen, aber sie befand sich scheinbar *außer allem Zusammenhang mit seinem gegenwärtigen oder früheren psychischen Zustand. Sie war all' ihrer Bedeutung entkleidet worden.* War sie etwa ein wirksames Agens gewesen? Niemand kann das annehmen. Aus seiner Vorgeschichte tauchen Erinnerungen auf, an die energische Mutter, die als Witwe ihr großes Gut verwaltete, die ohne Mann ihr Auskommen fand, und von der die Leute sagten, *sie sei wie ein Mann.* Diese Mutter, <!-- S. 112 --> die ihn verhätschelte, aber doch auch strafte, war ihm entschieden überlegen. Als dann seine Sehnsucht erwachte, daß er, das schwächliche Kind mit weiblichem Habitus, der oft verlachte und bestrafte Bettnässer, zum Manne werde, als er in Gedanken, Träumen und im trotzigen Bettnässen seinem männlichen Protest Ausdruck verlieh, kamen ihm Erinnerungen zu Hilfe wie die, daß er oft in weiblicher Kleidung Theater spielte, daß er am ersten Schultag mit seinen älteren Schwestern, an die er sich am meisten gewöhnt hatte, *in die Mädchenschule lief* und sich unter Tränen weigerte, zu den Knaben zu gehen. Und immer noch gab es Verschärfungen, die ihn weiter in den männlichen Protest trieben. Die Crines pubis ließen lange auf sich warten, sein Genitale schien ihm kürzer als das seiner Altersgenossen. *Er steckte sein Ziel nur um so höher,* wollte Hervorragendes leisten, der Erste in der Schule, im Amte werden, bis er an Albertine kam, deren Überlegenheit er fürchtete. Er hatte alle Mädchen und Frauen, seine Mutter insgesamt entwertet, aber *aus Furcht.* Mit den gewöhnlichen Mitteln. Sie hätten keinen Verstand, keine Selbständigkeit, seien leichtfertig. (Siehe Hamlet: „O, ich weiß auch mit Euren Mätzchen Bescheid. Ihr tänzelt, Ihr trippelt, Ihr gebt Gottes Kreaturen verhunzte Namen und stellt Euch aus Leichtfertigkeit unwissend. Geht mir, es hat mich toll gemacht!“) Auch hätten sie einen schlechten Geruch. — Nebenbei: Diese „Geruchskomponente“, der *Freud* wiederholt eine besondere Wichtigkeit als *libidinöser Komponente* zugeschrieben hat, erweist sich mir immer mehr als neurotischer Schwindel. Eine Patientin, 54 Jahre alt, die aus Furcht vor dem Kindergebären schwer neurotisch geworden ist, träumt gegen Ende der Kur den nicht mißzuverstehenden Traum: „Ich packe Eier aus. Alle stinken. Ich sage: Pfui, wie sie stinken.“ Am nächsten Tage sollte ihr Mann kommen. Sie hat bereits alle medizinischen Kapazitäten Deutschlands und Österreichs entwertet. — Eine neurotische Schauspielerin kam auf Liebesverhältnisse zu sprechen. Sie sagt: Ich schrecke keineswegs davor zurück. Ich bin eigentlich ganz amoralisch. Nur eins: Ich habe gefunden, daß alle Männer stinken, und dagegen kehrt sich meine Ästhetik.“ Wir aber werden verstehen: Bei einer derartigen Einstellung kann man ohne Gefahr amoralisch sein. Im 4. Heft des Zentralblattes für Psychoanalyse 1911 („Zur Lehre vom Widerstand“) finden Sie einige solcher Fälle zusammengestellt. — Die männlichen Neurotiker machen es ebenso. Es ist die Rache an der Frau. Europäer und Chinesen, Amerikaner und Neger, Juden und Arier werfen sich gegenseitig ihren Geruch vor. <!-- S. 113 --> Ein vierjähriger Knabe sagt, so oft er bei der Küche vorbeigeht: „Es stinkt.“ Er lebt mit der Köchin in Feindschaft. — So auch unser Patient. Wollen wir diese Erscheinung als *Entwertungstendenz* bezeichnen, der analog die Fabel vom Fuchs und den sauren Trauben zusammengesetzt erscheint. —

Woher stammt die *Entwertungstendenz?* Aus der Furcht vor einer Verletzung der eigenen Empfindlichkeit. Sie ist also gleichfalls Sicherungstendenz, eingeleitet durch den Drang nach Geltung. Und steht psychisch im gleichen Rang mit dem Wunsche, oben zu sein, sexuelle Triumphe zu feiern, zu fliegen, auf einer Leiter oder Treppe oder am Giebel eines Daches („Baumeister Solneß“) zu stehen. Fast regelmäßig findet man beim Nervösen die Tendenz, die Frau zu entwerten und mit ihr zu verkehren eng nebeneinander. Ja, das Gefühl des Neurotikers spricht es deutlich aus: Ich will die Frau durch den Sexualverkehr entwerten, herabsetzen. Er läßt sie auch dann leicht stehen und wendet sich andern zu. Ich habe dies den *Don Juancharakter des Neurotikers* genannt, es ist nichts anderes als *Freuds* „Liebesreihe“, die er phantastisch deutet. Und die Entwertung der Frau, der Mutter sowohl wie aller Frauen, führt dazu, daß sich mancher der Neurotiker zur Dirne flüchtet[^5], wo er sich die Arbeit der Entwertung spart und noch obendrein seine Angehörigen vor Wut platzen sieht. Der Knabe sieht oder ahnt, daß es männlich ist, oben zu sein. Zumeist ist die Mutter die Frau, der gegenüber er das Pathos der Distanz herzustellen sucht. Ihr gegenüber will er den Mann spielen, um sie zu entwerten, sich zu erhöhen. Er schimpft sie wohl auch und schlägt sie oder lacht sie aus, wird unfolgsam und störrisch gegen sie, versucht zu kommandieren usw. Ob und wieviel Libido dabei im Spiele ist, ist vollkommen gleichgültig. Auch gegen andere Mädchen und Frauen wendet sich sein männlicher Protest, zumeist in der Linie des geringsten Widerstandes auf Dienstboten und Gouvernanten. Später verfällt er auf Masturbation und Pollution, nicht ohne damit Sicherungstendenzen gegen den Dämon Weib zu verbinden. So auch unser Patient. Als er sein Ziel bei der Mutter nicht erreichen konnte, ihr Herr zu sein, wendet er sich dem Dienstmädchen zu, wo ihm dies mit 6—7 Jahren besser gelingt. Er sieht sie nackt und greift ihr unter die Röcke. Bis in die Gegenwart war diese Art der sexuellen Aggression seine hauptsächlichste Betätigung. Nur bei Prostituierten kam er zum Ko- <!-- S. 114 --> itus, — bis es sich als notwendig erwies, sich zu beweisen, daß er nicht heiraten könne. Da stellten sich Pollutionen und Impotenz ein, und die Furcht vor seiner unbändigen Sexualität samt ihren vermeintlichen Gefahren der Paralyse und des Zitterns im Alter trat ihm vor Augen. Oder besser gesagt: Zittern und Stammeln stellten sich ebenso wie Pollutionen und Impotenz ein, weil sie ihn vor einer Ehe zu sichern in der Lage waren. — Wahrscheinlich hätte er rechtzeitig abgebrochen und wäre vor der ausbrechenden Neurose verschont geblieben, wenn nicht ein Dritter am Plan erschienen wäre. Dies war für seinen Stolz zu viel. Nun konnte er nicht weichen und wollte doch nicht zugreifen. Seine „libidiösen“ Strebungen, der Wunsch, Albertine *zu besitzen,* erfüllte sein ganzes Bewußtsein, aber das Unbewußte sagte ein starres Nein und drängte ihn von der Brautwerbung ab, indem es Symptome arrangierte, die gegen eine Ehe sprachen. Ganz gleichwertig im Bewußtsein ist der Gedanke: ich kann *erst* heiraten, *wenn* ich eine gute Stelle bekleide. Gleichzeitig aber stellen sich Krankheitserscheinungen ein, die eine Vorrückung im Amte unmöglich machen.

Was hat unser Patient „verdrängt“? Seinen Sexualtrieb, seine libido etwa? Er war sich ihrer so sehr bewußt, daß er fortwährend daran dachte, sich davor zu sichern. Eine Phantasie? Kurz ausgedrückt war seine Phantasie *die Frau über ihm,* die Frau als die Stärkere. Es bedurfte aller meiner Vorarbeiten, um den Zusammenhang dieser und ähnlicher Phantasien und der Neurose sichtbar zu machen. Und nun stellt sich heraus, diese Phantasie ist selbst nur *ein Schreckbild* für den Patienten, aufgerichtet und festgehalten, *um selbst auf Schleichwegen Geltung zu erhalten!* Hat er libidinöse Regungen zur Mutter verdrängt? Das heißt, ist er am Ödipuskomplex erkrankt? Ich sah genug Patienten, die ihren „Ödipuskomplex“ genau kennen, ohne Besserung zu empfinden. Wenn man erst dem männlichen Protest darin Geltung trägt, dann kann man gerechterweise nicht mehr von einem Komplex von Phantasien und Wünschen reden, sondern wird auch den scheinbaren „Ödipuskomplex“ *als kleinen Teil der überstarken neurotischen Dynamik* verstehen lernen, als ein an sich belangloses, im Zusammenhang allerdings *lehrreiches Stadium* des männlichen Protestes[^6], von der aus die wichtigeren Einsichten in die Charakterologie des Neurotikers ebenfalls möglich werden.

[^1]: Wie ich derzeit sehe, mit Erfolg. Siehe *Hitschmann,* Freuds Neurosenlehre, II. Aufl., und *Jung* (Bleuler-Freudsches Jahrbuch 1913).

[^2]: Später im „Nervösen Charakter“. Bergmann, Wiesbaden 1912.

[^3]: „Die Waffen aus der Hand schlagen“, d. h. die krankhaften Mittel des Nervösen unwirksam erscheinen zu lassen, ist das Ziel jeder psychotherapeutischen Taktik.

[^4]: Das heißt: „*Die Frau ist stärker als der Mann!*“ In den ersten Kindheitserinnerungen steckt wie in den Berufswahlphantasien immer die gestaltende Weltanschauung des Menschen, gleichgültig, ob es sich um echte, phantasierte oder rekonstruierte (*Birstein*) Erinnerungen handelt. S. Adler „Zur Schlafstörung“ in „Fortschritte der Medizin“, Leipzig, 1913.

[^5]: S. *Adler,* Neurologische Betrachtungen zu Bergers „Eysenhardt“, Zeitschrift f. mediz. Psychologie und Psychotherapie, Stuttgart, 1913.

[^6]: Als eine symbolisch aufzufassende Situation.

<!-- Se respetan las grafías y erratas del impreso: «Havelok Ellis», «Evaculatio praecox», «Bierstein» en el texto frente a «Birstein» en la nota, «libidiösen», «Incest», la comilla de apertura que falta en la frase de la actriz, «Im 4. Heft ... („Zur Lehre vom Widerstand“)» (el artículo salió en el H. 5/6), la «Kindheitserinnerung, daß eine Magd sich über ihm befunden habe», que no aparece en la parte I tal como está impresa, y la remisión «(S. III. dieses Bandes)». Se corrigen errores del OCR («präjudiziell», «eroffenen», «lieben», «Blind», «ah», «.eines», «angebrochen», «6ehr», «Frcudschen» y similares) según la imagen. Las notas, numeradas por página en el impreso, se numeran aquí de forma continua. -->

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*Fuente:* transcripción a partir del ejemplar de *Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins für Individualpsychologie*, hg. von Alfred Adler und Carl Furtmüller, München, Ernst Reinhardt, 1914, págs. 94-114, digitalizado en Internet Archive (PDF y OCR del portal; págs. 106-126 del PDF). El OCR se cotejó con las imágenes de todas las páginas. Ortografía original de 1914; el espaciado del original se da en cursiva. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa.
