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Title: Individualpsychologische Behandlung der Neurosen
Description: In: Jahreskurse für ärztliche Fortbildung, hg. von D. Sarason, 4. Jg., Mai-Heft 1913 (Nervenkrankheiten), München: J. F. Lehmann, S. 39-51.
Author: Alfred Adler
URL: https://adler.school/archivo/adler/original/1913-05%20Individualpsychologische%20Behandlung%20der%20Neurosen
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<!-- S. 39 -->

# Individualpsychologische Behandlung der Neurosen.

Von Dr. Alfred Adler, Wien.

## Einleitung.

Das umfangreiche Gebiet der Psychotherapie in gedrängter Form zu behandeln, wo noch so viel prinzipieller Streit ihre Wertschätzung bedroht, erscheint mir als kein geringes Wagnis. Und ich möchte es nicht unterlassen, auf die Grundlagen meiner Anschauungen zu verweisen, auf das Material meiner Erfahrungen, die seit dem Jahre 1907 der Öffentlichkeit zur Prüfung vorliegen. Im Jahre 1907 habe ich in einer „*Studie über Minderwertigkeit von Organen*“ (Urban u. Schwarzenberg, Wien-Berlin) den Nachweis erbracht, daß die angeborenen Konstitutionsanomalien nicht nur als Erscheinungen der Degeneration aufzufassen seien, sondern daß sie auch oft den Anlaß geben zu *kompensatorischen* Leistungen und Überleistungen sowie zu bedeutungsvollen Erscheinungen der Korrelation, zu denen die verstärkte psychische Leistung wesentlich beiträgt. Diese kompensatorische, seelische Anstrengung geht oft, um die Anspannungen im Leben bewältigen zu können, auf anderen, neuen Wegen, zeigt sich für den Betrachter ausgiebig geschult, und erfüllt so den Zweck, ein gefühltes Defizit zu decken, in der wundervollsten Weise. Die weitverbreitetste Form, in der sich das in der Kindheit einbrechende *Gefühl der Minderwertigkeit* einer Entlarvung zu entziehen sucht, besteht in der Aufführung eines kompensatorischen seelischen Überbaus, der mit fertigen trainierten Bereitschaften und Sicherungen den Halt, die Überlegenheit im Leben wieder zu gewinnen sucht, im *nervösen modus vivendi*. — Was jetzt von der Norm etwa abweicht, erklärt sich aus dem größeren Ehrgeiz und aus der stärkeren Vorsicht; alle die Kunstgriffe aber und Arrangements, nervöse Charakterzüge sowie die nervösen Symptome beziehen ihre Geltung aus Vorversuchen, Erlebnissen und Imitationen, wie sie dem Leben des gesunden Menschen nicht ganz fremd sind, und sie führen eine Sprache, die, richtig verstanden, immer erkennen läßt, daß hier ein Mensch um seine Geltung ringt, sie zu erzwingen versucht, der aus der Sphäre der Unsicherheit und des Minderwertigkeitsgefühls unaufhörlich nach einer gottähnlichen Herrschaft über seine Umgebung zu gelangen trachtet.

Läßt man diese Wurzel des neurotischen Gebarens beiseite, so findet man dieses zusammengesetzt aus einer bunten Fülle von Erregungen und Erregbarkeiten, die nicht die Krankheit der Neurose <!-- S. 40 --> *verursachen*, sondern eine *Folge* derselben darstellen. In einer kurzen Abhandlung: „*Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose*“ (Fortschritte der Medizin, Leipzig 1908) versuchte ich, diese oft gesteigerte „Affektivität“ darzustellen und zu zeigen, wie sie, damit ein Zweck erreicht oder eine Gefahr umgangen werde, oft in eine scheinbare Aggressionshemmung umschlägt. Was man „Disposition zur Neurose“ zu nennen pflegt (*Neurotische Disposition*, Jahrb. f. psychoanalyt. u. psychopatholog. Forschg. 1909), ist bereits Neurose, und nur bei aktuellen Anlässen, wenn innere Not zu verstärkten Kunstgriffen treibt, kommen die geeigneteren neurotischen Symptome mit größerer Deutlichkeit und als Krankheitsbeweis zum Vorschein. Insbesondere sind dieser Krankheitsbeweis und alle zugehörigen Arrangements nötig, um 1. als *Vorwände* zu dienen, wenn das Leben die ersehnten Triumphe verweigert, 2. damit alle *Entscheidungen hinausgeschoben* werden können, 3. um etwaige erreichte Ziele in stärkerem Lichte erglänzen zu lassen, da sie *trotz des Leidens* erreicht wurden. Diese und andere Kunstgriffe zeigen mit Klarheit das Streben des Nervösen *nach dem Schein*.

Es ergibt sich in jedem Falle mit Leichtigkeit, daß der Nervöse, um sein von einem fiktiven Ziel aus gelenktes Handeln zu sichern, für ihn typische Richtungslinien innehält, die er prinzipiell, geradezu wörtlich verfolgt. Die nervöse Persönlichkeit bekommt auf diese Weise durch bestimmte Charakterzüge und passende, erprobte Affektbereitschaften, durch den einheitlichen Ausbau der Symptome und durch die neurotische Perspektive auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihre feste Form. Der Zwang zur Sicherung der Überlegenheit wirkt dermaßen stark, daß jedes seelische Phänomen bei vergleichender psychologischer Analyse neben der Oberfläche seiner Erscheinung noch den gleichen Zug in sich trägt: von einem Gefühl der Schwäche loszukommen, um die Höhe zu erreichen, sich von „unten“ nach „oben“ zu erheben, durch Anwendung oft schwer verfolgbarer Kunstgriffe allen überlegen zu werden. Um im Vorbauen, Denken und Erfassen der Welt pedantische Ordnung und damit Sicherungen zu schaffen, greift der Nervöse zu allerlei Regeln und Hilfsformeln, deren wichtigste dem primitiven antithetischen Schema entspricht. So läßt er nur Empfindungswerte gelten, die einem Oben und Unten entsprechen, und sucht diese — soweit ich mich überzeugen konnte — regelmäßig auf einen ihm real erscheinenden Gegensatz von „Männlich — Weiblich“ zu beziehen. Durch diese Verfälschung bewußter und unbewußter Urteile ist, wie durch einen seelischen Akkumulator, der Anlaß zu *Affektstörungen* gegeben, die wieder jedesmal zur persönlichen Lebenslinie des Patienten passen. Den als „weiblich“ empfundenen Zügen in seiner Seele — jedes passive Verhalten, Gehorsam, Weichheit, Feigheit, Erinnerungen an Niederlagen, Unkenntnis, Unvermögen — versucht er eine übertriebene Richtung ins „Männliche“ zu geben, und er entwickelt Haß, Trotz, Grausamkeit, Egoismus und sucht Triumphe in jeder menschlichen Beziehung. Oder seine Schwächlichkeit wird von ihm auffallend unterstrichen, was dann immer andere Personen mit der Aufgabe belastet, sich in seinen Dienst zu stellen, regelmäßig auch die Vorsicht und das Voraussehen des Patienten unermeßlich steigert und zu planvollen Ausweichungen vor drohenden Entscheidungen führt. Wo der Patient den Beweis „männlicher Vorzüge“ im Leben <!-- S. 41 --> erbringen zu müssen glaubt, in Kämpfen jeder Art, im Beruf, in der Liebe, wo er, was auch für das männliche Geschlecht gilt, eine „Verweiblichung“ durch ein Unterliegen befürchtet, wird er von weitem schon im Bogen um das Problem herumzukommen suchen. Man wird dann immer eine Lebenslinie finden, die vom geraden Wege abweicht, und, in der ewigen Furcht vor Fehlern und Niederlagen, sicherere Umwege einzuschlagen sucht. Damit ist immer auch eine Verfälschung der Geschlechtsrolle gegeben, so daß der Nervöse einen Zug zum „psychischen Hermaphroditismus“ aufzuweisen scheint, ihn auch meist zu haben glaubt. (Siehe „Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose“, Fortschr. d. Medizin, Leipzig 1910.) Von dieser Seite gesehen könnte die Neurose leicht einer sexuellen Ätiologie verdächtig erscheinen. In Wahrheit aber spielt sich auf dem Gebiete der Sexualität der gleiche Kampf ab wie im ganzen Seelenleben: das ursprüngliche Minderwertigkeitsgefühl drängt auf Umwege (im Sexuellen auf den Weg der Masturbation, der Homosexualität, des Fetischismus, der Algolagnie, der Überschätzung der Sexualität usw.), um seine Orientierung nach einem Ziel der Überlegenheit nicht zu verlieren. Als abstraktes und zugleich konkretisiertes Ziel des Nervösen dient dann die schematische Formel: „ich will ein voller Mann sein!“, ein kompensierender Ausgang für das zugrunde liegende Gefühl einer als weiblich gesetzten Minderwertigkeit. Das Schema, nach dem hier apperzipiert und vorgegangen wird, ist als durchaus antithetisch und in planmäßiger Fälschung *als in sich feindlich* gefaßt, und wir können als unbewußte Voraussetzungen der nervösen Zielstrebigkeit regelmäßig folgende zwei erkennen: 1. die menschliche Beziehung ist unter allen Umständen ein Kampf, 2. das weibliche Geschlecht ist minderwertig und dient in seinen Reaktionen als Maß der männlichen Kraft.

Diese beiden unbewußten Voraussetzungen, die sich in gleicher Weise bei männlichen und weiblichen Patienten entschleiern lassen, machen es aus, daß alle menschlichen Beziehungen entstellt und vergiftet werden, daß Affektverstärkungen und Affektstörungen zutage treten, und daß an Stelle einer wünschenswerten Unbefangenheit eine dauernde Unzufriedenheit tritt, die bloß gelegentlich, meist nach Verstärkung der Symptome und nach geglückter Darstellung eines Krankheitsbeweises, gemildert erscheint. *Das Symptom ersetzt sozusagen die nervöse, aufgepeitschte Gier nach Überlegenheit* und führt im Gefühlsleben des Patienten auch sicherer zu einem Scheinsieg über die Umgebung, als etwa ein geradliniger Kampf und ein Widerstehen. *Diese Symptomsprache zu verstehen ist für mich die Hauptaufgabe der psychotherapeutischen Kur geworden.*

Da die Neurose den Zweck hat, das Endziel der Überlegenheit erreichen zu helfen, wo doch im Gefühl der Minderwertigkeit eine *direkte* Aggression ausgeschlossen erscheint, sehen wir immer *Umwege* bevorzugt, die einen wenig aktiven, zuweilen masochistischen, immer selbstquälerischen Charakter tragen. Meist finden wir ein Gemisch von seelischen Regungen und Krankheitssymptomen, gleichzeitig in einer Krankheitsperiode auftauchend, oder einander ablösend, die, aus dem Zusammenhang des Krankheitsmechanismus herausgerissen, wie gegensätzlich erscheinen oder an eine Spaltung der Persönlichkeit denken lassen. Der Zusammenhang ergibt, daß der <!-- S. 42 --> Patient sich auch zweier in sich gegensätzlicher Linien bedienen kann, um in seine *ideale Situation fiktiver Überlegenheit* zu kommen, wie er ja auch zu dem gleichen Zwecke richtig und falsch argumentiert oder in voller Abhängigkeit von seinem Ziele, diesem entsprechend, wertet und empfindet. Man wird den Nervösen unter allen Umständen bei *solchen* Anschauungen, Empfindungen, Erinnerungen, Affekten, Charakterzügen und Symptomen antreffen und erwarten müssen, die kraft der bei ihm erkannten Lebenslinie vorauszusetzen sind.

So wird der Nervöse etwa, um auf der Linie des Gehorsams, der Unterwerfung, der „hysterischen Beeinflußbarkeit“ zu siegen, andere durch seine Schwäche, Angst, durch seine Passivität, durch Zärtlichkeitsbedürfnis usw. zu fesseln, allerlei Memento, Furcht auslösende Schreckbilder, Affektbereitschaften, die passenden Gefühle und Charakterzüge bereit haben, ebenso wie etwa ein Zwangsneurotiker seine Prinzipien, Gesetze und Verbote, die scheinbar ihn selbst beschränken, in Wirklichkeit aber ihm eine der Gottheit ähnliche Macht verleihen. Immer sehen wir als Ziel eine ideelle „Rente“, die, ebenso hartnäckig wie vom Unfallsneurotiker die materielle, mit jenen meist geeigneten Mitteln erkämpft wird, die der Erfahrung des Patienten nahe liegen. Ebenso dort, wo aktive Affekte, wie Wut, Zorn, Eifersucht, den Weg zur Höhe sichern sollen, und oft durch Schmerzanfälle, Ohnmachten oder durch epileptische Insulte vertreten werden. (Siehe „Trotz und Gehorsam“ in „Monatshefte für Pädagogik“, Wien 1910; ferner „Psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie“, Ztschr. f. Psychoanalyse 1911 u. die daselbst folgenden Arbeiten des Autors.) — Alle neurotischen Symptome haben die Aufgabe, das Persönlichkeitsgefühl des Patienten und damit auch die Lebenslinie, in die er hineingewachsen ist, zu sichern. Um sich dem Leben gewachsen zu erweisen, erwachsen dem Nervösen auch alle die nötigen Arrangements und nervösen Symptome, als ein Notbehelf, als ein übergroß geratener Sicherungskoeffizient gegenüber den Gefahren, die er in seinem Minderwertigkeitsgefühl beim Ausbau seiner Zukunftspläne erwartet und unaufhörlich zu verhüten trachtet.

## Das Arrangement der Neurose.

Das aus realen Eindrücken erwachsene, später tendenziös festgehaltene und unterstrichene Gefühl der Minderwertigkeit drängt den Patienten schon in der Kindheit unaufhörlich zu einer Zielsetzung für sein Streben, die hoch über alles menschliche Maß hinausgeht, einer Vergöttlichung sich nähert und ein Wandeln auf haarscharfen Richtungslinien erzwingt. Zwischen diesen beiden Punkten spannt sich das neurotische System, *der Lebensplan des Nervösen*. Dieser kompensatorische, psychische Ausbau rechnet mit allen eigenen und fremden Erfahrungen, allerdings indem er sie tendenziös entstellt und ihren Wert verfälscht, sie aber auch, wenn sie der neurotischen Absicht sonst genügen, mit ihrem Wahrheitsgehalt in die Rechnung stellt.

Bei näherer Betrachtung ergibt sich als verständliche Erscheinung, daß alle diese Richtungslinien von verschiedenen Seiten mit Warnungstafeln und Ermunterungen, mit Mementos und Aufforde<!-- S. 43 -->rungen zur Tat versehen sind, so daß man von einem weitverzweigten Sicherungsnetz sprechen kann. Immer findet man das neurotische Seelenleben als Überbau über einer bedrohlichen kindlichen Situation, wenn auch im Laufe der Jahre äußerlich verwandelt und der Wirklichkeit mehr angepaßt, als die Entwicklung des Kindes es vermocht hätte. Kein Wunder deshalb, daß jedes seelische Phänomen des Nervösen von diesem starren System durchzogen und *wie ein Gleichnis* erscheint, aus dem die Richtungslinien immer wieder hervorstechen. So der nervöse Charakter, das nervöse Symptom, die Haltung, jeder Kunstgriff im Leben, die Ausweichungen und Umwege, sobald Entscheidungen das Gottgefühl des Nervösen bedrohen wollen, seine Weltanschauung und sein Verhalten zu Mann und Frau und seine Träume. Bezüglich der letzteren habe ich, in Übereinstimmung mit meiner Anschauung über die Neurosen, *ihre Hauptfunktion als vereinfachte Vorversuche, Warnungen und Ermunterungen im Sinne des neurotischen Lebensplans behufs Lösung eines bevorstehenden Problems bereits im Jahre 1911* („Zur Lehre vom Widerstand“ und „Syphilidophobie“, Ztschr. f. Psychoanalyse I. Bd.) und ausführlicher im „Nervösen Charakter“ (Wiesbaden 1912) zur Darstellung gebracht. Eingehendere Ausführungen sind in „Traum und Traumdeutung“ zu finden (Österr. Ärztezeitung, Wien, April 1913).

Wie kommt nun diese auffällige Gleichartigkeit der seelischen Erscheinungen, die alle wie von einem gleich gerichteten, nach aufwärts, zur Männlichkeit, zum Gefühl der Gottähnlichkeit strebenden Strom durchflossen sind, zustande, die bereits in meiner neurologischen, vom derzeitigen Standpunkt aus betrachtet, unvollständigen und falsch orientierten Arbeit („Über Zahlenanalysen und Zahlenphobie“, Neurolog.-psychiatr. Ztschr. 1905) hervorgehoben erscheint?

Die Antwort ist aus obiger Darstellung leicht zu entnehmen: das hypnotisierende *Ziel* des Nervösen zwingt sein ganzes Seelenleben zu dieser einheitlichen Einstellung, und man wird den Patienten immer, sobald man seine Lebenslinie erkannt hat, dort finden können, wo man ihn nach seinen Voraussetzungen und nach seiner Vorgeschichte erwarten muß. Der starke Zwang zur Vereinheitlichung oder zur ebenso starren Zweiteilung seiner Persönlichkeit ist aus der inneren Not geschaffen und durch die Sicherungstendenz zustande gekommen. Der Weg wird durch die ihm entsprechenden Schablonen der Charakterzüge, der Affektbereitschaften und der Symptome unabänderlich gesichert. Ich will an dieser Stelle einiges über „Affektstörungen“, über die neurotische „Affektivität“ nachtragen, um das unbewußte Arrangement desselben zwecks Einhaltung der Lebenslinie *als ein Mittel und als einen Kunstgriff* der Neurose nachzuweisen.[^1]

So wird z. B. ein Patient mit Platzangst, um auf kompliziertem Wege sein Ansehen im Hause zu heben und seine Umgebung in seinen Dienst zu zwingen, den Gedanken des Alleinseins, der fremden Menschen, des Einkaufs, des Aufsuchens von Theater, Gesellschaft usw. mit der Phantasie von einem Schlaganfall, einer Entbindung auf der Straße, mit Krankheitsinfektion durch Keime auf der Straße <!-- S. 44 --> unbewußt und gefühlsmäßig in einem „Junktim“[^2] vereinigen. Der übergroße *Sicherungskoeffizient gegenüber von Denkmöglichkeiten* ist klar zu sehen. Man merkt daraus die Absicht und verfolgt sie bis zu ihrem Endzweck, um die Lebenslinie zu erkennen. Ähnlich wird die neurotische Vorsicht eines Patienten mit Angstanfällen, der sich so einer Entscheidung durch eine Prüfung, in einer Liebesbeziehung, bei einem Unternehmen entziehen will, indem er den Krankheitsbeweis herstellt, dahin drängen, seine Situation mit der Vorstellung einer Hinrichtung, eines Gefängnisses, des uferlosen Meeres, des Lebendigbegrabenseins oder des Todes zu verbinden. Um der Entscheidung über den Erfolg einer Liebesbeziehung auszuweichen, kann die Verknüpfung der Vorstellungen: Mann und Mörder oder Einbrecher, Frau und Sphinx oder Dämon oder Vampyr als zweckdienlich vorgenommen werden. Jede mögliche Niederlage wird durch Verbindung mit dem Gedanken an den Tod oder der Schwangerschaft (auch bei männlichen Nervösen) drohender empfunden, und der so herübergeleitete Affekt zwingt den Patienten, einer Unternehmung auszuweichen. Die Mutter oder der Vater werden so häufig in der Phantasie zu Geliebten oder Ehegatten hinauflizitiert, bis das Band so fest ist, um die Ausbiegung vor dem Eheproblem zu sichern. Religiöse und ethische Schuldgefühle werden, wie so häufig bei der Zwangsneurose, konstruiert und ausgenützt, um zu einem gottähnlichen Machtgefühl zu gelangen (z. B. „wenn ich abends nicht bete, wird meine Mutter sterben“; wir müssen die Verwandlung ins Positive herstellen, um die Fiktion der Gottähnlichkeit zu verstehen: „wenn ich bete, wird sie nicht sterben“).

Neben diesen, das übertriebene Persönlichkeitsideal und den neurotischen Weg zu ihm sichernden „Befürchtungen“ findet man ebenso oft übertriebene „Erwartungen“, deren sicher eintreffende Enttäuschung zu den als nötig empfundenen verstärkten Affekten der Trauer, des Hasses, der Unzufriedenheit, der Eifersucht usw. hinüberleiten. Hier spielen prinzipielle Forderungen, Ideale, Träumereien, Luftschlösser usw. eine ungeheure Rolle, und der Neurotiker kann durch Verbindung derselben mit irgendeiner Person oder Situation alles entwerten und seine Überlegenheit an den Tag bringen. Die große Bedeutung der Liebe im menschlichen Leben und das Suchen des Nervösen nach übermenschlicher Wirkung und Geltung in der Liebe bringen es mit sich, daß das Arrangement der getäuschten Erwartung sich so häufig einstellt, damit Patient dem Sexualproblem ausweichen kann. Zwangsmasturbation, Impotenz, Perversion und Inversion sowie Fetischismus sind regelmäßig auf der Linie solcher Umwege gelegen.

Als ein drittes Mittel einer Konstruktion zur Verhütung einer Niederlage und eines schweren Minderwertigkeitsgefühls erwähne ich kurz die *Antezipation* von Empfindungen, Gefühlen und Wahrnehmungen, die in ihrer Beziehung zu bedrohlichen Situationen vorbereitende, warnende oder aufmunternde Bedeutung haben, im Traum, in der Hypochondrie, in der Melancholie, im Wahn der Psychosen überhaupt, in der Neurasthenie und in den Halluzinationen. Ein <!-- S. 45 --> gutes Bild gibt etwa der häufige Traum von bettnässenden Kindern, die sich am Abtritt sehen, *damit* sie die meist rachsüchtige und trotzige enuretische Attitude *unbeeinflußt von ihrem Intellekt* entwickeln können. Ebenso können Bilder aus der Tabes, Paralyse, echten Epilepsie, aus der Paranoia, aus Herz- und Lungenkrankheiten usw. zur Darstellung von Befürchtungen und um sich zu sichern zur Verwendung kommen.

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Um ein anschauliches, allerdings bloß schematisches Bild der eigenartigen Orientierung des Nervösen (und Psychotischen) in der Welt zu geben, schlage ich vor, die vulgäre Anschauung über die Nervosität in eine Formel zu fassen und sie mit einer anderen Formel zu vergleichen, die den obigen Anschauungen besser entspricht. Die erstere würde lauten:

*Individuum + Erlebnisse + Milieu + Anforderungen des Lebens = Neurose,*

wobei das Individuum durch Minderwertigkeit oder Heredität oder durch „sexuelle Konstitution“, durch Affektivität und durch seinen Charakter beeinträchtigt gedacht wäre, wo ferner die Erlebnisse, das Milieu und die äußeren Anforderungen wie eine Last auf den Patienten drückten, bis sie ihn zur „Flucht in die Krankheit“ drängten. Diese Anschauung ist offensichtlich falsch, kann auch nicht gehalten werden durch die Hilfshypothese: das Minus an Wunscherfüllungen in der Wirklichkeit werde in der Neurose wieder hereingebracht.

Eine zutreffendere Formel müßte etwa lauten:

*Einschätzung* (I + E + M) + *Arrangement* (Erlebnisse + Charakter + Affektivität + Symptome) = *Persönlichkeitsideal.*

Mit anderen Worten: *der einzig feststehende oder fixiert gedachte Punkt ist das Persönlichkeitsideal.* Dieser Gottähnlichkeit näher zu kommen, nimmt der Neurotiker eine tendenziöse Einschätzung seiner Individualität, seiner Erlebnisse und seines Milieus vor. Da dies aber lange nicht genügt, ihn auf seine Lebenslinie und damit näher an sein Ziel zu bringen, *provoziert er Erlebnisse*, die ihm seine zum voraus bestimmten Nutzanwendungen besser ermöglichen — sich zurückgesetzt, betrogen, als Dulder (*Aronsohn*) zu fühlen —, die ihm die vertraute und erwünschte Aggressionsbasis schaffen. Daß er aus den Realien und aus seinen Möglichkeiten soviel und solche Art von *Charakterzügen und Affektbereitschaften* aufbaut, daß sie zu seinem Persönlichkeitsideal stimmen, geht aus der obigen Darstellung hervor und wurde von mir ausführlich im „Nervösen Charakter“ geschildert. In gleicher Weise wächst der Patient in seine *Symptome* hinein, die sich ihm aus seiner ganzen Erfahrung derart formen, wie sie zur Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls nötig und brauchbar erscheinen. In diesem durch ein sich von selbst ergebendes Leitziel entworfenen und festgehaltenen modus vivendi ist von vorherbestimmender Teleologie keine Spur zu finden. Es wird der neurotische Lebensplan nur durch den Zwang zur Überlegenheit, durch vorsichtiges Ausweichen vor gefahrvoll erscheinenden Entscheidungen, durch das voraustastende Wandeln auf wenigen, haarscharfen Richtungslinien und durch das gegen die Norm ungeheuer vermehrte Netz von Sicherungen erhalten. Dementspre<!-- S. 46 -->chend verliert auch die Frage nach irgendeiner Erhaltung oder nach dem Verlust der psychischen Energie jeden Sinn. Der Patient wird immer gerade soviel psychische Kraft hergestellt haben, um auf seiner Linie zur Überlegenheit, zum männlichen Protest, zur Gottähnlichkeit zu bleiben.

## Psychische Behandlung der Neurosen.

Die Aufdeckung des neurotischen Systems oder Lebensplans ist der wichtigste Bestandteil der Therapie. Denn er kann in seiner Gänze nur erhalten bleiben, wenn es dem Patienten gelingt, ihn seiner eigenen Kritik zu entziehen. Der teilweise unbewußte Ablauf des neurotischen, der Wirklichkeit widersprechenden Mechanismus erklärt sich vor allem aus der unbeirrbaren Tendenz des Patienten, ans Ziel zu kommen.[^3] Der Widerspruch mit der Wirklichkeit in diesem System hängt mit den geringen Erfahrungen und mit den andersartigen Beziehungen zusammen, die zur Zeit der Errichtung des Lebensplanes — in der frühen Kindheit — wirksam waren. Die Einsicht und das Verständnis für diesen Plan erwirbt man am besten durch die künstlerische Versenkung, durch intuitive Einfühlung in das Wesen des Patienten. Man wird dabei an sich wahrnehmen, wie man unwillkürlich Vergleiche anstellt, zwischen sich und dem Patienten, zwischen verschiedenen Attituden desselben oder ähnlichen Haltungen verschiedener Patienten. Um eine Richtung in das wahrgenommene Material, in die Symptome, Erlebnisse, Lebensweise und Entwicklung des Patienten zu bringen, bediene ich mich zweier Vorurteile. Das eine rechnet mit der *Entstehung des Lebensplanes unter erschwerten Bedingungen* (Organminderwertigkeiten, Druck in der Familie, nervöse Familientradition) und lenkt meine Aufmerksamkeit auf gleiche oder ähnliche Reaktionsweisen in der Kindheit. Das zweite Vorurteil liegt in der *Annahme der obigen, empirisch gewonnenen, fiktiven Gleichung*, derzufolge ich ungefähr meine Wahrnehmungen eintrage. Ein Beispiel soll dies später erläutern.

Aus meinen Darstellungen geht ferner hervor, daß ich von dem Patienten die gleiche Haltung, — und immer wieder die gleiche Haltung erwarte, die er, seinem Lebensplan gemäß, zu den Personen seiner früheren Umgebung, noch früher seiner Familie gegenüber, eingenommen hat. Im Augenblick der Vorstellung beim Arzt, oft noch früher, besteht beim Patienten die gleiche Gefühlskonstellation wie sonst belangreichen Personen gegenüber. Daß die Übertragung solcher Gefühle oder der Widerstand später beginnt, kann nur auf einer Täuschung beruhen: der Arzt erkennt sie in diesen Fällen erst später. Oft zu spät, wenn unterdes der Patient, etwa im Genusse seiner heimlichen Überlegenheit, der Kur ein Ende macht oder etwa durch Verschlimmerung seiner Symptome einen unerträglichen Zustand schafft. Daß Verletzungen des Patienten ausgeschlossen sein müssen, brauche ich psychologisch geschulten Ärzten nicht zu sagen. Sie können aber ohne Wissen des Arztes erfolgen, oder <!-- S. 47 --> harmlose Bemerkungen können tendenziös umgewertet werden, so lange der Arzt die Art seines Patienten nicht durchschaut. Deshalb ist besonders im Anfang Zurückhaltung geboten und die möglichst rasche Erfassung des neurotischen Systems erforderlich. In der Regel gelingt letzteres innerhalb der ersten drei Tage bei einiger Erfahrung.

Bedeutsamer noch ist die Notwendigkeit, *dem Patienten jeden sicheren Angriffspunkt zu entziehen.* Ich kann an dieser Stelle nur einige Winke geben, die verhüten sollen, *daß der Arzt nicht in die Behandlung des Patienten gerät.* So verspreche man auch in den sichersten Fällen *nie die Heilung*, sondern immer nur die Heilungs*möglichkeit*. Einer der wichtigsten Kunstgriffe der Psychotherapie erfordert die *Zuschiebung der Leistung und des Erfolges der Heilung auf den Patienten*, dem man sich in kameradschaftlicher Weise als Mitarbeiter zur Verfügung stelle. Die Verknüpfung von *Honorarbedingungen* mit dem *Erfolg* der Behandlung schafft ungeheure Erschwerungen für den Patienten. Man halte sich in jedem Punkte an die vorläufige Annahme, daß *der nach Überlegenheit lüsterne Patient jede Verpflichtung des Arztes, auch die über die Dauer der Kur, zu einer Niederlage des Arztes ausnützen wird.* So sollen denn auch die beiderseitigen Notwendigkeiten — Besuchszeit, offenes Entgegenkommen, Honorarfrage, Unentgeltlichkeit der Behandlung, Verschwiegenheit des Arztes usw. — sofort geregelt und — eingehalten werden. Unter allen Umständen ist es ein ungeheurer Vorteil, wenn der Patient den Arzt besucht. Und die *sichere Vorhersage von Schwierigkeiten* bei Fällen von Ohnmachtsanfällen, Schmerzen oder Platzangst enthebt einen für den Anfang eines großen Stückes Arbeit: die Anfälle bleiben in der Regel aus, — was unsere Anschauungen über den starken Negativismus des Nervösen bestätigt. *Sich eines Teilerfolges sichtlich zu freuen oder gar sich zu rühmen, wäre ein großer Fehler.* Die Verschlimmerung ließe nicht lange auf sich warten. Man kehre sein offensichtliches Interesse vielmehr den Schwierigkeiten zu, ohne Ungeduld und ohne Verstimmung, sondern in kaltblütig wissenschaftlicher Art.

In voller Übereinstimmung mit obigem steht der Grundsatz, sich von dem Patienten niemals ohne gründlichen Widerspruch und Aufklärung eine übergeordnete Rolle, etwa als Lehrer, Vater, Erlöser usw. zuweisen zu lassen. Solche Versuche stellen den Anfang einer Bewegung des Patienten dar, in einer von früher gewohnten Weise *übergeordnete Personen herabzuziehen und durch eine ihnen zugefügte Niederlage zu desavouieren.* Die Wahrung irgendeines Vorranges oder Vorrechtes ist nervösen Patienten gegenüber immer von Nachteil. Ebenso zeige man Offenheit, vermeide aber, durch den Hinweis auf das Bedenken eines Kunstfehlers, sich von ihm in Unternehmungen ziehen zu lassen. Noch bedenklicher wäre es, den Patienten in eigene Dienste stellen zu wollen, Ansinnen an ihn zu stellen, Erwartungen zu hegen usw.

Während diese und durch die gleiche Haltung diktierte ähnliche Maßnahmen zunächst die geeignete Beziehung einer Gleichberechtigung herstellen müssen, nimmt die *Aufdeckung des neurotischen Lebensplanes* ihren Fortgang in einem freundschaftlichen, ungezwungenen Gespräch, bei dem es durchwegs angezeigt ist, *sich der Führung des Patienten zu überlassen.* Ich fand es immer am bewährte<!-- S. 48 -->sten, bloß die neurotische Operationslinie des Patienten in allen seinen Ausdrucksbewegungen und Gedankengängen aufzusuchen und zu demaskieren, zugleich auch ohne Aufdringlichkeit die Schulung des Patienten für die gleiche Arbeit durchzuführen. Die Überzeugtheit des Arztes von der *Einzigkeit und Ausschließlichkeit der neurotischen Richtungslinie* muß eine derart gefestigte sein, daß er den Wahrheitsgehalt dabei aufbringt, seinem Patienten stets seine störenden Arrangements und Konstruktionen vorherzusagen, sie immer aufzusuchen und zu erklären, bis der Patient, dadurch erschüttert, sie aufgibt, — um neue, meist verstecktere an ihre Stelle zu setzen. Wie oft sich dies abspielt, ist nie im vorhinein zu sagen. Endlich aber gibt der Patient nach, und dies um so leichter, je weniger ihm aus der Situation zum Arzte das Gefühl einer Niederlage erwachsen kann.

Ebenso wie diese Arrangements auf der Linie zum Gefühl irgendeiner Überlegenheit liegen, so auch bestimmte, subjektive Fehlerquellen, die eben aus dem Grunde ausgenützt und festgehalten werden, weil sie etwa das Minderwertigkeitsgefühl vertiefen und so Reize und einen Ansporn zum weiteren Vorbauen abgeben. Solche *Fehler samt ihrer Tendenz* müssen in die Blickrichtung des Patienten gerückt werden.

Das primitive Apperzeptionsschema des Patienten, das *alle Eindrücke als gegensätzlich* wertet und tendenziös gruppiert (oben — unten, Sieger — Besiegter, männlich — weiblich, nichts — alles usw.), ist stets nachzuweisen und als unreif, unhaltbar, aber als zur Tendenz: weiter zu kämpfen geeignet — zu entlarven. Dieses Schema macht es auch aus, daß man im Seelenleben des Nervösen ähnliche Züge findet wie in den Anfängen der Kultur, wo auch die Not zu solchen Sicherungen zwang. Es wäre phantastisch, in solchen Analogien mehr als Mimikry zu vermuten, etwa eine Wiederholung der Phylogenese. Was bei den Primitiven und noch beim Genie als kraftstrotzender Titanentrotz imponiert, sich aus dem Nichts zu einem Gott emporzuschrauben, aus Nichts ein weltbeherrschendes Heiligtum zu errichten, ist beim Nervösen sowie im Traum ein unschwer zu durchschauender Bluff, wenngleich viel Jammer dadurch geschaffen wird. Der fiktive Sieg, den sich der nervöse Patient durch seine Kunstgriffe leistet, besteht nur für seine Einbildung. Man muß ihm den Standpunkt des anderen entgegenstellen, der meist in gleicher Weise seine Überlegenheit als erwiesen betrachtet, wie am deutlichsten in der Liebesbeziehung des Nervösen oder in seiner Perversion zutage tritt. Gleichzeitig erfolgt Schritt für Schritt die *Aufdeckung des unerreichbar gesteckten Zieles der Überlegenheit* über alle, der *Hinweis auf die tendenziöse Verschleierung desselben*, auf seine alles beherrschende, richtunggebende Macht, auf die durch das Ziel bedingte Unfreiheit des Patienten. Ebenso einfach ergibt sich, sobald genügend Material vorliegt, der Beweis, daß alle nervösen Charakterzüge, die nervösen Affekte und Symptome als Mittel dienen, teils um den vorgeschriebenen Weg zu *gehen*, teils um ihn zu *sichern*. Wichtig ist das Verständnis für die Art der Affekt- und der Symptomherstellung, die, wie oben dargestellt wurde, einem oft unsinnigen „Junktim“, das gleichwohl planmäßig wirkt, ihre Promptheit verdanken. Das Junktim trägt einem der Patient oft harmlos entgegen, zumeist muß man es aus seinen analogisierenden Erklä<!-- S. 49 -->rungen, aus seiner Vorgeschichte oder aus seinen Träumen erschließen.

Die gleiche Tendenz der Lebenslinie verrät sich in der Welt- und Lebensanschauung des Patienten, sowie in seiner Betrachtung und Gruppierung aller seiner Erlebnisse. Fälschungen und willkürliche Eintragungen, tendenziöse Nutzanwendungen von stärkster Einseitigkeit, maßlose Befürchtungen und sichtlich unerfüllbare Erwartungen finden sich auf Schritt und Tritt, immer aber dienen sie dem geheimen Lebensplan des Patienten mit seinem gloriosen fünften Akt. Da gibt es viele Entgleisungen und Hemmungen aufzudecken, was aber nur mühsam mit fortschreitendem Verständnis für die einheitliche Tendenz gelingt.

Wie der Arzt dem neurotischen Streben des Patienten sich in den Weg stellt, so wird er wie eine Wegsperre oder ein Zaun empfunden, der die Erreichung des Größenideals zu verhindern scheint. *Deshalb wird jeder Patient versuchen, den Arzt zu entwerten*, ihn seines Einflusses zu berauben, ihm den wahren Sachverhalt zu verschleiern, und er wird immer neue Wendungen finden, die gegen den Psychotherapeuten gerichtet sind. Auf diese ist besonders zu achten, weil sie in einer gut geleiteten Kur am deutlichsten die Tendenz des Kranken, auch hier mittels der Neurose seine Überlegenheit zu behaupten, verraten. Besonders je weiter die Besserung fortschreitet, — bei Stillstand derselben herrscht meist herzliche Freundschaft und Frieden, nur die Anfälle dauern fort —, desto heftiger werden die Bemühungen des Patienten, durch Unpünktlichkeit, Zeitvertrödelung oder durch Fortbleiben aus der Behandlung den Erfolg in Frage zu stellen. Zuweilen stellt sich eine auffallende Feindseligkeit ein, die, wie alle diese von der gleichen Tendenz getragenen Widerstandserscheinungen, nur zu beheben sind, wenn der Patient immer wieder auf das Selbstverständliche seines Benehmens aufmerksam gemacht wird. *Die feindselige Beziehung der Angehörigen des Patienten zum Arzt fand ich stets von Vorteil und suche sie gelegentlich vorsichtig zu wecken.* Da meist die Tradition der ganzen Familie des Kranken eine gleichsinnig nervöse ist, kann man auch durch ihre Aufdeckung und Exemplifikation vielen Nutzen beim Patienten stiften. *Der Vollzug der Änderung im Wesen des Patienten kann einzig nur sein eigenes Werk sein.* Ich fand es am günstigsten, dabei ostentativ die Hände in den Schoß zu legen, in der festen Überzeugung, daß er, was immer ich zu diesem Punkte auch sagen könnte, sobald er seine Lebenslinie erkannt hat, nichts von mir erfahren könnte, was er als der Leidtragende nicht besser wüßte.

## Anhang.

Im folgenden will ich auszugsweise, gemäß der oben angeführten Lebensgleichung des Nervösen, einige Eintragungen aus dem Seelenleben eines 22jährigen Patienten vornehmen, der wegen Zwangsmasturbation, Depressionserscheinungen, Arbeitsunlust und wegen schüchternen, verlegenen Benehmens in die Behandlung kam. Vorher will ich hervorheben, daß entsprechend dieser Gleichung der Patient um so mehr an Arrangements (bezüglich entsprechender Erlebnisse, Charakterzüge, Affekte und Symptome) leisten muß, je tiefer er die Einschätzung seiner Person — sei es willkürlich, sei es unter dem Drucke von Niederlagen im Leben — vornimmt. *Daraus ist nun sowohl der neurotische Anfall als auch die Neurosenwahl, sozusagen der chronische Anfall, zu erklären: beide müssen die Probe auf ihre Brauchbarkeit für den Lebens<!-- S. 50 -->plan des Patienten bestehen können.* Auch differentialdiagnostisch ist die Einsicht in diesen Zusammenhang von größter Wichtigkeit, nur bedarf der Psychotherapeut einer genauen Kenntnis der organischen Nervenerkrankungen, sowie der gesamten Pathologie überhaupt, weil Mischformen recht häufig aufzufinden sind.[^4]

Ich nehme nun zur besseren Anschaulichkeit für den Leser, wie bei gewissen Problemen der Mathematik, die sich nur durch diesen Kunstgriff lösen lassen, meine Aufgabe vorläufig als gelöst an, und werde versuchen, soweit dies in einer Skizze möglich ist, die Richtigkeit der Lösung an dem Material der Tatsachen zu erweisen. Dementsprechend gehe ich von einer vorläufigen Voraussetzung aus: der Patient strebe mit seinem modus vivendi zu einem *Ziel der Vollkommenheit, der Überlegenheit, der Gottähnlichkeit.* In unseren zwanglosen Unterhaltungen liefert der Patient bald reichlich Anhaltspunkte für diese Annahme. Er schildert uns breit die besondere Vornehmheit seiner Familie, ihre Exklusivität, ihren Grundsatz des „Noblesse oblige“, und wie ein älterer Bruder den allgemeinen Tadel durch eine Heirat unter seinem Niveau hervorgerufen habe. Diese Hochhaltung der Familie ist begreiflich, stellt sich auch als notwendig ein, *da sein eigener Kurs dabei steigt.* Im übrigen sucht er alle Mitglieder der Familie in Güte oder kämpfend zu beherrschen. Eine äußerliche Attitude zeigt uns den gleichen Drang nach oben: er steigt mit Vorliebe auf das Dach des Familienhauses, geht bis an den äußersten Rand, duldet aber nicht, daß ein anderes Glied der Familie sich bis dorthin wage. Nur er! — Zeigte große Aufregung in der Kindheit, wenn er geschlagen wurde, widersetzte sich jedem Zwang und duldet keinerlei Beeinflussung. Tut meist *das Gegenteil von dem*, was andere, insbesondere seine Mutter, von ihm verlangen. Singt und brummt auf offener Straße, an öffentlichen Orten, um der Welt seine Verachtung zu beweisen (d. h. er *arrangiert* Gefühle der Überlegenheit). Gleich in den ersten Träumen kommt u. a. die Warnung zutage, sich von mir nicht unterkriegen zu lassen. Er hütet sich, auf den Schatten einer beliebigen Person zu treten, um (häufiger Aberglaube) deren Dummheit nicht zu erwerben (positiv gefaßt: ich bin klüger als alle!). Fremde Türschnallen kann er nur mit dem Ellbogen, nicht mit den Händen berühren. („Alle Leute sind schmutzig — d. h. nur ich bin rein.“ Dies auch das treibende Motiv des Waschzwanges, der Reinlichkeitssucht, der Infektionsfurcht, der Berührungsfurcht.) — Berufsphantasien: Luftschiffer zu werden, Milliardär, um alle Menschen zu beglücken. (Er — im Gegensatz zu allen andern.) — Flugträume. — Was aus diesem Ensemble zutage tritt, deutet auf eine hohe Selbsteinschätzung.

Geht man aber näher darauf ein, so gewinnt man aus den krampfhaften Anstrengungen und Sonderbarkeiten dieses Patienten bald den Eindruck einer großen Unzufriedenheit und Unsicherheit. Es ergibt sich, daß er immer auf seine schwächliche Konstitution zurückkommt, daß er ausführlich seine weibliche Konstitution schildert, auch hervorhebt, wie man ihm dies immer vorgehalten habe, und daß man ihn immer in der Kindheit mit dem Zweifel gequält habe, ob er ein voller Mann einmal sein werde. Auch Äußerungen, er wäre besser ein Mädchen geworden, hätten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Daß frühzeitig ein neurotisches System ausgebaut wurde, in dem auch die entsprechende Affektivität nicht fehlen durfte, beweisen die bald auftretenden Züge von Trotz, Jähzorn, Herrschsucht und Grausamkeit, die alle nach der männlichen Seite schielen, sich vor allem gegen Mutter und Schwester wandten, sich deutlich auch abhoben, wenn er z. B. bei der Zumutung, in kleinen Theaterstücken eine weibliche Rolle zu spielen, in Raserei geriet. Auf seine spät auftretende Körperbehaarung und auf eine Phimose (Organminderwertigkeit! Siehe „Das organische Substrat der Neurosen“, Ztschr. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie 1912, 3./4. H. u. Österr. Ärzteztg. 1912) weist er intensiv und mit tendenziösen Befürchtungen. Der Zweifel an seiner tauglichen männlichen Geschlechtsrolle sitzt tief in ihm, drängte ihn zu Übertreibungen männlich gewerteter Art in mancherlei Richtung auch zum protestierenden Narzissismus, verschloß ihm aber den Ausbau seiner Lebenslinie in der Richtung auf Liebe und Ehe. So kam er zur Masturbatin uond — blieb bei ihr. Mag er noch so deutlich die Attitude der Überhebung zur Schau tragen, — wenn wir die Voraussetzung <!-- S. 51 --> seines Handelns prüfen, so stoßen wir unbedingt auf ein vertieftes und leicht zu vertiefendes Minderwertigkeitsgefühl. Um aber Sicherheit zu gewinnen, war er gezwungen, seine Lebenslinie derart auszubauen, daß sie in weitem Bogen um das Problem der Heterosexualität verlief, — und *er hatte die sexuelle Richtung, die zu seinem System passte*, die masturbatorische. Diese mußte er als Zwang stabilisieren, als Sicherung gegen jede drohende Annäherung an eine Frau ausüben, durch Kopfschmerz im Falle seines Widerstandes erzwingen, durch Schlaftrunkenheit erleichtern. Um seine Furcht vor der Frau zu vertiefen, sammelte er alle Fälle aus seiner Erfahrung, die für die verderbenbringende Rolle der Frau sprachen. Die anderen Fälle ließ er unbeachtet. Was an Möglichkeiten einer Liebe oder Ehe noch übrig blieb, schaltete er durch Prinzipien aus wie etwa: nur nach „Gotha“ zu heiraten, oder durch die Aufstellung eines Ideals, das ihm selbst unerreichbar vorkam.

Außer der Masturbation im Halbschlafe versuchte er mehrere andere Kunstgriffe, deren sozial störendster sein Hang zum Berufswechsel und seine völlige Arbeitsunlust waren. Der Sinn beider ließ sich leicht entziffern: die „*zögernde Attitude*“ war auch als brauchbar festgehalten, um nicht an das Eheproblem gehen zu müssen. Die Konstruktion ethischer und ästhetischer Schablonen hatte ihn selbstverständlich vor der Prostitution und vor „freier Liebe“ gesichert, Vorteile, die uns nicht blind machen dürfen gegen die neurotische Tendenz in ihnen.

Zugleich ermöglichte ihm dieses Arrangement der „zögernden Attitude“ mit seiner Unsumme von fatalen, sich von selbst ergebenden Erlebnissen (infolge von Verspätungen, von Faulheit, Verschiebungen usw.) eine zweite sichernde Konstruktion, des intensivsten Familiensinnes, zu verstärken, da es ihn immer wieder in die stärkste Beziehung zu seiner rechthaberischen, herrschsüchtigen Mutter brachte. Gerade die Schwierigkeiten seines Lebens waren es ja, die seine Mutter zwangen, ihre ganze Aufmerksamkeit ihm zuzuwenden, so daß es doch eine weibliche Person gab, bei der er unumschränkt herrschte. Er verstand es meisterhaft, mit Schilderungen seiner Depressionen, mit selbstgezeichneten Schmuckleisten seiner Briefe, die Revolver darstellten, sie an sich zu fesseln, und feindselige Angriffe sowohl wie gelegentliche Zärtlichkeiten machten sie immer wieder gefügig. Beides waren seine Waffen, seine Kunstgriffe, um die Mutter zu beherrschen, und *da in ihrem Falle das Sexualproblem ausgeschaltet* war, bot sich in seiner Beziehung zur Mutter abermals ein Gleichnis seiner Lebenslinie, wie er zur Herrschaft zu gelangen suchte. Um anderen Frauen ausweichen zu können, schloß er sich an seine Mutter, und so kann in ähnlichen Fällen eine Karikatur einer inzestuösen Beziehung zutage treten, oder als „Inzestgleichnis“ („Nervöser Charakter“ l. c.) die Lebenslinie des Patienten wiederspiegeln, ein Bluff der nervösen Psyche, die den Arzt nicht täuschen darf.

Die psychotherapeutische Behandlung ist demnach darauf zu richten, dem Patienten aus seinen Vorbereitungen im Wachen und gelegentlich im Traume zu zeigen, wie er gewohnheitsmäßig immer wieder in die ideale Situation seiner Leitlinie einzurücken versucht, bis er, anfangs aus Negativismus, später infolge von freier Bestimmung, den Lebensplan und damit sein System ändern kann.

[^1]: Siehe auch „Zur Rolle des Unbewußten“. Ztschr. f. Psychoanalyse 1913, Januar.

[^2]: Junktim: tendenziöse Verbindung zweier Gedanken- und Gefühlskomplexe, die eigentlich wenig oder nichts miteinander zu tun haben, zwecks Affektverstärkung. Ähnlich der Metapher.

[^3]: „Zur Rolle des Unbewußten“. Ztschr. f. Psychoanalyse, l. c. — „Geist“ scheint vor dieser tendenziösen Verschleierung der Tatsächlichkeit nicht zu schützen. Die Gottähnlichkeit spielt auch dem Therapeuten zuweilen sonderbare Streiche.

[^4]: Die regelmäßig den organischen Erkrankungen zugezählt werden. Ich verweise auf die jüngst erschienene wichtige Arbeit Professor *Obersteiners*: „Über pathologische Veranlagungen am Zentralnervensystem.“ Wiener klin. Wochenschrift, 3. April 1913.

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*Fuente:* transcripción a partir de *Jahreskurse für ärztliche Fortbildung*, ed. por D. Sarason, 4.º año, cuaderno de mayo de 1913 (sección «Nervenkrankheiten»), München, J. F. Lehmann, S. 39-51 (Internet Archive; fichero local `1913/1913-05_Jahreskurse-fuer-aerztliche-Fortbildung_Jg4-H5_Individualpsychologische-Behandlung-der-Neurosen__archive.pdf`, págs. 1-13 del PDF). OCR de Internet Archive corregido íntegramente sobre las imágenes. El «Anhang» está impreso en cuerpo menor. Se respetan las erratas y grafías del original («Masturbatin uond», «wiederspiegeln», «die ... nur zu beheben sind»); el titulillo de la revista («Nervenkrankheiten», «1913, V») se omite. Las cursivas reproducen la cursiva y el espaciado del original. Los comentarios `S. n` marcan el comienzo de cada página impresa. Adler lo reimprimió en *Praxis und Theorie der Individualpsychologie*, München/Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1920, cap. IV, S. 22-35; allí lleva la indicación (1913.) (reimpresión no cotejada); véase la página del [libro](https://adler.school/archivo/adler/original/1920%20Praxis%20und%20Theorie%20der%20Individualpsychologie).
