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Title: Individualpsychologische Ergebnisse bezüglich Schlafstörungen
Description: Vortrag, gehalten am 30. Mai 1912. Fortschritte der Medizin 31 (1913), Nr. 34 (21. August 1913), S. 925-933.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1913-08-21%20Individualpsychologische%20Ergebnisse%20bez%C3%BCglich%20Schlafst%C3%B6rungen
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<!-- S. 925 -->

# Individualpsychologische Ergebnisse bezüglich Schlafstörungen.[^1]

Von Dr. Alfred Adler, Wien.

Ein Patient der seit langem an zeitweise wiederkehrenden Ohnmachtsanfällen litt, mittelst derer ihm die Herrschaft über die Familie, insbesondere über die Mutter, — wie sich in der Analyse ergab, — gewährleistet werden sollte, zeigte in 2 aufeinanderfolgenden Nächten Aufwachen unter Angst und Schlaflosigkeit, die bis 3 Uhr währten. Die Situation des Pat. war kurz folgende: Er sollte in der nächsten Zeit mit Vater und Mutter eine Reise nach Karlsbad antreten, als der Vater unvorhergesehener Schwierigkeiten wegen die Reise um 14 Tage verschieben mußte. In der Nacht nach diesem Entschluß wachte der Pat. unter Angst auf, rief seine nebenan schlafende Wärterin ins Zimmer, und auf deren Betreiben kam auch bald, — wie der Pat. vermuten konnte, — die Mutter herein. Pat. verlangte Brom, das er in einer früheren Behandlung längere Zeit genommen hatte; nachdem er von 1 Uhr bis 3 gewacht hatte, schlief er wieder ein. Dasselbe wiederholte sich am nächsten Tage. In der ersten Nacht kam ihm eine Schreibmaschine ins Gedächtnis, in der zweiten Nacht überdies noch die Stadt Görz, Budweis und Gojau. Letzteres hielt er für eine Stadt, erinnerte sich aber nicht, wo sie gelegen sei. Vorher hatte er einen Traum, folgenden Inhalts: „Mir war, als ob wir eine Nachricht aus Karlsbad erhalten hätten, daß der Lieblingsbruder meiner Mutter dort gestorben sei. Ich legte Trauer an und prahlte damit“. Die Auflösung dieses Traumes ergab, daß er den Wunsch hegte, der Lieblingsbruder, — sein Bruder, der der Liebling seiner Mutter war, — möchte sterben. Aber die Verlegung der Szene nach Karlsbad weist auf den Vater, den er abgöttisch zu verehren scheint, und dem er doch den Tod wünscht, nur um die Mutter, die er nicht liebt, allein für sich zu haben. Und doch läßt sich dieses Rätsel verstehen, wenn man weiß, daß ihm der Besitz der <!-- S. 926 --> Mutter zum Kampfobjekt, *zum Symbol seiner Herrschaft und seiner Lebensfähigkeit* geworden ist, daß er seit vielen Jahren all das, was er nicht hat, vielleicht auch nicht haben kann, in der Beherrschung der Mutter zu erlangen glaubt, daß er jede Zurücksetzung, die er fühlt, in dem Bilde erfaßt, *als ob* ihm die Mutter geraubt wäre. Da ihm also die Beherrschung der Mutter, — es fehlt da jedes sexuelle Motiv, — zum Symbol seiner Herrschaft geworden war, lebt er in dem Wahne, — man kann es anders kaum nennen, — daß er mit dem Besitze der Mutter Herrscher, Kaiser, Gott werden könnte.

Die Schreibmaschine aus den Gedanken seiner schlaflosen Nacht ist im Besitz seines Bruders, der sie ihm verweigert, auch wenn er sie der *Übung halber* benützen wollte. Ja, als der Bruder einst nach Paris fuhr, nahm er die Maschine mit, ganz so wie er neulich die Mutter mitnahm, als er eine Sommerwohnung suchen fuhr. Die Gleichstellung der Schreibmaschine und der Mutter ist außer durch das Privileg des Bruders noch durch einen grob sexuellen Vergleich gegeben.

Ich will nicht behaupten, daß zur Auslösung eines Anfalls immer mehrere gehäufte *Anlässe im Sinne einer Herabsetzung* nötig sind; in den meisten Fällen erweist sich diese Annahme als berechtigt, was auch die Übersicht und die Einsicht in den Zusammenhang der Anfälle mit ihren auslösenden Ursachen oft erschwert. In unserem Falle finden wir: 1. die getäuschte Erwartung, die Verhinderung der Fahrt, und 2. die Fahrt der Mutter mit dem Bruder, — zwei Anlässe, deren innerer Zusammenhang (als gegen die Überlegenheit des Patienten über den Lieblingsbruder gerichtet) evident ist. Ebenso erfahren wir damit, welcher Art die Bevorzugung des Bruders ihm zu sein scheint, und wie er mit Aggression und Todeswünschen gegen den Bruder reagiert.

Durch seine bisherigen der Epilepsie ähnlichen Anfälle erreichte er in Fällen der Zurücksetzung, daß seine Mutter sich ihm jeweils mehr zuwandte, um allerdings bald nachher den unangenehmen Patron wieder zu verlassen. Diese Anfälle scheinen durch Einsicht in den Krankheitsprozeß derzeit gemildert zu sein. Durch die nächtlichen Anfälle, die mit Angst einhergingen, erreicht er das gleiche. Ja noch mehr! Seine Mutter muß des Nachts zu ihm ins Zimmer kommen und dort solange weilen, als es sein gekränktes Gemüt für gut befindet. Dies bedeuten seine Gedanken an die Schreibmaschine, dazu seine Angst und das Arrangement von Schlaflosigkeit.

Daß seine Attitüde darauf gerichtet war, andere zu sich zu ziehen, geht auch aus dem kleinen Umstand hervor, daß er nächsten Tages bat, auch ich möge zu ihm kommen, statt daß er wie gewöhnlich zu mir kommen müsse.

Eine weitere berechtigte Frage ist nun die: warum griff er zum Arrangement der Angst? Und wie kam er zur Konstruktion der Schlaflosigkeit? —

Die erste Antwort können wir uns aus dem Material der Persönlichkeitsanalyse holen. Er hatte in der Kindheit nur Angst vor der Lokomotive und vor ihrem Pfiff, und benutzte diese Angst, um die Mutter zu sich zu zwingen, sich in ihrem Schoß zu bergen. Sonst war er immer ein mutiger Junge gewesen. Es spricht also die Vermutung dafür, daß seine nächtliche Angst mit einer Lokomotive in Verbin<!-- S. 927 -->dung stand. Hörten wir nicht, daß er nach Karlsbad reisen wollte, und daß der Bruder mit der Mutter per Eisenbahn fortgefahren war?

In der 2. schlaflosen Nacht kam ihm außer der Schreibmaschine noch Görz in Istrien und Gojau, eine Stadt in der Nähe von Budweis, wie sich herausstellte, in den Sinn. In Görz war er einmal gewesen, als er von Venedig zur Mutter nach Karlsbad reiste. Er langte damals um 1 Uhr nachts in Budweis an, hatte am Bahnhof 2 Stunden zu warten, und fuhr um 3 Uhr weiter, diesmal in einem Schlafkoupee, wo er also um 3 Uhr einschlief. Diese Zeit von 1—3 Uhr nachts waren es aber auch, die er in den 2 schlaflosen Nächten unter Angst zugebracht hatte. Mit anderen Worten: Seine beiden Anfälle waren *Wiederholungen seiner Reise nach Karlsbad*, und er zeigte so, daß in ihm ein Zustand Platz gegriffen hatte, als ob er es nicht mehr erwarten könnte, *mit seiner Mutter allein* nach Karlsbad zu fahren. Diese Ungeduld prägte sich auch in seiner fortwährenden Klage über Hitze aus, mit der er deutlich zu sagen schien: Ich muß schon aus Wien fortfahren!

An einen Ort „Gojau“ konnte er sich anfangs nicht erinnern. Als er nachsah, fand er, daß es ein Ort sei, der durch eine wenig befahrene Flügelbahn mit Budweis verbunden ist. Herrn Dr. v. Maday verdanke ich den Hinweis auf den abermals hier zutage tretenden Todesgedanken: Diese Flügelbahn endet mit der Station „Schwarzes Kreuz.“

Sein Erwachen um 1 Uhr, also zur selben Zeit, als er in Budweis schlaflos auf den Zug nach Karlsbad wartete, weist mit Sicherheit daraufhin, daß der Patient im Geiste während des Schlafes die Reise nach Karlsbad machte, die er schon einmal ohne die Mutter angetreten hatte, daß er aber diesmal durch das kindliche Arrangement der Angst, — in planmäßiger Verbindung mit der Schlaflosigkeit — sein Persönlichkeitsideal durchzusetzen suchte: die Mutter mußte zu ihm ins Zimmer kommen. Seine gegenwärtige psychische Situation lautet: — wenn ich nicht warten müßte (auf die Unterwerfung der Mutter, auf den Tod des Bruders, des Vaters), könnte ich — wie mein Bruder — allein mit der Mutter fahren. Sein Wunsch nach Bevorzugung *wie* in der Kindheit, wenn sie ihm beim Pfeifen der Lokomotive die Ohren zuhielt, — greift deshalb auf eine Erinnerung zurück, wie er damals auch im Zusammenhang mit Karlsbad, schlaflos werden mußte, *weil* er durch Angst und Schlaflosigkeit die Mutter beherrschen, sie vielleicht doch zur Reise bewegen kann.

Unter anderem konnte uns dieser Fall belehren, daß die leitenden Ziele der Persönlichkeitsidee auch während des Schlafes nicht ruhen; daß sie sozusagen in körperliche Attitüden übergehen, um auch während des Schlafes *in vorbereitender Weise den Weg zur Erfüllung der leitenden Idee auszuspüren.*[^2] Wie immer in Stadien der größeren Unsicherheit geschieht dies Vorbauen gemäß den Erfahrungen, und zwar werden mit gutem Grunde die abstraktesten, dem Kern der Idee zunächstgelegenen Erinnerungen zu Hilfe genommen, da sie *als Warnungen oder als Ansporn* Geltung besitzen, nicht so sehr wegen ihrer wahrhaften Wirksamkeit in Gefahren, sondern weil sie der ganzen Persönlichkeit am geeignetsten *erscheinen*. In irgend einer <!-- S. 928 --> Art müssen sie allerdings auch reale Wirksamkeit entfalten können, da sie anders bald verlassen würden. Aber diese subjektive Wertung braucht durchaus nicht objektive Geltung zu besitzen. Das zustandekommende neurotische Arrangement muß bloß am Wege zum fiktiven Endziel des Nervösen liegen. Im obigen Falle genügt es, daß der Patient damit bloß seinen Kurs im Rahmen seiner Umgebung steigen sieht. Er hat die Mutter gegen ihren Willen gezwungen, sich in seinen Dienst zu stellen, — dies ist die heutige realisierte Darstellung seiner einstigen Gottheitsidee oder wie in diesem Falle des einstigen Kaiserwahnes. (Von hier aus verstehen wir auch die Wahnideen der Epileptiker und anderen Psychotiker, die so oft Kaiser sein wollen, als stärkere Abstraktionen gemäß der ursprünglichen leitenden Fiktion.)

Der folgende Fall kann uns belehren, daß auch unbefriedigte *Eitelkeit* durch stärkere Anspannung der *Denkfunktion* zu Schlaflosigkeit führen kann. Den Miltiades ließen die Lorbeern des Themistokles nicht schlafen, — und in der Tat findet man Schlaflosigkeit infolge unbefriedigten Ehrgeizes nicht selten.

Ich hoffe, daß dieser Fall an Interesse nicht verliert, wenn ich mitteile, daß sich ein Arzt selbst darin einer Analyse unterzogen hat. Den Anlaß zu dieser Analyse gab folgender Vorfall, den der Autor folgendermaßen erzählt:

„Anläßlich des schrecklichen Schiffsunglücks der „Titanic“ konnte ich an mir die Ergriffenheit deutlich beobachten. In meinen freien Stunden fand ich mich oft im Gespräch über das Unglück, und vorwiegend war es die Frage, die von mir immer wieder aufgenommen wurde, ob man nicht doch ein Mittel hätte finden müssen, um die Untergehenden zu retten.

Eines Nachts wache ich aus dem Schlafe auf. Als richtiger Psychologe lege ich mir die Frage vor: warum ich, der sonst ein guter Schläfer ist, diesmal aufgewacht sei? Ich fand aber keine befriedigende Antwort, fand mich vielmehr kurze Zeit darauf in emsigem Nachdenken, *wie man die Untergehenden der Titanic hätte retten können.* Bald nachher, — es war 3 Uhr, — schlief ich ein.

In der nächsten Nacht wachte ich wieder auf. Ich sah auf die Uhr, es war ½3 Uhr. Flüchtig kamen mir Gedanken über die sonstigen Theorien der Schlaflosigkeit, unter anderm fiel mir auch die Meinung eines Autors ein, daß man, einmal an ein Aufwachen aus dem Schlafe gewöhnt, leicht wieder um die gleiche Zeit erwachen kann. Aber mit einemmale wußte ich intuitiv, wie es sich mit meinem Aufwachen verhielt. Um ½3 Uhr war die Titanic untergegangen. Ich hatte die Fahrt im Schlafe mitgemacht, hatte mich in die schreckliche Situation des Unterganges eingefühlt, und war also schon zweimal des Nachts erwacht, als das Schiff unterging!

Auch in der 2. Nacht nahmen meine Gedanken die Richtung, ein Mittel zu finden, wie man sich in einer solchen Situation retten könnte; sich und die anderen. Fast gleichzeitig erriet ich, daß hier der *vorbeugende und vorbereitende Versuch einer Sicherung* am Werke war, der in gleicher Weise der Vorsicht wie dem Ehrgeiz dienen sollte. Ich verstand auch ohne weiteres, daß die Amerikafahrt, — ein altes Ziel meiner Sehn<!-- S. 929 -->sucht, — in sinnreicher Weise den Kampf um meine wissenschaftliche Repräsentation symbolisierte. Und wie im Wachen, so tat ich auch im Schlafe. Ich war auf der Suche nach einem Mittel zur Rettung, und ich stellte die sinnfälligste Situation her, um mich zur Gegenwehr zu rüsten und zu mobilisieren: *Einfühlung in die stärkste Gefahr und Nachdenken!*

Leicht war auch zu verstehen, daß diese Art, auf Gefahren meiner Person und mir Nahestehender zu reagieren, meine persönliche Attitude sein mußte. Und bald fand ich den Zusammenhang.

Ich bin ja Arzt. Es gehört also zu meinen Obliegenheiten, gegen den Tod ein Mittel zu finden. Damit aber war ich schon auf mir bekannten Boden. Der Kampf gegen den Tod gehörte nämlich zu den stärksten Antrieben meiner Berufswahl[^3]. Wie so viele von den Ärzten, bin auch ich Arzt geworden, *um den Tod zu überwinden.*

Aus meiner Jugendgeschichte erinnere ich mich an mehrere Ereignisse, in denen mir der Tod nahe schien. So hatte ich aus einer Rachitis außer einer Schwerbeweglichkeit jene gemilderte Form von Stimmritzenkrampf erworben, die ich später als Arzt oft bei Kindern antraf, wo Verschluß der Glottis beim Weinen eintritt, so daß ein Zustand von Atemnot und Stimmlosigkeit das Weinen unterbricht, bis sich nach Lösung des Krampfes das Weinen wieder fortsetzt. Der Zustand der dabei eintretenden Atemnot ist höchst unangenehm, wie ich aus meiner Erinnerung weiß; ich dürfte damals noch nicht 2 Jahre gewesen sein. Die übertriebene Furcht meiner Eltern und die Besorgnis des Hausarztes waren mir nicht entgangen und erfüllten mich, abgesehen von der Peinlichkeit der Atemnot, mit einem Gefühl, das ich heute als Gefühl der Unruhe und der Unsicherheit bezeichnen möchte. Ferner erinnere ich mich, daß ich eines Tages, kurz nach einem solchen Keuchanfall Gedanken hatte, wie ich, da bisher kein Mittel gefruchtet hatte, dieses lästige Leiden beseitigen könnte. Auf welchem Wege ich dazu kam, ob die Anregung von außen kam, oder ob ich allein die Idee ausheckte, kann ich nicht sagen: ich beschloß, das Weinen ganz einzustellen, und so oft ich die erste Regung zum Weinen verspürte, gab ich mir einen Ruck, hielt mit dem Weinen inne, und das Keuchen verschwand. Ich hatte ein Mittel gegen das Leiden, vielleicht auch gegen die Todesfurcht gefunden.

Kurze Zeit später, ich war 3 Jahre geworden, starb mir ein jüngerer Bruder. Ich glaube, die Bedeutung des Sterbens verstanden zu haben, war fast bis zu seiner Auflösung bei ihm und wußte, als man mich zu meinem Großvater schickte, daß ich das Kind nimmer sehen werde, daß er am Friedhof begraben würde. Meine Mutter holte mich nach dem Leichenbegängnis ab, um mich nach Hause zu bringen. Sie war sehr traurig und verweint, lächelte aber ein wenig, als mein Großvater, um sie zu trösten, einige scherzende Worte zu ihr sagte, die sie wahrscheinlich auf weiteren Kindersegen verweisen sollten. Dieses Lächeln konnte ich meiner Mutter lange nicht verzeihen, und ich darf aus diesem Groll wohl schließen, daß ich mir der Schauer des Todes sehr wohl bewußt gewesen bin.

Im 4. Lebensjahre kam ich zweimal unter einen Wagen. Ich entsinne mich nur, daß ich mit Schmerzen auf einem Divan erwachte, <!-- S. 930 --> ohne daß ich wußte, wie ich dorthin gekommen war. Ich muß also wohl in Ohnmacht gefallen sein.

Mit 5 Jahren erkrankte ich an einer Lungenentzündung und wurde vom Arzte aufgegeben. Ein zweiter Arzt schlug doch eine Behandlung vor, und ich war in wenigen Tagen gesund. Man hatte in der Freude über meine Genesung noch lange Zeit über die Todesgefahr gesprochen, in der ich angeblich geschwebt hatte; seit dieser Zeit entsinne ich mich, daß ich mir stets meine Zukunft als Arzt vorgestellt habe. D. h. ich habe ein Ziel festgesetzt, von dem ich erwarten durfte, daß es meiner kindlichen Not, meiner Furcht vor dem Tod ein Ende machen konnte. Es ist klar, daß ich von dieser Berufswahl mehr erwartet habe, als sie leisten konnte: den Tod, die Todesfurcht überwinden, das hätte ich eigentlich von menschlichen Leistungen nicht erwarten dürfen; bloß von göttlichen. Die Realität gebietet aber zu handeln. Und so war ich gezwungen, im Formenwechsel der leitenden Fiktion so weit mein Ziel abzuwandeln, bis es der Realität zu genügen schien. Da kam ich zur ärztlichen Berufswahl, um den Tod und die Todesfurcht zu überwinden.[^4]

Aus der Berufswahlphantasie eines etwas zurückgebliebenen Knaben, die sich auf ähnlichen Eindrücken, — Tod einer Schwester und Kränklichkeit in früher Kindheit, Bekanntschaft mit dem Tod, — aufbaute, erfuhr ich, daß dieser Knabe beschlossen hatte, Totengräber zu werden, um, wie er sagte, die andern einzugraben und nicht selbst eingegraben zu werden. Das starre gegensätzliche Denken dieses später neurotischen Knaben, — oben oder unten, aktiv oder passiv, Hammer oder Amboß, flectere si nequeo superos, Acheronta movebo! — haben mittlere Möglichkeiten nicht zugelassen, seine kindische rettende Fiktion ging im Nebensächlichen auf das Gegenteil.

Aus der Zeit meiner Berufswahl, etwa aus dem 5. Lebensjahre, datiert folgendes Erlebnis: Der Vater eines Spielkameraden fragte mich, was ich werden wolle. Ich gab zur Antwort: Ein Doktor! Der Mann, der vielleicht schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht hatte, erwiderte darauf: Da soll man dich gleich an dem nächsten Laternenpfahl aufhängen! Selbstverständlich ließ mich, — eben wegen meiner regulativen Idee — diese Äußerung völlig kalt. Ich glaube, ich dachte damals, daß ich ein guter Arzt werden wolle, dem niemand feindlich gesinnt sein sollte.

Kurz nachher kam ich in die Volksschule. Meine Erinnerung sagte mir, daß ich auf dem Weg in die Volksschule über einen Friedhof gehen mußte. Da hatte ich nun jedesmal Furcht, und sah es mit großem Mißbehagen, wie die andern Kinder harmlos den Friedhofsweg gingen, während ich ängstlich und mit Grauen Schritt vor Schritt setzte. Abgesehen von der Unerträglichkeit der Angst quälte mich der Gedanke, an Mut den andern nachzustehen. Eines Tages faßte ich den Entschluß, dieser Todesangst ein Ende zu machen. Als Mittel wählte ich *wieder die Abhärtung*. (Todesnähe!) Ich blieb eine Strecke hinter den andern Kindern zurück, legte meine Schultasche an der Friedhofsmauer auf die Erde, und lief wohl ein Dutzend mal über den Friedhof hin und zurück, bis ich dachte, der Furcht Herr geworden zu sein. Später glaube ich den Weg ohne Angst gegangen zu sein.

<!-- S. 931 -->

30 Jahre später traf ich einen ehemaligen Schulkameraden, mit dem ich Kindheitserinnerungen aus der Volksschule austauschte. Es fiel mir dabei ein, daß derzeit jener Friedhof nicht mehr bestehe, und ich fragte, was aus dem Friedhof, der mir solche Beschwerden gemacht hatte, geworden sei. Verwundert antwortete mir mein ehemaliger Kamerad, der länger als ich in jener Gegend zugebracht hatte, daß auf dem Wege zu unserer Schule *niemals ein Friedhof* gewesen sei. Da erkannte ich, daß die Friedhofsgeschichte eine dichterische Einkleidung für meine Sehnsucht war, die Angst vor dem Tod zu überwinden. Sie sollte mir ähnlich wie in anderen Lebenslagen zeigen, daß man den Tod und die Todesangst überwinden könnte, *daß es ein Mittel geben müsse, und dies wirkte wie ein kraftvoller Zuspruch*, daß es mir gelingen könnte, in schwierigen Lebenslagen ein solches Mittel gegen den Tod zu finden. So kämpfte ich gegen meine Kindheitsfurcht, so bin ich Arzt geworden, und so sinne ich auch jetzt nach Problemen nach, die mich gemäß dieser psychischen Eigenart anziehen, was bei der Titanikkatastrophe in hervorragendem Maße der Fall war.[^5]

Ja mein Ehrgeiz ist so sehr durch diese leitende Fiktion, den Tod zu überwinden, festgelegt, daß ihn andere Ziele wenig aufstacheln können. Es kann vielmehr leicht der Eindruck erweckt werden, als ob mir in den meisten Beziehungen des Lebens der Ehrgeiz fehlte. Die Erklärung für dieses double vie, für diese Spaltung der Persönlichkeit, wie es die Autoren nennen würden, liegt darin, *daß der Ehrgeiz ja nur ein Mittel darstellt*, keinen Zweck, so daß er bald benützt, bald beiseite geschoben wird, je nachdem das vorschwebende Ziel bald mit diesem Charakterzug bald ohne ihn leichter zu erreichen ist.“

Diese kleine Analyse, die während der Abfassung meines Buches angestellt wurde, zeigt uns die gleiche Dynamik, die ich in der gesunden und kranken Psyche aufgedeckt habe. Das Aufwachen bei Nacht stellt sich als Symbol, als Gleichnis des Lebens heraus, in welchem die Vergangenheit (Unsicherheit), die Gegenwart (Gefahr gegenüber skrupellosen Menschen), die Zukunft (Suchen nach einem Mittel) und das leitende Ziel (Überwinder des Todes zu sein) widerspiegelt.

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*Der Schlaf kann als Abstraktion betrachtet werden.* Zweck derselben wäre, dem Wachdenken, dem gesellschaftlich-notwendigen, also sozial angepaßten bewußten Denken Ruhe zu gewähren, zugleich auch den sozial vermittelnden, über die eigene Körpersphäre hinausgreifenden Sinnesorganen. Im Schlaf ist das Körper- und Seelenleben den fertigen Bereitschaften der Psyche anheimgegeben, die aus früheren Zeiten stammen und eingeübt wurden. Sie nehmen die seelischen Bewegungen des Vortages entgegen und führen sie weiter zu dem in ihnen angedeuteten Ziel. Reste bewußter Denkvorgänge, *der Traum*, spiegeln in halluzinatorischer <!-- S. 932 --> Art diese fortschreitenden seelischen Bewegungen. Der Traum aber, der nur begleitet, nie aber als Traumdenken das Handeln verursacht, — wozu er meist wegen seiner allzu abstrakten, fragmentarischen Ausdrucksweise ungeeignet wäre, — hat nicht die Aufgabe verständlich zu sein. Wo er verständlich wird, wo er Handlungen vorbereitet, oder vorzubereiten scheint, wo er antreibt, abschreckt oder ermahnt, ist in ihm eine individuell vorbereitete Tendenz eingegangen. Ebenso wo er erinnert oder vergessen wird, wobei die Erinnerung oder das Vergessen der gleichen Tendenz entsprechen kann.

Die Störung des Schlafes gehorcht der gleichen Tendenz. Die Schlaflosigkeit wird als Krankheitsbeweis protegiert, wie in unserem ersten Falle, sobald sie sich als das brauchbarste Mittel zur Durchführung der eigenen Überlegenheit, des eigenen Willens erweist. Die Klagen solcher Patienten, scheinbar mit unserer Darlegung in Widerspruch, dienen nur dazu, den Kurs dieses Symptoms höher zu treiben. Das Erwachen erfolgt in diesen Fällen durch ein planmäßiges, wenn auch unbewußt gebliebenes Arrangement, durch Schrecken, Schmerz oder durch einen unerkannt zugrundeliegenden Akt der Willkür. Begleitende Träume zeigen in Analogien häufig die Quelle an, aus der die neurotische Tendenz die Empfindung der Besorgnis für ein bevorstehendes Problem fälschend verstärkt oder absichtsvoll geschöpft hat. Daß Träume dabei unwesentlich sind oder fehlen können, zeigt der zweitbeschriebene Fall. Nach dem dort ausgebreiteten Material dürften wir dessen vorübergehende Schlaflosigkeit wohl im Sinne eines großen Selbstvertrauens ansehen, dem das wache Denken eine untrügliche Instanz bedeutet. Die Traumlosigkeit der vier Nächte ist, — wie er angibt, — nichts Sonderbares. Seit er einigermaßen mit den Fragen der Traumdeutung vertraut ist, sind Träume bei ihm äußerst rar geworden, wahrscheinlich weil sie Wert und Bedeutung durch stärkere Bereitschaft zur Tat bei dem Kollegen eingebüßt haben.

Im ersten Falle ist die bedenkliche Richtung, in der Selbstschädigung (epileptische Neurose) bis zum Tod zu gehen, um eine vage Idee zur Erfüllung zu bringen, deutlich zu erkennen. Die vorübergehende Schlaflosigkeit erscheint als eine Etappe auf diesem Wege, ähnlich wie die ehemaligen Anfälle von Bewußtlosigkeit, die mit starken traumatischen Verletzungen einhergegangen waren. Der Ablauf dieses Falles ist nicht durchsichtig genug, soll aber als Hinweis auf die Rolle der genuinen und Affektepilepsie nicht verschwiegen werden. In psychotherapeutischer Behandlung erwiesen sich die Anfälle als deutbar, konnten vorausgesagt und gemildert, vielleicht auch eingeschränkt werden. Vorher waren die Anfälle, die sich ca. alle 14 Tage einstellten, ausgeblieben, als er sich behufs Entscheidung über eine Trepanation einen Monat lang in Beobachtung befand. In meiner Behandlung war also nur eine Milderung der Anfälle, dazu ein freieres Wesen und ein umgänglicherer Charakter erzielt worden. Kurz bevor er eigenwillig und im Starrsinn meine Behandlung verließ, konnte ich dem Patienten zeigen, daß er mit unbewußter Absicht auf eine Störung der Magenfunktion hinarbeite. Einige Tage nachher erkrankte er an einem langwierigen Ikterus. Weitere Befunde fehlen mir aus eigener Anschauung. Ich erfuhr aus zweiter Hand, daß er in der Folge mehrmals Wutanfälle zeigte, daß er kurzdauernde Delirien aufwies, in denen er eine Kaiserrolle spielte, <!-- S. 933 --> (wie sie mir aus seinen unbewußten Phantasien als sein Symbol der Überlegenheit bekannt geworden war), und daß er in einem kurz dauernden Wutanfall, nicht in einem status epilepticus, an Herzschwäche etwa ein halbes Jahr nach Abschluß meiner Behandlung gestorben sein soll.

[^1]: Vortrag gehalten am 30. Mai 1912.

[^2]: *Adler*, Über den nervösen Charakter, J. F. Bergmann, Wiesbaden 1912 und „Traum und Traumdeutung“ Oesterr. Ärztezeitung 1913. —

[^3]: S. In der nächstens erscheinenden Sammlung: „Arzt und Erzieher“, München E. Reinhardt, Dr. Kramer „Ueber Berufswahl“.

[^4]: Über die Bedeutung des Todes für das Philosophieren s. P. *Schrecker*, Bergsons Persönlichkeitsphilosophie, E. Reinhardt, München 1912.

[^5]: Eine andere Art der Überwindung der Todesfurcht in Wagners „Siegfried“: „Um der Götter Ende grämt mich die Angst nicht, *seit mein Wunsch es will!*“ — Über diesen psychischen Mechanismus, den ich als für die Zwangsneurose charakteristisch beschrieben habe (Fiktion des freien Willens, Ersatz eines fremden Zwanges durch den eigenen etc.) s. auch Furtmüller: „Ethik u. Psychanalyse“, E. Reichardt, München 1912. —

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*Fuente:* transcripción a partir de *Fortschritte der Medizin* 31 (1913), n.º 34, 21 de agosto de 1913, S. 925-933 (Internet Archive; fichero local `1913/1913-08-21_Fortschritte-der-Medizin_Jg31-Nr34_Individualpsychologische-Ergebnisse-Schlafstoerungen__archive.pdf`, págs. 1-9 del PDF). OCR de Internet Archive corregido íntegramente sobre las imágenes. El autoanálisis del «médico» (S. 928-931), que es el del propio Adler, se reimprimió como extracto, con el título «Ein Beitrag zur Psychologie der ärztlichen Berufswahl», en *Heilen und Bilden* (1914), S. 336-340, publicado aparte en este archivo (AA1913-06). Se respetan las erratas y grafías del original («der sonst ein guter Schläfer ist», «auf mir bekannten Boden», «Titanikkatastrophe», «E. Reichardt» por Reinhardt, el título de Furtmüller invertido «Ethik u. Psychanalyse»). Las cursivas reproducen el espaciado del original; los nombres propios espaciados se dan también en cursiva. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. Adler lo reimprimió en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie*, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. XIII, S. 119-126; allí lleva la indicación (1912.) (reimpresión no cotejada); véase la página del [libro](https://adler.school/archivo/adler/original/1920%20Praxis%20und%20Theorie%20der%20Individualpsychologie).
